Samstag, 31. August 2013

Der Sinn der Welt.

Der Sinn der Welt ist, dass Vernunft in ihr verwirklicht wird.
Das sagt über die Vernunft fast mehr als über die Welt.
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Ist es nicht merkwürdig, dass für die Philosophie Vernunft schon so lange kein Thema mehr ist? Am Beginn des modernen Zeitalters war sie ihr Anfang und ihr Ende.



Freitag, 30. August 2013

Terminus ad quem.



Mit der Vernunft ist es wie mit ihrer Patin, der Wahrheit: Sie ‘sind’ beide nur actu, als Richtschnur eines freiwilligen Handelns. Und zwar nicht als sein bewährter Grund, von dem es ausgeht: terminus a quo; sondern als sein Zweck, auf den es hinauswill: terminus ad quem.

Metaphorisch wird ihr Verhältnis gern umschrieben als unendliche Annäherung. Dagegen wäre nichts zu sagen, neigte das Denken nicht dazu, allzu häufig gebrauchte Metaphern schließlich so anzuwenden, als wären sie Begriffe, und sie als vermittelndes Glied in einen discursus einzufügen und logische Schlüsse zu ziehen. Dann nämlich stellt sich die Sache so dar: Wenn Vernunft und Wahrheit ohnehin nur annähernd zu realisieren sind, dann muss ich selbst es ja auch nicht so genau damit nehmen…

Ich schlage darum eine andere Metapher vor. Vernunft und Wahrheit sind wie der Polarstern, den der Steuerman auf hoher See als Orientierungspunkt wählt; nicht um ihm sich anzunähern, sondern seinem Bestimmungshafen – und zwar endlich.



Vernunft und Öffentlichkeit bedeuten dasselbe.

Vernunft nennen wir die Annahme, dass es ein Urteilsvermögen gibt, welches als einem Jeden („der menschliches Antlitz trägt“, sagt Fichte) in gleichem Maße gegeben vorausgesetzt, und dessen Betätigung einem Jeden in gleichen Maße zuzumuten ist.

Vernunft ist ein Postulat, das sich selbst setzt und voraussetzt. Es ist eo ipso das Postulat, dass zumindest in dieser einen Hinsicht „Alle gleich“ sind.

Das ist offenbar zunächst nur eine formale Bestimmung. Welche die positiven Gehalte der Vernunft seien, muss sich immer wieder erst im Zuge von deren Betätigung erweisen: im argumentativen Verkehr eines Jeden mit Jedem.

Und dieser Verkehr heißt Öffentlichkeit.

Dass es sich nur um Postulate handelt, bedeutet zugleich, dass sie nur problematisch gelten, d. h. als immer wieder zu bewältigende Aufgabe. Ob es ‚wirklich so ist’, muss sich allezeit im Vollzug erst noch bewähren. Vernunft gibt es nur als self fulfilling prophecy – oder eben nicht.

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Man sollte meinen, dass es der Öffentlichkeit noch nie leichter gefallen ist, sich herzustellen, als im Zeitalter der WorldWideWeb.

Donnerstag, 29. August 2013

Von der allmählichen Verfertigung der Vernunft im Verkehr.

verkehren

„Ich schwöre Ihnen,“ erwiderte Ulrich ernst, „dass weder ich noch irgendjemand
weiß, was der, die, das Wahre ist; aber ich kann Ihnen versichern, dass es im Begriff steht,
verwirklicht zu werden!“ „Sie sind ein Zyniker!“erklärte Direktor Fischl und eilte davon.
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Vernunft nennen wir die Annahme, dass es ein Urteilsvermögen gibt, welches als einem Jeden („der menschli-ches Antlitz trägt“, sagt Fichte) in gleichem Maße gegeben vorausgesetzt, und dessen Betätigung einem Jeden in gleichen Maße zuzumuten ist.

Wenn das Ich sich selber setzt; wenn jeder seine eigne Welt entwirft; wenn mein Wissen mein eigenes Konstrukt ist – wie ist es möglich, dass auf dieser Welt auch nur Zweie sich über auch nur Eines verständigen können?

Als sich vor zwei, drei Millionen Jahren in Ostafrika das Klima erwärmte und den Regenwald zu einer Feucht-savanne ausdünnte, zogen sich unsere Vorfahren nicht, wie ihre äffischen Vettern, mit dem Dschungel zurück, sondern stiegen stattdessen auf den Boden herab. Eine Feuchtsavanne ist kein einheitlicher Lebensraum, an den man sich spezialistisch “anpassen” kann. Sie besteht aus vielen Vegetations- und Klimainseln, wo ganz unter-schiedliche Bedingungen gegeben sein mögen, aber von denen keine einem großen Säuger als dauernder Wohn-ort ausreicht. Jedenfalls gewöhnten sie sich an, von einer zur andern zu wechseln. Über Millionen Jahre lebten unsere Vorfahren von da an als Nomaden und Entdeckungsreisende.

Dabei begegnet ihnen erstens immer wieder Unbekanntes – das ‘noch keine’ Bedeutung hatte; und zu den Be-deutungen, die ihnen der Urwald in Jahrmillionen angeerbt hatte, fanden sie nicht mehr die passenden ‘Dinge’. Sie mussten ’sich was einfallen lassen’, mussten Bedeutungen ahnend neu ‘heraus’-, d. h. hinein-finden, und mussten Fremdes mit dunklen Erinnerungen an Vergangenes vergleichen. Sie mussten sich ein Bedeutungsreser-voir angelegen, das übertragbar, das tragbar, das transportabel war. Es kann mit Allem verglichen werden, was auftaucht, und alles, was auftaucht, ist mit der Erwartung ausgezeichnet, vergleichbar zu sein: “Passt oder passt nicht?” Erweist es sich als inkommensurabel – dann ist es nicht etwa ‘bedeutungslos’, sondern im Gegenteil etwas ganz Besonderes.

An die Stelle der verlorenen ‘Umwelt’ ist nun eine Welt getreten, die ‘zuerst’ (in Symbolen transportabel und) in der Vorstellung ‘da ist’, an der die begegnenden ‘Dinge’ gemessen und auf ihre Tauglichkeit geprüft werden. Was “passt”, hat Chancen, (für) ‘wahrer’ genommen zu werden, als was nicht passt oder nicht so gut passt. Jenes, das Fremde, hat dagegen Chancen, einer ‘höheren’ Wirklichkeit zugerechnet zu werden, die gleichermaßen anziehend und bedrohlich sei kann. (Es ist die animistische Welt des Totems.)

Und um diese Vorstellungswelt von einer Insel zur andern transportieren zu können, musste ein Behältnis ausge-bildet werden. Die (schubweise) Vergrößerung des menschlichen Gehirns folgt der Erfindung des aufrechten Ganges und der Ausweitung des menschlichen Aktionsradius. Verlassen hatten wir einen sicheren Ort, wo alles so war, wie es war, und wo wir es darum nicht “bemerken” mussten. Ein Ich, das sich von diesem Ort unter-scheiden musste, war nicht ‘da’. Das änderte sich drastisch, als wir ‘zur Welt kamen’. Dieser Ort war ein vages Durcheinander von Wundern und Unwägbarem, das “immer neu” begegnete. Ein ‘ruhender’ Pol im steten Wechsel ist allein die wandernde Menschengruppe, die sich als beharrendes Subjekt in einer flüchtigen… ja eben: Welt behauptete. Der einstmals umweltlich ungeschiedene Erlebensraum der Individuen zerfällt in ein Drinnen – die gewisse Gruppe -, und ein ungewisses Draußen. Je dringlicher es der Vergewisserung des Draußen bedarf, umso nötiger wird die Verständigung im Innern.

Die – von nun an selbst gemachte – Geschichte der Gattung Mensch geschieht im Verkehr. Verkehr heißt Mit-teilung. Mitteilung bedarf eines Vehikels, eines “Gefäßes”, in dem die je gemeinte Bedeutung vom Einen zum Andern gereicht wird. Je öfter das Mitteilen nötig wird, umso fester muss das Gefäß sein. Eine Bedeutung, die in einer Gebärde symbolisiert wird, ist weniger haltbar als eine, die in einem gesprochenen Wort symbolisiert ist. Und nur in unablässigem Verkehr kann die Bedeutung des Symbols andererseits auch Erhalten bleiben.

