Sonntag, 31. Juli 2016

Reflektieren ist bilden.


uschi dreiucker, pixelio.de

Unterscheiden zwischen 'der Sache' und ihrer 'Bedeutung' ist Reflexion. Es setzt voraus, dass die Bedeutungen der Sachen nicht schlechterdings gegeben sind, sondern erfragt werden mussten. 

Die Emergenz der Reflexion ist also nicht verschieden von der Emergenz der Vorstellung selbst. Nämlich von der Anschauung, die von der Einbildungskraft als diese fixiert und ins Gedächtnis aufgehoben wurde. Die Vor-stellung verdoppelt die Sache zu einem Bild der Sache, das von ihr unterschieden und unter einem Zeichen archi-viert werden kann. Das wiedergefundene Bild bedeutet die Sache.

Es handelt sich um ein und denselben Vorgang. Die verschiedenen Worte, mit denen wir ihn beschreiben, be-zeichnen verschiedene logische, aber nicht Zeitmomente - nicht eins nach dem andern, sondern je in dieser oder anderer Hinsicht.

Und ist der elementare Akt des Bildens einmal gelungen, lässt er sich prinzipiell allezeit wiederholen. Vom Bild lässt sich nun wiederum ein Bild machen, und immer so fort. Die Reflexion schläft nie. Sie schlummert höchs-tens mal, aber sie ist immer dabei.

Freitag, 13. September 2013



Samstag, 30. Juli 2016

Fichte radikalisiert Kant.



Kants Hauptwerk sind die Drei Kritiken. Darin analysiert ("kritisiert") er die tatsächlich zu beobachtenden Leistungen des menschlichen Geistes; die "reine" (theoretische) Vernunft, die "praktische Vernunft" (das moralische Wollen) und die Urteilskraft (worin er in kurioser Weise ästhetische Wertungen und Zweckerwä-gungen zusammenfasst).
 
Daraus, dass diese Leistungen tatsächlich geschehen, schließt er, dass ihnen jeweils ein "Vermögen" zugrunde liegen muss. Und ebenso, wie die Drei Kritiken offenbar ohne vorherigen Plan auf einander folgten, liegen Kants drei "Vermögen" unvermittelt neben einander, ohne dass ihr wechselseitiges Verhältnis klar würde. (Das ist ein ganz langes Kapitel für sich...)
 
Fichte "radikalisiert" Kant nun dahingehend, dass er überhaupt nur ein geistiges Vermögen voraussetzt, das an und für sich praktisch ist und das er in jeweils verschiedenen Hinsichten als "produktive Einbildungskraft", als schlechthinniges "Streben" oder eben als das (transzendentale) "Ich" bestimmt. Wobei festzuhalten ist, dass sein (einziges) "Vermögen" ebenso wenig wie Kants (drei) Vermögen naturalistisch oder psychologisch gemeint sind; so, als ob man sie durch empirische Forschung im Organismus "nachweisen" könnte. Sie sind "transzen-dental" gemeint: nicht als Tatsachenbehauptung, sondern als Sinnzuschreibung. 

Auch in sittlicher Hinsicht radikalisiert Fichte Kant. Über dessen "kategorischen Imperativ" wurde gesagt, er sei viel zu formal und inhaltsleer, als dass sich ein lebendiger Mensch daran ausrichten könnte. In Wahrheit ist er noch längst nicht formal genug und enthält noch viel zu viel Positives. Vernünftiger Weise lässt sich nur ein Imperativ aufstellen: Handle jederzeit nach deinem selbstverantworteten Urteil, Punkt.

aus e. online-Forum, 19. 10. 2007 

Nachtrag. Fichte hat Kant noch viel weiter radikalisiert. Kant hatte die 'apriorischen' Bewusstseinsformen zwar ins Subjekt verlegt - aber ohne anzugeben, wie sie dort hineingekommen sein mögen (und hält der Vorstellung von "eingeborenen Ideen" die Tür offen). Fichte dagegen verlegt alle Tätigkeit ins Ich; und alles Vorstellen ist Tätig- keit. Und die ganze Welt ist uns nur durch unser Vorstellen und in unserer Vorstellung gegeben. Und darum ist jeder Gedanke, den Noumena könne "im Grunde" vielleicht doch etwas Reales entsprechen, ein Ungedanke.* Insbesondere ist das Ding-an-sich ein 'Grenzbegriff von rein negativem Gebrauch': Es bezeichnet nichts Denkbares.

7. 7. 15

*) Dem ist allerdings anzufügen, dass jedes wirkliche, sinnlich Ding seinerseits auch als Noumenon gedacht werden kann.

Freitag, 29. Juli 2016

Wissenslehre: durch einander.




Begründung der Wissenschaftslehre; Unbedingtheit des wahren Wissens; Die problematische Bedingungslosigkeit der Wahrheit:

Wenn überhaupt 'es' Wahrheit geben 'soll', so muß sie unbedingt sein (=unbedingt gelten; denn 'Wahrheit' bezieht sich ohnehin nur auf Geltung; nicht auf sinnlich Gegebenes.)

Unbedingt = ihre Geltung beruht "in" ihr selbst und nicht "auf" einem Anderen; welches andere - als der 'Grund', auf dem sie 'beruht' - sonst selber die Wahrheit wäre, und so weiter in infinitum. -

Nun gibt es nur zwei Möglichkeiten: (1) [unendliche Reihe]: hinter jeder Denkbestimmung, welche 'gilt', lässt sich immer noch eine andere 'auffinden', auf welcher ihre Geltung beruht, und wir kämen nie zu einem Punkt, an dem wir halten und an den wir uns halten können; dann ist die Suche nach Wahrheit ein unendlicher Regress, in dem 'es' keinen Grund 'gibt'; also keine Wahrheit, und was immer wir sagen, möchte vielleicht den "Bedürfnissen" unserer Sinne (mit denen "die Natur" uns versehen hat) von Nutzen sein; aber einen Maßstab, nach dem wir die "Bedürfnisse" des einen im Vergleich zu den Bedürfnissen eines andern beurteilen könnten, gäbe es dann nie und nimmer...

