Samstag, 31. März 2018

Was heißt: sich etwas denken?


Was heißt: sich denken, sich etwas denken? Die Art, wodurch die Noumene zu Stande kommen, ist das 'sich denken'? Das Intelligible in das Sinnliche hineinsetzen als Vereinigungsgrund heißt: sich etwas denken. Das bloß Gedachte ist nicht in der Erfahrung, sondern wird erst durch das Erfahrende heineingetragen; daher heißt es a priori in der Bedeutung, wie Kant dies Wort nimmt.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 137






Freitag, 30. März 2018

Wenn die Transzendental-…

 
…alias Kritische Philosophie nicht dazu taugte, im anthropologischen Feld die Spreu vom Weizen zu trennen, wäre sie überflüssig. 

7. 1. 14 






Donnerstag, 29. März 2018

Top down oder bottom up?

Uwe Steinbrich, pixelio.de

Das Prinzip der modernen Wissenschaft ist die Analyse; und darum ist sie atomistisch?

Recte: Sie ist vorderhand (im intendierten Ergebnis) atomistisch - und darum verfährt sie analytisch. Die Grundvorstellung ist nämlich die, Wahrheit sei zusammengesetzt aus letzten, kleinsten, unauflöslichen Wahrheitspartikeln ('Begriffe'), die ihrerseits (als Entelechien?) das Gesetz in sich tragen ('Logik'), sich zu Molekülen zusammenzufügen, zu Zellen, zu Organismen; zum "Kosmos".

Der Organizismus ist nur auf den ersten Blick das "genaue Gegenteil"; indem er die Reihenfolge umkehrt. Die innere Verfassung ist aber dieselbe, der Streit geht nur darum, auf welcher Seite die ("onto"-) logische Priorität liegt, von welcher Seite her die Geltung ausgeht. 

Aber dass das, was erscheint, sein Gesetz, wie es erscheint, in sich selber trägt, darüber sind sie ja einig; nur ob dieses von oben nach unten oder von unten nach oben weist, das ist strittig.

Die kritische Auffassung stellt sie gleichrangig nebeneinander und löst sie auf.

(In der Mikrophysik haben sich die "Unteilbaren" als höchst flüchtig erwiesen, je näher man an sie herankommt, umso mehr lösen sie sich auf, in bloße "Ladungen", die nicht einmal mehr res extensae sind, sondern bloße "Wellen"....


aus e. Notizbuch, 30. 4. 07


Der Eintrag ist offenbar nicht fertiggeworden. Es müsste nämlich folgen:

Die ewige metaphysische Versuchung des Geistes war immer und wird immer sein, die Gesetze des Denkens für irgendwie dasselbe zu halten - ein Spielgebild, den Schatten, das Schema - wie die Bewegungsgesetze der Welt; und daher das organische oder eben das atomistische Modell auf die Welt der Vorstellungen zu übertragen. 

'Die Welt ist alles, was der Fall ist' lässt sich gar nicht denken ohne eine atomistische Prämisse. Alle "Fälle", die "sind", sind die jeweils kleinsten Einheiten des Wahren (des Geltens),* und jede müsste sich für sich selber identifizieren, d. h. von den andern isolieren und absolut setzen lassen. Klar, dass dann für ein Subjekt nichts mehr zu tun bleibt. 

Indes, das Ich 'tritt in die Philosophie ein' durch die Hintertür; "indem" nämlich "die Welt meine Welt ist". Bevor sich über die Welt irgendetwas aussagen lässt, ist dies "der Fall": Die Welt ist meine Welt, sonst könnten alle ande- ren Fälle, die sind, auf sich beruhen bleiben. In Sachen Geltung ist dies der Ausgangspunkt, der jedem weiteren Schritt zu Grunde liegt. Aber so wahr ich Einer bin, ist demnach auch die Welt eine, und was im Einzelnen gilt, gilt nur, sofern der Grund-Satz gilt: Die Welt ist meine Welt. 

*) 'Was der Fall ist' bezeichnet in jenem bekannten Satz selbstverständlich nur logische Fälle.

27. 10. 14

Dienstag, 27. März 2018

Vordringlichkeit des Realismus.


Wissen ist Einsicht in die Bedeutungen der Erscheinungen. Die gnoseologische Grundfrage: Ist die Einsicht eine Subjektivieren eines Objektivums (Wesen) oder das Objektivieren eines Subjektivums (Intention)?

[Im scholastischen Vokabular: 'Intentio' ist 'Bedeutung'.]

Es trifft sich, dass die 'objektivistische' Antwort zugleich eine ontologisch-metaphysische ist. Sie fällt doppelt ins Gewicht. 

aus e. Notizbuch, 3. 9. 07


Die kritische oder transzendentale Auffassung ist im wirklichen Leben gar nicht zu gebrauchen. In seinem Alltag bemüht sich auch der Philosophierende, sein Wissen den Dingen anzugleichen. Die eine Auffassung ist wahrer, die andere wirklicher, und die wirklichere hat mehr Recht. 3. 12. 14





Montag, 26. März 2018

Das Transzendentale ist rein noumenal.


isha.sadhguru

Dass Transzendenz nicht in die Wissenschaft und also auch nicht in die Philosophie gehört, hat sich als stille Selbstverständlichkeit durchgesetzt, wenn auch an theologischen Fakultäten pro forma noch das Gegenteil gesagt wird und Astrophysiker, wenn sie die Siebzig überschritten haben, ihre Phantasie auch gern mal hinter den Urknall zurückschweifen lassen. Wirklich ist bloß die Wirklichkeit.

Wie ist das mit dem Transzendentalen? Die paar verbliebenen trotzigen Kantianer - Fichtianer gibt es auch wieder - meinen, dass die Positivismen verschiedener Couleur sie noch nie überholt, nicht einmal eingeholt haben. Doch ob das Transzendentale nun zur Wirklichkeit gehört oder doch nicht mehr, darf man sie nicht fragen: So einfach wär das nicht! Vielleicht sei es ja eine Realität sui generis, der Erfahrng zwar nicht zugäng- lich, kann dank passender Verrichtungen aber vielleicht doch spekulativ erschlossen werden? Nicht zu jeder Zeit und nicht durch jedermann, man kann gar nicht recht sagen, was es ist, man muss es selber ausprobiert, gewis- sermaßen erfahren haben wie das Mystische, sonst fasst man es nie...


