Mittwoch, 31. Dezember 2014

Das Paradox der Geltung.



Tatsächlich liegt das Mysterium der Vernunft in der Urteilskraft. Im Urteil richte ich über die Gültigkeit der Gründe (Werte...); aber Grund des Urteils ist eben... die Gültigkeit. "Geltung" ist ein Paradox: 'Ich' stellt sich über die Geltung, macht sich zu ihrem Maßstab, indem es Geltungen vergleicht. Andererseits muss es die Geltungen als unabhängig von ihm denken: "Entweder gibt es gar keinen Wert, oder es gibt einen notwendigen Wert."*

Das Ich 'macht' sich seine Gründe selber, aber so, als ob sie absolut wären. Mit andern Worten, die "absolute" Geltung ist immer nur eine Behauptung

*) Fr. Schlegel, in Materialen zu Kants Kritik der Urteilskraft, Ffm. 1947, S. 198

aus e. Notizbuch, 11. 7. 03







Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Dienstag, 30. Dezember 2014

Die intelligible Welt.



Dieser Satz, den ich eben schreibe, hat seine Bedeutung "an und für sich"; unabhängig davon, ob ich ihn schreibe; und davon, ob einer ihn liest und seinen Sinn "realisiert". Und wenn dies Büchlein verbrannt würde, "gäbe" es den Satz in dem, was er bedeutet, immer noch. Ja selbst wenn er nie gedacht worden wäre und niemals gedacht werden wird, "ist" er doch - allerdings nicht "da", denn so wenig wie eine Zeit hat er einen Ort. Ewig selbst wenn nie, überall selbst wenn nirgends. 

Das ist überhaupt die einzige 'Ewigkeit', die einzige Ubiquität: Gedanke.* Denken ist das, was schlechterdings außerhalb von Ort und Zeit "ist". Ja überhaupt durch das außer-Ort-und-Zeit-Sein des Denkens sind Ort und Zeit erst "gegeben". 'Gegenständlichkeit' wird als solche erst durch die Verselbständigung ihres 'Sinns' zum Ge- danken.

*) das, was im realen Denken gemeint ist. Es ist das schlechterdings Objektive.

aus e. Notizbuch, 9. 8. 03


Denken, meinen, vorstellen, dafürhalten... - das ist alles dasselbe. Das Objektive ist das Gemeinte. Aber es "ist" nur virtuell, auf Abruf: wenn jemand es meint.





Montag, 29. Dezember 2014

Bilder und Begriffe, II.



Begriffe sind durch häufigen Gebrauch abgeschliffene Bilder. Scharf wurden sie dabei nur in der einen Hinsicht, in der andern wurden sie glatt und platt.

Aus e. Notizbuch, im Sept. 10






Sonntag, 28. Dezember 2014

Samstag, 27. Dezember 2014

Weiß ich denn, was Wissen ist?



Ich kann keinem erklären, was Wissen ist, nicht einmal mir selbst. Aber ich weiß es: indem ich Etwas weiß.
aus e. Notizbuch, Anf. Mai 09


Wissen ist ein Handeln, keine Sache. Handelnd kann ich es anschauen, aber nicht begreifen. Begreifen kann ich das Produkt meines Handelns, weil es Nicht(mehr)Ich ist, sondern Objekt: Etwas.




Freitag, 26. Dezember 2014

Ein Subjekt muss sich bilden.



Das autonome Subjekt ist kein Naturdatum. Es muss sich bilden. Das Bilden geschieht durch das Einordnen alles Wirklichen (Erlebten) in das Spannungsfeld zwischen zwei Polen: 'Ich' und 'die Welt'. (Beide haben ein 'Sein' nur als Pole dieses Feldes.)

Unsere Welt ist die Wirklichkeit, betrachtet vom Pol 'Welt' aus, meine Welt ist die Wirklichkeit, betrachtet vom Pol 'Ich' aus. Beide sind Abstraktionen: nämlich vom wirklich-Erlebten.

Persönlichkeitsstörungen sind das Aufgeben des einen Pols zugunsten des andern.

aus e. Notizbuch, 5. 9. 08








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Donnerstag, 25. Dezember 2014

Philosophie und Weisheitslehre.


Manfred Janzen-Habetz, pixelio.de

Aus einem online-Forum, im Februar 2010: 
  
... Die real existierenden Wissenschaften sind eben darum keine Philosophie, weil sie (ihrer Bestimmung nach: im Öffentlichen Raum ein Feld des Einverständnisses erzwingen zu können) positiv sein müssen. Sie müssen also in ihrer Praxis notwendig davon ausgehen, dass ein Wissen da ist, das (öffentlich) gegeben (und nicht erst noch aufgegeben) ist: "Stand der Wissenschaft". Insofern verfährt jede reale Wissenschaft (vorläufig) 'dogma- tisch', wie Herr K. sagt. Dogmatist isch wäre sie, wenn sie vergäße, dass das gültige Wissen, von dem sie aus- gehen muss, nur ein einstweiliges ist - und jederzeit von den Resultaten der wissenschaftlichen Praxis (und von nichts anderem) 'aufgehoben' werden kann.

Die Geschichte der Wissenschaften ist die Geschichte ihres Herausfallens aus der Philosophie (Galilei bis Newton): eine Scheidung, die zugleich zur Selbstbereinigung der Philosophie (Kant) geworden ist.


Von der Philosophie habe ich, anders als Sie, keine Idee, sondern einen Begriff. Ich sage: Philosophie ist, sofern sie Wissenschaft sein kann (oder will), lediglich negativ und kritisch. Das Feld des Positiven hat sie den Realwissenschaften (zu) überlassen - seit Kant.

