Eine kritische Bedeutungslehre.

oder:
.
Hat der Hirnforscher die Transzendentalphilosophie überholt?



Einen Akt der Freiheit begreifen wollen ist 
absolut widersprechend. Eben wenn sie es
begreifen könnten, wäre es keine Freiheit. 
J. G. Fichte 

Die größte Kunst im Lehr- und Weltleben
besteht darin, ein Problem in ein Postulat
zu verwandeln, damit kommt man durch.
Goethe 


Das Ich tritt dadurch in die Philosophie 
ein, dass die Welt ‘meine Welt‘  ist.
L. Wittgenstein 


Only those who attempt the absurd 
will achieve the impossible.
M. C. Escher



Die Spatzen brüllen es vom Dach: Die Hirnforschung hat uns eine Revolution beschert. Die Freiheit des Willens ist widerlegt, das Ich liegt bei den Akten. Ein neues Menschenbild? betitelt ihr Wortführer sein jüngstes Buch.[1] 


I. Lange sah es aus, als sei die Hirnforschung im Begriff, auf empirischen Wegen die Themen der transzendentalphilosophischen Erkenntniskritik für sich neu zu entdecken. Denn ‚empfangen’ würden von unserm Gehirn, so heißt es, immer nur einzelne Sinnesreize. Diese zu einer bedeutungsvollen Einheit zusammenzufassen, sei dessen eigene Leistung, die den Sinnesreizen gewissermaßen ‚vorausgeht’.

"Das Mannigfaltige der Vorstellungen kann in einer Anschauung gegeben werden, die bloß sinnlich, i.e. nichts als Empfänglichkeit ist. Allein die Verbindung eines Mannigfaltigen überhaupt kann niemals durch Sinne in uns kommen, und kann also auch nicht in der reinen Form der sinnlichen Anschauung zugleich mit enthalten sein, denn sie ist ein Actus der Spontaneität der Vorstellungskraft", hieß es in der Kritik der reinen Vernunft.[2] 

"Einzelne Neurone repräsentieren durch den Grad ihrer Aktivierung lediglich elementare Objektmerkmale, keine komplexe Merkmalskonstellationen", schreibt jetzt Wolf Singer. [3] "Jede Zelle interagiert mit etwa zwanzig bis dreißigtausend anderen.[4] Die Information über komplexe Objekte wird im Gehirn in jedem Fall arbeitsteilig durch sehr viele Neurone analysiert, von denen jedes durch seine Aktivierung jeweils nur einen relativ kleinen Teilaspekt der Objektbeschaffenheit kodiert. Diese jeweils für ein Merkmal zuständigen Neurone [sind] nicht etwa in einem eingegrenzten Hirnareal aufzufinden, sondern über ausgedehnte Hirnareale verteilt. Objekte [werden] nicht durch die Aktivität einzelner oder sehr weniger Neurone in der Hirnrinde repräsentiert, sondern durch ausgedehnte und über weite Bereiche verteilte Neuronenverbände - sogenannte Assemblies."[5] 

Das bedeute, "daß die Verschaltungsarchitektur eine ganz wesentliche Determinante für Hirnfunktionen [ist]. Hier liegen die meisten Freiheitsgrade, da die Funktionen einzelner Nervenzellen recht stereotyp sind.[6] Die Spezifizität der Hirnfunktionen beruht ausschließlich auf der Architektur der Verbindungen zwischen Nervenzellen. Das Programm [des Gehirns] residiert praktisch in dieser Architektur der Verbindungen und in deren Gewichtung, die in den Grundzügen genetisch vorgegeben wird. Sie speichert gewissermaßen die während der phylogenetischen Entwicklung gewonnene Erfahrung über das Sosein der Welt. [7] Wir kommen mit erheblichem Vorwissen über die Welt in diese." [8] 

Dieses Vorwissen über die Welt ist nicht positiv als ‚Information’ kodiert, sondern problematisch: "Vom nur teilweise vorgefertigten Gehirn wird also eine Vielzahl von Fragen an die Welt gestellt, deren Beantwortung zu Strukturänderungen führt. Das Gehirn interpretiert.[9] [Daraus folgt,] daß Wahrnehmung nicht als passive Abbildung von Wirklichkeit verstanden werden darf, sondern als das Ergebnis eines außerordentlich aktiven, konstruktivistischen Prozesses gesehen werden muß, bei dem das Gehirn die Initiative hat.[10] Das Gehirn ist nie ruhig, sondern generiert ständig hochkomplexe Erregungsmuster, auch wenn Außenreize fehlen.[11] [Es] bildet ständig Hypothesen darüber, wie die Welt sein sollte, und vergleicht die Signale von den Sinnesorganen mit diesen Hypothesen. Finden sich die Hypothesen bestätigt, erfolgt die Wahrnehmung nach sehr kurzen Verarbeitungszeiten. Treffen sie nicht zu, muß das Gehirn seine Hypothesen korrigieren, was die Reaktionszeiten verlängert."[12] 

Der alte Streit zwischen Idealismus und Realismus wäre empirisch endgültig entschieden: ‚Wahr’nehmen ist nicht aufnehmen, sondern ein "Verifizieren vorausgeträumter Hypothesen".[13] Die apriorische Synthesis, die die neuronalen Signale zu einer sinnvollen Wahrnehmung ‚bedeuten’, "ist ein Actus der Spontaneität der Vorstellungskraft", der "nicht durch Objekte gegeben, sondern nur vom Subjekte her verrichtet werden kann".[14] 

