Freitag, 31. Oktober 2014

Vernunft ist die Überkompensation eines Mangels.



Die Bedeutungen der Urwaldnische waren an den Erhaltungswert gebunden.
Der Mangel an Bedeutungen in der offenen Welt ist nicht an den Erhaltungswert gebunden.


aus e. Notizbuch, Frühjahr 10


Das ist der Schlüssel zum Verständnis der Hominisation und der Schlüssel zum Mysterium der Vernunft. Nicht der Verstand ist das spezifisch Menschliche; tierische Intelligenzen reichen da nah heran. Hinzu kam die Fähigkeit, Zwecke zu setzen: wahrnehmen und wägen von Werten: Vernunft. 

Wertnehmen ist das Erfinden von etwas vorher-nie-Dagewesenem. In der Umwelt des Tieres gibt es nur einen Wert - Erhaltung; also keinen: von Werten kann erst die Rede sein, sobald ich wählen kann. Doch gegeben war nun auch der nicht mehr. Aber geführt werden musste das Leben, weil die 'Welt' in der Savanne offen war. Das war die Stunde der produktiven Einbildungskraft. Musste sie entstehen? Nein, aber sie konnte. Und dass die Familie Homo bis heute überlebt, bezeugt, dass sie entstanden ist.




 

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Es gibt keine Meta-Ebene ohne einen Sach-Verhalt.


Caravaggio, Narcissus

Warum ist etwas, statt dass nichts ist? 

Die Frage ist dämlich. Denn damit sie gestellt werden kann, muss es vorab einen geben, der sie stellen kann. Das ist nicht nur eine grammatische, sondern ein logisches Erfordernis. Wer so fragt, müsste gewissermaßen hinter sich "zurückgreifen" und annehmen, 'dass es ihn nicht gibt'. Korrekt müsste die Frage so lauten: Wäre es möglich, dass es Nichts gibt, statt dass es Etwas gibt?

Der Haken ist der: Die einzig mögliche Antwort auf die Frage "warum ist etwas..." wäre nämlich die: weil es einer geschaffen hat. Und die ist logisch nicht möglich. - Wenn eine (begründete) Antwort nicht möglich ist, dann ist die Frage nicht statthaft.

aus e. Notizbuch, 21. 3. 10


Na, das war wohl etwas salopp. Denn ob etwas faktisch ist, bedeutet etwas anderes, als ob es denkbar ist. Ich muss denken können, dass etwas ist, ohne dass eine Intelligenz 'da ist', die fragen kann. Dann kann ich aber auch denken, dass nichts ist, ohne dass ich danach fragen kann. Im Subjekt des Fragens liegt der Hund nicht begraben.

Sondern in dem Wonach. Was soll "Etwas" bedeuten? Es ist eine Abstraktion. 'Etwas' gibt es nicht wirklich. Es gibt diese und jenes und noch eins und noch eins. Auf die Frage 'Warum gibt es diesen Apfel?' ließen sich tausend Antworten finden, die alle mehr oder minder gültig sind. Auf den 'letzten Grund seines Seins' werde ich so nicht kommen, denn das Sein ist nichts, was empirisch vorkommt, sondern wiederum eine Abstraktion - die nicht ist, sondern lediglich denkbar ist. Empirisch lässt sich immer nur erfragen, ob etwas wirklich, nicht aber, ob etwas möglich ist. Möglichkeit ist eine logische Kategorie.

Angenommen, es gäbe nichts. Wäre dann die Frage möglich: Warum gibt es nichts, statt dass es Etwas gibt? Gäbe es nichts, dann wäre... 'Etwas' gar nicht denkbar; es wäre nicht die Abstraktion von 'all jenen Dingen, die es auf der Welt nicht gibt'. Es wäre nicht möglich. Was es nicht gibt, lässt sich nicht verallgemeinern ('begreifen'). Man kann nicht fragen: Warum gibt es unendlich viele Dinge, die nicht sind, und keines, das ist?
 
