Donnerstag, 31. Dezember 2015

Gibt es denn Wahrheit?




Ich meine nicht, dass "es" Wahrheit "gibt". Wer oder was könnte mit "es" gemeint sein? Und was sollte "geben" hier bedeuten?* Dennoch haben alle Sätze, die ich sagen kann, nur dann einen Sinn, wenn ich unter-stelle, daß sie wahr sind. Das ist offenbar ein Paradox. Das läßt sich nur... nein, nicht ausräumen, sondern lediglich: vor mir her schieben, indem ich sage, dass es Wahrheit geben soll

Natürlich kann ich aber "den Dingen" nicht vorschreiben, wie oder was sie 'sollen'! Der Satz 'Wahrheit soll sein, weil anders meine Sätze keinen Sinn haben' lässt sich anders formulieren: 'Du sollst reden, als ob es Wahr-heit gäbe'. Das ist keine theoretische Tatsachenbehauptung, sondern eine praktische (pragmatische) Fiktion. 

Ob ich diese Fiktion logisch, ethisch oder ästhetisch nenne, ist an diesem fortgeschrittenen Punkt schon gleichgültig. Es gibt allerdings (denkpraktische) Gründe, sie als eine ästhetische Fiktion aufzufassen.

aus e. online-Forum, 29. 9. 07


*) Auf Englisch heißt es there is: Da ist.
Auf Französisch il y a: Da hat es.
Auf Spanisch hay: Hat (es).




Mittwoch, 30. Dezember 2015

Das Urteil und seine Gründe.



...Das war mir schon klar, dass "selbstverantwortetes Urteil" eine Tautologie ist, aber ich hoffte, so einem Miss-verständnis zuvorzukommen, dem Sie dann doch nicht entgangen sind: Wenn ich "nach meinem Urteil" hand-le, dann ist das so ziemlich das Gegenteil von "tun, wozu ich Lust habe". Das Urteil setzt eben das Erwägen von Gründen voraus. Ob ich Lust habe oder nicht, ist kein gültiger Grund. Wenn sich mein Urteil mit dem trifft, "wozu ich sowieso grade Lust habe", dann ist das ein reiner Zufall und fügt dem Urteil nichts hinzu.

aus e. online-Forum, 20. 10. 07





Dienstag, 29. Dezember 2015

Realismus ist nicht naiv.


Du gebrauchst Solipsismus als ein bloßes Schimpfwort immer da, wo das Denken sich selbstkritisch nach seinen faktischen (!) Voraussetzungen fragt. Als sei die Kritik an deinem (fälschlich so genannten) Naiven Realismus – "es gibt nur Dinge" – schon die (umgekehrte) dogmatische Behauptung: "Es gibt nur mich." Letzteres hat ja nicht einmal der dogmatische Idealismus von Bischof Berkeley gelehrt – so dogmatisch er sonst war. Schon gar nicht der kritische Idealismus der Transzendentalphilosophie; der nämlich deshalb kritisch ist, weil er die Be-rechtigung ontologischer (und sonstwie metaphysischer) Aussagen geradezu bestreitet.

Wieso ist euer Realismus in keiner Weise naiv, sondern säuerlich-schlau? Weil das natürliche Weltbild der Kinder überhaupt nicht realistisch ist, sondern magisch-animistisch. Naiv ist, nach Schiller, "eine Kindlichkeit da, wo man sie nicht mehr vermutet". Das ist ja gar nicht euer Fall. Ihr seid, obwohl erwachsen, kindisch-alt-klug, ihr wähnt euch über die Blödigkeit der Kinder haushoch erhaben, weil ihr an die 'Dinge' wie an einen Fetisch glaubt. Da ist mir der Animismus der Kinder immer noch lieber, denn deren Fetische sind wenigstens belebt, sie gehorchen ihrer Einbildungskraft und nicht einem "Naturgesetz".

Noch einmal ganz deutlich: Du "erkennst" überhaupt keine 'Dinge' (wohl gar 'an-sich'?), sondern tatsächlich nur "Eigenschaften", die du aber schon vorher 'kanntest', indem du ja nach ihnen gesucht hast. Ohne dieses wäre nämlich das, was du eine "Eigenschaft" nennst, nichts als ein gestaltloses Bündel von Sinnesdaten bar jeglicher Bedeutungen, durch welche man sie auf-einander beziehen und also ein-und-derselben 'Sache' zuschreiben kann, die du so apodiktisch ein 'Ding' nennst. Und die Bedeutungen, die du den Sinnesdaten zuschreibst, um sie zu einander zu fügen, das sind deine Intentionen (weshalb die mittelalterliche Scholastik den Begriff 'Bedeu-tung' mit lat. intentio wiedergegeben hat).


aus e. online-Forum, 4. 9. 08






Montag, 28. Dezember 2015

Geltung in und außer der Zeit.


süddeutsche

Geltung ist ein logischer Sachverhalt und liegt als solcher außerhalb von Raum und Zeit. Doch ob sie hier und jetzt gilt, nämlich das praktische Verhalten von Menschen zu einander reguliert, ist offenbar eine historisch-faktische Frage.

Sachverhalt ist eine schiefe Metapher, und ich wüsste nicht, wie ich sie übersetzen sollte. Sachen verhalten sich nicht, allenfalls hat sie jemand zu einander in ein Verhältnis gesetzt. Diese Doppeldeutigkeit ist die der Geltung selbst. 'Als solche' ist sie sachlicher Natur, aber als solche 'gibt es' sie gar nicht. Wenn es 'sie gibt', dann stets nur im Verhältnis zu einem unsachlichen Subjekt.




Sonntag, 27. Dezember 2015

Moral und Verstand.




Der KZ-Arzt Mengele sagte zu jungen Kollegen, die Skrupel hatten, bei seinen Menschenversuchen mitzumachen: "So verstehen Sie doch! Diese Leute sind ohnehin zum Tod verurteilt. Wenn sie der Wissenschaft dienen können, bekommt ihr Sterben wenigstens einen Sinn."

