Donnerstag, 31. Oktober 2013

Ironie und der transzendentale Standpunkt.

Henning Hraban Ramm  / pixelio.de

"Ironie" = der transzendentale Standpunkt

"Von vorn" ist die Ironie "nichts als" die stilistische Erscheinungsform der permanenten Reflexion des Wissens im Angesicht des Unendlichen; "unendliche Reflexivität", mit JGF zu sprechen.

"Hintenrum" aber ist sie der gefundene "substantielle Standpunkt", der "sich ergibt", wenn der Reflexion verblüfft einleuchtet, daß sie ja, um reflektieren zu können, ein anderes ( = [Nicht-]Ich, Absolutes, "Standpunkt"...) immer schon "sich selbst" (logisch, topisch) vorausgesetzt haben muß, bevor sie mit "sich", ihrer Tätigkeit = Reflektieren, überhaupt anfangen konnte; daß diese sich-voraus-Setzung indes "in nichts begründet" ist als ihrem Entschluß, tätig zu werden; daß also "das Absolute", von dem sie ausgeht, um als auf einen Fluchtpunkt Alles "beziehen" zu können, doch eben - selbstgemachte Fiktion ist. "Verum et factum convertuntur." Aber factum et fictum convertuntur.

aus e. Notizbuch, 23. 10. 94


aus: Rüdiger Safranski, Romantik, eine deutsche Affäre:

...Wie sollte nicht jeder Satz über das Absolute und Transzendente nur unter ironischem Vorbehalt gesprochen werden dürfen? Endliches zu sagen über das Unendliche kann und darf nur ironisch sein. Ironie gehört deshalb in jede Philosophie, die das Ganze zu begreifen versucht... "Ist sie nicht wirklich die innerste Mysterie der kritischen Philosophie?" ...


 
 

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Die Zweige des Wissens.

plumbe, pixelio.de

Die Welt ist kein Mosaik, das aus so und soviel Wahrheitsatomen zusammengesetzt ist, die man, jedes für sich, herausgreifen, begutachten und in Schubladen verteilen kann. Sondern was der Einfachheit halber 'die Welt' genannt wird, ist ein ununterbrochener Fluß von Geschehnissen in einem komplexen Feld von wechselseitigen Bedingungsverhältnissen. Dabei erweist sich das, was prima facie als reale Bedingung erschien, der kritischen Reflexion als eine Projektion dessen, was vorher ("a priori") schon eine (logische) 'Hinsicht', ein Ab-Sicht des Betrachters gewesen war: Nur in gewissen Hinsichten, und daher nur in bestimmten realen Bedingungsverhält- nissen ('Gesetzen') 'zeigen sich' gewisse Geschehnisse; doch nicht in allen: Sie mögen mehreren Bedingungsebe- nen angehören, aber allen nicht.

So gibt es eine Bedingungsebene namens Chemie, eine namens Physik, namens Ethologie, namens Mathema- tik… Und alle stehen untereinander "irgendwie" selber wieder in einem Bedingungsverhältnis... Eine pazifische Koralle etwa "kommt vor" in Biologie, Chemie, Physik, Ethologie, sogar in Mathematik, wenn man will. Aber in Musik kommt sie nicht vor, und in Nationalökonomie nur mit Hilfe von Sophismen. Allerdings sind Biologie, Chemie, Physik nicht die "Etagen", in denen die tatsächliche Existenz der Koralle tatsächlich "stattfindet", sondern sie sind die Blickwinkel, unter denen ein abstrahierend-reflektierender Verstand die Koralle anschauen mag – oder eben nicht.

Das gilt für alle Wissenszweige ebenso wie für Kants Kategorientafel.

Also, ein Geschehen "zeigt sich" in dem einen Bedingungsverhältnis (unter der einen Kategorie) so, in dem andern anders; und in einem dritten gar nicht.

Wo die Menschen ihre apriorischen 'Hinsichten' herhaben – ob ihrerseits ex sponte 'gesetzt' oder aus "sinnlichen Eindrücken" empirisch angesammelt –, diese Frage "erscheint" ihrerseits in logischer Hinsicht (philosophisch) gar nicht, sondern nur empirisch-psychologisch – als Streit zwischen Assoziations- und Gestaltpsychologie (der freilich selber logisch zu entscheiden ist).

Ausschlaggebend ist nur, dass 'es' diese Hinsichten 'gibt', und dass ihre logisch-regelmäßige Handhabung die Gewähr für die Vernünftigkeit unseres Denkens ist. Dank ihrer 'gibt es' vernünftiges Denken: Sie "konstituieren" es. Aber da es nun einmal 'ist', reicht ihm die Faktizität der  Kategorien, die es konstituieren, nicht aus. Es will die Gründe sehen. Will sehen, dass sie nicht (historisch) zufällig sind (und also auch anders sein könnten), sondern (genetisch) notwendig. Wenn es unter den faktisch gegebenen Kategorien nicht einen genetischen, einen Beding- ungszusammenhang auffinden kann – einen 'letzten', d. h. ersten Grund -, dann müsste es sich selber als unbe- gründet, und damit als ungültig erkennen.

Die Suche nach einem letzten Grund heißt Wissenschaftslehre.

Das heißt, 'eigentlich' ist sie zirkulär: Sie setzt die Auffindbarkeit des Grundes schon voraus. Denn 'gäbe es' einen solchen Grund nicht, dann könnte sie ihn nicht nur nicht finden; sondern sie könnte nicht einmal finden, dass sie ihn nicht finden kann, und so verlöre die Suche ihr Wonach.

Wer sich also auf die Suche macht, der muß sinnvollerweise voraussetzen, dass es hier etwas zu finden gibt. Seine Suche beginnt dann folgendermaßen: Da das Wissen einen Grund haben muß (weil ich anders gar nicht suchen könnte), muß er… da oder dort zu finden sein.