Nichts ist nicht logisch gleichrangig mit dem Sein so wie Kopf und Zahl auf der Münze. Die Negation ist möglich nicht nur nach, sondern wegen der Position; nicht umgekehrt. Nicht nur nicht faktisch, sondern auch nicht gedanklich. Verneinen ist ein Reflexionsakt. Was nicht ist, darauf kann man nicht reflektieren.



Mittwoch, 29. Oktober 2014

Animal transcendens.


mzibo.net

A und O der Philosophie: Der Mensch ist das einzige Tier, dass sich mit seinem Dasein nicht begnügen kann. Es füllt ihn nicht aus, weil er das einzige Lebewesen ist, das nicht (mehr) an seinem angestammten Platz lebt, wo er hingehört und der ihm seine Bestimmung vorgibt, die er nur noch zu erfüllen hat. Er lebt in einer Welt, die keine Grenzen hat, die er ausfüllen könnte.

In der Welt fühlt er sich ständig unterwegs und nie an seinem Platz. Der eine kommt sich als geworfen vor, der andere als ausgesandt; und keiner aufgehoben. Dazwischen spielt sich alle Philsophie ab.

Das A selber ist noch kein philosophisches Problem, sondern ein entwicklungsgeschichtlicher Sachverhalt.

aus e. Notizbuch, Frühsommer 09


Weitergehen müsste es mit O: der sekundären Freisetzung des Menschen durch das Ende der industriellen Zivilisation in der digitalen Revolution; dazwischen liegt die selbstgebaute Umweltnische der Arbeitsgesellschaft. - Soweit die anthropologische Basis allen Philosophierens.


Es beginnt mit der Frage, wohin. Darauf folgen viele - erst mythische, dann religiöse, schließlich vernünftige - Antworten, doch selbst die vernünftigen Antworten können der Kritik schließlich nicht standhalten. Und am Schluss steht doch wieder nur die Frage: wohin. Der einzig positive Ertrag der Kritik ist der: Nach dem Wohin ist nicht in der Welt zu suchen, sondern findet sich mit dem Gehen selbst.


 

Dienstag, 28. Oktober 2014

Natur- und Gesellschaftswissenschaft unterscheiden sich pragmatisch.



Wissenschaft ist öffentliches Wissen.

Das ist eine pragmatische Definition, keine substanziale. Sie besteht aus zwei Gliedern: Wissenschaft ist jene Art des Gewärtigseins, das auf seine Gründe hin überprüft wurde. (Wobei am Problem des 'letzten Grundes' deutlich wird, dass dies wiederum eine pragmatische, nämlich relative [graduelle] Unterscheidung ist.)

Öffentlich ist das Wissen dann, wenn die Überprüfung der Gründe grundsätzlich jederzeit von jederman nach-vollzogen werden kann.

Hier schon zeigt sich, dass auch die Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenshaften lediglich eine pragmatische ist:* bezogen darauf, wie das Wissen erlangt wird, nicht darauf, dass 'Natur' und 'Geist' verschiedene Substanzen wären. 

Mit "Fakten" hat es jede Wissenschaft zu tun, wenn sie denn eine ist. Aber auch die Fakten unterscheiden sich nicht nach ihrer Substanz, sondern nach der Art und Weise, wie sie fest-gestellt werden; wie ein "Erlebnis" alias Wahrnehmungsphänomen aus der Erlebnisflut oder dem Rauschen der Phänomene isoliert und sistiert wird. (Das geschieht immer durch Begriffe. Aber wie kommt ein Begriff "zu Stande"?!)

Der springende Punkt für die Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaft ist das Experiment. Dessen Spezifikum ist, dass es jederzeit von jedermann wiederholbar ist. Auch hier betrifft die Prüfung nicht die "Substanz" der "Fakten" selbst, sondern die Art und Weise, wie sie gewonnen wurden: die Versuchsanordnung. Jeder muss die Versuchsanordnung selber überprüfen können, indem er sie selbst praktiziert. Praktisch kann er sie prüfen. Und es ist klar: Irgendetwas muss immer als gewiss vorausgesetzt werden. (Auch die Frage nach dem letzten Grund kann nur "pragmatisch" beantwortet werden: durch praktische Setzung.)