Wer in Sachen der Moral zu kalkulieren beginnt, steht mit einem Bein 
schon in der Hölle.





Samstag, 26. Dezember 2015

Vaihinger und das Leben als Zweck.


giga

... Ja, was ist denn nun mit Vaihinger? Seine Quintessenz: Alles ist Fiktion – "im Dienste des Lebens". Alles ist Fiktion, außer... "das Leben"! Wenn er es 'streng wissenschaftlich' verstünde, wäre 'Leben' "nichts als" Stoffwech-sel+Fortpflanzung. Aber so fasst  er es natürlich nicht auf; sondern rührt Darwin, Schopenhauer und Nietzsche zusammen, und wenn er Bergson gekannt hätte, wär auch der noch mit rein gekommen. Na, wenn das keine Fiktion ist!

'Alles ist Konstrukt' 
 und wie ist es mit dem Begriff Konstrukt? Na, der natürlich auch... Mit andern Worten: Alles hängt in der Luft? Vaihinger hat das Problem sozusagen intuitiv bemerkt. 'Alles ist Fiktion' hat nur Sinn, wenn 'Fiktion' "im Dienste von" etwas steht, das sie rechtfertigt.

Dieses 'Es' ist dann nicht lediglich Fiktion, sondern ('praktisches') Postulat.


aus e. online-Forum, 9. 8. 08


Nachtrag. – Wenn man freilich "das Leben" als Postulat, nämlich Wert und Zweck auffasst, kann es nicht ausblei-ben, dass man wert- und zweckhafte Maßstäbe auch an das Leben selbst anlegt. Es also in sich in wert- und zweck-volleres und weniger wert- und zweckvolles unterscheidet. Vitalismus ist nicht schon selber rassistisch; aber es gibt keinen Rassismus, der sich nicht vitalistisch zu begründen sucht, und wer selber vitalistisch denkt, ist ihm wehrlos ausgeliefert. 



Freitag, 25. Dezember 2015

Unsere Welt und die meine - zum xten.



...es ist andersrum: Zu "unserer" Welt muss ich den 'Zugang' gar nicht 'finden', sondern sie wird mir "a priori" übergeholfen: Sie ist schon da, wenn ich ankomme, ich komme 'dazu', 'in sie hinein', weshalb man ganz richtig sagen kann: 'zur Welt kommen'. Alles, was ich vorfinde, ist vorab schon bezeichnet, und das heißt: bedeutet. (Da-bei spielt die Sprache wohl eine große Rolle. Aber ein Stirnerunzeln 'bedeutet' etwas, ohne dass es Wörter dafür braucht. Ich kann es 'auch so' verstehen.)

Es braucht eine ganze Weile, bis ich bemerken kann, dass diese vorgefundenen Bedeutungen gar nicht 'an sich' (und also notwendig und 'wahr') sind, sondern historisch (='kontingent') sind und 'unwahr' sein können. Dass ich das heraus finden kann, liegt daran, dass ich mit meinem 'Erleben' (das Wort bezeichnet nur: Sinnesempfin-dungen, die vorgängig gewertet werden – im Akt des Empfindens selbst) schon immer auch in "meiner" Welt war. Will sagen: Dass ich 'urteilen' kann, liegt an ('in') mir. Aber dass ich Maßstäbe habe, nach denen ich so ur-teilen kann, dass es für andere 'bedeutend' wird, liegt an... der vor-Gegebenheit "unserer" Welt.

Ich werde nicht müde zu wiederholen: 'Logisch' ist 'unsere' Welt der Urheber 'meiner' Welt; 'historisch' ist 'mei-ne' Welt (=sind die Indivualwelten der Iche, die vor mir waren, ebenso wie 'meine eigene' Welt:) der Urheber 'unserer' Welt. Es gibt sie nur im Doppelpack; niemals die eine ohne die andere. Bloß wie sie 'gegen einander in Stellung gebracht' werden, das ist individuell (=lebensgeschichtlich) verschieden.


aus e. online-Forum, 14. 6. 08





Mittwoch, 23. Dezember 2015

Gibt es nach Kant denn einen freien Willen?


M. Pugliese

Wir haben den bestimmten Begriff der Sittlichkeit auf die Idee der Freiheit zuletzt zurückgeführt; diese aber konnten wir, als etwas Wirkliches, nicht einmal in uns selbst und in der menschlichen Natur beweisen; wir sahen nur, daß wir sie voraussetzen müssen, wenn wir uns ein Wesen als vernünftig und mit Bewußtsein seiner Kausalität in Ansehung seiner Handlungen, d. i. mit einem Willen begabt, uns [sic] denken wollen, und so finden wir, daß wir aus eben demselben Grunde jedem mit Vernunft und Willen begabten Wesen diese Eigen-schaft, sich unter der Idee einer Freiheit zum Handeln zu bestimmen, beilegen müssen. ... Es scheint also, als setzten wir in der Idee der Freiheit eigentlich das moralische Gesetz, nämlich das Prinzip der Autonomie der Willens selbst, nur voraus, und könnten / seine Realität und objektive Notwendigkeit nicht für sich beweisen...


Es zeigt sich hier, man muß es frei gestehen, ein Art von Zirkel, aus dem, wie es scheint, nicht heraus zu kom-men ist. Wir nehmen uns in der Ordnung der wirkenden Ursachen als frei an, um uns in der Ordnung der Zwecke unter sittlichen Gesetzen zu denken, und wir denken uns nachher als diesen Gesetzen unterworfen, weil wir uns die Freiheit des Willens beigelegt haben, denn Freiheit und eigene Gesetzgebung des Willens sind beides Autonomie, mithin Wechselbegriffe, davon aber einer eben um deswillen nicht dazu gebraucht werden kann, um den anderen zu erklären und von ihm Grund anzugeben... 
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Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. in: Werke, Frankfurt/M, Bd. VII, S. 84f.






