Montag, 26. Juni 2017

Aufmerksamkeit ist gerichtet.



Aufmerksamkeit ist gerichtet, sonst wäre sie keine. Richte ich sie auf dieses, ziehe ich sie ab von jenem. Indem ich auf den Gegenstand merke, kann ich nicht auf mich merken, und umgekehrt. Das ist keine Besonderheit der menschlichen Aufmerksamkeit: Dem Tier geht es nicht anders. Die Besonderheit der menschlichen Aufmerk- samkeit ist: Wir können unsere Aufmerksamkeit willkürlich lenken. Das kann das Tier nicht.* Es kann auf sich nicht aufmerksam werden.
 

*) Es sei denn, wenn es klug ist – wie manche Affen und wohl auch Raben –, im Spiegel.







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Sonntag, 25. Juni 2017

Bewusst sein.

 

Bewusst sein ist kein Zustand. 'Sondern ein Akt', müsste hier folgen; actus purus. Aber das ist eher ein Thema der Psychologie und interessiert Fichte eigentlich nicht. Hier geht es darum: Wenn ich mir das Bewusstsein als einen Zustand vorstelle, erscheint es als ruhendes Objekt eines Vorstellenden und nicht selbst als vorstellend - und folglich als etwas anderes als ich, es kommt niemals in mich hinein und ich nicht in es. Die Vorstellung, dass ich auf bewusste Weise bin, und zwar in der Verlaufsform und nicht als Ruhe, wird so abgeschnitten. 

Aber dies ist immerhin ein Wink an die empirischen Psychologen, in welcher Richtung sie suchen sollen, und so behauptet die Transzendentalphilosophie immerhin ihren Nutzen als Regulativ der realen Wissenschaften.







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Samstag, 24. Juni 2017

Wesen der Vernunft ist das sich-selbst-Setzen.



Dass das Wesen der Vernunft im Sich-selber-setzen besteht, bleibt immer vorausgesetzt und lässt sich aus nichts Elementarem herleiten, es ist selber elementar. Und nur, wer so verfährt, soll Vernunftwesen heißen, das ist tautologisch. Doch dass es, wenn es sich selber setzt, so verfährt und anders nicht verfahren kann, das ist rein faktisch so und beruht auf keinerlei Gesetz: denn dann wäre es kein Sich-selber-Setzen.







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Freitag, 23. Juni 2017

Ein Modell.



Das System ist ein Modell. Aber das Modell kommt nicht zustande, indem man aus allen möglichen Varianten (in Wahrheit: der begrenzten Zahl derer, die einem einfallen) einen Durchschnitt ermittelt, sondern indem man ins Modell nur das aufnimmt, worauf es ankommt. 

Was aber ist es, worauf es ankommt? Das kann man nicht her aus suchen, sondern muss es vor aus setzen. Hat man das Richtige getroffen, "so muss das Resultat mit der gemeinen Erfahrung übereinstimmen". Das ist der Prüfstein: Eine 'Reihe vernünftiger Wesen' ist das historisch Reale. Dies muss erklärt werden. 







Donnerstag, 22. Juni 2017

Transzendentalphilosophie ist immanent



Unser Wissen findet in unserm Bewusstsein statt; beides sind Wechselbegriffe. In unserm Bewusstsein kommen nur Vorstellungen vor. Wenn unser Wissen nach seinen Voraussetzungen fragt, fragt es nach sich selbst. Transzendentalphilosophie kann aus diesem Rahmen nie hinaus, sie ist immanent.



Mittwoch, 21. Juni 2017

Nur handeln ist real.



Das Ich 'ist' ein Noumenon. Ich kann es nicht anschauen, sondern nur denken. Ich schaue an dieses und jenes, namentlich schaue ich an mich als vorstellend. Dass es jemanden gab, der vorstellen können musste, bevor er wirklich vorgestellt hat, kann - und muss - ich mir lediglich hinzudenken. Daher heißt es eingangs ganz richtig: Der Begriff des Ich entsteht dadurch, dass ich mich selbst setze; und nicht: Das Ich entsteht... 

Nicht das Handeln folgt aus einem Ich, sondern ein Ich muss dem Handeln notwendig vorausgedacht werden. Real ist nur das Handeln, genauer: Nur handeln ist real.







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Dienstag, 20. Juni 2017

Das Verfahren der Wissenschaftslehre,


motorclassic

Das ist das Verfahren der Wissenschaftslehre: Statt freihändig Begriffe zu definieren und daraus ein System zu bauen, sucht sie in den wirklichen Vorstellungen der 'endlichen' Vernunftwesen die ihnen zu Grunde liegenden anschaulichen Voraussetzungen auf, und erst, wenn sie an den Punkt gerät, hinter den es nicht hinausgeht, kehrt sie ihren Gang um und setzt, was sie zuvor analytisch auseinandergelegt hatte, synthetisch wieder zusam- men; daran, ob auf diesem Weg die wirkliche Vorstellungswelt der 'endlichen Vernunftwesen' hinreichend re- konstruiert werden kann, entscheidet sich ihre Richtigkeit.





Montag, 19. Juni 2017

Wer bestimmt den Menschen wozu?



Der Mensch ist 'bestimmt zu vollständiger und systematischer Kenntnis': woher weiß Fichte das? Nach seiner Lehre ist der Mensch, sofern er Vernunftwesen ist, nur bestimmt als das, wozu er sich selbst bestimmt. Wenn er sagt 'So ist es', kann es sich entweder um die Feststellung eines empirisch Vorgefundenen handeln, oder um ein Postulat: 'So soll es sein.' 

Tatsächlich handelt es sich hier um beides; es ist die historisch vorgefundene Tatsache des autonomen bürger- lichen Subjekts; und der Entschluss des theoretischen Philosophen, dies empirisch Gegebene als seinen prakti- schen Zweck anzusehen. Die Wissenschaftslehre ist die Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters.




Sonntag, 18. Juni 2017

Kants Kategorien.



Die Kantische Philosophie ist nur durch Induktion, nicht aber durch Deduktion bewiesen. Sie sagt: Wenn man diesen oder jene Gesetze annehme, wäre das Bewusstsein zu erklären; sie gilt daher nur als Hypothese.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 5f. 


Kants Induktion führt ihn nur bis zu den Kategorien. Er hat sie im Material 'aufgefunden' und stellt sie zu- sammen; nebeneinander. Aber schon, weshalb es genau diese zwölf sein müssen, wird nicht demonstriert und nicht deduziert. Schon gar nicht wird deduziert, woher sie stammen. Es sind vier mal drei, das sieht gut aus, aber mehr Evidenz haben Kants Kategorien nicht für sich.






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Samstag, 17. Juni 2017

Im Grunde ist die Wissenschaftslehre realistisch.


asv-metiers.fr
 
Die Wissenschaftslehre hebt nicht an bei der Frage, ob es eine Wirklichkeit gäbe außer der Vorstellung, sondern warum jeder vernünftige Mensch davon ausgeht, dass es so sei. Die erste Frage wäre metaphysisch, die zweite ist transzendental. Und nur die zweite ist daher vernünftig. Dass es so sei ist die Voraussetzung, aus der die Transzendentalphilosophie nicht heraustreten kann, ohne die Vernunft zu verlassen. Auf der ersten seman- tischen Ebene ist auch sie realistisch. Idealistisch ist sie erst auf der zweiten Ebene, der Reflexion der Vernunft auf sich selbst.




