'Mein System'.


Kant unterscheidet zwei Klassen von Philosophen – die "nach dem Schulbegriff" und die "nach dem Weltbe- griff". Nach dem Schulbegriff, das sind die, die Philosophie an der Universität betreiben. Einen Philosophen "nach dem Weltbegriff" hingegen darf sich keiner selber nennen, das können höchstens Andere tun, denn das wäre einer, der jenen zeigt, wo es lang geht.

Ein Schulphilosoph bin ich nicht geworden, bin aber, nachdem ich meinen Erwerbsberuf beendet hatte, zum Philosophieren zurückgekehrt. Dabei ist es mir widerfahren, meine Vorstellungen zu einem System zu ordnen – nur im Kopf, nicht auf dem Papier, denn das ist schwierig. – Nun gilt systematisches Philosophieren in Fach- kreisen heut ohnehin als dumm und anmaßend, und wenn ich dort überhaupt eine Chance haben will, muss ich gewissenhaft vorzeigen, dass ich 'mein System' weißgott nicht mutwillig konstruiere, sondern nur auf Schritt und Tritt mir zuziehe, ohne es hindern zu können. Darum die Form der täglich fortzuschreibenden Blogs und deren Zerstreuung in ein gutes halbes Dutzend.

Die Fichtiana und die hiesigen Philosophierungen sind das Kernstück, sie erläutern einander. Und da am empirisch-anthropologischen Anfangspunkt meines pp. Systems 'das Ästhetische' als Spezifikum des poietischen Vermögens alias produktive Einbildungskraft, an seinem spekulativ-transzendentalen Endpunkt aber 'das Absolute' als die ästhetische Idee schlechthin steht, ist das Blog Geschmackssachen der Dritte im Bund.

Der fragmentarische Vortrag macht die Beschäftigung mit 'meinem System' abwechslungsreich und unterhalt- sam, aber übersichtlich ist er nicht. Allerdings vermute ich, wer sein System übersichtlich darstellen kann, hat es nicht richtig verstanden.

 

 

Die Frage nach dem System stellt sich beim Philosophieren von allein.


M. Großmann, pixelio.de

Subjektiv betrachtet, fängt die Philosophie doch immer in der Mitte an, wie das epische Gedicht. 
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Friedrich Schlegel, Athenaeum, Ersten Bandes Zweytes Stück. Berlin 1798 

Ein hübscher Aphorismus zum Thema philosophischer Systematik. 

Jeder Philosoph fängt mit seinem Philosophieren irgendwo mittendrin an. Ganz einfach, weil er vor dem Entschluss zu philosophieren schon allerlei gewusst und seinem gesunden Menschenverstand unterzogen haben muss. Das nimmt er naiv als Startkapital und fängt an zu wirtschaften. Erst nachträglich, in dem Maße nämlich, wie er auf unerwartete gedankliche Probleme stößt, denkt er daran, sein Kapital zu inventarisieren – ob es wirklich so reichlich war, wie er dachte, und wie große Risiken er sich damit leisten kann. Das ist Meta- philosophie, und obwohl sie logisch an den Anfang gehörte, kommt sie immer erst nachträglich.

Und dann, wenn er sich fragt, welches Risiko seinen Einsatz wert ist, taucht erstmals in klarer Kontur die Frage auf, worauf er eigentlich hinauswill. Und siehe da, das praktische Problem verhält sich auf einmal zum meta- philosophischen wie Kopf und Zahl. Unmöglich zu sagen, welches den Vorrang hat. Und nun erscheint auch all das, was er bisher schon geschafft hatte, geschafft zu haben meinte, als der theoretische Teil eines aufzustellenden Systems. Der hängt jetzt aber in der Luft, nämlich mitten zwischen den komplementären Vorbehalten des praktischen und des metaphilosophischen Teils. Eine Generalrevision ist nötig; eine Kritik des theoretischen Teils. Und wenn man schonmal so weit ist, wird sich in der Durchführung der Kritik erweisen, dass recht eigentlich sie selber den theoretischen Teil ausmacht!

