Über Moral.


Das Costa-Experiment, I.

Caillebotte, Pont de l'Europe

Variante I. Zum abscheulichen Costa-Experiment gab es eine simplere Vorstufe. Die ging so: Sie stehen an der Weiche eines Bahngleises, ein Zug donnert mit Höchstgeschindigkeit heran, weiter unten stehen Leute - auf beiden Gleisen, aber so weit, dass Sie sie mit Rufen nicht warnen können. Die Weiche ist so gestellt, dass der Zug in eine Gruppe von fünf Leuten fährt, auf dem andern Gleis ist nur einer. Sie können die Weiche umlegen. Wie wüden Sie sich entscheiden?
 
Variante II. Costas Variante: Sie stehen auf einer Fußgängerbrücke, unter der ein Zug auf fünf Menschen zurast, und es besteht nur diese eine Möglichkeit, das Leben der Fünf zu retten: Sie müssten den dicken Mann, der neben Ihnen auf der Brücke steht, auf die Gleise stoßen.


Variante I.

1. Der Eine auf dem Gleis ist ein Kind.

2. Die Fünf sind KZ-Aufseher. Der Eine ist ein entflohener Häftling. Wie würden Sie sich entscheiden?

- Ach, sie wussten es ja nicht, Sie haben den einen geopfert? Aber Sie erfahren es hinterher, als die SS-Männer zu Ihnen kommen und sich beschweren: Das hätten sie doch gerne selbst besorgt...


3. Bei dem Einen handelt es sich deutlich sichtbar um einen geistig Behinderten.

4. Die Fünf sind offenkundig geistig behindert. 


Variante II.


1. Der Dicke neben Ihnen hat gerade erzählt, dass er auf dem Weg ins Krankenhaus ist und seinen Jungen besucht, der einen Verkehrsunfall hatte.

2. Sie haben ihn gerade um Feuer gebeten und er hat es Ihnen gegeben; es war sein letztes Streichholz.

3. Er hat Sie gerade um Feuer gebeten und Sie haben es Ihm gegeben. (Es war... )

4. Die Sonne scheint und er hat Sie freundlich angelächelt.

- Die Details stören nur die grundsätzliche Frage? Fragen der Moral sind nie grundsätzlich, sondern immer konkret. Sie stellen sich hier und jetzt an Sie und an keinen andern, in einer Weise, wie sie sich nie an einen andern gestellt haben und nie wieder stellen werden; und sei es nur, weil der andere immer ein Anderer ist. 

Details gibt es immer, nur wird man sie nie alle im selben Augenblick gewärtig haben, Sie müssen sich nach dem richten, was Sie wissen, und riskieren in jedem Fall ein schlechtes Gewissen, wenn Sie hinterher alles erfahren. Und irgendeinen Grund, sich dem einen eher verpflichtet zu fühlen als dem andern, gibt es fast immer. Und ist das nichts: sich verpflichtet fühlen?

Darum geht es bei der Moral nämlich: um das Gewissen. Und darum, dass Sie nie auf Nummer sicher gehen können. Manchmal müssen Sie froh sein, nur ein schlechtes Gewissen haben zu müssen und nicht ein noch schlechteres.

Aber das ist hinterher. Vorher müssen Sie wissen, dass Sie ein gewöhnlicher Sterblicher sind und nicht der Herr über Leben und Tod; und sich ansonsten an Ihre innere Stimme halten, die meldet sich bestimmt; und können nur hoffen, dass Sie diese moralische Prüfung ohne allzu große Versehrungen durchstehen werden.




Das Costa-Experiment, II.

AFP/Getty Images
aus Moralität und Kalkül.

... Die Wissenschaftler legten ihren Probanden ein klassisches Szenario aus der Moralpsychologie vor. Sie sollten sich vorstellen, auf einer Fußgängerbrücke zu stehen, wo sie Zeuge eines drohenden Unglücks werden. Ein Zug rast auf fünf Menschen zu, und es besteht nur eine Möglichkeit, das Leben der Unglücklichen zu retten - indem ein anderes geopfert wird. Dazu müssten die Beobachter auf der Brücke einen dicken Mann auf die Gleise stoßen. ...


Moralität ist keine Gewinn- und Verlustrechnung. Die mag rechtlichen Erwägungen zu Grunde liegen: Im Rechtsverhältnis, das der Fiktion nach auf einem Vertrag beruht, geht es darum, was der eine dem andern schuldet; alle gegenseitig. Es geht um den Vorteil hier und die Kosten da. Gewiss spielt Mehr oder Weniger da eine Rolle.

Bei der Moralität geht es nur darum, was ich mir schulde. Kann ich das auf mein Gewissen nehmen? Dass es mich hinterher beißt, ist klar, aber das muss ich vielleicht in Kauf nehmen. Etwa, weil es andersrum viel tiefer bisse? Geht es also doch um mehr oder weniger, nur diesmal rein egoistisch? 

Es ist ein Fehler, an Fragen der Moralität mit Begriffen heranzugehen. Ethik ist eine Unterart der Ästhetik. Da gibt es nichts zu begreifen. Da gibt es nur Anschauung und unmittelbares Zustimmen oder Ablehnen. In ethischen Fragen vernünfteln ist unmoralisch. Der Laborversuch von Albert Costa ist antimoralisch, und das erlaubt er sich nur, weil er selber unmoralisch ist: "Das Urteil sollte nicht davon abhängen, ob man über das Leben des dicken Mannes oder von el hombre grande nachdenkt. Aber leider ist [für die Probanden] genau das relevant."

Die Probanden sind eben moralischer als der empirische Psycholog. Ihr Urteil - 'Das tu ich nicht!' - steht unmittelbar fest. Dann lassen sie sich von Nützlichkeitsfragen irritieren, aber die weisen sie von sich und kehren zu ihrem ersten, ursprünglichen Urteil zurück: Nein, das tu ich nicht. Doch werden sie durch den Gebrauch einer Fremdsprache aus dem unmittelbaren Anschauungsmodus herausgerissen und auf eine höhere Reflexionsebene verführt, dann haben die utilitaristischen Anfechtungen länger eine Chance. Das und mehr nicht mag Costas Versuch bewiesen haben. Die Lehre: Stell dich moralischen Herausforderungen wann immer möglich in deiner Muttersprache und lass dich aufs Kalkulieren gar nicht erst ein. 