Dienstag, 22. Dezember 2015

Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft.



Eine rationale Naturlehre verdient also den Namen einer Naturwissenschaft nur alsdenn, wenn die Naturgesetze, die in ihr zum Grunde liegen, a priori erkannt werden, und nicht bloße Erfahrungsgesetze sind. Man nennt eine Naturerkenntnis von der ersteren Art rein; die von der zweiten Art aber wird angewandte Vernunfterkenntnis genannt. Da das Wort Natur schon den Begriff von Gesetzen bei sich führt, dieser aber den Begriff der Notwendigkeit [12] aller Bestimmungen eines Dinges, die zu seinem Dasein gehören, bei sich führt, so sieht man leicht, warum Naturwissenschaft die Rechtmäßigkeit dieser Benennung nur von einem reinen Teil derselben, der nämlich die Prinzipien a priori aller übrigen Naturerklärungen enthält, ableiten müsse und nur kraft dieses reinen Teils eigentliche Wissenschaft sei, imgleichen daß, nach Foderungen der Vernunft, jede Naturlehre zuletzt auf Naturwissenschaft hinausgehen und darin sich endigen müsse, weil jene Notwendigkeit der Gesetze dem Begriffe der Natur unzertrennlich anhängt und daher durchaus eingesehen sein will; daher die vollständigste Erklärung gewisser Erscheinungen aus chymischen Prinzipien* noch immer eine Unzufriedenheit zurückläßt, weil man von diesen, als zufälligen Gesetzen, die bloß Erfahrung gelehrt hat, keine Gründe a priori anführen kann.

Alle eigentliche Naturwissenschaft bedarf also einen reinen Teil, auf dem sich die apodiktische Gewißheit, die die Vernunft in ihr sucht, gründen könne, und weil dieser, seinen Prinzipien nach, in Vergleichung mit denen, die nur empirisch sind, ganz ungleichartig ist, so ist es zugleich von der größten Zuträglichkeit, ja, der Natur der Sache nach, von unerläßlicher Pflicht in Ansehung der Methode, jenen Teil abgesondert, und von dem andern ganz unbemengt, so viel möglich in seiner ganzen Vollständigkeit vorzutragen, damit man genau bestimmen könne, was die Vernunft für sich zu leisten vermag, und wo ihr Vermögen anhebt, der Beihülfe der Erfahrungsprinzipien nötig zu haben. Reine Vernunfterkenntnis aus bloßen Begriffen heißt reine Philosophie, oder Metaphysik; dagegen wird die, welche nur auf der Konstruktion der Begriffe, vermittelst Darstellung des Gegenstandes in einer Anschauung a priori, ihr Erkenntnis gründet, Mathematik genannt.

Eigentlich so zu nennende Naturwissenschaft setzt zuerst Metaphysik der Natur voraus; denn Gesetze, d.i. Prinzipien der Notwendigkeit dessen, was zum Dasein eines Dinges gehört, beschäftigen sich mit einem Begriffe, der sich nicht konstruieren läßt, weil das Dasein in keiner Anschauung [13] a priori dargestellt werden kann. Daher setzt eigentliche Naturwissenschaft Metaphysik der Natur voraus. Diese muß nun zwar jederzeit lauter Prinzipien, die nicht empirisch sind, enthalten (denn darum führt sie eben den Namen einer Metaphysik), aber sie kann doch entweder sogar ohne Beziehung auf irgend ein bestimmtes Erfahrungsob-jekt, mithin unbestimmt in Ansehung der Natur dieses oder jenen Dinges der Sinnenwelt, von den Geset-zen, die den Begriff einer Natur überhaupt möglich machen, handeln, und alsdenn ist es der transzendenta-le Teil der Metaphysik der Natur: oder sie beschäftigt sich mit einer besonderen Natur dieser oder jener Art Dinge, von denen ein empirischer Begriff gegeben ist, doch so, daß außer dem, was in diesem Begriffe liegt, kein anderes empirisches Prinzip zur Erkenntnis derselben gebraucht wird (z.B. sie legt den empirischen Begriff einer Materie, oder eines denkenden Wesens, zum Grunde, und sucht den Umfang der Erkenntnis, deren die Vernunft über diese Gegenstände a priori fähig ist), und da muß eine solche Wissenschaft noch immer eine Metaphysik der Natur, nämlich der körperlichen oder denkenden Natur, heißen, aber es ist alsdenn keine allgemeine, sondern besondere metaphysische Naturwissenschaft (Physik und Psychologie), in der jene transzendentale Prinzipien auf die zwei Gattungen der Gegenstände unserer Sinne angewandt werden.

Ich behaupte aber, daß in jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist. Denn nach dem Vorhergehenden erfodert eigentliche Wissenschaft, vornehmlich der Natur, einen reinen Teil, der dem empirischen zum Grunde liegt, und der auf Erkenntnis der Naturdinge a priori beruht. Nun heißt etwas a priori erkennen es aus seiner bloßen Möglichkeit erkennen. Die Möglichkeit bestimmter Naturdinge kann aber nicht aus ihren bloßen Begriffen erkannt werden; denn aus diesen kann zwar die Möglichkeit des Gedankens (daß er sich selbst nicht widerspreche), aber nicht des Objekts, als Naturdinges erkannt werden, welches außer dem Gedanken (als existierend) gegeben [14] werden kann. Also wird, um die Möglichkeit bestimmter Naturdinge, mithin um diese a priori zu erkennen, noch erfodert, daß die dem Begriffe korrespondierende Anschauung a priori gegeben werde, d.i. daß der Begriff konstruiert werde. Nun ist die Vernunfterkenntnis durch Konstruktion der Begriffe mathematisch.

*) [Die Chemie ist erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, seit der Unterscheidung von organischer und unorganischer Chemie, zu einer exakten Wissenschaft geworden.]
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Kant, Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft, 
in Werke Bd. 9, Frankfurt 1977, S. 11ff.