Es wundert nicht, dass Studenten, die ein Faible für die Schärfe des Begriffs haben, die Transzendentalphiloso- phie unbeachtet links liegenlassen.

Man muss ein für allemal klarstellen: Das Transzendentale hat keine Realität, es ist rein noumenal; und um den Schlaumeiern zuvorzukommen: Auch als Begriff hat es keine Realität.

Es ist nicht ratsam, mit der Transzendentalphilosophie an ihrem historischen Ursprung bei Kant anzufangen. Kant ist nicht zuende gekommen und auf halbem Weg stehen geblieben. Nach einem ganzen Leben Kant- studium hat noch jeder mehr Fragen übrigbehalten als Antworten bekommen. Bis zum Schluss ist Fichte ge- gangen, oder doch beinahe, er hat kurz vorher doch noch kalte Füße bekommen und sich in die Büsche ge- drückt: Jacobi hatte ihm gesagt, er habe zwar gegen Kant völlig Recht, aber seine Philosophie könne lediglich den Nihilismus begründen, und egal, ob richtig oder falsch, sei sie daher zu verwerfen. Davor ist Fichte zurück- geschreckt.

Das hätte er aber nicht müssen, man kann auch als Nihilist ein anständiger Mensch bleiben, es kommt bloß drauf an, was man draus macht: Man hat ja jetzt Freiheit, und darum ging es ihm doch. Und das einen das umso stärker in die Pflicht nimmt, hätte ihm gefallen müssen.

*

Wenn ich also ohnehin an mich selbst und meine leere Freiheit verwiesen bin, wenn ich mir alles, was Wert hat, doch ganz alleine einbilden und vorstellen muss; wenn ich gar noch selber entscheiden soll, was es jeweils wert ist - wozu bräuchte ich die Transzendental- oder sonst eine Philosophie überhaupt?

Das Noumenon ist nach Kant ein "Grenzbegriff", der die Selbstherrlichkeit der Sinnlichkeit, die alles gelten lässt, was sie mit eignen Augen sieht, sonst aber nichts - der ihre Selbstherrlichkeit in die Schranken weist: Was ich soll, kann ich aus dem, was ist, nicht herauslesen. Das Noumenon ist ein bloß-Gedachtes, das auf ein Da- sein in der Welt gar keinen Anspruch macht, das lediglich gelten will - nämlich im Verkehr der anderen Gedach- ten untereinander. 

Auch den Anmaßungen meiner Einbildungskraft ziehen die Noumena nämlich Grenzen, besser gesagt: Nur Noumena können meine Einbildungskraft in den ihr zukommenden Grenzen halten, denn außerdem ist sie ganz frei. Was ich soll, kann ich nämlich auch durch bloßes Einbilden nicht wissen. Ich werde es entscheiden müssen, aber dazu brauche ich Maße, die ich wiederum nirgends finde als in mir. Das Transzendentale ist rein noumenal heißt: Die Transzendentalphilosophie ist das immanente Maß unserer Vorstellung. Das Maß hat selber kein Sein. Es ist immer nur dann und da, wenn und wo gemessen wird, denn das geschieht in der Wirklich- keit.

Ein Maß braucht sie freilich nur, wenn und sofern sie vernünftig sein will; das heißt: nicht immer und überall. Wenn ich nur für mich allein wäre, bräuchte ich keine Vernunft, da könnte ich tun, wonach mir eben ist.

28. 1. 17 


Sonntag, 25. März 2018

Woher kommt der Ausdruck 'transzendental'?

§ 12.
Es findet sich aber in der Transscendentalphilosophie der Alten noch ein Hauptstück vor, welches reine Verstandesbegriffe enthält, die, ob sie gleich nicht unter die Kategorien gezählt werden, dennoch nach ihnen als Begriffe a priori von Gegenständen gelten sollten, in welchem Falle sie aber die Zahl der Kategorien vermehren würden, welches nicht sein kann.

Diese trägt der unter den Scholastikern so berufene Satz vor: quodlibet ens est unum, verum, bonum. Ob nun zwar der Gebrauch dieses Princips sehr kümmerlich ausfiel, so daß man es auch in neueren Zeiten beinahe nur ehrenhalber in der Metaphysik aufzustellen pflegt, so verdient doch ein Gedanke, der sich so lange Zeit erhalten hat, so leer er auch zu sein scheint, immer eine Untersuchung seines Ursprungs und berechtigt zur Vermuthung, daß er in irgend einer Verstandesregel seinen Grund habe, der nur, wie es oft geschieht, falsch gedolmetscht worden.

Diese vermeintlich transscendentale Prädicate der Dinge sind nichts anders als logische Erfordernisse und Kriterien aller Erkenntniß der Dinge überhaupt und legen ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der Einheit, Vielheit und Allheit, zum Grunde, nur daß sie diese, welche eigentlich material, als zur Möglichkeit der Dinge selbst gehörig, genommen werden müßten, in der That nur in formaler Bedeutung, als zur logi- schen Forderung in Ansehung jeder Erkenntniß gehörig, brauchten und doch diese Kriterien des Denkens unbehutsamer Weise zu Eigenschaften der Dinge an sich selbst machten.

In jedem Erkenntnisse eines Objects ist nämlich Einheit des Begriffs, welche man qualitative Einheit nennen kann, so fern darunter nur die Einheit der Zusammenfassung des Mannigfaltigen der Erkenntnisse gedacht wird, wie etwa die Einheit des Thema in einem Schauspiel, einer Rede, einer Fabel. Zweitens Wahrheit in Ansehung der Folgen. Je mehr wahre Folgen aus einem gegebenen Begriffe, desto mehr Kennzeichen seiner objectiven Realität. Dieses könnte man die qualitative Vielheit der Merkmale, die zu einem Begriffe als einem gemeinschaftlichen Grunde gehören (nicht in ihm als Größe gedacht werden), nennen. Endlich drittens Vollkommenheit, die darin besteht, daß umgekehrt diese Vielheit zusammen auf die Einheit des Begriffes zurückführt und zu diesem und keinem anderen völlig zusammenstimmt, welches man die qua- litative Vollständigkeit (Totalität) nennen kann.