- Diese erste Möglichkeit, regressus in infinitum, tritt nur ein unter der Voraussetzung, dass die Reihe der möglichen Denkbestimmungen eine unendliche ist; d. h. dass wir an keinem Punkt bei der analytischen Rückführung der Gültigkeit von Denkbestimmung Y auf Denkbestimung X) auf Etwas stoßen, das in der bereits zurückgelegten Reihe schon einmal vorgekommen ist. (2) [ Kreis]: Finden wir jedoch einen solchen Punkt, so ist der Regress an seinem Ende - und wir drehten uns im Kreis. Dann aber ist - mittelbar - jede Denkbestimmung in jeder andern begründet (sofern man den ganzen Kreis genügend weit durchläuft). Dann begründen sie alle einander; begründen "sich" "durcheinander".

Doch dadurch ist der Kreis selber doch nicht begründet. Ob er als Ganzes "gilt", ist dann immer noch so fraglich, wie es vorhin bei der unendlichen Reihe war. Aber einen Schritt sind wir dennoch weiter: wenn 'es' Wahrheit 'gibt', dann könnte es jetzt nur noch der Punkt sein, der den Kreis-Lauf "zusammenhält"; als dasjenige, welches macht, dass eine Bestimmung in allen andern begründet ist ('Mittelpunkt' wie 'Radius' des Kreises: kommen in keinem einzelnen Punkt auf dem Kreise selber vor; "begründet" aber jeden einzelnen von ihnen, so dass einer aus dem andern "folgt"; warum? Weil 'Mittelpunkt' und 'Radius' nur Handlungsanweisun-gen sind, wie der Kreis konstruiert werden soll.)

"Zusammen" hängen sie im Durcheinander ("totale Relation", GL); welches ist: die Form (eídos, Bild, schêma), durch welche sie zu Stande kommen; der Akt, in welchem sie 'gesetzt' werden; Form des Akts selbst (Form = geronnener Akt; Form des Akts "überhaupt" = Form der Form, "absolute" Form, Form an sich ;{WL 1804, S. 84}). [Von "ich p, dass q" bleibt nur noch: "p", da 'ich' und 'dass q' materiale Bestimmungen sind, die als zufäl-lige fortfallen; welches "p" für sich aber nicht bestehen kann.]

Das Durcheinander ist Form der Form, und als solche Grund der Geltungen = "die Wahrheit" selbst. Sie ist unbedingt, aber nur unter der - in einer anderen Ebene liegenden! - "Bedingung", dass sie sein soll; gilt nur, weil und sofern die gelten soll. Diese Bedingung liegt außerhalb des Kreises selbst und nicht, wie das Durcheinan-der, "innerhalb". Ist durch Denkbestimmungen also nicht zu entscheiden (läge ja sonst im Kreis des Gewussten - und wäre realer "letzter Grund", auf den wir doch irgendwann hätten stoßen müssen). Ist nur durch Freiheit zu entscheiden; "praktisch", nicht theoretisch. (Lässt sich theoretisch nur mittelbar, apagogisch rechtfertigen, im modus tollens, durch reductio ad absurdum der entgegengesetzten Annahme: "Soll" es Wahrheit nicht geben (soll keine Geltung sein), dann ist jede Aussage in dieser Sache - und jede Aussage überhaupt - ungültig.)

Wie lässt sich nun die Frage: 'unendliche Reihe oder Kreis' entscheiden? Etwa faktisch, als wirkliche Durch-messung aller möglichen Denkbestimmungen und Auffinden eines (wirklichen) Punkts, in dem (wirklich) zwei (wirkliche) Denkbestimmungen gemeinsam begründet sind? Z folgt aus Y, Y folgt aus X, X aus W usw., bis: B folgt aus A, aber A folgt aus Z', und 'es zeigt sich', dass Z' ebenfalls aus... Y folgt... Die Lösung im Begriff der WL (1793) geht so: Wenn das Wissen eine unendliche Reihe ist, dann ist es nicht begründet; eine solche Annahme ist aber sinnlos, denn sie wäre ihrerseits - nicht begründet. Wenn überhaupt gültig gedacht (= gewusst) werden soll, dann muss vorausgesetzt werden, dass das wirkliche Wissen keine unendliche Reihe, sondern ein 'System' (Verweisungszusammenhang, Kreis usw.) ist; dieser ist aufzusuchen, indem von einer (x-beliebigen) wirklichen Denkbestimmung nach und nach alles Materiale [das Was der Aussage] abgezogen wird und nur noch die reine Form [das Dass: dass überhaupt ausgesagt wird...] zurückbleibt; eidetische Reduktion, epochê möchte man sagen. -

Denn ließe sich anders aus einer (faktischen) reellen Denkbestimmung tatsächlich jener Punkt herausfiltern, in dem sie mit den (oder auch nur mit einer) andern gemeinsam wirklich begründet ist, dann wäre das Problem theoretisch und positiv gelöst: wir hätten erwiesen a) dass 'es' Wahrheit 'gibt', und b) worin sie "besteht" ("worauf" sie "beruht"). Alles andere könnten wir uns schenken. -

Tatsächlich ("real") ist das Wissen der Menschen (= Sinngebungen des Faktischen) von einer Bestimmung zur andern fortgeschritten; historisch ist es ein "Diskurs": ein Gewusstes wurde auf einem Gewussten abgesetzt, "begründet"; indem ein bislang Unbekanntes auf ein schon Bekanntes "zurückgeführt", "durch" es "erklärt" wurde; also der tatsächliche Gang des menschlichen Wissens ist an sich 'diskursiv'; unabhängig vom Sein "magischer", mythischer oder sonstwelchen Repräsentionsweisen.

Diskursiv in specie wird das Denken, seit die neu hinzutretenden "Gewusstheiten" nach Regeln geprüftwerden, bevor sie dem Wissensfundus einverleibt werden; d. h. verglichen werden mit dem schon Gewussten einerseits, und dem schon erworbenen Wissen über das Wissen andererseits ["Kritik"]. So beginnt Wissenschaft: punktu-ell durch Reflexion des reellen Wissens auf sich selbst, d. h. das Eintreten der "idealen" Tätigkeit in den Vollzug selbst der "realen" Tätigkeit. Ist aber dimensionell schon immer gegeben, sobald sich einer auch nur fragt: Stimmt das auch, was ich da zu wissen meine?