Nun aber erscheint sie als das Hauptstück, plat de résistance, des ganzen Systems. Weil nämlich nur durch sie Meta- philosophie und praktische Philosophie zusammengeführt werden konnten. Der praktische alias Meta-Teil ist zwar der, auf den es am Ende ankommt. Aber möglich wurde er erst durch die Kritik, als deren Klammer.

Merke:  
Die Absicht, Philosoph zu werden, und der Entschluss zu philosophieren sind nicht dasselbe.



Mein System
Libeskind

Je systematischer das Denken ist, umso weniger eignet es sich zu systematischer Darstellung.
 
Das ist nur scheinbar paradoxal. Denn System bedeutet in der Vorstellung etwas anderes als in der Mitteilung. Im Denken ist das System auf einmal und ganz gegeben. Es ist synchron, ein jeder Satz im System bedingt jeden anderen Satz. Es ist weniger gleich-zeitig als – jenseits von Zeit und Raum – gleich-gültig. Eigentlich nicht synchron, sondern achronisch. Mitteilung geschieht dagegen in der Zeit, diachron, eins nach dem andern. 

Man müsste das gedachte System – das hat schon Fichte bemerkt – von jedem beliebigen einzelnen Satz aus re-konstruieren und von da aus zu jedem andern Satz im System gelangen können. Die Mitteilung muss dagegen einen Anfang wählen, einen Ober-Satz: principium. Daraus müssen die Folgesätze nach den Regeln der diskursiven Rede her-geleitet werden. Im dargestellten System gelten die Sätze nicht a-chronisch und gleich, sondern sind hierarchisch geordnet. 

Im gedachten System erscheint ein jeder Satz der nachträglichen Reflexion wie eine Figur vor ihrem Hintergrund. Im dargestellten System erscheint jeder Satz als logischer Schluss aus dem Vorangehenden und Grund für alles Folgende. Das dargestellte System müsste, um vollständig zu sein, dieselbe Operation von jedem denkbaren (Ober-)Satz zu jedem denkbaren (Folge-)Satz wiederholden und synoptisch zu einander stellen. Da die Anzahl der denkbaren Sätze aller Voraussicht nach unendlich ist, wird die Aufgabe… unendlich sein. Mit andern Worten, als ein Ganzes würde sich das System auf diesem Wege niemals darstellen lassen. 

Nun könnte man auf die Idee kommen, die Ganze Gestalt des Systems so, wie es sich – ob vollendet oder nicht – von außen präsentiert, ihm als seinen In-Begriff zu Grunde zu legen; den Umfang in sein Zentrum zu verkehren. Dann müssten sich alle einzelnen Sätze aus diesem her- und zu diesem hinleiten lassen. 

Allerdings läge dieses logische ‘Zentrum’ dann außerhalb des Systems! Jenes mag ‘in sich schlüssig’ sein. Aber ob und wozu es was taugt, bleibt ganz offen.

*

Dass ein Denken Anspruch auf Systematik erhebt, gilt den Wissenschaften heute ohnehin als unsittlich. Wozu also diese Erörterung? 

Ich bin in der glücklich unglücklichen Lage, ein System vortragen zu können – also zu sollen, wie mir scheint. Ich habe einmal die Neigung, in alles, was in meiner Vorstellung vorkommt, Ordnung zu bringen; nicht um der Ordnung willen, sondern um die Übersicht nicht zu verlieren. Die Solidarität der andern Gedanken möge mich daran hindern, mich von dem einen Gedanken in den Abgrund ziehen zu lassen. Darauf, ein System hinein zu bringen, habe ich es nie angelegt. Aber es ist im Lauf der Jahre und Jahrzehnte so gekommen. Es traf sich, dass manche Denkfigur sich auf dem einen wie auf dem anderen Gedankenfeld aufnötigte und bewährte – und mich einen logischen Zusammenhang zwischen ihnen vermuten ließ. 

