Sonntag, 30. September 2018

Samstag, 29. September 2018

Das Tier, das raten kann.

Wahrsagerin

Auch einem Tier begegnen wohl Situationen, die noch nie vorgekommen sind. Versucht es dann sein Glück?

Nicht eigentlich. Es tut irgendwas, oder auch nichts; was bleibt ihm übrig? 

Der Mensch versucht. Er "stellt sich was vor" und handelt so, wie er es getan haben würde, wenn es wirklich so wäre. Er rät.

Bislang habe ich Max Schelers Satz, der Mensch sei das Tier, das nein sagen kann, zu vervollständigen gemeint in der Formel: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, weil er fragen muss. Vollständiger wird er aber so: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, weil er raten muss, nachdem er gefragt hat. 

Die Antwort, die er sich nur selber geben konnte, muss er versuchen.
 
6. 12. 14 

Nota I. - Was bei Kant und Fichte  Einbildungskraft heißt, ist nichts anderes als die Fähigkeit zu raten.

17. 7. 15


Nota II. - Was der Transzendentalphilosoph die prädikative Qualität nennt, aus deren ursprünglicher Bestim- mungslosigkeit sich der Mensch 'als Ich setzt', ist für die historische Anthropologie die existenzielle Gegebenheit, allezeit vor einem Rätsel zu stehen. In dem Rätsel zeigt sich die Leere, die entstand, als unsere Vorfahren das Be- deutungsgefüge ihrer angestammten Umweltnische hinter sich ließen.
JE 


 

Freitag, 28. September 2018

Gefühlt und gemeint.

Dornauszieher
 
Kants Unterscheidung von Phänomenon und Noumenon ist der Kern der Transzendentalphilosophie. Das Phänomen ist das, was den Sinnen erscheint, nämlich in Raum und Zeit zugleich. Es ist das, was landläufig ein Ding genannt wird und als das eigentlich Wirkliche gilt. 

Aber es kommt auch in dem vor, was wir unser Denken nennen und unsern Geist. Doch während wir selbst in Raum und Zeit sind, sind es unsere Gedanken nicht. Als Gedanke ist das Ding jenseits - oder diesseits? - von Raum und Zeit. Was wir denken, ist nicht das Ding selbst, sondern das, was es bedeutet. Das Ding gibt es zwei- mal - einmal sinnlich und einmal geistig, einmal gefühlt und einmal gedacht; und soll doch dasselbe sein!

An den Dingen sind Fühlen und Meinen getrennt. Nach der Trennung kann ich fragen: Was ist jedes für sich, wo kommen sie jeweils her? Statt nachzusehen, wo sie vor der Trennung waren! Ursprünglich sind sie nämlich ver- eint - im Handeln. Im Handeln fühle ich und meine ich gleichermaßen und kann nicht das eine ohne das andere. Die Frage muss viel- mehr lauten: Wo kommt die Trennung her? Sie kommt aus dem Reflektieren auf das Han- deln. Das Reflektieren ist selber Handeln. Das Handeln ist sein Gegenstand, den es 'gemeint' hat. Sein gemeinter Gegenstand ist eine Abstraktion vom wirklichen Handeln. So sind alle Noumena Abstraktionen von wirkli- chem Handeln - und bestünde es nur im Vorstellen. 

Das Vorstellen geschieht in Raum und Zeit, und es geschieht in Gedanken; als Gedanke. Es ist Handeln. Es ist Schema des Handelns, aber nicht sein Urbild, sondern sein Abstraktissimum; nämlich wenn es losgelöst von ge- genständlichem Handeln aufgefasst wird: von einer nachträglich hinzugetretenen Reflexion.

Der wirkliche Ausgangspunkt ist das Handeln, im Handeln sind sinnliche Welt und intelligible Welt eins. Erst wenn die Vorstellung sich aus dem Handeln hinausdenkt und von Dingen unterscheidet, entsteht mit der intel- ligiblen Welt eine sinnliche. Im wirklichen Leben sind sie ungeschieden, denn da ist jedes Ding das, als was es gilt, und was nicht als dieses oder jenes gilt, gilt immerhin als Rätsel.




Donnerstag, 27. September 2018

Noumena sind nur negativ zu gebrauchen.


Es liegt indessen hier eine schwer zu vermeidende Täuschung zum Grunde. Die Kategorien gründen sich ihrem Ursprunge nach nicht auf Sinnlichkeit, wie die Anschauungsformen, Raum und Zeit, scheinen also eine über alle Gegenstände der Sinne erweiterte Anwendung zu verstatten. Allein sie sind ihrerseits wiederum nichts als Gedankenformen, die bloß das logische Vermögen enthalten, das mannigfaltige in der Anschauung Gegebene in ein Bewußtsein a priori zu vereinigen, und da können sie, wenn man ihnen die uns allein mögliche Anschauung wegnimmt, noch weniger Bedeutung haben, als jene reinen sinnlichen Formen, durch die doch wenigstens ein Objekt gegeben wird, anstatt daß eine unserem Verstande eigene Verbindungsart des Mannigfaltigen, wenn diejenige Anschauung, darin dieses allein gegeben werden kann, nicht hinzukommt, gar nachts bedeutet. – Gleichwohl liegt es doch schon in unserem Begriffe, wenn wir gewisse Gegenstände, als Erscheinungen, Sin- nenwesen (Phänomena) nennen, indem wir die Art, wie wir sie anschauen, von ihrer Beschaffenheit an sich selbst unterscheiden, daß wir entweder eben dieselbe nach dieses letzteren Beschaffenheit, wenn wir sie gleich in derselben nicht anschauen, oder auch andere mögliche Dinge, die gar nicht Objekte unserer Sinne sind, als Gegenstände bloß durch den Verstand gedacht, jenen gleichsam gegenüberstellen, und sie Verstandeswesen (Noumena ) nennen. Nun frägt sich: ob unsere reinen Verstandesbegriffe nicht in Ansehung dieser Letzteren Bedeutung haben, und eine Erkenntnisart derselben sein könnten?