Wissenschaftslehre ist nun der Schritt, das Ganze angehäufte Realwissen daraufhin zu überprüfen, ob und wie es insgesamt begründet ist. Das heißt, die reale Anschatzung von Gewusstheiten im Verlauf unserer Gattungsgeschichte wird rückwärts auf ihre Gültigkeit überprüft. Also Gesetze, die das Denken in seinem vieltausendjährigen Vollzug sich selbst gegeben hat, werden ex post factum auf diesen Vollzug selbst zurückprojiziert [als dessen Maßstab hineingetragen]. Da kann man dann bis zu einem gewissen Grad der Gemeinplätzlichkeit sagen: "Die Leistungen des transzendentalen Subjekts sind nichts als die Erwerbungen unserer Gattungsgeschichte"; so Habermas in bemerkenswerter sachlicher Übereinstimmung mit Konrad Lorenz und den Vulgärpragmatisten, zu denen auch H. Vaihinger zu zählen ist: Das "Apriori" sei durch trial and error aufgefunden worden durch natürliche Auslese: indem es sich "bewährt" habe im Dienste "des Lebens".

Sei's.

Aber das sagt allenfalls etwas über die tatsächliche Nützlichkeit (pragmatische Richtigkeit) unseres Wissens. (Für die Realwissenschaften kommt es freilich auch nur darauf an.) Aber was Wahrheit ist, wissen wir darum noch lange nicht. Es hieße ja nur, dass die Instrumente, die wir uns selbst geschaffen haben, den Erforder-nissen unserer Lebensnotdurft hinreichend "angepasst" sind; jusqu' à nouvel ordre: und dann bauen wir sie eben um, wie's uns eben passt.

Wir sind aber so reich geworden, dass es nicht mehr genügt (theoretisch!), uns unser Lebens aus der Notdurft ("Naturnotwendigkeit") begreiflich zu machen, und der Sinn ("Fortschritt") der Menschheitsgeschichte [wenn sie denn einen haben "soll", kann es nur dieser sein] war der, dass nun schon viele von uns so wohllebend geworden sind, dass ihnen ein solches 'Begreifen' lebenspraktisch öd und entkräftend vorkommt. Sich am Leben erhalten ist ein Zweck ohne Würde.

So ist das "Bedürfnis", recte: Streben nach Wahrheit aufgekommen. Wenn sie keine Sorgen mehr um den Erhalt des Lebens haben, merken sie an der sich einstellenden langen Weile erst, dass sie einen Geist haben(Fichte, Rechtslehre 1812).

Wenn wir nun die einmal - historisch, "selektiv" - gewonnenen Maßstäbe für richtiges Denken im nachhinein - 'a posteriori' - an den Verlauf der tatsächlichen Wissensanhäufung in unserer Gattungsgeschichte herantragen, unterstellen wir ipso facto, dass dieselben Regeln allbereits gültig waren - 'a priori' -, bevor wir sie "entdeckt" haben. Anders wäre ihre (logische) Anwendung auf den (historischen) Verlauf des Wissenserwerbs gar nicht gerechtfertigt. Also wir müssen das Resultat unseres Wissens ihm ex post als seine Begründung voraussetzen. ("dass das Apriori zuerst Aposteriori gewesen sein muss..." Fichte [wo?])

Wollen wir aber denken dürfen, müssen wir unser Aposteriori apriori hypostasieren (hypokeimenon), und postulieren - müssen postulieren - einen Zirkel im Wissen. Dann ist das Wissen kein grundloser Regress in infinitum (und wäre folglich gar nicht), sondern ein "in sich selbst begründeter" Kreis. Als solcher ist er begründet in seinem Konstruktionsprinzip: Form der Form, Form des Akts, actus purus (factum absolute fiens,WL 1805, S. 87)

Die WL ist erst Meta-Logik; hernach materiale Logik (= Lehre von dem, was wahr ist; was gelten darf.) 

[5. 6. 92]

Donnerstag, 28. Juli 2016

Ich ist das negativ Absolute.



Ich bedeutet jenes negativ zu erkennende Absolute, das nach aller Abstraktion übrig bleibt. Was nur durch Handeln realisiert werden kann und was sich durch ewigen Mangel realisiert. (So wird Ewigkeit durch Zeit realisiert, ohnerachtet Zeit der Ewigkeit widerspricht.) Ich wird nur im Entgegengesetzten wirksam und bestimmt für sich.
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Novalis, "Fichte-Studien", in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 173






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Mittwoch, 27. Juli 2016

Wenn die Transzendental-…


aus STiL-LEbEn

…alias Kritische Philosophie nicht dazu taugte, im anthropologischen Feld die Spreu vom Weizen zu trennen, wäre sie allerdings überflüssig.

7. 1. 14


Dienstag, 26. Juli 2016

Einbilden und urteilen.




Einbilden kann ich rein anschauend, beschauend, passiv. Urteilen muß ich, sobald ich ans Handeln denke.

Merke: Einbilden ist selber Tätigkeit. 

16. 1. 14






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Montag, 25. Juli 2016

"Ich weiß nichts."

Johann Gottfried Schadow, Sokrates im Kerker

Der Satz 'ich weiß nichts' ist offenbar ein Widerspruch in sich. Er setzt sich aus zwei Aussagen zusammen: 1) Ich weiß etwas; und 2) dieses Etwas ist Nichts. Doch wenn Nichts nichts ist, kann ich davon nicht Etwas wissen. Wir wissen immer entweder Etwas, oder wir wissen Etwas nicht. Schon die Kinder wenden ein: Wenn ich Nichts weiß, dann weiß ich zumindest Dieses. Nämlich mindestens, was Wissen ist! Aber dann darf ich nicht mehr sagen, dass ich das nicht weiß. Wissen und Nichtwissen sind logisch nicht gleichrangig; nicht 'gleich-ursprüng-lich'. Dass 'Wissen ist', ist allezeit vorausgesetzt. Es "kommt vor", dass ich nicht weiß, was dieses oder jenes ist; aber das weiß ich. Der Gegenpol zu Wissen ist nicht Nichtwissen, sondern Fragen.