Dennoch siegt bei Wolf Singer nicht Kant, sondern Spinoza: "Im Bezugssystem neurobiologischer Forschung gibt es keinen Raum für objektive Freiheit, weil die je nächste Handlung, der je nächste Zustand des Gehirns immer determiniert wäre durch das je unmittelbar Vorausgegangene."[15] Was ihm im Bezugssystem neuro-biologischer Forschung offenbar niemand bestreitet und was außerhalb dieses Bezugssystems ihm zu bestreiten niemand nötig hat, will Wolf Singer aber innerhalb dieses Bezugssystems nicht belassen: "Die Annahme, wir seien voll verantwortlich für das, was wir tun, weil wir es ja auch hätten anders machen können, ist aus neurobiologischer Perspektive nicht haltbar. Neuronale Prozesse sind deterministisch. Dieses Wissen muß Auswirkungen haben auf unser Rechtssystem, auf die Art, wie wir Kinder erziehen und wie wir mit Mitmenschen umgehen."[16] 

II. Wie kam es zu dieser Wendung? Anlaß war "das so genannte Bindungsproblem";[17] der Umstand nämlich, daß die Forscher keine ‚Stelle’ finden können, an der die Synthesis vollzogen wird. Da sitzt kein Richter, der ‚jetzt’ sagt und ‚es gilt’. "Die Ergebnisse der vielen, gleichzeitig ablaufenden Sinnesfunktionen werden parallel an die ebenfalls zahlreichen exekutiven Zentren weitergegeben, ohne daß vorher alle Informationen an einem Ort zusammengeführt wurden. Wie dennoch ganzheitliche Wahrnehmung und wohl koordinierte Bewegungen zustandekommen, ist unklar. Es muß Metarepräsentationen für die Ergebnisse dieser Teilprozesse geben, doch diese können ebenfalls nur nichtlokale Gebilde sein, also wiederum einem distributiven Prinzip folgen. Wir vermuten, daß die Einbindung verteilter Neuronengruppen in diese Metarepräsentationen durch zeitliche Synchronisation neuronaler Antworten erfolgt."[18] Es sei "eine Illusion, daß wir im Gehirn ein Kommandozentrum haben, in dem das Ich residiert und wertet, entscheidet und befiehlt. Stattdessen müssen wir uns das Ich als einen räumlich verteilten, sich selbst organisierenden Zustand denken".[19] 

Zur Frage nach dem Ich trägt das "so genannte Bindungsproblem" aber überhaupt nicht bei. Denn was würde sich ändern, wenn die Hirnforscher ein ‚Zentrum’ hätten lokalisieren können? Gar nichts. Wolf Singer würde sagen, daß die "Ursache für die je folgende Handlung der vorangehende Gesamtzustand" - nicht des Gehirns, sondern eben – ‚des Zentrums’ ist.[20] Ob es sich, empirisch betrachtet, um einen systemischen Prozeß oder um einen punktuellen Akt handelt, spielt für die Frage der Spontaneität der Synthesis überhaupt keine Rolle - sondern nur, ob er von einem Anderen ‚determiniert’ werden kann. Das hat Wolf Singer zwar bisher nicht behauptet, vor so viel Kehrtwendung scheut er zurück. Es läuft aber darauf hinaus, er hat es bloß noch nicht gemerkt. Denn was er wirklich sagen will, ist dies: daß eine bestimmte neuronale Verschaltung einen bestimmten Vorstellungsgehalt ‚determiniert’. Auf etwaige ‚neuronale Korrelate für Sinngehalte’ angesprochen, erklärt er, "daß unterschiedlichen Gedanken verschiedene neuronale Aktivitätsmuster zugrundeliegen. Kein Gedanke ohne Substrat. Allem, was begrifflich trennbar ist, müssen unterschiedliche Gehirnzustände entsprechen." 21 Dies ist der einzige rationelle Sinn, den die Rede von ‚Determination’ in diesem Zusammenhang haben kann: daß die Bedeutungen "Abbilder" von Sachverhalten sind. Den Realismus, den er vorne ausgetrieben hat, holt er hinten wieder rein. Denn daß der Sachverhalt, der ‚abgebildet’ wird, (einstweilen noch) "innen" ist und nicht "außen", ist sekundär. Ausschlaggebend ist, daß der ‚Umschlag’ oder ‚Übergang' vom (physiologischen) Fakt zu (logischem) Sinn ein stetiger ist: Denn bei Naturvorgängen "gibt es nirgends Sprünge". 22 


III. Folglich bestreitet Wolf Singer dem Ich nicht allen Sinn. "Wir wissen aus der Psychopathologie, was passiert, wenn ein Konstrukt wie der freie Wille zusammenbricht."23 Da wir ihn als wirklich erleben, muß ihm auch etwas zugrundeliegen: "Dennoch beruht unsere Vorstellung, frei zu sein, auf Vorgängen im Gehirn. Ich halte sie für eine kulturelle Konstruktion. Sie muß sich also irgendwann im Laufe unserer kulturellen Evolution ausgebildet haben."24 Das wird man ihm nicht bestreiten wollen. Noch entschiedener könnte man ihm beipflichten, hätte er hinzugefügt: so wie unsere Vorstellungen von ‚Determination’, ‚Kausalität’, ‚Stetigkeit’ auch. Mit Jürgen Habermas zu reden: "Die Leistungen des transzendentalen Subjekts haben ihre Basis in der Naturgeschichte der Menschengattung"25 - denn diese Naturgeschichte ist, seit sie Menschen-Gattung ist, Kulturgeschichte.

Maturana ist nicht Kant, konstruktivistische Redensarten können die Transzendentalphilosophie nicht erübrigen. Bewähren muß sie sich allerdings selbst. Der naiv realistische Angriff des Hirnphysiologen, der sich selber nicht versteht, ist dazu die gegebene Herausforderung. Das immerhin ist sein Verdienst.

Es ist nicht wahr, daß es in der wirklichen Welt keine Sprünge gibt. Den bedeutsamsten ‚Sprung’ tragen wir alle in unserm Bewußtsein. Uns ist nämlich die Welt gewissermaßen "zweimal gegeben". Das einemal als unabsehbarer Strom von Erscheinungen, das andre Mal als ein Tableau von Bedeutungen. Diese Verdoppelung gehört zum Proprium humanum. Sobald wir reflektieren, fällt uns die Welt auseinander. Das ist die Spur, die der Hiatus unserer Gattungsgeschichte im Menschenhirn hinterlassen hat.