Gleich anfangs aber zeigt sich hier eine Zweideutigkeit, welche großen Mißverstand veranlassen kann: daß, da der Verstand, wenn er einen Gegenstand in einer Beziehung bloß Phänomen nennt, er sich zugleich außer die- ser Beziehung noch eine Vorstellung von einem Gegenstande an sich selbst macht, und sich daher vorstellt, er kön- ne sich auch von dergleichen Gegenstande Begriffe machen, und, da der Verstand keine anderen als die Katego- rien liefert, der Gegenstand in der letzteren Bedeutung wenigstens durch diese reinen Verstandesbegriffe müsse gedacht werden können, dadurch aber verleitet wird, den ganz unbestimmten Begriff von einem Verstandeswesen, als einem Etwas überhaupt außer unserer Sinnlichkeit, für einen bestimmten Begriff von einem Wesen, welches wir durch den Verstand auf einige Art erkennen können, zu halten.

Wenn wir unter Noumenon ein Ding verstehen, so fern es nicht Objekt unserer sinnlichen Anschauung ist, indem wir von unserer Anschauungsart desselben abstrahieren; so ist dieses ein Noumenon im negativen Verstande. Verste- hen wir aber darunter ein Objekt einer nichtsinnlichen Anschauung, so nehmen wir eine besondere Anschauungsart an, nämlich die intellektuelle, die aber nicht die unsrige ist, von welcher wir auch die Möglichkeit nicht einsehen können, und das wäre das Noumenon in positiver Bedeutung.

Die Lehre von der Sinnlichkeit ist nun zugleich die Lehre von den Noumenen im negativen Verstande, d. i. von Dingen, die der Verstand sich ohne diese Beziehung auf unsere Anschauungsart, mithin nicht bloß als Erschei- nungen, sondern als Dinge an sich selbst denken muß, von denen er aber in dieser Absonderung zugleich be- greift, daß er von seinen Kategorien in dieser Art sie zu erwägen, keinen Gebrauch machen könne, weil diese nur in Beziehung auf die Einheit der Anschauungen in Raum und Zeit Bedeutung haben, sie eben diese Einheit auch nur wegen der bloßen Idealität des Raums der Zeit durch allgemeine Verbindungsbegriffe a priori bestim- men können. Wo diese Zeiteinheit nicht angetroffen werden kann, mithin beim Noumenon, da hört der ganze Gebrauch, ja selbst alle Bedeutung der Kategorien völlig auf; denn selbst die Möglichkeit der Dinge, die den Kategorien entsprechen sollen, läßt sich gar nicht einsehen; weshalb ich mich nur auf das berufen darf, was ich in der allgemeinen Anmerkung zum vorigen Hauptstücke gleich zu Anfang anführte.

Nun kann aber die Möglichkeit einer Dinges niemals bloß aus dem Nichtwidersprechen eines Begriffs dessel- ben, sondern nur dadurch, daß man diesen durch eine ihm korrespondierende Anschauung belegt, bewiesen werden. Wenn wir also die Kategorien auf Gegenstände, die nicht als Erscheinungen betrachtet werden, an- wenden wollten, so müßten wir eine andere Anschauung, als die sinnliche, zum Grunde legen, und alsdann wäre der Gegenstand ein Noumenon in positiver Bedeutung. Da nun eine solche, nämlich die intellektuelle An- schauung, schlechterdings außer unserem Erkenntnisvermögen liegt, so kann auch der Gebrauch der Katego- rien keineswegs über die Grenze der Gegenstände der Erfahrung hinausreichen, und den Sinnenwesen korres- pondieren zwar freilich Verstandeswesen, auch mag es Verstandeswesen geben, auf welche unser sinnliches Anschauungsvermögen gar keine Beziehung hat, aber unsere Verstandesbegriffe, als bloße Gedankenformen für unsere sinnliche Anschauung, reichen nicht im mindesten auf diese hinaus; was also von uns Noumenon genannt wird, muß als ein solches nur in negativer Bedeutung verstanden werden.

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Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 306-309





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Mittwoch, 26. September 2018

Gott ist problematisch.


Die zunächst vorliegende Frage ist: Woher kommt uns dieser Begriff? Er ist kein hypothetischer Begriff, um irgend andere Sätze zu unterstützen, sondern er ist als für sich (absolut) bestehend gedacht, wiewohl doch auch nicht ausgesprochen, als ob dadurch ein solches Wesen existiere. Der Begriff ist problematisch. 
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Immanuel Kant, Opus Postumum, 1. Konvolut, S. 036


Nota. -
Der Begriff ist denkbar. (Was gedacht wird, ist Begriff.) Was wirklich ist, muss ich denken können. Nicht alles, was denkbar ist, ist wirklich. Der Vernunftmensch unterscheidet das eine vom andern. Nicht das Wirkli- che ist ein Problem (gr. Aufgabe), sondern der Begriff.

Wie kommen wir zu der Annahme, dass unsern Begriffen etwas entspricht, das auch da wäre, wenn wir es nicht begriffen? Das ist die Eingangsfrage der Wissenschaftslehre

Bleiben übrig die Begriffe, von denen ich nicht annehme, dass ihnen etwas Wirkliches entspricht. (Nicht ge- meint sind Wahnideen: Der sie hat, wähnt, dass ihnen etwas Wirkliches entspricht. Der Vernünftige geht davon aus, dass sich das überprüfen lässt; das nennt er Kritik.) Begriffe, die sich lediglich denkbar sind, heißen Noume- na. Sie sind 'Grenzbegriffe von nur negativem Gebrauch'. Sie dienen dem Denken, die Grenzen des sinnlich Erfahrbaren zu ziehen; z. B. das 'Ding an sich'.

"Wenn wir unter Noumenon ein Ding verstehen, so fern es nicht Objekt unserer sinnlichen Anschauung ist, indem wir von unserer Anschauungsart desselben abstrahieren: so ist dieses ein Noumenon im negativen Verstande. Verste- hen wir aber darunter ein Objekt einer nichtsinnlichen Anschauung, so nehmen wir eine besondere Anschauungsart an, nämlich die intellektuelle, die aber nicht die unsrige ist, von welcher wir auch die Möglichkeit nicht einsehen können, und das wäre das Noumenon in positiver Bedeutung." I. Kant, Kritik der reinen Vernunft,
B 360

Was Kant unter intellektueller Anschauung versteht (bei Fichte bedeutet es ganz etwas anderes), wäre die An- schauungsweise Gottes selbst. 
JE







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Dienstag, 25. September 2018

Haben Sprachen Charakter?


Kommentar zu Nominaler Stil - im Reden und Denken.

Die nächstliegende Vermutung: Wer zum nominalen Stil neigt, denkt mehr nach. Gleich anschließende Vermu- tung: Sprachen, die - wie die Abkömmlinge des Lateinischen - die Nomina privilegieren, erziehen zum Überle- gen.
 
Aber das liegt zu nahe, um es ungeprüft zu lassen. Denn der Widerpart zum Reden ist das Verstehen. Deutlich wird es an Sprachen, die, wie das Deutsche, die Nomina deklinieren: Das deklinierte Nomen steht zu andern No- mina im Verhältnis, und zwar in einem hierarchischen; das eine ist dem andern vor- oder übergeordnet. Bei dekli- nierenden Sprachen liegt die Mühe der Festlegung beim Sprecher. Bei nicht deklinierenden Sprachen liegt die Entschlüsselung beim Hörer. Was ist mühseliger?
 
Tun wir einen Schritt zurück. Nomina heißen im Deutschen vorzugsweise Substantive. Da steckt die Substanz drin, das, was der (wechselhaften) Erscheinung - der Form - (dauerhaft) zu Grunde liegt. Eine mit Substantiven getrüffelte Sprache vermittelt ein Weltbild: eines, das von statischen Wesenheiten, von Bestimmtem und Wäh- rendem geprägt ist. Vermitteln tun sie sich untereinander und ganz von allein: durch Deklination. 
 
Im Französischen etwa kann man verschachtelte Bandwurmsätze schreiben, in denen es von Substantiven wim- melt - und die ganz am Schluss lediglich von einem Hilfsverb - être oder avoir - zusammengehalten werden. Die hierarchische Ordnung der Nomina gerät ins Schwimmen, was sie jeweils einzeln bedeuten sollen, wird völlig unklar. Der nominale Stil spiegelt eine Beständigkeit vor, die es gar nicht gibt.*
 

Sprachen wie das Deutsche und wohl alle andern germanischen Sprachen, die mehr auf den Zeitwörtern aufbau- en, sind erstens dynamischer und stellen zweitens statt der Substantive die Handlungen und eo ipso die Handelnden in den Vordergrund. Es gibt weniger feste Größen, bloßes Wiederkennen reicht nicht, man muss sich aktiv im- mer selber etwas vorstellen. An Präzision bleibt viel zu wünschen, oftmals müssen lateinische Fremdwörter - Sub- stantive - den germanischen Sprachen unter die Arme greifen. Aber das ist kein Problem - solange es nicht zu viele sind.
 


*) Der Philosoph J. G. Fichte gilt wegen seiner Reden an die deutsche Nation als geistiger Vater des deutschen Nati- onalismus. Allerdings handelten sie nicht vom Aufstand gegen Napoleon, sondern von einem nationalen Erzie- hungprogramm. Die Deutschen wären nämlich noch keine Nation, sondern müssten sich dazu erst bilden. (Statt einen Begründer des deutschen Nationalismus, müsste man Fichte eher den Vater der deutschen Bildungsidee nen- nen.)
 
