Sonntag, 14. April 2019

Die Sache selbst und die dialektische Form.



Vom Begriff kann ich mir einbilden, er wäre da gewesen, lange bevor ich (oder irgendwer sonst) ihn begriffen hätte. Es ist nicht wahr, dass ein Begriff in sein Gegenteil umschlägt, um sich auf höherer Ebene synthetisch wiedermit sich zu vereinigen. Der Begriff tut gar nichts. Er ist de-finiert - eingegrenzt - durch die Anzahl der - ihrerseits begrifflich festgestellten - Merkmale, die ihm zugeschrieben werden. Ob dieses oder jenes noch dazu gehört, darüber lässt sich streiten; im Prinzip endlos: denn es kommt nur darauf an, wozu ich ihn brauchen will.

Eine Vorstellung kann ich mir nicht vorstellen ohne einen, der sie sich vorstellt. Solange eine Vorstellung unbe- stimmt bleibt, 'habe' ich sie noch nicht: Sie schwebt mir allenfalls vor. Will ich sie haben, um sie zu gebrauchen, muss ich sie bestimmen, und das kann ich nur, indem ich sie in ihren Gegensatz zerlege. Höhe 'gibt es' nur als Gegensatz von Oben und Unten, Fläche als Gegensatz von Längs und Quer, Raum als Gegensatz zweier rekt- angulär versetzten Flächen.

Jede Vorstellung ist (relativ) bestimmt gegenüber derjenigen, die ihr zugrunde lag, jede Vorstellung ist (relativ) unbestimmt gegenüber denen, die - durch Entgegensetzung - aus ihr entwickelt werden können. 'Das, was' in ihnen Substanz, nämlich das bestimmend Tätige ist, ist nicht das Vorgestellte, sondern der Vorstellende. Er ist das Dynamische, er 'ist' überhaupt nur, sofern er bestimmend tätig bleibt. Die dialektische Form ist dem Vor- stellen immanent und nicht, wie dem Begriff, von außen übergeholfen.

Der Vorstellende muss das bestimmende Fortschreiten absichtlich unterbrechen, wenn er eine Vorstellung in ihrem momentanen, stets relativ unbestimmten Zustand festhalten und als solche 'anschauen' will. Das ist der ästhetischen Zustand, der schon einen höheren Bildungsgrad anzeigt. 

Merke: Eine Vorstellung kann ich - anders als den Begriff - 'um ihrer selbst willen' haben wollen.

11. 8. 17 


Nachtrag. Oben ist die Rede vom Begriff im transzendentalen Verständnis: nach seiner Herkunft betrachtet. Er kommt zur Welt als die zum starren Bild geronnene Vorstellung von einer Handlung; er soll benutzt werden, doch dazu bedarf er der Bestimmung: im Feststellen seiner Merkmale durch Entgegensetzen.

So in der rekonstuierten Genesis der Vernunft. Anders im tagtäglichen Gebrauch der Vernunft in einer Welt, in der sie herrschen soll: Dort wird die Welt vorgestellt als ein Raum, der virtuell restlos ausfüllt ist von Begriffen, die einander alle gegenseitig eingrenzen; jeder füllt genau die Stelle, die alle andern ihm übriglassen. So gesehen, ist es stets der spezifische Unterschied - 'Gegensatz' - zu seinem Nachbarbegriff, der den Begriff de-finiert; wobei die nächsten Nachbarn mannigfaltig sind: als 'nächster' - als Gegensatz - erscheint immer der, auf den eben re- flektiert wird, indem die andern unbeachtet bleiben.

Indem in der transzendentalen Betrachtung das Entgegensetzen dem Bestimmen selber immanent, ist eine an- dere Darstellung als die dialektische gar nicht möglich. Im zweiten Fall tritt sie dagegen nachträglich hinzu und bleibt 'der Sache selbst' äußerlich. 

Der ganze pompöse Aufwand der Hegelschen Logik dient nur dem Zweck, diesen Unterschied zu vertuschen.



 


Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen