Dienstag, 30. August 2016

Jedes hat seine Voraussetzung.



Für Begriffe gibt es Definitionen: eine Kombination von andern Begriffen, die jenen eingrenzen. Diese Begtiffe beruhen ihrerseits auf vorangegangenen Definitionen wie als auf ihren Voraussetzungen. Es ließe sich also ein Register erstellen, das alle Begriffe samt ihren Definitionen verzeichnet, sodass man zu einem jeden die Voraus-setzungen nur noch auszuzählen braucht - und aus allen Definitionen wiederum alle unfehlbar Begriffe rekon-struieren kann. (So etwa hat sich die Wolff-Baumgarten-Schule die Philosophie vorgestellt; und stellt sie sich anscheinend die zeitgenössische 'analytische' Richtung vor.) 

Für Vorstellungen gibt es dagegen keine Definitionen, sie werden nicht durch ihre vorausgesetzten Nachbarn eingegrenzt, sondern wollen als Bilder jedesmal aufs Neue hervor gebracht sein; und gibt es schon gar nicht ein Register, in dem man nachschauen kann. Nun beruhen aber auch sie auf Voraussetzungen, nämlich Bildern, die in ihnen versteckt sind und die man in sie hinein schauen muss, um sie heraus zu finden. Man muss sie in jedem einzelnen Fall wieder neu vorstellen, sonst gibt es gar nichts zu erkennen.

Die Radikalform der Transzendentalphilosophie, Fichtes Wissenschaftslehre, knüpft nicht einen Begriff an den anderen, sondern entwickelt aus einer Vorstellung die darauf folgende, statt Definitionen gibt sie Anweisungen, wie man verfahren müsse, um die je gemeinte Vorstellung in sich selbst zustande zu bringen. Das wäre selbst dann mühsam, wenn es weniger ungewohnt wäre. Denn es erfordert nicht bloß Einbildung, sondern Einbil-dungskraft.


Sonntag, 28. August 2016

Metà und praktisch.




Die Welt ist eine ganz andere je nachdem, von welchem Standpunkt aus man in sie blickt. Der Eine sagt: Ich Mensch bin das Maß aller Dinge. Der Andere sagt, ein Leben, das sein Maß nicht außer sich sucht, sei ohne Würde.

Das hätte mit theoretischer Philosophie rein gar nichts zu tun? Da haben Sie völlig Recht.

Aber auf dem einen Standpunkt ist kritische alias Transzendentalphilosophie möglich, auf dem andern nicht.*

Womit erwiesen wäre, dass die Fragen der praktischen Philosophie die Eingangsbedingungen der theoretischen sind.

Oder anders: Was die Metaphilosophie nicht in ihre Frage gepackt hat, kann die praktische Philosophie auch nicht herausholen. Dazwischen liegt bloße Arbeit. Die Arbeit besteht im Ausscheiden all dessen, was zur Sache nichts beitragen kann. Dann ergibt sich der Rest von selbst.

*) für Begriffsstutzige: Der eine unterscheidet zwischen seiner empirischen Person und dem Ich, der andere nicht.



Samstag, 27. August 2016

Wissenschaftliche Philosophie.


 magicpen / pixelio.de

Philosophie ist wissenschaftlich nur als Kritik. Und nur als Kritik sollte sie sich zu einem System ordnen lassen. Negativ zwar, sofern ihr letzter Grund darin aufgefunden wird, dass ein realer Urgrund des Wissens sich nicht nachweisen lässt. Sie ist Wissen des Wissens und endet in der Einsicht, dass das Wahre als beabsichtigter Gegenstand des Wissens nicht aufgefunden, sondern postuliert wird. Ein solches Wissen vom Wissen ist in seiner Negativität rein formal und hat keinen Inhalt.

Das war aber nicht die Absicht, aus der heraus die Philosophie entstanden ist. Sie wollte im Gegenteil ein positives Wissen, das als Wegweiser zur richtigen Lebensführung taugt. Die Kritik zeigt nun: Mit theoretischen Mitteln ist das nicht zu haben. Die richtige Lebensführung lässt sich nicht ergründen, sondern kann nur ent-worfen werden. Sie muss frei erfunden werden, und ihr einziger Maßstab ist Schönheit – nämlich ob sie vor allem Interesse gefällt. Da kann die theoretische, wissenschaftliche, kritische Philosophie allerdings sekundär behilflich werden: indem sie die Interessen ans Licht zieht und abweist.

Die Kritik fügt dem Wissen sachlich nichts hinzu. Sie macht aber durch ihre Distinktionen das Wissens selbst – nicht erst das Gewusste – zu einem möglichen Gegenstand des Urteils: Was ist vor-, was ist nachgeordnet? Sie prüft den Wert des Wissens und ist also selber praktisch.

Daraus erhellt aber zugleich, dass der Maßstab zur Beurteilung des Wissens nicht in ihm selber aufzufinden ist, sondern ihm 'vor'-, d. h. übergeordnet war. Die 'Begründung' des Wissens geschieht actu im 'metaphilosophi-schen' Raum – und hat sich in der praktischen oder Lebensphilosophie zu bewähren. Sie ist eine pragmatische Fiktion, und insofern eben doch: 'Hypothese', genauer: Hypostase. Ist nicht proiectio, sondern proiectum. Und dies ist das einzige 'Interesse', das der Kritik standhält.

vor 2009








Freitag, 26. August 2016

Reflexion ist Beweg-Grund.


 Liza Litsch  / pixelio.de

Reflexion kommt nicht ‚nach’ der Anschauung, sondern geschieht mit ihr uno actu. Sie ist sozusagen deren innere Spannung: Sie ist Absicht; ist Aufmerken; ist Absehen auf… Intentionalität, sagt Husserl: eine primäre Erwartungshaltung. Was wird erwartet? Eine Bedeutung in den Erscheinungen; dasjenige, was die Erscheinung zum möglichen Gegenstand einer Tat macht. 
Mai 5, 2009


Nachtrag.
Reflexion ist das, was in der Wissenschaftslehre ideale Tätigkeit hieß; ist die Kraft des Anschauens. 



Donnerstag, 25. August 2016

Geist und Bedeutung.

knipseline, pixelio.de

Der Schlüssel zum Verständnis dessen, was wir unsern Geist, Vernunft oder Wissen nennen, ist Jacob von Uexkülls Begriff der Bedeutung. 

Bedeutung ist das, was einen Organismus veranlassen kann, sich so oder anders zu verhalten.

Daher ist Bedeutung keine spezifisch menschliche Dimension. Die Umwelten der Tiere haben für sie Bedeutung, wenn sie es auch nicht wissen.