"Geisteswissenschaften" nennen wir jenen Bereich öffentlichen Wissens, in dem reelle Experiment nicht machbar sind. Hier muss man sich mit einem Analogon behelfen: dem Gedankenexperiment; der Frage (in der Historiographie), "was wäre gewesen, wenn" {vgl. Max Weber}{Unmöglichkeit reeller Experimente in Geschichts- und Gesellschaftswissenschaft: vgl. Marx}.

Das Gedankenexperiment unterscheidet sich vom reellen Experiment seinerseits nur pragmatisch, nämlich graduell: sofern hier sehr viel mehr "als gewiss" vorausgesetzt werden muss - und darum selber umstritten bleiben kann.

*) so wie die zwischen idiographisch und nomothetisch; aber die ist bereits abgeleitet.

aus e. Notizbuch, 25. 6. 06


Auch die Unterscheidung 'nomothetisch' und 'idiographisch' war eine pragmatische: bezogen auf die Erkenntnisabsicht, nicht auf die (vorausgesetzte) "Natur" des Gegenstands.


Oder etwa doch? Denn wenn ich voraussetze, dass sich mein Gegenstand unter ein 'Gesetz' fassen lässt, mache ich eine metaphysische Annahme!

Was heißt Gesetz? Es ist eine Analogie zur menschlichen Gesellschaft. Prämisse: Die Subjekte handeln alias bewegen sich sponte sua, de motu proprio usw. Dann greift ein Gesetzgeber ein, der ihnen einen Rahmen setzt, innerhalb dessen sie sich bewegen "dürfen" (aber weiterhin de proprio motu). Diese Vorstellung von einem Gesetz hat die Naturwissenschaft nun gerade nicht. Wenn das Wort vom Gesetz ernst genommen werden kann, muss es eine wirkende Kraft bedeuten. Denn das wäre ein inkosistentes Bild: Zuerst wären 'Teile' da, die "machen, was sie wollen", dann tritt ein Schöpfer auf, der eine 'Ordnung zum Ganzen' hinzufügt. Wenn schon Schöpfer, dann ganz Schöpfer, und seien es gar mehrere: "Naturgesetze" - die sich "autopoietisch" zu einander gefunden haben?! 

Freilich ist die Annahme von wirkenden Naturgesetzen in den modernen Naturwissenschaften nur als ob. Eine heuristische Fiktion - und also doch 'pragmatisch'.

ebd., 6. 7. 06

Und nur, weil sie 'heuristisch fingiert' ist, können alle Wissenschaftler sie bedenkenlos teilen, ohne in metaphysischen Streit zu geraten: Diese Annahme muss, qua pragmatisch, nicht bewiesen werden, es genügt, wenn sie sich bewährt - im Experiment. Das 'Gesetz' ist nur ein semantischer Rahmen für den ansonsten wissenschaftlich unaussprechlichen Gedanken: "Es passiert mit Notwendigkeit immer so und nie anders".

ebd., 9. 7. 06



Nachtrag.

Die Annahme, das Gesetz bezöge seine Gültigkeit aus der vertraglichen Verfassung des Gemeinwesens, ist durchaus nicht naturwüchsig, sondern modern. Naturwüchsig ist die Vorstellung, Gesetze entsprängen dem Willen eines Souveräns.

Montag, 27. Oktober 2014

Top down oder bottom up?


Uwe Steinbrich, pixelio.de

Das Prinzip der modernen Wissenschaft ist die Analyse; und darum ist sie atomistisch?

Recte: Sie ist vorderhand (im intendierten Ergebnis) atomistisch - und darum verfährt sie analytisch. Die Grundvorstellung ist nämlich die, Wahrheit sei zusammengesetzt aus letzten, kleinsten, unauflöslichen Wahrheitspartikeln ('Begriffe'), die ihrerseits (als Entelechien?) das Gesetz in sich tragen ('Logik'), sich zu Molekülen zusammenzufügen, zu Zellen, zu Organismen; zum "Kosmos".