Freitag, 16. Juni 2017

Nur, was zufällig ist, braucht einen Grund.


hans bauten

Man sucht nur den Grund von zufälligen Dingen. Die Philosophie überhaupt sucht den Grund von notwen- digen Vorstellungen; diese müssen also als zufällig gedacht werden. 

Es wäre Unsinn, nach dem Grund eines Dinges zu fragen, das ich nicht für zufällig hielte. Ich halte etwas für zufällig heißt: Ich könnte denken, dass es gar nicht oder dass es ganz anders wäre. So sind die Vorstellungen vom ganzen Weltsystem; wir denken uns die Erde füglich als anders sein könnend, und uns selbst können wir auf einen andren Planeten versetzt denken. Ob wir ohne solche Vorstellungen sein könnten, belehrt uns die Philosophie; aber dass wir das Weltsystem für zufällig halten, ist gewiss, denn nur darum können wir nach einem Grund fragen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 13 


Nota. - Der gesunde Menschenverstand sieht das ganz anders. Was zufällig geschieht, scheint ihm nicht hin- reichend begründet, und was hinreichend begründet ist, kann eigentlich gar nicht anders sein. - Doch der ge- sunde Menschenverstand ist ein Metaphysiker, für ihn sind logische Gründe und reelle Ursachen dasselbe. Aber notwendig ist nur das Logische, alles Faktische ist bloß mehr oder minder wahrscheinlich, und also mehr oder minder kontingent. Für das metaphysische Denken sind indessen beides 'Kräfte' aus einem 'Stoff', denen ein und dieselbe Substanz 'zu Grunde liegt'. Und die stellen sie sich unweigerlich als einen Schöpfer vor - der selber aber 'ganz anders' hätte schöpfen können!

Die kritische Philosophie macht es möglich und recht eigentlich notwendig, sich das bloß Seiende, das lediglich ist, weil es ist, als einen Zufall vorzustellen. Erst dann kann und muss man immer fragen: warum? Und keine Antwort kann je die letzte sein, man muss immer weiter fragen: warum nun aber dies? Einen Anfang wird man nie finden, man müsste ihn schon postulierenDoch auch nur die Kritische Philosophie erlaubt, einen Akt der Freiheit zu denken.
JE






Donnerstag, 15. Juni 2017

Nur, was gesetzt wurde, kann aufgehoben werden.



Es ist wie mit dem Paradox der Wahrheit. Wahr kann offenbar kein Ding oder Sachverhalt sein, sondern lediglich das Verhältnis meiner Vorstellung zu ihm. Die Frage, ob es Wahrheit der Vorstellung geben könnte, setzt also voraus, dass ich mir von der Wahrheit der Vorstellung eine Vorstellung bereits gemacht habe; ich kann also nicht mehr fragen, ob das möglich war. Ich kann immer nur fragen, ob diese Vorstellung wahr ist.

Mit andern Worten, positio und negatio sind nicht logisch gleichrangig - und daher ontologisch schon gar nicht.

(Ein Ding wird nicht gesetzt. Es wird vorgefunden. Das Vorgefundene wird bestimmt. Bestimmen heißt: Setzen seiner Bedeutung. Bedeutung ist kein Sachverhalt, sondern ein idealer Akt. Ein idealer Akt muss als ein solcher gesetzt worden sein, bevor er negiert werden kann. Es gibt den Modus ponens ohne darauffolgenden Modus tollens; aber keinen Tollens ohne vorangegangenen Ponens.)






Mittwoch, 14. Juni 2017

Absehen und finden.


Moulin, Objet trouvé à Pompéi

Wie ist das nun mit dem Finden und der Absicht? Wenn ich nicht auf irgendwas absähe, würde ich nie etwas finden: Fichte hat das ursprüngliche Wollen des Menschen an den Anfang der Wissenschaftslehre gesetzt. Was immer Eingang ins Bewusstsein findet - das Absehen ist die Bedingung. 

So sagt der Transzendentalphilosoph, doch sobald er das Katheder verlässt, ist er Realist wie alle andern: Die Menschen wären nie aufs Absehen verfallen, wenn sie nicht tatsächlich Etwas gefunden hätten; etwas, das ihnen fremd, also unbestimmt war und zum Bestimmen herausforderte. 

Es ist immer alles dasselbe, das wiederholt er oft genug; aber eben immer wieder von der nächsthöheren Stufe aus betrachtet.



Dienstag, 13. Juni 2017

Bestimmen ist das Einbilden von Qualitäten.


Kandinsky, 1914
 
'Bestimmen' ist das Schlüsselwort der Wissenschaftslehre. Ist es ein Begriff?

- Der quasi-ontologische Grundstein ist Tätigkeit, und was ist Tätigkeit? Es ist im weitesten Sinn das Übergehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten. Worauf bezieht sich aber 'bestimmen'? Nicht aufs Sein; das ist oder ist nicht. Sondern auf Gelten oder auf Bedeutung oder das, was man an einem Seienden als sinnhaft finden kann. 

Doch anders als das da-Sein lässt sich Geltung nicht formalisieren. Nichts bedeutet "überhaupt", sondern immer nur dieses oder jenes; und nur diesem oder jenem. Es ist etwas Neues, das hinzukommt - zwar aus Bedin- gungen 'hervor gegangen', aber nicht aus ihnen zusammengesetzt. Mit andern Worten: Logisch, nämlich aus definierten Begriffen und geprüften Verfahren, lässt es sich nicht herleiten. Darum nennt Fichte seine Darstel- lungsweise eine genetische: Es sind sinnhafte, qualitative Setzungen, die sich nicht 'aus einander entwickeln', son- dern die ein Tätiger generieren muss, wenn sie geschehen sollen, und deren sinnhafter Implikationen er sich erst in nachträglicher Reflexion gewiss wird.

Qualitäten lassen sich nicht definieren, dazu müssten sie in Relation stehen, aber dann wären sie relativ und nicht qualitativ. Man kann sie nur anschauen, indem man sie einbildend selbst hervorbringt.




Montag, 12. Juni 2017

Begriffe entstehen durch Handeln und um des Handelns willen..


klettern

Der Kantische Satz: Unsere Begriffe beziehen sich nur auf Objekte der Erfahrung, erhält in der Wissenschafts- lehre die höhere Bestimmung: Die Erfahrung bezieht sich auf Handeln, die Begriffe entstehen durch Handeln und sind nur um des Handelns willen da, nur das Handeln ist absolut. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 61



Samstag, 10. Juni 2017

Schema und Hermeneutik.


Kanon nach Polyklet

Die Wissenschaftslehre ist das Schema – modern: theoretische Modell – eines tatsächlichen Denkens, sofern es als vernünftig gelten soll. Aber das ist erst die halbe Miete; bleibt immer übrig das hermeneutische Problem, ein tat- sächliches Denken so zu deuten, dass es dem Modell entspricht; oder eben nicht.