Nota. - Dass "das Wort Natur schon den Begriff von Gesetzen bei sich führt" und dass der Begriff des Gesetzes wiederum "den Begriff der Notwendigkeit aller Bestimmungen eines Dinges, die zu seinem Dasein gehören, bei sich führt", sind allerdings metaphysische Sätze, und zwar metaphysisch im Sinne eines dogmatischen Rationalismus, gegen den die Kant'sche Kritik doch gerade angetreten war; ohne sich freilich, wie wir sehen, von ihren Rudera völlig freimachen zu können. Dass in der Naturwissenschaft folglich "nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist", ist erst seit Galileo ein Apriori, durch welches die Fragen keineswegs erschöpft, sondern manche allererst aufgeworfen werden.

Dass aber "jede Naturlehre zuletzt auf Naturwissenschaft hinausgehen und darin sich endigen müsse", war jedoch ein Befreiungsschlag für die Philosophie ebenso wie für die Naturwissenschaft, neben dem Kants zahlreiche Halbheiten gar nicht wirklich ins Gewicht fallen.
JE



Montag, 21. Dezember 2015

Schlüsse ziehen sich nicht selbst.


Tilo Hensel

Prämissen gibt es wie Sand am Meer. Es braucht immer einen, der zwei davon zusammentut, um einen Schluss daraus zu ziehen. Es braucht ein Subjekt, das den logischen Kessel beheizt. 

Logik sei eine praktische Wissenschaft, meinte Friedrich Schlegel.




Sonntag, 20. Dezember 2015

Nicht zu zeitig scharf werden.



267. Man muss sich in Acht nehmen, nicht zu zeitig scharf zu werden, — weil man zugleich damit zu zeitig dünn wird.
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Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, N° 267






Samstag, 19. Dezember 2015

Die Frage nach dem Sinn des Lebens.



Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach, vor der Frage flüchtet er.
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Th. W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt a.M., 1997, S. 369


Ich würde im Gegenteil sagen: Der Sinn des Lebens ist, dass du danach fragst.
JE




Freitag, 18. Dezember 2015

Bedeutung und Urteil sind Wechselbegriffe.

Dem Phänomen eine Bedeutung zuschreiben ist das Urteil, dass eines, das erscheint, einem unterliegt, das gilt. Urteilen heißt, über die Bedeutungen befinden. Bedeutung und Urteil sind Wechselbegriffe.

9. 9. 03 





Donnerstag, 17. Dezember 2015

Manfred Frank über das Selbstbewusstsein.



aus nzz.ch, 9. 12. 2015

Manfred Frank über das Phänomen des Selbstbewusstseins
Zu den «Rätseln» der Philosophie gehört das menschliche Selbstbewusstsein. Wer oder was ist sich da seiner selbst bewusst – und wie? Solchen Fragen geht Manfred Frank in seinem neuesten Buch nach.

von Manuela Lenzen

Wie kann der Mensch sich bewusst werden, was in seinem Kopf vor sich geht? Eine gängige Antwort lautet: durch eine Art innerer Registrierung. Der Geist wendet sich auf sich selbst zurück, ein Gedanke höherer Ordnung registriert den Gedanken niederer Ordnung und macht ihn so bewusst. Um seinerseits bewusst zu werden, müsste sich freilich ein Gedanke dritter Ordnung wiederum auf jenen zweiter Ordnung zurückwenden – und so ins Unendliche. «Higher-order theories of consciousness» heissen solche Kon-strukte in der gegenwärtigen Philosophie des Geistes, und offenbar steckt in ihnen der Wurm.

Überzeugen kann man sich davon bereits bei Johann Gottlieb Fichte und seiner spätidealistischen Bewusstseinsphilosophie, einfacher ist es freilich, sich von Manfred Frank an die Hand nehmen zu lassen. Der emeritierte Tübinger Philosophieprofessor bringt seit längerem kontinentale und angloamerikanische Denker, die das «urkontinentale» Themenfeld Selbstbewusstsein und Selbstwissen durchstreifen, in Tagungen und Sammelbänden zusammen. Seine Vorstellungen zur stimmigen Beschreibung des Phäno-mens Selbstbewusstsein hat er jüngst in vier Vorlesungen an der Universität Halle zusammengefasst, die jetzt gedruckt vorliegen.

Der Titel «Präreflexives Selbstbewusstsein» geht auf Jean-Paul Sartre zurück – und dessen Gedanken will Frank präzisieren: Selbstbewusstsein könnte auch durch noch so viele aufeinandergestapelte höherstufige Reflexionsprozesse nicht entstehen. Darum müssen wir es als ein unmittelbar und vor aller Reflexion «mit sich bekanntes» Etwas voraussetzen. Selbstbewusstsein, so Frank, darf nicht als ein Verhältnis zweier Instanzen verstanden werden, damit die Vorstellung eines «inneren Akkusativs» – wer registriert wen? – gar nicht erst aufkommt.

Zu den Anleihen bei Sartre kommen solche bei Fichte, Novalis, Bolzano und der Heidelberger Schule um Dieter Henrich hinzu. Wichtig ist zudem die Auseinandersetzung mit dem neuen «Selbstrepräsentationalis-mus». Diesem gemäss braucht ein Gedanke keinen Gedanken höherer Ordnung, um bewusst zu werden, der Gedanke repräsentiert sich selbst. Diesem Ansatz steht Frank deutlich näher als den "higher-order theories", doch zufrieden ist er mit ihm so wenig wie mit demjenigen Sartres oder Fichtes. Während die beiden Letztgenannten versuchen, Selbstbewusstsein und Selbstwissen zu unterscheiden und das eine aus dem anderen abzuleiten, sind Wissen und Bewusstsein für Frank nur Erscheinungsweisen ein und derselben Selbstbeziehung.

