Sonntag, 22. Juli 2018

Ästhetik und Erkenntnis.

Gravitationswellen

Der Berliner Tagesspiegel berichtete am 18. 6. über eine Tagung zum 25. Jubiläum des Potsdamer Einstein-Forums zur Ästhetik der Erkenntnis.

Hier mein Kommentar:


Das sind in Wahrheit zwei Fragen, die unmittelbar gar nicht zusammenhängen. Das eine ist, ob ein Forscher nicht gut daran tut, wenn er vor einem neuen, großen Problem zuweilen in den ästhetischen Zustand abtaucht und die Reflexion einstweilen ab- schaltet - und so vielleicht zu einer Erleuchtung kommt. Ein anderer trinkt einen Kaffee oder zieht sich eine Linie. Das ist eine heuristische Frage und ist rein pragmatisch zu beantworten. Den Kopf freimachen und die Einbildungskraft spielen lassen wird immer nützen. Dass aktive Forscher darü- ber miteinander reden, ist vielleicht nützlich, aber ein irgendwie allgemeineres theoretisches Interesse kann es nicht beanspruchen. Immerhin lehrt die Erfahrung: Sobald die neugierige Anschauung des Forschers zur ana- lytischen Reflexion und zu den empirischen Details übergeht, treten die Begriffe wieder in ihr Recht und ist die Schönheit regelmäßig wieder perdü.

Das andere ist die erkenntnislogische und gar metaphysische Frage, ob wissenschaftliche Erkenntnis und ästhe- tisches Erleben letzten Endes womöglich "aus demselben Stoff gemacht" sind.

Da muss man schon etwas weiter ausholen.

Die empirische Psychologie kennt das Faktum der Gestaltwahrnehmung. Es ist ein Phänomen, das sowohl dem ästhetischen Erleben als auch der Kognition angehört: dass nämlich schon die rein sinnliche Wahrnehmung - sehen und hören - nicht aus dem Zusammensetzen einzelner Reize besteht, die erst vom reflektierenden Ver- stand zu sinnvollen Ensembles zusammengestzt werden, sondern dass umgekehrt schon das sinnliche Warh- nehmen selbst "von sich aus" in der strukturlosen Masse der Sinnesreize nach bedeutungsvollen Figuren sucht, die die einzelnen Reize zueinander 'in Beziehung setzt' und dadurch eigentlich erst identifizierbar macht.


Dass unser Gehirn so verfährt, ist offenbar eine stammesgeschichtliche Erwerbung. Es besagt nur, dass unsere Gattung damit bislang immer ganz gut gefahren ist. Über die Natur der Dinge oder über die Wahrheit unseres Wissens lehrt es uns gar nichts.

*

Bevor wir uns in den Fallstricken unserer vorgefertigten Begriffe verheddern, dies: Von der Natur der Dinge wissen wir gar nichts und können nichts wissen. Wir wissen nur das, was in unserm Bewusstsein vorkommt - das ist eine Tautologie, beide Ausdrücke bedeuten dasselbe. In unserm Bewusstsein stecken aber kein Dinge, sondern nur Vorstellungen von Dingen. Allenfalls könnten wir mittelbar etwas von den Dingen wissen, so- fern wir Grund zu der Annahme haben, dass den Vorstellungen in unserm Kopf etwas an oder in den Dingen außerhalb unserer Köpfe entspricht. Diese Frage also gilt es zu klären, und danach können wir an die Prüfung der Frage gehen, was wir von den Dingen wissen. Tiefer werden wir in die Wahrheit nicht eindringen.

Wenn wir also die Dinge vorderhand nicht nach ihrem Wesen unterscheiden können, können wir sie doch beob- achtend danach unterscheiden, wie sie in unser Bewusstsein hineinkommen: "nach Schönheit" oder "nach Wahr- heit"? Auch hier kommen wir mit vordefinierten Begriffen nicht weiter. 'Was ist Wahrheit?' fragte Pontius Pilatus, und 'Was ist Schönheit?' fragte Plato lange da- vor.

Schön ist nach Kant, 'was ohne Interesse gefällt'. Wenn es mehr sein sollte als technische Brauchbarkeit - wie sollte das vom Wahren nicht auch gelten? Dazu gesellt die scholastische Tradition das Gute - drei Transzenden- talien als drei Namen für das Absolute. Drei Namen als drei Weisen des Anschauens; wieder ist die Fragen: Wie kommen sie ins Bewusstsein?

Was wahr ist (und was nicht) wird begriffen, was schön ist (und was nicht) wird angeschaut. Begreifen - näm- lich in all seinen möglichen Bestimmungen erfassen - kann ich nur das, was ich zuvor angeschaut habe. Denn nur das ist überhaupt bestimmbar. Begreifen ist Fortschreiten vom Anschauen zum Bestimmen, doch was immer ich bestimmt habe, kann ich wieder anschauen - als ein Bestimmbares, als ein zu-Bestimmendes; und so weiter in infinitum.

Kann ich anschauen, ohne zu begreifen? Kann ich anschauen, ohne zu bestimmen? Der moderne Mensch, bürgerliches Subjekt des Vernunftzeitalters, lebt in einer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft, wo er nicht lange bestehen könnte, wäre ihm nicht das Bestimmen längst habituell geworden. Gewohnheitsmäßig neigt er zum Bestimmen, doch mit etwas gutem Willen kann er es sich auch verkneifen; aber wollen muss er es.

Das aber wäre das ästhetische Wahrnehmen. Es ist ein Wahrnehmen, das sich des fortschreitenden Bestimmens enthält. Jeglichen Urteils sich enthalten kann es nicht: Das wäre überhaupt kein Wahrnehmen. Ästhetisch nenne ich ein Wahrnehmen, das als solches - ohne allen Vergleich, ohne alle Reflexion - mit einer Wertung verbunden ist: gefällt oder gefällt nicht? ("Ohne Interesse" wohlbemerkt.)

Damit ist Schluss. Mehr an ihm kann die ästhetische Betrachtung nicht finden, sobald sie danach sucht, hört sie auf, ästhetisch zu sein; beginnt sie, aus Bestimmungen weitere Bestimmungen herzuleiten, und macht sich ans Begreifen - das aber nie an ein Ziel kommt; es gilt immer nur vorübergehend.

*

Bis hier ist der Ertrag denkbar trivial: Der Forscher mag, wenn es in seinem Temperament liegt, wann immer er mit dem Räsonnieren nicht weiterkommt, nach einem ästhetischen Bild suchen, das ihn immerhin in irgend- eine Richtung führt. Wie weit, kann er immer nur ausprobieren, und wenn er Pech hat, merkt er viel zu spät, dass er sich verrannt hat. Mit andern Worten, er ist gut beraten, wenn er seinen bildhaften Phantasien mit Iro- nie und trockenem Verstand begegnet. Aber irgendein Vor-Urteil braucht der empirische Forscher, denn Erfah- rungen laufen einem nicht über den Weg: Man muss sie machen, indem man vorgefundene Daten mit einem Entwurf vergleicht. Da sind ästhetischen Vor-Urteile so gut wie andere; nur diesem fallen sie leichter als jenem, und hinterher propagieren kann man sie besser als alles andere.


Aber es ist wie immer doch etwas vertrackter als auf den ersten Blick. Was ist denn der Sinn des Begreifens? Im Unterschied zum anschaulichen Bild lässt sich der Begriff im Gedächtnis archivieren, bei Bedarf hervorholen und - was das weltgeschichtlich Umwälzende an ihm war - einem Andern, der mit dem Be- stimmen auch schon ein Stück vorangekommen ist, mitteilen. (Technisch: aus dem analogen Modus in den digitalen Modus übersetzen.) Um den jeweiligen Grad der Bestimmtheit mag es immer wieder Missverständnisse geben, aber es ist immerhin etwas da, worüber man streiten und worüber man sich vertragen kann. Ohne ein Mindestmaß an Bestimmtheit könnte man miteinander nur handgreiflich werden.