Mit andern Worten,  die Wissenschaftslehre ist nach ihrem Abschluss so kritisch wie an ihrem Anfang.







Dialektik von Stoff und Form.



Die Form ist das Bestimmbare an der Materie. Das Bestimmbare an der Materie ist ihre Form. Form ist die Spur des Handelns an der Materie.
Was sollte es darüber hinaus für eine 'Dialektik von Stoff und Form' noch geben? 
 
Mit der Naturform ist es wie mit dem Naturschönen: Sie wird wahrgenommen, als ob sie vom Menschen gemacht sei.






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Freitag, 9. Juni 2017

So schwer ist die Transzendentalphilosophie gar nicht.


Jean Tinguely, Heureka

So sehr schwer ist die Transzendentalphilosophie wirklich nicht; jedenfalls nicht mehr in ihrer von Fichte radikalisierten Gestalt. Sie ist konsequente Reflexionsphilosophie, da hatte Hegel, wenn er es auch abfällig meinte, Recht. Aber das ist nicht an sich eine Schwierigkeit. Dass es nicht dasselbe ist, ob ich X denke, oder ob ich denke, dass ich X denke, kann schon ein Schulbub einsehen. Nur wird er es bald wieder vergessen, weil er in seinem Leben kaum etwas damit anfangen kann. Die Transzendentalphilosophie mutet ihrem Studenten aber an, damit unablässig immer und immer wieder anzufangen. Ich denke X; er meint, dass ich X denke; ich weiß, dass er meint, dass ich X denke - und so ins Unendliche fort.

Nicht die Operation selbst ist schwierig, sondern schwierig ist, die semantischen Ebenen – 'Reflexionsstufen' – auf Schritt und Tritt auseinander zu halten. Das erfordert Konzentration auch dort, wo eigentlich nur Routine-operationen geschehen; es ist, als ob man in einer mathematischen Gleichung eine Klammer übersieht: Auf einmal stimmt gar nichts mehr.

Fleiß und Konzentration, das erwartet einen beim Rechnen. Ist aber beim Philosophieren nicht gerade leben- diges Vorstellen nötig?

Und das macht die Transzendentalphilosophie schwierig: Ihr Verfahren ist pedantisch, doch ihr Gegenstand ist die Tätigkeit der landläufig so genannten Phantasie, die hier aber produktive Einbildungskraft heißt. Und das ist der Clou: Sinn und Zweck des Verfahrens ist, unter den Begriffen und deren pedantischen Verknüpfungen die lebendigen Vorstellungen freizulegen, aus denen sie abstrahiert wurden. Das Vorstellen ist anstrengend, aber belebend, wenn es einem gelingt. Das Immerundimmerreflektieren ist strapaziös und ermüdend; darum gelingt es manchmal nicht, und dann muss man wieder von vorn anfangen.






Donnerstag, 8. Juni 2017

Bestimmt als unbestimmt...



Das Unbestimmte wird bestimmt als ein Unbestimmtes, was nichts anderes bedeutet denn: als ein zu-Bestim- mendes. - Das Bestimmbare ist kein Bedeutungsloses. Denn es ist nicht zuerst unbestimmt, das Ich entschließt dann sich zum Bestimmen, und dadurch wird es ein Bestimmbares; sondern indem das Ich schon zu handeln (=anzuschauen) beginnt, wird es überhaupt erst für das Ich - und eo ipso ein Bestimmbares. Vorher war es für das Ich nicht da. (Ob für einen andern, könnte nur er uns sagen.)

Transzendentalphilosophie ist keine Entwicklungspsychologie. In der Realgeschichte eines Individuums kommt das nicht vor: Zuerst denkt das Individuum 'überhaupt', und danach verdichtet es sein Denken zu 'diesem'. Die Wissenschaftslehre ist keine historische Nacherzählung, sondern ein genetisches Modell, in dem es kein vor- und nacheinander gibt, sondern lediglich wechselseitige Bedingungen.






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Mittwoch, 7. Juni 2017

Wille an sich.



Es wird nicht behauptet, zuerst hätten die Menschen einen reinen Willen, danach würde er durch mannigfaltige dialektische Operationen zu einem empirischen. 

Hier geht es immer um die Erklärung des Bewusstseins aus der wirklichen Vorstellungstätigkeit. Das Grund- schema ist immer dies: Ich finde mich als dieses oder jenes tuend oder getan habend. Ich muss daraus schlie- ßen, dass ich es gekonnt habe. Diese Anschauung wird mir zum Begriff eines Vermögens. 

So muss der wirklich Wollende seinem wirklichen Wollen die Fähigkeit zum Wollen voraussetzen: Die konkrete Vorstellung ist nicht ohne die reflexive Hypostase der abstrakten Vorstellung "möglich"; d. h. möglich ist sie schon, solange ich nicht denke; wenn ich aber denke, muss ich so denken.






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Dienstag, 6. Juni 2017

Was Vernunft eigentlich ist.



Die Wissenschaftslehre ist also der Versuch eines vernünftigen Wesens, sich sein Bewusstsein zu erklären. Zu verstehen, was es ist, nämlich wie es verfährt. Nicht, wie es geworden ist: Enstanden ist es einmal, nun habe ich damit zu tun, wozu es geworden ist. Heute verfährt es so, als sei es immer so verfahren. Ich muss es auffassen als ein Ganzes: ein System.

Es mag wohl sein, dass unser Gehirn tatsächlich wie ein System funktioniert. Aber darum geht es bei der Vernunft nicht. Da geht es darum, sie aus sich selbst zu erklären: aus ihren eigenen Voraussetzungen und ohne auch nur in einem Moment einen äußeren Beitrag in Anspruch zu nehmen: Wer die Vernunft nicht immanent erklärt, erklärt sie gar nicht. Vernünftig ist dabei nicht, dass kausal eines aus dem vorigen folgt, sondern dass sich eine Richtung ergibt, weil sie einen Zweck anstrebt. Vernünftig ist daran, dass sie jederzeit urteilt, welcher Zweck gelten soll.

Ihre Voraussetzung ist das Noumenon eines unbestimmt-bestimmbaren Wollens-überhaupt, am Zielpunkt muss folglich das Noumenon eines unbestimmt-bestimmbaren Zweckes-überhaupt stehen. Nur so ist Vernunft als System möglich. 

Dass ein Bewusstsein sich als schlechterdings wollend auffasst; dass ein Bewusstsein sich als vernünftig be- greift; dass ein Bewusstsein sich als schlechterdings zielgerichtet bestimmt: das alles bedeutet dasselbe. Ob aber diese Bedingungen gegeben sind, ist eine Frage an die historische Realität

Dass sie jedoch sein soll, folgt aus ihr, sobald sie möglich geworden ist.







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Montag, 5. Juni 2017

Die Rechtfertigung der Vernunft.



...die Frage ist: Wie kann ein Vernunftwesen sein Bewusstsein erklären?
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 167.

 
Das ist die Frage, der die Wissenschaftslehre nachgeht. Seit anderthalb Jahunderten - seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges - waren die Gebildeten Europas sich einig: Von nun an sollte die Vernunft regieren. Vernunft wurde zur selbstverständlichen Grundlage von Allem.