Frank versteht es wie wenige, die Argumente der klassischen deutschen und der neuesten analytischen Philosophie zusammenzubringen. Anders als vielleicht zu erwarten, ziehen in Sachen Präzision die Analytiker dabei den Kürzeren: Frank wirft ihnen «schlampige Rede» vor und bemüht sich, es genauer zu machen – was dem Leser einiges abfordert. Das philosophische Traditionen übergreifende Gespräch über diese Fragen, konstatiert Manfred Frank, habe gerade erst begonnen.

Manfred Frank: Präreflexives Selbstbewusstsein. Vier Vorlesungen. Reclam, Stuttgart 2015. 188 S., Fr. 28.90.


Nota. – Dass ich auf dieses Buch zurückkommen werde, kann ich schon absehen, aber noch bin ich nicht so weit. Vorläufig will mir scheinen, dass Manfred Frank die Frage behandelt, 'wie Bewusstsein und Selbstbe-wusstsein wirklich entstehen' – was doch aber letztlich eine Frage der empirischen Psychologie wäre. Seine Bezugnahme auf Sartre ist ganz plausibel, der kommt von Husserl her, welcher sich, bei aller Kritik am 'Psychologismus', doch letzten Endes selber auch realpsychologisch und nicht, wie er meinte, auf transzen-dentale Weise mit der Entstehung des Bewusstseins auseinandersetzt.

Letzteres tut aber Fichte, dessen Wissenschaftslehre nicht die aufeinander folgenden Etappen oder 'Stufen' der Bewusstwerdung beschreiben will, sondern ein Modell (er nennt es Schema) außerhalb von Raum und Zeit entwirft, das lediglich angibt, wie man den tatsächlich stattfindenden Prozess (den die Psychologie analysieren mag) zu verstehen hat. Es ist ein Sinndeutung, keine Tatsachenbehauptung wie die Psycholo-gie. Sie setzt eine Anthropologie voraus – oder begründet sie, wie man will. Sie steht jedenfalls der prakti-schen Philosophie näher als der rein theoretischen. 

(In Fichtes Modell folgt nicht, und sei es nur 'logisch', das Selbstbewusstsein aus der Selbstreflexion des Gegenstandsbewusstseins, sondern folgt – logisch – das Objektbewusstsein aus dem Selbstbewusstsein, welches die Bedingung aller Bewusstheit ist)

Noch bin ich in Manfred Franks Buch nicht einmal in der Mitte, also ist Obiges ins Unreine gesprochen. Da liegt noch Arbeit vor mir.
JE



Mittwoch, 16. Dezember 2015

Theorie und Praxis.


Derain, Collioure

Bevor es Boote gab, gab es keine Buchten, sagte der leider vergessene Erich Rothacker.
Zahlen gibt es erst, seit gerechnet wird; weil gerechnet wird.
Eine Menge Äpfel gab es schon immer. Vier oder fünf Äpfel gibt es nur, wenn man sie verteilen will.

Logik sei eine praktische Wissenschaft, meinte Friedrich Schlegel.






Dienstag, 15. Dezember 2015

Bürgerliche Welt und bürgerliche Mentalität.



Die mentale Grundverfassung des bürgerlichen Subjekts: Hinter mir liegt ein Woher, das schiebt, und vor mir liegt ein Wozu, das saugt und zieht.

Hat die bürgerliche Welt diese Mentalität geschaffen? Umgekehrt. Leute mit dieser Mentalität haben eine Welt geschaffen, und andre sind nachgedrungen. Die Vorreiter haben mit ihrer Weltanschauung unter den ihnen ge-gebenen Bedingungen reüssiert, da wollten die andern unter denselben Bedingungen nicht nachstehn.

Den Punkt gäbe es nicht ohne den unendlichen Raum, in dem er ist. Den Raum gäbe es nicht ohne den Punkt, der in ihm ist.

Ich und Welt sind Wechselbegriffe.





Montag, 14. Dezember 2015

Begriffe und Vorstellungen, II.




Begriffe bezeichnen – mehr oder weniger umfassend – Vorstellungen, die ihnen zu Grunde liegen. Wenn die Vorstellungen nicht haltbar sind, kann man an den Begriffen, die sie fassen sollen, so viel definieren, wie man will: Sie werden kaum zu gebrauchen sein.

Das ist aber nicht der springende Punkt; sondern dieser: Die Begriffe kann man so verwenden, als gäbe es sie aus eigner Vollmacht. Von den Vorstellungen kann man schlechterdings nicht vergessen, dass es sie nur gibt, sofern 
sie einer sich macht.

Alle weiteren Unterscheidungen sind sekundär.





Sonntag, 13. Dezember 2015

Die Entelechie ist der Urtyp von Kants Ding-an-sich - nicht die platonische Idee.


Leibniz

Die Entelechien des Aristoteles sind keine Dinge neben andern Dingen. Jedes Ding ist entelés: Entelechie ist Aristoteles' Ausdruck für das Ding an sich: das, wozu das Ding bestimmt ist.

Hat es sich selbst dazu bestimmt, erklärt der Ausdruck gar nichts. Er animiert die Dinge und mystifiziert sie. Sind sie aber von woanders her zu diesem oder jenem bestimmt, kann es nur der Eine Schöpfergott gewesen sein. So hat es sich Leibniz vorgestellt. Kants Ding an sich ist davon ein letzter blasser Schatten: ER kann es erkennen, weil ER es gemacht hat; sonst keiner.

Es ist bemerkt worden, dass es nicht richtig wäre, das, was bei Aeistoteles causa efficiens* heißt, mit Wirkursache im Sinne unserer Kausalität zu übersetzen. Was Wirkung einer Ursache ist, ist für uns nicht Ergebnis eines Zwecks, und umgekehrt. Bei A. haben alle Dinge alle vier Ursachen 'an sich', ist aber gewissermaßen 'nur logisch zu verstehen', nicht faktisch; wobei diese Unterscheidung bei A. wiederum gar nicht recht passt, oder? 

*) arché tes kineseos - Bewegungsursache; verstreut in Physik und Metphasik


15. 5. 15

Samstag, 12. Dezember 2015

Logisch nicht entscheidbar oder sachlich nicht wissbar?