Logisch korrekt muss die Aufgabe also so formuliert werden: Wenn unser Wissen einen Grund hat, dann muss er sich 'in' unserm Wissen als dessen immanente Prämisse auffinden lassen. Daß aber unser Wissen einen Grund hat, das soll so sein, weil jedes Wort sonst hinfällig wäre.

21. 3. 1993





Montag, 28. Oktober 2013

Freiheit; Zufall, Notwendigkeit und Wahl.


Rainer Sturm, pixelio.de
Der Gegensatz der Freiheit ist (nicht Notwendigkeit, sondern) Zufall

Der Gegensatz von Freiheit ist nicht Notwendigkeit, sondern Zufall: nämlich das Sinnlose.

Freiheit ist die Entscheidung für "dies" - als Entscheidung gegen das Andere.

['Da' ist zunächst einmal die Positio - "reale Tätigkeit" -, die sozusagen hin-"genommen" wird; erst durch die Versuchung des Nein - "dies nicht!" - wird "ich will" möglich: "ideale" Tätigkeit...]

Also Freiheit ist Wahl - zwischen ja und nein. Wahl ist Freiheit als Entscheidung zwischen Ja und Nein [wozu "erst" das Nein "auf der Welt sein" muß].

Freiheit ist Absicht - reflektierte, durch die Abwehr der Andern Möglichkeit hindurch gegangene Absicht. Aus Freiheit "entsteht" Sinn - als gewählte Bedeutung. Bedeutung ist "immer schon" da - als 'gegeben und hinge- nommen'; zum Sinn wird sie durch Wahl. Bedeutung, die einfach hingenommen wird, weil sie eben mal 'da ist', ist... nicht Notwendigkeit, sondern Zufall.

Notwendigkeit fällt gar nicht in den Horizont der Freiheit, sondern in den Horizont Wirklichkeit - Möglich- keit - Unmöglichkeit. Das sind theoretische Urteile.

"Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit" ist die Unterwerfung des praktischen Vermögens unter das theore- tische. Das ist der ganze Sinn des Hegel'schen Systems: die Umkehrung, Rückgängigmachung der Kopernika-nischen Wende..

(Was notwendig ist, kann gar nicht gewählt werden, ebenso wenig wie Tatsachen; nur zwischen Möglichkeiten kann ich wählen...)

aus e. Notizbuch, 26. 9. 94

 

Sonntag, 27. Oktober 2013

"Stoff und Form" und "Sein und Gelten"...



Die alte "Dialektik von Stoff und Form" findet ihre Lösung in der modernen Schein-Dialektik von 'Sein' und 'Gelten'. Die systematische Unterscheidung von beiden ist durch Lotze eingeführt worden; bei dem jedoch die Dreigliederung: Sein - Geschehen - Geltung. "In Wirklichkeit" "besteht" die Wirklichkeit "aus"... Geschehen, sonst nichts. Oder richtiger, da 'Wirklichkeit' immer nur eine Prädikation, terminus ad quem, nicht a quo ist, ist real immer nur "Erleben"; "Geschehen" ist schon eine durch Reflexion 'gesetzte' Objektivation, die dann nochmal in zwei Pole auseinandergezogen wird: das, was ist, und das, was es bedeutet. 'Wirklich' sind aber die 'Tatsachen' und deren 'Sinn' im Erleben immer schon ein und dasselbe: 'Es gibt' keine Tatsache, die ganz und gar nichts zu bedeuten hätte: Allenfalls wird der Mangel erlebt, daß die Bedeutung fraglich ist. Daß andererseits Bedeutung immer nur einem - actualiter oder virtualiter - Faktischen zukommt, ist zu banal, um es öffentlich auszusprechen. [Faktisch von facere, n'est-ce pas.]

Nicht anders die Begriffspaarung Stoff und Form, die nichts anderes aussagen soll als die beiden 'Seiten', Hin-Sichten, von denen aus auf den Gegenstand 'geblickt', also reflektiert werden kann - nachdem man zuvor bereits auf das Gegenständliche am Gegenstand reflektiert hatte (i.e. dessen "Tauglichkeit für menschliche Zwecke"). Denn 'zuerst' war 'das Zeug' der Dinge 'zuhanden' und 'erst dann' die Dinglichkeit 'da'! Kein Wunder also, dass die ersten Philosophen (Elea bis Plato) dazu neigten, die Stofflichkeit der Dinge für Nichts zu halten, und bei dem systematischen Reflexionsphilosophen Aristoteles der Stoff überhaupt nur als Möglichkeit zur Form in den Blick kommt; capacitas formarum bei Eckhart, hypokeimenon eidoôn bei Plotin, "Bestimmbarkeit" bei JGF.

Dazu: E. von Bracken, "Mr Eckhart und Fichte", S. 12ff.

Aristoteles: "Alles, was wird, wird aus einem solchen, das nur beziehungsweise ist und beziehungsweise nicht ist." Physik I/8

[Karl Kraus: "Nur in der Wonne sprachlicher Zeugung wird aus dem Chaos eine Welt." Heine und die Folgen in Der Untergang der Welt durch schwarze Kunst, S. 205. - Die "sprachliche Zeugung" ist das Festhalten, Festsetzen einer Geltung durch ein "Zeichen" - das seinerseits festgehalten wird durch seinen "Verweisungszusammenhang" ("System") mit "den andern" Zeichen...]

aus e. Notizbuch, 21. 9. 94


 

Samstag, 26. Oktober 2013

Principium individuationis.

aus wikipedia

"Ist der Stoff das principium individuationis, oder die Form?"

Dauerthema der antik-scholastischen Philosophie: Was ist das principium individuationis:
-die Form, oder
-der Stoff?! [siehe v. Bracken, "Eckhart/Fichte"]

- Wenn Stoff als "Bestimmbarkeit" genommen wird, ist die forma (eídos) das Bestimmende, ihn also aus der Indifferenz heraus-hebende, -erlesende, -individuierende.