Selbstverständlich, denn was sie sei, wurde nicht gefragt. Es hätte die Vernunft ja von sich selbst reden müssen. So fragte schließlich auch Kant nicht: Was ist Vernunft? Sondern lediglich: Wo sind ihre Grenzen?

Die Grenze, an der er selber stehenblieb, waren die zwölf Kategorien und die beiden Anschauungsformen. Er nannte sie das Apriori, womit auch gemeint war, dass man hinter sie nicht zurückfragen könne, nämlich solan- ge man in der Wissenschaft bleiben wolle; dahinter begänne das Reich des Glaubens.

Kant war auf halbem Wege stehen geblieben, Fichte wollte ihn zu Ende gehen. "Wie kann ein Vernunftwesen sein Bewusstsein erklären?" Es ist nicht die Vernunft, die von sich selber singen soll. Es ist ein wirkliches, leben- diges, endliches Bewusstsein, das sich klarmachen will, wie es zu dem gelangte, was es als seine Vernunft er- kennt. Sie sind von Anbeginn zwei, ein Subjekt und ein Objekt. Wer von beiden ist dieses, wer jenes? Begreifen können sie... einander? - nein: sich nur, indem sie die Stelle wechseln.

Doch wohlgemerkt: Nicht die Vernunft hat sich erklärt, sondern ein wirkliches Bewusstsein hat 'sich' seine Vernünftigkeit erklärt. Daher ist diese Erklärung "nicht an sich gültig"(ebd.), nämlich nicht für ein etwaiges un- endliches oder überirdisches Vernunftwesen oder womöglich den Schöpfergott selbst, sondern gilt nur für besagtes Bewusstsein selbst; aber für dieses gilt sie.

 



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Sonntag, 4. Juni 2017

Wissenschaftslehre ist nicht Entwicklungspsychologie.



Das verbreitete Missverstehen der Wissenschaftslehre als eine Entwicklungsgeschichte des Bewusstseins liegt daran, dass Fichte, wenn er von Bewusstsein redet, selbstverständlich das vernünftige Bewusstsein meint; er sagt es nur nicht, weil es tautologisch wäre. Doch 'vernünftig' ist hier Substanz, 'Bewusstsein' Akzidens. Die Wissenschaftslehre ist das artikuliert-lebendige Modell der Vernunft. Mit der Entstehung der Bewusstseine beschäftigt sich die Psychologie. 



  



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Samstag, 3. Juni 2017

Das Wollen ist das unendlich zu Bestimmende.



Ich werde nicht müde, es zu wiederholen: In der transzendentalen Auffassung, als Noumenon, ist das reine Wollen als das höchste Bestimmbare aufgefasst, denn es ist von Allem das allererste. Weil es aber reines Wollen ist, wird seine Bestimmbarkeit und das Übergehen zur Bestimmtheit nie zu einem Schluss kommmen, das Bestimmen geht ins Unendliche fort. Den fiktiven Zielpunkt kann oder muss ich sogar mir denken als das Eine Absolute, Zweckbegriff an-sich als Gegenstand des Wollens an-sich; Noumena alle beide. 

In der transzendentalen Analyse ist das Wollen das letzte Aufgefundene, in der synthetischen Rekonstruktion ist es das erste Vorauszusetzende. In der Realität kommt das Denken - "Deliberieren" - vor dem Wollen, empirisch ist das Wollen immer schon bestimmt als das Wollen von diesem oder jenem, erst in der transzendentalen Reflexion scheint auf, dass es dem Denken noumenal immer schon zu Grunde lag.






Freitag, 2. Juni 2017

Omnis negatio est positio.



Wenn ich annehme, das Ich sei 'Tätigkeit überhaupt', dann ist diese Vorstellung nur soweit bestimmt, dass sie kein Leiden ist. Darüber hinaus ist sie gänzlich unbestimmt. Soll ich sie aber einschränken - und nichts anderes kann Bestimmern hier heißen -, so muss ich das, was sie nicht sein soll, seinerseits 'positiv' bestimmen. - Es sollte sich zeigen, dass wir auch dieses 'Positive' nur durch Entgegensetzung bestimmen können. Wenn aber Bewusstsein Bestimmtheit sein soll, dann kann es nur durch Negation entstehen.

Das ist nicht neu. Nun ist in der Wissenschaftslehre außer dem Anfang gar nichts 'neu'. Sie ist überall nur Fortbestimmung des Ersten Grundsatzes.

Tätigkeit oder Leiden, ein Drittes gibt es für die Wissenschaftslehre nicht. Ein Drittes, reine Ruhe, gibt es nur im Begriff, als Vorstellung von nicht-Etwas. Die Wissenschaftslehre hat aber das lebendige Vorstellen zum Gegenstand, nicht das Nicht-Vorstellen. 






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Donnerstag, 1. Juni 2017

In der Wirklichkeit kommt die Bestimmtheit vor der Unbestimmtheit.



Es geht in der Philosophie nicht um Begriffe und deren handlichste Definition, sondern um das materiale Vor- stellen selbst. Dem Begriff nach kommt die Unbestimmtheit vor der Bestimmung. Woher die Bestimmung aber kommt, wird gar nicht gefragt. Doch die Intelligenz, die in einer Reihe vernünftiger Wesen zur Welt gekommen ist, trifft zuerst allenthalben auf schon (von Andern) Bestimmtes. 

Unbestimmtheit ist das, was sie zuerst nicht kennt, darum erscheint sie ihr, wo sie ihr begegnet, von vornherein als zu überwindender Mangel: als ein zu-Bestimmendes. Als was sie zu bestimmen ist, weiß sie nicht, aber dass. Das Was schwebt ihr als Möglichkeit vor.  





Mittwoch, 31. Mai 2017

Wie kommt das Ich dazu, aus sich herauszugehen?


Dalí, Geopoliticus 1943

Man kann die gesamte Aufgabe der Wissenschaftslehre so ausdrücken: Wie kommt das Ich dazu, aus sich selbst herauszugehen? 
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Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 196


Das war das Mysterium bei Plotin, Spinoza und Hegel: wie kommt die Substanz überhaupt dazu, ihre Identität zu verlassen und in Akzidenzen zu "emanieren" (E. Lask)? 'Warum ist GOtt Schöpfer geworden' - die Theolo- gie verbietet diese Frage. Der spekulative Pomp der metaphysisch-philosophischen Systeme täuscht dar- über hinweg, dass sie sich an der Frage vorbeidrücken. Wenn sie aber der Theologie nichts Substanzielles hinzu zu fügen haben, wieso konnten sie's dann nicht bei ihr belassen? Die Philosophie ist dann überflüssig.

Der Transzendentalphilosoph Fichte dreht die Frage um. Er setzt nicht erst ein Ich, um es dann, warum auch immer, tätig werden zu lassen; sondern geht aus vom Faktum der vernünftigen Tätigkeit, das aus dem Noumen Ich erklärt wird. Tatsache ist, dass das (noumenale) Ich aus sich heraugegangen ist. Er muss nun nicht seine Phantasie schweifen lassen und raten, was es dazu veranlasst haben könnte. Er muss lediglich heraus finden, wie das möglich war. Eine Notwendigkeit wird nicht behauptet.