Dass wir 'etwas wissen', ist eine empirische Tatsache, oder eine phänomenale Gegebenheit; es "kommt vor"… Unsicherheit besteht darüber, was mit 'Etwas' bezeichnet ist, und darüber, was mit 'Wissen' bezeichnet ist. Aber das sind nicht zwei verschiedene Unsicherheiten, sondern ein und dieselbe. 'Etwas' kommt nur im Wissen vor, und 'Wissen' kommt nur als Wissen von Etwas vor. Wenn nicht das eine, dann auch nicht das andre.

12. Februar 2014

Sonntag, 24. Juli 2016

Die Welt vernünftiger Wesen ist das Reich der Zwecke.




Nun ist auf solche Weise eine Welt vernünftiger Wesen (mundus intelligibilis) als ein Reich der Zwecke möglich, und zwar durch die eigene Gesetzgebung aller Personen als Glieder. Demnach muß ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke wäre. Das formale Prinzip dieser Maximen ist: handle so, als ob deine Maxime zugleich zum allgemeinen Gesetze (aller vernünftigen Wesen) dienen sollte. 

Ein Reich der Zwecke ist also nur möglich nach der Analogie mit einem Reiche der Natur, jenes aber nur nach Maximen, d.i. sich selbst auferlegten Regeln, diese nur nach Gesetzen äußerlich genötigter wirkenden Ursachen. Demunerachtet gibt man doch auch dem Naturganzen, ob es schon als Maschine angesehen wird, dennoch, so fern es auf vernünftige Wesen, als seine Zwecke, Beziehung hat, aus diesem Grunde den Namen eines Reichs der Natur. Ein solches Reich der Zwecke würde nun durch Maximen, deren Regel der kategorische Imperativ aller vernünftigen Wesen vorschreibt, wirklich zu Stande kommen, wenn sie allge-mein befolgt würden. 

Allein, obgleich das vernünftige Wesen darauf nicht rechnen kann, daß, wenn es auch gleich / diese Maxi-me selbst pünktlich befolgte, darum jedes andere eben derselben treu sein würde, imgleichen, daß das Reich der Natur und die zweckmäßige Anordnung desselben, mit ihm, als einem schicklichen Gliede, zu einem durch ihn selbst möglichen Reiche der Zwecke zusammenstimmen, d.i. seine Erwartung der Glück-seligkeit begünstigen werde: so bleibt doch jenes Gesetz: handle nach Maximen eines allgemein gesetzge-benden Gliedes zu einem bloß möglichen Reiche der Zwecke, in seiner vollen Kraft, weil es kategorisch gebietend ist.
_____________________________________________________________________
Kant, Grundlegung einer Metaphysik der Sitten, WW ed. Weischedel, Bd. VII, S. 72f.


Nota. - Für Kant ist der Kategorische Imperativ offenbar der Zweck der Zwecke. Und zwar gedacht als real. Ideale Zwecke, die um ihrer selbst willen 'gefallen', wären nach seiner Auffassung ästhetisch; aber das Ästhetische will er von der Vernunft fern-, das heißt: aus der praktischen Vernunft heraus halten; wenn auch in unmittelbarer Nachbarschaft. - Ideale Zwecke 'gibt es' nur als ästhetische Idee, nämlich unendlich bestimmbar und ergo ewig unbestimmt.

Vernünftig ist nach Fichte ein Denken (Handeln), das vom Unbestimmten zum Bestimmten fort-schreitet, wobei bestimmen heißt: einer Sache einen Zweck zuschreiben. Vernünftig wird ein Individuum nur durch die Aufforderung seitens einer ihm vorausgesetzten 'Reihe vernünftiger Wesen'. Fluchtpunkt seiner Vernünftigkeit wäre der ideale 'Zweck an sich': ein Aestheticum.

Das Fortschreiten vom Bestimmbaren zum Bestimmten ist nicht das Verfahren Kants. Zweck, Vernunft und eine 'Welt vernünftiger Wesen' gehören wohl auch bei ihm zusammen; doch welcher Zweck vernünftig sei, ist bei ihm schon immer bestimmt. So kommt es, dass der Mensch am Guten interessiert sein, denn es ist ihm vor-gegeben: Er kann es als ein Objekt begehren. Bei F. ist der nicht (erst) am Objekt, sondern als ein schlechthin Wollender vorgängig am Bestimmen selbst 'interessiert'; daher kann er auch ideale Zwecke haben.

JE




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Samstag, 23. Juli 2016

Bedeutendes von Unbedeutendem unterscheiden.


diepresse

Geist ist zu allererst das Vermögen, zwischen Bedeutendem und Unbedeutendem zu unterscheiden. Das Tier "kennt" diesen Unterschied nicht. Zwar bedeutet auch dem Tier dieses Etwas und Jenes nichts. Aber was ihm nichts bedeutet, nimmt es gar nicht erst 'wahr'. Das heißt, für es 'gibt es' diesen Unterschied nicht. Seine genetische Ausstattung hat "apriori" den Unterschied immer schon gemacht.

Nicht so für den Menschen. Er muss den Unterschied selber machen.

Es liegt nahe, dass ihm alles, was bleibt, zuerst einmal als bedeutender erscheint als alles, was sich ändert. Aber das kann sich... ändern. Es hängt davon ab, ob in seiner Erlebenswelt die sicheren Situationen vorherrschen oder die unsicheren; zum Beispiel.

aus e. Notizbuch, 28. 8. 08





Freitag, 22. Juli 2016

Tätigkeit ist die eigentliche Realität.


Courbet, Holzfäller

Tätigkeit ist die eigentliche Realität. (Weder Gegenstand noch Zustand sind allein rein zu denken. Durchs Reflektieren mischt sich das Entgegengesetzte hinein und selbst schon durchs Streben – Begehren – denn beides sind identische Handlungen. Der Begriff der Identität muss den Begriff der Tätigkeit enthalten – des Wechsels in sich selber. Zwei Zusammengesetzte sind die höchste Sphäre, zu der wir uns erheben können.)
___________________________________________________________________
Novalis, "Fichte-Studien", in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 83



Donnerstag, 21. Juli 2016

Wie komm ich mir vor?