Seit ein solches Mindestmaß an Bestimmtheit im öffentlichen Verkehr als allgemeinverbindlich vorausgesetzt wird, redeten die Menschen von einem Vernunftzeitalter. Nicht so als solle behauptet werden, dass überall die Vernünftigen herrschen. Aber so, dass Vernunft allenthalben als der letztendliche Maßstab gilt.

Ein Ding bestimmen heißt an ihm Merkmale feststellen. Ein Merkmal ist das Verhältnis eines Dings zu einer möglichen Absicht (Zweck, Interesse; auch das Interesse an bloßer Erkenntnis ist ein Interesse). Bestimmungs- grund ist die Absicht, das Ding resoniert nur: Es sind erst die Merkmale, die ein Ding zu einem solchen ma- chen. Der Begriff des Dings ist das Schema seiner Merkmale.

 

Etwas ins Unendliche fortbestimmen heißt: ein ums andere Merkmal an ihm finden, alias: eine um die andere Absicht an es heften.

Ins Unendliche fort?

Vernunft bedeutet: an den Dingen Merkmale finden, die jeder wiedererkennt, weil er die Absichten, denen sie gelten, mit allen Andern teilt oder teilen könnte. Es wird der Moment kommen, wo einer, wie vernünftig er auch wäre, die Merkmale nicht wiederkennen kann, weil er die Absichten nicht mehr teilt. Das ist der Normalfall in den Wissenschaften. In der scientific community werden tausende von Bestimmungen geteilt, die über den Hori- zont des wissenschaftlichen Laien und Normalmenschen hinausgehen, weil seine Absichten ganz woanders liegen. Und an der vordersten Front sowohl der empirischen Forschung als auch der Theorie wird Absichten gefrönt, die das Gros der Wissenschaftler nicht versteht, weil es sie nicht teilt. 

So ist es faktisch. Aber prinzipiell könnte jeder Vernünftige bei genügendem Eifer soweit kommen. Da sind keine Grenzen gesetzt. Die Grenzen der Anschauung wurden jedoch schon längst überschritten. Die Einstein' schen Begriffe vom Raum-Zeit-Kontinuum und von der Raumkrümmung liegen in anschaulicher Forschung gewon- nene Daten zu Grunde. Doch vorstellen kann sie sich kein Mensch. Und auch nicht jene mikrophysikalischen Quanten, die mal als Teilchen, mal als Welle erscheinen, und womöglich an zwei Orten gleichzeitig. Nieman- dem, der die empirischen Forschungen, die diesen Begriffen zu Grunde liegen, nicht selber durchgeführt hat, werden sie je anschaulich werden.

So ist es heute schon. Davor, dass das Bestimmen ins Unendliche fort geht, kann einem nur schwindelig werden. Übereinstimmung wird faktisch gar nicht mehr möglich sein. Es heißt bereits, an der vordersten Front gälte unter Forschern und Theoretikern, sobald das engste Mikrodetail verlassen wird, eine Neue Doxa an Stelle von Wissenschaft - die darauf beruht, dass man seinem Nahbarn eben glauben muss, weil man seine Versuche - etwa die am Genfer LHC! in der Wirklichkeit nicht wiederholen kann. 

Das Denken wurde zu bestimmt. Wenn einer den Stein des Weisen doch einmal entdecken sollte, wird es nichts nützen, weil er es niemanden mehr wird mitteilen können.

*

Oder, wenn schon nicht mehr in Begriffen, doch wieder in Bildern?

Vor Jahr und Tag war viel vom Iconic turn in der Wissenschaft die Rede. Damit war mehr gemeint als bei der oben besprochenen Tagung des Einstein-Forums. Es ging um die Frage, ob die unvermeidliche sprachliche Form der Mitteilung ihrer Ergebnisse nicht zu einer Fessel für das Denken der Wissenschaft geworden ist.

Das war alles noch zu spekulativ und ist im Sande verlaufen. Allenfalls am Beispiel der damals in größerem Umfang zur Anwendung kommenden Hologramme fand man einen Anhaltspunkt. Aber die dienten auch nur wieder zur Illustration der begrifflichen Vorträge, selber zum Denkzeug taugen sie nicht.

Ein viel weiterer Ausblick öffnet sich freilich auf der gegenüberliegenden Seite der vorstellenden Tätigkeit, da, wo das Ästhetische, wie es sich gehört, 'um seiner selbst willen' wahrgenommen wird: in der Kunst.

'Musik sei nicht zu unbestimmt, um in Worte gefasst zu werden, hat Felix Mendelssohn gesagt, sondern zu bestimmt. Heute würden wir sagen: Das Musikstück – und jedes Kunststück – ist über bestimmt. So sehr be- stimmt, dass es durch allgemein-geltende Zeichen eben nicht sicher erfasst und vollkommen re-präsentiert werden kann. Das Kunststück ist singulär. De singularibus non est scientia – Von einem Einzigen gibt es kein Wis- sen, sagten die Scholastiker. Das, was ganz allein auf der Welt so ist, wie es ist, das kann durch kein Anderes – Bekanntes – auf der Welt beschrieben werden. Es ist lediglich quale; schon quid wäre zu viel gesagt, weil das an ein Verhältnis zu Anderem glauben lässt.' 18. 2. 16

Wie kann aber ein Gegenstand ästhetischer Anschauung 'bestimmt' worden sein? Absichten, Zwecke und Interessen fallen als Bestimmungsgrund aus. Welcher käme sonst in Betracht?

Offenbar kein Verhältnis, in das ich die Anschauung selber setzen will, sondern eines, in dem ich sie vorfinde: anschauliche Verhältnisse. Da haben wir Formate, Proportionen, Farben, Linien, Massen, Rhythmus, Hell-Dunkel-Werte, langsam-schnell und laut und leise und so weiter. Sie alle werden zusammengehalten durch ein ordnendes Prinzip: das Figur-Grund-Verhältnis. Es ist die Grundlage der Gestaltwahrnehmung, und die hat - siehe oben - mit Wahrheit und Erkenntnis nichts zu tun. Aber sie ist unsere. Sie ist die Grundlage allen An- schauens. 

Ästhetische Betrachtung ist Anschauung gegebener Verhältnisse. Sie geschieht ohne andere Absicht als eben die: Verhältnisse anzuschauen.

*

Wie ich es also drehe und wende: Ästhetik und Erkenntnis sind zwei paar Schuhe.


Nachtrag I. - Das Ästhetische ist kein Merkmal an den Dingen, sondern eine Weise ihrer Wahrnehmung: die Weise, die sich ihrer Bestimmung durch Zweckbegriffe enthält. 'Das Reinästhetische' gibt es nicht: das wäre ein Wahrnehmen ohne jeden Zweck. Doch ohne Zweck - wenn auch ohne einen dem Individuum bewussten Zweck - sind schon die Gestaltgesetze nicht zustande gekommen, sie sind von praktischen Lebensinteresse vollgesogen: Wir können nicht Oben und Unten unterscheiden, ohne Über- und Unterordnung zu assoziieren, nicht Hell und Dunkel unterscheiden, ohne Tag und Nacht hinzu zu meinen, nicht Vorn und Hinten ohne Bald und Später, nicht Laut und Leise ohne Stark und Schwach.