Das gilt für alles Organische. Auch die Pflanze lebt in ihrer Umwelt und ‘merkt’; Licht hat für sie Bedeutung, Wärme hat für sie Bedeutung, Wasser, Wind…

Und selbst im anorganischen Bereich interagiert ein jeder Körper mit seinem Feld.

Das spezifisch Menschliche ist erst, dass die Bedeutung nicht nur da ist, sondern vorgestellt wird.

Die andere menschliche Besonderheit ist, dass in unserm Dasein Bedeutungen vorkommen, die keinen Bezug zu unseren Reproduktionsfunktionen haben; die gewissermaßen frei schweben.

Es liegt nahe, nach einem genetischen Zusammenhang beider Spezifizitäten zu fragen. Und es liegt näher, das freie Schweben von Bedeutungen – ihrer Herauslösung aus ihrer organischen Bezüglichkeit – als die Bedingung ihrer Vorstellbarkeit anzunehmen, als umgekehrt. Es würde mehr erklären.

•Mai 29, 2009



Mittwoch, 24. August 2016

Einen Akt der Freiheit begreifen wollen.


Erhard Ruhland  / pixelio.de

Es würde aber unrichtig sein, wenn man hierbei mit seinem Urteile stehen bleiben und behaupten wollte, er könne auch keinen anderen Charakter haben, als er habe. Er soll schlechthin sich einen anderen bilden, wenn sein gegenwärtiger nichts taugt, und er kann es; denn dies hängt schlechthin ab von seiner Freiheit. Hier ist etwas Unbegreifliches; und es kann nicht anders sein, weil wir an der Grenze aller Begreiflichkeit, bei der Lehre von der Freiheit in Anwendung auf das empirische Subjekt, stehen. ... 

Begreifen heißt, ein Denken an ein anders anknüpfen, das erstere vermittelst des letzteren denken. Wo eine solche Vermittlung möglich ist, da ist nicht Freiheit, sondern Mechanismus. Einen Akt der Freiheit begreifen wollen, ist absolut widersprechend. Eben wenn sie es begreifen könnten, wäre es nicht Freiheit.  
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J. G. Fichte, Das System der Sittenlehre nach den Principien der Wissenschaftslehre, SW Bd. IV, S. 181f.



Dienstag, 23. August 2016

Das Absolute ist wie der Horizont.



Wenn wissen heißt: vom Bestimmbaren zur Bestimmung übergehen, dann wäre das Absolute die Vorstellung von einem Zustand, wo alles Bestimmen zu einem Schluss gekommen und nichts Bestimmbares übrig ist. Das wäre das Paradox eines vollendeten Unendlichen. 

Das Absolute ist, wie der Horizont, eine gedachte Linie, die in dem Maße zurückweicht, wie man ihr näher kommt.

Die Frage ist nicht, ob das Bestimmbare irgendwann erschöpft sein kann; sondern ob das Wissen irgendwo aufhören will.




Montag, 22. August 2016

Es ist unglaublich wenig, was eine Definition leistet.



Man schreibt sehr viel jetzt über Nomenklatur und richtige Benennungen, es ist auch ganz recht, es muß alles bearbeitet und auf das Beste gebracht werden. Nur glaube ich, daß man sich zu viel davon verspricht, und zu ängstlich ist den Dingen Namen zu geben die ihre Beschaffenheit ausdrücken.

Der unermeßliche Vorteil den die Sprache dem Denken bringt besteht dünkt mich mehr darin, daß sie überhaupt Zeichen für die Sache, als daß sie Definitionen sind. Ja ich glaube daß grade dadurch der Nutzen den die Sprachen haben wieder zum Teil aufgehoben wird. Was die Dinge sind, dieses auszumachen ist das Werk der Philosophie. Das Wort soll keine Definition sein, sondern ein bloßes Zeichen für die Definition, die immer das veränderliche Resultat des gesamten Fleißes der Forscher ist, und es in so unzählichen Gegenständen unsres Denkens ewig bleiben wird, daß der Denker daher gewöhnt wird sich um das Zeichen, als Definition gar nicht mehr zu bekümmern, und diese Unbedeutlichkeit auch endlich unvermerkt auf solche Zeichen überträgt die richtige Definitionen sind.

Und das ist auch dünkt mich sehr recht. Denn da einmal nun die Zeichen der Begriffe keine Definitionen sein können, so ist fast besser gar keines derselben eine Definition sein zu lassen, als auf das Ansehen einiger Zeichen hin, die richtige Definitionen sind, so vielen andern die es nicht sind einen falschen Kredit zu verschaffen. Das würde eine Herrschaft der Sprache über die Meinungen bewirken die alle den Vorteil wieder raubte den uns die Zeichen verstatten. Es ist aber nicht zu befürchten, die sich selbst überlassene Vernunft wird immer die Worte für das nehmen was sie sind.

Es ist unglaublich wenig was ein solches definierendes Wort leistet Das Wort kann doch nicht alles enthalten und also muß ich doch die Sache noch besonders kennen lernen. Das beste Wort ist das das jedermann gleich versteht. Also sei man ja behutsam mit der Wegwerfung allgemein verstandener Wörter, und man werfe sie nicht deswegen weg weil sie einen falschen Begriff von der Sache gäben!  

Denn einmal ist es nicht wahr, daß es mir einen falschen Begriff gibt, weil ich ja weiß und voraussetze, daß das Wort diene die Sache zu unterscheiden, und für das andere, so will ich aus dem Wort das Wesen der Sache nicht kennen lernen. Wer hat beim Metall-Kalch je an Kalch gedacht? Was kann es schaden die Kometen Kometen das ist Haar-Sterne zu nennen, und was würde es nutzen sie Brand- oder Dampf-Sterne zu nennen? (Sternschnuppe.)

Es läßt sich selten viel in die Namen eintragen, so daß man doch erst die Sache kennen muß. Parabel, Hyperbel, Ellipse sind Namen dergleichen sich die Chymie weniger rühmen kann, denn [sie] drücken Eigenschaften dieser Linien aus, aus denen sich alle die übrigen herleiten lassen, welches freilich mehr reiner Natur der Wissenschaft wohin diese Betrachtungen gehören als einem besonderen Witz der Erfinder dieser Namen zuzuschreiben ist. Aber was hilft eben diese Weisheit, man braucht sie wie den Namen Zirkel und Kreis oder Muschel-Linie, die keine Definition sind. Der Dispüt hat würklich etwas Ähnliches mit den puristischen Bemühungen der Sprachmelioristen, und Orthographen. Man hofft zu viel von guten und fürchtet zuviel von schlechten Wörtern. Die Richtigkeit des Ausdrucks ist es nicht allein sondern die Bekanntheit und der Wert eines Worts steht also gewissermaßen in der zusammengesetzten Verhältnis aus der jedesmalen Richtigkeit und der Bekanntheit. Freilich Regeln für die Wörterfertigung festzusetzen ist immer sehr gut, denn es kann ein Fall kommen, wo man sie gebraucht. Es ist würklich gut den Dingen griechische zu geben. Hätte man für die ganze Chemie hebräische Namen oder arabische wie Alkali pp, so würde man am besten dabei fahren je weniger man von dem Namen versteht.
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Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher Heft K, N° 19