Aber ich bin auch in ‘meiner’ Welt nicht allein. Ich stehe von Anbeginn bis Schluss in Verkehr. Im Verkehr kann der Eine an die Stelle des Andern treten. Im Verkehr wird der Wechsel der Perspektiven habituell. Aus dem Ver-kehr erwachsen Abstände und Nähen, der Verkehr manifestiert Unterschiede und schafft Reflexion. Verkehr ist Vermittlung. In der Welt, die Verkehr ist, ist nichts unmittelbar. Genauer gesagt: In ‘unserer’ Welt ist nichts unmittelbar, ist alles nur ‘vermittels…’: Alles ist verkehrt. Das Unmittelbare kommt allein in ‘meiner’ Welt vor. In ‘unserer’ Welt kann ich es nur symbolisch vermittelt “zur Sprache bringen” – was in ‘meiner’ Welt gar nicht nötig ist.



Mittwoch, 28. August 2013

Die Naturgeschichte des Kausalitätsprinzips.




Der Entschluss, Naturwissenschaft zu betreiben, und der Entschluss, alles, was erscheint, als Einzelfall eines Gesetzes anzusehen, sind ein und dasselbe. Denn durch diesen Entschluss Galileo Galileis wurden die Naturwissenschaften begründet.
 
Die Grundform des Naturgesetzes ist das Kausalprinzip. Es bedeutet, alles, was ist, als ein Ereignis aufzufassen, das mit Notwendigkeit aus einem vorangegangenen Ereignis folgt. Dieses Prinzip ist nicht aus der Forschung gewonnen, sondern liegt ihm zu Grunde. Es ist eine heuristische, „regulative“ Annahme, durch die Forschung erst möglich wird. Dass sie sich im Verlauf der Forschung bewährt, macht den Erfolg der Forschung überhaupt erst aus: Die Natur der Wissenschaft ist definiert als das Reich, wo Kausalität herrscht. Es ist eine Petitio principii. Wenn etwa die Hirnphysiologie findet, dass ein freier Wille nicht statt hat, holt sie aus ihrer Forschung nur heraus, was sie vorab hineingetan hat. 

Solange sie es dabei bewenden lässt, ist alles in Ordnung. Wenn sie aber aus einem regulativen Prinzip ein konstitutives Prinzip macht, betreibt sie Metaphysik und verlässt den Boden der Naturwissenschaft.

Das Kausalprinzip ist kein Fund der Wissenschaft, sondern ein Selektionsprodukt der Lebenswelt. Es beruht auf der im Laufe einer millionenjährigen Gattungsgeschichte angehäuften Erfahrung, dass ich, wenn ich einen noch nicht vorhandenen Zustand wünsche, zu dem vorhandenen Zustand etwas hinzufügen muss, nämlich einen Akt. Ich muss wirken.
 
Die Urform des Kausalprinzips ist der Animismus. Nämlich die Annahme, dass alle Dinge, die mir begegnen, so sind (und selbst, dass sie sind), weil sie es wollen. Sie wirken, weil sie so wirken wollen. Eine Unterscheidung zwischen ‚zufälligen’ und ‚notwendigen’ Ereignissen ist noch gar nicht möglich, denn zu jedem unerwarteten Ereignis kann ein noch unbekanntes beseeltes Subjekt hinzugedacht werden.
 
Doch die Erfahrung lehrt, dass viele Ereignisse sich vorhersehen lassen, und einige eben nicht. Der Mythos löst diesen Widerpruch, indem er an die Stelle der ganz individuellen immer allgemeinere Subjekte setzt. Gottheiten und Dämonen sorgen für Regelmäßigkeiten, von denen sie willkürlich abweichen können. Nicht mehr die Dinge selber wirken, sondern werden bewirkt. Und so der Mensch.
 
Die Form des Mythos ist die (positive) Erzählung, nicht die (fragende) Untersuchung. Man muss ihn glauben, fürs Wissen ist er ungeeignet. Die Fragen fernzuhalten ist sein eigentlicher Zweck. Die mythische Epoche ging unter mit dem Aufkommen der griechischen Philosophie. Ist das, was erscheint, so wie es ist, oder ist es in Wahrheit etwas anderes? Es beginnt das Zweifeln.
 
Es gibt nichts als Schein, meint Heraklit von Ephesos, und Parmenides von Elea entgegnet: Nur was erscheint, ist Schein; das Wahre ist nicht sichtbar, sondern nur dem Denken zugänglich. Ist oder ist nicht; Werden ist Täuschung. Der eine verneinte die Notwendigkeit, der Andere den Zufall. Hier griff Platos Ideen-Lehre ein. Die Ideen lagen nunmehr jeweils einer ganzen Klasse von Ereignissen zugrunde, sie waren ‚vor’ den Göttern auf dem Olymp. Sie waren das eigentlich Sein. Das Werden, das wir auf der Erde beobachten, ist uneigentlich, es ist das Wirken des Wahren in der Erscheinung. Zufall ist nur Schein, und doch die Erscheinungsweise des Notwendigen. Wissen – im Unterscheid zu bloßem Meinen – ist: im Zufälligen das Notwendige ergründen.
 
Aristoteles’ Gedanke der Entelechien, deren jede ihr Entwicklungsgesetz ganz allein in sich trägt, war demgegenüber ein Rückgriff auf animistische Vorstellungen. Er behinderte die Ausbildung einer systematischen Forschung so lange, bis Galileo Platos Ideenlehre umformte in die Lehre von allgemeinen Naturgesetzen. Seither ist eine Kausalbetrachtung möglich und experimentell bewährte Wissenschaft.
 
Ein Gesetz muss gesetzt worden sein. Die Vorstellung von einem Schöpfergott wird nötig – ein unbegründeter Grund, causa sui, ein unbewegter Beweger. Kein Problem für die Theologie, aber unbefriedigend für den Forscher. Wenn Gott die Naturgesetze erlassen hat – ist er ihnen dann selber unterworfen? Dann wäre er nicht länger Gott. Er hätte am Anfang lediglich einen Fingerschnipp, une chiquenaude getan, um die Maschine in Bewegung zu setzen, dann setzte er sich zur Ruhe. So spöttelte Blaise Pascal über das ‚System’ des Descartes.[*]
 
Spinoza hat es radikal gelöst: Gott ist selber Naturgesetz, deus sive natura. Das ist im Wesentlichen Stand der Wissenschaft. Die Annahme, die Naturgesetze seien im Urknall erst entstandenen, macht lediglich den Urknall selbst zur causa sui. Alles bleibt im Rahmen des Gesetzes von Ursache und Wirkung, und auf dem Boden der Wissenschaft. Denn das Kausalprinzip reicht immer nur bis ganz dicht an den Urknall heran und nicht in ihn hinein und schon gar nicht hinter ihn zurück. Die Frage, was vor dem Urknall war, entzieht sich der Kausalbetrachtung und gehört nicht zur Naturwissenschaft. Man mag sie spekulativ und experimentell in mythischen Bildern behandeln, und sie dann nach ihrer Plausibilität bewerten. Aber positiv erforschen lässt sich da nichts.
 
Und jedem Wissenschaftler steht es frei, den Urknall selbst für den Sitz des Schöpfergottes zu halten – solange er das privat für sich tut und nicht die Öffentlichkeit damit behelligt.
 
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Bleibt eines hinzu zu fügen. Niemand ist gehalten, die ganze Welt naturwissenschaftlich zu betrachten. Das tut auch der Naturwissenschaftler nicht, denn damit würde er nicht einen Tag im wirklichen Leben überstehen. Naturwissenschaftlich denkt er im Labor, nur da ist es am Platz.


[*] …das Malebranche daher um die Zutat ergänzte, dass Gott die Freiheit bleibt‚ wie im Mythos ’bei Gelegenheit’ immer wieder mal steuernd einzugreifen – womit aller Wissenschaft der Garaus gemacht ist. .


Dienstag, 27. August 2013

Weltformel.



Die Suche nach der Weltformel ist die Suche nach dem intelligent design: Würde sie gefunden, drängte sich die Annahme auf, dass sie sich wer ausdacht hat; ein Urheber.

Unser Vorstellungsvermögen hat sich darwinistisch-evolutiv in der natürlichen Mittelwelt durch trial and error ausgebildet, da, wo die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht und wo wir unsere Erfahrungen machen.* Den Vorgängen im Mikrokosmos ist es ebensowenig erwachsen wie denen im Makrokosmos. Für beide jenseits seines Horizonts gelegenen Welten kann der Verstand theoretische Modelle erfinden, die sich nachrechnen und experimentell prüfen lassen – Quantenmechanik und Relativitätstheorie. Aber vorstellen, was die Modelle beschreiben, können wir uns in unseren irdischen Köpfen nicht.