Sicher kann man es trainieren. Doch zu welchem... Zweck? Man müsste das zweckfreie Betrachten selber zum Zweck machen und dürfte sich nicht wundern, wenn ihm das nicht bekommt. Es ist zwar so gekommen, dass sich die "ästhetische Praxis", nämlich die Künste, vor gut einem Jahrhundert aller sachlichen Bezüge entledigen wollten, aber das konnte nicht weit führen und, was dasselbe ist, nicht lange dauern. Das Ästhetische ist weder an noch für sich. Es lebt in und von der Spannung mit dem sachlich Zweckhaften. Je krasser jenes im zwanzig- sten Jahrhundert nach vorne drängte, umso schriller hat sich dieses zu be- haupten gesucht. 

Doch das Geld vermittelt Alles und die Spannung hat schon lange nachgelassen.



Nachtrag II. - Was also ist Begreifen? Es ist nicht das Definieren von Begriffen - das muss aus den Anschauungen bereits hervorgegangen sein. Die Gültigkeit der Definitionen wird beim aktuellen Begreifen vorausgesetzt. De- ren Überprüfung wäre Kritik. 

Tatsächlich sind nicht Begriffe zu begreifen, sondern Sätze: ein Ensemble von Begriffen, die zu einander im Verhältnis stehen. Doch anders als im ästhetischen Erleben wird dieses Verhältnis, da es ja schon aus Begriffen besteht, nicht angeschaut und belassen, wie es ist; sondern im Ensemble stehen die Begriffe zu einander in einem Wechselverhältnis, sie fügen sich gegenseitig neue 'Merkmale', neue Bestimmungen zu, in denen eine neue Absicht aufscheint. Und es ist dieses sinnhafte Mehr, das seinerseits zu begreifen und womöglich in einen einzigen, neuen Begriff zu fassen ist.




Samstag, 21. Juli 2018

Das Paradox der Geltung.


Tatsächlich liegt das Mysterium der Vernunft in der Urteilskraft. Im Urteil richte ich über die Gültigkeit der Gründe (Werte...); aber Grund des Urteils ist eben... die Gültigkeit. "Geltung" ist ein Paradox: 'Ich' stellt sich über die Geltung, macht sich zu ihrem Maßstab, indem es Geltungen vergleicht. Andererseits muss es die Geltungen als unabhängig von ihm denken: "Entweder gibt es gar keinen Wert, oder es gibt einen notwendigen Wert."*

Das Ich 'macht' sich seine Gründe selber, aber so, als ob sie absolut wären. Mit andern Worten, die "absolute" Geltung ist immer nur eine Behauptung

*) Fr. Schlegel, in Materialen zu Kants Kritik der Urteilskraft, Ffm. 1977, S. 198


aus e. Notizbuch, 11. 7. 03



Ist das bloß paradox oder ist es absurd? Der allerletzte Rechtsgrund jeglicher Geltung ist ja gar kein Urteil, in dem Gründe erwogen und eine Wahl getroffen wird, sondern lediglich ein Gefühl - wenn auch das Gefühl der Gewissheit. Oder, mit andern Worten, das Gefühl eines Denkzwangs, das Gefühl, "gar nicht anders zu können". Doch so unwiderruflich es sich auch ankündigt - subjektiv bliebe es auch dann noch, wenn alle wirklichen Sub- jekte es faktisch teilen würden (wovon man bloß nicht wissen kann).

Das ist allerdings absurd, nämlich vom Standpunkt der in sich gegründeten Vernunft aus betrachtet: Es dreht sich im Kreis, doch was im Kreis "begriffen" liegen soll, liegt ganz im Dunkeln.

Der Standpunkt der in sich gegründeten Vernunft ist das, was Fichte als das gemeine Bewusstsein bezeichnet und dessen Grund und Herkunft die Wissenschaftlehre darlegen soll. Grund und Herkunft der Vernunft setzt sie weder dogmatisch voraus, noch postuliert sie sie prophetisch, sondern sucht sie in den wirklichen Handlungen der Vernunft auf. Was sie gefunden hat, erwies sich als ein Akt der Freiheit, der als ein solcher 'im Dunkeln liegt' und nicht begriffen, sondern - sofern man es will - nur angeschaut werden kann. Und was sieht man? "Ja;  anders wäre es nicht möglich."

Wenn ich zuunterst den (bedingten) Denkzwang voraussetze, werde ich auch nach oben hinaus immer wieder auf den Denkzwang stoßen.

Warum? Die Wissenschaftslehre ist streng immanent und geht über ihre Prämissen nirgends hinaus.




Freitag, 20. Juli 2018

Ein institutioneller Schein von Wissenschaft.

Oxford 

Wissenschaft ist nicht Institution, sondern Instanz (wie die Kunst); wenn auch in öffentlichen Institutionen verfasst, die gern ein Monopol geltend machen. Aber im Grenzfall ist ihre Institutionalisierung sogar eine Schranke für ihren öffentlichen Charakter: Monopol = Exklusivität = Privatheit. Und nährt den Glauben, die Zugehörigkeit zur Institution sei selber schon Wissenschaft…


 
Begründet ist die Institutionalisierung der Wissenschaft aber nicht in ihrer Exklusivität – dass nur geprüfte Spezialisten mitmachen dürfen –, sondern im Erfordernis der Kontinuität des Wissens: Das Wissen muss nicht nur "ausgelesen", sondern darüber hinaus bewahrt werden (sonst gäb’s nichts auszulesen). Die Institution ge- währleistet die Tradierung des Wissens: dass nichts verloren geht: dass die Akkumulation gründlich geschieht. Denn idealiter ist der Wissenschaftler einer, der alles weiß. 


Wenigstens "in seinem Fach". Aber das gibts natürlich nicht mehr. Das Spezialistentum macht sich innerhalb der Disziplinen breit, so dass schon innerhalb eines Fachs die "Zusammenhänge" selber zu Fächern von Spe- zialisten werden; in Wahrheit aber die "Neue Doxa" sich breit macht: das Vertrauen darauf, dass der Nachbar schon wissen wird, was er tut, und man ihm seine Resultate getrost abnehmen kann…

So kommt es, dass allerlei Zwischen-Fächer auftauchen, die sich in den Ritzen der Institution festsetzen, ohne sich vor irgendwem ausweisen zu müssen – außer eben vor der Doxa innerhalb und außerhalb der Universitä- ten! Z. B. Pädagogik, Politologie, Publizistik… Soziologie und Ökonomie haben den Anfang gemacht.

April 23, 2009


Nachtrag. Der Ort dieser Instanz ist, wie der der Kunst, die Öffentlichkeit. Ohne die bürgerliche Gesellschaft, die die Öffentlichkeit erschaffen hat, hätte Wissenschaft nicht entstehen können. Und kann noch heute nicht bestehen. Doch wachsen seit Jahren Zweifel an der Funktionstüchtigkeit der wissenschaftlichen Öffentlichkei- ten. Das kann man gar nicht ernst genug nehmen. Denn das ist nichts anderes als Zweifel an der Wissenschaft. Und die waren schon lange nicht mehr so gefährlich wie zu dieser Zeit.
JE 


Donnerstag, 19. Juli 2018

Wo der Geist herkommt.

wasserspiegelung_kl


Die Besonderheit des Menschen ist es nicht, dass für ihn die Dinge neben ihrem Dasein in Raum und Zeit auch noch eine Bedeutung haben – das haben sie für die Tiere auch. Sondern dass er beides unterscheiden kann – und so die Bedeutung jenseits von Raum und Zeit und übersinnlich erscheint.
 
