Montag, 31. Dezember 2018

Verzeichnen und begreifen.


Es liegt auf der Hand, daß weder Dinge an sich miteinander im Verhältnisse von Ursache und Wirkung stehen können noch Erscheinung mit Erscheinung: womit sich ergibt, daß der Begriff »Ursache und Wirkung« inner- halb einer Philosophie, die an Dinge an sich und an Erscheinungen glaubt, nicht anwendbar ist. Die Fehler Kants –

Tatsächlich stammt der Begriff »Ursache und Wirkung«, psychologisch nachgerechnet, nur aus einer Denkwei- se, die immer und überall Wille auf Wille wirkend glaubt, – die nur an Lebendiges glaubt und im Grunde nur an »Seelen« (und nicht an Dinge). Innerhalb der mechanistischen Weltbetrachtung (welche Logik ist und deren An- wendung auf Raum und Zeit) reduziert sich jener Begriff auf die mathematische Formel – mit der, wie man im- mer wieder unterstreichen muß, niemals etwas begriffen, wohl aber etwas bezeichnet, verzeichnet wird.
[554]
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Nietzsche, Aus dem Nachlass (XII)



Nota. - Das ist fein beobachtet: dass auch das mathematische Weltbild insgeheim den Willen und den Handeln- den impliziert. Denn noch die simpelste mathematische Gleichung vollzieht sich ja nicht von allein. Die Opera- tion setzt einen voraus, der operiert. Das wird durch die dürren Zeichen lediglich verdeckt. Die Mathematik be- schreibt nicht, was ist, sondern was getan werden kann.
JE






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Sonntag, 30. Dezember 2018

Der Wille zur Macht.

westgateevents

Es gibt gar keinen Egoismus, der bei sich stehenbliebe und nicht übergriffe, – es gibt folglich jenen »erlaubten«, »moralisch indifferenten« Egoismus gar nicht, von dem ihr redet.
»Man fördert sein Ich stets auf Kosten des andern«; »Leben lebt immer auf Unkosten andern Lebens« – wer das nicht begreift, hat bei sich auch nicht den ersten Schritt zur Redlichkeit getan.
[369]

Der Wille zur Macht interpretiert (– bei der Bildung eines Organs handelt es sich um eine Interpretation): er grenzt ab, bestimmt Grade, Machtverschiedenheiten. Bloße Machtverschiedenheiten könnten sich noch nicht als solche empfinden: es muß ein wachsenwollendes Etwas da sein, das jedes andre wachsen-wollende Etwas auf seinen Wert hin interpretiert. Darin gleich – – In Wahrheit ist Interpretation ein Mittel selbst, um Herr über etwas zu werden. (Der organische Prozeß setzt fortwährend Interpretieren voraus.) 
[643] 

Der Wille zur Macht. – Wie die Menschen beschaffen sein müßten, welche diese Umwertung an sich vorneh- men. Die Rangordnung als Machtordnung: Krieg und Gefahr die Voraussetzung, daß ein Rang seine Bedin- gungen festhält. Das grandiose Vorbild: der Mensch in der Natur – das schwächste, klügste Wesen sich zum Herrn machend, die dümmeren Gewalten sich unterjochend. 
[856] 

Daß der Wert der Welt in unserer Interpretation liegt (– daß vielleicht irgendwo noch andre Interpretationen möglich sind als bloß menschliche –), daß die bisherigen Interpretationen perspektivische Schätzungen sind, vermöge deren wir uns im Leben, d. h. im Willen zur Macht, zum Wachstum der Macht, erhalten, daß jede Er- höhung des Menschen die Überwindung engerer Interpretationen mit sich bringt, daß jede erreichte Verstärkung und Machterweiterung neue Perspektiven auftut und an neue Horizonte glauben heißt – das geht durch meine Schriften. Die Welt, die uns etwas angeht, ist falsch, d. h. ist kein Tatbestand, sondern eine Ausdichtung und Run- dung über einer mageren Summe von Beobachtungen; sie ist »im Flusse«, als etwas Werdendes, als eine sich immer neu verschiebende Falschheit, die sich niemals der Wahrheit nähert: denn – es gibt keine »Wahrheit«. 
[616]
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Nietzsche, Aus dem Nachlass (XII)



Nota. - Berüchtigt ist unter den Nietzsche-Texten vor allem der Nachlass aus den achtziger Jahren, mit dem Mutter und Schwester allerlei Schindluder getrieben haben.