Im II. Weltkrieg wurden im Osten Wehrmachtssoldaten zu Judenerschießungen abkommandiert. "Hätte ich es nicht getan, hätte es ein anderer getan. Ich hätte nicht Einem das Leben gerettet; aber wer weiß, was sie mit mir gemacht hätten." Und da hat er eben seine Pflicht getan. Befehlsnotstand hieß das hinterher. 

Merke: Es ist nicht ein Fall bekannt, wo ein Wehrmachtsangehöriger bestraft worden wäre, weil er sich geweigert hat, Juden zu erschießen. Es gab gar kein Dilemma, sondern nur feige Klugheit.  






Moral und Verstand.


Der KZ-Arzt Mengele sagte zu jungen Kollegen, die Skrupel hatten, bei seinen Menschenversuchen mitzumachen: "So verstehen Sie doch! Diese Leute sind ohnehin zum Tod verurteilt. Wenn sie der Wissenschaft dienen können, bekommt ihr Sterben wenigstens einen Sinn."

Wer in Sachen der Moral zu kalkulieren beginnt, steht mit einem Bein 
schon in der Hölle.





David Hume: Moral ist geistiger Geschmack.

 
Jene Fähigkeit, wodurch wir Wahrheit und Falschheit unterscheiden, und jene, wodurch wir Laster und Tugend vorstellen, sind lang miteinander verwechselt worden, und alle Moralität war, wie man annahm, auf ewige unwandelbare Relationen gegründet, die für jeden intelligenten Geist ebenso unveränderlich waren wir irgendein Satz über Größe oder Zahl. 

Ein neuerer Philosoph aber (Hutcheson) hat uns durch die überzeugendsten Argumente belehrt, daß Moralität durchaus nicht in der abstrakten Natur der Dinge liegt, sondern völlig in Relation zum Gefühl oder geistigen Geschmack jedes einzelnen Wesen steht; in derselben Weise wie die Unterscheidungen zwischen süß und bitter, heiß und kalt aus dem besonderen Gefühl (Innewerden) jedes Sinnes oder Organs entstehen. Vorstellungen vom Moralischen also sollten nicht den Wirksamkeiten des Verstandes gleichgestellt werden, sondern dem Geschmack oder Gefühl.

David Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand, Leipzig 1893




Das Ich ist hassenswert.

 
Ameisenlöwe

23. Das Ich ist hassenswerth und so sind diejenigen immer hassenswerth, die es nicht wegräumen, sondern die sich begnügen es nur zu verhüllen. »Keineswegs, werdet ihr sagen, denn wenn wir handeln, wie wir thun, dienstfertig gegen alle Welt, so hat man keinen Grund uns zu hassen.« Das ist wahr; wenn wir in dem Ich nichts mehr haßten als das Mißvergnügen, was uns von demselben herkommt. Aber wenn ich es hasse, weil es ungerecht ist und sich zum Mittelpunkt von allem macht, so muß ich es immer hassen.
 
Mit einem Wort, das Ich hat zwei Eigenschaften: es ist ungerecht an sich darin, daß es sich zum Mittelpunkt von allem macht, es ist den andern lästig darin, daß es sich dienstbar machen will; denn jedes Ich ist der Feind und wäre gern der Tyrann von allen andern.  

Ihr nehmt daraus das Lästigsein weg und nicht die Ungerechtigkeit und so macht ihr es noch nicht liebenswürdig für die, welche daran die Ungerechtigkeit hassen, sondern nur für die Ungerechten, die darin nicht mehr ihren Feind sehen und so bleibt ihr ungerecht und könnt auch nur den Ungerechten gefallen.

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Blaise Pascal, Pascal's Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände. Berlin 1840, S. 178



…ist das Maß aller Dinge?


Es ist eine Frage der Selbstachtung. Ein Leben, das sein Maß nicht außer sich sucht, ist ohne Würde. So lebt der Wurm.
wurm
 
 


Was ich soll.


Lothar Sauer

Maß der Postulate ist nicht ihre Realisierbarkeit. Das Maß der Postulate ist ihre Tauglichkeit, mir im Leben als Leitfaden zu dienen. Ich kann mein Leben so führen, dass es Andern aus Interesse gefällt. Dann bin ich ein nützliches Glied der Gemeinschaft. Und ich kann es so führen, dass es mir selber ohne Interesse gefällt. Was ich wählen soll, lässt sich aus keinem Begriff ermitteln. Es muss sich zeigen und kann immer nur unmittelbar angeschaut werden, Schritt für Schritt. Was sich am Ende daraus ergibt, wird der Sinn meines Lebens gewesen sein.



Was ist praktisch?



Praktisch ist alles, was durch Freiheit möglich ist.
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Kant, Kritik der reinen Venunft, A 800




Die praktische Philosophie beginnt da, wo die theoretische nicht weiterkann.

Wanderer



Gedanklich endet meine Wendeltreppe bei den Ergebnissen der kritischen alias Transzendentalphilosophie. Das wurde beanstandet, denn danach hat die Zahl der philosophischen Bücher wohl noch um ein Vielfaches zugenommen… 
 
Ich wollte aber keinen kurzen Lehrgang durch die Geschichte der Philosophie schreiben, sondern ein Einführung ins Philosophieren selbst. Ich meine im Ernst, dass der theoretischen Philosophie seit den Tagen der Transzendentalphilosophen substanziell nicht mehr viel hinzugefügt wurde. Wo es theoretischen Erkenntnisgewinn gab, handelte es sich weitgehend um die – philologische – Klärung von Missverständnissen. Wo die Phänomenologie – Husserl und, in seinem Gefolge, Heidegger – zu brauchbaren Resultaten kommt, bestätigt sie doch immer nur, in weniger deutlichen Begriffen, die Ergebnisse der kritischen alias Transzendentalphilosophie. Ich bin so kühn, mutatis mutandis dasselbe über die sprachanalytisch-pragmatische Schule unserer Tage zu behaupten. 
 
Der Umkreis der philosophischen Themen ist im großen Ganzen abgesteckt. Innerhalb des Kreises mag das Feld immer und immer wieder neu bearbeitet und mögen den Themen immer wieder neue Seiten abgewonnen oder das Gewonnene aus anderer Perspektive neu bestätigt werden. Tatsächlich ist die Philosophie seither so verfahren; soweit sie nämlich theoretisch und wissenschaftlich ist.
 