Geist ist ein Spaltprodukt.*

19. 11. 13


*) Er entsteht aus dem Staunen




Mittwoch, 18. Juli 2018

Das Wahre ist das Absolute.


Wahr ist, was absolut gilt.

Das Absolute ist wie das Wahre ein Noumenon. Noumena werden lediglich vorgestellt - nämlich als (unter festzustellenden Bedingungen) geltend. Die Absolutheit des Absoluten und die Wahrheit des Wahren beziehen sich lediglich auf ihre Geltung: Sie ist in beiden Fällen unbedingt. Das Wahre und das Absolute sind Wechsel-begriffe.


14. 6. 16


Ob es absolute Geltung gibt, ist diskutabel. Dass es sie geben muss, wenn irgendwo in der Welt - und sei die Stelle noch so klein -, ein Sinn sein soll, steht außer Frage. Ob ein Sinn sein soll, kann nicht gefragt werden, denn die Frage ist selber sinnvoll und lässt folglich nur eine Antwort zu - und ist daher absurd.






 

Dienstag, 17. Juli 2018

Es gibt keine Meta-Ebene ohne einen Sach-Verhalt.

Caravaggio, Narcissus
I.

Warum ist etwas, statt dass nichts ist? 

Die Frage ist dämlich. Denn damit sie gestellt werden kann, muss es vorab einen geben, der sie stellen kann. Das ist nicht nur eine grammatische, sondern ein logisches Erfordernis. Wer so fragt, müsste gewissermaßen hinter sich "zurückgreifen" und annehmen, 'dass es ihn nicht gibt'. Korrekt müsste die Frage so lauten: Wäre es möglich, dass es Nichts gibt, statt dass es Etwas gibt?

Der Haken ist der: Die einzig mögliche Antwort auf die Frage "warum ist etwas..." wäre nämlich die: weil es einer geschaffen hat. Und die ist logisch nicht möglich. - Wenn eine (begründete) Antwort nicht möglich ist, dann ist die Frage nicht statthaft.

aus e. Notizbuch, 21. 3. 10


II.

Na, das war wohl etwas salopp. Denn ob etwas faktisch ist, bedeutet etwas anderes, als ob es denkbar ist. Ich muss denken können, dass etwas ist, ohne dass eine Intelligenz 'da ist', die fragen kann. Dann kann ich aber auch denken, dass nichts ist, ohne dass ich danach fragen kann. Im Subjekt des Fragens liegt der Hund nicht begraben.

Sondern in dem Wonach. Was soll "Etwas" bedeuten? Es ist eine Abstraktion. 'Etwas' gibt es nicht wirklich. Es gibt dieses und jenes und noch eins und noch eins. Auf die Frage 'Warum gibt es diesen Apfel?' ließen sich tau- send Antworten finden, die alle mehr oder minder gültig sind. Auf den 'letzten Grund seines Seins' werde ich so nicht kommen, denn das Sein ist nichts, was empirisch vorkommt, sondern wiederum eine Abstraktion - die nicht ist, sondern lediglich denkbar ist. Empirisch lässt sich immer nur erfragen, ob etwas wirklich, nicht aber, ob etwas möglich ist. Möglichkeit ist eine logische Kategorie.

Angenommen, es gäbe nichts. Wäre dann die Frage möglich: Warum gibt es nichts, statt dass es Etwas gibt? Gäbe es nichts, dann wäre... 'Etwas' gar nicht denkbar; es wäre nicht die Abstraktion von 'all jenen Dingen, die es auf der Welt nicht gibt'. Es wäre nicht möglich. Was es nicht gibt, lässt sich nicht verallgemeinern ('begreifen'). Man kann nicht fragen: Warum gibt es unendlich viele Dinge, die nicht sind, und keines, das ist?
 
Nichts ist nicht logisch gleichrangig mit dem Sein so wie Kopf und Zahl auf der Münze. Die Negation ist mög- lich nicht nur nach, sondern wegen der Position; nicht umgekehrt. Nicht nur nicht faktisch, sondern auch nicht gedanklich. Verneinen ist ein Reflexionsakt. Was nicht ist, darauf kann man nicht reflektieren.

30. 10. 2014 

 
III. 

Das Fragenmüssen, hieß es anderswo, sei der Grund der Conditio humana. Es geht wie jene der Transzenden- talphilosophie voraus und gehört in die Realgeschichte der Gattung. Die Gattung des fragen müssenden Men- schen ist nicht vom Himmel gefallen. Die Tiere, von denen er abstammt, mussten und müssen nicht fragen. Sie leben in einer Wirklichkeit, die sich von selbst versteht und von niemandem verstanden zu werden braucht. Das nennt man ein Umwelt. Weil er die Posistivität seiner Umwelt gegen die Fraglichkeit einer offenen Welt eige- tauscht hat, muss er fragen was und ob. Und aus den Möglichkeiten, die seither denkbar sind, muss er wählen: ja oder nein.

Historisch begann seine Gattungs geschichte mit dem Positiven: Anschauung auf der Objektebene. Indem er begann, seine Geschichte selber zu machen, erfand er die Reflexion: die Metaebene. Seither muss er fragen - und antworten.




Montag, 16. Juli 2018

Philosophierende Eigenbrötler.

Spitzweg

Das ist der Schwachpunkt des Eigenbrötlers: Er erkennt nicht immer den Punkt, wo ihm sein spekulatives Ross durchging und wo er zu spinnen begann. Setzt er ihn zu spät, ist er vielleicht schon auf dem Holzweg und fin- det nicht mehr zurück. Setzt er ihn zu früh, bringt er sich und die andern womöglich um eine vielversprechen- de Aussicht.

Was darf ich eher riskieren?


3. 10. 15 



Samstag, 14. Juli 2018

Es gibt nichts Unbestimmtes.


Das logisch Unbestimmte ist phänomenal (entwicklungsgeschichtlich, genetisch) ein Zubestimmendes; nicht unbestimmt, sondern bestimmt als ein mit einem Mangel Behaftetes. Es ist als Frage gegeben. Es begegnet nicht als etwas, das im allgemeinen Verweisungszusammenhang der Bedeutungen keinen Platz hat, sondern als eines, dessen Platz noch aufzufinden ist. Es ist (schon) eine Aufgabe. 

Dem Tier begegnet in seiner geschlossenen Umwelt nichts schlechthin Bedeutendes, sondern immer schon ein Dieses-Bedeutendes. Was in seiner Umwelt nichts zu bedeuten hat, begegnet ihm nicht als unbedeutend, sondern begegnet ihm so-gut-wie-gar-nicht. Das Gesamt aller ihm möglichen Bedeutungen ist in seiner Umwelt, als seine Umwelt abgeschlossen. Es ist kein zu realisierender Verweisungszusammenhang, sondern realisiert sich selber als ein Dieses-hier-und-jetzt.

Der logischen Betrachtung erscheint das Reich der Bedeutungen als gegeben, der transzendentalen Betrachtung erscheint er als gemacht.


30. 12. 13 


Nachtrag. Als unsere Vorfahren ihren angestammten Platz im Regenwald verließen und in die offene Savanne ausbrachen, verließen sie einen Kosmos gegebener Bedeutungen. Draußen in der Welt begegnete ihnen wenig Vertrautes und umso mehr Fragliches. Das Fragenmüssen gehört zur - und begründete eigentlich die - Conditio humana.