Dass Quantenmechanik und Relativitätstheorie einander streng genommen ausschließen, ist beruhigend für die Vernunft. Es bestätigt, dass wir mit unseren irdischen Vermögen getan haben, was wir konnten. Wo wir mit unserer Vorstellung nicht mehr hinlangen können, nach ganz weit oben und ganz weit unten, haben wir uns mit Begriffen ausgeholfen, die wir aus logischen Prämissen unsern Erkenntniszwecken gemäß konstruieren konnten. Dass dies oben und unten jeweils ganz andere Begriffe sein würden, war angesichts dieser Vorgehensweise zu erwarten. Ließen sich für beide Bereiche dieselben Begriffe finden, sollte uns das Blut in den Adern gefrieren: Wenn oben und unten dieselben Begriffe gälten, müssten sie dazwischen, in unserer mittleren Erfahrungswelt, ebenso gelten; ein einziges Naturgesetz von Anfang bis Ende. 

Und kein Gesetz ohne einen Gesetzgeber.
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*) Die Labore der Wissenschaftler liegen auch in diesem Zwischenreich.

Vernunft.



Vernünftig ist dasjenige Denken, das von der Voraussetzung ausgeht, dass es Wahrheit gibt und dass sich der Unterschied von wahr und unwahr durch Überprüfen der Gründe erkennen lässt. Vernunft ist die Projektion eines Zustandes, in dem alle Gründe geprüft und bestätigt sind. Als Projektion ist dieser Zustand selbst nicht begründet, sondern intendiert. Denn lediglich intendiert war schon die Voraussetzung, und lässt sich auf Gründe nicht stützen.

Das ist eine rein logische Bestimmung. Reell und empirisch ist Vernunft nur eine Art Wurfanker, der nach einem gedachten Halt ausgeworfen wird.

Montag, 26. August 2013

Natur- und… “Geistes”wissenschaft?


Also soweit Philosophie wissenschaftlich ist, bleibt sie negativ und rein kritisch - das war das bisherige Ergebnis. Will sie positiv und praktisch werden, kann sie sich an logische Demonstrationen und Herleitungen aus geprüften Gründen nicht länger halten. Sie muss postulieren, was “sein soll”, auf eigene Verantwortung und ohne Sicherheits- netz. So in Politik und Pädagogik, und in der persönlichen Lebenslehre ohnehin. Existenzphilosophie hat man das genannt, und der Name gefällt mir. Positiv und wissenschaftlich verfahren allein die Naturwissenschaften, und darum nennen sie sich die exakten. Und was wird aus dem vielen, vielen positiven Wissen, das die Menschen inzwischen über sich selbst und über ihr Tun und Lassen in Geschichte und Gegenwart angesammelt haben? Dass es nicht ‘wissenschaftlich’ im Sinn der strengen Verfahren von Physik und Chemie ist; dass es nämlich nicht die Mathematik zum Leitfaden hat, springt ins Auge. Aber es ist doch nicht willkürlich und rein ästhetisch wie die von A bis Z wertsetzenden – und daher ‘durch Freiheit möglichen’ – praktischen Disziplinen. Sie hat es ja mit Erfahrungstatsachen zu tun! 

Es fängt bei der Namensgebung an. “Natur”wissenschaft… im Unterschied, im Gegensatz zu was? Zu Geistes- wissenschaft, Moral science, Humaniora? Der Unterschied ist nicht selbstverständlich, und darum wurde er auch nicht immer gemacht. Bei den Antiken erscheinen Physik und ‘Meta’-Physik noch ganz ungescheiden, erst bei Aristoteles werden sie wenigstens auf verschiedene Bände verteilt; aber schon bei den – dann lange Zeit Ton angebenden – Neuplatonikern (Plotin, Proklos) treten sie wieder vermengt auf. Sachlich notwendig wird sie auch wirklich erst mit Galileo, der mit der Mathematisierung der Formeln zuerst ein Kriterium eingeführt hat, um ’strenge’ Wissenschaft von mehr oder minder plausiblem Dafürhalten zu unterscheiden. Mit Descartes ist dieses Kriterium fürs Abendland verbindlich geworden: Wissenschaft spricht wahr, und der Maßstab für die Wahrheit der Aussagen ist, dass sie ’so klar und eindeutig bewiesen werden können wie die Demonstrationen der Geometrie’. Nur was sich in einem mathematischen Modell darstellen lässt, lässt sich mit mathematischer Sicherheit beweisen.

Dass ‘Natur’ eo ipso in ein mathematisches Modell gehört, war damit stillschweigend unterstellt. Die Unterstellung ist geschehen, indem sich Galileo ausdrücklich aus der aristotelischen Meta-Physik zurück besann auf Platos Ideen’-Begriff und seiner Anschauung der reinen Formen (’vollkommene Körper’) in der Mathematik. Dass damit ‘allein die Natur’ zu erfassen wäre, war damit noch gar nicht positiv gesetzt. Es ergab sich negativ, indem ein Rest übrig blieb, der sich nicht in mathematischen Modellen darstellen lässt; eben die ‘nicht-exakten’ Wissenschaften: Wissenschaften im eingeschränkten Sinn…

Descartes hat schon zu seiner Zeit energischen Widerspruch gefunden, der zu seiner Zeit aber ungehört blieb. Giambattista Vico stellte der Idee von der mathematischen Durchschaubarkeit von Gottes Schöpfung den Grundsatz entgegen, dass einer nur das ‘wahr’ erkennen könne, was er selber gemacht habe: “Verum et factum convertuntur”, ‘wahr’ und ‘gemacht’ bedeuten dasselbe. Die Natur habe Gott gemacht und der allein könne sie erkennen. Der Mensch hat seine Geschichte (seine Kultur, seine Kunst…) gemacht, und die allein könne er verstehen.

In einen Gegensatz sind Physik und Philosophie mit dem Beginn der industriellen Revolution faktisch getreten. Es war ein Streit um die Deutungshoheit im gesellschaftlichen Raum, den die Philosophie ab Mitte des 19. Jahrhunderts nur verlieren konnte. Der Rückgriff auf G.Vicos Gedanken erfolgte gegen Ende des Jahrhunderts, als Philosophie und Geschichtswissenschaft gegen den bloßen Positivismus der ‘Natur’- und Ingenieurswissenschaften neu zu behaupten suchten.

Eine positive Bestimmung hat dann wohl zuerst Wilhelm Dilthey (1833-1911) unternommen. Während der Mensch im ersten Fall ‘die Natur außer ihm’ untersucht, betrachtet er in den “Geistes”-Wissenschaften ’sich selbst und seine Werke’. Gilt es bei jenen, die Dinge aus ihren Ursachen zu erklären, suchen diese, die Taten den Menschen aus ihren Motiven zu verstehen. Die Methode hier ist rationale Rekonstruktion, dort intuitive Einfühlung.

Das ist früh als unbefriedigend empfunden worden. Plausibel und für die Konversation tauglich ist es wohl, aber sobald man sich den wissenschaftlichen Grenzfällen nähert – für die die Unterscheidung ja taugen soll, nicht aber für die unstrittigen Fälle! -, lässt sie sich nicht konsequent durchführen. Generell schon darum nicht, weil seit Kant (von dem auch Dilthey ausging) auch in den Naturwissenschaften das menschliche Apriori – die ‘Kategorien’ und die ‘transzendentalen Anschauungsformen’ Raum und Zeit – immer schon mit enthalten ist. Und im Besondern wird es deutlich bei der immanenten Methodenreflexion der Naturwissenschaften: Beschäftigt sich Wissenschaftslogik mit der Natur außer uns oder mit uns selbst und unsern Werken?! Gänzlich verwirrend wird es beim Prüfstein der Naturwissenschaftlichkeit selber: der Mathematik – und da verstrickte uns diese Unterscheidung unversehens tief in die Metaphysik, und die Katze bisse sich in den Schwanz.