Eigentlich ist er aber der philosophisch tiefere Teil - und zwar gerade durch das Anstößigste daran: den "Willen zur Macht". Endlich hatte er sich dazu durchgerungen, unterm aphoristischen Glitzern nach festerem Stoff zu bohren, doch so ergab sich zwanglos die Erfordernis nach Systematisierung - nämlich die, seine Untersuchun- gen einem verallgemeinernden Zweck zuzuordnen.

'Es ist ja alles Lüge, aber nützliche Fiktion zum Besten des Lebens!' Und dieser blasse Allgemeinplatz sollte allein keine Fiktion sein? Wenigstens emphatisch musste 'das Leben' so überhöht werden, dass es einen bestimm- ten Sinn vorstellen konnte, der all die andern Fiktionen immerhin überstrahlen würde. Was Besseres als der Wille zur Macht ist ihm da nicht eingefallen.


Es ist aber etwas, das man glauben muss - wenn man will; oder einfach ignorieren kann. Will sagen, irgendeine Verbindlichkeit, es zu denken, kann es nicht geltend machen. Er ist schlicht und einfach zu Schopenhauers Wil- len zurückgekehrt, aber im Trotz, nein, die Vorstellung war ihm zu schwächlich, zu unehrlich, überall, wo er im Nachlass endlich auf das philosophische Erbe eingeht, stichelt er doch, selbst wenn er "Kant" sagt, gegen den Schopenhauerschen Quietismus, der überall 'das Leben' hinwegsubtilisiert, um bei seinem vorstellenden kleinen Ich traut hinterm Ofen zu liegen.

Da setzt er noch einen obendrauf, macht aus Leben einen Willen zur Macht, welcher, da hat er völlig Recht, nur ein Wille zur Macht über andere sein kann, und hat schließlich herausgebracht, was er bei allen andern moniert: ein absolutes Subjekt. Und damit liegt er nun wirklich schief. 'Absolut' kann schlechterdings kein reales Subjekt sein; das ist eo ipso bedingt. Absolut kann überhaupt nur ein Transzendentales sein: im Denken; es kann als ab- solut gedacht werden (wenn auch nicht so recht).

Und am Schluss bemerkt man: Der ruppige Ton, den er zeitlebens gegen die Schulphilosophen angeschlagen hat, stand ihm gar nicht zu. Er blieb hinter ihnen zurück; daher das Getöse.
JE

Samstag, 29. Dezember 2018

"Es blitzt."


Wenn ich sage »der Blitz leuchtet«, so habe ich das Leuchten einmal als Tätgkeit und das andere Mal als Subjekt gesetzt: also zum Geschehen ein Sein supponiert, welches mit dem Geschehen nicht eins ist, vielmehr bleibt, ist und nicht »wird«. – Das Geschehen als Wirken anzusetzen: und die Wirkung als Sein: das ist der doppelte Irrtum, oder Interpretation, deren wir uns schuldig machen.
[531]
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Nietzsche, Aus dem Nachlass (XII)

Nota. -Ich sehe es blitzen, aber einen Blitz sehe ich nicht; schon gar nicht, wie er leuchtet. Das ist der Unter- schied von Anschauung und Begriff. Der Begriff fasst alles, was geschieht, so auf, als ob etwas ist. Das Hilfsverb sein ist als Begriff die größte Nummer, die wir haben.

Nietzsche fällt auf, dass da ein Problem ist. Doch statt der Sache auf den Grund zu gehen, bleibt er stehen beim Beklagen eines Irrtums. Der Begriff ist aber kein Irrtum. Es ist nur dann ein Irrtum, tätiges Wirken als totes Sein vorzustellen, wenn man zugleich annimmt, aus Begriffen sei die Welt erbaut. 

Das wäre der dogmatische Gebrauch des Begriffs. Reell ist nur, was anschaubar ist, und das ist allein aktuelles Wirken in seinem Verlauf. Doch unverzichtbar wird der Begriff, wenn man tätiges Wirken (und tätig Wirkende) beurteilen will - das macht nicht die Anschauung, dazu bedarfs der Reflexion; und die verlangt nach festen Bezü- gen.

Das war aber gar nicht Nietzsches Problem. Er will vielmehr ein Werden ohne Subjekt. Alles fließt und bleibt sich gleich, weil alles wiederkehrt. Das ist wiederum die Verwandlung von etwas, das ich anschaue, in etwas, das... ist. "Das Werden" ist hier Subjekt - und Begriff! 