Die Antworten sucht er zu entschlüsseln durch Beobachtung von allerlei Zeichen. Das reicht, solange sich erst kleine Menschenmengen im Verkehr untereinander und mit der Natur verständigen müssen. In großen komple- xen Gemeinschaftsbildungen wird von den Bedeutungen mehr Konsistenz erwartet. Vernunft in specie kommt auf in dem Maß, wie die Menschen einsehen, dass sie die Bedeutungen der Dinge in der Welt selber bestimmen müssen. Eine Bewusstseinsstellung, die die Welt als eine zu-Bestimmende bestimmt, gilt als vernünftig: denn nun beginnt das Verständigen bereits während des Bestimmens.





Freitag, 13. Juli 2018

Digitalisieren heißt fungibel machen.

Uwe-Jens Kahl_pixelio.de 

Ein Symbol ist ein 'digit': ein Zeichen für einen 'content', dessen sachliche Gestalt in keinerlei Verhältnis zu dessen sinnlicher Erscheinungsform zu stehen braucht. Ein Wort ist so ein Symbol, oder ein X oder ein U oder eine Zahl. (Dass das digitale Denken mit dem Zählen begonnen hätte, bestreite ich. Die ersten 'Zahlen' waren Ordnungszahlen: erst eins, danach ein zweites, usw.; sie bezeichnen eine Folge in der Zeit - und die wird analog 'angeschaut': im Bild der Bewegung).

Das wirkliche Denken geschieht überhaupt nicht digital. Das wirkliche Denken geschieht nicht diskursiv. Das wirkliche Denken geschieht in einer Kaskade von unfassbaren Bildern. Erst in der Reflexion, die das Denken des Denkens ist, werden die Bilder 'begriffen': fest-gestellt und ein-gegrenzt (de-finiert). Das diskursive Denken ist die Form der Reflexion. Aber die Reflexion ist sekundär, sie bezieht sich auf ('metà') das anschauliche Denken als ihren Stoff. Allerdings kann erst sie das anschauliche Denken nach richtig oder falsch unterscheiden. Mit andern Worten, ohne sie ist es zu nichts zu gebrauchen.


aus e. online-Forum, im Juni 2010 



Nota. - Die genwärtige Hype um Digitalisierung vernebelt, dass Digitalisierung das Geheimnis unseres Fort- schreitens vom Animismus ins Zeitalter der Vernunft ist. Digitalisierung ist die Übersetzung eines Bildes in einen Begriff; eines bloß Gemeinten in ein Gewusstes. Sie bedeutet die Möglichkeit, Meinungsverscheidenheiten nicht durch Kräftemessen, sondern durch sachliche Erwägung - Verständ igung - aufzulösen. Digitalisierung war das Medium des Übergangs von Wildheit zur Kultur. 

Der Verstand hat uns an den Punkt gebracht, wo die digitalisierte Technik den Menschen buchstäblich über den Kopf zu wachsen droht. Da ist es Zeit, daran zu erinnern, dass die subtilste Weise der Darstellung nichts wert ist, wenn das Dargestellte nichts taugt; der Begriff nichts taugt, wenn das durch ihn Bezeichnete keinen vertretbaren Zweck darstellt. Nicht auf die Begrifflichkeit des Begriffs kommt es an, sondern auf die Vorstellung, die von ihm begriffen wird. Vernunft wird aus dem Verstand erst, wo es um die Zwecke geht. Die digitale Darstellung beruht auf dem wirklichen Vorstellen, und das geschieht auf analoge Weise.



Donnerstag, 12. Juli 2018

Gedanken lesen?


Gedankenbild                                                                           
 
Wird jemals ein Mensch (oder eine Maschine) eines Andern Gedanken lesen können? Es bedürfte einer Ma- schine, die die mit Bild-gebenden Verfahren gewonnenen Informationen aus dem analogen Modus in den di- gitalen übersetzen könnte - denn anders ist Bedeutung nicht darzustellen. Das setzte voraus, dass Bedeutungen Objektiva wären, denen irgendwann willkürliche Zeichen objektiv zugeordnet werden könnten. Das sind sie schlechterdings nicht.

Man könnte allenfalls - und das ist in Ansätzen geschehen, s. o. - herausfinden, welche (vernommenen) Bedeu- tungen ein Individuum regelmäßig in welche Bilder umzusetzen pflegt. Dann ließen sich die Bilder in Bedeutun- gen rückübersetzen - für dieses Individuum und für jede Bedeutung extra. Gäbe es ein Standardhirn, das wir im großen Ganzen alle miteinander teilen - wie eine Leber oder eine Niere -, ließe sich theoretisch eine Standard- liste erstellen - die allerdings nur ungefähr gelten könnte. Das bedeutet praktisch, dass sie nicht gelten würde; denn bei Bedeutungen kommt es auf Feinheiten an. Mehr als eine Feinheit ist aber, ob eine beobachtete Bild-Bedeutung im Frage- oder gar Verneinungsmodus gemeint ist - die schlechterdings auf analoge Weise gar nicht wiedergegeben werden können.
 

*

Diese Überlegungen werden hinfällig, wenn das Gehirn eines jeden sich in seinem Aufbau von dem eines jeden andern unterscheidet. Dann ist eine Standardisierung von Bild-Bedeutungen ausgeschlossen. Man darf sich die- se Horrorvision getrost aus dem Kopf schlagen.



Mittwoch, 11. Juli 2018

Ursprünglichste Ontologie.

Menhir, Filitosa, Korsika

Eine Sache ‚bestimmen’ heißt: ihren Platz in einem Wirkungszusammenhang ausfindig machen. Daß sie in einem Wirkungszusammenhang steht, ist a priori vorausgesetzt. Dieses Apriori erscheint als ein logisches; ist aber ein historisches. Cf. Habermas: die Leistungen des transzendentalen Subjekts sind ein Erwerb der Gat- tungsgeschichte. Die 'Idee' eines Wirk-Zusammenhangs (Animismus) kommt auf, sobald die 'Menschen' (Ho- miniden) ihre 'Welt' selber machen: auf selbstgewählte Zwecke absehen und ihnen gemäß handeln. Die Idee der Kausalität - alles ist Wirkung, also hat alles eine Ursache - ist Teleologie a tergo [Nietzsche]. Zugrunde liegt die ('unvordenklich' gewordene) Frage: wozu mag das Ding taugen? Zuerst: mir taugen. Erweiterung: Wenn es zwar nicht mir taugt, dann wohl einem Andern... Was dieses Andere sei, ist das Problem der Metaphysik. Der Wirkungszusammenhang, der nicht meiner ist, ist das An-sich.

Im allgemeinen Wirkungszusammenhang ('das Absolute' in Fichtes Grundlagen...) wird das Eine durch das ande- re 'bedeutet': Nicht Es bedeutet 'sich-selbst', sondern das Andere bedeutet es. Nur darum kann ein 'Wesen' (das eigentliche Sein) von der 'Erscheinung' unterschieden werden. - Es ist entwicklungsgeschichtlich aber nicht so, daß das 'Wesen' nachträglich zur Erscheinung hinzu tritt; sondern umgekehrt:

Der animistischen 'Welt'-Anschauung erscheinen alle Dinge als mit eignem Willen begabt. Sie werden nicht von Anderem bedeutet, sondern bedeuten sich selber. Diese eigenwillige Selbstbedeutung kann man den Dingen und namentlich den Tieren ansehen; wohl nicht entziffern, aber doch erschauen: weniger erkennen als erraten. Ur- sprünglich besteht die Welt aus lauter Rätseln. Und zwar so, daß, was nicht zum Rätsel wird, in die 'Welt' gar nicht recht eintritt: als nichts-sagend. 'Wissen' ist ursprünglich Physio-Gnosis. Will sagen, 'ursprünglich' sind An- schauen und Begreifen nicht getrennt, sondern in der animistisch-magisch-mythischen Für-wahr-Nehmung eins. 