- Doch da die Form eben dasjenige ist, welches die Bestimmungen möglich macht; also die sinnvollen Aussagen; also dasjenige "an" den "Dingen", welches sie den andern "Dingen" kommensurabel macht; also dasjenige, welches 'dieses' Ding, singulum, zur Bedeutung bringt; also "für Anderes" [concevable] macht... - also ist die Form das Die-Einzelnen-Verallgemeinernde; ist also das Prinzip der Allgemeinheit, nicht der Individuation.

Das Quidproquo besteht natürlich wieder nur in der Vermengung ontologischer mit gnoseologischen Fragestellungen. Die "Formen" - eídoi, logoi - stehen ja, als Gemachte-Gemeinte (nicht Gegeben-Genommene) von vornherein untereinander in Zusammenhang; sei's diskursiv, als Begriffe, in logischer "Wechselbestimmung"; sei's als 'Bilder' im Kaleidoskop* der 'Welt'; sind also Facta/Ficta, die instrumentell, intentionell, absichtsvoll an... "die Phänomene" herangetragen werden. Das 'Phänomen' ist hier das Datum, "das, was" im Bewußtseinsakt "gemeint" ist: gemeint als dieses, nämlich im Unterschied, d.h. bestimmten Gegensatz zu den andern. D.h. die 'Andern', ihrerseits längst gemeint-bedeutete 'Dinge', sind dem aktuellen Bewußtseinsakt stets schon vorausgesetzt als das "Feld", dem das'Dieses' zuzuordnen ist; das Koordinatensystem, in das 'Dieses' als Topos einzusetzen ist. Die Bestimmung, Setzung des Bestimmbaren (="Stoff") als Dieses, die Individuation des Indifferent-Unbestimmten, ist ipso facto Verallgemeinerung...

"Stoff" ist in den reellen Vorgängen des Bewußtseins immer nur: "Erleben" (Dilthey), "Geschehen" (Lotze). Weil aber ein Erlebnis-Schatz, ein Fundus von schon-als-bedeutsam-festgehaltenem Geschehen den je aktuellen Bewußtseinsakten immer schon zugrunde liegt; nicht nur als - passive - "Folie", sondern, dynamisch, auch als Motiv: im Kaleidoskop der "Welt" rufen "Löcher" nach "Erfüllung", horror vacui der Einbildungskraft; darum ist der je aktuelle Bewußtseinsakt als ein Erlesen des Dieses aus der informen Flut der Bilder gleichzeitig und uno actu Isolieren/Vereinzeln und logisch Beziehen auf etwas Allgemeines.

*) modernes Kunstwort aus kálos, schön, eídos, Bild/Form, skopein, schauen: "Kaleidoskop" ist das Instrument, Medium; nicht das Bild selbst.

aus e. Notizbuch, 15. 10. 94

Freitag, 25. Oktober 2013

Ichheit.

©2013 brennholz-lager-lindau.com

Ichheit ist eine logische Dimension.

[der 'Ort' außerhalb von Raum und Zeit, "wo geurteilt wird"]

-        keine 'Stelle' in der formalen Logik, kein 'Durchgangspunkt' des reellen Schlussfolgerns, sondern die 'genetische' Bedingung des Urteilens selbst – also auch des Schlussfolgerns. 'Materiale' Bedingung 'des Logischen'.
-        Eine 'Stellung', die das Vorstellen eingenommen haben muss, bevor es urteilen kann*
-        ['Vorstellen' ist das Re-Präsentieren einer {vorgängig} 'gehabten' und gemerkten
Anschauung]
-        ['Urteilen' ist das Zuordnen einer aktuellen Anschauung zu eine Vorstellung: als 'Fall' zu einer 'Regel']
-        ['Bedeutungen' werden entweder 'angeschaut' oder 'vorgestellt': re-präsentiert]
-        [auch das Tier "schaut an"; was es anschaut – was es "merkt"- ist "bedeutend"; Anderes 'nimmt es gar nicht wahr']
-        [der Mensch"schaut an" – sinnlich oder mental – auch solches, das 'noch Nichts bedeutet' – {und fragt: was?}
-        ["Einbilden": das Anschauen mentaler Bilder; "ästhetischer Zustand"?!!!]**
-        [Vielleicht 'hat' auch das Tier "Einbildungen"="ästhetische Zustände"? Aber es kann sie nicht behalten: dazu müsste es sie mit Symbolen "auszeichnen" und willkürlich re-präsentieren können]
-        ["Sinneseindrücke" werden 'erlebt'; Erlebnis ist "ästhetisch", weil es eo ipso gewertet, "gestimmt" wird: limbisches System, [Stirnfurche - Inselrinde], Plexus solaris… unwillkürlich! Ohne das würde nichts "erlebt"]

Alles andre kommt danach

2. 4. 09

im Oktober 2013:

*) ...einnimmt, indem es urteilt...
**) Der ästhetische Zustand setzt voraus das Absehen der Ichheit von sich selbst; setzt voraus eine Reflexion höheren Grades. Einbilden ist dagegen Akt par excellence - vor jedem Urteil: setzen ja; aber nicht setzen als.



Donnerstag, 24. Oktober 2013

Wurde die Mathematik aus der Natur heraus-gefunden…

…oder vom Menschenhirn in sie hinein-gedacht?
 
.

Erst mit Galileo ging, streng genommen, das mythische Zeitalter zu Ende. “Der Mythos braucht keine Fragen zu beantworten. Er erfindet, bevor die Frage akut wird und damit sie nicht akut wird.”(Hans Blumenberg). Seit Galileo stellen die Wissenschaften nicht nur Fragen, sondern beantworten sie auch, und jede Antwort wirft (mindestens) eine neue Frage auf.