Auch das Tier lebt in Bedeutungen. ‚Erscheinungen’ nimmt es gar nicht ‚wahr’. Aber die Bedeutungen "erscheinen" ihm; immer hier und jetzt: Sie bilden sich ihm nicht zum Tableau. Wie ist es zum Bruch zwischen dem Tableau (der transzendentalen Synthesis) und den Erscheinungen (dem Mannigfaltigen der Sinne) gekommen? Woher kam die Reflexion? Oder, wie Fichte fragt: wie ist die Vernunft in die Welt gekommen? "Aus nichts wird nichts!"26 

Es ist ein Mißverständnis, daß die Transzendentalphilosophie mit dem Empirischen gar nichts zu tun hätte. Würde sie von etwas handeln, das nicht wirklich ist, wäre sie überflüssig. Würde sie allerdings von etwas Wirklichem handeln, von dem wir Erfahrung haben können; wenn also die Hirnphysiologen nicht nur die elektrochemischen Vorgänge im Gehirn beobachten, sondern auch darstellen könnten, was sie jeweils bedeuten -, wäre sie nicht bloß überflüssig, sondern widersinnig. Die Transzendentalphilosophie rekonstruiert ein Wirkliches, von dem wir keine Erfahrungen haben und das wir uns aus seinen Wirkungen erst erschließen müssen. Sie ist Wissen von etwas, das vor dem Wissen liegt: ist Spekulation, sie entwirft ein Bild; aber kein Abbild, sondern ein "Schema".27 

IV. In der Schule lernen wir, Vernunft sei das, was dem Menschen das ersetzen muß, was bei den Tieren die Instinkte sind. Die Rede vom "instinktentbundenen" Mängelwesen (Gehlen) beherrschte lange die philosophische Anthropologie. Allerdings wurde der Instinktbegriff von der Aufklärung erfunden, um zu erklären, was dem Tiere die Vernunft ersetzt. Sie ‚erklären’ einander gegenseitig - durch Verneinung.

Als aber die Biologen den Instinkt erforschen wollten, ging es ihnen wie mit der Vernunft: sie konnten nichts finden - keinen ‚Sitz’ und auch kein ‚Substrat’. Doch irgendwie ‚verhalten’ sich ja die Tiere zu den Dingen um sie herum! Die eine (‚realistische’) Erklärung kam von den Reflexologen Pawlow und Skinner. Die andere (‚idealistische’) gab der Bedeutungs-Begriff Jakob von Uexkülls.

Evolution ist Auslese und Anpassung. Im Laufe ihrer Geschichte hat jede Spezies ihre ökologische Nische gefunden und sich zu ihrer Umwelt anverwandelt. "Nur die Umgebung eines Tieres liegt vor unseren Augen offen da. Wenn wir sie erforschen, entdecken wir in ihr die Reizquellen, die auf die Tiere einwirken. Die Umwelt ist aber völlig unsichtbar, denn sie besteht lediglich aus den Merkmalen der Tiere, die das Tier selbst hinausverlegt. Jede Umwelt ist das Erzeugnis eines Subjekts. Jede Umwelt bildet eine in sich geschlossene Einheit, die in all ihren Teilen durch die Bedeutung für das Subjekt beherrscht wird. Alles und jedes, das in den Bann einer Umwelt gerät, wird umgestimmt und umgeformt, bis es zu einem brauchbaren Bedeutungsträger geworden ist - oder es wird völlig vernachlässigt."28 Die Bedeutungen tierischer Umwelten haben einen gemeinsamen Nenner: Sie sind Funktionen der Erhaltung - der Individuen wie der Art. Was keinen Erhaltungswert hat, kommt in ihnen, wenn es auch ‚da’ ist, buchstäblich nicht vor.

Der Mensch hat vor Jahrmillionen seine biologische Nische verlassen und ist aus der ererbten Umwelt in eine fremde Welt aufgebrochen. Deren Bedeutungen waren nicht vererbt, er mußte sie selber heraus-, d. h. hineinfinden. "Nichts kann sein, was ihm nicht etwas zu bedeuten vermag."29 Und die Bedeutung ist, seit er einmal dem Überfluß begegnet war, nicht mehr auf den Erhaltungswert beschränkt: Jedes kann ihm Vieles bedeuten, und er kann sich sogar selber fraglich werden.

Auch die Welt ist keine Sukzession von Erscheinungen. Auch sie ist ein Raum von Bedeutungen, die ‚vor’ den Erscheinungen ‚da sind’. Das teilt sie mit den tierischen Umwelten, aus denen sie hervor gegangen ist. Der Unterschied: Dieses Ganze ist da, weil es gedacht wird. In der wirklichen Vorstellung kommt zwar immer nur dieses und das und jenes vor. Das widerfuhr auch unsern hominiden Vorfahren, als sie sich auf ihre Hinterbeine stellten und aus dem schützenden Urwald ins offene Feld ausbrachen: Dies und das war ihnen vertraut und bedeutete, was es schon immer bedeutet hatte. Anderes war ihnen in den Nischen nicht vorgekommen. Aber im offenen Feld kam Anderes vor; nicht als bedeutungslos, sondern als fraglich - weil nun das Ganze fraglich war. Das war eine ganz neue Bedeutung. Der Mensch ist der, der nach Bedeutungen fragen kann - weil er muß. Die Welt ist entstanden als Mangel. Als das, was nach dem Verlust der Umwelt fehlte. Ein Raum, in den ich fragend blicke.30 