Doch hat sich seit dem 19. Jahrhundert, nämlich seit Schopenhauer und Kierkegaard eine Variante der Philosophie ausgebildet, die ausdrücklich nicht theoretisch und auch nicht wissenschaftlich sein will, die Lebensphilosophie. Ihren bislang wort- und gedankenmächtigsten Vertreter hat sie in Nietzsche gefunden. 
Ihr Ehrgeiz ist es, die Frage nach dem Sinn des Lebens unmittelbar und positiv aufzuwerfen und nicht länger über den Umweg metaphysischer Begriffsakrobatik. Philosophie soll praktische Lebenshilfe geben (und womöglich politisch wirksam werden). Damit ist sie im öffentlichen Leben so erfolgreich gewesen, dass sie im landläufigen Verständnis den Begriff der Philosophie ganz für sich vereinnahmt und die wissenschaftliche Philosophie in die akademische Ecke gedrängt hat.*


Ihr Publikumserfolg ist verständlich. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich jedem Menschen. Und jeder stellt sich ihr – mal mehr, mal weniger bewusst. Was er dabei – auf sein Leben zurückblickend – jeweils an Antworten gefunden zu haben meint, das kann man Lebensweisheit nennen. Nichts steht ihm freier als das. Es fragt sich nur, ob sich daraus eine positive Lehre entwickeln lässt, die der eine dem andern mit einem Anspruch auf öffentliche Verbindlichkeit vortragen darf. 
 
Die Frage nach dem Sinn (des Lebens in) der Welt war der Urheber der Philosophie – und, durch sie, der Wissenschaft (die eine spezifisch abendländische Erscheinung ist). Das war der Ausgangspunkt und war der Schlusspunkt meiner “Wendeltreppe”. Die ständige metaphysische Versuchung unseres Verstandes – das, was Kant den “dialektischen Schein” genannt hat – ist es, in der Erkenntnis des Seienden einen Hinweis auf unser Sollen, auf die rechte Lebensführung zu suchen. Wenn der Einzelne Bestandteil eines sinnhaft geordneten Kosmos ist, dann liegt es nahe, dem Teil dasselbe Ordnungsprinzip zu zu weisen wie dem Ganzen. Was der Mensch soll, ließe sich geradlinig aus dem, wie die Welt beschaffen ist, herauslesen. 


Doch die Erkenntnis des Seienden ist zirkulär und führt nirgends hin: Die Natur antwortet uns ja immer nur auf die Fragen, die wir ihr stellen – und auch das nur unter Stöhnen und Seufzen. ‘Der Naturwissenschaftler beobachtet keines Wegs ‚die Natur’ so lange, bis sie ihm von allein ein Lied singt. Vielmehr reißt er aus der Natur vorsätzlich ein winziges Stück heraus, zwingt es in die Folterkammer seines Labors und quält es kunstvoll so lange, bis es auf seine gezielten Fragen mit Ja oder Nein antwortet.’ Den „Sinn“ der Sachen – das, „worum es [uns] eigentlich geht“ – haben wir, als Frage, immer schon selber mitgebracht, und wenn wir ihn hernach an den Sachen wieder erkennen, dann ist es nur der Schatten unserer apriorischen Absicht. Die Natur kann uns nicht einmal sagen, wer oder was sie ist. Noch weniger kann sie wissen, was wir in einer Welt sollen, die längst mehr geworden ist als bloß Natur.


Die Kritik an diesem Irrtum ist dasjenige, was an der Philosophie wissenschaftlich ist. 
Oder anders, wissenschaftlich ist die Philosophie nur als Kritik. Wenn ich sage, man kann leben, ohne zu philosophieren, dann heißt das: Man kann leben, ohne Wissenschaft zu treiben. Um das Wort Philosophie – und wer es alles für sich in Anspruch nehmen darf – muss man sich nicht streiten. Auch die Philosophischen Lebensberatungs-Dienste unserer Tage dürfen sich so nennen, gesetzlich geschützt ist das Warenzeichen nicht. Aber ich bestehe auf einer scharfen Unterscheidung zwischen kritischer, wissenschaftlicher Philosophie und landläufiger Lebensweisheit. 
 
Das ist eine politische Erfordernis. 
 
Wissenschaft ist  öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn. Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des siebzehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltereignis. Herrschaft konnte von nun an gemessen werden an dem, was als vernünftig erkannt war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ordnung überhaupt denkbar. Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissenschaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die konkreten Fälle nur noch einzutragen braucht, um die richtige Lösung sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen.
 
Der einzig begründete Ausgangspunkt der praktischen Philosophie ist ein negativer: dass die theoretische Philosophie – nach den Ergebnissen der ‚Kritik’ – im Sein keinen Sinn nachweisen kann. Der Sinn ist das, was — nicht durch Notwendigkeit vorgegeben ist, sondern: – durch Freiheit möglich wäre. Sinn kann man nicht finden, sondern muss man erfinden. 
 
Ist er also beliebig? 
 
Na ja. Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass erlaubt ist, was einem grade in den Sinn kommt. Denn was aus Freiheit geschah, lässt sich zwar nicht begründen, nämlich aus theoretischen Einsichten herleiten; aber man wird es rechtfertigen müssen, nämlich vor mir selber und dann vor all denen, denen ich ihrerseits Freiheit zumute und denen ich über den Weg laufe. Dann wird man sehen… 
 
Mit andern Worten: Würde ich nicht in einer Welt leben, die ich in Freiheit mit Andern teile, bräuchte ich keine praktische Philosophie und keine Sinn des Lebens. Ich lebte vor mich hin, und damit gut. 
 

* 
 
Zwar kann die Wissenschaft (mit jedem Tag genauer) sagen, was ist. Denn das ist die theoretische Frage, die in ihr Ressort fällt. Aber was wer soll, ist eine praktische Frage, die nicht nach wahr oder falsch, sondern nach gut oder schlecht zu entscheiden ist. Und die fällt eben nicht in ihr Ressort: Denn gegenüber den Fragen des praktischen Lebens verhält sie sich, da sie theoretisch ist, rein kritisch: indem sie sagt, was nicht ist.
 
Die Frage, wie und wohin ich mein Leben führe, ist ein praktische Frage; und eine private. Die Wissenschaft kann mir sagen, ob es good vibrations gibt, auf die ich rechnen darf, oder nicht; danach muss ich selber entscheiden. 