Das Buch der Natur sei in der Sprache der Mathematik geschrieben, hatte Galileo verkündet. Das ist seither zum Gemeinplatz westlicher Bildung geworden. Descartes hatte die Welt in zwei Substanzen zerteilt, eine res extensa, die Materie, die sich durch ihre räumliche Ausdehnung zu erkennen gibt, und die res cogitans, den Geist, der außerhalb von Raum und Zeit ist. Doch eines ist ihnen gemeinsam: die mathematische Struktur, und an der erkennt man ihre gemeinsame Abkunft vom selben Schöpfergott. Spinoza tat die beiden Teile wieder zusammen, bei ihm ist es die eine, geistige Substanz, die sich selber ausdehnt, “deus sive natura”, und wie tut sie das? “More geometrico”, auf geometrische Weise! War bei Descartes Gott ein Mathematiker, so ist die Gottnatur bei Spinoza Mathematik. Isaac Newton, der erste Systematiker der modernen Physik, betitelte sein Hauptwerk ” Philosophiae naturalis principia mathematica”, die mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie. Und Leibniz endlich, der die strenge Naturwissenschaft in Deutschland eingeführt hat, überlegte ernstlich, ob nicht Gott selber in mathematischen Formel dächte.

Die Herrschaft des Rationalismus war Herrschaft der Metaphysik. Die Metaphysik sei aus der abendländischen Wissenschaft inzwischen vertrieben? Nur die metaphysische Verpackung ist gefallen. Der Kern bleibt. Der Einfall, die Gesetze der Mathematik seien gleichzeitig die Gesetze der Vernunft und der Natur, bedarf keiner zusätzlichen Metaphysik. Er ist selber metaphysisch.

Die Mathematik ist nicht, wie unsere eigne Schullaufbahn vermuten macht, aus dem kleinen Einmaleins hervorgegangen. Zwar hatten die Babylonier ihr Interesse auf die Arithmetik konzentriert; aber sie dienten ihnen nur zur Astrologie. Mathematik entstand erst, als die Griechen Thales und Pythagoras die Zahlen in den Dienst der Geometrie, der Anschauung räumlicher Verhältnisse nahmen. Das Leitbild der Mathematik – die vollkommene Gestalt – ist ästhetisch. Ihre Verfahren sind Anschauung und Konstruktion. Auf etwelche sinnliche Erfahrung – über die man streiten könnte – ist sie nicht angewiesen. Sie begründet sich aus sich selbst, und nur so konnte sie zur Grundlage der allgemeinen wissenschaftlichen Methode werden.

Aber ist nicht gerade die Geometrie aus den Dingen der Welt abgeschaut?! 


Plato kannte fünf vollkommene Körper: Kugel, Würfel, Pyramide; Zylinder, Konus.*

Es sind die jeweiligen dreidimensionalen Kombinationen von Kreis, Quadrat und Dreieck. Drei Dimensionen sind ‘vollkommener’ als zwei, bzw. Körper sind vollkommener als Flächen.

Hat man eines von denen ‘von der Natur abgeschaut’? Mehr oder minder runde Formen kommen in ‘der Natur’ vor; Kugeln nicht. Kugel ‘entsteht’ als Idee des vervollkommneten ‘runden’ Körpers. Wobei Vollkommenheit eben keine logische, sondern eine anschauliche, eine ästhetische Qualität ist! Finden sich Würfel, Pyramiden, Zylinder usw. in der Natur vor? Es finden sich Formen, die wie fehlerhafte Annäherungen aussehen. Damit sie so aussehen können, müssen die reinen Formen dem inneren Auge aber schon gewärtig sein. Und das geht nur, wenn das innere Auge die Konstruktion aus Kreis, Quadrat und Dreieck schon vorgenommen hat! Das ist eine erhebliche Abstraktions- und Reflexionsleistung.

(Abstraktion und Reflexion sind nur zwei Sichtweisen auf denselben Denkakt: Absehen auf das jeweils Wichtige ist zugleich Absehen von dem jeweils Unerheblichen.)

Denn zuvor mussten vor dem inneren Auge die Flächen selber konstruiert werden! Allein den vollkommenen Kreis kann man in der Außenwelt sehen – am wolkenlosen Himmel.

Es ist ja denkbar, dass der Anblick des einzig perfekten Kreises – der Sonnenscheibe – und ihrer imperfekten Parodie, des Mondes – den Anlass zur Idee anschaulicher Vollkommenheit gegeben hat; aber eine erfahrungsmäßige Abstraktion aus dem Anblick vieler perfekten Kreise war es nicht: weil es nur diesen einen gibt; und eine Reihe imperfekter Karikaturen – die werdenden und vergehenden Ringe auf dem Wasser usw… Nachgemacht werden kann dieser eine perfekte Kreis aber nicht auf ‘anschaulichem’ Weg; er muss konstruiert werden aus Punkt und Radius: wieder eine Abstraktionsleistung.

Die andern beiden Grundformen finden sich nicht in perfekter Gestalt in den Natur vor. Sie müssen – vielleicht in anschaulicher Analogie zur Sonnenscheibe – erdacht werden, um bemerken zu können, dass sich in der Natur… unvollkommene Annäherungen vorfinden.

Und erst nach all dem können die fünf perfekten Körper erdacht werden; und kann man sich einbilden, diese Idealentwürfe lägen ihren unvollständigen natürlichen Nachbildungen “in Wahrheit” zu Grunde; in einer verborgenen Wahrheit selbstverständlich.

Die Arithmetik hat ältere Wurzeln, die bis zu den Babyloniern zurückreichen. Ist nun die Zahl ein “Naturverhältnis”? Beruht sie nicht darauf, dass die Dinge ‘im Raum’ eine Grenze haben und man sie neben einander stellen und also zählen kann? Das sieht nur so aus. Tatsächlich zählen wir die Dinge nicht neben-, sondern nach einander! Und das geschieht in der Zeit. 

Paläoanthropologen haben aus frühester Vorzeit Stäbchen geborgen, die in regelmäßigen Abständen mit Kerben versehen sind. Sie interpretieren sie als Zählstäbe,** die Vorläufer der Zahlensysteme; nämlich so, dass ihre Hersteller den Daumennagel auf die erste Kerbe gehalten haben: “zuerst…”; auf die zweiter Kerbe: “dann…”; dritte Kerbe: “und danach…”. Da wird das zeitliche Nacheinander der Zahlen archäologisch sinnfällig!
 