Die Hauptrolle maß er dabei der Sprache bei. Denn nicht ethnisch hielt er Deutsche und Franzosen für unter- schieden: Die Franzosen seien die Nachkommen der Franken und also ursprünglich selber ein deutscher Stamm. Der Unterschied bestünde nur darin, dass sie im Laufe der Geschichte eine "neulateinische", nämlich französische Sprache angenommen hätten. Er hielt das zeitwörtliche dynamische Deutsche dem nominalen statischen Fran- zösisch für überlegen - aber auch dies nur zeitbedingt: Seit Langem habe Französisch in Europa dominiert und die einheimischen Sprachen unter Napoleon vollends an die Wand gedrückt, da sei es Zeit, gegenzusteuern. - Später, unter veränderten Umständen, könnte sich das Verhältnis aber durchaus auch umkehren...







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Montag, 24. September 2018

Vernunft ist das fortschreitende Bestimmen des Unbestimmten.


Dem vernünftigen Bewusstsein - fast ist das eine Tautologie - erscheint die Welt als ein virtuell geschlossenes System von Begriffen, die einander wechselseitig bestimmen, indem sie ihre jeweiligen Geltungsbereiche gegen- einander eingrenzen: definieren. Dieses System ist entstanden und vervollständigt sich weiter durch den Gebrauch; die Bedeutung der Wörter ist ihre Verwendung im Sprachspiel. 

Doch geschlossen ist es erst virtuell. Reell stößt die Verwendung im Sprachspiel immer wieder auf Lücken: Die müssen geschlossen werden durch das Einpassen in die Leerstellen, die das Sprachspiel bislang frei gelassen hat- te; einpassen so, dass bisherige Definitionen gegebenenfalls justiert werden müssen. (Ist ein ganzer Komplex von Bedeutungen berührt, geschieht ein sogenannter 'Paradigmenwechsel'.) Die - quasi transzendentale - Prä- misse bleibt unberührt: Das System ist intakt. Es geht immer nur darum, es auszufüllen.

Denn nur, wenn der Rahmen gewahrt bleibt, ist es überhaupt ein System; nur dann kann erwartet werden, dass aktuell auftretende Lücken von uns gewiss gefüllt werden können, weil sie an sich schon gefüllt sind.

*

Das gilt freilich nur für die Begriffe. Wenn das System geschlossen ist, gelten die Begriffe an sich. Oder anders, wenn die Begriffe an sich gelten sollen, muss ich mir das System als geschlossen vorstellen.

Rationell sollte ich aber gar nicht vom System der Begriffe - oder "der Welt" - ausgehen. Rationell muss ich mich an das halten, was ich weiß, und was ich weiß, ist lediglich das, was in meinem Wissen vorkommt. Tautologisch? Nicht, wenn ich mir klarmache, dass in meinem Wissen nichts anderes vorkommt als meine Vorstellungen. Dass ich mir (etwas) vorstelle, ist nun das einzige, das ich nicht bezweifeln kann (weil anders ich auch das Bezweifeln bezweifeln - und gleich wieder aufhören müsste, nachdem ich kaum angefangen habe). 

Wenn ich zugeben muss, dass ich vorstelle, muss ich annehmen, dass ich es konnte; ich meine: muss, sonst wäre gleich wieder Schluss. Wenn ich es ohne eine andere Voraussetzung konnte - und das muss ich annehmen, denn ich habe keine weitere Voraussetzung gemacht -, dann muss ich annehmen, dass ich es ohne Voraussetzung können werde; es sei denn, ich stelle mir selber Dinge vor, die zu Voraussetzungen werden, die mich am Fort- schreiten hindern. 

Vorstellen ist, nach Fichte, Übergehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten. Annehmen musste ich: ein Ver- mögen dazu. Das heißt konventionell Ich. Es ist selber nicht bestimmt: Das könnte es erst selber besorgen. Wie? Indem es sich Etwas vorstellt. Ist es bestimmt? Das wird man sehen: Lässt es sich bestimmen? Dann kann  ich fortschreiten; wenn nicht, dann wäre - hier wiederum Schluss.

Wenn das richtig ist, dann kann das Bestimmen kein Ende finden - und das Bestimmbare schon gar nicht. Denn anders würde die ganze Kette hinfällig, und ihre Prämisse, ihr erstes Glied: dass Ich Unbestimmtes zu bestimmen vermag. Das System, das ich mir allenfalls vorstellen kann, ist ein System in processu, ein unabge- schlossenes System.

Und wer immer diese Prämisse bestreiten wollte - dass ich zu bestimmen vermag -, wird doch jene andere Prä- misse - jene andere Seite der Prämisse -, dass es Unbestimmtes gibt, nicht bestreiten können. Das System meiner Vorstellung kann gar nicht abgeschlossen werden; und mit jedem weiteren Fortschritt des Bestimmens kann - mag? soll? - eine rückwirkende Umbestimmung der gesamten Kette geschehen.


Summa: Von Einem lässt sich schlechterdings, bei gutem und bei schlechem Willen, nicht abstrahieren: dass es in der Welt, wie immer wir sie uns denken, teils Bestimmtes, teils Unbestimmtes gibt. Ein Denken, das sich dar- auf keinen Reim zu machen weiß, soll sich nicht Philosophie nennen.


27. 12. 16 


Nachtrag. - Das ist die Pointe: dass es in unserer Welt - in der der 'Reihe vernünftiger Wesen' - das völlig Unbe- stimmte gar nicht mehr gibt. Denn hier, wo ich mich schon als einen bestimmen-Sollenden vorfinde, ist alles, was mir begegnet, zumindest als ein Zu-Bestimmendes bestimmt. Vom Bestimmen Abstand nehmen und das noch-Unbestimmte als unbestimmt anzuschauen, ist ein willentlicher Akt. Wo er in unserer, der 'Welt der Reihe ver- nünftiger Wesen' geschieht, ist er der ästhetische Akt schlechthin. Er ist eine Abstinenz vom Vernunftge- brauch. 