Der Organizismus ist nur auf den ersten Blick das "genaue Gegenteil"; indem er die Reihenfolge umkehrt. Die innere Verfassung ist aber dieselbe, der Streit geht nur darum, auf welcher Seite die ("onto"-) logische Priorität liegt, von welcher Seite her die Geltung ausgeht. 

Aber dass das, was erscheint, sein Gesetz, wie es erscheint, in sich selber trägt, darüber sind sie ja einig; nur ob dieses von oben nach unten oder von unten nach oben weist, das ist strittig.

Die kritische Auffassung stellt sie gleichrangig nebeneinander und löst sie auf.

(In der Mikrophysik haben sich die "Unteilbaren" als höchst flüchtig erwiesen, je näher man an sie herankommt, umso mehr lösen sie sich auf, in bloße "Ladungen", die nicht einmal mehr res extensae sind, sondern bloße "Wellen"....

aus e. Notizbuch, 30. 4. 07


Der Eintrag ist offenbar nicht fertiggeworden. Es müsste nämlich folgen:

Die ewige metaphysische Versuchung des Geistes war immer und wird immer sein, die Gesetze des Denkens für irgendwie dasselbe zu halten - ein Spielgebild, den Schatten, das Schema - wie die Bewegungsgesetze der Welt; und daher das organische oder eben das atomistische Modell auf die Welt der Vorstellungen zu übertragen. 

'Die Welt ist alles, was der Fall ist' lässt sich gar nicht denken ohne eine atomistische Prämisse. Alle "Fälle", die "sind", sind die jeweils kleinsten Einheiten des Wahren (des Geltens),* und jede müsste sich für sich selber identifizieren, d. h. von den andern isolieren und absolut setzen lassen. Klar, dass dann für ein Subjekt nichts mehr zu tun bleibt. 

Indes, das Ich 'tritt in die Philosophie ein' durch die Hintertür; "indem" nämlich "die Welt meine Welt ist". Bevor sich über die Welt irgendetwas aussagen lässt, ist dies "der Fall": Die Welt ist meine Welt, sonst könnten alle anderen Fälle, die sind, auf sich beruhen bleiben. In Sachen Geltung ist dies der Ausgangspunkt, der jedem weiteren Schritt zu Grunde liegt. Aber so wahr ich Einer bin, ist demnach auch die Welt eine, und was im Einzelnen gilt, gilt nur, sofern der Grund-Satz gilt: Die Welt ist meine Welt. 


*) 'Was der Fall ist' bezeichnet in jenem bekannten Satz selbstverständlich nur logische Fälle.



Sonntag, 26. Oktober 2014

Der kategorische Imperativ der Theorie.



76. Die intellektuale Anschauung ist der kategorische Imperativ der Theorie.
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Friedrich Schlegel, Athenaeums-Fragmente





Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE     

Samstag, 25. Oktober 2014

Das Geschmacksurteil und der ästhetische Zustand.



§ 9 - Untersuchung der Frage: ob im Geschmacksurteile das Gefühl der Lust vor der Beurteilung des Gegenstandes, oder diese vor jener vorhergehe 

Die Auflösung dieser Aufgabe ist der Schlüssel zur Kritik des Geschmacks, und daher aller Aufmerksamkeit würdig.

Ginge die Lust an dem gegebenen Gegenstande vorher, und nur die allgemeine Mitteilbarkeit derselben sollte im Geschmacksurteile der Vorstellung des Gegenstandes zuerkannt werden, so würde ein solches Verfahren mit sich selbst im Widerspruche stehen. Denn dergleichen Lust würde keine andere, als die bloße Annehmlichkeit in der Sinnenempfindung sein, und daher ihrer Natur nach nur Privatgültigkeit haben können, weil sie von der Vorstellung, wodurch der Gegenstand gegeben wird, unmittelbar abhinge.