Nota. - Zu Lichtenbergs Zeit herrschte in Deutschland - und zwar bis zum Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft unbestritten - die rationalistische Metaphysik der Wolff-Baumgarten'sche Schule. Deren ganze Arbeit bestand darin, die ganze Welt in Begriffe zu fassen: Ihre Schriften bestehen buchstäblich aus einer Aneinanderreih-ung von Definitionen. Das hinterließ seine Spuren im deutschen Geistesleben bis heute. Die derzeitige Popularität des 'analytischen' amerikanischen logischen Atomismus knüpft an einheimische Wurzeln an.
JE 



Sonntag, 21. August 2016

Wo der Geist herkommt.


wasserspiegelung_kl

Die Besonderheit des Menschen ist es nicht, dass für ihn die Dinge neben ihrem Dasein in Raum und Zeit auch noch eine Bedeutung haben – das haben sie für die Tiere auch. Sondern dass er beides unterscheiden kann – und so die Bedeutung jenseits von Raum und Zeit und übersinnlich erscheint.

Geist ist ein  Spaltprodukt. 

19. 11. 13




Samstag, 20. August 2016

Principium individuationis.


aus wikipedia

"Ist der Stoff das principium individuationis, oder die Form?"

Dauerthema der antik-scholastischen Philosophie: Was ist das principium individuationis:
-die Form, oder
-der Stoff?! [siehe v. Bracken, "Eckhart/Fichte"]

- Wenn Stoff als "Bestimmbarkeit" genommen wird, ist die forma (eídos) das Bestimmende, ihn also aus der Indifferenz heraus-hebende, -erlesende, -individuierende.

- Doch da die Form eben dasjenige ist, welches die Bestimmungen möglich macht; also die sinnvollen Aus-sagen; also dasjenige "an" den "Dingen", welches sie den andern "Dingen" kommensurabel macht; also dasjenige, welches 'dieses' Ding, singulum, zur Bedeutung bringt; also "für Anderes" [concevable] macht... - also ist die Form das Die-Einzelnen-Verallgemeinernde; ist also das Prinzip der Allgemeinheit, nicht der Individuation.

Das Quidproquo besteht natürlich wieder nur in der Vermengung ontologischer mit gnoseologischen Frage-stellungen. Die "Formen" - eídoi, logoi - stehen ja, als Gemachte-Gemeinte (nicht Gegeben-Genommene) von vornherein untereinander in Zusammenhang; sei's diskursiv, als Begriffe, in logischer "Wechselbestimmung"; sei's als 'Bilder' im Kaleidoskop* der 'Welt'; sind also Facta/Ficta, die instrumentell, intentionell, absichtsvoll an... "die Phänomene" herangetragen werden. Das 'Phänomen' ist hier das Datum, "das, was" im Bewußtseins-akt "gemeint" ist: gemeint als dieses, nämlich im Unterschied, d.h. bestimmten Gegensatz zu den andern. D.h. die 'Andern', ihrerseits längst gemeint-bedeutete 'Dinge', sind dem aktuellen Bewußtseinsakt stets schon vor-ausgesetzt als das "Feld", dem das 'Dieses' zuzuordnen ist; das Koordinatensystem, in das 'Dieses' als Topos einzusetzen ist. Die Bestimmung, Setzung des Bestimmbaren (="Stoff") als Dieses, die Individuation des Indifferent-Unbestimmten, ist ipso facto Verallgemeinerung...

"Stoff" ist in den reellen Vorgängen des Bewußtseins immer nur: "Erleben" (Dilthey), "Geschehen" (Lotze). Weil aber ein Erlebnis-Schatz, ein Fundus von schon-als-bedeutsam-festgehaltenem Geschehen den je aktu-ellen Bewußtseinsakten immer schon zugrunde liegt; nicht nur als - passive - "Folie", sondern, dynamisch, auch als Motiv: im Kaleidoskop der "Welt" rufen "Löcher" nach "Erfüllung", horror vacui der Einbildungskraft; dar-um ist der je aktuelle Bewußtseinsakt als ein Erlesen des Dieses aus der informen Flut der Bilder gleichzeitig und uno actu Isolieren/Vereinzeln und logisch Beziehen auf etwas Allgemeines.

*) modernes Kunstwort aus kálos, schön, eídos, Bild/Form, skopein, schauen: "Kaleidoskop" ist das Instrument, Medium; nicht das Bild selbst.

aus e. Notizbuch, 15. 10. 94



Freitag, 19. August 2016

Singulär und individuell.


Martin Jäger, pixelio.de

Eine Sache-selbst ist immer singulär und individuell. Sie ist nicht teilbar und nicht mit-teilbar. Man kann ledig-lich (auf) sie zeigen. Sie "symbolisiert" sich-selbst. Das gilt auch für Sach-Verhalte, sofern sie gedacht werden als bloß summative Koexistenz mehrer Sachen im Raum und in der Zeit. Sofern sie aber gedacht werden als ein Wirkungsverhältnis, als eine Beziehung, die 'mehr' ist als eine Summe, so ist dies eine Bedeutung, die den Sachen zu-gedacht wird. 

Das gilt freilich schon für die Annahme, dass "es" die Sache als Singulum "gibt". Denn diese Annahme ist schon eine abstraktives Urteil. Im bloßen Merken kommt lediglich ein ungeschiedener Fluss von Sinnesein-drücken vor. Das Herausheben eines Komplexes von Sinneseindrücken als diese Sache ist ein Auf-Merken: das Zuschreiben einer Bedeutung. Als solche lässt sie sich allerdings symbolisieren.

aus e. Notizbuch, 1992





Donnerstag, 18. August 2016

Geltung.


Harald Lapp, pixelio.de

Es wurde beanstandet, dass ich Geltung und Bedeutung logisch nicht genügend auseinanderhielte.

Das ist aber auch richtig so. Denn nur Bedeutung gilt. Alles, was sonst vorkommt, ist. Und Bedeutung gilt immer nur als Urteilsgrund für eine mögliche Handlung. Geltung ist eine praktische Kategorie.




Mittwoch, 17. August 2016

Ironie und der transzendentale Standpunkt.


 Henning Hraban Ramm  / pixelio.de

"Ironie" = der transzendentale Standpunkt

"Von vorn" ist die Ironie "nichts als" die stilistische Erscheinungsform der permanenten Reflexion des Wissens im Angesicht des Unendlichen; "unendliche Reflexivität", mit JGF zu sprechen.