Dienstag, 30. Mai 2017

Das realisierte Absolute wäre das Ende von allem.


caput mortuum

Die Hauptsynthesis ist in allgemeinster Formulierung: Ich bestimme Mich. Würde das je gelingen, wäre mit allem Bestimmen Schluss. Bestimmen meiner - und von irgendetwas anderem - als ... ist nur möglich, solange ich mich von mir unterscheide. Wenn ich mich zu Ende bestimmt habe und mit mir eins geworden bin, bin ich tot. 




Montag, 29. Mai 2017

Novalis spekuliert.


Odilon Redon, Pegasus 

Seele, Körper, Ich

Es ist allgemein bekannt, daß man Seele und Körper unterscheidet. Jeder, der diese Unterscheidung kennt, wird dabei eine Gemeinschaft zwischen beiden statuieren, vermöge deren sie aufeinander wechselseitig wirken. In dieser Wechselwirkung kommt beiden eine doppelte Rolle zu: entweder sie wirken selbst für sich aufeinander, oder ein drittes Etwas wirkt durch eins aufs andre. Der Körper nämlich dient zugleich auch vermittels der Sinne zu einer Kommunikation der äußern Gegenstände mit der Seele, und insofern er selbst ein äußrer Gegenstand ist, wirkt er selbst als ein solcher mittels der Sinne auf die Seele. Natürlich wirkt die Seele auf demselben Wege zurück, und hieraus ergibt sich, daß dieser Weg oder die Sinne ein gemeinschaftliches, ungeteiltes Eigentum des Körpers und der Seele sind. So gut es äußre Gegenstände gibt, zu denen der Körper mitgehört, ebenso gut gibt es innre Gegenstände, zu denen die Seele mitgehört. Diese wirken auf den Körper und die äußern Gegenstände überhaupt, mittels der Sinne, wie schon gesagt, und erhalten die Gegenwirkung auf diesem Wege zurück. Die Schwierigkeit ist nun, die Sinne zu erklären. (Gattungsbegriff der Sinne.)

Zu Sinnen gehört immer ein Körper und eine Seele. Ihre Vereinigung findet mittels der Sinne statt. Die Sinne sind schlechthin nichtselbsttätig. Sie empfangen und geben, was sie erhalten. Sie sind das Medium der Wechselwirkung.

(Entweder unterscheidet die Seele das wirkliche Dasein in der Erscheinung des Augenblicks, den wirklichen Zustand, vom notwendigen Dasein in der Idee, dem gesetzten, dem Idealzustande, nicht (Zustand des freien Seins, ohne rege Unterscheidungskraft), oder sie unterscheidet beides. Im letztern Falle findet sie nun den wirklichen Zustand mit sich selbst harmonierend oder sich widersprechend. Das erste ist das Gefühl der Lust, des Gefallens, das andre das Gefühl der Unlust, des Mißfallens. 

Beide sind Abweichungen vom natürlichen Zustande und daher nur momentan im weitern Sinne. Im ersten Gefühl ist es die Form des natürlichen Zustandes, der Kunstzustand, das Gefällige, Lusterregende. Im andern ist der Zwang, den das Natürlichnotwendige vom Zufälligen erleidet, das Mißfällige, Schmerzende.)

Der Grund der Sinne, der Sinn, muß eine negative Materie und negativer Geist sein – beides eins – folglich die absolute Materie und der absolute Geist, welches eins ist. Finden tun wir dieses Substrat in den einzelnen Sinnen vereinzelt, d.h. in Verbindung mit einem äußern oder innern Gegenstande. Licht, Schall usw. sind Modifikationen, Individuen der Gattung »Sinn«. (Organ und Sinn unterschieden.)

(Hieraus sehn wir beiläufig, daß Ich im Grunde nichts ist. Es muß ihm alles gegeben werden. Aber es kann nur ihm etwas gegeben werden, und das Gegebne wird nur durch Ich etwas. Ich ist keine Enzyklopädie, sondern ein universales Prinzip. Dies hellt auch die Materie von Deduktionen a priori auf. Was dem Ich nicht gegeben ist, das kann es nicht aus sich deduzieren. Was ihm gegeben ist, ist auf Ewigkeit sein, denn Ich ist nichts als das Prinzip der Vereigentümlichung. Alles ist sein, was in seine Sphäre tritt, denn in diesem Aneignen besteht das Wesen seines Seins. Zueignung ist die ursprüngliche Tätigkeit seiner Natur.)

Wahrscheinlich also das Element der Einbildungskraft – des Ichs –, des Einzigen vorhin gedachten Absoluten, das durch Negation alles Absoluten gefunden wird.

Nun müssen wir uns aber diesen Fund nicht materiell oder geistig denken. Es ist keins von beiden, weil es beides auf gewisse Weise ist. Es ist ein Produkt der Einbildungskraft, woran wir glauben, ohne es seiner und unsrer Natur nach je zu erkennen zu vermögen. Es ist auch nichts an und für sich Vorhandnes, sondern dasjenige, was als Gegenstand einer notwendigen Idee den einzelnen Sinnen zum Grunde liegt und sie erklärt und sie einer theoretischen Behandlung fähig macht. 

(Das oberste Prinzip muß schlechterdings nichts Gegebnes, sondern ein frei Gemachtes, ein Erdichtetes, Erdachtes sein, um ein allgemeines metaphysisches System zu begründen, das von Freiheit anfängt und zu Freiheit geht.) Alles Philosophieren zweckt auf Emanzipation ab.
 
(Innres, äußres Organ – Arten der innern und äußern Gegenstände, die besondre Organe voraussetzen und damit eine neue Modifikation des Sinns sichtbar, erkennbar machen.)

(Zwei Weisen, die Dinge anzusehn: von oben herunter oder von unten hinauf; durch diesen Wechsel wird positiv, was erst negativ war, und vice versa. Man muß beide Weisen auf einmal brauchen.)

(Sinn und Bewußtsein. Das letztere ist nichts als: Wirksamkeit der einen oder der andern Welt mittels des Sinns.)
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Novalis, Fragmente
ed. Kamnitzer, Dresden 1929 



Nota. - Zwar hat wohl Novalis zum Philosophieren mehr Talent gehabt als zum Dichten; doch ohne ein gründliches Studium wäre auch daraus nichts geworden. Gründlich oder jedenfalls stürmisch und umfänglich hat Novalis aus beruflichen Gründen seine naturwissenschaftlichen, namentlich mineralogischen Studien betrieben, für die Philosophie blieb weniger Zeit. Er mag aber auch dem Irrtum unterlegen sein, in der Philosophie notfalls mit der Einbildungskraft auskommen zu können.

In obigem Fragment nun ist von einer Herkunft aus der Transzendentalphilosophie schon gar nichts mehr zu spüren. Er konstruiert die Ichheit, wie es jeglicher gesunder Menschenverstand tut: aus der Wechselwirkung von Körper und Seele. Wie er zu der Vorstellung dieser beiden gekommen ist, fragt er sich nicht. Schon ein klein wenig philosophischer Literaturkenntnis hätte ihn gegen den treuen Augenaufschlag der "Seele" miss- trauisch gemacht; aber er war zu diesem Zeitpunkt wohl schon bereit, sich von den Eingebungen hinwegtra- gen zu lassen.