So trage ich sie nun vor; als Fragmente eines unvollendeten Ganzen, von denen sich jedes selbst behaupten muss und doch auf die Solidarität der andern rechnen kann; als Wendeltreppe. Ob es nun  ein vollendetes System und Ganzes ist, davon hängt gar nichts ab. Es mag so sein oder anders. Wer meinen Vortrag auf dieser oder jener Windung kritisiert, weil ich da eine durch nichts belegte Prämisse verwende, muss sich lediglich gefallen lassen, dass ich ihn auf diese oder jene (synchrone) Windung verweise, wo eben jene Prämisse begründet wird.

Und wenn der Leser auf der vierten absteigenden Windung eine Denkfigur wieder zu erkennen meint, die ihm auf der achten aufsteigenden Windung schon einmal begegnet ist, bin ich’s zufrieden.

 

 


Philosophisches System.

oder doch nicht?

Es ist gleich tödlich für den Geist, ein System zu haben, und keins zu haben. Er wird sich 
also wohl entschließen müssen, beides zu verbinden. 

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Friedrich Schlegel, Athenaeums-Fragmente N° 53

 





Die absolute Prämisse.

Wissensagentur

Jede Philosophie setzt etwas voraus, erweist etwas nicht, und erklärt und erweist aus diesem alles andere, auch der Idealismus, dieser setzt die erwähnte freie Tätigkeit voraus als Prinzip, aus welchem alles erklärt werden muss, das aber selbst nicht weiter erklärt werden kann. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 17
Rechtschreibung modernisiert.


Nota.

Zu klären, ob diese Prämisse "zutrifft", "richtig ist" oder sonstwie "gilt", wäre Sache der Philosophie; ist es hier aber nicht, da sie dieser selbst zu Grunde liegt. Sie ist hier kein philosophischer Satz, sondern ein metaphiloso- phischer. Er ist nicht zu begründen, sondern wäre zu bewähren, indem er eine Philosophie ermöglicht, die es wert ist, mein Leben daran zu orientieren. Mit andern Worten, die praktische Philosophie liegt der theoretischen, d. h. kritischen zu Grunde.
JE


  

Mein System.


Tinguely, Fastnachtsbrunnen

Lieber Leser, 'mein System', von dem ich immer wieder rede und von dem Sie vielleicht doch noch nicht viel erkennen konnten, nimmt langsam Gestalt an; weniger literarisch als sachlich. Das Ästhetische schimmert immer öfter aus dem Strom der Wörter hervor, und nicht bloß als thematischer roter Faden oder als Hinter- grundrauschen, das alle andern Töne einfärbt, sondern als das Bindemittel zwischen der Anthropologie auf der empirischen und der Transzendentalphilosophie auf der theoretischen Seite.

Das klingt nun ebenso eitel wie trivial; wenn man nämlich von dem Ästhetischen einen trivialen Begriff hat. Ich fasse aber das Ästhetische (wie Fichte an Schiller schrieb) so weit, wie Sie es sich nicht einmal träumen lassen. So weit und so scharf, wie ich ergänzend hinzufüge, und dann ist es nicht mehr trivial.

*

Auf den ersten Blick ist es freilich das Thema der Vernunft, durch das die Anthropologie mit der Transzenden- talphilosophie zusammenhängt; als das specificum humanum hier und als Medium und Gegenstand dort: Selbst- reflexion der Intelligenz.

Die Intelligenz selber zeichnet das Humane schon lange nicht mehr aus. Je länger die Ethologen observieren, um so weiter wird das Feld der tierischen Intelligenz. Angefangen hat es mit dem Werkzeuggebrauch der Schimpansen, inzwischen sind wir bei absichtlicher Täuschung und Perspektivenwechsel bei den Rabenvögeln, und wer weiß, was noch kommt.