Wenn er werden anschaut, schaut er nicht 'das Werden' an. Sondern er handelt; selber! Bei ihm kommen Sinnes- eindrücke an, viele auf einmal, miteinander und nacheinander. Irgend eine Bestimmung, nach der er sie ordnet, muss er selbst hineinbringen; 'sie selber' haben keine. Er sieht es blitzen - wobei das es schon etwas ist, das er nicht sieht, das hat er sich vorgestellt, aber nicht so richtig, es ist eine objektivierende Interpretation, die ihm unterläuft wie ein als Begriff verkleidetes Hilfsverb. 

Das Subjekt steckt als Voraussetzung immer drin. Wenn er es loswerden will, muss er mit dem Anschauen aufhören; mit dem Denken schon gar.

(Der Haken ist, dass N. nicht abstrahieren kann. Unter einem Subjekt kann er immeer nur ein reales verstehen. Das transzendentale Ich ist ihm unbekannt.)
JE






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Freitag, 28. Dezember 2018

Achilles und die Schildkröte

paradiso-magazin

Für den selber tätigen Achilles ist die laufende Zeit der Bezugsrahmen; für den untätigen Zuschauer ist der ruhende Raum der Bezugsrahmen. Achilles hat die Objekt-Ansicht; Zenon hat die Meta-Ansicht. In seinem Bericht stellt er es im ersten Teil so dar, als sei er selber Achilles. Im zweiten Teil tritt er zur Seite und schaut nur noch zu. Sein Draufblick ist objektiv, subjektiv ist der Irrtum des verstrickten Achilles.

Bei allen Paradoxa des Zenon - womöglich überhaupt bei allen Paradoxa? - liegt dieselbe Vertauschung von erster und zweiter semantischer Ebene vor. Man sollte einen Preis ausloben für ein Paradox, das sich nicht so auflösen lässt. (Nota: Wenn es ein solches gäbe, wäre es ein Hinweis darauf, dass die Logik nicht von den Men- schen gemacht ist; denn ansonsten müsste alles jederzeit aufgehen.)

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Subjekt und Wille.

 
In jedem Urteile steckt der ganze, volle, tiefe Glaube an Subjekt und Prädikat oder an Ursache und Wirkung (nämlich als die Behauptung, daß jede Wirkung Tätigkeit sei und daß jede Tätigkeit einen Täter voraussetze); und dieser letztere Glaube ist sogar nur ein Einzelfall des ersteren, so daß als Grundglaube der Glaube übrig- bleibt: es gibt Subjekte, alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgendwelchem Subjekte.

Ich bemerke etwas und suche nach einem Grund dafür: das heißt ursprünglich: ich suche nach einer Absicht dar- in und vor allem nach einem, der Absicht hat, nach einem Subjekt, einem Täter: alles Geschehen ein Tun - ehe- mals sah man in allem Geschehen Absichten, dies ist unsere älteste Gewohnheit. 


Hat das Tier sie auch? Ist es, als Lebendiges, nicht auch auf die Interpretation nach sich angewiesen? – Die Fra- ge »warum?« ist immer die Frage nach der causa finalis, nach einem »Wozu?« Von einem »Sinn der causa efficiens« haben wir nichts: hier hat Hume recht, die Gewohnheit (aber nicht nur die des Individuums!) läßt uns erwarten, daß ein gewisser oft beobachteter Vorgang auf den andern folgt: weiter nichts! Was uns die außerordentliche Festigkeit des Glaubens an Kausalität gibt, ist nicht die große Gewohnheit des Hintereinanders von Vorgängen, sondern unsre Unfähigkeit, ein Geschehen anders interpretieren zu können als ein Geschehen aus Absichten. 

Es ist der Glaube an das Lebendige und Denkende als an das einzig Wirkende – an den Willen, die Absicht –, es ist der Glaube, daß alles Geschehen ein Tun sei, daß alles Tun einen Täter voraussetze, es ist der Glaube an das »Subjekt«. Sollte dieser Glaube an den Subjekt- und Prädikat-Begriff nicht eine große Dummheit sein?
 

Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens? Oder ist auch das Illusion? Ist sie nicht das Geschehen selbst? 
[550] 
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Nietzsche, Aus dem Nachlass (XII) 


Nota. - Er ist Kritiker nur an der Oberfläche. Er denkt arglos unter dogmatischen Voraussetzungen. Er redet von dem, was ist, so, als wüsste er, was das bedeutet. Immerhin fällt ihm auf, dass das anmaßend ist. Doch statt zurückzutreten und einen neuen Anlauf zu nehmen, begnügt er sich mit Mosern. 