Die Frage, wohin die Staaten und die Gesellschaften steuern, ist öffentlich, aber sie ist nur in Grenzen theoretisch. Denn die Antwort hängt von denen ab, die sie stellen, und die sind Handelnde, bevor sie wissenschaftlich Erkennende sind; darum  läuft die wissenschaftliche Erkenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer hinterher und bringt es allenfalls zur self-fulfilling prophecy**. Und dabei ist die Frage, wohin sie steuern sollen, noch nicht einmal angeschnitten. Könnten die Gesellschaftswissenschaften wirklich voaussagen: Wenn ihr dies tut, geschieht das, und wenn ihr jenes tut, dann geschieht solches – dann müsste die Frage, ob wir ‘das’ oder lieber ’solches’ wollen, immer noch praktisch entschieden werden; aus Freiheit, wie Kant das nennt. So gibt es ein unmittelbares politisches Interesse daran, dass sich die Wissenschaften ihrer Grenzen jederzeit klar bewusst bleiben; Hirnforschung incl. 


* 
 
Lebensweisheit ist dagegen eine Privatangelegenheit und gehört in “meine Welt”, wenn ich so sagen darf. Erstens geht sie nur mich selber an. Wenn ich zweitens darüber hinaus einen Drang spüre, meine Anschauungen (!) andern mitzuteilen, dann stehen mir dazu die Mittel der nicht-diskursiven Mitteilung zu Gebot; die Mittel der Kunst nämlich. Philosophie könne man eigentlich nur noch dichten, meinte Wittgenstein... 
 
Die Kritik führt bis zu diesem Punkt: Damit überhaupt etwas gelten kann, muss ein Absolutum gelten. Aber wir (die Wissenschaften) können euch  nicht bis dort hin führen. Begründen können wir das Absolute nicht. Wenn wir an jener Stelle sind, müsst ihr selber springen – auf eigne Faust; und mögt euch hinterher rechtfertigen. Nämlich vor euch selber und denen, die in euerm Privatleben sonst noch vorkommen. 
 
Wer künstlerische Berufung fühlt, der trete vors große Publikum. Der Kritik ist er dort freilich nicht entzogen, ganz im Gegenteil. Nur ist es jetzt die Kunstkritik – die umso unerbittlicher ist, als sie selber Teil des kritisierten Gegenstandes ist. Die Kunst hat sich im Laufe der Neuzeit wie die Wissenschaft zu einer gesellschaftlichen Instanz entwickelt, und die Kritik ist deren Teil. Wissenschaftlich ist sie nicht, sondern ästhetisch. Sie kan nicht (logisch) demonstrieren, sondern nur (anschaulich) zeigen. Sie kann – wie die Kunst selber – Beifall heischen, aber kein Einverständnis erzwingen, wie die Wissenschaft.
 

*
 
Das gilt im selben Maß von den praktischen Staats- und Gesellschaftslehren. Die wissenschaftliche Kritik kann ihnen ihre Grenzen zeigen – und dass sie nicht Fleisch von ihrem Fleisch sind. Sie selber haben sich der Öffentlichkeit möglichst anschaulich darzustellen. Sie fordern zu Wertentscheidungen heraus, und die sind – in weitestem Sinn – ein ästhetischer Akt. Doch das Ästhetische liegt nicht jenseits der Vernunft, sondern diesseits. Es liegt ihr zu Grunde. 


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*) In derselben Zeit beobachten wir in der Kunst die Scheidung zwischen dem ernsten und dem unterhaltenden Genre. Crossover ist auch da eine ständige Versuchung.
**) In einer UFA-Komödie sagt Grete Weiser: “Wie soll ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?” So geht es ‘der Gesellschaft’, wenn sie sich nach den Zielen ihres Handelns fragt. Wie können wir wissen, was wir wollen, bevor wir sehen, was wir tun?


Ein erster, letzter Grund; oder Der schöne Schein des Wahren

Helixnebel alias God's eye

Nichts trügt weniger als der Schein.

Max Liebermann

Ursprung und Angelpunkt des abendländischen Denkens war die Frage nach dem Wahren. In der Sinnenwelt ist alles Trug. Sie scheint mal so, mal so, je nach Standort. Alles, was wird, wird vergehen. Wahr ist, was währt, das ewige Sein; doch es liegt unterm Werden verhüllt. Nur dem Denken ist es kenntlich, „denn dasselbe ist Denken und Sein“, sagt Parmenides. Die Frage nach dem wahren Sein ist die Frage, wonach sich mein Leben in der Mannigfaltigkeit trügerischer Erscheinungen richten soll. 

Man erkennt es beim Vergleich mit Heraklit, gegen den Parmenides angetreten war: Nicht zweimal könne man in einen Fluss steigen; der Fluss sei ein anderer geworden und der Mensch auch. Hinter dem Werden ist Nichts, wahr ist der Schein: Das möchte man einen heroischen Nihilismus nennen; ein aristokratisches Leben auf eigne Faust, das sich nicht jeder leisten kann. Die Vermutung, daß der Sinn der Welt zwar verborgen, aber jedenfalls in ihr liegt, macht dagegen auch kleinen Leuten Mut. Nicht anders konnte die Arbeitsgesellschaft siegen, nicht anders konnte Europa die Welt erobern. 

Die Erkenntnis, dass nach dem Sinn gefragt werden muss, war die Geburtsstunde des Abendlands.


Der ebenbürtige Zeitgenosse von Heraklit und Parmenides war Aischylos – der als erster die Schuld der Menschen zum Thema gemacht hat; nämlich dass sie ihre Wege selber wählen. Es wurde zum Thema der westlichen Kultur. Man mag auch meinen, es sei die Conditio humana selbst. Nur wurde sie nicht überall ihrer bewusst. 


Das Wahre, das Ansich-Seiende, das Absolute; Wert, Bedeutung, Geltung, Sinn – das alles sind verschiedene Worte für ein Problem. Nämlich dies, dass der Mensch sich nicht mit dem Leben begnügen kann, sondern immer sein Leben führen muss. Führen wo hin, wo lang? Er muss sich orientieren. Das, woran er sich orientiert hat, um dessentwillen er gelebt hat, nennt er, rückblickend, ’das Wahre’, ‘das Absolute’, den ‘Sinn’. Das Erkennen ist zirkulär. 

Warum? Es kommt a posteriori. Denn gesetzt wird der Sinn immer ‘in actu’, hier und jetzt, an jedem Wegkreuz neu. Dem (nachträglichen) Erkennen erscheint es darum als a priori. ‘Das Wahre’, ‘das Absolute’, der ‘Sinn’ ist – reell wie ideell – eben keine Sache, sondern ein Problem. Es ist aber keins, worauf die Menschen ebenso gut verzichten könnten. Sie waren tätig, bevor sie erkennend wurden. Aber sie müssen erkennend sein, um selbsttätig zu werden. 