Die Sammlung der "Fragmente", die Kamnitzer 1929 in Dresden herausgegeben hat, unterscheidet nicht die einzelnen Fundorte im Nachlass. Der war noch ungeordnet, die einzelnen Phasen von Novalis' philosophi- schen Studien wurden ja erst durch ihn sichtbar. Während er zunächst um ein eigenes Verständnis der Fichte'schen Wissenschaftslehre bemüht war, ("Fichte-Studien"), legt er später ein Notizbuch 'für alles' an ("Allgemeines Brouillon"), in das er wie in einem Tagebuch seine Einfälle zu diesem und jenem festhält. Dabei vermischen sich fortschreitend Naturwissenschaft, Naturspekulation und eine zunehmend schwär- mende Philosophie. JE

Eine zuverlässige Ausgabe der Fragmente ist inzwischen in Band 2 der Werkausgabe von Hans-Joachim Mähl im Hnaser-Verlag erschienen (München 1978).




Sonntag, 28. Mai 2017

Was tu ich, indem ich philosophiere?


Odilon Redon, Apolls Wagen II

Philosophieren
 
Philosophieren muß eine eigne Art von Denken sein. Was tu' ich, indem ich philosophiere? Ich denke über einen Grund nach, dem Philosophieren liegt also ein Streben nach dem Denken eines Grundes zum Grunde. Grund ist aber nicht Ursache im eigentlichen Sinne – sondern innre Beschaffenheit, Zusammenhang mit dem Ganzen. Alles Philosophieren muß also bei einem absoluten Grunde endigen. Wenn dieser nun nicht gegeben wäre, wenn dieser Begriff eine Unmöglichkeit enthielte, so wäre der Trieb zu philosophieren eine unendliche Tätigkeit und darum ohne Ende, weil ein ewiges Bedürfnis nach einem absoluten Grunde vorhanden wäre, das doch nur relativ gestillt werden könnte und darum nie aufhören würde. Durch das freiwillige Entsagen des Absoluten entsteht die unendliche, freie Tätigkeit in uns, das einzig mögliche Absolute, was uns gegeben werden kann, und was wir nur durch unsre Unvermögenheit, ein Absolutes zu erreichen und zu erkennen, finden. Dies uns gegebne Absolute läßt sich nur negativ erkennen, indem wir handeln und finden, daß durch kein Handeln das erreicht wird, was wir suchen.

Dies ließe sich ein absolutes Postulat nennen. Alles Suchen nach einem Prinzip wäre also wie ein Versuch, die Quadratur des Zirkels zu finden. (Perpetuum mobile. Stein der Weisen.) (Negative Erkenntnis.) (Die Vernunft wäre das Vermögen, einen solchen absoluten Gegenstand zu setzen und festzuhalten.) (Der durch die Einbildungskraft ausgedehnte Verstand.) Streben nach Freiheit wär' also jenes Streben zu philosophieren, der Trieb nach der Erkenntnis des Grundes. Philosophie, Resultat des Philosophierens, entsteht demnach durch Unterbrechung des Triebes nach Erkenntnis des Grundes, durch Stillstehn bei dem Gliede, wo man ist, Abstraktion von dem absoluten Grunde und Geltendmachung des eigentlichen absoluten Grundes der Freiheit, durch Verknüpfung (Verganzung) des zu Erklärenden zu einem Ganzen. Je mannigfaltiger die Glieder dieses Ganzen sind, desto lebhafter wird die absolute Freiheit empfunden; je verknüpfter, je ganzer es ist, je wirksamer, anschaulicher, erklärter ist der absolute Grund alles Begründens, die Freiheit, darin. Die Mannigfaltigkeit bezeugt die Energie, die Lebhaftigkeit der praktischen Freiheit – die Verknüpfung die Tätigkeit der theoretischen Freiheit. Die erste begreift Handlungen, die andre Behandlungen.

Hierunter verstehe ich die Handlungen der eigentlichen Reflexion, die auf bloße Denkhandlungen gehn. (Reflexion ist nicht alles Denken, sondern behandeltes, bedachtes Denken.) Ich bedeutet jenes negativ zu erkennende Absolute, was nach aller Abstraktion übrigbleibt. Was nur durch Handeln erkannt werden kann, und was sich durch ewigen Mangel realisiert. (So wird Ewigkeit durch Zeit realisiert, ohnerachtet Zeit der Ewigkeit widerspricht.) Ich wird nur im Entgegengesetzten wirksam und bestimmt für sich. Indem ich frage: Was ist das? so fordre ich Entäußerung des Dinges an sich; ich will wissen, was es ist? Das weiß ich ja schon, daß es das und das Ding ist, aber was für ein Ding?

Dies will ich wissen, und hier tret' ich in die Sphäre des Subjektiven (die Anschauung find' ich nie, weil ich sie bei der Reflexion suchen muß, und so umgekehrt). Was handelt zunächst für mich, woher entlehn' ich meine Begriffe? – notwendig ich – notwendig von mir. Ich bin für mich der Grund alles Denkens, der absolute Grund, dessen ich mir nur durch Handlungen bewußt werde; Grund aller Gründe für mich, Prinzip meiner Philosophie ist mein Ich. Dieses Ich kann ich nur negativerweise zum Grund alles meines Philosophierens machen, indem ich soviel zu erkennen (zu handeln) und dies so genau zu verknüpfen suche als möglich; (letzteres durch Reflexion). Je unmittelbarer, direkter ich etwas vom Ich ableiten kann, je erkannter, begründeter ist es mir.

(Ergründen ist Philosophieren. Erdenken ist Dichten. Bedenken und Betrachten ist eins. Empfinden, reines Denken ist ein bloßer Begriff: Gattungsbegriff. Nun ist aber Gattung nichts außer dem einzelnen; also denkt man immer auf eine bestimmte Weise, man ergründet oder erdenkt usw.)

(Durch die Gattung kann ich nicht die Individuen kennen lernen, sondern durch die Individuen die Gattung, aber freilich muß man bei der Beobachtung der Individuen immer die Idee der Gattung in den Augen haben.)

(Die Fichtische Philosophie ist eine Aufforderung zur Selbsttätigkeit: ich kann keinem etwas erklären von Grund aus, als daß ich ihn auf sich selbst verweise, daß ich ihn dieselbe Handlung zu tun heiße, durch die ich mir etwas erklärt habe. Philosophieren kann ich jemand lehren, indem ich ihn lehre, es ebenso zu machen wie ich. Indem er tut, was ich tue, ist er das, was ich bin, da, wo ich bin.)
 
(Vom Erfinden oder Nachmachen geht alle Kunst aus.)