Eine gewisse Brisanz liegt nun darin, dass auch das sittliche Urteil ein ästhetisches Urteil ist, das auf Willensbestim- mungen angewandt wird. Sittliche Urteile folgen nicht aus dem Vernunftgebrauch, sondern gehen ihm, sofern überhaupt ein Zusammenhang bestehen soll, allenfalls voraus.








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Sonntag, 23. September 2018

Der Sinn vom Sein.


Je begreiflicher uns das Universum wird, umso sinnloser erscheint es auch.
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Steven Weinberg (Nobelpreis Physik 1979) Die ersten drei Minuten, München 1978; S. 212










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Samstag, 22. September 2018

Wie Bedeutung in die Dinge kam.


Bevor es Boote gab, gab es keine Buchten.
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Erich Rothacker, Philosophische Anthropologie, Bonn 1966, S. 66








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Freitag, 21. September 2018

No hay caminos.

Hay que caminar.
Hay que caminar.
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Es gibt keinen Weg. Es sei denn, du gehst.


Inschrift auf einem Kloster in Toledo, 13. Jhdt.








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Donnerstag, 20. September 2018

Das Endziel.


Dieses Endziel hat keine bestimmte Weise, es entwächst der Weise und geht in die Breite.
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Meister Eckhart, Predigt 10
in Deutsche Predigten und Traktate, München 1963; S. 196 (Übers. Quint)


Nota. – Wäre es in irgend einer Weise bestimmt, so müsste es an irgend einem Punkt erreichbar sein. 
JE





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Mittwoch, 19. September 2018

Bild Gottes.


Verginge das Bild, das nach Gott gebildet ist, so verginge auch das Bild Gottes.
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Meister Eckhart, Fragmente N° 9


Nota. - Was bleibt von Gott, wenn keiner mehr an ihn glaubt?
JE 


 

Dienstag, 18. September 2018

Gottes Natur.


Das ist Gottes Natur, dass er ohne Natur ist.
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Meister Eckhart, Fragmente N° 12







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Montag, 17. September 2018

Was Gott ist.


Der Mensch kann nicht wissen, was Gott ist. Etwas weiss er wohl: was Gott nicht ist.
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Meister Eckhart, Fragmente N° 3










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Sonntag, 16. September 2018

Ich: das nur negativ zu erkennende Absolute.

Ich?

Ich bedeutet jenes negativ zu erkennende Absolute, das nach aller Abstraktion übrig bleibt. Was nur durch Handeln realisiert werden kann und was sich durch ewigen Mangel realisiert. (So wird Ewigkeit durch Zeit realisiert, ohnerachtet Zeit der Ewigkeit widerspricht.) Ich wird nur im Entgegengesetzten wirksam und bestimmt für sich.
—————————————————————————————————
Novalis, Fichte-Studien, in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 173


Nota. -  Die Wissenschaftslehre ist ein Kreis. Und doch ist sie eine Linie mit einem Ausgangs- und einem Flucht- punkt, nämlich vom Absoluten zum Absoluten: absolut unbestimmt und absolut unendlich.

'Der Ausgangspunkt ist ein schlechthin Unbestimmtes; 'bestimmt' allerdings als ein Ausgangs punkt, sonst 'gäbe es' nicht einmal eine Aufgabe. Bestimmen ist sein 'Trieb', es 'findet sich vor' in einem Unbestimmten - indem es sich ihm entgegensetzt und es 'als Raum bestimmt'. So geht es mit dem Bestimmen immer fort - ins Unendliche nämlich: ins schlechterdings Unbestimmte, das ewig zu bestimmen sein wird. Der hypothetische Ausgangspunkt, den er hinter sich gelassen hat, ist sein Ziel, das virtuell vor ihm liegt.  Er kommt von nichts zu nichts? Wenn ein End- gültiges gemeint ist, ja. Aber zwischen den äußeren Unbestimmten lagen und werden liegen unendlich viele Durchgänge, unendlich viele "vorübergehende" Bestimmungen, und die bilden uns eine Welt.

Es war durchaus kein Missverständnis, dass die Jenaer Romantiker Fichte als einen der Ihren zählten - bis zur Jahrhundertwende. Danach gingen sie unteschiedliche Wege.'  

JE




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Samstag, 15. September 2018

Die Widersprüche im System auflösen.


In einem philosophischen System alle Widersprüche auflösen wollen ist unvernünftig. Jede Lösung eröffnet ein Feld für neue Widersprüche: Setzen ist Entgegensetzen.

Versuchen muss man es doch, wie will man sonst vorankommen?

*

Fichte sagt, man müsse von jeder Stelle im System aus zu jeder anderen gelangen können, so dass eine jede ebensogut Anfang und Mittelpunkt des System sein könne wie alle jene. Dabei handelt es sich offenbar um das logische System der wechselseitig durcheinander bestimmten Begriffe; "alles, was der Fall ist". Als solches lässt es sich in der Tat nicht darstellen. Man fände keinen Anfang, aber auch keinen Abschluss. Es ist in jeder Rich- tung offen.