Er will sich bloß Schopenhauers Willen vom Hals schaffen, der auf Erden immer ein wirkendes Subjekt vor- aussetzt, und ein solches wäre verantwortlich - seinem Pastor, und das kann N. nicht zugeben.

Doch ein Subjekt "ist" nicht und "hat" keinen Willen. Ein Ich 'setzt sich', indem es sich zu wollen entschließt. Das ist ihm nicht auferlegt von einem, der Rechenschaft fordert, das tut es oder tut es nicht aus Freiheit. Verantwor- ten muss es sich wohl, aber vor sich selbst. Nach welchem Maßstab, muss es aus Freiheit wiederum selber wäh- len. Das ist schon was anderes als sein lutherisches "Subjekt", das alles auf seinen Weg mitbekommen hat und damit als Haushälter "wirken" darf.
JE




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Mittwoch, 26. Dezember 2018

Urteil und Wirkung.

site blanc

Das Urteilen ist unser ältester Glaube, unser gewohntestes Für-Wahr- oder Für-Unwahr-halten, ein Behaupten oder Leugnen, eine Gewißheit, daß etwas so und nicht anders ist, ein Glaube, hier wirklich »erkannt« zu haben – was wird in allen Urteilen als wahr geglaubt?
 

Was sind Prädikate? – Wir haben Veränderungen an uns nicht als solche genommen, sondern als ein »An-sich«, das uns fremd ist, das wir nur »wahrnehmen«: und wir haben sie nicht als ein Geschehen, sondern als ein Sein gesetzt, als »Eigenschaft« – und ein Wesen hinzuerfunden, an dem sie haften, d. h. wir haben die Wirkung als Wirkendes angesetzt und das Wirkende als Seiendes. 

Aber auch noch in dieser Formulierung ist der Begriff »Wirkung« willkürlich: denn von jenen Veränderungen, die an uns vorgehen und von denen wir bestimmt glauben, nicht selbst die Ursache zu sein, schließen wir nur, daß sie Wirkungen sein müssen: nach dem Schluß: »zu jeder Veränderung gehört ein Urheber«; – aber dieser Schluß ist schon Mythologie: er trennt das Wirkende und das Wirken. 

Wenn ich sage »der Blitz leuchtet«, so habe ich das Leuchten einmal als Tätgkeit und das andere Mal als Subjekt gesetzt: also zum Geschehen ein Sein supponiert, welches mit dem Geschehen nicht eins ist, vielmehr bleibt, ist und nicht »wird«. – Das Geschehen als Wirken anzusetzen: und die Wirkung als Sein: das ist der doppelte Irrtum, oder Interpretation, deren wir uns schuldig machen. 
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Nietzsche, Aus dem Nachlass (XII)

 

Nota. - Er steht schon im Vorzimmer der kritischen alias Transzendentalphilosophie, aber weil er nicht bloß aphoristisch schreibt, sondern auch denkt, befingert er überall nur die Oberfläche. Dass ihm deutsche Gründ- lichkeit zuwider war, darf man ihm bis heute als Verdienst anrechnen, aber mit deutschem Tiefsinn hat er nur zu gerne koketttiert; indem er nämlich seine Paradoxa als Fragen verkleidete. 

Nein, Fragen ist an sich noch kein Verdienst, sondern nur, wenn ein Wille zur Antwort dabei ist. Doch dann müsste man eben weiter gehen, das kostet Arbeit und Disziplin (auch was Deutsches): das kostet Systematik, und davor graute ihm. Überall witterte er metaphysisches Ansich, und das roch ihm nach lutherischem Pfarrhaus. Dabei ist Systematik gerade in der Kritik vonnöten, sonst verläuft sie sich in alle Richtungen. So bei ihm.
JE 

Dienstag, 25. Dezember 2018

Die Aktualität von Raum und Zeit.

  
Man meint, die Zeit sei so elementar wie der Raum.

Doch während der Raum nur eine Qualitas aufweist - nämlich die Ausdehnung -, weist die Zeit derer zwei auf. Erstens das Vorher/Nachher, und zweitens die Dauer.


Ausgedehnt ist an der Zeit nur die Dauer. Wie ist es mit vorher/nachher? Als vorher nehme ich einen bestimmten Zustand an; als nachher einen anders bestimmten Zustand. In der Vorstellung vorausgesetzt ist jedenfalls eine Bestim- mung; und mithin ein Bestimmender. Das Bestimmen ist aber ein actus; es geschieht an einem - an diesem und kei- nem andern - Punkt. Der Punkt ist ein Ort in der Dauer.