Es ist wohl wahr, tierische Intelligenz manifestiert sich immer punktuell und momentan, nur bei der Familie Homo ist ihr Gebrauch habituell und ubiquitär. Wäre das kein Unterschied? Es wäre keiner, der sich bestimmen lässt. Denn dazu müsstest du eine Grenze ziehen. Doch auf welchen Punkt du immer reflektierst, der Übergang ist fließend.

Qualitativ dagegen ist dieser Unterschied: Im Tierreich steht aller Intelligenzgebrauch im Dienste der Selbst- oder der Arterhaltung, auch da, wo er nicht genetisch, sondern kulturell vererbt wirbt. Allein Homo sapiens bemüht - und je länger seine Geschichte auf Erden dauert, umso wissentlicher - Zwecke, die abseits der Erhal- tungsfunktion liegen: Verum, bonum, pulchrum.

Das ist es, was den Menschen vor andern Lebewesen auszeichnet: Er kann nicht nur wahr-, sondern auch wert- nehmen. Und recht eigentlich muss er wertnehmen, so dass Max Scheler sagen konnte: Wertnehmen kommt vor wahrnehmen, es ist seine Bedingung. 

Das ist ein Satz, der der Anthropologie ebenso angehört wie der Transzendentalphilosophie, die das Praktische vor und über das Theoretische stellt. Wertnehmen ist das Wahrnehmen von Qualitäten, und so nennen wir Eigenschaften, die schlechterdings - "ohne Interesse" - von einem Urteil des Beifallens oder der Missbilligung begleitet sind. Und eben das ist das Ästhetische.

Was morphologisch der aufrechte Gang für die Hominisation bedeutete, bedeutet für die geistige Hominisation die Entwicklung seines ästhetischen Vermögens. Es ist der Stoff der Vernunft.



So weit die Anthropologie.

Vernunft nennen wir nun diejenige Intelligenz, die nicht nur die Wirkzusammenhänge der Dinge in Hinblick auf unsere Zwecke beurteilt, sondern die Zwecke selbst. Eine Intelligenz, die sich als einem Maß unterworfen vorstellt. Vernünftig nennen wir ein Handeln, das seine Zwecke als einer obersten Instanz, als einem Zweck der Zwecke verantwortlich erachtet. Dies genetisch herzuleiten aus dem idealen Ursprung der Vernunft selbst, jener Tathandlung, in der sich das Ich als frei setzt, ist wiederum Sache der Transzendentalphilosophie. Die Fiktion eines obersten Zwecks - verum, bonum, pulchrum - ist eine ästhetische Idee. Sie ist nicht bedingt, sondern durch Freiheit möglich. Und recht besehen, ist am äußersten Ende der Vernunft nur sie noch durch Freiheit möglich.

*

Das sind die beiden Pole, zwischen denen "mein System" verläuft.*

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*) Wie es verläuft, sehen Sie, wenn Sie meinen Links folgen. 

27. 6. 2014 



System der Philosophie, quasi diskursiv.

Adolf Ulrich Wertmuller

I. Meta-Philosophie
 
-   "Was ist Wahrheit?"
-   Absicht < >Bedeutung
-   "Zweck" – intentio

 II. Theoretische Philosophie 

Kritik:
-        'transzendental'; begrifflich, logisch rekonstruierend
-        sprachanalytisch-pragmatisch
-        phänomenologisch

III. Praktische oder Lebensphilosophie
 
-    Ergebnis der Kritik: metaphysischer Nihilismus
-    "Artistenmetaphysik"
-    fröhlich romantische Existenzphilosophie

Philosophie ist wissenschaftlich nur als Kritik. Und nur als Kritik sollte sie sich zu einem System ordnen lassen. Negativ zwar, sofern ihr letzter Grund darin aufgefunden wird, dass ein realer Urgrund des Wissens sich nicht nachweisen lässt. Sie ist Wissen des Wissens und endet in der Einsicht, dass das Wahre als beabsichtigter Gegenstand des Wissens nicht aufgefunden, sondern postuliert wird. Ein solches Wissen vom Wissen ist in seiner Negativität rein formal und hat keinen Inhalt. 