Mit der Erweiterung des eigenen Wirkungskreises schiebt sich im angesammelten Gedächtnis vieler Generatio- nen zwischen die Wahrnehmung der je einzelnen Wirkungsakte 'belebter Dinge' die Erfahrung von Wirkungs-Zusammenhängen - die im Gedächtnis nun als ein besonderes Bild (daimôn: 'der zuteilt', vgl. Prellwitz), neben den Abbildern der belebten Dinge, bewahrt werden können: Der Begriff tritt hinzu - und trägt, qua Abstraktion, in die Anschauung die Reflexion hinein. Jetzt erst scheiden sich Wesen und Erscheinung, indem das Werden (ge- nesis=Wirkung) als Akzidens eines substanten Seins, alias Ur-Sache (ontos on = Zusammenhang der Wirkungen in einem Ursprung) gedacht werden kann. Die Anschauung wird "intellektual" - d. h. spekulativ; und scheidet sich von der gewöhnlichen, 'sinnlichen' Anschauung, die sie als roh verachtet. Seitdem zerfällt die Welt in Subjekt und Objekt.

im Juni 2002


Nachtrag. Die moderne Vorstellung von einem Allgemeinen Zusammenhang ist die Grundlage aller Vernünftig- keit. Wenn von Vernunft heute auch niemand mehr reden will, ist doch jeder darauf bedacht, in der Öffentlich- keit nicht unvernünftig zu erscheinen. Denn wenn man ihm das nachweisen könnte, würde ihn niemand mehr für seinesgleichen erkennen.

Das ist das, was Fichte das 'gemeine Bewusstsein' nennt; common sense, gesunder Menschenverstand. Das ist die Bewusstseinsverfassung eines normalen Alltagsmenschen und des Professors einer Realwissenschaft gleicher- maßen. Zweck der Vernunftkritik (Kant) alias Wissenschaftslehre (Fichte) war, die Rechtfertigung dieser Auffassung zu prüfen, indem sie ihre Herkunft untersuchten. 

Ihr Ausgangspunkt ist eine Welt, in der Alles - wenigstens virtuell - schon bestimmt ist. Ihr Verfahren ist, die Be- stimmungen, rückwärts gehend, Schritt für Schritt aufzulösen. Und an einen Punkt zu gelangen, wo das Bestim- men allererst angefangen hat. Es wird sich finden, dass dieser Punkt nur als das Selbst-Bestimmen eines zuvor (so gut wie)* Unbestimmten gedacht werden, aber das spielt hier noch keine Rolle. Auf jeden Fall bedeutet 'bestim- men' in transzendentalphilosophischem Sinn nicht, einen vorgegebenen Zusammenhang aufzusuchen. Es bedeutet übergehen vom (relativ) Unbestimmten zum (relativ) Bestimmten. Ob und wie die unterwegs angesammelten Be- stimmungen sich schließlich zu einem Zusammenhang fügen, ist das Thema der realen Wissenschaften - zu denen in diesem Fall auch die Logik zu zählen ist.

Der obige Eintrag war ein Versuch in realer Anthropologie.

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*) Eine usprüngliche Agilität wird man ihm nachträglich doch zudenken müssen, sonst passierte gar nichts.


 

Dienstag, 10. Juli 2018

Ich ist das negativ Absolute.


Ich bedeutet jenes negativ zu erkennende Absolute, das nach aller Abstraktion übrig bleibt. Was nur durch Handeln realisiert werden kann und was sich durch ewigen Mangel realisiert. (So wird Ewigkeit durch Zeit realisiert, ohnerachtet Zeit der Ewigkeit widerspricht.) Ich wird nur im Entgegengesetzten wirksam und bestimmt für sich.
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Novalis, "Fichte-Studien", in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 173 


Nota. - Zwar hat wohl Novalis zum Philosophieren mehr Talent gehabt als zum Dichten; doch ohne ein gründ- liches Studium wäre auch daraus nichts geworden. Gründlich oder jedenfalls stürmisch und umfänglich hat Novalis aus beruflichen Gründen seine naturwissenschaftlichen, namentlich mineralogischen Studien betrieben, für die Philosophie blieb weniger Zeit. Er mag aber auch dem Irrtum unterlegen sein, in der Philosophie not- falls mit der Einbildungskraft auskommen zu können.
 

Das poetische Bild lag ihm auch beim Philosophieren näher als der scharfe Begriff, und damit war er bei Fichte ja so falsch nicht dran; jedenfalls nicht beim Zugang. Aber er hat sie auch gar nicht so recht unterschieden. Und das wird fatal beim Fortschreiten. Da braucht man nämlich die Begriffe zur Prüfung des eingebildeten Materi- als, sonst trägt es die folgenden Stufen nicht. Er hat sich wohlweislich auf die fragmentarische Darstellung be- schränkt, da stehen die Bilder nebeneinander und bauen nicht - wozu Bilder nicht taugen - aufeinander auf.

Tatsächlich bleibt das Ich im analytischen ersten Gang der Wissenschaftslehre als eine Art leeres Absolutum übrig: zugleich Stoff und Energie des Bestimmens, des rein subjektiven Selbstbestimmens, auch sich selbst nie anders Objekt wird, als indem es sich selbst bestimmt: "durch Handeln". Es 'realisiert' sich nur 'als Mangel', in- dem es sich nie restlos bestimmt vorkommt, und der in zum fort bestimmen treibt. Indes, das Bestimmen nimmt kein Ende und geht ewig. Sein Wozu erweist sich seinerseits als ein Absolutes, und wenn es meint, sich ihm un- endlich anzunähern, ist es ein halber Schwindel; denn der Abstand bleibt ewig unvermindert, nämlich unendlich. 'Realisiert' wird es selbst als Ziel nur wie das Absolute am Beginn: durch Handeln; und ist nur als Mangel. Auch nur negativ.

*

Das ist auch ein 'Fragment', wie das obige; es ist die ganze Wissenschaftslehre in einem großen Bogen. Es ist, wie Fichte gesagt hättte, ein Witz, den man aber erst ganz am Schluss machen kann - und bis zum Schluss ge-langt man nur durch die quälenden begrifflichen Spitzfindigkeiten des ganzen Systems.

 

Die Sammlung von Novalis' "Fragmenten", die Kamnitzer 1929 in Dresden herausgegeben hat, unterscheidet nicht die einzelnen Fundorte im Nachlass. Der war noch ungeordnet, die einzelnen Phasen von Novalis' philo- sophischen Studien wurden ja erst durch ihn sichtbar. Während er zunächst um ein eigenes Verständnis der Fichte'schen Wissenschaftslehre bemüht war, ("Fichte-Studien"), legt er später ein Notizbuch 'für alles' an ("Allgemeines Brouillon"), in das er wie in einem Tagebuch seine Einfälle zu diesem und jenem festhält. Dabei vermischen sich fortschreitend Naturwissenschaft, Naturspekulation und eine zunehmend schwärmende Philo- sophie.

Eine zuverlässige Ausgabe der Fragmente ist inzwischen in Band 2 der Werkausgabe von Hans-Joachim Mähl im Hanser-Verlag erschienen (München 1978).
JE










Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Montag, 9. Juli 2018

Der Herr der Fliegen.

The Lord Of The Flies                                                                                                                             Kommentar zu Zimbardo neu ausgewertet.