"Hintenrum" aber ist sie der gefundene "substantielle Standpunkt", der "sich ergibt", wenn der Reflexion ver-blüfft einleuchtet, daß sie ja, um reflektieren zu können, ein anderes ( = [Nicht-]Ich, Absolutes, "Standpunkt"...) immer schon "sich selbst" (logisch, topisch) vorausgesetzt haben muß, bevor sie mit "sich", ihrer Tätigkeit = Reflektieren, überhaupt anfangen konnte; daß diese sich-voraus-Setzung indes "in nichts begründet" ist als ihrem Entschluß, tätig zu werden; daß also "das Absolute", von dem sie ausgeht, um als auf einen Fluchtpunkt Alles "beziehen" zu können, doch eben - selbstgemachte Fiktion ist. "Verum et factum convertuntur." Aber factum et fictum convertuntur.

aus e. Notizbuch, 23. 10. 94


aus: Rüdiger Safranski, Romantik, eine deutsche Affäre: 

...Wie sollte nicht jeder Satz über das Absolute und Transzendente nur unter ironischem Vorbehalt gesprochen werden dürfen? Endliches zu sagen über das Unendliche kann und darf nur ironisch sein. Ironie gehört deshalb in jede Philosophie, die das Ganze zu begreifen versucht... "Ist sie nicht wirklich die innerste Mysterie der kriti-schen Philosophie?" ...



Montag, 15. August 2016

Über meine "Wendeltreppe".


Michaela Rupprecht  / pixelio.de

Meine philosophische Wendeltreppe begann und endete mit der Frage: Was ist Wahrheit? 
Darüber kam es zu folgendem Schriftwechsel:

Es spricht m.E. vieles dafür, dass 'Die Wahrheit' ein 'Glaubensthema' ist. Denn 'Die Wahrheit' hielt erst Einzug in die Philosophie, als das griechische alitheia nicht mehr im Bedeutungsbereich 'Wahrhaftigkeit', 'Redlichkeit', 'Aufrichtigkeit' angesiedelt sein durfte, sondern unter den Übersetzungsbemühungen Friedrich Schleiermachers in den Rang 'absoluter Wahrheit' gehoben wurde. Der pietistische Schleiermacher übersetzt an fast jeder Stelle, wo Platon alitheia schrieb - ob nun bewusst und absichtlich oder einfach aus frommer Gewohnheit 'wortgläubigen' Bibellesens - 'Wahrheit', auch dann, wenn es sich um ganz alltägliche Wendungen wie 'Das ist so' oder "Ist das tatsächlich so gewesen?' oder 'Ich versichere, das ist wirklich so.' u.ä. handelt. Das Eigenschaftswortalithis bedeutet eigentlich 'unverhohlen, aufrichtig'. Homer - die älteste überlieferte schriftliche Quelle des Altgriechischen - hat alitheia stets in der Formel "die Wahrheit sagen" verwendet. Tucidines hat alitheia in der Bedeutung von Wahrhaftigkeit, Wahrheitsliebe, Aufrichtigkeit, Unverstecktheit, als Charaktereigenschaft eines aufrichtigen Mannes verwendet. Allgemein meint alitheia  'Wirklichkeit', 'wirkliches Vorhandensein', 'Realität', 'Naturgemäßheit', 'wirklicher Hergang'.

'Wahrheit' bezeichnet damit etwas Konkretes, etwas, was beobachtbar ist, aber vom Beobachter 'verfälscht' werden kann. In der griechischen Wendung "etwas aus dem rechten Gesichtspunkt betrachten"  wird 'rechter Gesichtspunkt' mit dem Wort alitheia bezeichnet und sollte vielleicht besser mit 'redlichem Gesichtspunkt' übersetzt werden. Das in dieser Redewendung verwendete skopeithai - Grundwort der so verpönten 'Skepsis' - weist zudem auf gründliches Beobachten hin. Etwas aus dem rechten Gesichtspunkt betrachten könnte demnach eher heißen: 'Etwas mit wachen Sinnen vorurteilsfrei und redlich beobachten', das ist der rechte Gesichtspunkt. Zu mehr - so waren sich die alten Philosophen einig - ist der Mensch nicht fähig.

Die einzigen Leute wohl, die zu Zeiten der alten Griechen 'Wahrheit' im Sinne einer 'absoluten Wahrheit' gebraucht haben dürften, waren vielleicht ägyptische Priester, deren Oberpriester eine Art 'Schmuck' mit sich führten, zum Zeichen der Wahrheit und Gerechtigkeit, der in der griechischen Sprache mit alitheia bezeichnet wurde. Gerade mit letzterem könnte vielleicht deutlich werden, dass die Griechen wohl wussten, dass 'Die Wahrheit' als religiöses Machtzeichen aufzufassen war. Ihre eigenen Priester haben vergleichbares nie getragen, weil die Griechen nie einen die 'Wahrheit besitzenden Priesterstand' hatten, der über sie herrschte und ihnen - im Unterschied zu den Persern und Ägyptern - vorschrieb, wie und was sie über die Götter zu glauben und zu denken hatten. Denn die Götter waren - wenn auch mächtig - so doch gleichwohl unberechenbar und veränderlich wie die Menschen selbst.

Wohl stand auf 'Asebie', d.h. die Leugnung der Götter Todesstrafe oder zumindest Verbannung in Athen, aber darüber hinaus durfte geglaubt werden, was immer man wollte, solange es der Gemeinschaft nicht abträglich war. Hier hatten die Griechen eine Gelassenheit, die das westliche Abendland im Zuge der 'dogmatisierten christlichen Wahrheit' nicht mehr kannte. Diese Gelassenheit könnte Folge einer allgemein griechischen Selbsterkenntnis sein, die im als homo-mensura-Satz 'verteufelten' Ausspruch des Protagoras seinen Ausdruck findet: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge!" dessen Fortsetzung in der Regel unterschlagen wird und damit einer Interpretation Vorschub leistet, die der Redlichkeit und Wahrheitsliebe der Traditoren Hohn spricht. Denn der Satz geht weiter: "Für mich sind die Dinge so, wie sie mir erscheinen und für dich so, wie sie dir erscheinen." Damit wird nichts weiter beschrieben, als dass jeder Mensch seine eigene Sichtweise auf die Dinge hat. Eine Beobachtung, die nicht nur jeder Richter heutzutage, sondern auch jeder Mensch selbst machen kann. Mit dem Wort 'Dinge' ist das griechische Wort chremata gemeint, was eigentlich die Eigenschaften der Dinge meint, also das, wie etwas ist. Und wer wollte bestreiten, dass sich die Menschen untereinander ständig darüber uneins sind, wie etwas ist? Wie es kommt, dass die banale Einsicht des Protagoras in die Beschränktheit individueller Sichtweisen in den Rang eines 'verwerflichen Relativismus' geriet, möchte ich hier nicht im Einzelnen erörtern. Wohl aber den Gedanken zur Diskussion stellen, dass nur derjenige die banale Tatsache individueller Sichtweisen als verwerflichen Relativismus auffassen 'muss', für den 'die Wahrheit' eine 'absolute Denkfigur' ist, wie sie vergleichbar der Stuhl Petri in Rom machtvoll lehrend täglich in die Welt hinausposaunt.