Sie leistet aber damit nicht das, wofür sie vor zweieinhalb tausend Jahren erfunden worden ist: den Sinn des Lebens entdecken. Sondern nur dies: immer und immer wieder neu darzulegen, dass der Sinn des Lebens (oder "der Welt" oder wie man das immer nennen will) aus keinerlei positivem Befund heraus zu lesen ist, sondern als Problem, als Aufgabe, als Frage der praktische Lebensführung anheimgegeben bleibt.

Letztere Formulierung wird der eine oder andere mit "existenzialistisch" beschreiben wollen, und das wollte ich nicht einmal zurückweisen. Zurückweisen würde ich allerdings, wenn er das nutzt für den Folgegesatz: "Das ist doch aber auch Philosophie!"

In einem strengen, und das heißt: wissenschaftlichen Sinn ist das keine Philosophie. 'Wissenschaftlich' bedeutet nicht: Gegenstand + Methode. Die sind beide sekundär, abgeleitet nämlich aus der wesentlichen Bestimmung: Wissenschaftlich ist das Verfahren, das nur die Bestimmungen gelten lässt, die auf die Tragfähigkeit ihrer Gründe erfolgreich geprüft wurden. Darin hat Plato die Anstrengungen seiner griechischen Vorgänger zusammen- gefasst (êpistêmê versus dóxa).

Überprüfen der Gründe, das ist Kritik, und die radikale, weil unendliche Kritik ist Öffentlichkeit. (Das ist ganz wurscht, ob die Wissenschaftler selber diesen 'kritischen' Begriff von Wissenschaft haben; denn kritisieren werden sie den lieben Kollegen so wie so.)

Der springende Punkt: Eine wie immer geartete Aussage über den Sinn der Welt, des Lebens, der... wird nie zu begründen sein, denn dann müsste sie irgendwann auf einen letzten Grund stoßen, der seinerseits nicht mehr begründet ist; der aber aus eben demselben 'Grund' nicht gelten ;kann - weil er eben nicht... begründet ist.

Langer Rede kurzer 'Sinn': Der Sinn der Welt pp. kann nicht (wissenschaftlich) bewiesen, sondern allenfalls (sofern man ihn will!!) behauptet ;werden. Das geeignete Medium seiner Darstellung ist nicht der (Begriffe folgernd miteinander verknüpfende) Diskurs, sondern die bildliche Anschauung: ist nicht Logik, sondern Ästhetik. (Lässt sich noch viel weiter ausführen...)

Ob dieses Genre, zu dem ich auch einiges beizutragen hätte, dann "Lebensphilosophie", "Philosophie der Tat" oder ähnlich genannt werden darf, ist einen Streit nicht wert. Entscheidend ist, welchem Zweck die Philosophie, 'sofern sie wissenschaftlich ist', nämlich die kritische, eigentlich dient; d. h. welchen 'Sinn' sie hat. Es ist, wie immer die Antworten jeweils ausfallen, Meta-Philosophie - ein Denken, Reden, Meinen über die Philosophie.

Als Motiv liegt sie der Philosophie 'zu Grunde'. Ausführen lässt sie sich allerdings erst, wenn die Philosophie ihre wissenschaftliche, weil kritische Arbeit vollendet hat. Der Anfang muss sich als Ende behaupten.


Ich bin freilich der Meinung, dass die Philosophie mit der "Kritischen" alias Tranzendentalphilosophie (Kant bis Fichte) ihrem Umfang nach 'abgeschlossen' ist; nämlich nur als Kritik besteht an allen ('metaphysischen') Versuchen, aus reinen Denkbestimmungen Aussagen über das Wirkliche destillieren zu wollen. Mit dem 'Umfang' ist allerdings nicht ihr 'Stoff' erschöpft; denn die Versuchung, aus einem (postulierten) 'Sinn' auf ein (vorfindliches) 'Sein' zu schließen, tritt tagtäglich im Alltagsverständnis wie im Wissenschaftsbetrieb in Gestalt ihrer Umkehrung immer wieder an das Denken heran: nämlich aus einem (zuvor klammheimlich mit 'Sinn' aufgeladenen) Sein (zirkulär) auf dessen (und meinen) Sinn zu schließen.

Ihre Sache ist es, das Feld des Denkens zu bereinigen.

Das schließt offenkundig die Möglichkeit aus, 'Sinn' als ein Objektivum aufzufassen. Ich meine also das Gegenteil von dem, was Sie bei mir verstanden haben; nämlich "dass der Sinn des Lebens (oder 'der Welt' oder wie man das immer nennen will) aus keinerlei positivem Befund heraus zu lesen ist, sondern als Problem, als Aufgabe, als Frage der praktische Lebensführung anheimgegeben ist." Sein Leben kann jeder nur selber führen. Und welchen Sinn sein Leben hatte, stellt sich am Ende als der rote Faden heraus, den er hindurchgesponnen hat. Der eine spinnt ihn bewusster ("Lebensphilosophie"), der andere intuitiver: je von Entscheidung zu Entscheidung. Über die "Richtigkeit" ist damit nichts gesagt. Mit andern Worten - ob ihm die Lehren der Kritischen Philosophie bei seiner Lebensführung geholfen haben oder nicht, steht ganz in den Sternen und ist seinem eigenen Urteil unterworfen. Dasselbe gilt für die diversen konkurrierenden Weisheitslehren, die er privatim für sich wählen mag oder auch nicht, und für die er niemandem (und das heißt: nicht öffentlich) Rechenschaft zu geben hat.