Der actus setzt den Punkt, anders gäbe es keinen Raum. Und ohne Punkt gäbe es kein vorher/nachher.




Montag, 24. Dezember 2018

Einfach so und nicht anders.

Beate Güldner

Die »Regelmäßigkeit« der Aufeinanderfolge ist nur ein bildlicher Ausdruck, wie als ob hier eine Regel befolgt werde: kein Tatbestand. Ebenso »Gesetzmäßigkeit«. Wir finden eine Formel, um eine immer wiederkehrende Art der Folge auszudrücken: damit haben wir kein »Gesetz« entdeckt, noch weniger eine Kraft, welche die Ursache zur Wiederkehr von Folgen ist. 

Daß etwas immer so und so geschieht, wird hier interpretiert, als ob ein Wesen infolge eines Gehorsams gegen ein Gesetz oder einen Gesetzgeber immer so und so handelte: während es, abgesehen vom »Gesetz«, Freiheit hätte, anders zu handeln. Aber gerade jenes So-und-nicht-anders könnte aus dem Wesen selbst stammen, das nicht in Hinsicht erst auf ein Gesetz sich so und so verhielte, sondern als so und so beschaffen. Es heißt nur: etwas kann nicht auch etwas anderes sein, kann nicht bald dies, bald anderes tun, ist weder frei noch unfrei, sondern eben so und so. Der Fehler steckt in der Hineindichtung eines Subjekts.
[632] 
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Nietzsche, Aus dem Nachlass (XII)



Nota. - Da hat er völlig Recht: Wir können es uns nicht anders vorstellen, als ob da ein Allverursacher für Ord- nung sorgte. Denn aus dem Handeln, zum Zweck des Handelns ist unser Vorstellen entstanden. Wenn wir von allem in der Vorstellung abstrahieren können - davon nicht.

Doch indem wir uns das vergiftete Geschenk der Begriffsbildung mit seiner inhärenten dogmatischen Versu- chung beschert haben, haber wir uns damit zugleich die Waffe der Kritik in die Hand gegeben. So wie der Be- griff zum Baustein für metaphysische Türme zu Babel taugt, taugt er auch zum Sezierbesteck der Vernunft.
JE

 

Sonntag, 23. Dezember 2018

Von Köpfen und Wänden.



Mit dem Kopf kommt man durch die Wand, womit sonst? Wer Dir etwas anderes erzählt, will nur nicht, dass Du's durch die Wand schaffst. Wenn man mit dem Kopf nicht durch die Wand käme - wozu hätte ich ihn dann?

Das wusste ich, als ich noch nicht alt war, aber schon klug. Durch die Wand hab ichs noch heute nicht ge- schafft, aber versucht habe ich es jederzeit. Jetzt bin ich immer noch nicht alt, aber älter, und klüger auch, aber nicht wirklich viel. Zwar - man könnte sich auch durch manch enge Öffnung schlängeln, aber für mich kommt das heute genauso wenig in Frage wie damals. Da bin ich froh drüber.

Zuerst muss man mit dem Kopf die Wand durchstochen haben, erst dann kann man vorsichtig die Schultern und die Arme und all den Rest hinterherschieben. Aber woher könnten die wissen, wo sie lang sollen, wenn's der Kopf nicht vorher erspäht hätte! Sollen etwa die Füße zuerst...? Na also!

Ganz entschieden: Der Spruch, mit dem Kopf käme man nicht durch die Wand, stammt von den Wächtern der Wände. "Lass bloß die Wand in Ruhe!" ist damit gemeint. 



Samstag, 22. Dezember 2018

Mit dem Kopf durch die Wand.


Objektiv, nämlich aus Sicht eines unbeteiligten Andern, sieht es so aus: Ich will mit dem Kopf durch die Wand, und das tut weh. 

Aber in meinem Bewusstsein geht es anders vor: Aus dem Schmerz schließe ich, dass da, wo ich mit dem Kopf durchwollte, eine Wand ist.

Das erste ist die Sicht des gesunden Menschenverstands, der mich von außen betrachtet. Das zweite ist die Sicht der Transzendentalphilosophie, die in mich hinein, hindurch und gewissermaßen hinter mich blickt. 
 
8. 10. 16

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Sein und gelten.