V. Diesen Mangel beheben ist das Ergebnis einer Vorstellungsarbeit. Im Anschluß an v. Uexküll entwickelte Ernst Cassirer seinen Symbolbegriff. Entsprechend seiner anatomischen Struktur besitze jeder Organismus "ein bestimmtes Merknetz und ein bestimmtes Wirknetz. Das Merknetz, durch das eine Spezies äußere Reize aufnimmt, und das Wirknetz, durch das sie auf diese Reize reagiert, sind in allen Fällen eng miteinander verknüpft. Sie sind Glieder einer einzigen Kette, die Uexküll den Funktionskreis des Lebewesens nennt. Der Funktionskreis ist beim Menschen nicht nur quantitativ erweitert. Er hat sich auch qualitativ gewandelt. Zwischen dem Merknetz und dem Wirknetz finden wir beim Menschen ein drittes Verbindungsglied, das wir als Symbolnetz oder Symbolsystem bezeichnen können. Diese eigentümliche Leistung verwandelt sein ganzes Dasein. Er lebt sozusagen in einer neuen Dimension der Wirklichkeit."31 

Wenn alle Dinge "eine Bedeutung haben", ermöglicht und erfordert es diese ihre gemeinsame Qualität, sie als eine - artikulierte - Gesamtheit aufzufassen, indem die Bedeutung des Einen zur Bedeutung des Andern ins Verhältnis gesetzt wird; so daß idealiter die Bedeutung eines Jeden in den Bedeutungen aller Andern ihre Grenze findet. Die Welt ist dann die Totalität der Verweisungszusammenhänge. Logisch mag man das Verhältnis umkehren: Indem man die (gedachte) Totalität aller (möglichen) Verweisungen an den Anfang setzt und die tatsächlich stattfindenden Verweisungen und schließlich die je einzeln bestimmt-werdenden Bedeutungen daraus "hervorgehen" läßt. Doch wenn es auch so wäre, daß die Welt, einmal erfunden, gegeben ist wie es die tierischen Umwelten sind - so müßte sie sich ein jedes neu hinzukommendes Individuum doch jedesmal wieder neu aneignen. Und es könnte das mehr oder weniger tun. Wenn ihm das auch am vorgegebenen Material leichter fällt als den abertausenden Generationen vor ihm, die alles erst erfinden mußten - im Prinzip ist es doch "so gut, als ob" er mit dem Bedeuten der Dinge ganz von vorn anfinge. Und die ‚erste’, elementare Bedeutung ist die Scheidung von Ich und Nichtich. Indem ich ein Anderes "bedeute", bedeute ich ipso facto ‚mich’ als das Andere dieses - und jedes andern - Andern. Das Ich ist nur insofern etwas, sagt Fichte, als es mit der Welt in Wechselwirkung steht; logisch und reell. In einer natürlichen Umwelt kann es ein Ich nicht geben. Aber ohne Ich gibt es keine Welt. 


VI. Während die tierischen Umwelten ‚zustande kommen’, indem das Tier seine eigenen Merkmale in die Umgebung hinausverlagert, kommt der Mensch zu Stande, indem er den offenen Welt-Charakter seiner Umgebung in sich ‚hereinholt’: in seine anatomische Organisation.

Der aufrechte Gang hat eine ganze Reihe morphologischer Auswirkungen. Er hat einerseits die Vergrößerung des Kopfes ermöglicht, wodurch Homo zum sapiens wurde. Andererseits hat er verhindert, daß der vergrößerte Kopf auf  "normalem" Weg geboren und (also) normal ausgetragen werden konnte. Darum werden Menschenkinder ‚zu früh’ geboren. Eigentlich "müßte unsere Schwangerschaft etwa um ein Jahr länger sein als sie tatsächlich ist", sagt der Biologe Adolf Portmann32 und spricht von einem extra-uterinen Embryonalstadium. Entsprechend hilflos kommt der Mensch ‚zur Welt’. Und so bildet sich das höchstentwickelte Säugetier gewissermaßen ‚zurück’ zu einem sekundären Nesthocker. Dieser ‚Rückschritt nach vorn’ bestimmt fortan den ganzen Gattungscharakter.

Was nämlich bedeutet ‚Ausbildung’ in der Natur? Anpassung an die gattungsmäßig vorgegebene Umweltnische, Zurichtung für eine spezifische Funktion im ökologischen Geflecht. Natürliches Reifen ist nichts anderes als Spezialisierung: Sie ist "das Endziel organischer Entwicklung" und findet "bei allen Säugern außer dem Menschen" statt33. Seit er sein Naturgefüge verlassen hat und in die weite Welt ausgewandert ist, hat der Mensch aber kein biologisches Maß mehr, dem er entgegenreifen könnte. Sein Lebensraum ist wesentlich unbestimmt. Seine Reifung ist daher "Spezialisation auf Nicht-Spezialisiertsein"34, seine Ausbildung ist eine Entspezialisierung, seine Reife ist Dysfunktionalität.

Was für das umweltgebundene Tier eine Minderung wäre, wurde für den Menschen zum Gewinn, denn Spezialisierung auf die eine Möglichkeit bedeutet den Verlust all der andern. Das spezialisierte Wesen ist festgestellt. "Für ein Tier ist durch seine umwelt-gebundene Organisation von vornherein darüber entschieden, ob und inwiefern ein Naturbestandteil dieses Wesen etwas angeht. Die weltoffene Anlage des Menschen schafft dagegen eine völlig andere Beziehung zu der umgebenden Natur. Uns kann jeder noch so un-scheinbare Teilbestand der Umgebung bedeutend werden, jede beliebige Einzelheit vermögen wir durch unsere Beachtung aus dem indifferenten Feld der Wahrnehmung herauszulösen und hervorzuheben. Uns kann alles etwas angehen."35 

Verloren ging die Sicherheit, und gewonnen hat er eine Freiheit, durch die ihm die "Führung des Daseins eine nie endende Aufgabe" ward.36Mit andern Worten, der Mensch funktioniert nicht, weil er, nach Nietzsche, "das nicht festgestellte Tier" ist. "Bildsamkeit, als solche, ist der Charakter der Menschheit."37 


VII. Leben ist für die Naturwissenschaft Stoffwechsel und Fortpflanzung, einschließlich der neuronalen Prozesse, die sich kausal dazwischenschieben. Nur der Mensch kann sich damit nicht begnügen, weil er in keiner natürlichen Umwelt zu Hause ist, die ihm seine Bestimmung vorgegeben hätte, sondern in einer selbstbedeuteten Welt: schlecht und recht. Seine Existenz ist eo ipso prekär. Er kann nicht bloß "dasein", sondern muß sein Leben führen. Das ist offenbar ein Problem. Und nur, weil er es hat, sagt er "ich".