Ihre Erlebnisse mit dem Wissenschaftsbetrieb nenne ich deshalb privat, weil irgendein Anderer ganz andere Erlebnisse haben kann. Ich selber habe nie einen Posten im akademischen Betrieb bekleidet, weil ich nie einen erstrebt habe. Ich muss daher auch nicht verbittert sein. Dass ich meinen Bemühungen im Feld des Denkens eine größere Resonanz wünsche, als sie tatsächlich haben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Nämlich auf dem Blatt, wo eingetragen ist, dass diese Bemühungen nicht im Geist der Zeit liegen. Das könnte ich ja ändern, wenn ich wollte, aber ich will es nicht.

Stattdessen bediene ich mich eines Mediums, das neu ist und dem die akademische Zunftphilosophie auf die Dauer nicht standhalten wird: des Internets.



Mittwoch, 24. Dezember 2014

Schreckliche Vereinfacher.


Malevitch, Carré noir

Denken heißt vereinfachen.

Wir nehmen keine 'Dinge' wahr. Auf unser Sensorium prasselt ohne Pause ein Sturzflut aller erdenklichen Reize ein. Nicht alle werden wohl an die Zentrale weiter geleitet: Redundanz betäubt. Und nicht alle kommen in der Zentrale an – weil die nämlich vorab schon filtert, was des Bemerkens wert ist und was nicht.

Noch bevor übrigens gedacht wurde. Die Stammesgeschichte hat unser Gehirn mit Regionen ausgestattet, die nur bei Homo sapiens vorkommmen – weil die dort verarbeiteten Informationen für die Lebenswirklichkeit von Homo sapiens von Belang sind, aber für andere Lebensformen nicht. Und jeder von uns bringt eine ganze Masse von Verschaltungen zwischen den Regionen fix und fertig mit auf die Welt, teils als die materialisierte Kollektiverinnerung unserer Gattung, teils – und keiner weiß, in welchem Maße – als individuelle Erbschaft.

Sie alle sind mit Vereinfachung beschäftigt.

Aber nun erst das Denken selbst! Es handelt sich – nach der unwillkürlichen, genetisch vorgegeben Auslese – um die willkürliche Anordnung der wahrgenommenen Gegebenheiten auf eine vorgängige Absicht hin. Nichts wird "nur so" wahrgenommen. Auch die zweckfreie ästhetische Betrachtung geschieht "um etwas willen" – um ihrer selbst willen, anders fände sie nicht statt. Für wahr wird nur das genommen, was in einem irgend erkennbaren Verhältnis zur Absicht steht; und im Erkennen unerwarteter und verborgener Verhältnisse zeichnet sichIntelligenz aus (Humor+Gedächtnis).

Das gilt für das alltägliche Denken des gesunden Menschenverstands nicht minder als für die Wissenschaft. Und namentlich die Philosophie. Man kann, ohne einen allzu großen Schnitzer zu riskieren, sagen: Philosophieren heißt vereinfachen. Die subtilen Distinktionen der Schulphilosophie sind nicht der Zweck des Philosophierens, sondern sein Mittel. Die historisch-philologische Arbeit bereitet der Philosophie ‘nach dem Weltbegriff’, wie Kant es nennt, das Material zu. Der Sinn ist immer: Ordnung in das Mannigfaltige bringen; festlegen, was das Wichtige sein soll und was hintan gestellt werden darf. Und zwar so, dass im Idealfall eine einfache Frage übrigbleibt, die mit ja oder nein zu beantworten wäre. Es ist, in einem Akt, das Abstrahieren vom Zufälligen und das Reflektieren auf das Notwendige.

Eine Anwort auf eine philosophische Frage von Erheblichkeit kann erst dann richtig sein, wenn sie einfach ist. (Sie kann allerdings auch dann noch falsch sein.)




Dienstag, 23. Dezember 2014

Theorie ist Prüfung.



Doch ist die Theorie lediglich kritisch. Was tue ich denn, wenn ich der Regel, der ich bislang sowieso schon gefolgt bin, nun absichtlich folge, indem ich sie auf sie selbst anwende? Ich prüfe.

aus e. Notizbuch, im Okt. 08


Die 2. semantische Ebene = Reflexion.


Montag, 22. Dezember 2014

Ist ein Sinn in der Natur?

Materialisierte Energie aus dem Urknall: ein Wasserstoffatom, kunstvoll fotografisch in Szene gesetzt von Fritz Goro, 1949. aus nzz.ch, 20. 12. 2014                                                                                                                   Wasserstoffatom; Bild: Fritz Goro 1949           
Suche nach dem Sinn unseres Lebens 
Urknall, Sternenasche und ein Fragezeichen
Hat das menschliche Leben, hat das Leben überhaupt einen Sinn? Wie liesse er sich finden? Und können die Naturwissenschaften uns bei der Suche den Weg weisen?

von Gottfried Schatz

Vor zwei Jahrtausenden versuchte man noch, die Existenz Gottes und damit auch den Sinn menschlichen Lebens wissenschaftlich zu beweisen. Vor viereinhalb Jahrhunderten galt die Erde als Mittelpunkt des Universums. Und noch vor zwei Jahrhunderten glaubten viele, die Natur und mit ihr die Menschheit strebten dem Ziel höchster Vollkommenheit zu. Dies erschien als ein Beweis für die ordnende Hand Gottes, der uns Menschen als Krone der Schöpfung erwählt hat. 