Wilhelm Windelband (1848-1915) sah es als irreführend an, die beiden großen Wissenszweige nach ihren Gegenständen unterscheiden zu wollen: Es stecken viel zu viele Prämissen da schon drin! Zweckmäßiger sei es, zunächst ihre Verfahrensweise und eo ipso ihre Erkenntnisabsichten zu unterscheiden: Die ‘Gegenstände’ werden sich finden…

Es gibt Wissenszweige, die in der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen nach durchgehenden Regelmäßigkeiten suchen, und wenn sie sie finden, stellen sie sie womöglich in mathematischen Formeln dar. Diese nennen sie ‘Naturgesetze’. Wissen- schaften, die sich um die Formulierung von

Gesetzen bemühen, nennt er ‘nomothetisch’ (von gr. nómos= Gesetz, und thésis=Setzung). Es gibt andere Wissenszweige, in denen es um die möglichst vollständige Beschreibung einer einzelnen Gegebenheit geht (die notabene zu diesem Zweck als eine ‘Einheit’ alias ‘Ganzes’ gedacht werden muss). Diese Wissenschaften nennt er ‘idiographisch’ (von gr. ídion= dieses-Eine, und gráphê=Zeichnung).

Man solle daher nicht sagen: Die Geschichtswissenschaft (Gesellschafts-, Literatur-, Sprachwissenschaft…) “ist” idiographisch, “weil” ihr Gegenstand nichts anderes zulässt und man sich bescheiden muss, immer nur ein historisch eingrenzbares Einzelnes nach allen seinen Seiten auszuleuchten. Man kann auch immer auf diesen Feldern quer durch die Geschichte hindurch nach ‘Gesetzmäßigkeiten’ suchen. Freilich wird man ihr Vorhandensein nun nicht mehr arglos voraus setzen können. Und hat man faktische Regelmäßigkeit (=Wahrscheinlichkeiten) wirklich aufgefunden, wird man immer noch begreiflich machen müssen, was daran notwendig gewesen sein mag

Im übrigen ist es nicht das Fehlen einer gesetzgeberischen Prätention, das die idiographische Disziplinen weniger exakt macht als ihre ‘natur’wissenschaftlichen Schwestern; das macht sie im Gegenteil weniger spekulativ. Sondern dass sie ihre theoretischen Vermutungen nicht an überprüfbaren Experimenten öffenbtlich bewahrheiten können. Das Gedankenexperiment muss ihnen den Laborversuch ersetzen, und das ist weniger exakt als die Versuchsanordnung; denn Denkfehler sind ansteckend.

Kurz gesagt: Im Unterscheid zu Diltheys dogmatischer Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften ist Windelbands Unterscheidung von nomothetischen und idiographischen Disziplinen eine heuristische und daher kritische Bestimmung.

Und eins ist klar: Was die letzten Endes alles entscheidende Frage angeht, was der Mensch in der Welt soll – da bringen sie uns, wie wissenschaftlich auch immer, nicht einen Fuß breit weiter als ihre naturwissenschaftlichen großen Brüder. Denn was der Mensch in seiner Geschichte schon so alles gemacht hat, das “beweist” lediglich, welche Möglichkeiten er wirklich hatte, denn er hat sie ja ergriffen. Welche andern Möglichkeiten er vielleicht auchnoch gehabt hätte, aber eben nur nicht ergriffen hat, darüber sagt es nichts. Und noch weniger, ob er es gesollt hätte. Noch darüber, welche Möglichkeiten er heute und morgen hat und haben wird, und was er daraus machen soll.


Sonntag, 25. August 2013

Die praktische Philosophie beginnt da, wo die theoretische nicht weiterkann.

Wanderer

Gedanklich endet meine Wendeltreppe bei den Ergebnissen der kritischen alias Transzendentalphilosophie. Das wurde beanstandet, denn danach hat die Zahl der philosophischen Bücher wohl noch um ein Vielfaches zugenommen…

Ich wollte aber keinen kurzen Lehrgang durch die Geschichte der Philosophie schreiben, sondern ein Einführung ins Philosophieren selbst. Ich meine im Ernst, dass der theoretischen Philosophie seit den Tagen der Transzendentalphilosophen substanziell nicht mehr viel hinzugefügt wurde. Wo es theoretischen Erkenntnisgewinn gab, handelte es sich weitgehend um die – philologische – Klärung von Missverständnissen. Wo die Phänomenologie – Husserl und, in seinem Gefolge, Heidegger – zu brauchbaren Resultaten kommt, bestätigt sie doch immer nur, in weniger deutlichen Begriffen, die Ergebnisse der kritischen alias Transzendentalphilosophie. Ich bin so kühn, mutatis mutandis dasselbe über die sprachanalytisch-pragmatische Schule unserer Tage zu behaupten.

Der Umkreis der philosophischen Themen ist im großen Ganzen abgesteckt. Innerhalb des Kreises mag das Feld immer und immer wieder neu bearbeitet und mögen den Themen immer wieder neue Seiten abgewonnen oder das Gewonnene aus anderer Perspektive neu bestätigt werden. Tatsächlich ist die Philosophie seither so verfahren; soweit sie nämlich theoretisch und wissenschaftlich ist.

Doch hat sich seit dem 19. Jahrhundert, nämlich seit Schopenhauer und Kierkegaard eine Variante der Philosophie ausgebildet, die ausdrücklich nicht theoretisch und auch nicht wissenschaftlich sein will, die Lebensphilosophie. Ihren bislang wort- und gedankenmächtigsten Vertreter hat sie in Nietzsche gefunden. Ihr Ehrgeiz ist es, die Frage nach dem Sinn des Lebens unmittelbar und positiv aufzuwerfen und nicht länger über den Umweg metaphysischer Begriffsakrobatik. Philosophie soll praktische Lebenshilfe geben (und womöglich politisch wirksam werden). Damit ist sie im öffentlichen Leben so erfolgreich gewesen, dass sie im landläufigen Verständnis den Begriff der Philosophie ganz für sich vereinnahmt und die wissenschaftliche Philosophie in die akademische Ecke gedrängt hat.*

Ihr Publikumserfolg ist verständlich. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich jedem Menschen. Und jeder stellt sich ihr – mal mehr, mal weniger bewusst. Was er dabei – auf sein Leben zurückblickend – jeweils an Antworten gefunden zu haben meint, das kann man Lebensweisheit nennen. Nichts steht ihm freier als das. Es fragt sich nur, ob sich daraus eine positive Lehre entwickeln lässt, die der eine dem andern mit einem Anspruch auf öffentliche Verbindlichkeit vortragen darf.

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Die Frage nach dem Sinn (des Lebens in) der Welt war der Urheber der Philosophie – und, durch sie, der Wissenschaft (die eine spezifisch abendländische Erscheinung ist). Das war der Ausgangspunkt und war der Schlusspunkt meiner “Wendeltreppe”. Die ständige metaphysische Versuchung unseres Verstandes – das, was Kant den “dialektischen Schein” genannt hat – ist es, in der Erkenntnis des Seienden einen Hinweis auf unser Sollen, auf die rechte Lebensführung zu suchen. Wenn der Einzelne Bestandteil eines sinnhaft geordneten Kosmos ist, dann liegt es nahe, dem Teil dasselbe Ordnungsprinzip zu zu weisen wie dem Ganzen. Was der Mensch soll ließe sich geradlinig aus dem, wie die Welt beschaffen ist, herauslesen.

Doch die Erkenntnis des Seienden ist zirkulär und führt nirgends hin: Die Natur antwortet uns ja immer nur auf die Fragen, die wir ihr stellen – und auch das nur unter Stöhnen und Seufzen. ‘Der Naturwissenschaftler beobachtet keines Wegs ‚die Natur’ so lange, bis sie ihm von allein ein Lied singt. Vielmehr reißt er aus der Natur vorsätzlich ein winziges Stück heraus, zwingt es in die Folterkammer seines Labors und quält es kunstvoll so lange, bis es auf seine gezielten Fragen mit Ja oder Nein antwortet.’ Den „Sinn“ der Sachen – das, „worum es [uns] eigentlich geht“ – haben wir, als Frage, immer schon selber mitgebracht, und wenn wir ihn hernach an den Sachen wieder erkennen, dann ist es nur der Schatten unserer apriorischen Absicht. Die Natur kann uns nicht einmal sagen, wer oder was sie ist. Noch weniger kann sie wissen, was wir in einer Welt sollen, die längst mehr geworden ist als bloß Natur. 

Die Kritik an diesem Irrtum ist dasjenige, was an der Philosophie wissenschaftlich ist.