Wahr ist allerdings auch, daß sich das Symbolnetz, das ihm seine Welt bedeutet, im Lauf der letzten Jahrtausende an einer Stelle verheddert hat, nach der seither Alles sozusagen gravitiert - dem wirtschaftlichen Nutzen, einer Art Erhaltungswert höherer Ordnung.  

Aber Wirtschaftsgesellschaft ist unser Gattungsleben nicht an und für sich. Nachdem sie ihren Urwald verlassen hatten, lebten die ersten Menschen - als Jäger und Sammler – ‚mit der Natur in Einklang’. Sie behandelten die Naturdinge als ihresgleichen, als beseelt und mit Willen begabt. Die erste Welt, die frühesten Symbole waren animistisch. Sie trugen einen unübersehbar luxuriösen Zug: In den Höhlen von Lascaux und Altamira kann man es sehen.

Das Wanderleben war allerdings gefährlich; nicht zufällig, wie in der ökologischen Nische, sondern eo ipso. Bedeutend wurde Sicherung. Die einzige Sicherheit waren die Blutsbande. Das Totem prägt die ursprünglichen Symboliken. Bis weit in die Ackerbaugesellschaften beruhen die politischen Strukturen auf Verwandtschaftsbeziehungen. Das Blut und der Boden sind, konkurrierend, der Grund von Wert und Sinn: In den antiken Mythologien streiten sich Erd- und Himmelsgötter wie die Bauern- und Hirtenvölker in der Wirklichkeit. Doch am Ende beherrscht die Arbeit die alltäglichen Urteile, durch Handel und Geldverkehr rückt das Abstraktum ‚Wert’ an die Stelle anschaulicher Qualitäten.

Es begann damit, daß sich der Mensch in der offenen Welt, in die er jagend und sammelnd aufgebrochen war, festsetzte und dort sicherheitshalber eine neue, künstliche Umweltnische einrichtete. Das war die Erfindung des Ackerbaus vor vielleicht zwölftausend Jahren im Tal des Jordan, und die Erfindung der Arbeit. Seither hat auch der Mensch ein Gefüge, in dem er funktionieren, und ein Maß, dem er reifen und für das er sich ausbilden muß. Die vollendete, ‚ausgebildete’ Form der Arbeitsgesellschaft ist die Marktwirtschaft: Alles hat seinen Preis. Jetzt müssen die Arbeiten gegeneinander austauschbar, ihre Qualität muß meß- und vergleichbar sein. Die Nützlichkeit der einen Sache muß sich in der Nützlichkeit der andern Sache darstellen lassen. An die Stelle der Gebrauchswerte tritt der Tauschwert, der ‚Wert’ der Nationalökonomen: eine Art Nützlichkeit-an-sich.

Das ist die Logik der Arbeitsteilung: die Reduktion der Qualitäten auf komplex zusammengesetzte Quantitäten; das Absehen von der Stoff- und das Hervorkehren der Formseite; die Auflösung einer jeden Substanz in ihr Herstellungsverfahren; die Reduktion der Sache auf die Mache. Wir reden von "Tat"sachen, und wenn wir ihre qualitas meinen, sagen wir "Beschaffen"heit. Etwas "begreifen" heißt daher: es auf seine "Ursache" zurück führen. Darum gibt es ‚Determination’ und ‚Naturgesetz’.

"Erst im Verlaufe der Arbeit an der Welt lernt der Mensch die zufällige Bilderwelt und ihre Gesetze kennen," Gegenstandserkenntnis und Begriffe entstehen ihm "erst indem diese Bilder ihm in der Wahrnehmung Symbole werden für die Angriffspunkte seines Handelns und seines Herrschens. In diesem Sinne ist die Arbeit in der Tat die wesentlichste Wurzel aller positiven Wissenschaft, aller Induktion, alles Experiments."38 Und der Weisen seines Schlußfolgerns: Die Logik ist eine Ökonomie des Vorstellens; eine Art Arbeit-an-sich. 


VIII. Vielleicht kann sich auch das Tier etwas vorstellen? Aber es kann es jedenfalls nicht behalten, so daß etwas zu Diesem würde.

Der Mensch sprach um Tier: Warum schaust du mich immer nur an und redest nicht zu mir von deinem Glück? Da machte das Tier den Mund auf und wollte sagen: Ich will ja mit dir reden! Aber immer, wenn ich den Mund aufmache, vergeß ich, was ich sagen wollte. - Da hatte es schon vergessen, was es sagen wollte, und machte den Mund wieder zu; so hat es Nietzsche erzählt.

 Was nicht behalten wird, kann nicht mitgeteilt werden. Um es zu behalten, muß ich es feststellen. Das Behalten ist das Feststellen: der Akt des Bestimmens als Dieses. Die Besonderheit des Bewußtseins ist nicht, daß es Vorstellungen hat, sondern daß es sie bestimmen und daher mitteilen kann. Es ist Speicher und Operator zugleich.

Um die Vorstellung zu behalten, muß ich sie mit einem Merk-Mal versehen (digit). Sie selbst ist analog gespeichert. Aber ins Verzeichnis wird sie - der Name verrät es - digital eingetragen. Wenn ich das Zeichen anklicke, öffnet sich die analoge Datei - nein: das analoge Datum. Das bedeutet symbolisieren. 