Woraus erhellt, daß diese logische Kriterien der Möglichkeit der Erkenntniß überhaupt die drei Kategorien der Größe, in denen die Einheit in der Erzeugung des Quantum durchgängig gleichartig angenommen wer- den muß, hier nur in Absicht auf die Verknüpfung auch ungleichartiger Erkenntnißstücke in einem Bewußt- sein durch die Qualität eines Erkenntnisses als Princips verwandeln. So ist das Kriterium der Möglichkeit eines Begriffs (nicht des Objects derselben) die Definition, in der die Einheit des Begriffs, die Wahrheit alles dessen, was zunächst aus ihm abgeleitet werden mag, endlich die Vollständigkeit dessen, was aus ihm gezo- gen worden, zur Herstellung des ganzen Begriffs das Erforderliche desselben ausmacht; oder so ist auch das Kriterium einer Hypothese die Verständlichkeit und Kriterien aller Erkenntniß der Dinge überhaupt und legen ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der Einheit, Vielheit und des angenommenen Erklärungs- grundes oder dessen Einheit (ohne Hülfshypothese), die Wahrheit (Übereinstimmung unter sich selbst und mit der Erfahrung) der daraus abzuleitenden Folgen und endlich die Vollständigkeit des Erklärungsgrundes zu ihnen, die auf nichts mehr noch weniger zurückweisen, als in der Hypothese angenommen worden, und das, was a priori synthetisch gedacht war, a posteriori analytisch wieder liefern und dazu zusammenstimmen.

 - Also wird durch die Begriffe von Einheit, Wahrheit und Vollkommenheit die transscendentale Tafel der Kategorien gar nicht, als wäre sie etwa mangelhaft, ergänzt, sondern nur, indem das Verhältniß dieser Begriffe auf Objecte gänzlich bei Seite gesetzt wird, das Verfahren mit ihnen unter allgemeine logische Regeln der Übereinstimmung der Erkenntniß mit sich selbst gebracht.

aus Kritik der reinen Vernunft, Akademie-Ausgabe AA III, S. 97ff


In der mittelalterlichen Scholastik sind Transzendentalien (lat.: transcendentalia, von transcendere „über- steigen“) die Grundbegriffe, die allem Seienden als Modus zukommen. Wegen ihrer Allgemeinheit über- steigen sie die besonderen Seinsweisen, welche Aristoteles die Kategorien nannte (Substanz, Quantität, Qualität usw.). Die Transzendentalien liegen aber nicht jenseits der Kategorien, sondern sind in allen Kategorien jeweils enthalten.

Ontologisch betrachtet werden die Transzendentalien als das allen Seienden Gemeinsame aufgefasst, da sie von allem ausgesagt werden können. In kognitiver Hinsicht sind sie die „ersten“ Begriffe, da sie nicht auf logisch Vorausgehendes rückführbar sind.

Im Hochmittelalter seit Albertus Magnus sind die Transzendentalien der eigentliche Gegenstand der Meta- physik. Obgleich man sich über ihre Anzahl uneins war, bestand Konsens darüber, dass neben dem Grund- begriff des Seienden selbst (ens) Einheit (unum), Wahrheit (verum) und Gutheit (bonum) zu den Transzen- dentalien gehören. Weiterhin wurden noch das Wesen (res), die Andersheit (aliquid) und in neuerer Zeit die Schönheit (pulchrum) zu den Transzendentalien gezählt. Ansätze zur scholastischen Transzendentalien- lehre finden sich bereits bei Platon und seiner höchsten Idee des Guten und bei Aristoteles, für den die Be- griffe „Seiendes“ und „Eines“ austauschbar sind, da sich der Begriff des Einen auf all das anwenden lasse, auf was auch das Prädikat „seiend“ zutrifft.

aus wikipedia


Nota. -  Die Transzendentalphilosophie hat es nie leicht gehabt, weil sie schwer ist. Weniger schwierig in einem verfahrenstechnischen Sinn, als schwer, weil sie verlangt, von unwillkürlichen, weil selbstverständli- chen Voraussetzungen abzusehen und so zu tun, als würde man ganz von vorn anfangen. 

Ein zusätzliches und an sich unnötiges Hemmnis ist allein schon ihr Name. Das Transzendente - da weiß jeder ungefähr, was er sich drunter vorzustellen hat und vielleicht gar nicht vorstellen kann. Das Tranzen- dentale klingt so, als wäre es davon abgeleitet und sekundär. 'Transzendent ist, was jenseits der Erfahrung liegt; transzendental ist, was diesseits der Erfahrung liegt', lautet die Erläuterung des Belehrers. Aber davon, was diesseits meiner Erfahrung lag, musste ich schon eine gewisse Ahnung haben, wenn ich das verstehen sollte; das Wort allein macht mich um nichts klüger.
 
Kant war sich bewusst, eine ganz neue Denkweise in die Welt gesetzt zu haben. Die dafür erforderlichen Ausdrücke standen noch in keinem Wörterbuch, er musste sie schlecht und recht zusammensuchen und war froh, wenn er in der philosophischern Schulsprache ein paar Anhaltspunkte fand. 

Es waren aber, wie wir an dieser Stelle deutlich erkennen, nicht einfach die Vokabeln, um die es ging. Er suchte natürlich auch nach gedanklichen Vorarbeiten, auf die er sich berufen konnte, denn einer, der alles selbst erfunden haben will, ist bedenklich. Kant hat nicht nur nach Wörtern gesucht, sondern nach Vorstel- lungen, an die er knüpfen konnte.

Die scholastischen Transzendentalien waren das ontologisch Erste. Doch nicht aufs Sein soll sich die neue Art des Philosophierens richten, sondern auf unser Wissen vom Seienden. Was allem Wissen sachübergrei- fend generisch zu Grunde liegt, was wissenslogisch das Erste ist, das nennt Kant transzendental. 

Das Paradox ist ihm - froh wie er war, eine Stelle in der Überlieferung gefunden zu haben, auf die er zurück- greifen konnte - nicht aufgefallen: Was kann dem Wissen anders "zu Grunde" liegen als - ein Akt? Ein Sei- endes ja doch nicht, denn nur von ihm kann gewusst werden, das Wissen tritt an es heran, genauer: das Wis- senwollen. Ein Reich des Transzendentalen kann es gar nicht geben. Es gibt die Arbeit des Wissenwollenden, aber der muss alles selbermachen, gegeben wird ihm immer nur, was er sich selbst gegeben hat.
JE 

Samstag, 24. März 2018

Kant über Kritik und die Idee der Transzendentalphilosophie.