Oder anders, wissenschaftlich ist die Philosophie nur als Kritik. Wenn ich sage, man kann leben, ohne zu philosophieren, dann heißt das: Man kann leben, ohne Wissenschaft zu treiben. Um das Wort Philosophie – und wer es alles für sich in Anspruch nehmen darf – muss man sich nicht streiten. Auch die Philosophischen Lebensberatungs-Dienste unserer Tage dürfen sich so nennen, gesetzlich geschützt ist das Warenzeichen nicht. Aber ich bestehe auf einer scharfen Unterscheidung zwischen kritischer, wissenschaftlicher Philosophie und landläufiger Lebensweisheit.

Das ist eine politische Erfordernis.

Wissenschaft ist  öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn. Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des siebzehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltereignis. Herrschaft konnte von nun an gemessen werden an dem, was als vernünftig erkannt war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ordnung überhaupt denkbar. Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissenschaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die konkreten Fälle nur noch einzutragen braucht, um die richtige Lösung sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen. 

Der einzig begründete Ausgangspunkt der praktischen Philosophie ist ein negativer: dass die theoretische Philosophie – nach den Ergebnissen der ‚Kritik’ – im Sein keinen Sinn nachweisen kann. Der Sinn ist das, was — nicht durch Notwendigkeit vorgegeben ist, sondern: – durch Freiheit möglich wäre. Sinn kann man nicht finden, sondern muss man erfinden.

Ist er also beliebig?

Na ja. Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass erlaubt ist, was einem grade in den Sinn kommt. Denn was aus Freiheit geschah, lässt sich zwar nicht begründen, nämlich aus theoretischen Einsichten herleiten; aber man wird es rechtfertigen müssen, nämlich vor mir selber und dann vor all denen, denen ich ihrerseits Freiheit zumute und denen ich über den Weg laufe. Dann wird man sehen…

Mit andern Worten: Würde ich nicht in einer Welt leben, die ich in Freiheit mit Andern teile, bräuchte ich keine praktische Philosophie und keine Sinn des Lebens. Ich lebte vor mich hin, und damit gut. 

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Zwar kann die Wissenschaft (mit jedem Tag genauer) sagen, was ist. Denn das ist die theoretische Frage, die in ihr Ressort fällt. Aber was wer soll, ist eine praktische Frage, die nicht nach wahr oder falsch, sondern nach gut oder schlecht zu entscheiden ist. Und die fällt eben nicht in ihr Ressort: Denn gegenüber den Fragen des praktischen Lebens verhält sie sich, da sie theoretisch ist, rein kritisch: indem sie sagt, was nicht ist. Die Frage, wie und wohin ich mein Leben führe, ist ein praktische Frage; und eine private. Die Wissenschaft kann mir sagen, ob es good vibrations gibt, auf die ich rechnen darf, oder nicht; danach muss ich selber entscheiden.

Die Frage, wohin die Staaten und die Gesellschaften steuern, ist öffentlich, aber sie ist nur in Grenzen theoretisch. Denn Antwort hängt von denen ab, die sie stellen, und die sind Handelnde, bevor sie wissenschaftlich Erkennende sind; darum  läuft die wissenschaftliche Erkenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer hinterher und bringt es allenfalls zur self-fulfilling prophecy**. Und dabei ist die Frage, wohin sie steuern sollen, noch nicht einmal angeschnitten. Könnten die Gesellschaftswissenschaften wirklich voaussagen: Wenn ihr dies tut, geschieht das, und wenn ihr jenes tut, dann geschieht solches – dann müsste die Frage, ob wir ‘das’ oder lieber ’solches’ wollen, immer noch praktisch entschieden werden; aus Freiheit, wie Kant das nennt. So gibt es ein unmittelbares politische Interesse daran, dass sich die Wissenschaften ihrer Grenzen jederzeit klar bewusst bleiben; Hirnforschung incl.

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Lebensweisheit ist dagegen eine Privatangelegenheit und gehört in “meine Welt”, wenn ich so sagen darf. Erstens geht sie nur mich selber an. Wenn ich zweitens darüber hinaus einen Drang spüre, meine Anschauungen (!) andern mitzuteilen, dann stehen mir dazu die Mittel der nicht-diskursiven Mitteilung zu Gebot; die Mittel der Kunst nämlich. Philosophie könne man eigentlich nur noch dichten, meinte Wittgenstein...

Die Kritik führt bis zu diesem Punkt: Damit überhaupt etwas gelten kann, muss ein Absolutum gelten. Aber wir (die Wissenschaften) können euch  nicht bis dort hin führen. Begründen können wir das Absolute nicht. Wenn wir an jener Stelle sind, müsst ihr selber springen – auf eigne Faust; und mögt euch hinterher rechtfertigen. Nämlich vor euch selber und denen, die in euerm Privatleben sonst noch vorkommen.

Wer künstlerische Berufung fühlt, der trete vors große Publikum. Der Kritik ist er dort freilich nicht entzogen, ganz im Gegenteil. Nur ist es jetzt die Kunstkritik – die umso unerbittlicher ist, als sie selber Teil des kritisierten Gegenstandes ist. Die Kunst hat sich im Laufe der Neuzeit wie die Wissenschaft zu einer gesellschaftlichen Instanz entwickelt, und die Kritik ist deren Teil. Wissenschaftlich ist sie nicht, sondern ästhetisch. Sie kan nicht (logisch) demonstrieren, sondern nur (anschaulich) zeigen. Sie kann – wie die Kunst selber – Beifall heischen, aber kein Einverständnis erzwingen, wie die Wissenschaft.

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Das gilt im selben Maß von den praktischen Staats- und Gesellschaftslehren. Die wissenschaftliche Kritik kann ihnen ihre Grenzen zeigen – und dass sie nicht Fleisch von ihrem Fleisch sind. Sie selber haben sich der Öffentlichkeit möglichst anschaulich darzustellen. Sie fordern zu Wertentscheidungen heraus, und die sind – in weitestem Sinn – ein ästhetischer Akt. Doch das Ästhetische liegt nicht jenseits der Vernunft, sondern diesseits. Es liegt ihr zu Grunde. 

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*) In derselben Zeit beobachten wir in der Kunst die Scheidung zwischen dem ernsten und dem unterhaltenden Genre. Crossover ist auch da eine ständige Versuchung.
**) In einer UFA-Komödie sagt Grete Weiser: “Wie soll ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?” So geht es ‘der Gesellschaft’, wenn sie sich nach den Zielen ihres Handelns fragt. Wie können wir wissen, was wir wollen, bevor wir sehen, was wir tun?

Wovon handelt Transzendentalphilosophie?

Maurits Cornelis Escher, Selbstbildnis

Es gibt zwei sehr verschiedene Standpunkte des Denkens; den des natürlichen und gemeinen, da man unmittelbar Objekte denkt, und den des vorzugsweise so zu nennenden künstlichen, da man, mit Absicht und Bewußtsein, sein Denken selbst denkt. Auf dem ersten steht das gemeine Leben, und die Wissenschaft; auf dem zweiten die Transzendentalphilosophie, die ich eben deshalb Wissenschaftslehre genannt habe, Theorie und Wissenschaft alles Wissens, keineswegs aber selber ein reelles und objektives Wissen.

Die philosophischen Systeme vor Kant kannten großenteils ihren Standpunkt nicht recht, und schwankten hin und her zwischen beiden. Das unmittelbar vor Kant herrschende Wolffisch-Baumgartensche stellte sich mit seinem guten Bewußtsein in dem Standpunkte des gemeinen Denkens und hatte nichts geringeres zur Absicht, als die Sphäre desselben zu erweitern und durch die Kraft ihrer Syllogismen neue Objekte des natürlichen Denkens zu erschaffen. [...]

Diesem System ist das unsrige darin gerade entgegengesetzt, daß es die Möglichkeit, ein für das Leben und die Wissenschaft gültiges Objekt durch das bloße Denken hervorzubringen, gänzlich ableugnet und nichts für reell gelten läßt, das sich nicht auf innere oder äußere Wahrnehmung gründet. In dieser Rücksicht, inwiefern die Metaphysik das System reeller, durch das bloße Denken hervorgebrachter Erkenntnisse sein soll, leugnet z. B. Kant, und ich mit ihm, die Möglichkeit der Metaphysik gänzlich. Er rühmt sich, dieselbe mit der Wurzel ausgerottet zu haben, und es wird, da noch kein verständiges und verständliches Wort vorgebracht worden, um dieselbe zu retten, dabei ohne Zweifel auf ewige Zeiten sein Bewenden haben.