Bestimmen heißt: im ‚Symbolnetz’ die rechte Stelle anweisen. Bedeutungen - Vorstellungen, Anschauungen, Erlebnisse - können wir nicht mitteilen. Mitteilen können wir nur deren Symbole, die wir logisch miteinander zum Diskurs verknüpfen. Was die Symbole bedeuten, muß sich jeder Mitredende wieder selber vorstellen.40 Daher stammt der Einfall, wir könnten nur in Symbolen - nur durch die Sprache - denken.41 Das wirkliche (im eigentlichen Sinn positive) Denken ist aber nicht "diskursiv", es geschieht nicht in Symbolen, noch geschieht es logisch. Man braucht die Logik "überhaupt nicht zum Denken, sondern nur zur Prüfung des Denkens"41 - um es mitteilen zu können. Das wirkliche Denken ereignet sich als eine Kaskade unfaßlicher Bilder. 

IX. Die Grenzen meiner Sprache sind nicht die Grenzen meiner Welt. Die Welt, die wir einander mitteilen; über die wir uns verständigen, weil wir darin gemeinsame oder konfligierenden Zwecke verfolgen - ist allerdings begrenzt durch die Möglichkeiten unseres sprachlichen Ausdrucks. Aber das ist nicht die ganze Welt. "Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen."42 Inwiefern sich aber die Welt des einen von der des anderen durch deren jeweilige Sprachvermögen unterscheiden sollte, ist nicht einzusehen.

"Ich weiß, daß diese Welt ist. Daß etwas an ihr problematisch ist, was wir ihren Sinn nennen. Daß mein Wille die Welt durchdringt."43 Die Grenzen unseres gemeinsamen Symbolsystems bedeuten die Grenzen unserer gemeinsamen Welt. Ihr ‚Sinn’ erscheint vorgegeben als der Inbegriff des Verweisungszusammenhangs. Er ‚ist’ sozusagen ‚immer schon’ mitgeteilt - sofern nämlich überhaupt etwas mitgeteilt wird; das Apriori, auf das ‚man’ sich immer schon verständigt hat, um einander überhaupt verstehen zu können. 

Meine Welt hat andere Grenzen, denn in ihr können auch Bilder vorkommen, die ‚nur sich selbst bedeuten’ - und daher unbestimmt bleiben dürfen.44 Wovon ich nicht sprechen kann, darüber muß ich nicht schweigen: Ich kann es zeigen. Denn Symbole, nämlich Bedeutungsträger für andere, können auch Bilder werden. Sie irrlichtern dann am Rande unserer Welt und beleuchten die Stelle, wo sie an meine Welt nicht mehr heranreicht: Liebe, Leidenschaft, Freiheit, Sinn, Schönheit, Grauen, Glück, Ehre und Anstand; übrigens auch Komik und Wissen. Kein verständiger Kopf würde sie bestimmen wollen. Aber gezeigt werden sie oft und gern - in den Bildern der Kunst. Nicht zuletzt darum ist die Welt, im Unterschied zu den geschlossenen Umwelten, offen: weil in meiner Welt Anderes vorkommen mag als in der der Andern - und ich es ihnen zeigen kann.

Alles, was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, läßt sich auch bestimmen; nämlich in das allgemeine Bedeutungsgeflecht einpassen, wo Jedem seine Bedeutung durch die Bedeutung aller Andern zugewiesen wird. Reflektieren heißt nichts anderes als: seinen Platz im großen Verweisungszusammenhang aufsuchen. Was bestimmt ist, kann Bestandteil einer Wissenschaft werden - weil sich sein logischer Zusammenhang demonstrieren und Einverständnis erzwingen läßt. Was demonstriert werden kann, läßt sich erlernen. Was dagegen ‚durch meine Freiheit möglich’ wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muß es erfinden und mir einbilden. Einverständnis der andern kann ich nicht erzwingen, sondern höchstens ihren Beifall heischen: sie animieren, meine ‚Anschauung’ nach-zu-erfinden.

Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muß man verführen, und das ist Kunst. Gegenstand von Wissenschaft kann es nur idiographisch werden: kritisch und historisch.

Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Realitätsgrad als die Dinge. Sie ‚sind’ nur, sofern ich sie gelten lasse. Denn der Mensch ist, nach Scheler, das Tier, das nein sagen kann; auch dazu: den Meinungen der Andern. Fragenkönnen heißt ja oder nein sagen können. ‚Die Welt’ wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst. Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch. Daß ich überhaupt darauf komme, die Daten, die mir meine Sinne melden, zu einer "Welt" zu konstruieren, liegt allein daran, daß ich in die Welt der Andern hineingeboren bin - als in einen "dunkel bewußten Horizont unbestimmter Wirklichkeit".46
Und daß ich vor diesem Horizont meine Welt konstruiere, liegt daran, daß es meine Sinne sind, die mir ‚Daten’ gemeldet haben, und daß ich sie zu einander fügen muß. Daß ich meine Welt konstruieren muß, liegt an den Andern. Daß es diese Welt sein wird, liegt... an meinen Sinnes-Daten, die dadurch, daß ich eine Welt aus ihnen baue, zu meinen überhaupt erst werden!

"Ich" konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich ich. Und in dem Maße, wie ich hernach meine Welt mit der Welt der Andern ins Benehmen setze, werde ich Verstand beweisen. Wie weit ich die eine von der andern durchdringen lasse, entscheidet darüber, wohin ich mein Leben führen kann und wo ich scheitern muß. 


X. Es fällt schwer, eine Welt anders als in räumlichen Metaphern zu beschreiben - so als ob sie nur eine erweiterte Nische wäre. Aber der Unterschied zwischen der Welt und einer Umwelt ist kein topischer, sondern ein dimensionaler. Ebenso der zwischen meiner Welt und unserer Welt.