C.Kleger  / pixelio.de 

Selbstbespiegelung ist erlaubt, wenn das Selbst schön ist.
Sie erwächst zur Pflicht, wenn der Spiegel gut ist.
___________
Karl Kraus





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Mittwoch, 20. Juli 2016

Es gibt nichts Unbestimmtes.


uschi dreiucker, pixelio.de

Das logisch Unbestimmte ist phänomenal (entwicklungsgeschichtlich, genetisch) ein Zubestimmendes; nicht unbestimmt, sondern bestimmt als ein mit einem Mangel Behaftetes. Es ist als Frage gegeben. Es begegnet nicht als etwas, das im allgemeinen Verweisungszusammenhang der Bedeutungen keinen Platz hat, sondern als eines, dessen Platz noch aufzufinden ist. Es ist (schon) eine Aufgabe.

Dem Tier begegnet in seiner geschlossenen Umwelt nichts schlechthin Bedeutendes, sondern immer schon ein Dieses-Bedeutendes. Was in seiner Umwelt nichts zu bedeuten hat, begegnet ihm nicht als unbedeutend, sondern begegnet ihm so-gut-wie-gar-nicht. Das Gesamt aller ihm möglichen Bedeutungen ist in seiner Umwelt, als seine Umwelt abgeschlossen. Es ist kein zu realisierender Verweisungszusammenhang, sondern realisiert sich selber als ein Dieses-hier-und-jetzt.

Der logischen Betrachtung erscheint das Reich der Bedeutungen als gegeben, der transzendentalen Betrachtung erscheint es als gemacht.

*

Was ist daran aber romantisch?

Dies: Das Schöne ist nach Kant das, was so aussieht, als ob es seinem Zweck vollends entspräche – ohne dass ein Zweck doch an ihm zu erkennen wäre.

Im Reich der Bedeutungen ist ihr Zweck immer das, was eine Sache zu 'dieser' bestimmen kann. Die ewige Subversion des ästhetischen Phänomens – das, was das Reich der gefügten Bedeutungen allezeit unterwühlt – ist ja nicht, dass es keine Bedeutung hat, sondern dass es den Betrachter heraus-fordert, eine neue Bedeutung, einen noch ungeahnten Zweck zu erfinden, die das bewährte Gefüge der gegebenen Bedeutungen aus dem Gleichgewicht bringen mögen. Und damit hat es nie ein Ende.

•Juni 13, 2010

Montag, 18. Juli 2016

Mein System.


Tinguely, Fastnachtsbrunnen 

Lieber Leser, 'mein System', von dem ich immer wieder rede und von dem Sie vielleicht doch noch nicht viel erkennen konnten, nimmt langsam Gestalt an; weniger literarisch als sachlich. Das Ästhetische schimmert immer öfter aus dem Strom der Wörter hervor, und nicht bloß als thematischer roter Faden oder als Hinter- grundrauschen, das alle andern Töne einfärbt, sondern als das Bindemittel zwischen der Anthropologie auf der empirischen und der Transzendentalphilosophie auf der theoretischen Seite.

Das klingt nun ebenso eitel wie trivial; wenn man nämlich von dem Ästhetischen einen trivialen Begriff hat. Ich fasse aber das Ästhetische (wie Fichte an Schiller schrieb) so weit, wie Sie es sich nicht einmal träumen lassen. So weit und so scharf, wie ich ergänzend hinzufüge, und dann ist es nicht mehr trivial.



Auf den ersten Blick ist es freilich das Thema der Vernunft, durch das die Anthropologie mit der Transzenden- talphilosophie zusammenhängt; als das specificum humanum hier und als Medium und Gegenstand dort: Selbst- reflexion der Intelligenz.

Die Intelligenz selber zeichnet das Humane schon lange nicht mehr aus. Je länger die Ethologen observieren, um so weiter wird das Feld der tierischen Intelligenz. Angefangen hat es mit dem Werkzeuggebrauch der Schimpansen, inzwischen sind wir bei absichtlicher Täuschung und Perspektivenwechsel bei den Rabenvögeln, und wer weiß, was noch kommt.

Es ist wohl wahr, tierische Intelligenz manifestiert sich immer punktuell und momentan, nur bei der Familie Homo ist ihr Gebrauch habituell und ubiquitär. Wäre das kein Unterschied? Es wäre keiner, der sich bestimmen lässt. Denn dazu müsstest du eine Grenze ziehen. Doch auf welchen Punkt du immer reflektierst, der Übergang ist fließend.

Qualitativ dagegen ist dieser Unterschied: Im Tierreich steht aller Intelligenzgebrauch im Dienste der Selbst- oder der Arterhaltung, auch da, wo er nicht genetisch, sondern kulturell vererbt wird. Allein Homo sapiens bemüht - und je länger seine Geschichte auf Erden dauert, umso wissentlicher - Zwecke, die abseits der Erhal- tungsfunktion liegen: Verum, bonum, pulchrum.

Das ist es, was den Menschen vor andern Lebewesen auszeichnet: Er kann nicht nur wahr-, sondern auch wert- nehmen. Und recht eigentlich muss er wertnehmen, so dass Max Scheler sagen konnte: Wertnehmen kommt vor wahrnehmen, es ist seine Bedingung. 

Das ist ein Satz, der der Anthropologie ebenso angehört wie der Transzendentalphilosophie, die das Praktische vor und über das Theoretische stellt. Wertnehmen ist das Wahrnehmen von Qualitäten, und so nennen wir Eigenschaften, die schlechterdings - "ohne Interesse" - von einem Urteil des Beifallens oder der Missbilligung begleitet sind. Und eben das ist das Ästhetische.

Was morphologisch der aufrechte Gang für die Hominisation bedeutete, bedeutet für die geistige Hominisation die Entwicklung seines ästhetischen Vermögens. Es ist der Stoff der Vernunft.



So weit die Anthropologie.