Und wem die erwähnten Zählstäbe der Paläontologen als Indiz zu dürftig scheinen, der kann es ja mit einem Gedankenexperiment versuchen.

Was immer Zahlen sonst auch noch sein mögen, eins sind sie ganz bestimmt: Zeichen. Was muss man bezeichnen? Etwas, das man nicht stets vor Augen hat und doch ‘behalten’ will. Denn auf alles andere kann man mit dem Finger zeigen. Kleine Mengen hat man stets vor Augen: 3 Äpfel, 4 Beine usw. Bezeichnen müsste man größere Mengen. Mit welchen größeren Mengen könnten aber unsere Vorfahren – ihres Zeichens Jäger und Sammler – regelmäßig zu tun gehabt haben? So regelmäßig, dass sie sie dauerhaft bezeichnen mussten?!

Sie waren Nomaden; große Vorräte kannten sie nicht. Bleibt also übrig – die Zeit. Die Zeiträume müssen bezeichnet werden: wie viele Tage bis Vollmond, Sonnenwende und Tag- und Nachtgleiche, Jahreszeiten, Jahre… Gerade Nomaden, die ihr Leben buchstäblich durch Zeit und Raum führen, müssen mental Zeiträume ‘vorweg nehmen’ können, müssen wissen, ‘wie lange wir brauchen bis…’ – z. B. bis zur nächsten Wasserstelle. Denn solange sie keine Wanderkarten und keine Tachometer haben, können sie Wege nur als Zeit darstellen. (Noch im Mittelalter wurden Ackergrößen als ‘Tagewerke’ gemessen.)

Sagt nicht aber schon der gesunde Menschenverstand, dass eins und ein zwei sind? ‘Ursprünglich’, d. h. in unmittelbarer sinnlicher Anschauung, kommen Zahlen nur als Ordnungszahlen vor: als Nacheinander in einem ‘an sich’ ununterschiedenen Zeitverlauf: erstens, zweitens, drittens… zählen kann ich so noch nicht. Denn es könnte bedeuten: erstens ein Lufthauch, zweitens ein Elefant, drittens eine Untertasse. Um aus den Momenten im Zeitverlauf ein Werkzeug (”Denkzeug”) zum Zählen zu machen, muss ich von der Zeit selber absehen und auf die zu zählenden Sachen reflektieren.
 

Vorab: Warum, wozu sind sie ‘zu’ zählen? Es braucht zunächst einmal eine Absicht; zum Beispiel die Absicht, Sachen zu verteilen. Ich verteile Sachen, die ‘in einer gewissen Hinsicht’ gleich sind, auf so und so viele Posten, die ihrerseits in gewisser Hinsicht gleich sind; zum Beispiel Essbares an Hungrige. Ich muss aus der Mannigfaltigkeit der Sachen dasjenige heraus suchen, das sich unter der Bedeutung des Essbaren zusammenfassen lässt. Danach muss ich auf diejenigen achten, die mir als hungrig bekannt sind. Erst dann kann ich aus den Ordnungszahlen erstens, zweitens, drittens… die Zahlen 1, 2, 3… abstrahieren.

Und erst, nachdem all diese Denkleistungen vollbracht wurden, kann von “Erfahrung” geredet werden. Erfahrung ist nicht das bloße Registrieren von Erlebensdaten, sondern ihre sinnvolle Unterscheidung und Anordnung. Die Absicht geht voraus. Ohne vorgängige Absicht keine vorfindliche Bedeutung.


*Nota.

Das Internet hat viele Vorzüge. Ein Nachteil ist, dass es zu voreiligem Veröffentlichen verführt - in diesem Fall: zum Vortrag nach dem bloßen Gedächtnis, ohne Vergleich mit der Quelle. Plato hat (Timaios 54-55) die fünf vollkommenen Körper anders und einigermaßen komplzierter verstanden:
 

Doch von ihrer Begründung durch Schönheit muss ich nichts abstreichen!

(Einer der vielen Vorteile des Internet ist, dass man nachträglich korrigieren kann. Die Versuchung, es heimlich zu tun, ist groß, aber nicht unwiderstehlich.)

**) Die jüngsten, d. h. ältesten Funde in dieser Sache stammen aus Südafrika - noch aus Zieten des Homo erectus. Und zwar handelt es sich um Stäbe, auf denen je sieben Kerben in Vierergruppen angeordnet waren: offenbar ein Mondkalender. Und als solcher nicht ein Gegenstand des täglichen Gebrauchs, sondern das Kultgerät eines Schamanen. 

24. 10. 2013

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Ist die Welt logisch aufgebaut?



Wenn aber die Mathematik Menschenwerk ist – wie konnte sie sich dann nur so blendend in den Naturwissenschaften bewähren? Vielleicht doch, weil sie (’zufällig’) zugleich den inneren Bauplan der Natur wiedergibt?!

Nun ja: Worin besteht ‘Naturwissenschaft’? Darin, dass der Forscher sich bemüht, die tatsächlichen Vorgänge in der Außenwelt in einem abstrakten Modell nach-zu-konstruieren! Und dann ist es kein Wunder, dass er die Konstruktions- anleitungen, die er vorher ins Modell hinein-konstruiert hat, hinterher auch wieder heraus-”findet”!

Der modische Ausdruck “Konstruktivismus” stammt übrigens aus der sogenannten “Erlanger Schule” der Mathematik, die in den 50er Jahren um Paul Lorenzen herum genau diese These in die Mathematik hineingetragen hat: dass es sich nämlich um eine konstruktive Disziplin handelt.

Die Kernfrage der Naturwissenschaft lautet: Steckt die ‘gesetzmäßige’ Ordnung der Welt in der Welt selber oder ‘bloß’ in unsern Köpfen? Die Naturwissenschaft hält diese Frage für “metaphysisch” und reicht sie dankend an die Philosophie weiter. Die hat sich aber längst unter die Fuchtel der Naturwissenschaft gestellt und hält sie ebenfalls für metaphysisch.