Philosophieren geht aber vom Menschen aus und nicht von einer 'absoluten Wahrheit'. Schon Platon lässt seinen Sokrates in verschiedenen Situationen da von 'Glauben' reden, wo Wahres nicht mehr zu beobachten ist, wo konkret erlebbare Wirklichkeit verlassen wird, zugunsten einer noetischen 'Erkenntnis', was später dann mit Metaphysik bezeichnet wird.

Der Mensch möchte Wahres finden, denn er muss um handeln zu können, urteilen. Dieses Wahre ist aber etwas vergängliches, etwas relatives. Jeder erlebt es täglich an sich selbst, das, was er gestern für wahr hielt, heute schon nicht mehr wahr ist, bzw. keine Gültigkeit mehr hat. Diese Veränderlichkeit können auch keine Vernunftgründe aus dem Weg räumen, denn 'Vernunft' ist eine gleichfalls metaphysische Denkfigur, die sich im westlichen Abendland zu einem ebenso starren Gebilde verfestigt hat, wie die Wahrheit. Sie wird benutzt, um mit Erklärungen da zu herrschen, wo wir dem Konkreten - so wie es m.E. auch schon die Griechen taten - verpflichtet sind.  Wir sollten uns von beiden Denkfiguren, sowohl der 'Vernunft', als auch der 'Wahrheit' verabschieden. Nicht Vernunfturteile sollten weitere Vernunfturteile begründen, sondern das Hinsehen auf das Konkrete sollte jedem Urteil vorausgehen. So wird jedes Urteil zum ersten Urteil und wir brauchen uns nicht zu zerstreiten über das, was angeblich die Vernunft 'weiß'. 

Monika Wirthgen 



Die Etymologie führt weniger weit, als man denkt. Wenn ich dir nun entgegnete: a-letheia kommt von a-lethés, und dieses wiederum von lethés = verborgen, vergessen? Dann ist aletheia allerdings, wie du sagst, die Unverhohlenheit, sofern von einem redenden Subjekt gesprochen wird – aber die Unverborgenheit, die Entborgenheit, die Entdecktheit, sofern es um eine beredete Sache geht. Und was ist "entborgen"? Eben dasjenige, was gewöhnlich unterm sinnlichen Schein der genesis, der Erscheinung, des Werdens "verborgen" liegt. Nenn es das Wahre, nenn es meinetwegen das Eigentliche, das Wesentliche, das Seiend-Seiende. Ontos on – das ist, wonach (undeutlich) schon Thales, deutlich (aber negierend) Heraklit und explizit Parmenides gefragt haben. Das wahre Sein entdecken hinterm Schein des Sinnfälligen, das nennt sich seit Platos 'Sokrates' Philosophie. Heraklit sagt: 'Dahinter' ist Nichts, das Werden und Vergehen ist das einzig Währende, 'Wahre' (=etymologisch nicht verwandt). Vielleicht hat er die Dynamik, die darin wirkt, als logos bezeichnet und mit dem "Feuer" verbildlicht; vielleicht etwas anderes – er ist eben der Dunkle. Gar nicht dunkel sind die Eleaten. Was sichtbar ist, ist nur Schein. Was ist, ist nur dem Gedanken zugänglich, niemals dem Augenschein. Es sieht nur so aus, als würde Achilles Zenons Schildkröte überholen; "eigentlich" überholt er sie nicht. Würde Zenon von aletheia reden (tut er's?), dürfte man ihn guten Gewissens mit 'Wahrheit' übersetzen.

Das ist die Problemlage. Wie oft Schleiermacher Platos aletheia besser als Wahrhaftigkeit denn als Wahrheit hätte übersetzen sollen, ist demgegenüber nicht wirklich wichtig.

Wahrheit und Wissen sind Wechselbegriffe. Wissen kann man allein Wahres; alles andere muss man glauben. In 'Wahrheit' geht es im griechische Denken vom Anfang dessen, was man rückblickend Philosophie nennen darf, um den Unterschied von Meinen, doxa, und Wissen, episteme. Darum heißt der ausgezeichnete Gegenstand  der Philosophie 'das Wahre'. "Erschienen" ist es zu allererst als Frage. Dass es bis zum Ende eine solche bleiben könnte, halten nicht nur Skeptiker, sondern auch Transzendetalphilosophen für denkbar.

Da sind wir auch gleich bei Protagoras. Dass der Mensch das Maß aller Dinge sei – 'der seienden, dass sie sind, der nicht seienden, dass sie nicht sind' (es kommt wohl auf die Überlieferung an) -, nämlich die 'a priorischen' Leistungen des absoluten alias 'transzendentalen' Subjekts…, das würde Dir kein Kantianer bestreiten wollen. Ist also längst nicht so unerhört, wie Du sagst.

"Der Mensch möchte Wahres finden, denn er muss, um handeln zu können, urteilen" – das ist in der Tat der springende Punkt. Handeln und urteilen ist in der Lebenswirklichkeit ein und dasselbe. Aber man muss es in seiner ganzen Radikalität, das heißt Einfachheit und Abstraktion fassen. Der Mensch muss urteilen, um handeln zu können. Warum muss er handeln? Weil er 'frei' ist. Und das war die abendländische Revolution. Der homerische Mensch war ein Spielball der Götter, ein blinder Gegenstand eines ihm unergründlichen Schicksals. Was immer er sich bei seinem Tun denken mochte – vor der nemesis war es alles gleich-gültig.

Ein (virtueller) Zeitgenosse von Heraklit und Parmenides war Aischylos. Er hat die erste 'moderne', erste abendländische Figur geschaffen, Antigone. Sie ist zwar nicht modern im Hamlet'schen Sinne, dass sie abwägte und zauderte; nein, ihr Entschluss steht von allen Anfang fest. Sie schwankt nicht in ihrer Wahl zwischen dem Alten und dem Neuen Gesetz. Aber gewählt hat sie! Das unterscheidet sie von einer archaischen, "morgenländischen" Vergangenheit: dass sie gewählt hat, darauf kommt es an. Im Leben des freien Subjekts gibt es jeder Zeit mindestens zwei Möglichkeiten. Oder auch, ein Leben wird dadurch zu dem eines freien Subjekts, dass es zu jeder Zeit zwischen mindestens zwei Möglichkeiten wählt. Und wer wählt, braucht einen Grund, ohne den kann kein Urteil gelten. Wäre ich selber nur ein Ereignis dieses Moments, könnte mir ein Grund reichen, der nur eben jetzt 'gilt'. Aber ich bin Ich, weil ich weiß, dass ich eine Geschichte haben. Ich war vorhin, in bin jetzt, ich werde nachher sein. Um derselbe zu sein, brauche ich einen dauernden Grund. Ich meine: einen mich überdauernden Grund.