Energiepunkt, Materieklumpen 

Heute ist von all dem nicht viel übrig geblieben. Wir haben eingesehen, dass es einen wissenschaftlichen Gottesbeweis nie geben wird, obwohl einige der klügsten Köpfe der Geschichte ihn gesucht haben. Die Astronomen der Renaissance zeigten dann, dass unsere Erde nur ein unbedeutender Himmelskörper unter Abermilliarden anderen ist. Im Jahre 1858 verkündete dann Charles Darwin, dass die Entwicklung des Lebens ein blinder Prozess ist, in dem neuartige Lebensformen durch zufällige Variation bestehender Formen und Selektion der Varianten durch die Umwelt entstehen. Damit war auch die Entwicklung des Lebens nicht mehr ein Beweis für ein göttliches Walten, das der biologischen Evolution Ziel und Sinn gibt.


Vor etwa achtzig Jahren erkannten dann Astronomen, dass unser Universum vor Milliarden von Jahren durch die Explosion eines unendlich kleinen Energiepunkts im sogenannten Urknall entstand und sich immer noch ausdehnt. Diese Entdeckung besiegelte die Erkenntnis, dass unerbittliche physikalische und chemische Gesetze das Schicksal der Welt bestimmen. Dieses neue Weltbild degradierte den Menschen zu einem winzigen und unbeständigen Materieklumpen in einem chemisch primitiven Universum. Es schien, als hätten die Naturwissenschaften uns unsere Würde und unsere Träume geraubt und dafür nur Tatsachen gegeben. 


Die Naturwissenschaften schenkten uns jedoch neue Träume von fast atemberaubender Dramatik und Schönheit. Und nichts hat die Einmaligkeit und Würde jedes Menschen so eindrücklich offenbart wie die moderne Biologie. Das naturwissenschaftliche Weltbild des 21. Jahrhunderts zeigt uns ein Universum voller Rätsel, in dem lebendige Materie eine fast unfassbar kostbare Ausnahme ist. 


Der Urknall war eine gewaltige Explosion von Strahlungsenergie. Ein Teil dieser Strahlung war das, was unser Auge als Licht wahrnimmt. Als das Universum sich ausdehnte, verdichtete sich ein Teil der Strahlungsenergie zu Materie, die schliesslich Wasserstoffatome bildete – die einfachsten aller Atome. Als sich immer mehr Strahlung in Materie verwandelte, wurde es im Universum finster. Doch dann ballten sich riesige Wolken von Wasserstoffgas unter der eigenen Schwerkraft zusammen und erhitzten sich dabei so stark, dass Wasserstoffatome miteinander verschmolzen und dabei ungeheure Energiemengen freisetzten. 




Die nuklearen Feuer der Sterne hatten gezündet und schenkten dem Universum wieder Licht. Diese ersten Sonnen leuchteten für etwa zehn Milliarden Jahre, bis ihr nuklearer Brennstoff sich erschöpfte. Einige schleuderten bei ihrem Tod ihre Asche weit ins Weltall, andere explodierten und schmiedeten dabei schwere Atome, wie Kupfer, Gold und Uran, die es vorher nicht gegeben hatte. Die Sternenasche verdichtete sich wiederum zu Wolken und erhitzte sich dabei, so dass schliesslich auch in diesen Wolken nukleare Feuer zu brennen begannen. Unsere Sonne ist ein solcher Stern der zweiten Generation. Als sie sich vor etwa viereinhalb Milliarden Jahren aus einer Gaswolke zusammenzog, verlor sie die äusseren Schichten und gebar so die Planeten – wie unsere Erde. 


Kaum hatte sich diese Erde so weit abgekühlt, dass sie eine feste Kruste besass, stiess sie mit einem gewaltigen Meteor oder verirrten Planeten zusammen, der sie wieder in einen flüssigen Feuerball verwandelte und ihr dabei den Mond entriss. Als dann nach einigen hundert Millionen Jahren wieder Ruhe einkehrte, regte sich auf der Erde Leben. Wie es entstand, werden wir wohl nie mit Sicherheit wissen. Vielleicht formte es sich in heissen Meteorkratern oder Vulkanschächten, die als Retorten für die Bildung der komplexen Moleküle des Lebens dienten. Diese Moleküle lagerten sich zu immer komplexeren Aggregaten zusammen, bis schliesslich ein Aggregat sich fortpflanzte, seine Zusammensetzung und Funktionsweise in Genen niederschrieb und sich zu immer höheren Lebensformen entwickelte. 


Eine solche spontane Entstehung des Lebens war unendlich unwahrscheinlich, doch da die Natur sie über Hunderte von Millionen Jahren unendlich oft versuchte, fand sie dennoch statt. Es brauchte ja nur ein einziges erfolgreiches Experiment, um den Funken des Lebens zu zünden. Vielleicht aber entstand das Leben auf anderen Himmelskörpern und kam dann auf Meteoren oder Kometen zu uns. Sicher ist nur, dass alle heutigen Lebewesen von einer einzigen Zelle abstammen. An diesem wundersamen Baum des Lebens sind wir Menschen nur ein später Zweig. 


Dieser Baum besteht aus der komplexesten Materie, die wir bisher im Universum gefunden haben – und in dieser Materie-Aristokratie sind wir Menschen eine besondere Elite, die nicht nur die Umwelt wahrnehmen und denken, sondern auch über sich selbst nachdenken kann. Doch wie frei sind wir in unserem Denken und Handeln? Bis vor kurzem schien es, dass jeder Mensch eine biochemische Maschine ist, die streng von ererbten Genen gesteuert wird. Nun aber haben Biologen erkannt, dass unsere Umwelt, unser Lebensstil und sogar unser Umgang mit anderen Menschen diese Gene verändern kann und wir einige dieser erworbenen «epigenetischen» Veränderungen sogar an unsere Nachkommen weitergeben können. 