Vernunft nennen wir nun diejenige Intelligenz, die nicht nur die Wirkzusammenhänge der Dinge in Hinblick auf unsere Zwecke beurteilt, sondern die Zwecke selbst. Eine Intelligenz, die sich als einem Maß unterworfen vorstellt. Vernünftig nennen wir ein Handeln, das seine Zwecke als einer obersten Instanz, als einem Zweck der Zwecke verantwortlich erachtet. Dies genetisch herzuleiten aus dem idealen Ursprung der Vernunft selbst, jener Tathandlungin der sich das Ich als frei setzt, ist wiederum Sache der Transzendentalphilosophie. Die Fiktion eines obersten Zwecks - verum, bonum, pulchrum - ist eine ästhetische Idee. Sie ist nicht bedingt, sondern durch Freiheit möglich. Und recht besehen, ist am äußersten Ende der Vernunft nur sie noch durch Freiheit möglich.



Das sind die beiden Pole, zwischen denen "mein System" verläuft.*

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*) Wie es verläuft, sehen Sie, wenn Sie meinen Links folgen. 

  
27. Juni 2014

Samstag, 16. Juli 2016

Ein Computermodell des Bewusstseins?



Rationalistisch nennt man Theorien, die auf der Vorstellung beruhen, die Wirklichkeit sei nach denselben Regeln gestaltet wie das vernünftige Denken. Wie anders wäre denn zu verstehen, dass das vernünftige Denken die Wirklichkeit begreifen kann? Rational nennen wir das Denken, das sich in eindeutigen Zeichen darstellen lässt, die durch feste Verfahrensregeln operativ miteinander verknüpft sind.

Ein solches Denken lässt sich digital darstellen. Sowohl die Begriffe als auch die Operationsregeln können durch digits repräsentiert werden. Trifft die rationalistische Prämisse zu, dann ist das Computermodell des Geistes richtig: denn unser wirkliches Denken ist Teil der Wirklichkeit, die sich nach der Voraussetzung digital erfassen lässt.



Doch für die Annahme, die Wirklichkeit sei nach vernünftigen Regeln gestaltet, gibt es keinen Grund. Manch einer möchte es gerne glauben - mehr nicht. Vermuten ließe sich allenfalls, unser vernünftiges Denken habe sich im Lauf der Evolution so gut es eben ging den Gesetzen der Wirklichkeit angepasst. Das setzte aber voraus, dass in unsern denkenden Köpfen tatsächlich die Wirklichkeit vorkäme. Aber wie könnte das sein, wie käme sie dort hinein?

Was in unsern Köpfen vorkommt, ist vielmehr das Bild, das wir uns aufgrund der Meldungen, die unsere Sinnesorgane an unser Gehirn senden, von der Wirklichkeit machen; selber machen. Wenn unsere Begriffe und Verfahrensregeln irgendetwas darstellen könnten, dann doch allenfalls die Bilder, die wir uns machen, und nicht die Art und Weise, wie wir sie machen! Und sogleich springt das Paradox ins Auge: Bilder in 'Begriffen' und 'Regeln'! Das ist wie Feuerwasser auf einem Grill.

Aber auch empirisch lässt sich beobachten, dass unser wirkliches Denken, nämlich Vorstellen durchaus nicht digital und algorithmisch vonstatten geht, sondern in wilden Kaskaden und Kapriolen. Und es geschieht nicht zuständlich, sondern in Spasmen. Das lässt sich feststellen bei ganz nüchternem Verstand, dafür braucht man keinen tiefenpsychologischen Schamanen und keinen begeisterten Sänger. Was die Logik und die Begriffe tun, ist ganz bescheiden dies: Sie bringen Ordnung in dieses Tohuwabohu, aber nicht, weiles selbst nach einer Ordnung ruft, sondern weil wir anders unsere Vorstellungen keinem andern mitteilenkönnten - und nicht einmal behalten.

Doch was die Ordnung an Deutlichkeit in die Bilderwelt bringt, das scheidet sie an Farben und Formen aus. Die Begriffe mag man schärfen, so viel man will: Den Reichtum der Vorstellungen werden sie niemals fassen. Und da sind Kunst und Dichtung eher am Platz, da hat Gelernter Recht.








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Freitag, 15. Juli 2016

Die Sprache kann das Unmittelbare nicht aussagen.




"In der Sprache liegt die Reflexion, und darum kann die Sprache das Un- mittelbare nicht aussagen. Die Sprache tötet das Unmittelbare… Das Un- mittelbare ist nämlich das Unbestimmbare, und darum kann die Sprache es nicht auffassen; dass es aber das Unbestimmbare ist, ist nicht seine Voll- kommenheit, sondern ein Mangel an ihm."
Sören Kierkegaard, Entweder-Oder,
München 1975, S. 85

Und schon klingt es in meinen Ohren: "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt! Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen! Wovon man nicht sprechen kann, davon soll man schweigen!"

Dem hat ein kluger Kopf ein für allemal entgegengehalten: "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich. Es ist das Mystische." 
Ludwig Wittgenstein, Tractatus, 6.522

Das Unmittelbare oder, wenn man so will, das Bloße Sein ist allerdings das Mysti- sche, weil es nicht aus Bestandteilen zusammengesetzt ist, in die es sich wieder zer- legen (und mit Wörtern auszeichnen) ließe.

Was ich damit anfangen will, das könnte – und sollte ich vernünftiger Weise – 'entwerfen' und in klare Gedan- ken fassen, die sich 'klar aussprechen' lassen. Das ist ein Mangel an dem Unmittelbaren, da hat Kierkegaard wohl Recht, dass es das mystisch Unbestimmbare ist , nämlich solange ich noch nichts damit angefangen habe. Wenn es denn ein Mangel am Grund ist, dass er früher 'da' war als die Folge – aber eben noch kein Grund.


PS. Mit einer Sache 'etwas anfangen' heißt sie bestimmen. Wäre das Unmittelbare nicht bestimmbar, wie Kierkegaard behauptet, gäbe es keine Welt. Nur das Unmittelbare ist noch bestimmbar; das Vermittelte ist schon bestimmt - und kann von der Sprache ausgesagt werden. Doch nur, weil etwas nicht von der Sprache ausgesagt werden kann, ist es nicht schon unbestimmbar.




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Donnerstag, 14. Juli 2016

"Stoff und Form" und "Sein und Gelten"...