Das ist sie zwar auch, aber nicht nur. Die Frage, ob Vernunft etwas ist, das wir “vernehmen”, wenn wir aufmerksam in die Natur lauschen – und so erfahren, was wir auf der Welt sollen; oder ob Vernunft unsre eigene Erfindung ist und aus ihr nur herausgeholt werden kann, was man vorher in sie hineinsteckt – die betrifft überdies jedermanns persönliche Lebensführung.

‘Logisch’ bedeutete bei den ganz alten Griechen lediglich ‘das auf den Logos Bezogene’. Damit war alles irgendwie Sinnhafte gemeint, warum denn nur gesetzte Begriffe und nicht auch unfassliche Bilder? Seit Aristoteles aber wird unter Logik die Kunst (techné) des richtigen Schlussfolgerns verstanden. Als formale Logik wurde sie von den mittelalterlichen Scholastikern systematisiert und gewissermaßen ‘vollendet’. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde sie dann so formalisiert, dass sie gelegentlich wie ein Grenzfall des Mathematischen aussieht.

Die Kunst des Schließens ist aber nicht das Vermögen des Vorstellens. Um Einfälle zu haben, muss man nicht aus Prämissen Folgerungen ziehen, sondern… einen Einfall haben. Was er taugt, muss dann freilich beurteilt werden; vorausgesetzt, man hat schon einen Zweck, eine “Absicht”, für die er taugen soll. Dann braucht man die Logik als einen Kanon, nach dem geurteilt wird. Kann der Einfall nach den Regeln des Kanons nach-”vollzogen” werden, dann taugt der Einfall...

Die Frage “Ist die Welt logisch aufgebaut?” ist dieselbe Frage wie: “Ist Mathematik entdeckt oder erfunden?” Weil sich die Welt in einer ganz gewissen Hinsicht in pragmatisch erfundenen mathematischen Sätzen beschreiben lässt, kann der Eindruck entstehen, deren Folgerichtigkeit habe in der Welt schon selber drin gesteckt. Das ist das, was Kant den “dialektischen Schein” genannt hat. Es ist die Aufgabe philosophischer Kritik, diesen Schein zu zerstreuen.

Mathematik ist Konstruktionslehre. Sie beschreibt in ihrem Zeichensystem, zu welchen Konstrukten ich gelange, wenn ich im Reich der Zahlen (=idealiter: in der Zeit; “wie oft?”) diese und im (idealen) Raum (”wo lang?”) jene Operation anstelle. 

Warum lässt sich die Mathematik “auf die Welt der Dinge anwenden”? Weil ich mir die Welt der Dinge so vorstellen kann, als ob ich sie selber konstruiert hätte; dann beschreibt die Mathematik in ihrem Zeichensystem, wie ich hätte verfahren müssen, um sie so zu konstruieren.
 
Mathematik ist das allgemeine operative Schema der möglichen Handlungen in Raum und Zeit. Logik ist das allgemeine Schema der möglichen Handlungen in der bloßen Vorstellung. 

Dienstag, 22. Oktober 2013

Wenn Freiheit möglich sein soll...


Rainer Sturm, pixelio.de 
 ...muß ein Objektives vorausgesetzt werden - als problematische Projektion.

Wenn Freiheit möglich sein soll, dann muß ein Objektives vor-gegeben sein. Denn wenn nicht, woran sollte sich meine Wahl entscheiden? Wenn ein Urteil möglich sein soll, dann muß es Gründe finden können.

Denn wenn ich die Resultate meiner Wahlakte nur untereinander vergleichen könnte, dann wären sie alle gleich-gültig; d.h. ob ich so oder so wählte, wäre in letzter [!] Instanz ohne Bedeutung. Aber dann gäbe es keine Wahl. (Es wäre nicht einmal Dieses oder Jenes dauerhaft zu unterscheiden.)

Soll ich wählen können, d.h. will ich frei sein, so muß ich meiner Willkür einen Entscheidungsgrund voraussetzen, an dem die Resultate meiner Wahl sich sollen bewähren können, und als allem Handeln vorausgesetzt, nenne ich diesen Grund objektiv (oder absolut). Und je nachdem, auf welchem 'Feld' meiner Handlungsmöglichkeiten ich diesen Grund herbeiziehe, heißt er das Wahre, das Gute oder das Schöne.

Aber ob ich frei sein will, muß ich schon selber wissen. Und ob ich es bin, kann sich nur actu erweisen: wenn und indem ich wirklich wähle. Darum ist auch das Objektive, das ich meinem Handeln als Bestimmunsgrund voraussetze, immer nur actu gegeben: wenn und indem ich wirklich wähle. Hernach kann ich mich seiner gewissermaßen nur noch "erinnern" - als an ein "Bild" (das ich dann allerdings später "erraten" darf).

Freiheit ist keine Tatsache, sondern eine problematische Projektion, die sich jedesmal neu bewähren muß - sofern sie soll. Aber so ist auch das Objektive. 'Sinn' ist eine Petitio principii. 

aus e. Notizbuch, 4. 12. 94
 

Montag, 21. Oktober 2013

Wissenschaftlichkeit, Begründung, Mitteilbarkeit, Diskursivität...