(Sind nun die Handlungen, die ich tue, die natürlichen, so sind alle andren Handlungen unnatürlich und erlangen nicht den Zweck, den sie in den Augen haben und haben müssen – der Mensch widerspricht sich. Er widerspricht sich nicht, wenn er seiner Natur gemäß handelt. Daher bleiben die Bösen z. B. in einem ewigen Widerspruch mit sich selbst.) (Der unterschiedne Stoff bringt erst die Unterscheidung in Absicht desjenigen, wovon der Grund gesucht wird, zuwege. Die Alten nannten daher Naturlehre usw. auch Philosophie; wir haben sie auf das Denken des Grundes der Vorstellungen und Empfindungen, kurz der Veränderungen des Subjekts eingeschränkt.) (Über den Ausdruck Seele. Seele des Ganzen.)
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Novalis, Fragmente
ed. Kamnitzer, Dresden 1929 







Samstag, 27. Mai 2017

Hervorbringen kann die Philosophie nichts.


Odilon Redon, Der Wagen Apolls

Philosophie

Die Philosophie soll nicht mehr antworten, als sie gefragt wird.

Hervorbringen kann sie nichts. Es muß ihr etwas gegeben werden. Dieses ordnet und erklärt sie, oder welches ebensoviel ist, sie weist ihm seine Stelle im Ganzen an, wo es als Ursache und Wirkung hingehört.

Welches ist aber ihr eigentlicher Wirkungskreis? Keine gelehrte Kunst kann es sein. Sie muß nicht von Gegenständen und Kenntnissen abhängen, die erworben werden müssen, von einer Quantität der Erfahrung, sonst wäre jede Wissenschaft Philosophie. Wenn also jene Wissenschaften sind, so ist sie keine.

Was könnte es wohl sein?

Sie handelt von einem Gegenstande, der nicht gelernt wird. Wir müssen aber alle Gegenstände lernen – also, von gar keinem Gegenstande. Was gelernt wird, muß doch verschieden sein von dem Lernenden. Was gelernt wird, ist ein Gegenstand, also ist das Lernende kein Gegenstand. Könnte also die Philosophie vielleicht vom Lernenden handeln, also von uns, wenn wir Gegenstände lernen? 

Die Philosophie ist aber selbst im Lernenden. Nun, da wird sie Selbstbetrachtung sein. Ei! wie fängt es der Lernende an, sich selbst in dieser Operation zu belauschen? Er müßte sich also lernen, denn unter Lernen verstehn wir überhaupt nichts als den Gegenstand anschaun und ihn mit seinen Merkmalen uns einprägen. Es würde also wieder ein Gegenstand. Nein, Selbstbetrachtung kann sie nicht sein, denn sonst wäre sie nicht das Verlangte. Es ist ein Selbstgefühl vielleicht. Was ist denn ein Gefühl?

(Die Philosophie ist ursprünglich Gefühl. Die Anschauungen dieses Gefühls begreifen die philosophischen Wissenschaften.)

Es muß ein Gefühl von innern, notwendig freien Verhältnissen sein. Die Philosophie bedarf daher allemal etwas Gegebenen, ist Form – und doch real und ideal zugleich wie die Urhandlung. Konstruieren läßt sich Philosophie nicht. Die Grenzen des Gefühls sind die Grenzen der Philosophie. Das Gefühl kann sich nicht selber fühlen.

Das dem Gefühl Gegebne scheint mir die Urhandlung als Ursache und Wirkung zu sein. Unterscheidung der Philosophie von ihrem Produkt: den philosophischen Wissenschaften.

Was ist denn ein Gefühl? 

Es läßt sich nur in der Reflexion betrachten, der Geist des Gefühls ist da heraus. Aus dem Produkt läßt sich nach dem Schema der Reflexion auf den Produzenten schließen.

Anschauungsvermögen. Der Anschauung liegt kein besondrer Trieb zum Grunde.

Die Anschauung ist für das Gefühl und die Reflexion geteilt. Eins ist sie ohne Anwendung. Angewandt ist sie Tendenz und Produkt. Die Tendenz gehört dem Gefühl, das Produkt der Reflexion. Das Subjektive dem Gefühl, das Objektive der Reflexion. (Beziehung zwischen Vermögen und Kraft.)

Gefühl und Reflexion bewirken zusammen die Anschauung. Es ist das vereinigende Dritte, das aber nicht in die Reflexion und Gefühl kommen kann, da die Substanz nie ins Akzidens kriechen kann, die Synthese nie ganz in der These und Antithese erscheinen. (So entsteht ein Objekt aus Wechselwirkung zweier Nichtobjekte. Anwendung auf die Urhandlung.)

Gefühl scheint das erste, Reflexion das zweite zu sein. Warum?

Im Bewußtsein muß es scheinen, als ginge es vom Beschränkten zum Unbeschränkten, weil das Bewußtsein von sich, als dem Beschränkten, ausgehn muß –, und dies geschieht durchs Gefühl, ohnerachtet das Gefühl, abstrakt genommen, ein Schreiten des Unbeschränkten zum Beschränkten ist: diese umgekehrte Erscheinung ist natürlich. Sobald das Absolute, wie ich das ursprünglich ideal Reale oder real Ideale nennen will, als Akzidens oder halb erscheint, so muß es verkehrt erscheinen: das Unbeschränkte wird beschränkt et vice versa. (Anwendung auf die Urhandlung.) Ist das Gefühl da im Bewußtsein, und es soll reflektiert werden, welches der Formbetrieb verursacht, so muß eine Mittelanschauung vorhergehen, welche selbst wieder durch ein vorhergehendes Gefühl und eine vorhergehende Reflexion, die aber nicht ins Bewußtsein kommen kann, hervorgebracht wird; und das Produkt dieser Anschauung wird nun das Objekt der Reflexion. Dieses scheint nun aber ein Schreiten vom Unbeschränkten zum Beschränkten und ist eigentlich gerade ein umgekehrtes Schreiten.

Beim Gefühl und der Reflexion wird freilich Unbeschränkt beidemal in einer verschiednen Bedeutung genommen. Das erstemal paßt der Wortsinn Unbeschränkt oder Unbestimmt mehr, das zweitemal würde Unabhängig passender sein. Das letztere deutet auf Kausalverbindung, und der Grund davon mag wohl darin liegen, daß die zweite Handlung durch die erste verursacht zu sein scheint. Es ist also eine Beziehung auf die erste Handlung. Hingegen deutet das erstere auf die Reflexionsbestimmung und ist also eine Beziehung auf die zweite Handlung, welches den innigen Zusammenhang dieser beiden Handlungen auffallender zeigt.

Woher erhält aber die erste Reflexion, die die Mittelanschauung mit hervorbringt, ihren Stoff, ihr Objekt? Was ist überhaupt Reflexion?

Sie wird leicht zu bestimmen sein, wie jede Hälfte einer Sphäre, wenn man die eine Hälfte, als Hälfte, und die Sphäre, als geteilt, hat. Denn da muß sie gerade das Entgegengesetzte sein, weil nur zwei Entgegengesetzte eine Sphäre in unserm Sinn erschöpfen oder ausmachen. 

Die Sphäre ist der Mensch, die Hälfte ist das Gefühl.

Vom Gefühl haben wir bisher gefunden, daß es zur Anschauung mitwirke, daß es dazu die Tendenz gebe oder das Subjektive, daß es der Reflexion korrespondiere, die Hälfte der Sphäre Mensch, im Bewußtsein ein Schreiten vom Beschränkten zum Unbeschränkten, im Grunde aber das Gegenteil sei, daß ihm etwas gegeben sein müsse, und daß dieses ihm Gegebene die Urhandlung als Ursache und Wirkung zu sein scheine.