Das System der Transzendentalphilosophie ist eine genetische Abfolge von Vorstellungen, wo eine jede nur aus den vorangegangenen entstehen kann. Es ist ein Fortschreiten, wenn auch nicht linear, so doch systemisch. Während im logischen System alles gleichzeitig, synchronisch (eigentlich a-chronisch) ist, hat das System der Transzendentalphilosophie einen (dia chronischen) Verlauf. Nur in der Reflexion lässt er umkehren, nicht reell.

Es ist "nach außen", seinem Umfang nach, abgeschlossen. Es hebt an mit dem Wollen und endet beim fiktiven Schlussstein des Absoluten. Davor, daneben und dahinter ist nichts. "Nach innen", in die Tiefe, kann es gar nicht abgeschlossen werden, denn innen reproduzieren sich die Widersprüche in dem Maß, wie sie aufgelöst werden. Es ist nicht unendlich, aber genzenlos.

Das System der Transzendentalphilosophie ist unverzichtbar, denn es begründet alles reale Wissen. Ein System der Welt* wäre zu nichts zu gebrauchen.
 

*) Das physikalische Universum ist nicht die Welt. Eine Kosmologie, die die Möglichkeit anderer Welten postulieren muss, lässt sich eo ipso nicht in ein System bringen.

31. 5. 15







Nota.
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Freitag, 14. September 2018

Apologie des Müßiggangs.



Müßiggang, so pflegt man zu sagen, ist eine Wurzel alles Übels. Um das Übel aus der Welt zu schaffen, hat man die Arbeit empfohlen. Diese Betrachtung ist jedoch, wie man aus dem eben Gesagten leicht ersehen kann, sehr plebejischer Extraktion. Müßiggang als solcher ist keineswegs eine Wurzel des Übels, im Gegenteil, er ist ein wahrhaft göttliches Leben, wenn man sich mir nicht langweilt. Natürlich kann der Müßiggang es veranlassen, dass man sein Vermögen verliert; aber davor fürchtet sich die adlige Seele nicht, wohl aber vor der Langweile. Die olympischen Götter langweilten sich nicht, sie lebten glücklich in glücklichem Müßiggang. Eine weibliche Schönheit, die nicht näht noch spinnt, nicht strickt noch liest, auch nicht musiziert, ist in ihrem Müßiggang glücklich; denn sie langweilt sich nicht. Der Müßiggang ist also durchaus nicht die Wurzel des Übels, sondern viel eher das wahrhaft Gute.
 

Es gibt eine unermüdliche Tätigkeit, welche einen Menschen von der Welt des Geistes ausschließt und ihn in die Klasse der Tiere versetzt, die instinktmäßig immer in Bewegung sein müssen. So gibt es auch Menschen, die eine außerordentliche Gabe haben, alles in ein Geschäft zu verwandeln; ihr ganzes Leben ist ein Geschäft, sie verlieben sich und heiraten, sie hören einen guten Witz und bewundern klassische Musik mit demselben Ge- schäftseifer, mit welchem sie im Kontor arbeiten. Das lateinische Sprichwort: otium est pulvinar diaboli* ist ganz richtig; aber der Teufel findet die Zeit nicht, seinen Kopf auf dieses Kissen zu legen, wenn man sich nicht lang- weilt.
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Kierkegaard, Entweder-Oder; Die Wechsel-Wirtschaft; Müßiggang und Arbeit.

*) Müßiggang ist des Teufels Ruhekissen.


Nota. - Aus der Bemerkung, Tiere müssten instinktmäßig immer in Bewegung seien, schließe ich, dass er keine Katze hatte. Das macht mir vieles an seiner Philosophie verständlicher.
JE 



Nota. Obiges Bild gehöri mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Donnerstag, 13. September 2018

Adel der Langeweile.

Daumier

Alle Menschen sind langweilig. Das Wort selber weist auf die Möglichkeit einer Einteilung hin. Es kann sowohl einen Menschen bezeichnen, der andere langweilt, wie auch einen, der sich selber langweilt; die erstern sind die Plebs, die große Menge; die letztern die Auserwählten, der Adel; und es ist seltsam, aber wahr: diejenigen, wel- che sich selber nicht langweilen, langweilen im allgemeinen andere; diejenigen dagegen, die sich selber langwei- len, unterhalten andere.
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Kierkegaard, Entweder-Oder; Die Wechsel-Wirtschaft; Langweile der Überfülle





 

Mittwoch, 12. September 2018

Ausnahme und Regel.

 
...wenn man das Allgemeine recht studieren will, muss man sich bloß nach einer berechtigten Ausnahme umsehen.
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Kierkegaard, "Die Wiederholung" in Werke II, o.O. (Reinbek) 1961, S. 80



Dienstag, 11. September 2018

Als Gott gestorben war.

 
343 Was es mit unsrer Heiterkeit auf sich hat. – Das größte neuere Ereignis – daß »Gott tot ist«, daß der Glaube an den christlichen Gott unglaubwürdig geworden ist – beginnt bereits seine ersten Schatten über Europa zu wer- fen. Für die wenigen wenigstens, deren Augen, deren Argwohn in den Augen stark und fein genug für dies Schau- spiel ist, scheint eben irgendeine Sonne untergegangen, irgendein altes tiefes Vertrauen in Zweifel umgedreht: ihnen muß unsre alte Welt täglich abendlicher, mißtrauischer, fremder, »älter« scheinen. 