Gene 

Versetzt man einer Maus einen leichten Elektroschock, dann zuckt sie zusammen. Sie tut dies auch, wenn sie dabei einen bestimmten Duftstoff riecht. Nach mehrmaliger Wiederholung zuckt die Maus auch dann zusammen, wenn sie nur den Duftstoff riecht, und vererbt diese Furchtreaktion an ihre Nachkommen, die nie den Duftstoff gerochen oder einen Elektroschock erlitten haben. Die Furchtreaktion wird selbst dann vererbt, wenn die Nachkommen von unbehandelten Leihmüttern aufgezogen oder durch In-vitro-Befruchtung gezeugt werden. Bei dieser epigenetischen Vererbung werden Gene verändert, welche die Erkennung von Duftstoffen steuern. Auch bei uns Menschen können Hunger oder andere Belastungen der Eltern die Nachkommen psychisch und körperlich schädigen. Und jeder Sozialarbeiter weiss, dass Drogenabhängigkeit, Depression und Gewaltbereitschaft einen unglücklichen Teufelskreis bilden, der eine Generation nach der anderen gefangen hält. 


Wir sind also zum Teil für unsere eigenen Gene und die unserer Nachkommen verantwortlich. Ja mehr noch, wir beeinflussen sogar die Gene unserer Mitmenschen und von deren Nachkommen. Nichts zeigt uns deutlicher, wie eng wir in das Netz des Lebens eingebunden sind und wie sehr wir dazu beitragen können, dieses Netz menschlicher zu gestalten. Unsere Gene bestimmen die Grenzen dessen, was wir sein können, doch erst die Wechselwirkung mit unserem sozialen Umfeld macht uns zu Menschen. Diese biologische Erkenntnis fordert uns auf, dafür zu sorgen, dass es unseren Mitmenschen gutgeht. Diese Aufforderung ist Teil meines eigenen Lebenssinns. 


Die Würde der Suche 

Unser Gehirn enthält etwa hundert Milliarden Nervenzellen, von denen jede mit Hunderten oder sogar Tausenden anderer Nervenzellen vernetzt ist. Dies erlaubt unendlich viele Kombinationen, die sich zum grossen Teil erst während der Reife zum erwachsenen Menschen ausbilden. Die Zahl dieser Kombinationen übersteigt bei weitem die Zahl aller Menschen, die je gelebt haben, so dass jeder Mensch in seinem Denken und Fühlen einmalig ist. Diese Einmaligkeit jedes Menschen kommt dem am nächsten, was wir gemeinhin Seele nennen. 


Vor dem Urknall steht ein Fragezeichen, das sich der Wissenschaft entzieht. Wer in diesem Fragezeichen einen göttlichen Schöpfer sieht, hat das Fragezeichen für sich beantwortet. Mir jedoch genügt das Fragezeichen. Wahrscheinlich könnte ich die Antwort darauf nicht begreifen – und wenn ich es könnte, lehrt mich die Wissenschaft, dass jede Antwort nur eine neue Frage aufwirft. Wissenschaft fordert Bescheidenheit. Auch dies ist Teil meines Lebenssinns. 


Die Suche nach dem Sinn des Lebens ist eine Suche nach der eigenen Würde. Im Jahre 1952 beschrieb der russische Physiker George Gamow diese Würde mit folgenden Worten: «Das Universum brauchte weniger als eine Stunde, um Atome zu schaffen. Es brauchte einige hundert Millionen Jahre, um Sterne und Planeten zu schaffen. Aber es brauchte fünf Milliarden Jahre, um uns Menschen zu schaffen.» Heute wissen wir, dass es nicht fünf, sondern vierzehn Milliarden Jahre waren. 


Der Biochemiker Dr. Gottfried Schatz ist emeritierter Professorder Universität Basel. Bei NZZ-Libro sind erschienen: «Jenseits der Gene», «Zaubergarten Biologie» und «Feuersucher. Die Jagd nachden Rätseln der Lebensenergie». 


Nota. - Gottfried Schatz ist ein kluger Kopf, das weiß ich aus vielen seiner Beiträge, die die NZZ gebracht hat. Aber als ich sah, dass er zum Vierten Advent etwas über den Sinn des Lebens verfasst hat, wurde mir doch mulmig. Ich dachte, da würde ich wohl einen langen Kommentar schreiben müssen. Dann habe ich es gelesen, und jetzt bringe ich es Ihnen ganz unkommentieret.
JE

Sonntag, 21. Dezember 2014

Bedeutendes von Unbedeutendem unterscheiden.



Geist ist zu allererst das Vermögen, zwischen Bedeutendem und Unbedeutendem zu unterscheiden. Das Tier "kennt" diesen Unterschied nicht. Zwar bedeutet auch dem Tier dieses Etwas und Jenes nichts. Aber was ihm nichts bedeutet, nimmt es gar nicht erst 'wahr'. Das heißt, für es 'gibt es' diesen Unterschied nicht. Seine genetische Ausstattung hat "apriori" den Unterschied immer schon gemacht.

Nicht so für den Menschen. Er muss den Unterschied selber machen.

Es liegt nahe, dass ihm alles, was bleibt, zuerst einmal als bedeutender erscheint als alles, was sich ändert. Aber das kann sich... ändern. Es hängt davon ab, ob in seiner Erlebenswelt die sicheren Situationen vorherrschen, oder die unsicheren; zum Beispiel.

aus e. Notizbuch, 28. 8. 08





Samstag, 20. Dezember 2014

Reichtum schätzen.