Nur weil der Mensch ein Leben führt, dessen Sinn weit über seine bloße Erhaltung hinaus reicht (wenn er es will), hat er das Problem der Freiheit. Ob er es will, ist damit noch nicht entschieden. Wenn einer sagt: Die Befriedigung meiner Bedürfnisse ist mir genug – wie kann ich ihm widersprechen? Es gibt noch viele, die sich mehr gar nicht leisten können. 

Aber eine Kultur, wo verknappter Luxus schon wie Not erscheint, lebt im Überfluss. Dieses ist eine Sinnbehauptung: Es sollte eine Welt des Reichtums entstehen, damit Menschen in die Lage kommen, ihre Freiheit bestimmen zu können. Nur darum gibt es die Frage nach der Wahrheit. Aber die ist ein Paradox.

Was ich tun soll, ist eine Frage von Bedeutungen. Ist Sache eines Urteils. Und dafür brauche ich Gründe, die gelten. Deren Geltung muss ihrerseits begründet sein, und so fort. Machen wir’s kurz: Wenn überhaupt etwas gelten soll, muss es irgendwo einen Grund geben, der schlechterdings gilt und in letzter Instanz, ohne alle Bedingung – die Bedingungen von Ort und Zeit zumal. In der Welt, die ‘der Fall ist’, wird man ihn nicht antreffen. Er ist “nicht von dieser Welt“, ich muss ihn mir hinzu denken. 

FlaschenzugDass der menschliche Geist “notwendig etwas Absolutes außer sich setzen muss und dennoch von der andern Seite anerkennen muss, dass dasselbe für ihn da sei, ist derjenige Zirkel, den er ins Unendliche erweitern, aus welchem er aber nicht heraustreten kann. Es ist nur da, inwiefern man es nicht hat, und entflieht, sobald man es auffassen will”, schrieb Johann Gottlieb Fichte. Es “kann nur eine Idee sein; ein bloßer Gedanke in uns, von welchem gar nicht vorgegeben wird, dass ihm in der wirklichen Welt außer uns etwas entspreche. Ideen können unmittelbar nicht gedacht werden. Sie sind Aufgaben eines Denkens, und nur, inwiefern wenigstens die Aufgabe begriffen werden kann, kommen sie in unserm Bewusstsein vor.“ Eine Aufgabe nannten die Griechen ein Problem. Aber dieses Problem ist so gestellt, dass es schlechterdings nicht lösbar ist: Die Freiheit soll sich ihren Bestimmungsgrund außer sich suchen! Es ist ein Paradox. 

Das ist nicht bloß eine Idee. Das ist eine ästhetische Idee. Es ist, recht besehen, die ästhetische Idee schlechthin, die in alle tatsächlich vorkommenden Bestimmungen nach Ort und Zeit vorgängig hineingreift, die all die Qualitäten vereint, die ich an den Dingen “wertnehme”, bevor ich sie wahrnehme, und von der ich erst durch eine besondere Anstrengung des reflektierenden Verstandes wieder abstrahieren kann. 

Es “ist” nicht so. Aber so muss ich es mir vorstellen, wenn ich mir überhaupt Etwas vorstellen will. Das Wissen kann seinen eignen Grund nicht erkennen. Es muss ihn sich ein-bilden. Der höchste Akt der Vernunft sei ein ästhetischer, hieß es im ‘Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus’. Ob er wirklich stattgefunden hat, ist nicht entscheidend. Es scheint uns so, als ob er stattgefunden hätte. Er ist so wahr wie ein Mythos sein kann. Will sagen, er muss sich bewähren.

Bewähren in Sonderheit in meinem täglichen Tun und Lassen – als Sittlichkeit. “Die Ethik ist transzendental“, schrieb Ludwig Wittgenstein, um gleich hinzu zu fügen: “Ethik und Ästhetik sind eins.” Und es sei klar, dass sie sich als solche “nicht aussprechen” lassen.

In den Wörtern unserer Welt lassen sie sich nicht aussprechen. Denn sie gehören zu meiner Welt. Den andern kann ich sie allenfalls zeigen – in den Bildern der Kunst. In Wörtern lässt sich das Problem immer nur so formulieren: Der Sinn des Lebens ist, dass du nach ihm fragst. Eben ein heroischer Nihilismus oder, wenn man will, “Artisten-Metaphysik”. Auf jeden Fall ist es eine romantische Anschauung der Welt, und eine fröhliche.



Fata Morgana





Moral ist…

Tournus, St. Philibert
Moral ist Zuordnung eines Augenblickszustandes unseres Lebens zu einem Dauerzustand!
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Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Hg. A. Fris‚ Hamburg 1952, S. 869


Ein Reich der Zwecke.

RainerSturm, pixelio.de

Die Teleologie erwägt die Natur als ein Reich der Zwecke, die Moral ein mögliches Reich der Zwecke als Reich der Natur. Dort ist das Reich der Zwecke eine theoretische Idee, zu Erklärung dessen, was da ist. Hier ist es eine praktische Idee, um das, was nicht da ist, aber durch unser Tun und Lassen wirklich werden kann, und zwar eben dieser Idee gemäß, zu Stande zu bringen.
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Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, A/B S. 81 (Anmerkung)

Am Grund der Moralität.

S. Hofschlaeger, pixelio.de

Der phänomenale Ausgangspunkt einer jeden nach Gründen suchenden Ethik ist die faktische Gegebenheit der positiven Moralen rund um den Erdball und auf allen Kulturstufen. Sie wirft die Frage auf nach einer Verwurzelung des ubiquitären Moralismus in der Conditio humana selbst. Diese wiederum zerfällt in die Frage, was der Mensch historisch (geworden) ist, und die Frage, was er heute daraus machen will, d. h. soll. 

Historisch ist nicht davon zu abstrahieren, dass die Menschen, d. h. ihre Vorfahren den Sprung aus der Urwaldnische in die offene Welt der Savannen nicht hätten überstehen können ohne eine Festigung und Formalisierung ihrer gemeinschaftlichen Lebensweise. Aus der Blutsverwandtschaft und dem Totemismus entstand das positive Recht; es kompensiert in vieler Hinsicht die mit seiner Weltoffenheit korrelierende 'Istinktentbundenheit'. 