VII 
Idee und Eintheilung einer besonderen Wissenschaft unter dem Namen einer Kritik der reinen Vernunft.

Aus diesem allem ergiebt sich nun die Idee einer besondern Wissenschaft, die Kritik der reinen Vernunft heißen kann. Denn Vernunft ist das Vermögen, welches die Principien der Erkenntniß a priori an die Hand giebt. Daher ist reine Vernunft diejenige, welche die Principien, etwas schlechthin a priori zu erkennen, enthält. Ein Organon der reinen Vernunft würde ein Inbegriff derjenigen Principien sein, nach denen alle reine Erkenntnisse a priori können erworben und wirklich zu Stande gebracht werden.

Die ausführliche Anwendung eines solchen Organon, würde ein System der reinen Vernunft verschaffen. Da dieses aber sehr viel verlangt ist, und es noch dahin steht, ob auch hier überhaupt eine Erweiterung unserer Erkenntniß und in welchen Fällen sie möglich sei: so können wir eine Wissenschaft der bloßen Beurtheilung der reinen Vernunft, ihrer Quellen und Grenzen als die Propädeutik zum System der reinen Vernunft ansehen. Eine solche würde nicht eine Doctrin, sondern nur Kritik der reinen Vernunft heißen müssen, und ihr Nutzen würde in Ansehung der Speculation wirklich nur negativ sein, nicht zur Erweiterung, sondern nur zur Läuterung unserer Vernunft dienen und sie von Irrthümern frei halten, welches schon sehr viel gewonnen ist. 

Ich nenne alle Erkenntniß transscendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnißart von Gegenständen, so fern diese a priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt. Ein System solcher Begriffe würde Transscendental=Philosophie heißen. Diese ist aber wiederum für den Anfang noch zu viel. Denn weil eine solche Wissenschaft sowohl die analytische Erkenntniß, als die synthetische a priori vollständig enthalten müßte, so ist sie, so weit es unsere Absicht betrifft, von zu weitem Umfange, indem wir die Analysis nur so weit treiben dürfen, als sie unentbehrlich nothwendig ist, um die Principien der Synthesis a priori, als warum es uns nur zu thun ist, in ihrem ganzen Umfange einzusehen. 

Diese Untersuchung, die wir eigentlich nicht Doctrin, sondern nur transscendentale Kritik nennen können, weil sie nicht die Erweiterung der Erkenntnisse selbst, sondern nur die Berichtigung derselben zur Absicht hat und den Probirstein des Werths oder Unwerths aller Erkenntnisse a priori abgeben soll, ist das, womit wir uns jetzt beschäftigen. Eine solche Kritik ist demnach eine Vorbereitung wo möglich zu einem Organon, und wenn dieses nicht gelingen sollte, wenigstens zu einem Kanon derselben, nach welchem allenfalls dereinst das vollständige System der Philosophie der reinen Vernunft, es mag nun in Erweiterung oder bloßer Begrenzungihrer Erkenntniß bestehen, sowohl analytisch als synthetisch dargestellt werden könnte. 

Denn daß dieses möglich sei, ja daß ein solches System von nicht gar großem Umfange sein könne, um zu hoffen, es ganz zu vollenden, läßt sich schon zum voraus daraus ermessen, daß hier nicht die Natur der Dinge, welche unerschöpflich ist, sondern der Verstand, der über die Natur der Dinge urtheilt, und auch dieser wiederum nur in Ansehung seiner Erkenntniß a priori den Gegenstand ausmacht, dessen Vorrath, weil wir ihn doch nicht auswärtig suchen dürfen, uns nicht verborgen bleiben kann und allem Vermuthen nach klein genug ist, um vollständig aufgenommen, nach seinem Werthe oder Unwerthe beurtheilt und unter richtige Schätzung gebracht zu werden. 

Noch weniger darf man hier eine Kritik der Bücher und Systeme der reinen Vernunft erwarten, sondern die des reinen Vernunftvermögens selbst. Nur allein, wenn diese zum Grunde liegt, hat man einen sicheren Probirstein, den philosophischen Gehalt alter und neuer Werke in diesem Fache zu schätzen; widrigenfalls beurtheilt der unbefugte Geschichtschreiber und Richter grundlose Behauptungen anderer durch seine eigene, die eben so grundlos sind.

Die Transscendental=Philosophie ist die Idee einer Wissenschaft, wozu die Kritik der reinen Vernunft den ganzen Plan architektonisch, d. i. aus Principien, entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung der Vollständigkeit und Sicherheit aller Stücke, die dieses Gebäude ausmachen. Sie ist das System aller Principien der reinen Vernunft. Daß diese Kritik nicht schon selbst Transscendental=Philosophie heißt, beruht lediglich darauf, daß sie, um ein vollständig System zu sein, auch eine ausführliche Analysis der ganzen menschlichen Erkenntniß a priori enthalten müßte. 

aus Kritik der reinen Vernunft, Akademie-Ausgabe AA III, S. 42ff


Nota. - Seine eigentliche Absicht ist ein System der reinen Vernunft, das sagt er deutlich. Einstweilen könne er aber erst eine Kritik als Vorbereitung und Einleitung geben: Propädeutik. Eins wird klar: Wie auch die von ihren Zeigenossen gescholtenen orthodoxen Kantianer annahmen, ist für ihn das Reich der reinen Vernunft ein in sich abgeschlossenes und ganz anderes als das Reich unserer Erfahrung. Es ist das Reich des Apriori. Er ist mit den zwölf Kategorien und den beiden Anschauungsformen bis an seine Pforte gelangt. Was sonst noch darin vorkommen mag, könne eine bloße Kritik nicht ermessen, und selbst die Frage, 'woher es kommt', berührt er nur im Vorübergehen. Offenbar gehört sie zu den Dingen, für die er "dem Glauben" Platz schaffen wollte.

Doch tritt in Verlauf der Kritik nirgends eine Stelle auf, wo sie aus eigenem Unvermögen nicht mehr weiter- käme. Philosophische Gründe dafür, bei den Kategorien und den Anschauungsformen Halt zu machen und 'das Apriori' als ein Reich sui generis anzuerkennen, gibt es gar nicht. Hat Kant eigene, ihm selbst nicht bewusste Gründe für diese Selbstbeschränkung gehabt? Die erwähnte Rücksicht auf den Glauben durfte einem Wissenschaftler doch nicht genügen.
JE 



 

Donnerstag, 22. März 2018

Ich ist ein Noumenon.