Das Tier kann nur verzehren.
Der Mensch kann Reichtümer anlegen.

aus e. Notizbuch, Okt. 08









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Freitag, 19. Dezember 2014

Notwendig ist der Zufall.



Ein Reich der Notwendigkeit gibt es nur in Gedanken. 'So muss es sein und etwas anderes ist nicht möglich.' Im Reich des Faktischen ist im Vergleich dazu alles zufällig. 'Wäre die Welt anders eingerichtet, müsste ich etwas anderes von ihr denken.' (Das aber wäre notwendig.)

Das Mysterium: Die Welt der Gedanken spielt sich ab in einem Reich von Faktischem. Ist das nun zufällig?

(Ich denke nicht etwas, sondern von etwas, über etwas. Mein Gedanke ist nicht die Sache, sondern ein Bild.)

aus e. Notizbuch, 1. 4. 08



Der Zufall ist unvermeidlich, aber nicht notwendig.






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Donnerstag, 18. Dezember 2014

Künstliche Intelligenz.



Aufbewahren und sortieren, das kann der Computer besser. Er hat den größeren Speicherplatz und den schnelleren Zugriff. Die Intelligenz der Menschen besteht darin, zu wissen, was sie sucht und wozu sie es brauchen will. Nur zu diesem Zweck muss sie auch wissen, wo sie suchen soll.

Und all dies ist erstens Sache der Einbildungkraft und zweitens des Urteilsvermögens.

aus e. Notizbuch, im Okt. 07


Diese schafft Bedeutungen, jenes unterscheidet - je nachdem, auf welche Bedeutungen sie absieht - Dinge. Abse- hen - auf das eine, von dem andern, unterscheiden zwischen wichtig und unwichtig - kann der Computer nicht; jedenfalls nicht sponte sua. Er kann, wenn ein Programm ausfällt, in den Strudel der Zufälle abstürzen, und das ist schlimm genug. Aber auch gegen den korrigierenden Eingriff des Menschen kann er sich nur zufällig wehren und nicht mit Absicht. Er wird voraussichtlich am Ende den Kürzeren ziehen. 

Das hat Stanley Kubrick nicht bedacht.





Mittwoch, 17. Dezember 2014

Die Wahrheit des Algorithmus.



Die Frage, ob und wie weit die Digitalisierung das Denken selbst revolutioniert, gewinnt ihre ganze Aktualität in der Zuspitzung, ob wohl das Paradigma der Gleichung in der Epoche von Big Data durch das Paradigma des Algorithmus ersetzt wird.

Wie es auch ausgeht: Erst jetzt wird klar, dass seit Galileo-Descartes-Newton ein Satz dann als wahr gilt, wenn er in der Form 'X ist im Grunde genommen nichts anderes als Y' ausgesprochen werden kann. Nur so konnte es heißen, Erkenntnis sei die Rückführung eines Unbekannten auf ein Bekanntes. 

Dabei musste man doch immer einräumen, dass das Bekannte - Y - rein zufällig 'eher da war' als das unbe- kannte X. Doch was am Y besser 'bekannt' war als am unbekannten X, hing völlig in der Luft. Es war 'als gewiss' bekannt, wie Wittgenstein es spitzzüngig (oder unbedarft?) formulierte. Was die Gewissheit aber ausmachte, blieb offen.

Man mag annehmen, dass in den Weltmeeren von Big Data die Fehlermarge des Algorithmus auf jeden Fall kleiner sein wird als bei den Gleichungen des analogen Verstandes. Aber was Wahrheit ist, rückt damit nicht näher, sondern verliert sich ganz im Maelstrom der Daten. Es passt oder passt nicht. Aber worein es passt, hängt ganz vom Kontext ab.

Was anderes hat Pontius Pilatus wohl auch nicht sagen wollen.



Dienstag, 16. Dezember 2014

Was ist ein Ding?



Wir nehmen keine Erscheinungen wahr, wir nehmen keine Bedeutungen wahr. Wir nehmen Dinge wahr. 

Was ist ein Ding?
Eine Erscheinung, die etwas bedeutet.

Die Unterscheidung geschieht nicht in der Anschauung, sondern in der Reflexion. Wahrnehmung ist das Ergebnis von beidem.

aus e. Notizbuch, im Frühjahr 09







Nota.Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.    

Montag, 15. Dezember 2014

Vom Sprechen und dem Vergessen.








Der Mensch fragte wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst mich nur an? Das Tier will auch antworten und sagen: das kommt daher, dass ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte – da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg: so dass der Mensch sich darob verwunderte.
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Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen. Nietzsche-Werke (ed. Schlechta) Bd. 1, S. 211





Sonntag, 14. Dezember 2014

Kann sich das Tier etwas vorstellen?



Kann das Tier sich etwas vorstellen? 

Das kann man nicht wissen, es redet ja nicht darüber. Es ist aber auch egal, weil es sich das nämlich nicht merken und nicht behalten kann. Denn dazu bedürfte es der Symbolisierung. Die wiederum setzt eine notwendige - nicht zufällige! - Kommunikation voraus. Notwendig wird eine Kommunikation, die der Symbole bedarf, erst, wenn Bedeutungen mitgeteilt werden sollen, die sich nicht von selbst verstehen. Also wenn nicht bloß das Individu- um, sondern regelmäßig der Verband auf Fremdes stößt, das man verstehen -, weil man sich darüber verständigen muss.

aus e. Notizbuch, im Herbst 2010





Samstag, 13. Dezember 2014

Von der Ästhetik der Geselligkeit.