In anderer Hinsicht korreliert mit der Weltoffenheit des Menschen seine Freiheit. Dem Tier ist durch die Anpas- sungsleistungen seiner Gattungsgeschichte der Platz, der ihm in seiner Umweltnische zukommt, angewiesen. Das Invividuum lebt, wie seine Gattung lebt. Die Menschen jedoch haben kollektiv eine eigene Geschichte, weil auch die Individuen ihre eigenen Geschichten haben. Mit andern Worten: Seit der Neueröffnung der Welt aus der selbstgemachten, sekundären Nische des Ackerbaus durch die große Industrie und die bürgerliche Verkehrs- gesellschaft muss ein jedes Individuum sein eigenes Leben führen. Was es zu tun hat, ist ihm nicht eingeboren. Es muss danach fragen - und wen, wenn nicht sich selbst? 


"Die Moral sagt schlechterdings nichts Bestimmtes – sie ist das Gewissen – eine bloße Richterin ohne Gesetz. Sie gebietet unmittelbar, aber immer einzeln. Gesetze sind der Moral durchaus entgegen."
Novalis, Allgemeines Brouillon, N°670



Der Begriff weist keinen Weg.

Siegfried Baier, pixelio.de

Er sagt: Ist das sittliche Gefühl von der Bildung der Vernunft nicht abhängig? /... Ich antworte ohne weiteres: So wie er die Begriffe nimmt, keineswegs. Die Vernunft, von der er hier redet, ist die theoretische, [die] des Erkenntnisvermögens. Dies sagt aus nur, daß und wie etwas sei: Von einem Handeln, einem Handelnsollen, einem Postulate liegt in ihr schlechterdings nichts, und ich möchte den Künstler sehen, der mir so etwas heraus- analysierte, wenn er es nicht erst hineinlegt.

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J. G.Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 140]

 

 

Das Sittengesetz geben wir uns selber.

Karl-Heinz Laube, pixelio.de

...daß das Sittengesetz gar nicht so etwas ist, welches ohne alles Zutun in uns sei, sondern daß es erst durch uns selbst gemacht wird.  
____________________________________________________________________________
Fichte, System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. IV, S. 192



Nota.

Ein Kompass weist dir nicht den Weg. Er zeigt lediglich, wo Norden ist. Deinen Weg musst du schon selber finden.
JE




Kein Begriff von meiner Pflicht.

Edwin Church, Meteor 1860

...ich kann sonach von dem, was ich sollte, keinen Begriff haben, ehe ich es wirklich tue.

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J. G. Fichte, Das System der Sittenlehre nach den Principien der Wissenschaftslehre, SW Bd. IV, S. 181


Nota.

Das kommt nun gar nicht überraschend. Denn meine Pflicht ist, frei zu handeln. Doch eben, wenn es aus Freiheit ist, kann ich es nicht begreifen; jedenfalls nicht vor dem Akt.
JE 




Über Moralität und Begriffe.

Rolf Handke  / pixelio.de  

...denn das Sittengesetz fordert Selbständigkeit nach Begriffen...
J. G. Fichte, Das System der Sittenlehre nach den Principien der Wissenschaftslehre, SW Bd. IV, S. 355 

...ich kann sonach von dem, was ich sollte, keinen Begriff haben, ehe ich es wirklich tue.

ebd, S. 181


Nota.

Der ästhetische Sinn ist noch keine Tugend, weil er 'ohne alle Begriffe von selbst kommt'. Sittlichkeit verlangt aber nach Begriffen. Doch kann ich von meiner Pflicht 'keinen Begriff haben', ehe ich sie wirklich tue -? Wie ich es drehe und wende, das ist ein Widerspruch. Anscheinend ist der ästhetische Sinn doch der Wegbereiter, der Begriff kommt erst im Nachhinein, als Richter.

JE




Das sittliche Gefühl ist immer richtig.

citesoleil460

Sein sittliches Gefühl ist richtig: dies ist immer richtig. Es fehlt bei ihm nur an dem guten Willen, sein Handeln darauf zu beziehen. Dieser muß durch Bildung des ganzen Menschen und Erziehung, nicht etwa durch einseitige theoretische Verstandesbildung hervorgebracht werden.
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Johann Gottlieb Fichte, Rü[c]kerinnerungen, Antworten, Fragen, Gesamtausgabe Bd. II/5, S. 144



Pythia und ihr Interpret

In Fichtens Moral sind die richtigsten Ansichten der Moral. Die Moral sagt schlechterdings nichts Bestimmtes – sie ist das Gewissen – eine bloße Richterin ohne Gesetz. Sie gebietet unmittelbar, aber immer einzeln. Sie ist durchaus Entschlossenheit. Richtige Vorstellung vom Gewissen. Gesetze sind der Moral durchaus entgegen.
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Novalis, Allgemeines Brouillon N°670



Das Prinzip der Sittlichkeit ist dieses.



Das Prinzip der Sittlichkeit ist der notwendige Gedanke der Intelligenz, dass sie ihre Freiheit nach dem Begriffe der Selbstständigkeit schlechthin ohne Ausnahme bestimmen solle.

Es ist ein Gedanke, keinesweges ein Gefühl oder eine Anschauung, wiewohl dieser Gedanke sich auf die intellektuelle Anschauung der absoluten Tätigkeit der Intelligenz gründet: ein reiner Gedanke, dem nicht das Geringste von Gefühl oder von sinnlicher Anschauung beigemischt sein kann, da er der unmittelbare Begriff der reinen Intelligenz von sich selber ist; ein notwendiger Gedanke, denn er ist die Form, unter welcher die Freiheit der Intelligenz gedacht wird; der erste und absolute Gedanke, denn da er der Begriff des Denkenden selbst ist, so gründet er sich auf keinen anderen Gedanken als Folge auf seinen Grund und ist durch keinen anderen bedingt.

_________________________________
System der Sittenlehre,
SW Bd. IV, S. 59






Der sittliche Geschmack ist nicht verschieden von
  dem poetischen, musikalischen, plastischen
  Geschmack.
 Joh. Fr. Herbart


Wie weit er den Begriff des Ästhetischen fasse, könne Schiller sich nicht einmal vorstellen, schrieb Fichte [63]; der Atheismusstreit hat ihn dann vom Wege abgebracht. Kant hatte die Urteilskraft noch zu einem verschämten philosophischen Gottesbeweis benutzt. Wir müßten so urteilen, als ob „in der Natur gar nichts ohne Zweck sei. Allein, den Endzweck der Natur suchen wir in ihr vergeblich.“ Als dessen Gewährsmann dient ihm Gott: „Folglich müssen wir eine moralische Weltursache (einen Welturheber) annehmen, um uns einen Endzweck vorzusetzen.“[64] Fichte hatte für diesen gewundenen „Schluß vom Begründeten auf den Grund“, auf „ein besonderes Wesen als die Ursache desselben“, nur Spott übrig: „Die moralische Ordnung ist das Göttliche, das wir annehmen! Es wird konstruiert durch das Rechttun. Jene lebendige und wirkende moralische Ordnung ist selbst Gott; wir bedürfen keines anderen Gottes und können keinen andern fassen.“[65] Eine Moral, die auf einen Garanten für ihren Erfolg rechnet, ist keine.