Also ist es die allgemeine Mitteilungsfähigkeit des Gemütszustandes in der gegebenen Vorstellung, welche als subjektive Bedingung des Geschmacksurteils demselben zum Grunde liegen und die Lust an dem Gegenstande zur Folge haben muß. Es kann aber nichts [anderes] allgemein mitgeteilt werden als Erkenntnis, und Vorstellung, sofern sie zum Erkenntnis gehört. Denn sofern ist die letztere nur allein objektiv, und hat nur dadurch einen allgemeinen Beziehungspunkt, womit die Vorstellungskraft Aller zusammenzustimmen genötigt wird. Soll nun der Bestimmungsgrund des Urteils über diese allgemeine Mitteilbarkeit der Vorstellung bloß subjektiv, nämlich ohne einen Begriff vom Gegenstande gedacht werden, so kann er kein anderer als der Gemütszustand sein, der im Verhältnisse der Vorstellungskräfte zueinander angetroffen wird, sofern sie eine gegebene Vorstellung auf Erkenntnis überhaupt beziehen.

Die Erkenntniskräfte, die durch diese Vorstellung ins Spiel gesetzt werden, sind hiebei in einem freien Spiele, weil kein bestimmter Begriff sie auf eine besondere Erkenntnisregel einschränkt. Also muß der Gemütszustand in dieser Vorstellung der eines Gefühls des freien Spiels der Vorstellungskräfte an einer gegebenen Vorstellung zu einem Erkenntnisse überhaupt sein. Nun gehören zu einer Vorstellung, wodurch ein Gegenstand gegeben wird, damit überhaupt daraus Erkenntnis werde, Einbildungskraft für die Zusammensetzung des Mannigfaltigen der Anschauung, und Verstand für die Einheit des Begriffs der die Vorstellungen vereinigt. Dieser Zustand eines freien Spiels der Erkenntnisvermögen bei einer Vorstellung, wodurch ein Gegenstand gegeben wird, muß sich allgemein mitteilen lassen: weil Erkenntnis als Bestimmung des Objekts, womit gegebene Vorstellungen (in welchem Subjekte es auch sei) zusammen stimmen sollen, die einzige Vorstellungsart ist, die für jedermann gilt.

Die subjektive allgemeine Mitteilbarkeit der Vorstellungsart in einem Geschmacksurteile, da sie ohne einen bestimmten Begriff vorauszusetzen stattfinden soll, kann nichts anders als der Gemütszustand in dem freien Spiele der Einbildungskraft und des Verstandes (sofern sie untereinander, wie es zu einem Erkenntnisse überhaupt erforderlich ist, zusammenstimmen) sein: indem wir uns bewußt sind, daß dieses zum Erkenntnis überhaupt schickliche subjektive Verhältnis ebensowohl für jedermann gelten und folglich allgemein mitteilbar sein müsse, als es eine jede bestimmte Erkenntnis ist, die doch immer auf jenem Verhältnis als subjektiver Bedingung beruht.

Diese bloß subjektive (ästhetische) Beurteilung des Gegenstandes oder der Vorstellung, wodurch er gegeben wird, geht nun vor der Lust an demselben vorher, und ist der Grund dieser Lust an der Harmonie der Erkenntnisvermögen; auf jener Allgemeinheit aber der subjektiven Bedingungen der Beurteilung der Gegenstände gründet sich allein diese allgemeine subjektive Gültigkeit des Wohlgefallens, welches wir mit der Vorstellung des Gegenstandes den wir schön nennen, verbinden.