Rubens, Bauerntanz

Zu den natürlichen Bedürfnissen der Menschen gehören außer den physischen - Hunger, Durst, Frost - auch das Bedürfnis nach Geselligkeit. Solange Arbeit (in schwindendem Maß) auch gesellig geschieht, hat sie einen Wert, der über ihren bloß physischen Erhaltungswert hinausweist (und ist nicht nur Mühsal). Aber Geselligkeit ist anders als Hunger, Durst, Frost nicht mit einem immanenten Maß da, sondern um ihrer selbst willen. Sie hat ästhetischen Charakter.

In dem Maße, wie in der Arbeit die Erhaltungsfunktion auf Kosten der Geselligkeit immer mehr an Boden gewinnt, verbindet sich jene umso enger mit dem Ästhetischen (Tanz!). Geselligkeit wird Feierabend, "Erholung" = Reproduktion des Arbeitsvermögens. Wird vom Erhaltungswert absorbiert, unterworfen, mediatisiert. Und nun wiederum schwindet das Ästhetische in den privaten Winkel: Es wird absolut. 

aus e. Notizbuch, 17. 10. 08





Freitag, 12. Dezember 2014

Husserls Phänomenologie.



Husserls Phänomenologie ist der Versuch, die Anschauung zu diskursivieren und intuierte Qualitäten unter Begriffe zu fassen. Man merkt es am durchgehend metaphorischen Charakter seiner Kunstsprache. Wesensschau etwa ist nichts, was sich zu irgendeinem Anderen in ein bestimmtes Verhältnis setzen ließe, und sei es nur durch Ausschließung.

Sie ist "intellektuelle Anschauung", aber nicht im Fichte'schen, sondern im Kant'schen (Wider-) Sinn.

aus e. Notizbuch, im Herbst 2008


Nota. - Es ist nicht abzusehen, worauf die eidetische Reduktion am Ende anders hinauslaufen kann als auf die platonischen Ideen. Das muss Husserl selbst bemerkt haben und hat innegehalten. Seit Anfang der 20er Jahre hat man das Gefühl, er dreht sich im Kreis.



Donnerstag, 11. Dezember 2014

Bedeutung und Erhaltungswert.



Bedeutungen, die in Bezug auf die Erhaltung stehen, kommen als solche im Erleben der Individuen vor, nämlich wo es um individuelle Erhaltung geht. Bedeutungen, die in Bezug auf die Erhaltung der Art stehen, kommen nur - durch "Auslese und Anpassung" - generationenübergreifend im kollektiven Verkehr "zum Tragen". Sie 'wirken' in der Gattungsgeschichte regulativ, müssen also, um "erlebt" zu werden, symbolisch erschlossen sein, und nur so sind sie tradierbar.

Bedeutungen, die 'auftreten', aber in keinem Bezug zu irgendeinem Erhaltungswert stehen, können individuell "erlebt", aber überhaupt nur in symbolische Form "gemerkt" ("behalten") werden. Die symbolische Form der Bedeutung lässt sie so erscheinen, als sei sie außer-sinnlicher Herkunft.

aus e. Notizbuch, im November 08


Und ich höre schon den Einwand: Der Akt, der am unmittelbarsten mit der Arterhaltung zu tun hat, bedürfte kein bisschen der Symbolisierung, um gemerkt zu werden. - Doch wie die Dialektik so spielt: Wenn er um der Arterhaltung willen vollzogen werden soll, was ganz ungewöhnlich wäre, dann bedürfte er sogar besonders starker Symbole, um zu gelingen; wenn überhaupt. 










Mittwoch, 10. Dezember 2014

Abstraktion und Gestaltwahrnehmung.


M. C. Escher

Die Fähigkeit zu Abstraktion beruht auf dem Vermögen der Gestaltwahrnehmung

Die stammt aus dem Tierreich. Auch das Tier 'verhält' sich eher in Situationen, als dass es auf individuelle "Reize" 'reagiert'.

aus e. Notizbuch, im November 08






Dienstag, 9. Dezember 2014

Ästhetik des Logischen.


S. Hofschlaeger, pixelio.de

Es gibt Wahrnehmungen und Vorstellungen, die schlechthin von einem Gefühl des Beifalls oder der Missbilligung begleitet werden. -

So sind die logischen Operationen: Sie sind offenbar richtig oder falsch. Dieses Urteil lässt sich nicht weiter erklären oder begründen. Es ist evident.


aus e. Notizbuch, im Februar 09


Nota. - Notwendig von einem Gefühl des Beifalls oder der Missbilligung begleitet - so definiert Herbart die ästhetischen Urteile (im Unterschied zu den "metaphysischen"), das war mir bekannt. Insofern bedeutet dieser Eintrag, dass auch die Logik ursprünglich ästhetisch begründet wäre.



Montag, 8. Dezember 2014

Warum philosophieren überhaupt nötig ist.



Dass die Menschen bestrebt sind, sich satt zu essen und danach das eine oder andere sinnliche Bedürfnis auch noch zu befriedigen, versteht sich von selbst, dafür braucht man keine Philosophie. Philosophieren müssen wir, um zu verstehen, wo die Menschen diesen schlimmen Drang nach dem Höheren her haben. Denn ohne den hätte "das Leben" gewiss nie das Rad erfunden, vom Mühlrad ganz zu schweigen.

Will sagen, nicht einmal die materiellen Bedürfnisse des Menschen hätten sich höher entwickelt, wenn sein Horizont nicht von Anfang an über das Erfordernis des Tages hinaus gereicht hätte.

aus e. Notizbuch, im Frühjahr 2008





Der Mensch kann raten.