©2013 brennholz-lager-lindau.com
 
Ichheit ist eine logische Dimension.

[der 'Ort' außerhalb von Raum und Zeit, "wo geurteilt wird"]

-        keine 'Stelle' in der formalen Logik, kein 'Durchgangspunkt' des reellen Schlussfolgerns, sondern die 'genetische' Bedingung des Urteilens selbst – also auch des Schlussfolgerns. 'Materiale' Bedingung 'des Logischen'.
-        Eine 'Stellung', die das Vorstellen eingenommen haben muss, bevor es urteilen kann*
-        ['Vorstellen' ist das Re-Präsentieren einer {vorgängig} 'gehabten' und gemerkten
Anschauung]
-        ['Urteilen' ist das Zuordnen einer aktuellen Anschauung zu eine Vorstellung: als 'Fall' zu einer 'Regel']
-        ['Bedeutungen' werden entweder 'angeschaut' oder 'vorgestellt': re-präsentiert]
-        [auch das Tier "schaut an"; was es anschaut – was es "merkt"- ist "bedeutend"; Anderes 'nimmt es gar nicht wahr']
-        [der Mensch"schaut an" – sinnlich oder mental – auch solches, das 'noch Nichts bedeutet' – {und fragt: was?}
-        ["Einbilden": das Anschauen mentaler Bilder; "ästhetischer Zustand"?!!!]**
-        [Vielleicht 'hat' auch das Tier "Einbildungen"="ästhetische Zustände"? Aber es kann sie nicht behalten: dazu müsste es sie mit Symbolen "auszeichnen" und willkürlich re-präsentieren können]
-        ["Sinneseindrücke" werden 'erlebt'; Erlebnis ist "ästhetisch", weil es eo ipso gewertet, "gestimmt" wird: limbisches System, [Stirnfurche - Inselrinde], Plexus solaris… unwillkürlich! Ohne das würde nichts "erlebt"]

Alles andre kommt danach
2. 4. 09

im Oktober 2013:

*) ...einnimmt, indem es urteilt...
**) Der ästhetische Zustand setzt voraus das Absehen der Ichheit von sich selbst; setzt voraus eine Reflexion höheren Grades. Einbilden ist dagegen Akt par excellence - vor jedem Urteil: setzen ja; aber nicht setzen als.

Mittwoch, 21. März 2018

Nur der Widerstand des Nichtich ist Material meiner Anschauung.

Kunstart.net  / pixelio..de 

Handlung ist Tätigkeit, der unaufhörlich widerstanden wird, und nur diese Synthesis des Widerstandes ist es, durch die eine Tätigkeit des Ich anschaubar wird. 
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J. G. Fichte Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 63


Nota. - Ich schaue weder mich noch das Nichtich noch meine Tätigkeit an. Anschaulich wird mir erst der Wider- stand, den das Nichtich meiner Tätigkeit entgegensetzt. Es ist eine ursprüngliche Synthesis, sie ist das 'mir Gegebe- ne', das zugleich ein von mir Gemachtes ist. Erst in der Reflexion werden beide Seiten wieder getrennt, vorher 'sind' sie nicht.
JE


Dienstag, 20. März 2018

Principium individuationis.

aus wikipedia

"Ist der Stoff das principium individuationis, oder die Form?"

Dauerthema der antik-scholastischen Philosophie: Was ist das principium individuationis:
-die Form, oder
-der Stoff?! [siehe v. Bracken, "Eckhart/Fichte"]

- Wenn Stoff als "Bestimmbarkeit" genommen wird, ist die forma (eídos) das Bestimmende, ihn also aus der Indifferenz heraus-hebende, -erlesende, -individuierende.

- Doch da die Form eben dasjenige ist, welches die Bestimmungen möglich macht; also die sinnvollen Aus- sagen; also dasjenige "an" den "Dingen", welches sie den andern "Dingen" kommensurabel macht; also dasje- nige, welches 'dieses' Ding, singulum, zur Bedeutung bringt; also "für Anderes" [concevable] macht... - also ist die Form das Die-Einzelnen-Verallgemeinernde; ist also das Prinzip der Allgemeinheit, nicht der Individuation.

Das Quidproquo besteht natürlich wieder nur in der Vermengung ontologischer mit gnoseologischen Frage- stellungen. Die "Formen" - eídoi, logoi - stehen ja, als Gemachte-Gemeinte (nicht Gegeben-Genommene) von vornherein untereinander in Zusammenhang; sei's diskursiv, als Begriffe, in logischer "Wechselbestimmung"; sei's als 'Bilder' im Kaleidoskop* der 'Welt'; sind also Facta/Ficta, die instrumentell, intentionell, absichtsvoll an... "die Phänomene" herangetragen werden. Das 'Phänomen' ist hier das Datum, "das, was" im Bewußtseins- akt "gemeint" ist: gemeint als dieses, nämlich im Unterschied, d.h. bestimmten Gegensatz zu den andern. D. h. die 'Andern', ihrerseits längst gemeint-bedeutete 'Dinge', sind dem aktuellen Bewußtseinsakt stets schon vor- ausgesetzt als das "Feld", dem das 'Dieses' zuzuordnen ist; das Koordinatensystem, in das 'Dieses' als Topos einzusetzen ist. Die Bestimmung, Setzung des Bestimmbaren (="Stoff") als Dieses, die Individuation des Indifferent-Unbestimmten, ist ipso facto Verallgemeinerung...

"Stoff" ist in den reellen Vorgängen des Bewußtseins immer nur: "Erleben" (Dilthey), "Geschehen" (Lotze). Weil aber ein Erlebnis-Schatz, ein Fundus von schon-als-bedeutsam-festgehaltenem Geschehen den je aktuellen Bewußtseinsakten immer schon zugrunde liegt; nicht nur als - passive - "Folie", sondern, dynamisch, auch als Motiv: im Kaleidoskop der "Welt" rufen "Löcher" nach "Erfüllung", horror vacui der Einbildungskraft; darum ist der je aktuelle Bewußtseinsakt als ein Erlesen des Dieses aus der informen Flut der Bilder gleichzeitig und uno actu Isolieren/Vereinzeln und logisch Beziehen auf etwas Allgemeines.