Das war aber nicht die Absicht, aus der heraus die Philosophie entstanden ist. Sie wollte im Gegenteil ein positives Wissen, das als Wegweiser zur richtigen Lebensführung taugt. Die Kritik zeigt nun: Mit theoretischen Mitteln ist das nicht zu haben. Die richtige Lebensführung lässt sich nicht ergründen, sondern kann nur entworfen werden. Sie muss frei erfunden werden, und ihr einziger Maßstab* ist Schönheit – nämlich ob sie vor allem Interesse gefällt. Da kann die theoretische, wissenschaftliche, kritische Philosophie allerdings sekundär behilflich werden: indem sie die Interessen ans Licht zieht und abweist.

Die Kritik fügt dem Wissen sachlich nichts hinzu. Sie macht aber durch ihre Distinktionen das Wissens selbst – nicht erst das Gewusste – zu einem möglichen Gegenstand des Urteils: Was ist vor-, was ist nachgeordnet? Sie prüft den Wert des Wissens und ist also selber praktisch.

Daraus erhellt aber zugleich, dass der Maßstab zur Beurteilung des Wissens nicht in ihm selber aufzufinden ist, sondern ihm 'vor'-, d. h. übergeordnet war. Die 'Begründung' des Wissens geschieht actu im 'metaphilosophi- schen' Raum – und hat sich in der praktischen oder Lebensphilosophie zu bewähren. Sie ist eine pragmatische Fiktion, und insofern eben doch: 'Hypothese', genauer: Hypostase. Ist nicht proiectio, sondern proiectum. Und dies ist das einzige 'Interesse', das der Kritik standhält. 
 
irgendwann in 2010

*) Einen Urteilsgrund gibt es nicht. Und ein Urteil ohne Grund nennen wir 'ästhetisch': Es hat als Anhaltspunkt nichs als den Geschmack.



System der Philosophie, anschaulich.

tippscout


I. Meta-Philosophie


1.   Was kann ich wissen?
2.   Was soll ich tun?
3.   Was darf ich hoffen?


II. Theoretische Philosophie


       1. Das Ich setzt sich, indem es sich einem Nichtich entgegensetzt
2. Das Ich setzt sich, indem es sich einem Nichtich entgegensetzt
3. Das Ich setzt sich, indem es sich einem Nichtich entgegensetzt


III. Praktische oder Lebensphilosophie

1.  Was du vorn nicht hineintust, bringst hinten du nimmer heraus.
2.  Was du sollst, wirst du wissen, wenn es so weit ist. 
3.  Zu hoffen hast du nichts; was willst du denn noch?

in 2013 





Was kann ich denn an Eigenem aufbieten?

Allard, Un enfant des Abruzzes

Es ist Ihnen vielleicht manchmal vorgekommen, als trüge ich meine Aussagen zu selbstbewusst vor, ohne die gebotenen Kautelen und Rücksichten.

Das dient zunächst einmal der Klarheit. Dass das, was ich vortrage, 'nur meine persönliche Meinung' ist, versteht sich von selbst. Wenn andere es auch vortrügen, könnte ich es mir sparen. (Das gilt auch für Sätze, die Ihnen trivial erscheinen; nicht alle wiederhole ich in didaktischer Absicht; manche waren für mich, als ich sie niederschrieb, neue Gedanken.)

Weshalb glaube ich aber, dass ich zum Besten geben soll, was mir einfällt? Wenn das jeder täte!

Ich fühle mich ermächtigt und angehalten, meine Meinungen öffentlich zu machen, weil ich gewiss bin, einen Standpunkt gefunden zu haben, von dem aus einige Fragen lösbar oder besser lösbar erscheinen, als von anderen aus. Und den Standpunkt habe ich gefunden, aber nicht gesucht. Er hat sich ergeben als gemeinsamer Nenner von Einzelergebnissen.

Was ist also mein Eigenes?

Zunächst ein paar Realien, die als solche weit auseinander liegen und nach einem gemeinsamen Nenner nicht gerade schreien.