Die alte "Dialektik von Stoff und Form" findet ihre Lösung in der modernen Schein-Dialektik von 'Sein' und 'Gelten'. Die systematische Unterscheidung von beiden ist durch Lotze eingeführt worden; bei dem jedoch die Dreigliederung: Sein - Geschehen - Geltung. "In Wirklichkeit" "besteht" die Wirklichkeit "aus"... Geschehen, sonst nichts. Oder richtiger, da 'Wirklichkeit' immer nur eine Prädikation, terminus ad quem, nicht a quo ist, ist real immer nur "Erleben"; "Geschehen" ist schon eine durch Reflexion 'gesetzte' Objektivation, die dann nochmal in zwei Pole auseinandergezogen wird: das, was ist, und das, was es bedeutet. 'Wirklich' sind aber die 'Tatsachen' und deren 'Sinn' im Erleben immer schon ein und dasselbe: 'Es gibt' keine Tatsache, die ganz und gar nichts zu bedeuten hätte: Allenfalls wird der Mangel erlebt, daß die Bedeutung fraglich ist. Daß andererseits Bedeutung immer nur einem - actualiter oder virtualiter - Faktischen zukommt, ist zu banal, um es öffentlich auszusprechen. [Faktisch von facere, n'est-ce pas.]

Nicht anders die Begriffspaarung Stoff und Form, die nichts anderes aussagen soll als die beiden 'Seiten', Hin-Sichten, von denen aus auf den Gegenstand 'geblickt', also reflektiert werden kann - nachdem man zuvor bereits auf das Gegenständliche am Gegenstand reflektiert hatte (i.e. dessen "Tauglichkeit für menschliche Zwecke"). Denn 'zuerst' war 'das Zeug' der Dinge 'zuhanden' und 'erst dann' die Dinglichkeit 'da'! Kein Wunder also, dass die ersten Philosophen (Elea bis Plato) dazu neigten, die Stofflichkeit der Dinge für Nichts zu halten, und bei dem systematischen Reflexionsphilosophen Aristoteles der Stoff überhaupt nur als Möglichkeit zur Form in den Blick kommt; capacitas formarum bei Eckhart, hypokeimenon eidoôn bei Plotin, "Bestimmbarkeit" bei JGF.

Dazu: E. von Bracken, "Mr Eckhart und Fichte", S. 12ff.

Aristoteles: "Alles, was wird, wird aus einem solchen, das nur beziehungsweise ist und beziehungsweise nicht ist." Physik I/8

[Karl Kraus: "Nur in der Wonne sprachlicher Zeugung wird aus dem Chaos eine Welt." Heine und die Folgen in Der Untergang der Welt durch schwarze Kunst, S. 205. - Die "sprachliche Zeugung" ist das Festhalten, Festsetzen einer Geltung durch ein "Zeichen" - das seinerseits festgehalten wird durch seinen "Verweisungszusammenhang" ("System") mit "den andern" Zeichen...]

aus e. Notizbuch, 21. 9. 94




Dienstag, 12. Juli 2016

Das ausgeplauderte Geheimnis der Metaphysik.


istock/rafinade

Der Vereinigungspunkt aller rationalistischen Metaphysiken des 17. und 18. Jahrhunderts war die Analogisie- rung von Denk- und Naturgesetzen, und deren harter Kern war die Gleichsetzung von physikalischer Ursache mit logischem Grund. Der Denkfehler ist so offenkundig, dass man ihn nur auszusprechen, aber nicht mehr zu widerlegen braucht, und es ist schwer vorstellbar, dass von all den klugen Köpfen ihn keiner bemerkt haben sollte. Er kann sich eigentlich nur still und heimlich als unausgesprochene Selbstverständlichkeit immer wieder neu eingeschlichen haben. Aber es muss auch einigen dialektischen Aufwands bedurft haben, ihn immer wieder neu zu vertuschen.

Als Vollender und Systematisierer der Metaphysik gilt Christian Wolff, und er gilt auch als besonders pedan- tisch und als sich selbst gegenüber nicht besonders kritisch. Vielleicht hat der sich mal irgendwo verplappert? Das kann eigentlich nicht ausgeblieben sein, da wollte ich mal nachgucken.

Da stand ich also vor den 37 Bänden auf Deutsch und 46 Bänden in scholastischem Latein! Aufs Geratewohl griff ich hinein und griff Der vernünfftigen Gedancken von Gott, der Welt und der Seele der Menschen, auch aller Dinge über-haupt, anderer Theil, bestehend in ausführlichen Anmerkungen. Ich schlug sie in der Mitte auf und fand, als ich drei, vier Seiten zurückblätterte, meine STELLE!

Im IV. Kapitel, genannt Von der Welt, steht der § 176:

Ich habe hier erkläret, in was für einem Verstande ich das Wort Verknüpffung, nexum rerum, nehme, damit daraus keine Irrung entstehen soll. Ich sage nemlich, die Dinge in der Welt wären mit einander verknüpfft, wenn eines in sich eine Raison enthält, weshalb das andere neben ihm zugleich ist, oder auf dasselbe folget. Ich habe auch erkläret, in was für einem Verstande ich das Wort Grund oder Raison nehme. Ich sage nem-lich, es sey dasjenige, woraus ich verstehen kann, warum das andere ist. …/… Der ganze Verstand von der Verpnüpffung der Dinge mit einander ist demnach dieser, daß alles in der Welt mit Raison neben einander geordnet sey, und mit Raison eine Veränderung auf die andere erfolge, das ist, es sey allezeit etwas zu finden, daraus sich verstehen lässet, warum eines neben dem anderen zugleich ist, und wie die Veränderung einer Sache erfolget, oder sie aus einem Zustande in den anderen kommet. Wenn wir es nicht finden können, so lieget bloß die Schuld an uns, nicht an der Sache. Wer sich ein wenig in der Physick umgesehen, wo man sonach die Ursachen von den Würckungen, als die Absichten der natürlichen Dinge, anzeiget, der wird finden, daß durch diese Verknüpffung in der Welt nichts anderes gesucht wird, als wie die darinnen befindli-chen Dinge und ihre Veränderungen von den Causis finalibus & efficientes, oder den göttlichen Absichten und denen von GOtt verordneten natürlich Ur/sachen, dependieren. Man könnte sogar die Erklärung oder De-finitionem machen, qod nexus rerum materalium sit dependentia a causis finalibus & efficientes. Es kann daher einem nicht einmal träumen, daß durch diese Verknüpffung der Dinge eine unvermeidliche Nothwendigkeit und Fatalität in die Welt kommen solle. Vielmehr bringet die Dependentia a causis finalibus, oder die Ver-knüpffung der Dinge, in so weit sie von den göttlich Absichten herrühret, göttlich Weißheit in die Welt.  