Seit Gödel gilt es als ausgemacht, dass es in der Mathematik (die wohlverstanden ein von Menschen selbst gemachtes Erzeugnis ist) Probleme gibt, die schlechterdings nicht entscheidbar sind. Dieser Tage nun findet sich, dass es auch in der Quantenphysik Fragen gibt, die prinzipiell nicht lösbar sind. Das hat mir Anlass zu zweit Kommentaren gegeben:

1. ... Dass es in der Physik, und zwar ganz unten im elementarsten Bereich, Probleme gibt, die sich grundsätz-lich nicht entscheiden lassen, nie und nimmer, ist für den gesunden Menschenverstand nicht besorgniserre-gend, sondern im Gegenteil tief beruhigend: Denn wäre es anders, ließen sich alle Rätsel der Welt lückenlos auf-lösen, wenn die Intelligenz restlos Alles durchschauen könnte – dann führte kein vernünftiger Weg an der An-nahme vorbei, dass diese Welt von einem intelligenten Designer ausgedacht worden ist. Und das wäre allerdings der Tod des gesunden Menschenverstandes, denn es übersteigt allen Verstand.

2. ... Kritisch zu bemerken ist aber, dass die beiläufigen Bemerkung, "damit gewinnt ein zentraler Satz der Lo-gik auch jenseits der Mathematik Relevanz", den Anschein erweckt, als gäbe es einen sachlichen oder materia-len Übergang zwischen Logik und Physik. Die Physik lässt sich in mathematischen Formulierungen darstellen – weitgehend, jedenfalls so weit gehend, wie sie bis heute reicht. Das ist eins. Die Annahme, dass in der Realität, die von den physikalischen Modellen auf mathematische Weise wiedergegeben wird, ihrerseits mathematische Regeln wie Gesetze 'wirken', ist ganz etwas anderes. Es ist ein metaphysischer Glaubenssatz, der mit Naturwis-senschaft sachlich nichts zu tun hat (wenn sie auch historisch durch ihn erst entstanden ist).



Freitag, 11. Dezember 2015

Wahrheit ist nicht für Alle da.



424. Für wen die Wahrheit da ist. — Bis jetzt sind die Irrthümer die trostreichen Mächte gewesen: nun erwartet man von den erkannten Wahrheiten die selbe Wirkung und wartet ein Wenig lange schon. Wie, wenn die Wahrhei-ten gerade diess — zu trösten — nicht zu leisten vermöchten? — Wäre diess denn ein Einwand gegen die Wahrheiten? Was haben diese mit den Zuständen leidender, verkümmerter, kranker Menschen gemeinsam, dass sie gerade ihnen nützlich sein müssten? Es ist doch kein Beweis gegen die Wahrheit einer Pflanze, wenn festgestellt wird, dass sie zur Genesung kranker Menschen Nichts beiträgt. Aber ehemals war man bis zu dem Grade vom Menschen als dem Zwecke der Natur überzeugt, dass man ohne Weiteres annahm, es könne auch durch die Erkenntniss Nichts aufgedeckt werden, was nicht dem Menschen heilsam und nützlich sei, ja, es könne, es dürfe gar keine anderen Dinge geben. — 

Vielleicht folgt aus alledem der Satz, dass die Wahrheit als Ganzes und Zusammenhängendes nur für die zu-gleich mächtigen und harmlosen, freud- und friedenvollen Seelen (wie es die des Aristoteles war) da ist, ebenso wie diese wohl auch nur im Stande sein werden, sie zu suchen: denn die anderen suchen Heilmittel für sich, mögen sie noch so stolz über ihren Intellect und dessen Freiheit denken, — sie suchen nicht die Wahrheit. 

Daher kommt es, dass diese Anderen so wenig ächte Freude an der Wissenschaft haben und ihr Kälte, Trok-kenheit und Unmenschlichkeit zum Vorwurf machen: es ist diess das Urtheil der Kranken über die Spiele der Gesunden. — Auch die griechischen Götter verstanden nicht zu trösten; als endlich auch die griechischen Menschen allesammt krank wurden, war diess ein Grund zum Untergang solcher Götter.
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Nietzsche, Morgenröte, N° 424



Donnerstag, 10. Dezember 2015

Der Stifter der Metaphysik.



Der Begründer, nein: Anfänger der MODERNEN Denkens ist allerdings Descartes mit einem radikalen Dua-lismus von res extensa und res cogitans. Radikal? Eben nicht: weil er der res extensa die cogitans ihrerseits als ens ent-gegensetzt. Entgegen? Eben auch nicht, sondern zur Seite setzt – einander ebenbürtig, 'gleich ursprünglich', das heißt: gleichen Ursprungs – mit der Mathematizität als Spur des Schöpfers, der sie ihnen als gemeinsame qualitas ein-gegeben hat.

So wurde er zum Begründer sämtlicher rationalistischer Metaphysiken des 17. und 18. Jahrhundertts.

Aber in Galileo hatte er seinen Vorläufer: Der hatte als erster verkündet, dass das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben sei.



Mittwoch, 9. Dezember 2015

Mein Wille hat Kausalität.



Wenn ich jetzt (zum Beispiel) völlig frei und ohne den nothwendig bestimmenden Einfluß der Naturursachen von meinem Stuhle aufstehe, so fängt in dieser Begebenheit sammt deren natürlichen Folgen ins Unendliche eine neue Reihe schlechthin an, obgleich der Zeit nach diese Begebenheit nur die Fortsetzung einer vorherge- henden Reihe ist. 