Das radikal Böse im Menschen ist nach Kant seine Fähigkeit, das, was er als gut und richtig erkannt hat, nicht zu tun. Moralische Gründe kann er dafür nicht haben; höchstens außermoralische Motive. Dass sich einer über die Stimme seines Gewissens hinwegsetzt um eines schnöden Vorteils willen, kommt vermutlich gar nicht so oft vor. Der höchst subjektive Vorteil des erweiterten Machtgefühls würde allein auch nicht reichen. Wenn dagegen eine Instanz herbeigezogen werden kann, die vom eigenen moralischen Urteil entbindet und versichert, es sei hier gar nicht am Platz, dürften bei manch einem die Hemmungen fallen. Das ist das radikalst Böse im Men- schen: dass er auf sein eigenes Urteil verzichten kann.
 

Das gewöhnlichste Motiv dafür dürfte in aller Welt die Feigheit sein, das eigene Urteil gegen die herrschende Meinung zu verantworten. Ohne die genetischen Überreste des Rudelverhaltens im Urwald möchte das radikal Böse im Menschen gar nicht so lange überlebt haben.


Sonntag, 8. Juli 2018

Die Widersprüche im System auflösen.


In einem philosophischen System alle Widersprüche auflösen wollen ist unvernünftig. Jede Lösung eröffnet ein Feld für neue Widersprüche: Setzen ist Entgegensetzen. 

Versuchen muss man es doch, wie will man sonst vorankommen?

*

Fichte sagt, man müsse von jeder Stelle im System aus zu jeder anderen gelangen können, so dass eine jede ebensogut Anfang und Mittelpunkt des System sein könne wie alle jene. Dabei handelt es sich offfenbar um das logische System der wechselseitig durcheinander bestimmten Begriffe; "alles, was der Fall ist". Als solches lässt es sich in der Tat nicht darstellen. Man fände keinen Anfang, aber auch keinen Abschluss. Es ist in jeder Rich- tung offen. 

Das System der Transzendentalphilosophie ist eine genetische Abfolge von Vorstellungen, wo eine jede nur aus den vorangegangenen hervorgehen kann. Es ist ein Fortschreiten, wenn auch nicht linear, so doch systemisch. Während im logischen System alles gleichzeitig, synchronisch (eigentlich a-chronisch) ist, hat das System der Transzendentalphilosophie einen (diachronischen) Verlauf. Nur in der Reflexion lässt er sich umkehren, nicht reell.


Es ist "nach außen", seinem Umfang nach, abgeschlossen. Es hebt an mit dem Wollen und endet beim fiktiven Schlussstein des Absoluten. Davor, daneben und dahinter ist nichts. "Nach innen", in die Tiefe, kann es gar nicht abgeschlossen werden, denn innen reproduzieren sich die Widersprüche in dem Maß, wie sie aufgelöst werden. Es ist nicht unendlich, aber genzenlos. 

Das System der Transzendentalphilosophie ist unverzichtbar, denn es begründet alles reale Wissen. Ein System der Welt* wäre zu nichts zu gebrauchen. 

*) Das physikalische Universum ist nicht die Welt. Eine Kosmologie, die die Möglichkeit anderer Welten postu- lieren muss, lässt sich eo ipso nicht in ein System bringen.

31. 5. 15 


Nachtrag. - Nicht unendlich, aber grenzenlos. Der (logische) Umfang ist gegeben. Das System hat ein oberes und ein unteres Ende: die beiden Absoluten. Über sie hinaus gibt es nichts Bestimmbares. Dort hört das Be- stimmen auf. Nach innen zeigt sich das System in beide Richtungen als eine Wechselbestimmung von Begrif- fen. Jeder Begriff ist ein Bestimmtes; aber ein transitorisch Bestimmtes. Eine jede Bestimmung lässt sich vor- antreiben. Die Vorstellung von einem vollständig Bestimmten ist eine logische Fiktion. Sie fiele zusammen mit einem Ding an sich. Dabei lässt sich nichts denken: Nur um dies zu erkennen, ist die Fiktion brauchbar.



Samstag, 7. Juli 2018

Wie Einbildungskraft zur Vernunft kommt.


Zur Vernunft wird die Einbildungskraft in dem Maße, wie ihre Produkte* sich mit den Produkten der Einbil- dungskraft der 'Reihe vernünftiger Wesen' zu einer Welt vergesellschaften; nicht kumulativ ansammeln, sondern reduktiv ver ein igen. 

Aber ob oder ob nicht, weiß man erst nachher; es muss sich erweisen.
*) [Bestimmungen]

20. 2. 15



Nota. - Es ist kein Vorgang der Konsensfindung. Der wäre willkürlich und zufällig. Es ist - darauf kommt alles an - ein Prozess der Reduktion und Auslese, und der erfolgt mit Notwendigkeit. So wie der unendliche Prozess der Zirkulation durch die Konkurrenz der Anbieter auf dem Markt das Unnütze ausscheidet und im Durch- schnitt ein Wert ermittelt. Willkürliche Manipulationen an den Preisen werden im unendlichen Fluss nach oben oder unten ausgeglichen, da hilft kein' Gewalt noch Kunstgriff.

Es ist nämlich nicht so, dass die Einbildenden sich lediglich untereinander verständigen müssetn - da könnten sie alle miteinander ein Auge zudrücken. Sie müssen sich vielmehr in Verfolgung gemeinsamer Zwecke in der Welt ver- ständigen. Verständigen worüber? Darüber, ob in der Welt diese oder jene Bestimmung gelten soll. Der Maß- stab ist keineswegs das Meinen der 'vernünftigen Wesen', sondern die Welt. 

Aus freiem Willen verständigen muss man sich über die Zwecke. Ob unsere Bestimmungen der Dinge in unserer gemeinsamen weltläufigen Praxis sich bewähren, ist ein objektives Urteil, das die Welt selber spricht und nicht die Einbildenden.
JE


 

Freitag, 6. Juli 2018

Woher und wozu wir vernünftig wurden.


Dass das, was ist, ist, haben wir nicht selbstgemacht. Es ist schlechterdings da, wieso und wozu kann uns vor der Hand gleichgültig sein. Denn das, was es ist, haben wir allerdings selber bestimmt und bestimmen es un- entwegt neu: was es für uns sein soll, was man daraus machen kann, als was es uns gilt. Das ist ein praktische Frage.

Einem isolierten Individuum hat sie sich in der Geschichte nie gestellt. Defoes Robinson hatte den Zweckbegriff aus der Zivilisation mitgebracht, und wenn er gelegentlich einem Ding, das er noch nicht kannte, einen neuen Zweck anerfunden hat, so hatte er die Idee, Dinge an ihren Zwecken zu erkennen, doch nicht selber erfinden müssen.


Die Menschen und ihre Vorläufer in der Gattungsgeschichte konnten nicht leben, ohne zusammenzuleben. Dinge fanden sie nicht als Einzelne vor, sondern gemeinsam. Die Frage nach ihren Zwecken stellte sich nicht jedem allein, sondern allen zusammen. Oder auch: Als geltend bewährt haben sich diejenigen Zwecke, die sie teilten, die andern gingen wieder verloren. So entstanden Begriffe von den Dingen.


Richtig ist wohl, dass die Zwecke, die unsere Vorläufer erfanden, sich hauptsächlich aufs nackte Überleben bezogen haben dürften - auf ihren Erhaltungswert für die Individuen in ihren Lebensgesgemeinschaften. Materielle Zwecke teilen sich regelmäßiger mit, ideelle Zwecke bleiben länger individuell. Aber das ist ein gradueller Unterschied, der mit der Höhe der Kultur abnimmt; im Prinzip ist ein Zweck ein Zweck.