Thaler, reell (oder nur abgebildet?)                                                  aus Wendeltreppe abwärts, 10. Windung

Kant hat bemerkt, wie ohne Zweifel viele vor ihm, dass die hundert Taler, die er sich denkt, doch leider ganz was andres wären, als hundert Taler, die er in seiner Tasche trüge. Wohl wahr, sagt Hegel; aber so ganz und gar nichts wäre das, was man sich denkt, andrerseits doch auch wieder nicht.

Die Taler in der Tasche und die Taler in der Vorstellung haben eins gemein: Alle zweihundert haben eine Be- deutung. Will sagen, in beiden Modis können sie mich dazu bestimmen, mich so oder anders zu verhalten. Ob ich sie habe, sie nicht zu haben bedaure, sie zu haben begehre, sie zu haben nicht achte…

Licht in dieses Mysterium hat Hermann Lotze gebracht. Er unterscheidet – Ei des Kolumbus – drei verschie- dene Wirklichkeits- oder besser Gegebenheitsmodi: das (allbekannte) Sein, das (später so genannte) Erleben und das – erst von ihm zur Geltung gebrachte – Gelten. Von den so genannten Wahrheiten sagt er insbesondere: "Sie schweben nicht zwischen, außer oder über dem Seienden. Als Zusammenhangsformen mannigfaltiger Zustän- de sind sie vorhanden nur in dem Denken eines Denkenden, indem es denkt, oder in dem Wirken eines Seienden in dem Augenblick seines Wirkens." (Lotze, Mikrokosmos, III/2, 579)

Das war erst nur eine logisch formale Unterscheidung. Materiallogisch gedacht, müsste es so heißen: Allererst 'gegeben' ist das Erleben selbst;* ein Strom von Empfindungen, in dem Sinnliches, Logisches und ästhetisch-moralisch Werthaftes noch gänzlich ungeschieden als ein und dasselbe "in Erscheinung treten".

Alles, was danach kommt, ist ein Arbeitsprodukt der Reflexion.

Die hundert Taler in meiner Vorstellung und die hundert Taler in meiner Tasche gelten gleich, wenn ich an ihnen eine Rechung – sagen wir: von Zins und Zinseszins – durchführe. Sie gelten ganz verschieden, wenn ich eine Schneiderrechnung bezahlen soll. 

Mit ihrem Sein hat das durchaus zu tun – indem es nämlich in mein Dasein mal mehr, mal weniger eng ver- strickt ist.

21. 9. 15 


*) So in anthropologischer Sicht. Faktisches und Gewertetes sind empirisch zunächst gar nicht zu unterscheiden. Erst der reflektierende Beobachter trägt mit seinem Begriff den Unterschid von Sein und Gelten hinein. Denn er weiß - wenn es ihm vielleicht auch nicht klar vor Augen liegt -, dass der Mensch wesentlich ein Handelnder ist. (Wesentlich, weil er seinem Wesen nach sein Leben führen muss; anders als das Tier, von dem er sich ebendarin unterscheidet.) Weil er allenthalben handeln muss, muss er allenthalben urteilen: was ihm mehr gilt als ein anderes. 

In der transzendentalen Betrachtung ist diese Unterscheidung a priori längst gefallen; denn sie fragt ohnehin nur nach dem, was in der Genesis der Vernunft wirksam wird. Und der Vernunft geht es allein um Geltungen: Ihre Arbeit ist das Bestimmen. Das Sein ist und bleibt bloßes Objekt; von ihm weiß man nur, dass...
JE


Mittwoch, 19. Dezember 2018

Vom Glauben an das Sein.


Wer an ein festes, beharrliches und todtes Seyn glaubt, der glaubt nur darum daran, weil er in sich selbst todt ist; und, nachdem er einmal todt ist, kann er nicht anders, denn also glauben, sobald er nur in sich selbst klar wird. Er selbst und seine ganze Gattung von Anbeginn bis ans Ende wird ihm ein zweites, und eine nothwen- dige Folge aus irgend einem / vorauszusetzenden ersten Gliede. Diese Voraussetzung ist sein wirkliches, kei- nesweges ein bloss gedachtes Denken, sein wahrer Sinn, der Punct, wo sein Denken unmittelbar selbst Leben ist; und ist so die Quelle alles seines übrigen Denkens und Beurtheilens seines Geschlechts, in seiner Vergan- genheit, der Geschichte, seiner Zukunft, den Erwartungen von ihm, und seiner Gegenwart, im wirklichen Leben an ihm selber und andern.
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J. G. Fichte, Reden an die deutsche Nation, 7. Rede, SW Bd. VII, S.  372f.