Mit dem Verzicht auf einen ‚Schöpfer’ ist freilich der Rangunterschied zwischen Ethik und Ästhetik eingeebnet. Unsere Neigung, moralischen Urteilen einen logisch höheren Wert zuzuschreiben als ästhetischen, beruht auf einer heimlichen theologischen Prämisse: daß nämlich diese den Absichten unseres Schöpfers gewissermaßen ‚näher stehen’ als jene. Fällt diese Prämisse fort, unterscheiden sie sich nur noch hinsichtlich ihres Anwendungsfelds; denn autonome Werturteile sind sie beide.

Johann Friedrich Herbart hat diesen Schluß ausdrücklich gezogen. In unserem Vorstellen kommen Bestimmungen vor, bei denen „das Denken nicht bei bloßer Verdeutlichung still stehen kann“, sondern vielmehr „einen Zusatz herbeiführt, der in dem Urteile des Beifallens oder Mißfallens besteht“: Das gilt für Ethik und Ästhetik gleichermaßen; indem sie gemeinsam auf „Wertbestimmungen durch Lob und Tadel beruhen“, fallen sie „in eine Hauptklasse zusammen“. Dabei umfaßt der Begriff der Ästhetik den weiteren Geltungsbereich, er bezieht sich auf alle denkbaren Verhältnisse; die Ethik dagegen nur auf „gefallende und mißfallenden Willensverhältnisse“. Ästhetik und praktische Philosophie verhalten sich so zu einander, „daß jene die weitere, diese die engere Sphäre sei“.[66]



GeschmackDas spezifisch ästhetische Vermögen ist der Geschmack. „Nicht in der Masse, sondern in den Verhältnissen liegt der ästhetische Wert.“[67] Geschmack ist „nichts anderes als der allgemeine Name für die Beurteilung einzelner Verhältnisse“. Das spezifisch moralische Vermögen ist folglich sittlicher Geschmack. „Der sittliche Geschmack, als Geschmack überhaupt, ist nicht verschieden von dem poetischen, musikalischen, plastischen Geschmack. Aber spezifisch verschieden ist der Gegenstand“: Was zu beurteilen ist, liegt „hier außer uns, dort in uns selber“.[68] Das Gute ist das „sittlich Schöne“, doch spricht der Geschmack jeweils nur im einzelnen Fall, „in lauter absoluten Urteilen, ganz ohne Beweis. Für verschiedene Gegenstände gibt es ebensoviele ursprüngliche Urteile, die sich nicht aufeinander berufen, um logisch auseinander abgeleitet zu werden.“[69] Sittliche Bildung ist Geschmacksbildung – und umgekehrt.

Allerdings – eine Einbildungskraft kommt bei Herbart nicht vor; überhaupt kein produktives Vermögen. „Die Vernunft vernimmt; und sie urteilt, nachdem sie vernahm.“[70] Das intellektive Vermögen des Menschen ist rein rezeptiv; Herbart hat mit der kritischen Philosophie gebrochen! Es heißt, Herbart sei ein realistischer Denker gewesen. Nur bedeutet das im philosophischen Gebrauch so etwa das Gegenteil wie in der Umgangssprache. Hier beziehen sich ‚Realismus’ und ‚Idealismus’ allein auf die Frage nach der Herkunft unserer Erkenntnis. Realistisch heißt jene Lehre, wonach der Erkenntnisvorgang in den Dingen selbst (lat. res) seinen Ausgang nimmt, indem sie ihre Qualitäten in unser Bewußtsein prägen. Zuerst hat Plato diese Lehre ausgesprochen. Seine Ideen waren ebenjene ‚Dinge’, die sich in unserm Geiste abbilden;[71] jeder ‚Realist’ ist immer auch irgendwie Platoniker. Idealistisch (von gr. ideîn, sehen) heißt dagegen die Auffassung, wonach das Erkennen in einem Akt des Erkennenden seinen Ursprung hat. Und ‚kritisch’ nannten Kant und Fichte ihren Idealismus, weil sie diesen Akt nicht spekulativ behaupten, sondern phänomenologisch ergründen wollten.[72]

Das Ding, in dem Herbarts Erkenntnis seinen Ausgang nimmt, nennt er ein Reale (Pl. die Realen).[73] Es ist eine geistige Größe, ein „metaphysischer Punkt“ wie Leibniz’ Monade, und hat mit der materiellen Welt aber auch gar nichts zu tun: „Diese Welt ist eine Scheinwelt. Sie gehorcht der Mathematik und lebt, wie diese, von Widersprüchen. Als ein wahres Reales kann Materie ebensowenig gedacht werden, wie Bewegung als ein wirkliches Geschehen; aber die Gesetzmäßigkeit des Scheins aus dem Realen zu erklären, das läßt sich leisten.“[74] Das erinnert stark an Platos Höhlengleichnis[75] und begründet die Kehrtwendung zur Leibniz’schen Spekulation – auf höherer Ebene. Doch während Plato uns an den Ideen immerhin ‚teilhaben’ ließ, bleiben uns Herbarts Realen so unzugänglich wie Kants Ding-an-sich.[76] Er müsse wohl den transzendentalen Gedanken nie ganz verstanden haben, mutmaßte Fichte.[77] Tatsächlich hat er ihn für eine Art Skeptizismus höherer Ordnung gehalten, durch den ein tüchtiger Kopf wohl hindurch gehen, wo er aber nicht stehen bleiben mußte.[78] Des Reflektierens müde, kehrte auch Herbart ‚hinter Sokrates zurück’. Doch nicht (um, wie Nietzsche, die Metaphysik zu begraben) zum bodenlosewigen Werden des Heraklit, sondern (um die Metaphysik zu restaurieren) zum festen Halt am ewigen Sein der Eleaten;[79] mit trocknem Witz vorgetragen, aber blutig ernst gemeint.