Historisch ist es zwar eine bedeutsame Frage, wie immaterielle und daher fernerliegende Zwecke für Homo sapiens eine so viel mächtigere Kraft gewinnen konnten als in allen andern Gattungen. Aber dass es so ist, ist ein Faktum, das aller Anthropologie richtungweisend zugrundeliegt. Denn umstritten sind die Zwecke nur, wenn und weil sie geteilt werden sollen. 

Es ist diese historische Gegebenheit, die wir seit gut drei Jahrhunderten als Vernunft bezeichnen. Sie aktu- alisiert sich alltäglich im Streit.

30. 8. 17 


Auch dies ist nicht transzendental und im Konjunktiv gesprochen, sondern realistisch im Indikativ. Dass die Vernunft in der Welt ist, dass alle Vernünftigen darin übereinkommen, dass sie allenthalben zu gelten hat und dass die Vernünftigen den Meinungskampf überall da beherrschen, wo er öffentlich stattfindet, ist das Faktum, von dem die Transzendentalphilosophie ausgeht. Nicht nur ausgeht: ist das Faktum, das sie verstehen will; das Faktum, auf das sie hinausläuft.

Das wirkliche Aufkommen der Vernunft im Laufe der Geschichte kann wohl mit den Instrumenten der Ver- nunft - Begriff und logische Schlussregeln - beschrieben werden. Aber da sie sich selber voraussetzen, können sie nicht sichtbar machen, was an dem beschriebenen Geschehen das Vernüftige gewesen sein soll: Es ist ein Petitio principii, durch die nichts verständlicher wird.

Verstehen, 'wie die Vernunft zur Welt gekommen ist', will der Transzendentalphilosoph ja, um einen Maßstab zu finden, nach dem er beurteilen kann, ob dieses oder jenes vernünftig ist. Er will nicht aus Neugier entdecken, wo die Vernunft herkam, sondern er will wissen, wie sie begründet ist. Dass sie begründet ist, muss er aus heuri- stischen Gründen voraussetzen, sonst hätte er ja nichts, wonach er suchen kann. So wird er von der Vernunft ein Modell entwerfen. Mit dem ist es wie mit allen Modellen: Sie bestehen, wenn sie in Bewegung die Leistungen er- bringen, die von ihnen erwartet werden. Vorausgesetzt ist die Leistung, aufgesucht werden die Bedingungen, unter denen sie möglich ist. Leistet das Modell, was es soll, so wird es selber Kriterium der Vernünftigkeit: Was nicht ins Modell passt, ist aus dem Verkehr vernünftiger Wesen auszuscheiden.

Die Transzendentalphilosophie ist Vernunftkritik. Hat sie ihre Arbeit besorgt, kann sie sich der wirklichen Ge- schichte davon zuwenden, wie die Vernunft nach und nach die Köpfe von immer mehr Menschen erfasst hat, und kann beurteilen, ob ihr Anspruch auf Weltherrschaft realistisch ist. Dieser zweite Arbeitsgang heißt An- thropologie.
JE

Donnerstag, 5. Juli 2018

"Reizverarbeitung".

Rosel Eckstein / pixelio.de 

Die Welt ist nicht alles, "was der Fall ist". Unmittelbar begegnet sie uns als ungestalter, unendlicher Strom des Erlebens. "Reizverarbeitung", sagt der Neurowissenschaftler. Das Erleben ist nicht an sich zusammengesetzt aus einer Reihe von Erlebnissen. Ein Erlebnis zeigt sich erst, wenn die Reflexion  willkürlich einen 'Punkt' aus dem Strom herausgreift und ihn künstlich gegen die andern abgrenzt. Doch nicht erst die Punkte – der Strom selbst wird im Verlauf der Verarbeitung nicht nur 'gemerkt', sondern als dieses Erleben bewertet. 
 
Das weiß auch der Neurowissenschaftler und kratzt sich am Kopf: weil er nicht weiß, wie das geschieht, und das heißt für ihn: wo das geschieht. Anzunehmen ist, dass auch dies nicht in einem Zentrum im Gehirn passiert, son- dern, wie alle Reizverarbeitung, systemisch erfolgt innerhalb einer beständig wechselnden Konstellation zahlrei- cher Zentren. Die 'Inselrinde' im praefrontalen Cortex  (das Geschmackszentrum) wird irgendwie beteiligt sein, auch das limbische System und der 'Mandelkern' (Amygdala) spielen mit. Und welche Rolle spielt das "Bauch- hirn" (Sonnengeflecht, Plexus solaris) um das Zwerchfell herum? Und: spielt es sie autonom oder seinerseits 'gesteuert' von den neueren, 'höheren' Gehirnpartien?  Spielt es in einem systemischen Vorgang überhaupt eine Rolle, welche Partie älter und niederer, und welche neuer und höher ist? Der Vorgang als Ganzer ist ein 'moder- ner' und könnte ohne Mitwirkung rezenter Partien gar nicht stattfinden.

Und sobald das Erleben in der Reflexion bewusst gemacht und in isolierbare Erlebnisse seziert wurde, tritt es ein in das Netz der Symbole, die ihrerseits wertend wirken und das Erleben "einfärben".

Auch hier sagt der Neurowissenschaftler "Reizverarbeitung" – weil er sich qua Fach auf diese Betrachtungsweise einmal festgelegt hat.

aus e. Notizbuch, um 2002? 

Nota I. - Mit der Formel, die Welt sei 'alles, was der Fall ist', hatte Wittgenstein natürlich nichts empirisch Wahr- nehmbares gemeint, sondern das, was logisch 'der Fall ist'.

1. 12. 13 


Nota II. - Verstehen, wie aus physiologischen Reizen (Gefühl) den Menschen Bedeutungen entstehen, ist die Auf- gabe, die sich die Wissenschaftslehre gestellt hat. Damit hat obiger Eintrag wohlbemeerkt noch nichts zu tun. Hier geht es erst um die durch Beobachten zu eruierende Frage, was sich wo abspielt im Gehirn; wobei als das Was erst noch die auf analoge Weise darstellbaren elektrochemischen Prozesse in den neuronalen Netzen zu ver- stehen ist. Aber noch lange nicht das Was einer praktischen ('durch Freiheit möglich') Bedeutung, die ich erst verstehen müsste, um durch mein Handeln in der Welt Realität zu verschaffen. 


Da haben wir auf der unteren Seite einen reellen Stoffwechsel-Prozess und auf der oberen Seite eine Folge realer Handlungen, die sich ebenfalls als Austausch von Energien und Materien darstellen lässt. Dazwische liegt die Be- deutung "als solche"; in einem Schwebezustand, nicht mehr und noch nicht wieder ganz wirklich, sondern 'erst noch möglich', aber vor allem: nicht nichts!

Umgangssprachlich sagen wir: erst noch als Begriff (mit dem letzten Endes eine Handlungsanweisung gemeint ist). Der lässt sich nun nicht mehr im analogen Modus darstellen und anschauen. Er lässt sich lediglich denken. Darge- stellt (und mitgeteilt) wird das Denken im digitalen Modus, indem den gedachten Bedeutungen ein willkürlich wählbares Zeichen angeheftet wird; in der Erwartung, dass der, der das Zeichen entziffert, wohl schon dasselbe herauslesen wird, was der Bezeichner hineingedcht hat. Dass es so ist, gewinnt überhaupt erst durch regelmäßi- gen und allgemeinen Austausch eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Sichherstellen kann man es nie. Denn die Über- setzung von Etwas aus dem analogen in den digitalen Modus und zurück ist schlechterdings ein Kunst-Stück - und als solches ein Rätsel. Es ist der Akt des Bestimmens, und als solcher eine Leistung der Einbildungskraft.
JE