Donnerstag, 13. Juni 2019

Individualität und Vernünftigkeit.


 
Auch das Individuum ist in der Wissenschaftslehre nicht das, was in Biologie oder Psychologie so heißt. Es ist vielmehr das bestimmte einzelne vernünftige Wesen in seinem Verhältnis – und Gegensatz – zu den anderen vernünftigen Wesen. Was nicht zu seiner Vernünftigkeit gehört – Sinnlichkeit, Leidenschaft, Irr tum – , kommt noch nicht in Betracht.*

Individuum im Sinne der Wissenschaftslehre ist derjenige, der auf dem Weg der Bestimmung seines Wollens in der Reihe all der andern vernünftigen Individuen schon ein gewisses Stück zurückgelegt hat. 

Und genau besehen ist vernünftig überhaupt erst seine Wechselwirkung mit jenen.

*) Der Geschmack ist ein irisierendes Zwischending.


Nota. - Die Wissenschaftslehre ist entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis keine Entwicklungsge- schichte des Bewusstseins, sondern eine Bestimmung dessen, was Vernunft ist.
4. 5. 17


Um es klar herauszusagen: Wirklich wird Vernunft überhaupt erst im historisch-wirklichen Individuum. Bis dahin befinden wir uns noch mitten in der Transzendendalphilosophie, und dort ist alles noumenal. Es wird nicht (hi- storisch) beschrieben, was wirklich geschieht, sondern (genetisch) hergeleitet, was es zu bedeuten hat. Die Herlei- tung ist eine problematische: Ob sie zutrifft, ist erst noch zu zeigen.

Dass sie zutrifft ist gezeigt, indem aus der noumenalen Herleitung ein historisch-phänomenales vernünftiges We- sen wirklich hervorgeht - wirklich: in der sinnlichen Welt, nicht erst in der intelligiblen. Das aber geschieht erst mit dem historischen Faktum der Aufforderung durch die Reihe vernünftiger Wesen. Jetzt erst ist Vernunft wirk- lich; wirkend in Raum und Zeit; phänomenal, nicht erst noch noumenal in der Einbildungskraft des Transzenden- talphilosophen.

Und wenns letzterer erst recht bedenkt, findet er: Sie muss schon immer 'da gewesen' sein; er hätte sich ihrer sonst nicht so erfolgreich bedienen können. Für ihn war sie immer historisch.




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