Unser System, das die Erweiterungen wieder zurückweist, läßt sich ebensowenig einfallen, das gemeine und allein reelle Denken selbst zu erweitern,  sondern will dasselbe lediglich darstellen und erschöpfend umfassen. Wir denken im philosophischen, das objektive Denken. Unser philosophisches Denken bedeutet nichts und hat nicht den mindesten Gehalt; nur das in diesem Denken gedachte Denken bedeutet und hat Gehalt. Unser philosophisches Denken ist lediglich ein Instrument, durch welches wir unser Werk zusammensetzen. Ist das Werk fertig, so wird das Instrument als unnütz weggeworfen. 
 
M. C. Escher
Johann Gottlieb Fichte, Rückerinnerungen, Nachfragen, Antworten in: Gesamtausgabe, Bd. II/5, S. 111-115

Samstag, 24. August 2013

Einbildungskraft und Urteilsvermögen, oder Analog und digital.




Die Einbildungskraft liefert den Stoff der Vorstellung – und die Urteilskraft sagt Ja oder Nein dazu. Allerdings 'gibt es' das Ja nur in Gestalt eines ausgebliebenen Nein. Die Urteilskraft ist also "nichts als" die Fähigkeit des Neinsagens. Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann, sagt Max Scheler.

Mein Bild passe nicht zu meinem Text, sagen Sie – das Nein der Waage sei vielmehr ein ausgebliebenes Ja? Das ist eben so ein springender Punkt: Die Verneinung lässt sich nicht anschaulich darstellen, nicht im 'analogen' Modus. Anschaulich ist die Einbildung. Sie ist dem Urteil voraus-gesetzt. Das, was in der Einbildung 'gemeint' war, müsste durch eine zweiten, nachträglich Akt wieder aufgehoben werden – oder ich ‘lasse es durchgehen’. 

Aber die Frage, ob ja oder nein, lag in jedem Fall dazwischen. Durch sie ist der Stoff meiner Einbildung aus dem Erlebensstrom heraus gehoben und zu diesem (im Unterschied zu allem andern) bestimmt worden. Ich habe ihn begriffen. Der Modus des Begreifens ist der 'digitale'- Begreifen ist Symbolisieren.
 
Die Verneinung lässt sich nur digital darstellen, weil sie erst im Akt des Begreifens möglich wurde.


Gewärtigkeit - eine Revolution in Permanenz.

Riesenrad; Wien, Prater

Wir nehmen keine Erscheinungen wahr. Wir nehmen keine Bedeutungen wahr. Wir nehmen Dieses oder Das wahr. Was ist Dies oder Das? Eine Erscheinung, die etwas bedeutet. Könnte sie mir nichts bedeuten, würde sie mir nicht erscheinen.

Die Unterscheidung geschieht nicht in der Anschauung, sondern in der Reflexion. Wahrnehmung ist das Produkt beider. Die Reflexion rechnet auf eine Bedeutung. Wenn sie keine erkennen kann, fragt sie; sogar, wenn sie döst. Reflexion ist Absicht.

In seiner Wirklichkeit ist unser Wahrnehmen kein linearer Ablauf in Stufenfolge – erst anschauen, dann reflektieren, dann wahrnehmen in specie; oder andersrum. Sondern, wie die zeitgenössische Hirnforschung nahelegt, ein systemischer Prozess “in Permanenz”. Es wird nicht erst diese, dann jene und schließlich eine dritte Hirnregion aktiv, sondern sie interagieren “apriori”; und sie warten regelrecht darauf, zu tun zu kriegen, sie suchen sich ihren Stoff. Darum spielt es auch keine Rolle, welche der jeweils beteiligten Regionen stammesgeschichtlich die ältere und welche die jüngere ist. Heute agieren sie allezeit uno actu als Ein Ganzes System.
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system
So geschieht das Bewerten des unmittelbar durch die Sinnesreize Gegebenen – was man das ‚ästhetische Erleben’ nennen könnte – gleichzeitig in mehreren Hirnarealen, insbesondere dem Limbischen System, das aus mehreren entwicklungsgeschichtlich sehr alten Teilen besteht, und der als Gustatorischer Cortex bezeichneten ‚Inselrinde’, die in der entwicklungsgeschichtlich viel jüngeren Fissura Lateralis liegt. Und zugleich spielen in noch immer unverstandener Weise die Reaktionen des Plexus solaris hinein, der überhaupt nicht zum Zentralen System gehört, sondern aus einem Nervenknoten in der Bauchhöhle besteht – und insofern „uralt“ ist.

Wenn also Baumgarten seinerzeit das ästhetische Erleben als das „niedere“ Erkenntnisvermögen bezeichnet hat, war das in neurophysiologischer Hinsicht grundfalsch. Es spielt in die „höheren“ Erkenntnisvorgänge jederzeit hinein, so wie jene in diese.

ketteAber in philosophischer Hinsicht ist es diskutabel. Die Philosophie betrachtet das Wissen – als Inbegriff all unseres Gewärtigseins – nicht in seinem physiologischen oder psychologischen Vorkommen, sondern nach seinem logischen Aufbau. Logisch kommt von logos, und bezeichnet alles auf Sinn und Vernünftigkeit Bezogene (und nicht lediglich die Regeln des korrekten Schlussfolgerns). Zwar ist auch in logischer Hinsicht das Wissen (wenn es da ist) jederzeit ‚ganz und auf einmal’ da. Aber zugleich ist es ‚geworden’.

Allein in logischer Hinsicht folgt notwendig eines aus dem andern, nur in logischer Hinsicht gibt es ‚Begründung’ (und in der Naturwissen- schaft wird die Vorstellung der Kausalität nur ‚sozusagen’ verwendet, zu heuristischen Zwecken). In logischer Hinsicht ‚gibt es’ also zuerst und danach. Da müssen die Sinnesreize zuerst ‚da’ sein, bevor sie ‚gemerkt’, und gemerkt werden, bevor die ‚gewertet’ werden können. Die logisch-genetische Betrachtung ist etwas anderes als die historisch-empirische.

Allerdings ist in logischer Hinsicht die Begründungskette umkehrbar (was sie in der Naturwissenschaft, wo Begründung nur ‚sozusagen’ vorkommt, nicht ist). Wenn das eine notwendig das andere zur Folge hat, dann hat das andere notwendig das eine als Grund. Mit andern Worten, der Schluss ‚begründet’  in logischer Hinsicht den Anfang ebenso, wie jener ihn. Stellen wir uns das Wissen als einen unbegrenzten Prozess vor – was es genetisch sicher ebenso ist wie historisch -, dann ist das wirkliche Wissen eine endlose Umbegründung alles wechselseitig Begründeten.

Das Gewärtigsein ist, wenn alles klappt, eine Revolution in Permanenz.

Dass alles klappt, ist in Ansehung unserer engen bürgerlichen Verhältnisse selten. Das ist schlecht für die Verhältnisse.
Erdriss

Freitag, 23. August 2013

Die Kritik der Politischen Ökonomie in der digitalen Revolution.

Am Ende der Arbeitsgesellschaft
oder
Der Gebrauchswert der Intelligenz 

Dass das Menschenleben von der Arbeit geprägt ist, ist kein Naturzustand. Dass die Gesellschaft von der Wirtschaft beherrscht wird, verdankt sie einem historischen Ereignis und keinem Gesetz. 

Wirtschaften bedeutet: die Allokation knapper Ressourcen. Diese primäre Definition beruht auf einer durchaus nicht selbstverständlichen historischen Prämisse: daß die Ressourcen so knapp sind, dass ihre Verteilung ein Problem darstellt. Und dabei handelt es sich nicht um eine schlichte Tatsache, sondern um ein Verhältnis zwischen zwei fraglichen Größen: der Vermehrbarkeit der Ressourcen einerseits und der Menge der Bedürfnisse andererseits. Allokation der Ressourcen bedeutet daher: die Entscheidung darüber, welche – und wessen Bedürfnisse bei der Verteilung mehr gelten sollen als andere.

Aus dem Mangel… 

Wären beide Größen – Umfang der Bedürfnisse, Umfang der Ressourcen – gegeben, entstünde kein wirtschaftliches Problem. Das Problem wäre rein politisch: Wer setzt sich durch? In einem spezifischen Sinn wirtschaftlich wird das Problem nur dann, wenn die beiden Variablen – Bedürfnisse/Ressourcen – durch ein Bedingungsverhältnis einander vermittelt sind; kein logisches, sondern ein sachliches. Ein solches tritt ein in dem Moment, wo die Ressourcen durch Arbeit vermehrt werden können; denn damit stellt sich  die Frage: wer arbeitet wie viel? Denn es ist zugleich  die Frage: Legitimieren sich die individuellen, um die Ressourcen konkurrierenden Bedürfnisse durch eigene Arbeit, oder aus anderen Quellen?