Und da fangen all die Probleme erst an. Wollte ich meine Ichheit ein für alle Mal mal verbürgt wissen, müsste es einen 'endgültigen' (ersten oder letzten) Grund geben. Soll er aber gelten können, müsst er seinerseits begründet sein. Ist er begründet, dann ist er nicht der letzte Grund. Und so weiter… Es müsste einen Grund geben, der gelten kann, ohne seinerseits begründet zu sein; durch bloße Anschauung, alias "Evidenz".

Der Haken ist nur, dass ich, was mir als evident vorkommt, einem andern nicht demonstrieren kann. Ich kann darüber erzählen, Bilder malen, "in Zungen reden". Kann es "zeigen". Ob ein Anderer mir glaubt, darauf habe ich wenig Einfluss.

Insofern komme ich zum Schluss zu Deinem Ausgangspunkt zurück. Aber, wie es sich für eine Wendeltreppe gehört, eine ganze Windung weiter. 

JE


Sonntag, 14. August 2016

Wahr.


Jens Goetzke  / pixelio.de

"…(das und das und das…) ist zweifellos wahr." – Die Frage war aber nicht, was alles wahr sein mag. Die Aufzählung könnte bis ans Ende der Zeit nicht abgeschlossen werden. Die Frage ist vielmehr, woran man erkennt, ob etwas wahr ist.

[Man könnte sich Wahrheit als ein universell vorkommendes Stöffchen vorstellen, das den Dingen (Gegen- ständen, Sachverhalten, Gedanken…?) in unterschiedlich starker Dosis "beigegeben ist". Dann wäre Wahrheit ein Seiendes neben andern Seienden, denen es sich mitteilt oder nicht, und die ihm gegenüber folglich auch gleichgültig sein könnten: zugleich weder wahr noch unwahr; und das wäre ein Widersinn.]

Unter Wahrheit ist also nur der Modus, die Qualitas des Wahrseins zu verstehen. Die Sachen "stehen" in diesem Modus oder nicht, tertium non datur. Es ist der Modus des Geltens: Nur Aussagen können gelten oder "wahr sein", Dinge nicht. Aussagen über Dinge können wahr sein oder nicht.

"Wahr ist eine Aussage, wenn sie mit dem Sachverhalt übereinstimmt." – Das ist eine rein verbale Bestimmung. Sie hat keinen eigenen Inhalt. Denn was soll Übereinstimmung –  'adaequatio' – denn bedeuten? Das war doch gerade die Frage!

Um etwas zu bedeuten, bedürfte sie eines Dritten, eines Kriterion, eines Prüfsteins – und der wäre dann "das Wahre".

Gibt es einen solchen Prüfstein? –  Offenbar nicht.

Muss es ihn geben, damit etwas wahr oder unwahr sein kann? –  Offenbar.

Muss alles wahr oder unwahr sein? – Die Frage stellen heißt sie beantworten.

in 2007 



Samstag, 13. August 2016

Ob es Wahrheit gibt…




Die Frage, ob es Wahrheit überhaupt gibt, ist Unfug. Die Antwort darauf wäre, wie immer sie ausfiele, wahr oder unwahr. So kann man nur fragen, weil man sich von der Wahrheit längst eine Idee gemacht – und also die Antwort "in Wahrheit" schon vorausgesetzt hat. 

Da 'es' Wahrheit also 'geben' soll, 'muß' sie einen Grund haben. Und der muß sich in unserm Wissen auch auffinden lassen. Nicht so zwar, als ob er darin als eines seiner Stücke selber vorkäme; sondern als das, was übrigbleibt, wenn von allen tatsächlichen Wissensgehalten abgesehen wird: die allgemeine Form des Wissens überhaupt. 

Formen sind in Zeitlosigkeit geronnene Handlungen, in der Geometrie wie in der Logik. Der Grund des Wissens muß ein ursprünglicher Akt sein, actus purus. Er kann nichts anderes sein als jene 'Tathandlung', durch die das wirkliche Erleben sich 'anschaut' als eine Anteilnahme des Einen am Andern – wie an einer Aufgabe. 


Die Ur-Teilung von Ich und Welt "gibt es" nur als Problem. Es stellt sich dem, der es sich stellt. Es einem andern andemonstrieren kann er nicht. Aber er kann davon erzählen, als ob es ihm widerfahren wäre, wie einen Mythos: So muß es gewesen sein! Wissen, das darauf "gründet", bleibt problematisch. Daß es einen Sinn gibt in der Welt, ist eine Behauptung, die sich immer erst noch erweisen muß.

Februar 8, 2009





Freitag, 12. August 2016

Gibt es denn Wahrheit?


rike, pixelio.de

Ich meine nicht, dass "es" Wahrheit "gibt". Wer oder was könnte mit "es" gemeint sein? Und was sollte "geben" hier bedeuten? Dennoch haben alle Sätze, die ich sagen kann, nur dann einen Sinn, wenn ich unter-stelle, daß sie wahr sind.

Das ist offenbar ein Paradox. Das läßt sich nur… nein, nicht ausräumen, sondern lediglich: vor mir her schieben, indem ich sage, dass es Wahrheit geben soll. Natürlich kann ich aber den Dingen nicht vorschreiben, wie oder was sie 'sollen'! Der Satz 'Wahrheit soll sein, weil anders meine Sätze keinen Sinn haben' lässt sich anders formu-lieren: 'Du sollst reden, als ob es Wahrheit gäbe'. Das ist keine theoretische Tatsachenbehauptung, sondern eine praktische (pragmatische) Fiktion. 

Ob ich diese Fiktion logisch, ethisch oder ästhetisch nenne, ist an diesem fortgeschrittenen Punkt schon gleich-gültig. Es gibt allerdings Gründe, sie als eine ästhetische Fiktion aufzufassen.

Januar 3, 2009



Donnerstag, 11. August 2016

Ein institutioneller Schein von Wissenschaft.