Wo er sich ganz besonders unmissverständlich ausdrücken will, greift er zu lateinischen Ausdrücken. Bloß am springenden Punkt ist er mit seinem Latein am Ende: die Raison muss er sich von den Franzosen borgen; aber das ist auch schon der ganze Trick, Sie sehen's ja selbst!

Bei der Gelegenheit musste er freilich über seinen Schatten springen. Besteht sein ganzes Werk eigentlich nur in einer Aneinanderreihung mehr oder minder spitzfindiger Nominaldefinitionen, wendet er sich hier an das erkennende Vermögen des Subjekt: 'dasjenige, woraus ich verstehen kann, warum...'. Wenn's sein muss, kann der Dogmatiker auch pragmatisch denken; von der Raison  bleibt dann allerdings nur eine Black box übrig.

Quelle: Christian Wolff, Gesammelte Werke, Abt. I. Deutsche Schriften, Bd. 3 [Frankfurt a. M. 1740] Hildesheim 1983; S. 186ff.





Ich weiß nur…

Jusepe de Ribera , Saints Peter and Paul, um 1616. 

…das, was ich einem Andern zwingend beweisen kann. Alles andere nehme ich nur an, wenn auch vielleicht mit größt möglicher Gewissheit.

Die Annahme einer Intelligenz außer mir ist nicht erst eine empirische, sondern schon eine logische Voraussetzung der Vernunft.

Juli 20, 2009


Nota. - Fichte hat aus der logischen Unvermeidlichkeit des Verkehrs unter den vernünftigen Subjekten für die Wirklichkeit der Vernunft  auf die Notwendigkeit eines Mediums geschlossen, durch das sie kommunizieren können. Dass er also 'Licht und Luft a priori deduziert' hatte, hat damals viele rechtgläubige Kantianer zum Reden gebracht.

Kant hat allerdings in seinem Op. postumum an demselben Gedanken gearbeitet - etwa an derselben Stelle, wo er sich für den Titel Philosophie als Wissenschaftslehre in einem vollständigen System aufgestellt entschieden hatte. 





Sonntag, 10. Juli 2016

Aber was heißt Natur?

J. Chr. C. Dahl, Vom Lyshorn

Die Bereitschaft, einen Teil der Res extensa unter dem Namen "Natur" von ihrem Rest zu unterscheiden, geht auf das Erbe aus animistischer Zeit zurück. Sie ist nichts anderes als das Apriori, sie grundsätzlich als Subjekt denken zu wollen. Als ein Subjekt: das ist eine nachträgliche Beigabe einer Reflexion, die sich noch nicht bis zur Wurzel vorwagt.

In Wahrheit kann das Wort nichts anderes bezeichnen als all das, was nicht von Menschen geschaffen ist. Daß es ipso facto aber 'geboren' oder 'gebärend' wäre wie er, ist eine grundlose Voraussetzung, die uns lediglich 'natürlich' erschien – womit sich ein Zirkel schließt. Nicht die so oder so gearteten Definitionen von 'Natur' sind zu rechtfertigen, sondern diese Vorstellung selbst; nicht zu reden von ihrer Verwendung in wissenschaftlichen Zusammenhängen.

Notizbuch, Dez. 2012 



Samstag, 9. Juli 2016

Das Wissen selbst kann nicht Begriff werden.


Renate Tröße, pixelio.de

Das Absolute kann nicht Begriff werden (d. h. es muss zuerst Begriff werden; und "erscheint" in der Vernichtung des Begriffs)

Die WL handelt nicht von den Gegenständen des Wissens, sondern vom Wissen selber - abgesehen von den Gegenständen, die in ihm vorkommen.

So wird ihr das Wissen zunächst selber zu einem Gegenstand, "Begriff": das 'Wissen vom Wissen'. Es hat unter der Hand wieder eine Verdoppelung stattgefunden: Wir "haben" erneut nicht 'das Wissen selbst', sondern ein Bild des Wissens; als einen gewussten Gegenstand, nicht aber als das Wissen selbst, welches wir doch "einsehen" wollten; aber als ein nicht-objektiviertes; nicht-objektives; sondern als ein 'lebendiges'. Das heißt, wir suchen einen wissbaren Gegenstand, der aber nicht gegenständlich werden darf, weil anders er nicht das Wissen selbst, sondern wieder nur ein Gewusstes sein kann.

Soll also das Wissen selbst gewusst werden, muss es uns zu einem Gegenstand (Bild, Begriff) werden, was eben das Falsche ist; aber unumgänglich. Das Wissen selbst erscheint erst hinter seinem Bild - nachdem ich mir ein Bild gemacht und das Bild als... Falsches eingesehen und vernichtet habe; erscheint das, 'was' ich im  Begriff abgebildet habe, und was "übrigbleibt", wenn ich den Begriff von ihm abziehe; erscheint spezifisch als das Nicht-Begriffene!

aus e. Notizbuch, 7. 6. 92


Nota. - Was hier umständlich und erzwungen klingt, findet sich bei Fichte viel einfacher: Im Begriff wird eine Tätigkeit angeschaut, als ob sie ruht. So erschiene das Wissen als die Gesamtheit alles Gewussten plus ein X, 'welches weiß'. Aber was 'begriffen' werden sollte: das Verhältnis zwischen ihnen, ist verloren gegangen! Denn realiter handelt es sich nicht (statisch) um ein Verhältnis zwischen Zweien, sondern (dynamisch) verhält sich Einer zu einem Andern. - Doch nur, was real ist, kann angeschaut werden, und nur was angeschaut werden kann, ist real. Mit andern Worten, Wissen als Schatz muss immer wieder erst zu tätigem wissen realisiert werden, um anschaulich zu werden.
JE