Sebastian Bremer, pixelio.de

'Wissenschaft' unterscheidet sich von andern Weisen des Meinens darin, daß sie ein auf seine Grnde hin berprüftes Wissen ist... Die Überprfbarkeit ("Falsifizierbarkeit", nach Popper) ist ihr kardinaler pragmatischer Unterschied zu anderem Meinen: Sie ist Bedingung der Mitteilbarkeit. Nur wenn mein Wissen auf 'Gründen' beruht, kann ich es einem andern ver"mitteln": ihm die Gültigkeit meines Wissens "andemonstrieren"! Ich muß in der Begrndungskette meines Wissens einen 'Punkt' ausmachen, der dem andern bereits 'als gewiß bekannt' ist (Wittgenstein). Daran kann ich anknüpfen und aus ihm Schritt vor Schritt mein Wissen "her leiten". Daher sind die Sätze 'Wissenschaft ist begründetes Wissen' und 'Wissenschaft ist diskursives Denken' [nicht umkehrbar] gleichbedeutend. D.h. wirkliche Wissenschaft ist schlechterdings nie "voraussetzungslos", sondern argumentiert immer ex concessis; denn "irgendwo muß man ja anfangen". [nach Kant: wirkliches Wissen ist immer dogmatisch; aber noch lange nicht dogmatistisch]

Das heißt aber auch, daß 'wissenschaftliches Denken' die Gegebenheit von Wissenschaft als einer kulturellen Dimension (gesellschaftliches Institut) allbereits voraussetzt; d.h. die Vorhandenheit einer wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Denn wenn mein Anderer, dem ich das Wissen, das ich selber 'eingesehen' habe, andemonstrieren will, mir bereits solche 'Gründe' konzediert, die lediglich plausibel sind, dann enthebt er sich und ipso facto mich der Prüfung (wiss.: Begründung) der einander zugebenen Grnde; so ist das vielleicht immer noch 'wahres' Wissen; aber nicht Wissenschaft: Wissenschaftlichkeit ist eine Weise der Darstellung - Darstellung "für" einen Andern (und wenn der 'Andre' auch ich selbst: mein kritisches Alter ego wäre...) 

aus e. Sudelbuch; 7. 6. 92




Sonntag, 20. Oktober 2013

Wahr ist ein Satz...

pixelart, pixelio.de

Wahr ist ein Satz, der ohne Bedingung gilt. Ein Satz über Tatsächliches gilt nur unter der Bedingung, dass tausenderlei sachliche Bedingungen gegeben sind. 'Die Sonne  scheint' ist nur wahr, wenn die Sonne scheint. Ein Satz über Tatsächliches, der zugleich alle Bedingungen angibt, unter denen er gilt, ist unbedingt wahr. Allerdings ist er im Grenzfall tautologisch bis absurd.

So verfahren die (nomothetischen) Naturwissenschaften. Dass die Bedingungen restlos genannt werden, besorgt das Protokoll der Versuchsanordnung. Die ebenfalls in die Versuchsanordnung und umso mehr in die Auswertung eingehenden unausgesprochenen Selbstverständlichkeiten - alias Paradigmen - werden selbstverständlich nicht mit ausgesprochen; sonst wären sie nicht selbstverständlich. So erweisen sich manche naturwissenschaftliche Befunde mit der Zeit als nur ein bisschen wahr.

Ein idiographischer Satz aus den sog. Geisteswissenschaften kann die Bedingungen seiner Geltung nicht aussprechen: Sie sind nicht alle bekannt. Die Naturwissenschaften legen ihrer Forschung die Annahme von Gesetzen zugrunde. Ein Jedes ist Wirkung einer oder vieler Ursachen; diese müssten sie aufsagen können. Die idiographischen Disziplinen setzen die Wechselwirkung lebender Individuen voraus. Diese lassen sich nicht kausal darstellen. Die Wahrheit in den idiographischen Disziplinen ist 'lediglich' eine pragmatische: indem ihre Aussagen (um/zu statt weil) praktische Schlussfolgerungen erlauben, die sich ihnerseits bewähren können (oder nicht). Wenn also die kritische Arbeit eines Rezensenten dem Dichter die Augen öffnet und zu einem großen Wurf anregt; oder wenn die Lehren aus einem historischen Ereignis die Politik befähigt,... (ach je). Aber ob oder ob nicht, wird immer wieder dem Meinungskampf unterliegen, der sich seinerseits nur - pragmatisch entscheiden lässt, durch Bewähren oder Scheitern. Die Wahrheiten der idiographischen Fächer hängen gewissermaßen in der Luft. Darum lässt sich auf ihnen auch nicht aufbauen wie in den Naturwissenschaften: Eine Akkumulation geprüften Wissens findet in ihnen nicht statt, man fängt irgendwie immer von vorne an. Da hat es die Intuition dann leichter als das logische Argument - sie bewährt sich öfter.




Freitag, 18. Oktober 2013

Genealogie der Vernunft.


Martina Herbst, pixelio.de
Die WL handelt nicht davon, wie ein Individuum zu seinem Bewusstsein kommt, sondern davon, wie Vernunft "zur Welt kommt" - wenn sie 'zur Welt' kommt. [wie das Ich 'sich setzt', indem es 'seine' Welt konstruiert - und mit 'unserer' Welt ins Benehmen setzt.]

aus e. Sudelbuch, 2. 8. 04

Die WL handelt vom Denken der empirischen Individuen [nur], insofern sie vernünftig sind. Vernunft ist nicht das, was sie als Individuen identifiziert und unterscheidet, sondern das, was ihnen als logischen Subjekten gemeinsam ist; nur darum kann sie es in einem allgemeinen Schema darstellen. 

Die obige Formulierung 'wie das Ich sich setzt, indem es seine Welt konstruiert - und mit unserer Welt ins Benehmen setzt', ist falsch - weil sich in 'seiner Welt' kein Ich 'setzt', sondern lediglich ein empirisches Selbst vorfindet - denn davon, dass es seine Welt konstruiert hat, weiß es noch nichts. Das erfährt es erst in dem Moment, wo es reflektiert - und ipso facto in 'unsere' Welt übertritt.

Ich kann mich nun einfacher ausdrücken: 'Unsere' Welt ist das Reich, wo Vernunft an ihrem Platz ist. Zu 'meiner' Welt kommt die Vernunft nicht.

Wissenschaftslehre ist die Genealogie der Vernunft; darum ist sie die pragmatische Geschichte des Geistes und nicht bloß eine Nacherzählung.