*) modernes Kunstwort aus kálos, schön, eídos, Bild/Form, skopein, schauen: "Kaleidoskop" ist das Instrument, Medium; nicht das Bild selbst.

aus e. Notizbuch, 15. 10. 94 

Sonntag, 18. März 2018

Stoff und Form und Sein und Gelten.


Die alte "Dialektik von Stoff und Form" findet ihre Lösung in der modernen Schein-Dialektik von 'Sein' und 'Gelten'. Die systematische Unterscheidung von beiden ist durch Lotze eingeführt worden; bei dem jedoch die Dreigliederung: Sein - Geschehen - Geltung. "In Wirklichkeit" "besteht" die Wirklichkeit "aus"... Geschehen, sonst nichts. Oder richtiger, da 'Wirklichkeit' immer nur eine Prädikation, terminus ad quem, nicht a quo ist, ist real immer nur "Erleben"; "Geschehen" ist schon eine durch Reflexion 'gesetzte' Objektivation, die dann noch- mal in zwei Pole auseinandergezogen wird: das, was ist, und das, was es bedeutet. 'Wirklich' sind aber die 'Tat- sachen' und deren 'Sinn' im Erleben immer schon ein und dasselbe: 'Es gibt' keine Tatsache, die ganz und gar nichts zu bedeuten hätte: Allenfalls wird der Mangel erlebt, daß die Bedeutung fraglich ist. Daß andererseits Be- deutung immer nur einem - actualiter oder virtualiter - Faktischen zukommt, ist zu banal, um es öffentlich aus- zusprechen. [Faktisch von facere, n'est-ce pas.]

Nicht anders die Begriffspaarung Stoff und Form, die nichts anderes aussagen soll als die beiden 'Seiten', Hin-Sichten, von denen aus auf den Gegenstand 'geblickt', also reflektiert werden kann - nachdem man zuvor be- reits auf das Gegenständliche am Gegenstand reflektiert hatte (i.e. dessen "Tauglichkeit für menschliche Zwek- ke"). Denn 'zuerst' war 'das Zeug' der Dinge 'zuhanden' und 'erst dann' die Dinglichkeit 'da'! Kein Wunder also, dass die ersten Philosophen (Elea bis Plato) dazu neigten, die Stofflichkeit der Dinge für Nichts zu halten, und bei dem systematischen Reflexionsphilosophen Aristoteles der Stoff überhaupt nur als Möglichkeit zur Form in den Blick kommt; capacitas formarum bei Eckhart, hypokeimenon eidoôn bei Plotin, "Bestimmbarkeit" bei JGF.

Dazu: E. von Bracken, "Mr Eckhart und Fichte", S. 12ff.

Aristoteles: "Alles, was wird, wird aus einem solchen, das nur beziehungsweise ist und beziehungsweise nicht ist." Physik I/8

[Karl Kraus: "Nur in der Wonne sprachlicher Zeugung wird aus dem Chaos eine Welt." Heine und die Folgen in Der Untergang der Welt durch schwarze Kunst, S. 205. - Die "sprachliche Zeugung" ist das Festhalten, Festsetzen einer Geltung durch ein "Zeichen" - das seinerseits festgehalten wird durch seinen "Verweisungszusammen- hang" ("System") mit "den andern" Zeichen...]

aus e. Notizbuch, 21. 9. 94


Samstag, 17. März 2018

Freiheit - Zufall, Notwendigkeit und Wahl.

Rainer Sturm, pixelio.de  

Der Gegensatz der Freiheit ist (nicht Notwendigkeit, sondern) Zufall

Der Gegensatz von Freiheit ist nicht Notwendigkeit, sondern Zufall: nämlich das Sinnlose.

Freiheit ist die Entscheidung für "dies" - als Entscheidung gegen das Andere.

['Da' ist zunächst einmal die Positio - "reale Tätigkeit" -, die sozusagen hin-"genommen" wird; erst durch die Versuchung des Nein - "dies nicht!" - wird "ich will" möglich: "ideale" Tätigkeit...]

Also Freiheit ist Wahl - zwischen ja und nein. Wahl ist Freiheit als Entscheidung zwischen Ja und Nein [wozu "erst" das Nein "auf der Welt sein" muß].

Freiheit ist Absicht - reflektierte, durch die Abwehr der Andern Möglichkeit hindurch gegangene Absicht. Aus Freiheit "entsteht" Sinn - als gewählte Bedeutung. Bedeutung ist "immer schon" da - als 'gegeben und hinge- nommen'; zum Sinn wird sie durch Wahl. Bedeutung, die einfach hingenommen wird, weil sie eben mal 'da ist', ist... nicht Notwendigkeit, sondern Zufall.

Notwendigkeit fällt gar nicht in den Horizont der Freiheit, sondern in den Horizont Wirklichkeit - Möglich- keit - Unmöglichkeit. Das sind theoretische Urteile.

"Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit" ist die Unterwerfung des praktischen Vermögens unter das theore- tische. Das ist der ganze Sinn des Hegel'schen Systems: die Umkehrung, Rückgängigmachung der Kopernika-nischen Wende..

(Was notwendig ist, kann gar nicht gewählt werden, ebenso wenig wie Tatsachen; nur zwischen Möglichkeiten kann ich wählen...)

aus e. Notizbuch, 26. 9. 94



Freitag, 16. März 2018

Der Mensch kann nein sagen.

Axel Hopfmann, pixelio.de    
aus e. online-Forum:

['Nur der Mensch kann nein sagen'...]

...Eine Entweder-oder-Figuration wäre kein Ersatz für die Verneinung. Denn sie setzt immer zwei positiv be- stimmte Alternativen gegeneinander; und nur die. Sowohl logisch als auch erfahrungsmäßig im wirklichen Leben eröffnet aber das Nein einen offenen Raum von unbestimmt vielen anderen Möglichkeiten. Tatsächlich wird bei der Entscheidung zwischen nur-zwei Möglichkeiten die eine der beiden ja nur dadurch ausgeschieden, dass die andere ihr (positiv) vorgezogen wurde. Das läuft nur faktisch auf die 'Negation' der andern Möglichkeit hinaus; aber sie 'bedeutet' sie nicht - und um Bedeutungen geht es hier.