Auch einem Tier begegnen wohl Situationen, die noch nie vorgekommen sind. Versucht es dann sein Glück?

Nicht eigentlich. Es tut irgendwas, oder auch nichts; was bleibt ihm übrig? 

Der Mensch versucht. Er "stellt sich was vor" und handelt so, wie er es getan haben würde, wenn es wirklich so wäre. Er rät.

Bislang habe ich Max Schelers Satz, der Mensch sei das Tier, das nein sagen kann, zu vervollständigen gemeint in der Formel: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, weil er fragen muss. Vollständiger wird er aber so: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, weil er raten muss, nachdem er gefragt hat. 

Die Antwort, die er sich nur selber geben konnte, muss er versuchen.  






Samstag, 6. Dezember 2014

Glauben oder wissen.



Die Neue Zürcher brachte zum Hl. Nikolaus ein salbungsvoll gravitätisches Stück zu dem längst erschöpft geglaubten Thema Wissen und Glauben, und es kam, Sie werden's kaum für möglich halten, zu dem überraschenden Schluss, dass beide einander nicht nur nicht ausschlössen, sondern "einander fordern"!

Ich habe das andernorts dokumentiert, aber nicht ohne Kommentar: 


...Ob es eine rationale Theologie geben kann, ist eine - na, sagen wir mal: nicht so vordringliche Frage. Ihr mag man sich zuwenden, wenn man die durchaus vordringliche Frage beantwortet hat, ob es eine rationale Philosophie geben kann. Die Frage ist freilich soweit geklärt, als es eine solche ja gibt; ich meine eine, die nicht auf dem (einen oder andern) Glauben beruht, sondern vom Wissen ausgehend im Wissen verbleibt. Das ist die Kritische alias Transzendentalphilosophie. Sie handelt nicht von Gott und der Welt - dazu müsste sie nämlich allerhand glauben -, sondern von unseren Vorstellungen von Gott und der Welt, denn die allein sind uns bekannt. 

Diese Unterscheidung - zwischen den Dingen selbst und dem, was wir uns darunter vorstellen - ist für die exakten Wissenschaften (in denen zum Beispiel der erwähnte Urknall vorkommt) ohne Belang: Sofern und solange sie diese ihre Vorstellung mit ihren andern Vorstellungen (immer wieder aufs Neue) in Einklang bringen kann, hat sie ihr Geschäft besorgt. 


Wieweit die Gesamtheit ihrer Vorstellungen mit der Gesamtheit der vorgefundenen - na, nennen wir's ruhig: Welt übereinstimmt, ist keine Frage des theoretischen Glaubens, sondern der pragmatischen, denkpraktischen Bewährung. Solange die neugewonnenen Vorstellungen sich ins vorhandene Gebäude (alias "Standardmodell") einfügen lassen, ohne dass dadurch immer neue unprüfbare Zusatzannahmen notwendig würden, tut es seine Dienste und darf weiterhin als "einstweilen endgültig" angenommen werden. Bis eines Tages ein Modell in Vorschlag gebracht wird, das alles Bekannte und vieles Neue einfacher darstellen kann. Auch an dieses muss dann niemand glauben, es wird reichen, wenn es sich denkpraktisch bewährt.


Mit der rationalen Philosophie ist es was Anderes. Die Prätention, die Vorstellungsgebäude der exakten Wissenschaften einem Wahrheitsurteil zu unterziehen, hat sie mit Kants kritischer Wendung abgelegt. Für die realen Wissenschaften ist sie eine kritische Instanz, die lediglich, aber immerhin über die immanente Konsistenz der theoretischen Modelle mitzureden hat, und nicht über ihre metaphysische Endgültigkeit. 


Doch auch gegenüber den Sinnsuchern und Sinnerfindern ist sie kritische Instanz. Sie ist nicht Fleisch von ihrem Fleisch, sie reden nicht von Gleich zu Gleich; "auf Augenhöhe", wie der Flachmann sagt. Ihnen allen sagt sie, ohne Ausnahme: Tut nicht so, als hättet ihr für eure Sinnbehauptungen belastbare Gründe. Ihr habt Motive, und die hat jeder. Dass eure Motive besser sind als die der andern, muss sich zeigen. Wenn ihr sie stattdessen unter vorgeschützten Gründen versteckt, von denen man nichts wissen und die man nur glauben kann, werden sie es nötig haben. Wir jedenfalls können vor euch nur warnen.



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Ich bin Atheist von Hause aus und in einer sprichwörtlich gottlosen Stadt großgeworden, ich habe keine Rechnungen zu begleichen, ich bin kein Antiklerikaler, und als studiertem Historiker ist mir die Bedeutung des Christentums für Entstehung und Gegenwart des Abendlands ganz und gar bewusst. Ich bin auch der Meinung, dass die Kirchen den Platz, den sie in unserer Kultur einnehmen, gefälligst auszufüllen haben.

Ganz entschieden bin ich aber auch der Meinung, dass der am besten dafür geeignete Ort die Kirchen sind. Wenn ihnen die inzwischen zu leer sind, müssen sie sich was einfallen lassen, um sie wieder zu füllen (und das wird ihnen, da war ich mit Benedikt einer Meinung, nicht gelingen, wenn sie Hinz und Kunz nach dem Munde reden). Was ich dagegen überhaupt nicht dulden mag, ist die ersatzweise Verpfaffung des öffent- lichen Lebens in Deutschland, an der wohlbemerkt die Lutherischen viel kräftiger drehen als die Ultra- montanen. 

Lassen wir die Kirche im Dorf und die Pfaffen in ihren Kirchen.