Wirtschaften ist keine Konstante des menschlichen Gattungslebens. Es bildet die Rückseite der Fähigkeit des Menschen, durch Arbeit mehr zu erzeugen, als er verbraucht. Wirtschaftsgesellschaft und Arbeitsgesellschaft bedeuten dasselbe. Entstanden sind sie mit der Sedentarisierung und dem Übergang zum Ackerbau.

In der Welt der Jäger und Sammler waren jahrmillionenlang die Ressourcen nicht eo ipso knapp, und die Verteilung war kein Problem. War die Gegend, die eine Menschengruppe bewohnte, abgeweidet, wanderte sie weiter. Wurden die Zeichen beizeiten erkannt, trat Knappheit gar nicht ein. Andernfalls blieb sie – wie der Überfluss - eine momentane Ausnahme, die nicht lange genug währte, um die Formen des Zusammenlebens zu prägen.  (Denn wird Knappheit zum Dauerzustand, stirbt die Gruppe aus.) Unter solchen Umständen geschieht die Allokation naturwüchsig, eine gesellschaftliche Formbestimmung bildet sich nicht aus.

Der Getreideanbau bringt einen qualitativen Wandel. Durch Arbeit wird es möglich, einen stetigen Überschuss zu erzeugen. Ein beständiges Bevölkerungswachstum tritt ein. Ursprünglich trat Knappheit momentan als Mangel an einer bestimmten, absoluten Anzahl benötigter Dinge auf. Nun herrscht ständiger Mangel durch das stetige Wachstum der Bedürfnisse. Ab hier reden wir von Geschichte in einem bestimmten Sinn: "Diese Erzeugung neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat."[O1]  Welche Bedürfnisse gelten sollen, wird nun strittig.

Durch die Konkurrenz neuer Bedürfnisse auf der einen, mit einer wachsenden Menschenmasse auf der andern Seite wird die Allokation erstmals zum Problem, denn diese Konkurrenz ist dauerhaft und prägt schließlich die Formen des Zusammenlebens. Das Naturverhältnis wird überlagert von gesellschaftlichen Bestimmungen. Eine Differenzierung beginnt in jene, die Anspruch auf die "höheren Bedürfnisse" haben, und solche, die überzählig sind und denen im Notfall auch die primären Bedürfnisse verweigert werden. Denn der Boden, an dem die Arbeit ausgeführt wird, ist monopolisierbar. Der Arbeiter kann von ihm abgetrennt werden.

Nicht aus dem Eigentum folgt die Differenzierung, sondern aus tatsächlicher Differenzierung bildet sich das Eigentum.

Nicht Alle sind sesshaft geworden, nicht Alle betreiben Ackerbau. Die Herrenvölker folgen weiterhin als Jäger den Wanderungen der Tiere, bis sie zu ihren Hirten werden. Die Hirtenvölker scheuen die Arbeit, aber nicht deren Früchte. Die Habe muß verteidigt werden. Die Herausbildung einer Kriegerkaste reproduziert im Innern den Gegensatz zu den nomadisierenden Herren im Äußern. Auch die inneren Herren arbeiten nicht. Sie zehren von der Mehrarbeit der Andern. Die Aneignung geschieht politisch, nicht 'wirtschaftlich'. Vom Arbeitsprodukt greift sie schließlich auf das Arbeitsmittel selbst über. (Dasselbe wiederholt sich mit der Ausbildung der Grundherrschaft im frühmittelalterlichen Europa.)

Mit der wachsender Arbeitsproduktivität einerseits und der Monopolisierung des Bodens andererseits wird eine relative Überbevölkerung zur Geschichtskonstante, der Mangel für die Vielen und die Akkumulation von Reichtum bei wenigen wird zum Dauerzustand, es beginnt der Klassenkampf, und das Politische entwickelt sich zu einem autonomen Bereich des gesellschaftlichen Lebens. 

…erwächst die Wirtschaft.

Arbeit ist das allgemeine Mittel zur Behebung von Notdurft. Sie ist das Nützliche-an-sich und Ressource-schlechthin. Eine Welt, die sich negativ im Zeichen der Notdurft versteht, definiert sich  positiv als Arbeitsgesellschaft. Ihre vollendete, ‚ausgebildete’ Form ist die Marktwirtschaft: Alles hat seinen Preis. Jetzt müssen die Arbeiten gegeneinander austauschbar, ihre jeweiligen Qualitäten müssen mess- und vergleichbar sein. Die Nützlichkeit der einen Sache muß sich in der Nützlichkeit der andern Sache darstellen lassen. An die Stelle der Gebrauchswerte tritt der Tauschwert, der ‚Wert’ der Nationalökonomen: wiederum eine Nützlichkeit-an-sich, also wiederum Arbeit - als die allgemeinste Ware.

Marktwirtschaft bedeutet  eo ipso Industriegesellschaft. Dass regelmäßig nur gleiche Wertgrößen sich gegen einander austauschen, setzt voraus, dass Arbeit regelmäßig als Lohnarbeit stattfindet - weil der Arbeiter vom Boden getrennt ist und nicht mehr selber über die Mittel verfügt, die er zur Realisierung seines Arbeitsvermögens braucht. Denn erst, wenn die Arbeit ihrerseits als Ware gehandelt wird, kann sie sich im Austauschprozess als dessen durchschnittlich gültiger Maßstab 'ausmitteln'. An ihm kann Alles miteinander verglichen und gegeneinander getauscht werden. Die Bedürfnisse behaupten sich als gültig durch das Maß, in dem sie über (eigenes oder fremdes) Arbeitsvermögen verfügen. Durch die bestimmte Art der Produktion ist eine bestimmte Weise der Aneignung eo ipso mit'gesetzt'. Seither verteilen die Ressourcen 'sich selber', d. h. nach einer ökonomischen Regel, auf die Bedürfnisse.

Diese Regel beruht auf der Doppelnatur der Arbeit. Sie ist einerseits Verausgabung eines lebendigen Vermögens. Andererseits kann sie – unter gegebenen sachlichen Voraussetzungen - mehr 'Werte' schaffen, als zu dessen eigener Erzeugung und Erhaltung erforderlich waren. Wer über dieses Vermögen verfügt, eignet sich den Mehr-Wert an, nicht wer es (verausgabend) realisiert. Dieses "Wertgesetz" ist keine den Sachen selber innewohnende Kraft noch eine selbstherrliche Bewegung der Begriffe, sondern nur die gedankliche Schematisierung eines wirklichen Geschehens unter gegebenen Bedingungen.

Die Bedingungen waren, dass die Ressourcen schlechterdings knapp, aber schlechterdings durch Arbeit vermehrbar sind, und dass Arbeit die allgemeingültige Ware ist, weil Lohnarbeit vorherrscht. Das wiederum setzt voraus, dass das Arbeitsvermögen regelmäßig von den Mitteln seiner Realisierung getrennt ist.

Die Vermehrung der Ressourcen beruht auf der wachsenden Produktivität der Arbeit; das heißt: fortschreitender Arbeitsteilung und Kooperation. Zu einem prozessierenden System wurden sie in der mechanisierten Fabrik der Großen Industrie ausgebildet. Technologisch bedeuten sie die progressive Übertragung von Leistungen des lebendigen Arbeiters auf das Arbeitsmittel. Im reellen Fertigungsprozess kommt die Arbeit wesentlich als Durchschnittsgröße vor, Verausgabung von standardisierter Kraft, technischem Geschick und nervlicher Ausdauer; wobei die individuelle Intelligenz des lebendigen Arbeiters nur residual und als Fehlerquelle auftritt. Es handelt sich um all das, was an der produktiven Handlung wiederholbar ist. Ist es wiederholbar, dann ist es mechanisierbar. All dies wird im Lauf der technischen Entwicklung sukzessive in das Arbeitsmittel selbst eingebaut: in die Maschine. 