Theoretische und praktische Philosophie, was ist das? Welches ist die Sphäre jeder?

Die Reflexion findet das Bedürfnis einer Philosophie oder eines gedachten, systematischen Zusammenhangs zwischen Denken und Fühlen, denn es ist im Gefühl. Es durchsucht seinen Stoff und findet, als Unwandelbares, als Festes zu einem Anhalten, nichts als sich und sich selbst rein, i. e. ohne Stoff, bloße Form des Stoffs, aber, wohlverstanden, reine Form, zwar ohne wirklichen Stoff gedacht, aber doch, um reine Form zu sein, in wesentlicher Beziehung auf einen Stoff überhaupt.

Denn sonst wäre es nicht reine Form der Reflexion, die notwendig einen Stoff voraussetzt, weil sie Produkt des Beschränkten, des Bewußtseins in dieser Bedeutung, kurz Subjektivität des Subjekts, Akzidensheit des Akzidens ist. Dies ist die Urhandlung usw.

Das ist das Kontingent, was die Reflexion, scheinbar allein, zur Befriedigung jenes Bedürfnisses liefert. Die Kategorie der Modalität schließt deshalb mit dem Begriff der Notwendigkeit. Nun geht die Wechselherrschaft an. Die Urhandlung verknüpft die Reflexion mit dem Gefühle. Ihre Form gleichsam gehört der Reflexion, ihr Stoff dem Gefühle. Ihr Geschehn ist im Gefühl, ihre Art in der Reflexion. Die reine Form des Gefühls ist darzustellen nicht möglich. Es ist nur eins, und Form und Stoff, als komponierte Begriffe, sind gar nicht darauf anwendbar. Die Reflexion konnte ihre reine Form darstellen, wenn man ihre partielle Funktion in der Gemeinschaft mit dem Gefühl Form nennt und diesen Namen auf ihre abstrakte Wirksamkeit überträgt. Nur im Gefühle gleichsam kann die Reflexion ihre reine Form aufstellen: neues Datum des überall herrschenden Wechselverhältnisses zwischen den Entgegengesetzten, oder der Wahrheit, daß alles durch Reflexion Dargestellte nach den Regeln der Reflexion dargestellt ist und von diesen abstrahiert werden muß, um das Entgegengesetzte zu entdecken.

Das Gefühl gibt nun der Reflexion zu seinem Kontingente den Stoff der intellektualen Anschauung. So wie das Gefühl der Reflexion in Aufstellung seiner ersten Formen behilflich sein mußte, so muß die Reflexion, um etwas, für sie zu bearbeiten Mögliches zu haben, mitwirken: und so entsteht die intellektuale Anschauung. Diese wird nun der Stoff der Philosophie in der Reflexion. Nun hat die Reflexion eine reine Form und einen Stoff für die reine Form, also das Unwandelbare, Feste, zu einem Anhalten, was sie suchte, und nun ist die Aussicht auf eine Philosophie, als gedachten (systematischen) Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen eröffnet. Wie finden wir nun den Stoff, das Objekt, was nicht Objekt ist, das Gebiet der Wechselherrschaft des Gefühls und der Reflexion bestimmt? Der Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen muß immer sein, wir müssen ihn im Bewußtsein überall finden können. Aber wie finden wir ihn systematisch?

Aus den reinen Formen der Reflexion haben wir das Verfahren der Reflexion mit dem Stoff überhaupt gelernt. Sie hat nun einen bestimmten Stoff, mit dem wird sie also ebenso verfahren. Dieser bestimmte Stoff ist die intellektuale Anschauung. Nach dem Gesetze der Urhandlung wird er geteilt. Sie zerfällt in ihre zwei Teile, in das Gefühl und in die Reflexion, denn aus diesen ist sie zusammengesetzt. Die Synthesis dieser These und Antithese muß eins, Grenze und Sphäre von beiden, absolute Sphäre sein, denn es ist Synthesis; wir sind aber im bestimmten Stoff, also muß es, es kann nicht anders sein – Mensch oder Ich sein. Der Mensch denkt und fühlt, er begrenzt beides frei, er ist bestimmter Stoff.

(Dies wäre Fichtens Intelligenz. Das absolute Ich ist dieser bestimmte Stoff, eh die Urhandlung in ihn tritt, eh die Reflexion auf ihn angewendet wird.)

So haben wir in unsrer Deduktion der Philosophie den natürlichsten Weg beobachtet: Bedürfnis einer Philosophie im Bewußtsein, scheinbares Schreiten vom Beschränkten zum Unbeschränkten, Reflexion darüber, scheinbares Schreiten vom Unbeschränkten zum Beschränkten, Resultate dieser Reflexion, Resultate des Gefühls dieser Reflexion, Reflexion über diese Resultate nach jenen Resultaten, gefundner Zusammenhang oder Philosophie. 
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Novalis, Fragmente
ed. Kamnitzer, Dresden 1929



Nota. - Das ist Fichtes gedanklicher Ausgangspunkt: Die Philosophie - lies: Transzendentalphilosophie - bringt selber nichts hervor. Sie hat ihren Gegenstand, nämlich das tatsächlich gegebene vernünftige Bewusstsein ihrer Zeitgenossen - der 'gemeine Standpunkt' -, und dieses gilt es zu verstehen: auf seine wirklichen Voraussetzungen zurückzuführen und seine Reichweite zu ermessen. Um dies zu können, muss die Philosophie einen Standpunkt über ihm einnehmen.

Fichte war Novalis' Ausgangspunkt, ihn wollte er interpretierend verstehen; stets mit dem Hintergedanken, "darüber hinaus" zu gehen. Im Einzelnen kommt er gelegentlich zu verblüffenden Einsichten. Aber insgesamt findet er doch nicht zu dem Verständnis, dass Transzendentalphilosophie an keiner Stelle Realphilosphie wird. So sind etwa Einbildungskraft und Reflexion nicht zwei real existierende antagonistische Kräfte, sondern lediglich zwei Ansichten ein und derselben intellektuellen Tätigkeit, die nur der philosophische Betrachter unterscheidet, um aus der Vorstellung von ihrer Wechselwirkung zu verstehen, was sie eigentlich 'tut'.

So macht z. B. Fichte auch von dem 'Gefühl' einen ganz und gar nüchternen, sensualistisch-materialistischen Gebrauch, Es ist der faktische Ausgangspunkt allen Wissens. Und das Absolute Ich 'ist' nicht ein 'bestimmter Stoff', sondern lediglich die Gedankenkonstruktion von Etwas, das Gefühle hat - und in der Anschauung darauf reflektiert. 

Die Wissenschafstlehre sei "bloße Reflexionsphilosophie", hat Hegel gesagt, mit andern Worten: Sie reflektiert lediglich auf das, was im faktischen Wissen wirklich vorkommt. Sie erfindet nichts hinzu. Aus Hegels Mund ist das ein Lob und kein Tadel. Novalis hat es von Fichte selbst gehört, aber so ganz mag er's nicht glauben. Gern würde er die Einbildungskrft darüber hinausschießen lassen, man merkt es an jeder Stelle.
JE