Daß seinen Gemütszustand, selbst auch nur in Ansehung der Erkenntnisvermögen, mitteilen zu können, eine Lust bei sich führe: könnte man aus dem natürlichen Hange des Menschen zur Geselligkeit (empirisch und psychologisch) leichtlich dartun. Das ist aber zu unserer Absicht nicht genug. Die Lust, die wir fühlen, muten wir jedem andern im Geschmacksurteile als notwendig zu, gleich als ob es für eine Beschaffenheit des Gegenstandes, die an ihm nach Begriffen bestimmt ist, anzusehen wäre, wenn wir etwas schön nennen; da doch Schönheit ohne Beziehung auf das Gefühl des Subjekts für sich nichts ist. Die Erörterung dieser Frage aber müssen wir uns bis zur Beantwortung derjenigen: ob und wie ästhetische Urteile a priori möglich sind, vorbehalten. ...

aus Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, Erstes Buch, § 9 [Interpunktion geändert]
in Werke, ed. Weischedel, Bd IX, Ffm 1968, S. 131


Nota. - Kant hat eine völlig neue Art zu denken in die Welt gesetzt, da hatte er genug zu tun; all den jahrhundertealten scholastischen Ballast abzustreifen, den er in der Wolf-Baumgarten-Schule mitbekommen hatte, fehlte ihm die Zeit. Oder anders - wenn sein Herangehen an das Erkenntnisvermögen insgesamt auch ein phänomenologisches ist, hängt er in der Durchführung immer noch der Unsitte an, vorab Begriffe zu definieren und hernach Erkenntnis daraus zu konstruieren.  

Etwa so: Weil ästhethische Urteile mitgeteilt werden, müssen sie auf Erkenntnis ausgegangen sein, denn nur Erkenntnis lässt sich mitteilen. Ergo muss den Geschmacksurteilen etwas Allgemeingültiges zukommen. - Wenn aber nun gerade dies das Paradox der ästhetischen Urteile wäre: dass sie so mitgeteilt werden, als ob sie allgemeine Geltung beanspruchen könnten, obwohl sie doch aus rein privatem Erleben stammen -? Weshalb man über Geschmack sehr wohl streiten kann, nur nicht argumentieren, weil eben die Begriffe fehlen. 

Man könnte sagen: Im Streit über Geschmacksurteile findet ein freies Spiel der Vorstellungskräfte statt, das eben deshalb ein Spiel ist, weil die Erkenntnisvermögen dabei immer nur so tun, als ob... Das wäre nicht bloß der natürliche Hang der Menschen zur Geselligkeit, sondern die Eigenlogik der Geschmacksurteile: dass sie danach drängen, mitgeteilt zu werden, weil sie erst ganz sie selber sind, sobald sie Junge werfen.

JE

Freitag, 24. Oktober 2014

Evidenz ist nur ideell.


 
Evidenz tritt ein, wenn ich tue, das ich wollte, und im Vollzug der Handlung finde, dass ich es nur so und nicht anders machen konnte.

Ins reelle Handeln tritt immer ein Moment von Kontingenz ein. Evidenz gibt es nur im ideellen Handeln.*

aus e. Notizbuch, im Mai 09  


*Nachtrag 2014
Das ist es, was uns als wahr imponiert. 





Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Die Laborsituation ist kontingent.


 
Die Laborsituation ist selber kontingent. Nichts ist notwendig im wirklichen Leben, auch keine Wissenschaft. Zu der muss man sich erst entschließen. Daher gab es sie auch nicht immer.

aus e. Notizbuch, im Mai 2009


Nachtrag
Die Laborsituation verhält sich zur Wirklichkeit so wie der Begriff zum täglichen Leben - als eine Ausnahme von der Regel.







Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Im Leben ist der Begriff eine Ausnahme.


Harry Hautumm  / pixelio.de

Für das, was sich von selbst versteht, brauche ich keinen Begriff. Es sei denn, ich wollte gerade das kritisieren: dass es sich von selbst versteht. Der Begriff ist Maßstab der Überprüfung. Im täglichen Leben ist er die Ausnahme. Ohne die Annahme, dass sich das meiste von selbst versteht, brächte ich kaum mal vierund- zwanzig Stunden über die Runden.

aus e. Notizbuch, im Mai 2009


Nachtrag.
Im Alltag brauche ich meine Vorstellungen nicht zu fassen. Da reicht das Ungefähr, da ist manchmal ein Wort so gut wie das andere.








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