Auf seinen Schöpfer verzichtet das neubarocke System nicht: „Gott, das reelle Zentrum aller praktischen Ideen und ihrer schrankenlosen Wirksamkeit, der Vater der Menschen und das Haupt der Welt“.[80] Nicht als vorgestellter Zeuge allgemeiner Zweckmäßigkeit ohne Zweck, sondern als wirkende Kraft, deren „unfehlbarer Erfolg“ im Gemüt der leibhaftigen Menschen „ebenso notwendig“ ist wie die ursächlichen Wirkungen „in der Körperwelt“![81]



MassenWirksam wurde Herbart nicht als Philosoph, sondern als Begründer der wissenschaftlichen Psychologie und der wissenschaftlichen Pädagogik. Aber leider hing eins am andern, und das hat die Sache verdorben. Am wirksamsten wurde seine Pädagogik durch das Falscheste daran. Das war die Scheidung in einen ‚praktischen’ Teil – der den Zweck darstellt: „die ästhetische Auffassung der umgebenden Welt“[82] – und einen davon unabhängigen theoretischen Teil, der die Methode begründet – seine rationalistische Psychologie: „Psychologische Pädagogik ist rein theoretisch. Sie macht jedes schlechte Verfahren und sein Wirken ebenso begreiflich als das rechte. So ist sie jedem brauchbar. Er mag nun seine Zwecke bestimmen, wie er immer will.“[83] Herbart hat die englische Assoziationspsychologie in Deutschland eingeführt, allerdings mit einem charakteristischen Zusatz. Er hat sie dynamisch gemacht – aber vor allem mechanisch, das heißt mathematisierbar. „Das Merken beruht auf der Kraft einer Vorstellung gegen die andern, welche ihr weichen sollen, also teils auf ihrer absoluten Stärke, teils auf der Leichtigkeit des Zurückweichens der übrigen.“[84] Vorstellungen gelten ihm als ‚Massen’, die einander verdrängen oder an einander anknüpfen können, als hätten sie ‚Haken und Ösen’. Das Verdrängen und Verknüpfen der Vorstellungen steuern – das wäre die technische Seite der pädagogischen Arbeit.[85]


Herbart blieb stets ein Gegner der Institution Schule, sein Ideal war der im familiären Alltag ästhetisierend wirksame Hauslehrer. Solche Feinheiten bekümmerten die Herbartianer nicht mehr.[86] Der Zweck der Pädagogik stand fest; Moralität, was sonst? Und die Methode mußte ja, wenn sie wissenschaftlich war, überall dieselbe sein! Mit ihrer Pedantisierung des Wie, der technischen Seite der Pädagogik – ohne Rücksicht auf das Was als ihrem Sinn – begründeten sie die Lernschule in Deutschland, wie wir sie bis heute kennen. Dem Standesbedürfnis der Lehrer war das recht. Das wissenschaftliche Interesse an der Pädagogik hat entweder philosophische oder beschäftigungspolitische Gründe; und wo nicht die philosophischen vorwalten, tun’s die andern. Denen verdanken wir die Technologisierung der Pädagogik zur ‚Methode’ und die leviathanische Erfassung des Heranwachsens durch die Staatsorgane ebenso wie das akademische Bastardfach ‚Erziehungswissenschaft’ als ihr Feigenblatt; und unsern Platz auf der Pisa-Skala sowieso.


Noch eine jede pädagogische Reformbewegung mußte damit beginnen, die Frage nach dem Was der Erziehung, als ihrem Rechtsgrund, neu aufzuwerfen. Geschmacksbildung – das ist das Was der Pädagogik, die ästhetische Darstellung der Welt ist ihr Wie: Herbarts elementare Einsicht freizulegen unterm technokratischen Gestrüpp, das aus seiner radikal verfehlten Metaphysik wuchert – das ist die Aufgabe des fälligen pädagogischen Neuanfangs. Die ästhetische Auffassung der Pädagogik läßt sich allein kritisch begründen; allerdings auch nur sie.
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63] Fichte an Schiller, 27. 7. 1795; in: Fichte, Briefe, Bln. (O) 1986, S. 154 
[64] Kant, Kritik der Urteilskraft; aaO, S. 417; 413 
[65] Fichte, Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung (1798) in Philosophisches Journal Bd. VIII (1798); neu: SW Bd. V, S. 186; 185 
[66] ders., Lehrbuch zur Einleitung in die Philosophie (1813); Hamburg 1993, S. 52; 50; 143; 53
[67] ders., Allgemeine Pädagogik…, hier zit. nach: (Hg. Holstein) Bochum 983, S. 103
[68] ders., Allgemeine praktische Philosophie (1808) in: SW Bd. 8, Hamburg 1890, S. 29; 23 
[69] ders., Über die ästhetische Darstellung der Welt als das Hauptgeschäft der Erziehung; hier zit. nach: Gerhard Müßener (Hg.), S. 108 
[70] ebd, S. 107 
71] Phaidon IV, 72e-74a 
[72] Mit dem kritischen (‚transzendentalen’) Idealismus ist übrigens eine andere als eine rein ‚materialistische’, streng auf Erfahrungstatsachen gegründete Naturwissenschaft nicht vereinbar; geschweige denn eine übersinnliche ‚Weltursache’. 
[73] Herbart, Hauptpunkte der Metaphysik (1806), SW Bd. 3, 1884 
[74] ders., Einleitung in die Philosophie, S. 330 
[75] Politeia VII, 514a-518b 
[76] Streng genommen handelt es sich also gar nicht mal um ‚Realismus’; vgl. W. Windelband/H. Heimsoeth, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, Tübingen 1950, S. 488 
[77] F. an Schelling am 22. 10. 1799; Briefe, S. 270 
[78] Herbart, Einleitung…, S. 66-80 
[79] gr. Philosophenschule im süditalienischen Elea, im 5. Jhdt. v. Chr.: Xenophanes, Parmenides, Zenon 
[80] Herbart, Die ästhetische Darstellung…, S. 118 
[81] ebd, S. 103 
[82] ebd, S. 115 
[83] ders., Aphorismen zur Pädagogik, SW Bd. 11, 1892; S. 430 
[84] ders., Allgemeine Pädagogik, S. 89 
[85] H. hat diese technische Seite in einem Gebäude von mathematischen Gleichungen formalisiert; gemäß dem über Leibniz von Descartes übernommenen Wissenschaftsprogramm. Vgl. Lehrbuch zur Psychologie (1816); SW Bd. 5, 1886; S. 15-36 
[86] an ihrer Spitze Tuiscon Ziller (1817-1882) und Wilhelm Rein (1847-1929)

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