Denn diese Entschließung und That liegt gar nicht in der Abfolge bloßer Naturwirkungen und ist nicht eine bloße Fortsetzung derselben; sondern die bestimmenden Naturursachen hören oberhalb derselben in Anse- hung dieses Eräugnisses ganz auf, das zwar auf jene folgt, aber daraus nicht erfolgt und daher zwar nicht der Zeit nach, aber doch in Ansehung der Causalität ein schlechthin erster Anfang einer Reihe von Erscheinungen genannt werden muß.
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Kant, Kritik der reinen VernunftB 478 Akademie-Ausgabe: Die Antinomie der reinen Vernunft: Anmerkung zur dritten Antinomie, S. 312

Nota. – Nun wird zu Recht eingewandt: Ab er dass du aus deinen Entschlüssen die 'Naturwirkungen' überhaupt ausschließen kannst, wird ja gerade bestritten! Was du für deinen freien Willen hältst, ist nichts als die Summe von Eindrücken, die von außen auf dein Gemüt wirken. – Geht es um eine Frage der Psychologie? Die hat ihre eigenen Verfahren und ihre eigenen Maßstäbe. Philosophisch ist entscheidend: Die äußeren Eindrücke wirken nicht unmittelbar bestimmend auf die Handlung, sondern verwandeln sich zuerst in Motive. Der Philososoph sagt: Das Motiv muss ich zuerst zu meinem machen, ehe es mein Handeln bestimmen kann; aber das kann ich ja unterlassen! Kommt sogleich der Einwand: Das ist ein schlechter Zirkel! Mit dem Ich begründest du die Frei- heit der Wahl, aber die Freiheit der Wahl brauchst du, um einen Begriff vom Ich überhaupt erst zu begründen.

So steht es immer ex aequo, hängt, welche Philosophie man wähle, wirklich davon ab, was man für ein Mensch ist?

Was haben wir für ein Glück, dass an dieser Stelle ganz wider ihre Gewohnheit die experimentelle Seelenkunde der Philosophie unter die Arme greift: Im Gehirn entsteht zwischen dem Moment, in dem sich das sog. Bereit- schaftspotenzial gebildet hat  das womöglich restlos durch äußere Eindrücke geprägt war –, und dem Moment, in dem die Entscheidung wirklich fällt, eine Pause von rund einer Fünftelsekunde: Es ist die Zeit, in der das Ge- hirn zögert und verschiedenen Möglichkeiten erwägt. Solange könntet es zu den Anmutungen des 'Bereit- schaftspotenzials' nein sagen – und nochmal von vorn anfangen. Und wenn es nichts anderes gäbe – diese Fünftelsekunde ist der empirische Beweis, dass es eine Freiheit der Willensentscheidung gibt. Ein ganz andere Frage ist, ob ein jeder davon Gebrauch machen will.
JE 



Dienstag, 8. Dezember 2015

Umschlagen und Übergehen.


andramedia

Das Mysterium der Hegel'schen Dialektik und damit seines ganzen Systems ist das Umschlagen des Begriffs in seinen Gegensatz. Wie es vor sich gehen soll, kann man sich nicht vorstellen, es wird nicht erläutert, es bleibt ein Mysterium, man muss daran glauben wie an die Dreifaltigkeit. Tatsächlich findet es bereits im Begriff selber statt: Er trägt seinen Gegensatz schon in sich. So wird es behauptet.

Bei Fichte schlagen keine Begriffe um, sondern eine Vorstellung geht über in eine andere. Nämlich so: Sie soll bestimmt werden, doch das geht nur durch Entgegensetzung. Es ist ein Subjekt, das bestimmen soll, es muss die Entgegensetzung selber vornehmen. Muss? Nein. Es geschieht aus Freiheit; es könnte das Bestimmen auch unterlassen, und seine Vorstellung blieben unbestimmt.

Ist nicht die Freiheit auch ein Mysterium? Ja, ausdrücklich: "Hier ist etwas Unbegreifliches; und es kann nicht anders sein, weil wir an der Grenze aller Begreiflichkeit, bei der Lehre von der Freiheit in Anwendung auf das empirische Subjekt, stehen. ... Denn ein Akt der Freiheit ist schlechthin, weil er ist, und ist ein absolut Erstes, das sich an nichts anderes anknüpfen und daraus erklären lässt. ... Begreifen heißt, ein Denken an ein anderes anknüpfen, das erstere vermittelst des letzteren denken. Wo eine solche Vermittlung möglich ist, da ist nicht Freiheit, sondern Mechanismus. Einen Akt der Freiheit begreifen wollen, ist also absolut widersprechend. Eben wenn sie es begreifen könnten, wäre es nicht Freiheit."* 

Es ist das Mysterium, das dem ganzen System Grunde liegt. Liegt es? Nein, es wurde gelegt – von dem Philoso-phen, er hat es als Erklärungsgrund (aus Freiheit!) gewählt. Er hat es nicht begründet, er kann es rechtfertigen nur durch die Ausführung des Systems. Er hätte ein anderes wählen können? Nur, wenn sich damit ein System rechtfertigen ließe.

Die Freiheit rechtfertigt das System vom Anfang bis... zum Schluss? Wenn die Freiheit zu einem Schluss käme, wäre sie keine. Wird sie als Freiheit gedacht, ist sie ohne Ende: Die Reflexion ist unendlich, so wurde sie zu An-fang aufgefasst. Soll ein Schluss dennoch für möglich gehalten werden, müsste eine zusätzliche Prämisse einge-führt werden. Aber dann läge sie dem System zu Grunde und nicht die Freiheit, und Fichte hätte nicht sagen dürfen, dass auf sie "mein ganzes Denken aufgebaut ist".

*) Fichte, Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 181f.




Montag, 7. Dezember 2015

Der Schein von einem Knoten.



203. Im Augenblicke vor der Lösung. — In der Wissenschaft kommt es alle Tage und Stunden vor, dass Einer un-mittelbar vor der Lösung stehen bleibt, überzeugt, jetzt sei sein Bemühen völlig umsonst gewesen, — gleich Einem der, eine Schleife aufziehend, im Augenblicke, wo sie der Lösung am nächsten ist, zögert: denn da ge-rade sieht sie einem Knoten am ähnlichsten. 
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Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. N° 203


Nota. - Dann ist es gut, wenn ihm ein eifersüchtiger Mitbewerber auf die Finger sieht und ruft: "Na los, zieh weiter, hähä!" 
JE


Sonntag, 6. Dezember 2015

Wissenschaft ist öffentliches Wissen.