Wissenschaft ist nicht Institution, sondern Instanz (wie die Kunst); wenn auch in öffentlichen Institutionen verfasst, die gern ein Monopol geltend machen. Aber im Grenzfall ist ihre Institutionalisierung sogar eine Schranke für ihren öffentlichen Charakter: Monopol = Exklusivität = Privatheit. Und nährt den Glauben, die Zugehörigkeit zur Institution sei selber schon Wissenschaft…

Begründet ist die Institutionalisierung der Wissenschaft aber nicht in ihrer Exklusivität – dass nur geprüfte Spezialisten mitmachen dürfen –, sondern im Erfordernis der Kontinuität des Wissens: Das Wissen muss nicht nur "ausgelesen", sondern darüber hinaus bewahrt werden (sonst gäb’s nichts auszulesen). Die Institution gewährleistet die Tradierung des Wissens: dass nichts verloren geht: dass die Akkumulation gründlich geschieht. Denn idealiter ist der Wissenschaftler einer, der alles weiß. 

Wenigstens "in seinem Fach". Aber das gibts natürlich nicht mehr. Das Spezialistentum macht sich innerhalb der Disziplinen breit, so dass selbst innerhalb eines Fachs die "Zusammenhänge" selber zu Fächern von Spezialisten werden; in Wahrheit aber die "Neue Doxa" sich breit macht: das Vertrauen darauf, dass der Nachbar schon wissen wird, was er tut, und man ihm seine Resultate getrost abnehmen kann… 

So kommt es, dass allerlei Zwischen-Fächer auftauchen, die sich in den Ritzen der Institution festsetzen, ohne sich vor irgendwem ausweisen zu müssen – außer eben vor der Doxa innerhalb und außerhalb der Universitäten! Z. B. PädagogikPolitologie, Publizistik… Soziologie und Ökonomie haben den Anfang gemacht.

April 23, 2009 

Dienstag, 9. August 2016

An sich.


Thomas Hein  / pixelio.de

Sobald das wirkliche Denken sich selber denkt, unterscheidet es sich von sich selbst – als ein Objektives un-abhängig von einem Subjekt; als ein Immerdenkbares von einem jetzt Wirklichgedachtwerdenden. Seine je-weiligen Bestimmungen können darum als außerhalb der Zeit (und des Raumes) vorgestellt werden – richtiger: können nur außerhalb der Zeit und des Raumes vorgestellt werden; sobald sie nämlich als Bestimmtheiten vor-gestellt werden und nicht als das wirkliche Bestimmen eines Bestimmenden. Letzteres wäre das historische, wirkliche Denken; aber nicht das, was im Denken des Denkens gedacht wird. 

Nur so gibt es ein An-sich.

aus e. Notizheft


Nota. - Was immer so gedacht wird, als ob es An-sich wäre, ist ein Noumenon. So kann man auch wirklich vor-kommende Dinge denken. Nur verlieren sie damit alle Merkmale, die sie als diese bestimmen; und das sind all die Merlmale, die sie zu wirklichen Dingen machen. Mit andern Worten: Ein Wirkliches als an sich denken heißt, es als wirklich nicht denken; heißt, es nicht denken.
JE


Montag, 8. August 2016

Das höchste Prinzip.


vulkanischer Riss

Sollte das höchste Prinzip das höchste Paradoxon in seiner Aufgabe enthalten? Ein Satz sein, der schlechterdings keinen Frieden ließe – der immer anzöge, und abstieße – immer von neuem unverständlich würde, so oft man ihn auch schon verstanden hätte? Der unsere Tätigkeit unaufhörlich rege machte – ohne sie je zu ermüden, ohne je gewohnt zu werden? Nach alten mystischen Sagen ist Gott für die Geister etwas Ähnliches.
_________________________________
Novalis, Logologische Fragmente [a], N°9



Sonntag, 7. August 2016

Querdenken.


 Wander Impressionen

Querdenken ist keine Tugend. Am besten denkt man doch immer noch geradeaus, solange es geht, dann kann man auch stets überblicken, woher man kommt; denn wie sollte man sonst wissen, wo man ist?

Manchmal gerät man in ein Gestrüpp, da muss man wohl auch mal um die Ecke denken. Doch wenn der Knoten zu dicht wird, braucht man ein Alexanderschwert.

Dann gehts weiter gradaus.

3. 8. 14


Samstag, 6. August 2016

Taub stellen.




Lieber taub, als betäubt. — Ehemals wollte man sich einen Ruf machen: das genügt jetzt nicht mehr, da der Markt zu gross geworden ist, — es muss ein Geschrei sein. Die Folge ist, dass auch gute Kehlen sich überschreien, und die besten Waaren von heiseren Stimmen ausgeboten werden; ohne Marktschreierei und Heiserkeit giebt es jetzt kein Genie mehr. — Das ist nun freilich ein böses Zeitalter für den Denker: er muss lernen, zwischen zwei Lärmen noch seine Stille zu finden, und sich so lange taub stellen, bis er es ist. So lange er diess noch nicht gelernt hat, ist er freilich in Gefahr, vor Ungeduld und Kopfschmerzen zu Grunde zu gehen.
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Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft. 4. Buch 1882





Freitag, 5. August 2016

Materiale Logik.


i.itymg.

Eine Sache in logischer Hinsicht bestimmen und ihr lebensweltlich eine Bedeutung anheften ist dasselbe.

Der springende Punkt ist, dass die Sache und ihre Bedeutung nicht dasselbe sind. 'Die Sache selbst' ist ein un-erschöpfliches Maß, was ein Paradoxon ist: Da es nicht erschöpflich ist, ist es ohne Maß; die Sache selbst ist schlechterdings unbestimmbar.


Die Bedeutungen der Sache sind all die - manuellen oder logischen - Operationen, die ich mit ihr anstellen kann, sie kann ich bestimmen. Aber ich muss sie durchführen, um es zu können.

Danach ist das Unterordnen der Sachen unter die Bedeutungen ein rein formaler Handgriff.




Donnerstag, 4. August 2016

Zählen und messen und werten und schätzen.


S. Hofschlaeger, pixelio.de

..."Dieser Gedanke ... setzt als selbstverständlich voraus, daß Qualität und Quantität Grundeigen-schaften der wirklichen Naturvorgänge sind. Das ist aber eine durchaus oberflächliche Anschau-ung. In unseren Erlebnissen sind uns nur qualitative Unterschiede gegeben. Den Unterschied zwi-schen 'Groß' und 'Klein' erleben wir zu-nächst nicht anders als den zwischen rot und blau. Erst durch die Zuordnung von Zahlen zu den Erlebnis-sen wird ein System von Zustandsgrößen geschaffen, zwischen denen quantitative Beziehungen bestehen." 