1. Da ist zuerst meine Auffassung der Species homo sapiens als die ("kindlichste" und eo ipso:)  "männlichste" Spezies – weltoffen, unreif und bildsam. Soweit ich weiß, bin ich bis heute der einzige, der diese Ansicht vertritt.

2. Zweitens meine Auffassung der spezifisch europäischen Feudalität und ihrer vielfach bedingten Eigentums- und Herrschaftsformen als historische Voraussetzungen für die Ausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft; und insofern als prägend für die abendländische Kultur. Das mag vor mir schon mancher andere gemeint haben, aber direkt ausgesprochen habe ich es noch nirgendwo sonst gefunden.

3. Meine Kennzeichnung der 1990 untergegangenen Gesellschaften sowjetischen Typs als feudalbürokratische Verknappungs- und Vergeudungssysteme. Das ist, so feuilletonistisch die Formulierung klingt, eine ganz ernstgemeinte historische Charakterisierung.

4. Viertens ein Stück Philologie: meine Auffassung, die Kritik der Politischen Ökonomie sei nicht zu begreifen mittels der Hegel’schen Logik, sondern mittels der 'Kritischen' Philosophie alias Wissenschaftslehre.

5. Daraus folgt – wiederum als Realie meine Ansicht vom Absterben des Tauschwerts im Laufe der Digitalen Revolution.

Soweit die realen historischen Theorien, die Sie nirgends anders vertreten finden. Sie hängen zwar nicht ab von –, aber doch (zumindest methodisch) zusammen mit meinen eigentlich philosophischen Einsichten:

Da ist zuallererst und für mich am wichtigsten meine Auffassung der Fichte’schen Wissenschaftslehre nicht als eine Theorie des Bewusstseins, sondern als eine Begriffsbestimmung derVernunft.

Diese 'Meta'-Einsicht stammt aus (und rechtfertigt) einige(n) philosophische(n) 'Objekt'-Erkenntnisse(n):

1) 'Die Welt' – und die ihr adäquate Bewusstseinsweise der Vernunft – ist eine Überkompensation der im Prozess der Hominisation aufgegebenen und naturwüchsig sinnsetzenden Umweltnische.

2) Dies ist der Ur-Sprung des Specificum Humanum: unseres poietischen Vermögens.

3) Das zwiespältige Resultat dieses Verlustes & Neuerwerbs ist die Freiheit als Folge des Zerfalls der angestammten Umweltnische in unsere Welt und meine Welt.

4) Die Form der Vernunft in specie ist die Wissenschaft, die systematische Rekonstruktion unserer Welt. Als solche ist sie spezifisch öffentliches Wissen (wie überhaupt die Spaltung von unserer und meiner Welt ihre reelle Entsprechung findet in der spezifisch bürgerlichen Scheidung von Öffentlich und Privat).

5) Die Wissenschaftslehre ist die vor-begriffliche Rekonstruktion der Erfindung von meiner Welt mit der Vernunft als ihrem terminus ad quem.

6) Das Absolute als das unvermeidliche Korrelat ('wozu?') des sich-selbst-setzenden Ichs ist eine ästhetische Idee. Sie ist der Vereinigungspunkt, von dem aus unsere Welt und meine Welt zugleich überschaubar werden.

7) Metaphilosophie und Praktische Philosophie verhalten sich zueinander wie Frage und Antwort. Zwischen beiden steht als Klammer und Scheidelinie die Kritik. Metaphilosophie und Praktische Philosophie bilden zusammen (=als Frage und Antwort) die Anthropologie. Zwischen beiden liegt die Kritik als eine Selbstreflexion der Anthropologie.

*

Das ist alles nicht der Weisheit letzter Schluss, aber so ist es in der Philosophie immer. Doch immerhin rechtfertigt es die Hartnäckigkeit, mit der ich meine Blogs betreibe. Und wenn ich vielleicht nicht in allem, aber im wesentlichen – Recht habe, wäre es nötig, dass sie gelesen werden.

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