215. Ein regelmässiger und schneller Fortschritt der Wissenschaften ist nur möglich, wenn der Einzelne nicht zu misstrauisch sein muss, um jede Rechnung und Behauptung Anderer nachzuprüfen, auf Gebieten, die ihm ferner liegen: dazu aber ist die Bedingung, dass Jeder auf seinem eigenen Felde Mitbewerber hat, die äusserst misstrau-isch sind und ihm scharf auf die Finger sehen. Aus diesem Nebeneinander von "nicht zu misstrauisch" und "äusserst misstrauisch" entsteht die Rechtschaffenheit in der Gelehrten-Republik
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Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, N° 215





Samstag, 5. Dezember 2015

Komödianten.


Callot

232. Die Tiefen. — Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst eine Oberfläche anheucheln müssen. 
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Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, N° 232





Freitag, 4. Dezember 2015

Transzendentales Ich.



Real ist am Ich lediglich das Bild, das ich von mir habe. Es ist vom Ich das (einzig) Wahre, weil es das ist, was währt. Es ist aber meinem wirkliche Tun und Lassen nicht vorausgesetzt, sondern sein Erzeugnis. (Das Wahre ist fingiert.) – Allerdings: Das transzendentale Ich, als notwendig zu denkender Grund meiner Erfahrungen, werde ich erst finden (weil ich es erst suchen werde:) – nachdem ich mir mein Ich schon gebildet habe. 

aus e. Notizbuch; wann?




Donnerstag, 3. Dezember 2015

Was ist das Endziel?


Dieses Endziel hat keine bestimmte Weise, es entwächst der Weise und geht in die Breite.
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Meister Eckhart, Predigt 10
in Deutsche Predigten und Traktate, München 1963; S. 196 (Übers. Quint)


Nota. – Wäre es in irgend einer Weise bestimmt, so müsste es an irgend einem Punkt erreichbar sein. 
JE









Mittwoch, 2. Dezember 2015

Wie Wesen und Erscheinung sich von einander unterschieden haben.


A. Kubin, Selbstbetrachtung                                                                                                                             aus Über das Ästhetische

Eine Sache 'bestimmen' heißt: ihren Platz in einem Wirkungszusammenhang ausfindig machen. Daß sie in einem Wirkungszusammenhang steht, ist a priori vorausgesetzt. Dieses Apriori erscheint als ein logisches; ist aber ein historisches. Cf. Habermas: die Leistungen des transzendentalen Subjekts sind ein Erwerb der Gattungsgeschichte. Die 'Idee' eines Wirk-Zusammenhangs (Animismus) kommt auf, sobald die 'Menschen' (Hominiden) ihre 'Welt' selber machen: auf selbstgewählte Zwecke absehen und ihnen gemäß handeln. Die Idee der Kausalität – alles ist Wirkung, also hat alles eine Ursache – ist Teleologie a tergo [Nietzsche]. Zugrun-de liegt die ('unvordenklich' gewordene) Frage: wozu mag das Ding taugen? Zuerst: mir taugen. Erweiterung: Wenn es zwar nicht mir taugt, dann wohl einem Andern... Was dieses Andere sei, ist das Problem der Metaphy-sik. Der Wirkungszusammenhang, der nicht meiner ist, ist das An-sich. 


Reuters

Im allgemeinen Wirkungszusammenhang ('Totalität' in Fichtes Grundlagen ...) wird das Eine durch das andere 'bedeutet': Nicht Es bedeutet 'sich-selbst', sondern das andere bedeutet Es. Nur darum kann ein 'Wesen' (das eigentliche Sein) von der 'Erscheinung' unterschieden werden. – Es ist Entwicklungsgeschichtlich aber nicht so, daß das 'Wesen' nachträglich zur Erscheinung hinzu tritt; sondern umgekehrt:

Der animistischen 'Welt'-Anschauung erscheinen alle Dinge als mit eignem Willen begabt. Sie werden nicht von Anderem bedeutet, sondern bedeuten sich selber. Diese eigenwillige Selbstbedeutung kann man den Dingen und namentlich den Tieren ansehen ; wohl nicht entziffern, aber doch erschauen: weniger erkennen als erraten.
 


Chauvet

Ursprünglich besteht die Welt aus lauter Rätseln. Und zwar so, daß, was nicht zum Rätsel wird, in die 'Welt' gar nicht recht eintritt: als nichts-sagend. 'Wissen' ist ursprünglich Physio-Gnosis. Will sagen, 'ursprünglich' sind Anschauen und Begreifen nicht getrennt, sondern in der animistisch-magisch-mythischen Für-wahr-Nehmung eins. – Mit der Erweiterung des eigenen Wirkungskreises schiebt sich im angesammelten Gedächtnis vieler Generationen zwischen die Wahrnehmung der je einzelnen Wirkungsakte 'belebter Dinge' die Erfahrung von Wirkungs-Zusammenhängen – die im Gedächtnis nun als ein besonderes Bild (daimôn : der 'zuteilt', vgl. Prell-witz), neben den Abbildern der belebten Dinge, bewahrt werden können: Der Begriff tritt hinzu – und trägt, qua Abstraktion, in die Anschauung die Reflexion hinein.


F. Bacon

Jetzt erst scheiden sich Wesen und Erscheinung, indem das Werden ( genesis =Wirkung) als Akzidens eines substanten Seins, alias Ur-Sache (ontos on = Zusammenhang der Wirkungen in einem Ursprung) gedacht werden kann. Die Anschauung wird "intellektual" – d. h. spekulativ; und scheidet sich von der gewöhnlichen, 'sinnlichen' Anschauung, die sie als roh verachtet. Seitdem zerfällt die Welt in Subjekt und Objekt.


Juni 2002