Philipp Frank, Das Kausalgesetz und seine Grenzen (Wien 1932)*, **

Erst die Arbeitsgesellschaft hat Messen und Kombinieren so in den Vordergrund treten lassen, daß der eigentlich-poietische 'Anteil' des Geistes - der eigentlich sein Grund ist - als ein uneigentliches Residuum in den Hintergrund tritt. Vollends mit dem Beginn der industriellen Kultur, wo Fragen nach dem "Wesen" (quale) im Zuge der 'Entmythologisierung' und 'Entzauberung der Welt' als "metaphysisch" direkt abgewiesen werden. Das postmoderne "Anything goes" ist nur der Punkt auf dem i. Es ist überhaupt nicht "post". Es verweist die Frage nach den Qualitäten endgültig unter die Spielereien; freilich - wenn sie "funktionieren", why not?

Dieses "Residuum" wird 'bestimmt' (ex negativo: als das uneigentlich-Überschüssige) als "das ästhetische Erleben".

Daher die Unmöglichkeit, das Ästhetische positiv zu "definieren": Es ist eben nicht "positiv", sondern negativ bestimmt: als Ausschluß von dem, was für die Welt der Arbeit "nicht nötig" ist. Im Laufe der Entfaltung der Arbeitsteilung und galoppierend seit der Industrialisierung wurde das immer mehr.

Nota. Die Bereitschaft, Bedeutungen zu erfinden über das unbedingt Nötige hinaus - Abenteuer, Spiel, Risiko - ist stammesgeschichtlich auf der männlichen Seite der Gattung stärker ausgeprägt; weshalb der Umstand, daß allein diejenige Gattung, wo das Männliche einen relativ autonomen 'Stand' erworben hat, diejenige war, die den Sprung in die Welt gewagt hat. Und weshalb die 'ästhetischen' Tendenzen bis auf den heutigen Tag im männlichen Teil stärker ausgeprägt sind als im weiblichen. (Sollte sich das künftig ändern, tant mieux.)

*) neu Ffm. 1988, S. 155

aus e. Notizbuch,14. 7. 2005
  
**) Ob ich reichlich zu essen habe oder nicht genug, ist der Qualitätsunterschied von satt und hungrig. 



Mittwoch, 3. August 2016

Die Zweige des Wissens.


plumbe, pixelio.de

Die Welt ist kein Mosaik, das aus so und soviel Wahrheitsatomen zusammengesetzt ist, die man, jedes für sich, herausgreifen, begutachten und in Schubladen verteilen kann. Sondern was der Einfachheit halber 'die Welt'* genannt wird, ist ein ununterbrochener Fluß von Geschehnissen in einem komplexen Feld von wechselseitigen Bedingungsverhältnissen. Dabei erweist sich das, was prima facie als reale Bedingung erschien, der kritischen Reflexion als eine Projektion dessen, was vorher ("a priori") schon eine (logische) 'Hinsicht', eine Ab-Sicht des Betrachters gewesen war: Nur in gewissen Hinsichten, und daher nur in bestimmten realen Bedingungsverhält- nissen ('Gesetzen') 'zeigen sich' gewisse Geschehnisse; doch nicht in allen: Sie mögen mehreren Bedingungsebe- nen angehören, aber allen nicht.

So gibt es eine Bedingungsebene namens Chemie, eine namens Physik, namens Ethologie, namens Mathema- tik… Und alle stehen untereinander "irgendwie" selber wieder in einem Bedingungsverhältnis... Eine pazifische Koralle etwa "kommt vor" in Biologie, Chemie, Physik, Ethologie, sogar in Mathematik, wenn man will. Aber in Musik kommt sie nicht vor, und in Nationalökonomie nur mit Hilfe von Sophismen. Allerdings sind Biologie, Chemie, Physik nicht die "Etagen", in denen die tatsächliche Existenz der Koralle tatsächlich "stattfindet", sondern sie sind die Blickwinkel, unter denen ein abstrahierend-reflektierender Verstand die Koralle anschauen mag – oder eben nicht.

Das gilt für alle Wissenszweige ebenso wie für Kants Kategorientafel.


Also, ein Geschehen "zeigt sich" in dem einen Bedingungsverhältnis (unter der einen Kategorie) so, in dem andern anders; und in einem dritten gar nicht.

Wo die Menschen ihre apriorischen 'Hinsichten' herhaben – ob ihrerseits ex sponte 'gesetzt' oder aus "sinnlichen Eindrücken" empirisch angesammelt –, diese Frage "erscheint" ihrerseits in logischer Hinsicht (philosophisch) gar nicht, sondern nur empirisch-psychologisch – als Streit zwischen Assoziations- und Gestaltpsychologie (der freilich selber logisch zu entscheiden ist).

Ausschlaggebend ist nur, dass 'es' diese Hinsichten 'gibt', und dass ihre logisch-regelmäßige Handhabung die Gewähr für die Vernünftigkeit unseres Denkens ist. Dank ihrer 'gibt es' vernünftiges Denken: Sie "konstituieren" es. Aber da es nun einmal 'ist', reicht ihm die Faktizität der  Kategorien, die es konstituieren, nicht aus. Es will die Gründe sehen. Will sehen, dass sie nicht (historisch) zufällig sind (und also auch anders sein könnten), sondern (genetisch) notwendig. Wenn es unter den faktisch gegebenen Kategorien nicht einen genetischen, einen Beding- ungszusammenhang auffinden kann – einen 'letzten', d. h. ersten Grund -, dann müsste es sich selber als unbe- gründet, und damit als ungültig erkennen.

Die Suche nach einem letzten Grund heißt Wissenschaftslehre.

Das heißt, 'eigentlich' ist sie zirkulär: Sie setzt die Auffindbarkeit des Grundes schon voraus. Denn 'gäbe es' einen solchen Grund nicht, dann könnte sie ihn nicht nur nicht finden; sondern sie könnte nicht einmal finden, dass sie ihn nicht finden kann, und so verlöre die Suche ihr Wonach.

Wer sich also auf die Suche macht, der muß sinnvollerweise voraussetzen, dass es hier etwas zu finden gibt. Seine Suche beginnt dann folgendermaßen: Da das Wissen einen Grund haben muß (weil ich anders gar nicht suchen könnte), muß er… da oder dort zu finden sein.

Logisch korrekt muss die Aufgabe also so formuliert werden: Wenn unser Wissen einen Grund hat, dann muss er sich 'in' unserm Wissen als dessen immanente Prämisse auffinden lassen. Daß aber unser Wissen einen Grund hat, das soll so sein, weil jedes Wort sonst hinfällig wäre.

21. 3. 1993 

*) 'Die Welt' ist lediglich ein Bild, das unsere Vorstellung entwirft - als der Horizont aller Dinge, die in ihr vorkommen. Und wie 'kommen sie vor'? Wenn ich es genau besehe, als "ein ununterbrochener Fluß von Geschehnissen in einem komplexen Feld von wechselseitigen Bedingungsverhältnissen". Anm. 3. 8. 16