Unsere Welt besteht aus allem, was symbolisiert ist. Als solche ist sie aber nur virtuell, "auf Abruf": Nur wenn die Symbole durch Verstehen aktualisiert werden, "ist" unsere Welt.47 Theoretisch könnte unsere Welt restlos in der meinen aufgehen, praktisch kann sie es nicht, und zwar grundsätzlich. Unsere Welt, in der Wasser trinkbar ist und man damit Kaffee kocht, ist einigen Milliarden Menschen zugänglich. Unsere Welt, in der Wasser durch H2O symbolisiert ist, steht nur noch einigen hundert Millionen offen. Die Wissenschaften, unsere Welt par excellence, sind in ihren jeweiligen Spitzen gerade einer Handvoll Leute zugänglich, die ihr ganzes Leben darauf verwendet haben - jeder auf die seine. Weil meine Lebenszeit begrenzt ist,48 kann die ganze Wissenschaft in meiner Welt grundsätzlich nur als Erzählung vorkommen.49

Meine Welt "ist" auch in unserer Welt. Zum Beispiel ist die Welt eine ganz und gar andere, je nachdem, ob der-die-das Geliebte darin vorkommt oder nicht. Für unsere Welt macht das keinen Unterschied - nämlich nicht für die andern. Aber für mich macht das gerade in unserer Welt den entscheidenden Unterschied, weil ich nur dort auch in seiner Welt bin. Doch kann meine Welt, so wahr sie meine ist, auch theoretisch nicht restlos in unserer Welt aufgehen, das ist der springende Punkt, denn darum bin ich Ich. Das ist keine Sache der Tiefenpsychologie: dort kann es Erfahrungen geben, sogar (wenn auch nicht eindeutig) mitteilbare.50 Keine Erfahrung kann ich haben von meinem Denken, bevor ich es durch Symbolisieren festgestellt habe. Ich kann nur rekonstruieren, "wie es gewesen sein muß", indem ich es so beschreibe, wie es gewesen wäre, wenn es in unserer Welt stattgefunden hätte, als Schema. Das ist Transzendentalphilosophie. Kein Tatsachenerweis, sondern eine Sinnbehauptung. Ein endgültiger und "letzter Mythos" - die "Geschichte, die von dem spielenden oder abenteuernden oder bildnernden Ursubjekt handelt".51

XI. Logisch ist das ("transzendentale") Subjekt die ‚Ursache’ der Bedeutungen. Das kann die Kritische Philosophie dem empirischen Ich theoretisch einsichtig machen. Dessen praktische Aufgabe, gleichzeitig in seiner und in unserer Welt sein Leben zu führen, wird dadurch nicht einfacher, im Gegenteil. Denn seinen eigenen Produktionen kann es danach nicht mehr vertrauen - dazu bräuchte es schon ein Anderes, das es ‚sich-selbst’ als seinen Grund ‚voraussetzen’ kann. Zur transzendentalen Synthesis gehört die Prämisse, "daß es Wahrheit gibt". Das ist ihre Bedingung. Ist schon die Synthesis Bedingung des Wissens und kann folglich im wirklichen Wissen selber nicht vorkommen, so erst recht nicht die Bedingung der Bedingung. In der Reflexion kann ich sie mir allerdings denken: als reine Form des ‚Geltens-an-sich’.

Daß der menschliche Geist "notwendig etwas Absolutes außer sich setzen muß und dennoch von der andern Seite anerkennen muß, daß dasselbe für ihn da sei, ist derjenige Zirkel, den er ins Unendliche erweitern, aus welchem er aber nicht heraustreten kann. Es ist nur da, inwiefern man es nicht hat, und entflieht, sobald man es auffassen will. Über diesen Zirkel hat man nun nicht Ursache, betreten zu sein. Verlangen, dass er gehoben werde, heißt verlangen, daß das menschliche Wissen völlig grundlos sei, daß es gar nichts schlechthin Gewisses geben, sondern daß alles menschliche Wissen nur bedingt sein, und dass kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte. Mit einem Worte, es heißt behaupten, daß es nur vermittelte Wahrheit gebe - und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird."52 Das absolute Wodurch ist nicht gegeben, sondern denknotwendig, nicht Faktum, sondern Fiktum. Es "kann nur eine Idee sein; ein bloßer Gedanke in uns, von welchem gar nicht vorgegeben wird, daß ihm in der wirklichen Welt außer uns etwas entspräche. Ideen können unmittelbar nicht gedacht werden. Sie sind Aufgaben eines Denkens, und nur, inwiefern wenigstens die Aufgabe begriffen werden kann, kommen sie in unserm Bewußtsein vor."53

Unum, verum, bonum, pulchrum: Das Eine Absolute ist keine logische, es ist keine ethische, es ist eine ästhetische Idee. Es ist sogar die ästhetische Idee schlechthin. Was sollte denn, jenseits von seiner brauchbaren Richtigkeit, am Wahren besser sein als das Unwahre? Was sollte, jenseits von seinen gesellschaftlichen Vorteilen, am Guten besser sein als das Böse? Es ist genau das, was am Schönen schön ist: daß es ohne Interesse gefällt.

"Unter einer ästhetischen Idee verstehe ich diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgend ein bestimmter Gedanke, i.e. Begriff, adäquat sein kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und verständlich machen kann".54   Sobald uns Wolf Singer zur ästhetischen Idee des Absoluten, welche nicht gedacht und nicht gesagt werden kann, das neuronale Substrat ‚bildgebend’ zeigen wird, reden wir weiter.

Bis dahin hat die Hirnforschung zur Kritischen Philosophie nichts beigetragen.