 

Das Ich setzt sich sich-selbst voraus.

Günter Havlena  / pixelio.de

Das Ich ist (log.) der Ort des Geltens; nur für ein Ich "gilt" etwas: nämlich für ein solches Lebendiges, das ja sagen kann, seit es nein sagen kann; das also urteilen kann, ob etwas sein 'soll' oder nicht. Um dies zu tun, muss es 'die Geltung' als solche sich selbst als "gegeben" voraussetzen: als den (Urteils-) Grund, auf den es sich 'bezieht' (beruft, rechtfertigt...). Ich ist der Ort des Geltens, "an dem" das Gelten "stattfindet". Die Geltung kommt ergo "von außen"

7. 6. 92

Es ist immer ein empirisches Individuum, das handelnd urteilt. Die kritische Philosophie belehrt es darüber, dass nicht nur seine Urteile, sondern schon seine Urteilsgründe 'letzten Endes' selbst-gemacht sind. Die elementare Erfahrung des modernen Menschen ist jedoch die Ungewissheit seiner-selbst. Ungewissheit, Kontingenz nicht erst seiner Urteile, sondern allein schon seines Merkens. Wenn seine Urteile ihm gestatten sollen, sein Leben in einer offenen, unbegrenzten Welt zu führen, dann will (und muss) es seiner Gründe gewiss sein. Wenn es auf seine Urteile vertrauen will, dann muss sich das empirische Selbst sich-selbst als ein Ich voraussetzen. Das Ich 'setzt' sich nicht nur; es 'setzt sich' sich-selbst 'voraus'. (vgl. WL 1805, S. 86ff.)

2004 

Merke: Transzendentalphilosophisch ist das der Ursprung des Absoluten Ich. Mentalitätsgeschichtlich ist das der Grund für die Vorstellung von einem Absoluten (Wahren, Unbedingten) überhaupt.

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Historische Anthropologie oder pragmatische Geschichte des Geistes?

Christian Pohl, pixelio.de 

Der Mensch, von dessen Geist die WL eine 'pragmatische Geschichte' erzählt, ist das autonome Subjekt der bürgerlichen Gesellschaft. Nicht immer hat ein Ich sich selbst gesetzt, indem es sich ein(em) Nicht-Ich entgegegesetzt hätte. Denn nicht immer hat sich ein Ich gesetzt. Unsere allerersten Vorfahren kannten, nachdem sie ihren Urwald verlassen hatten, außer ihrem Gruppen-Wir wohl nur ihre unmittelbarsten Bedürfnisse.


Mittwoch, 16. Oktober 2013

Vernunft hat ihren Platz.

Foto Adolf Riess  / pixelio.de

Vernünftigkeit findet eo ipso nur in unserer Welt statt. 

Warum? 

Weil in meiner Welt alles einzig ist und an sich. Da gibt es kein Maß.


- Ach was - 'an sich'? Ich dachte, 'meine' Welt sei überhaupt nur für mich?
- Ja schon. Aber in ihr gibt es kein 'für mich' - denn das entsteht erst aus der Reflexion, und die gehört zu unserer Welt. Eben als Prinzip der Vernunft. Was reflektiert wird, tritt ipso facto in unsere Welt über.




 

Montag, 14. Oktober 2013

Extempore zur Zeit.


In der Zeit lebt der Mensch, weil er Geschichte hat. 

Ist es nicht eher umgekehrt? Hat er nicht eine Geschichte, weil er in der Zeit lebt?  

Die Menschen haben eine Geschichte als Gattung, und wenn nicht 'für sich', so doch für einen äußeren Betrachter. Die Menschen haben als Individuen aber erst recht eine Geschichte, und immer 'für sich'; denn es ist der Grund, warum sie Ich sagen können. 

Ein Vorher und Nachher hat doch auch das Tier, vielleicht weiß es davon? 

Was immer es - in verschiedenen Graden der Gewärtigkeit - 'erlebt', ist ihm doch immer nur von außen 'zugekommen'. Und es hat darauf so reagiert, wie es seinem Verhaltensrepertoire genetisch vorgeschrieben war. Insofern ist ihm alle Bedeutung nur ad hoc und es kann sich nicht daran 'erinnern'.


Die Menschen haben eine persönliche Geschichte, weil sie schlechterdings Handelnde sind. Was immer ihnen 'zukommt', sie müssen sich - wie das Tier - 'verhalten', aber das Tier weiß nichts davon, weil es keine Wahl hat: Die Gene haben alles vorentschieden. Ein Mensch kann sich aber so oder so verhalten; und wie er gewählt hat, schlägt sich in der Regel im Ergebnis nieder. Wenn das Ergebnis seiner Wahl bleibt, nämlich als sachliche Voraussetzung aller künftigen Wahlen, dann bleibt auch die Wahl - und ihr Warum, nämlich die Bedeutung, die so erst für ihn bedeutend wird. Das Leben wird zu einer Abfolge von ('bedeutenden') Akten, die dauern und das Leben in Vorher und Nachher sequenzieren. Weil der einzelne Mensch also seine Geschichte hat, erlebt er eine Zeit.

PS. Auch das Tier altert. Aber das weiß es nicht, es fühlt nur die zunehmende Schwächung. Vielleicht erinnert es sich daran, dass es einmal stärker und schneller war. Aber daraus wird keine Anschauung der Zeit, sondern höchstens ein Gefühl von nicht mehr.


Nachtrag, 24. 10. 2013

Da war ich wohl mit dem Spekulieren ein bisschen voreilig. Heute kommt folgende Nachricht:
Dass das alles auf den Kopf stellt, glaube ich aber nicht. Sie erinnern sich daran, 'was wo war'. Aber wann das war? Vielleicht doch nicht. - Um sich an eine verlaufene Zeit erinnern zu können, muss man sich vorstellen können, 'was inzwischen geschehen ist'. Dazu wird ein fortdauerndes X als Maß wohl erforderlich sein...
J.E.