Das ist keine Haarspalterei, denn dass auch Tiere - nicht einmal nur Primaten - von zwei Möglichkeiten die gefäl- ligere wählen können, ist offenkundig. Da kommt man ganz ohne die Hypothese des freien Willens aus, das lässt sich ohne weiteres auf genetische Disposition ("Instinkt") zurückführen. Es ist nämlich vielmehr das Einver- ständnis mit dem (mehr oder weniger) 'Besseren', als die Verneinung von etwas als falsch Erkanntem. Für das eine reicht schlichtes und einfaches "behavior". Für das andere braucht es ein Urteil.

Das ist der springende Punkt: 'Der Mensch kann Nein sagen' heißt: Der Mensch kann urteilen. Genauer gesagt, er muss urteilen, weil er in einer Offenen Welt lebt, für die es kein genetisches Programm gibt. Das bedeutet 'Freiheit' im transzendentalen Verständnis.

in 2007


Nachtrag. - Nur logisch erscheinen Ja und Nein als gleichrangig. Lebenspraktisch, in der Anschauung und in der Vorstellung ist das Einverständnis das Positive, das Näherliegende, das Primäre, das Schlichte, das Selbstverständ- liche. Denn was in Vorschlag kam, geschieht "von allein" - wenn keiner nein sagt. Darum kann das Ja auch erst aus- gesprochen werden, nachdem die Ablehnung immerhin erwogen wurde. Und erst dann sind sie auf derselben Höhe. 






 

 

Dienstag, 13. März 2018

Hölderlin: Urteil und Sein.

Ur-Teilung
 
Urteil ist im höchsten und strengsten Sinne die ursprüngliche Trennung des in der intellektualen Anschauung innigst vereinigten Objekts und Subjekts, diejenige Trennung, wodurch erst Objekt und Subjekt möglich wird, die Ur=Teilung. Im Begriffe der Teilung liegt schon der Begriff der gegenseitigen Beziehung des Objekts und Subjekts aufeinander, und die notwendige Voraussetzung eines Ganzen, wovon Objekt und Subjekt die Teile sind. »Ich bin Ich« ist das passendste Beispiel zu diesem Begriffe der Urteilung, als Theoretischer Urteilung, denn in der praktischen Urteilung setzt es sich dem Nichtich, nicht sich selbst entgegen.

HölderlinWirklichkeit und Möglichkeit ist unterschieden, wie mittelbares und unmittelbares Bewußtsein. Wenn ich einen Gegenstand als möglich denke, so wiederhol ich nur das vorhergegangene Bewußtsein, kraft dessen er wirklich ist. Es gibt für uns keine denkbare Möglichkeit, die nicht Wirklichkeit war. Deswegen gilt der Begriff der Möglichkeit auch gar nicht von den Gegenständen der Vernunft, weil sie niemals als das, was sie sein sollen, im Bewußtsein vorkommen, sondern nur der Begriff der Notwendigkeit. Der Begriff der Möglichkeit gilt von den Gegenständen des Verstandes, der der Wirklichkeit von den Gegenständen der Wahrnehmung und Anschauung.

Sein drückt die Verbindung des Subjekts und Objekts aus.

Wo Subjekt und Objekt schlechthin, nicht nur zum Teil vereiniget ist, mithin so vereiniget, daß gar keine Teilung vorgenommen werden kann, ohne das Wesen desjenigen, was getrennt werden soll, zu verletzen, da und sonst nirgends kann von einem Sein schlechthin die Rede sein, wie es bei der intellektualen Anschauung der Fall ist. 

Aber dieses Sein muß nicht mit der Identität verwechselt werden. Wenn ich sage: Ich bin Ich, so ist das Subjekt (Ich) und das Objekt (Ich) nicht so vereiniget, daß gar keine Trennung vorgenommen werden istkann, ohne, das Wesen desjenigen, was getrennt werden soll, zu verletzen; im Gegenteil das Ich ist nur durch diese Trennung des Ichs vom Ich möglich. Wie kann ich sagen: Ich! ohne Selbstbewußtsein? Wie ist aber Selbstbewußtsein möglich? Dadurch daß ich mich mir selbst entgegensetze, mich von mir selbst trenne, aber ungeachtet dieser Trennung mich im entgegengesetzten als dasselbe erkenne. Aber inwieferne als dasselbe? Ich kann, ich muß so fragen; denn in einer andern Rücksicht ist es sich entgegengesetzt Also ist die Identität keine Vereinigung des Objekts und Subjekts, die schlechthin stattfände, also ist die Identität nicht = dem absoluten Sein.

aus: Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke, Frankfurt a. M. 1961, S. 547f.

Nota. - Hölderlin hat 1794 un '95 in Jena Fichtes Vorlesungen zur Wissenschaftslehre gehört. Fichtes Philoso- phie sei, schreibt Egon Friedell, "eine radikale Künstlerphilosophie. Und die Romantiker verstanden sie und machten Fichte zu ihrem Propheten".* Auf Fichtes Vortrag nimmt der obige Aufsatz aus dem Frühjahr 1795 unmittelbar Bezug, doch das Verständnis erscheint in einem eignen Licht. 

Damit, dass die Identität von Subjekt und Objekt mit dem aboluten Sein nicht 'identisch' sei, hat Hölderlin wohl Recht. Das Ich der intellektuellen Anschauung 'ist' keineswegs absolut; es 'ist' lediglich im actus der intellektuellen Anschauung, nicht vorher, nicht nachher. Es 'ist' Noumenon und wird im besten Fall Idee, als Postulat. Das wäre Hölderlin offfenbar nicht genug. Er will ein absolutes Sein - was er in der Transzendentalphilophie freilich nie- mals würde finden können.

Was Transzendentalphilosophie bedeutet, verstanden sie mehr intuitiv, in der Vorstellung, als rationell - nach Begriffen. Dass es eine intelligible Welt im Modus des Als-ob gäbe, an deren Maßstab das Wirkliche blass und dürftig wirkt, war ihnen als Künstlern ein Apriori und gewissermaßen ihre Existenzgrundlage. Aber die roman- tische Weltauffassung liebäugelt mit der Möglichkeit, im Als-ob zu leben; das reale Individuum im Alltag mit dem transzendentalen Subjekt zum Absoluten Ich zu vereinen.  