[1] Wolf Singer, Ein neues Menschenbild?, Frankfurt a.M. 2003

[2] Kant, B 129f., Akademie-Ausgabe Bd. 3, S. 107

[3] Andreas Engel u. Wolf Singer, "Neuronale Grundlagen der Gestaltwahrnehmung" in: Spektrum der Wissenschaft, Dossier 4/1997, S. 67

[4] Singer, "Früh übt sich... Zur Neurobiologie des Lernens" in: Mantel, G., (Hg.), Ungenutzte Potentiale, Mainz usw., 1997; S. 45

[5] Engel u. a., "Neuronale Grundlagen..." ebd

[6] Singer, "Früh übt sich..." ebd

[7] ders., "Wahrnehmen ist das Verifizieren von vorausgeträumten Hypothesen" in: Ein neues Menschenbild?, Frankfurt a.M. 2003; S. 70

[8] ders., "Das Bild im Kopf - ein Paradigmenwechsel" in: Ganten, D. (Hg.), Gene, Neurone, Qubits & Co., Stgt. u. Heidelberg 1999, S. 269

[9] ders., "Wahrnehmen ist das Verifizieren..." aaO, S. 71

[10] ders., "Vom Gehirn zum Bewußtsein", in: Der Beobachter im Kopf, Ffm, 2002, S. 72

[11] ders., "Das Bild im Kopf - ein Paradigmenwechsel" aaO, S. 27521

[12] ders., "Vom Gehirn zum Bewußtsein" aaO

[13] ders. in: Ein neues Menschenbild? S. 67

[14] Kant ebd.

[15] Wolf Singer, "Vom Gehirn zum Bewußtsein", aaO, S. 75

[16] ders., "Wer deutet die Welt?" in: Ein neues Menschenbild? S. 20. - Wenn mich ein Rüpel belästigt, ist also nicht er schuld, sondern sein Gehirn? Wenn ich ihm dafür in den Steiß trete, dann spürt er meinen Fuß zwar am Steiß. Aber es ist sein Hirn, das ihn spürt. So bleibt alles wie gehabt: Der Schuldige kriegt, was er verdient.

[17] ders., "Das falsche Rot der Rose" ebd, S. 57

[18] ders., "Wir benötigen den neuronalen Kode" ebd, S. 42

[19] ders., "Vom Bild zur Wahrnehmung", in: Ch. Maar, H. Burda (Hg.), Iconic Turn, Köln 2004, S. 75f.

[20] ders, "Das Ende des freien Willens?" in: Ein neues Menschenbild? S. 32f. - Ein reelles Ich identifiziert sich dadurch, daß es eine Geschichte hat.

21 ders., "Wer deutet die Welt?" aaO, S. 15. (Was haben die Begriffe hier zu suchen?)

22 ebd, S. 26. - Wenn sich die ‚Übergänge’ mit Hilfe der modernen ‚bildgebenden’ Verfahren darstellen ließen, dann wären sie im Prinzip auch andern Arten der Bearbeitung zugänglich. Dann käme die ‚Determination’ von außen.

23 Wolf Singer, "Das Ende des freien Willens?" aaO, S. 31f.

24 ders.,"Wer deutet die Welt?" aaO, S. 13

25 Jürgen Habermas, Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’, Ffm. 1969, S. 161

26 J. G. Fichte, Gesamtausgabe Bd. 1.8, S. 299

27 J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 110ff.

28 Jakob v. Uexküll, Die Lebenslehre, Potsdam 1930, S. 130; "Bedeutungslehre" in: ders.,/G. Kriszat, Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen, Hamburg. 1983, S. 111ff.

34 Arnold Gehlen, Der Mensch, Wiesbaden 121978, S. 87

35 Konrad Lorenz, Das Wirkungsgefüge der Natur und das Schicksal des Menschen, Mchn. 1983, S. 237

36 Portmann, aaO, S. 65

37 Adolf Portmann, Entläßt die Natur den Menschen? Mchn. 1970, S. 209

38 J. G. Fichte, GA 1.3, S. 379

39 Max Scheler, "Arbeit und Erkenntnis" in: Die Wissensformen und die Gesellschaft, Bern 1980, S. 362

40 Nehmen wir wiederum an, daß Bedeutungen neuronale Substrate "abbilden": dann müßte durch die Mitteilung eines (gegebenen) Symbols jedesmal dasselbe Substrat `determiniert' werden. Das hieße, Bedeutung ist objektiv. Was `konstruktivistisch' begonnen hat, schließt als platonische Ideenlehre: Die Bedeutung ist Sein, der neuronale Prozeß ist Werden.

41 zuerst bei Augustinus; J. G. Hamann hat ihn als Argument gegen die Transzendentalphilosophie ins moderne Denken wiedereingeführt.

42 Max Adler, "Die Dialektik bei Hegel" in: ders., Marxistische Probleme, Stgt. 1913, S. 27

43 Ludwig Wittgenstein, "Tractatus logico-philosophicus" [6.53] in: Werkausgabe, Bd. 1, Ffm. 1984, S. 83

44 Wittgenstein, "Tagebücher 1914-1916" [11. 5. 1916], in: Werkausgabe Bd. 1, S. 167. - Richtig ist jedenfalls, daá es ohne Sinn die Welt nicht `gibt'; und daß er `gewollt' ist.

45 Husserls "Lebenswelt"-Begriff (in der Krisis-Schrift) vermengt beide, statt sie zu scheiden.

46 Husserl, "Ideen zu einer reinen Phänomenologie", in: Husserliana Bd. III/1, S. 57

47 Die Kunst ist in unserer Welt, muß aber nicht verstanden werden. Der andere Grenzfall ist das Internet.

48 Von meinem Verstand rede ich nicht.

49 Kann es eine "Privatsprache" geben - ein privates Symbolsystem, das ‚die Welt bedeutet’? Über unsere Welt muß ich mich mit mir nicht verständigen, sondern mit Anderen. Und meine Welt muß niemand verstehen.

50 Eine bekannte tiefenpsychologische Richtung will das Unbewußte als Gegenstand naturwissenschaftlicher Analyse zum Bestandteil unserer Welt machen; aber nicht so ganz: Sie schiebt als Bedingung eine persönliche Initiation dazwischen.

51 Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos, Ffm. 1999, S. 295f.

52 Fichte, GA 1.2, S. 412, 414; 133

53 ders, GA 1.5, S. 75

54 Kant, AA Bd. 5, S. 314

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