Der Gebrauchswert der Intelligenz

„In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wahren Reichtums abhängig weniger von dem Quantum angewandter Arbeit, als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder in keinem Verhältnis stehen zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie. Was Tätigkeit des Arbeiters war, wird Tätigkeit der Maschine.“ So tritt der Arbeiter „neben den Produktionsprozess, statt sein Hauptagent zu sein. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört [auf] und muss aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [Maß] des Gebrauchswerts.“ Mit andern Worten, das Wertgesetz verfällt – so hat es Karl Marx in den Grundrissen vorhergesagt. 
 

Seine Erfüllung findet der Prozess der technologischen Arbeitsteilung inden computergesteuerten automatisierten Werkstätten der Gegenwart. Hier ist nun auch ein Teil, nämlich der kombinatorische Anteil der lebendigen Intelligenz als 'Programm' kodiert worden und auf die Maschinen selbst übergegangen. Als Spezifikum der wirklichen lebendigen Arbeit, das schlechterdings nicht digitalisiert und kybernetisiert werden kann, ist am Ende des Prozesses der inventive, konzipierende Anteil der Intelligenz übrig geblieben: das lebendige Einbildungs- und Urteilsvermögen. Die Arbeitsteilung erreicht einen Punkt, wo sie die Qualität der Arbeit verändert. Die 'Gebrauchswertseite' macht sich gegen die bloße Formbestimmung (wieder) geltend. Das Individuelle gewinnt über den Durchschnitt die Oberhand. Der Tauschwert verfällt. 

Ressourcen, die durch Arbeit vermehrt werden können, sind an sich nun nicht mehr knapp. Virtuell sind die Bedürfnisse befriedigt, "produktionell" herrscht Überfluss. Wo Mangel aktuell noch immer auftritt, ist er kein ökonomisches, sondern lediglich ein Verteilungsproblem, das "nur noch" politisch gelöst werden muss. Und umgekehrt werden zusehends solche Ressourcen knapp, die durch Arbeit nicht vermehrt werden können und ipso facto keinen Tauschwert haben. Deren Verteilung auf die Bedürfnisse ist von Anfang an keine ökonomische, sondern "nur" eine politischen Aufgabe. 

Arbeit bleibt übrig als schiere Intelligenz: Einbildungs- und Urteilsvermögen. Deren Betätigung bezeichnen wir mit dem aktivischen Zeitwort wissen. Insofern ist die Feuilletonrede vom "Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft" treffender als ihre Kolporteure denken. Freilich, nicht die Datei – nicht die Daten und schon gar nicht deren Gespeichertsein –  macht Wissen aus, sondern die Generierung von Wissbarem; denn die Kombinatorik besorgt die Maschine. (Ein Bildungssystem, das das Arbeitsvermögen zu einem Analogon der Datenverarbeitungs- maschine ausbilden will, die es soeben verdrängt hat, ist der Nachhall des vergangenen Industriezeitalters und kein Auftakt zur 'Wissensgesellschaft'.) Ein so auf seinen 'einfachsten Ausdruck' zurückgeführtes Arbeitsvermögen ist nun nicht mehr regelmäßig getrennt von den Bedingungen seiner Ausübung. Es reicht ein Internetanschluss, mag man überspitzt sagen. Intelligenz hat keinen Tauschwert Aber Intelligenz hat keinen Tauschwert. Weil einbilden und urteilen nur actu geschieht und als solches nicht wiederholbar ist, wird er Philosoph sagen. Doch die Erzeugnisse von Einbildung und Urteil kann man sehr wohl wiederholen, sogar hersagen, ohne sie zu verstehen. Und gerade darum hat Intelligenz keinen Tauschwert: "Das Produkt der geistigen Arbeit steht immer tief unter ihrem Wert. Weil die Arbeitszeit, die nötig ist, um sie zu reproduzieren, in gar keinem Verhältnis steht zu der Arbeitszeit, die zu ihrer Originalproduktion erforderlich ist. Z.B. den binomischen Lehrsatz kann ein Schuljunge in einer Stunde lernen" – sagt Marx.

Denn der Tauschwert ist keine sachliche Eigenschaft des Produkts, sondern eine durch den gesellschaftlichen Verkehr ihm zugerechnete Größe; nicht die Arbeit, die gestern zu seiner Herstellung wirklich aufgewendet wurde, sondern die Arbeit, die heute notwendig wäre, um es wieder herzustellen. Die Ausbildung – oder sagen wir besser: die Bildung einer solchen Intelligenz mag viele lange Jahre dauern und ein Vermögen kosten. Aber ihre Produktionen sind so gut wie gar nichts 'wert', weil schon morgen sie die Spatzen von den Dächern pfeifen. Wo soll da ein 'Mehr'-Wert herkommen? Selbst in seinem innersten Kern, dem Doppelcharakter der Arbeit, hat sich so das Wertgesetz von selbst erledigt.

Wir wissen, welche Welt zu Ende geht. Wir wissen nicht, welche Welt entsteht. Es nützt nichts, aus dem Kaffeesatz zu lesen, welcher Parameter uns morgen 'Maß und Substanz' der Werte liefern kann, wenn es denn die Arbeit nicht mehr tut. Man muss sich – vielleicht noch nicht wir, aber die zwei, drei Generationen nach uns – auf eine Welt einstellen, in der die Sachen nichts mehr 'wert' , oder wo nicht mehr die Sachen etwas 'wert' sind. Das wäre keine andere Art des Wirtschaftens, sondern es wäre kein Wirtschaften mehr. Kein Ermitteln von Durchschnittsgrößen in blinden, selbstgesteuerten 'Prozessen ohne Subjekt', sondern Einbilden und Urteilen, wann und wo sich's ergibt. Keine ökonomische, sondern eine politische Gesellschaft.  

Der dritte Große Sprung 

Nach der Erfindung des aufrechten Gangs, nach dem Einbruch der Arbeit in unser Gattungsleben wird dies unser dritter Großer Sprung. Es ist allerdings das erste Mal, dass wir in vollem Bewusstsein springen. Das gibt der Feuilletonvokabel Wissensgesellschaft eine unerwartete Pointe.

______________
1) K. Marx in: Die Deutsche Ideologie, Marx-Engels-Werke Bd. 3, Berlin (O) 1958, S. 28


Eine erweiterte Fassung dieses Aufsatzes finden Sie

 

Donnerstag, 22. August 2013

Ich bin noch da...

 

...aber stark geschrumpft: Google/Blogger/Blogspot hat mein Konto deaktiviert, alle meine Blogs sowie die online-Ausgabe von Michael Jackson - Das Phänomen sind vorläufig nicht mehr erreichbar. Natürlich habe ich mit Google sofort Kontakt aufgenommen, denn es kann sich nur um ein Versehen handeln: Man habe 'pornographischen Inhalt' gefunden... Sie, lieber Leser, wissen so gut wie ich, dass dergleichen bei mir natürlich nicht zu finden war. Die erste Reaktion von Google war ein unpersönliches Formschreiben, das gar nicht ermutigend klang. 

Seit rund drei Jahren arbeite ich täglich sechs bis acht Stunden an meinen Blogs. Denn seit einem halben Jahrhundert (sic) beschäftige ich mich systematisch mit philosophischen Fragen, und, wie Sie wissen, nicht zur Unterhaltung, sondern in wissenschaftlicher Weise. 

Allerdings nicht im akademischen Rahmen, das war nicht mein Beruf. 

Nun bin ich also so weit gekommen, die Ergebnisse meiner Philosophierungen nach und nach an die Öffent- lichkeit zu bringen: Das Internet und vor allem das neue Medium der Blogs hat das möglich gemacht! Ich bin der erste Philosophierer in Deutschland und, soweit ich weiß, überhaupt, der rundum und ausschließlich online tätig ist. Richtiger gesagt, bis gestern war.

Ich habe die viele Arbeit natürlich nicht auf meiner Festplatte speichern können, das hätte mich noch ein weiteres Jahr gekostet. Ob es mir jemals gelingen wird, die nun gelöschten Arbeiten wiederherzustellen, ist mehr als fraglich.

Ich bin tatsächlich darauf angewiesen, dass die Fa. Google sich die Zeit nimmt und die Mühe macht, sich durch eigenen Augenschein davon zu überzeugen, dass mein Konto irrtümlich deaktiviert wurde.

Und wenn nicht?

Ich wage gar nicht, daran zu denken.
J.E.



PS., 22. August

Ich hoffe immer noch, dass mein Konto bei Google wiederhergestellt wird. Und dass diesexs Blog hier ebenfalls nur ein Provisorium gewesen sein wird. Aber ein solches will ich doch schonmal anlegen...