Das ist keinem von ihnen gelungen, Friedrich Schlegel wird zum Agenten Metternichs und zum Spitzel des Vatikans, Novalis verliert den Verstand und stirbt seiner zwölfjährigen Verlobten nach, Brentano wird zum frommen Schwärmer; und Hölderlin verbringt den Rest seines Lebens im Turm überm Neckar.

Der einzige Romantiker, der den Versuch durchgehalten hat, indem er den Zwiespalt zu seinem täglich' Brot machte, war der Berliner Amtsgerichtsrat Hoffmann. Na ja, es war wohl doch eher ein täglich' Rausch.

*) in Kulturgeschichte der Neuzeit, III. Buch, 3. Kapitel 


Nachtrag. - Wo bei Hölderlin der transzendentale Standpunkt doch irgendwie erhalten bliebe, kann ich nicht sagen, so gut kenne ich mich in der schönen Literatur nicht aus. Bei den Jenaer Romantikern ist es jedenfalls die Ironie, von der Hölderlin ganz frei ist (sofern man nicht die Gedichte aus dem Turm darunter fasst). In ihr erscheint das Einereseits-andererseits und Sowohl-als-auch als lebenspraktische Einheit, Ironie ist der Modus des Künstlerlebens. Und ob man diesen Standpunkt durchhalten kann, ist daher ebenfalls eine lebenspraktische Frage; siehe oben.


aus: Rüdiger Safranski, Romantik, eine deutsche Affäre:

...Wie sollte nicht jeder Satz über das Absolute und Transzendente nur unter ironischem Vorbehalt gesprochen werden dürfen? Endliches zu sagen über das Unendliche kann und darf nur ironisch sein. Ironie gehört deshalb in jede Philosophie, die das Ganze zu begreifen versucht... "Ist sie nicht wirklich die innerste Mysterie der kritischen Philosophie?" ...




Montag, 12. März 2018

Ironie und der transzendentale Standpunkt.

català-roca

"Ironie" = der transzendentale Standpunkt 

"Von vorn" ist die Ironie "nichts als" die stilistische Erscheinungsform der permanenten Reflexion des Wissens im Angesicht des Unendlichen; "unendliche Reflexivität", mit JGF zu sprechen.

"Hintenrum" aber ist sie der gefundene "substantielle Standpunkt", der "sich ergibt", wenn der Reflexion ver- blüfft einleuchtet, daß sie ja, um reflektieren zu können, ein anderes ( = [Nicht-]Ich, Absolutes, "Standpunkt"...) immer schon "sich selbst" (logisch, topisch) vorausgesetzt haben muß, bevor sie mit "sich", ihrer Tätigkeit = Reflektieren, überhaupt anfangen konnte; daß diese sich-voraus-Setzung indes "in nichts begründet" ist als ihrem Entschluß, tätig zu werden; daß also "das Absolute", von dem sie ausgeht, um als auf einen Fluchtpunkt Alles "beziehen" zu können, doch eben - selbstgemachte Fiktion ist. "Verum et factum convertuntur." Aber factum et fictum convertuntur.


aus e. Notizbuch, 23. 10. 94





Ironie und der transzendentale Standpunkt.

català-roca

"Ironie" = der transzendentale Standpunkt 

"Von vorn" ist die Ironie "nichts als" die stilistische Erscheinungsform der permanenten Reflexion des Wissens im Angesicht des Unendlichen; "unendliche Reflexivität", mit JGF zu sprechen.

"Hintenrum" aber ist sie der gefundene "substantielle Standpunkt", der "sich ergibt", wenn der Reflexion ver- blüfft einleuchtet, daß sie ja, um reflektieren zu können, ein anderes ( = [Nicht-]Ich, Absolutes, "Standpunkt"...) immer schon "sich selbst" (logisch, topisch) vorausgesetzt haben muß, bevor sie mit "sich", ihrer Tätigkeit = Reflektieren, überhaupt anfangen konnte; daß diese sich-voraus-Setzung indes "in nichts begründet" ist als ihrem Entschluß, tätig zu werden; daß also "das Absolute", von dem sie ausgeht, um als auf einen Fluchtpunkt Alles "beziehen" zu können, doch eben - selbstgemachte Fiktion ist. "Verum et factum convertuntur." Aber factum et fictum convertuntur.

aus e. Notizbuch, 23. 10. 94

Sonntag, 11. März 2018

Gewissheit.

Lupo  / pixelio.de

Zuförderst über den Doppelsinn des Wortes Gefühl, der auch Herrn E. an meiner Meinung irrig gemacht. Das Gefühl ist entweder sinnlich und das des Bittern, Roten, Harten, Kalten usw., oder intellektuell. Herr E. und mit ihm alle Philosophen seiner Schule scheint die letztere Art gänzlich zu ignorieren, nicht zu beachten, daß auch eine solche Gattung angenommen werden müsse, um das Bewußtsein begreiflich zu machen.

Ich habe es hier mit dem ersten nicht zu tun, sondern mit dem letztern. Es ist das unmittelbare Gefühl der Ge- wißheit und Notwendigkeit eines Denkens. – Wahrheit ist Gewißheit: und woher glauben die Philosophen der entgegengesetzten Schule zu wissen, was gewiß ist? Etwa durch die theoretische Einsicht, daß ihr Denken mit den logischen Gesetzen übereinstimmt? Aber woher wissen sie denn, daß sie sich in diesem Urteile über die Übereinstimmung nicht wieder irren? Etwa wieder durch theoretische Einsicht? Aber wie denn hier? – Kurz, da werden sie ins Unendliche getrieben, und ein Wissen ist schlechthin unmöglich. – Überdies, ist denn Gewißheit ein Objektives, oder ist es ein subjektiver Zustand? Und wie kann ich einen solchen wahrnehmen, außer durch das Gefühl? 
_____________________________________________ 
J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 146]


Nota. - Da steht es klipp und klar: Für Wahrheit gibt es kein Kriterium - was logisch nicht wundert, denn es müsste ja über der Wahrheit stehen -, sondern nur für Gewissheit. Die aber ist ein subjektiver Zustand und lässt sich nur subjektiv erfahren: in einem Gefühl.

Dass Fichte den Bürgen für etwas, das ideal gelten soll, quasi onto-logisch auf dieselbe Stufe stellt wie das sinnliche Erleben, bleibt ein Problem. Er selber hat immer wieder drum herum zu navigieren versucht, doch dass es ein Problem ist, hat er nicht übersehen.
JE