In der Hauptsache aber darf man sagen: das Ereignis selbst ist viel zu groß, zu fern, zu abseits vom Fassungs- vermögen vieler, als daß auch nur seine Kunde schon angelangt heißen dürfte; geschweige denn, daß viele bereits wüßten, was eigentlich sich damit begeben hat – und was alles, nachdem dieser Glaube untergraben ist, nunmehr einfallen muß, weil es auf ihm gebaut, an ihn gelehnt, in ihn hineingewachsen war: zum Beispiel unsre ganze europäische Moral. 

Diese lange Fülle und Folge von Abbruch, Zerstörung, Untergang, Umsturz, die nun bevorsteht: wer erriete heute schon genug davon, um den Lehrer und Vorausverkünder dieser ungeheuren Logik von Schrecken abge- ben zu müssen, den Propheten einer Verdüsterung und Sonnenfinsternis, derengleichen es wahrscheinlich noch nicht auf Erden gegeben hat?... 

Selbst wir geborenen Rätselrater, die wir gleichsam auf den Bergen warten, zwischen Heute und Morgen hin- gestellt und in den Widerspruch zwischen Heute und Morgen hineingespannt, wir Erstlinge und Frühgeburten des kommenden Jahrhunderts, denen eigentlich die Schatten welche Europa alsbald einwickeln müssen, jetzt schon zu Gesicht gekommen sein sollten: woran liegt es doch, daß selbst wir ohne rechte Teilnahme für diese Verdüsterung, vor allem ohne Sorge und Furcht für uns ihrem Heraufkommen entgegensehn? Stehen wir viel- leicht zu sehr noch unter den nächsten Folgen dieses Ereignisses – und diese nächsten Folgen, seine Folgen für uns sind, umgekehrt als man vielleicht erwarten könnte, durchaus nicht traurig und verdüsternd, vielmehr wie eine neue schwer zu beschreibende Art von Licht, Glück, Erleichterung, Erheiterung, Ermutigung, Morgenröte... 

In der Tat, wir Philosophen und »freien Geister« fühlen uns bei der Nachricht, daß der »alte Gott tot« ist, wie von einer neuen Morgenröte angestrahlt; unser Herz strömt dabei über von Dankbarkeit, Erstaunen, Ahnung, Erwartung – endlich erscheint uns der Horizont wieder frei, gesetzt selbst, daß er nicht hell ist, endlich dürfen unsre Schiffe wieder auslaufen, auf jede Gefahr hin auslaufen, jedes Wagnis des Erkennenden ist wieder erlaubt, das Meer, unser Meer liegt wieder offen da, vielleicht gab es noch niemals ein so »offnes Meer«.
____________________________________________
Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft V: Wir Furchtlosen


Nota. -  Er hat ja keinen Zweifel daran gelassen: Was ihn am meisten gegen das Christentum aufgebracht hat, war eben "unsre ganze europäische Moral". Dass Gott tot ist, ist ihm eine neue Morgenröte, Licht, Glück, Er- heiterung; denn mit der Moral ist nun Schluss. Nämlich mit der in Sätzen kodifizierten positiven, die lehrt, was du im gegebenen Fall zu tun hast. Sie hat ja nun keinen Bürgen mehr.

Für einen wie Nietzsche war es eine Unmoral, weil sie den Menschen von der Mühe des eigenen Urteils ent- band und zum Gefolgsmann bequemte. Doch nun wäre der Mensch zur Freiheit verurteilt...

Das ist ein weites Feld, aber da traut auch Nietzsche sich nicht hinein, und siehe da, der Philosoph mit dem Hammer entpuppt sich wiedermal als Hasenfuß. Der alte Gott ist tot, der christliche Gott. Zum Lehrer und Vor- ausverkünder und Propheten des neuen Gottes fühlt er sich nicht berufen, auch ihm bleibt nur Entgegensehnen.

Doch zu den Erstlingen und Frühgeburten zählt er sich wohl schon. Es wird nicht lange dauern, da spürt er den Willen zur Macht in sich und manchem andern Auserwählten, und auch das Unterscheiden zwischen Über- menschen und Tschandalas wird er sich zutrauen; wie ein x-beliebiger Schwächling.
JE

Montag, 10. September 2018

Kontingenz der Vernunft.

 
123 Vernunft. – Wie die Vernunft in die Welt gekommen ist? Wie billig auf eine unvernünftige Weise, durch einen Zufall. Man wird ihn erraten müssen wie ein Rätsel.
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Nietzsche, Morgenröte, 2. Buch


Nota. - Es hat sich in den bürgerlichen Gesellschaften der westlichen Länder eine Verkehrsweise ausgebildet, die wir für vernünftig halten, weil sie auf dem Glauben an die Wirklichkeit der Welt und das Gesetz von Ur- sache und Wirkung beruht. Dass es so ist, ist eine historische Gegebenheit und darum kontingent. Notwen- digkeit gibt es nur in der Logik; alles, was historisch geworden ist, hätte auch anders ausfallen können. 

Die metaphysischen Systeme fassten das physikalische Gesetz von Ursache und Wirkung als den irdischen Nie- derschlag der logischen Notwendigkeit auf. Dem hat die Kant'sche Kritik ein Ende bereitet. Er lokalisierte die Kausalität unter den Kategorien, die unserm Denken apriori zu Grunde lägen. Er ist auf halbem Wege stehen ge- blieben und hat die Herkunft der Kategorien nicht auch erörtert. Das hat Fichtes Wissenschaftslehre unter- nommen und sie ihrerseits in die Tätigkeit des denkenden Subjekts selbst verlegt. Das Denken der Menschen hat sich seine Gesetze selbst gegeben, die Logik beschreibt sie nur. 

Sie sind historische Gegebenheiten. Sind sie also Zufall? Wie man's nimmt. Gegenwärtige Kosmologie be- schreibt das Werden der Welt so, dass man an seine Notwendigkeit kaum glauben mag. Doch so, wie sie mehr oder minder zufällig geworden ist, ist sie die Voraussetzung unseres Lebens und unserer Tätigkeit in ihr: Wir kön- nen nicht woanders sein als in ihr, und wir können in ihr nicht anders als tätig sein. Unsere Tätigkeit mag frei ge- wählten Zwecke dienen; aber ihre Gegenstände kann sie nicht frei wählen. Tätigkeit in ihrer konkretesten Form - der materiellen Produktion - wie in ihrer abstraktesten - dem Denken - ist eine Synthesis der Zwecke und der Gegenstände. Die Zwecke sind das Bestimmende, doch die Gegenstände sind das, was bestimmt werden soll. Und leisten Widerstände, die überwunden werden müssen. Und zwar so, wie sie es bedingen

Ich wüsste nicht, was es da groß zu raten gibt.
JE

Sonntag, 9. September 2018

Metaphysische Bescheidenheit.

Ch. Sprague Pearce

Der Mensch, eine kleine, überspannte Tierart, die – glücklicherweise – ihre Zeit hat; das Leben auf der Erde überhaupt ein Augenblick, ein Zwischenfall, eine Ausnahme ohne Folge, etwas, das für den Gesamt-Charakter der Erde belanglos bleibt; die Erde selbst, wie jedes Gestirn, ein Hiatus zwischen zwei Nichtsen, ein Ereignis ohne Plan, Vernunft, Wille, Selbstbewußtsein, die schlimmste Art des Notwendigen, die dumme Notwendig- keit... 

Gegen diese Betrachtung empört sich etwas in uns; die Schlange Eitelkeit redet uns zu »das alles muß falsch sein: denn es empört... Könnte das nicht alles nur Schein sein? Und der Mensch trotz alledem, mit Kant zu reden – –«
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Nietzsche, Aus dem Nachlass der Achtziger Jahre, N° 19
[S. 835f.]     



Nota. - Wenn der Mensch sich überhebt und auf den Standpunkt eines außenstehenden Beobachters stellt, wird er einen Sinn nirgends erkennen und finden, dass er nichts weiß. Sich selbst wird er kleiner als eine Ameise er- scheinen. 

Doch keiner hat ihn geheißen, sich zu überheben. Wissen kann er auch dann nur, was in seiner Vorstellung vor- kommt - doch auch nicht alles: Vieles kommt nur darin vor und sonst nirgends. Er wird unterscheiden wollen, ob seinen Vorstellungen etwas außerhalb derselben entspricht, oder ob sie bloße Einbildungen sind. Das eine vom andern zu unterscheiden wird ihn ganz beanspruchen, und wie dürfte er sich mehr anmaßen? 

Wenn er sich darin eine Weile geübt hat, darf er auch ruhig mal in sich hinein horchen, ob er sich selber vielleicht einen Sinn geben will, wer kann ihm das verwehren?

Als nichtiger Wurm findet sich am Ende nur der wieder, der sich am Anfang überhöht hatte.
JE 



Samstag, 8. September 2018

Jeder ein Künstler.


Der moderne Künstler, in seiner Physiologie dem Hysterismus nächstverwandt, ist auch als Charakter auf diese Krankhaftigkeit hin abgezeichnet. Der Hysteriker ist falsch – er lügt aus Lust an der Lüge, er ist bewunderungs- würdig in jeder Kunst der Verstellung –, es sei denn, daß seine krankhafte Eitelkeit ihm einen Streich spielt. 

Diese Eitelkeit ist wie ein fortwährendes Fieber, welches Betäubungsmittel nötig hat und vor keinem Selbst- betrug, vor keiner Farce zurückschreckt, die eine augenblickliche Linderung verspricht. (Unfähigkeit zum Stolz und beständig Rache für eine tief eingenistete Selbstverachtung nötig zu haben – das ist beinahe die Definition dieser Art von Eitelkeit.) 

Die absurde Erregbarkeit seines Systems, die aus allen Erlebnissen Krisen macht und das »Dramatische« in die geringsten Zufälle des Lebens einschleppt, nimmt ihm alles Berechenbare: er ist keine Person mehr, höchstens ein Rendezvous von Personen, von denen bald diese, bald jene mit unverschämter Sicherheit herausschießt. Eben darum ist er groß als Schauspieler: alle diese armen Willenlosen, welche die Ärzte in der Nähe studieren, setzen in Erstaunen durch ihre Virtuosität der Mimik, der Transfiguration, des Eintretens in fast jeden verlangten Charakter. 
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Nietzsche, Aus dem Nachlass der Achtziger Jahre, N° 19
[S. 830]  


Nota. - Der Künstler, an den Nietzsche immer zuerst dachte, war Wagner. Der Künstler, der zu seiner Zeit meinte, es sei jeder ein Künstler, war Joseph Beuys.
JE




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