Dienstag, 30. Juni 2015

Das Bedürfnis ist thetisch.

 

'Bedürfnis' ist bei Marx eine dynamische Kategorie. Es ist das poietische Vermögen, durch welches das Subjekt sich selbst als Subjekt 'setzt':

1. Landläufig ist 'Bedürfnis' ein Mangel, der aufgefüllt, ein Loch, das noch gestopft werden muss. Je bedürftiger der Mensch, umso ärmer. Aber nicht bei Marx: "Der Reichtum besteht stofflich betrach- tet nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse." Grundrisse, S. 426. Bedürfnis ist kein Mangel, sondern ein Vermögen.
  
2. Die Erzeugung des neuen Bedürfnisses "ist die erste geschichtliche Tat": Deutsche Ideologie (Feuer- bachkapitel), MEW 3, S. 28. Einige Zeilen zuvor hatten Marx/Engels schon einmal eine 'erste ge- schichtliche Tat' vermerkt, nämlich den Gebrauch von Werkzeugen. Zwar nicht logisch, aber doch historisch verstanden, läuft es freilich auf dasselbe hinaus. Es sind die Erfindung und der Gebrauch von Werkzeugen, die es dem Menschen erlauben, sein vor-gesetztes Naturbedürfnis über-zu-erfüllen – und Raum schaffen für das Erfinden neuer Bedürfnisse. "Ihre Bedürfnissse, also ihre Natur", heißt es später in der Deutschen Ideologie, und von einer selbsterzeugten Natur ist also die Rede: generatio aequi- voca.*

'Bedürfnis' nimmt bei Marx systematisch denselben Platz ein wie bei Fichte Trieb bzw. Streben [Wollen], und entspricht der Husserl'schen Intentionalität.**

*) MEW 3, S. 44  

in 2010

**) Und nicht zu vergessen: Platos Eros, der ewig 'nach Schönheit strebt, weil er sie nicht hat'.  


Nachtrag, Juni 2015.  

In den während der sechziger Jahre zu einiger Prominenz gelangten Pariser Manuskripten zeigte Marx sich unverholen als Feuerbachianer, in der Heiligen Familie stellten Marx und Engels ihren 'Materialis- mus' groß heraus; doch über Feuerbach hinaus  gegangen sind sie erst in der Deutschen Ideologie, und zwar an ebendiesem Punkt: Bei Feuerbach heißt Bedürftigkeit leidend sein. Nur als Leidenden habe der bisherige Materialismus den Menschen auffassen können, die tätige Seite sei ausschließlich von den idealistischen Philosophen entwickelt worden. Die neu eingeführte Auffassung vom Bedürfnis als einem produktiven Vermögen war der erste genuin 'marxistische' Gedanke.







Nota.  Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Montag, 29. Juni 2015

Digitalisieren heißt fungibel machen.

 Uwe-Jens Kahl_pixelio.de 

Ein Symbol ist ein 'digit': ein Zeichen für einen 'content', dessen sachliche Gestalt in keinerlei Verhältnis zu dessen sinnlicher Erscheinungsform zu stehen braucht. Ein Wort ist so ein Symbol, oder ein X oder ein U oder eine Zahl. (Dass das digitale Denken mit dem Zählen begonnen hätte, bestreite ich. Die ersten 'Zahlen' waren Ordnungszahlen: erst eins, danach ein zweites, usw.; sie bezeichnen eine Folge in der Zeit - und die wird analog 'angeschaut': im Bild der Bewegung).

Das wirkliche Denken geschieht überhaupt nicht digital. Das wirkliche Denken geschieht nicht diskursiv. Das wirkliche Denken geschieht in einer Kaskade von unfassbaren Bildern. Erst in der Reflexion, die das Denken des Denkens ist, werden die Bilder 'begriffen': fest-gestellt und ein-gegrenzt (de-finiert). Das diskursive Denken ist die Form der Reflexion. Aber die Reflexion ist sekundär, sie bezieht sich auf ('metà') das anschauliche Denken als ihren Stoff. Allerdings kann erst sie das anschauliche Denken nach richtig oder falsch unterscheiden. Mit andern Worten, ohne sie ist es zu nichts zu gebrauchen.

aus e. online-Forum, im Juni 2010 





Sonntag, 28. Juni 2015

Unsere Welt und die meine.

Planetary nebula M2-9 Die Formel e=mc2 gehört zu Unserer Welt par excellence. Daher ist sie 'an sich' jedermanns Intelligenz zugänglich. Tatsächlich ist sie nur wissenschaftlich ausgebildeten Intelligenzen zugänglich, und wird es immer bleiben. 


Den Satz 'ich liebe dich' versteht  jeder, der weiß, was er bedeutet, aber einem Andern, der es nicht weiß, kann er es nicht mitteilen. Denn er ist aus Meiner Welt und wird ewig dort bleiben. 






Die Welt ist ein Geistesprodukt; darum zerfällt sie in zwei Sphären.


Geist nennen wir den Umstand, dass wir die Dinge nicht als solche wahrnehmen, sondern immer schon in ihrer Bedeutung. Auch die Tiere leben nicht zwischen lauter Dingen, sondern in einem Raum vollerBedeutungen. Doch sind ihnen diese durch ihre Umwelten vor-gegeben. Der Mensch hat seine geschlossene Umwelt zugunsten einer offenen Welt verlassen, in die er Bedeutungen erst hinein-erfinden musste. Geist ist die Kompensation dieses Verlustes.

Da wir in dieser unseren Welt - gleiche oder konkurrierende - Zwecke verfolgen, müssen wir uns verständigen. Darum haben wir unsere shared significations in einem "Symbolnetz" festgehalten. Aber in meiner eigenen Welt kenne ich Bedeutungen, die ich nicht teilen muss. Der reelle Ursprung Unserer Welt ist Meine Welt; der logische Ursprung Meiner Welt ist Unsere Welt - soweit unsere Begriffe reichen. Darunter beginnt das Feld der Transzendentalphilosophie. Es ist das Reich der produktiven Einbildungskraft.

aus e. Notizbuch, 20. 5. 07


*) Im Wortsinne ist er voll von Bedeutungen, es ist keine Stelle leer! Was immer das Tier in seiner Umwelt antrifft, hat für es eine Bedeutung; denn was keine solche hat, 'begegnet' ihm vielleicht, aber das merkt es nicht.

im Dez. 14



                                 aus Die Wendeltreppe  

Alles, was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, lässt sich auch bestimmen; nämlich in das allgemeine Bedeutungsgeflecht einpassen, wo Jedem seine Bedeutung durch die Bedeutung aller Andern zugewiesen wird. Reflektieren heißt nichts anderes als: seinen Platz im großen Verweisungszusammenhang aufsuchen. 

Was bestimmt ist, kann Bestandteil einer Wissenschaft werden – weil sich sein logischer Zusammenhang demonstrieren und Einverständnis erzwingen lässt. Was demonstriert werden kann, lässt sich erlernen. Was dagegen ‘durch meine Freiheit möglich’ wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muss es erfinden und mir ein-bilden. Einverständnis der andernkann ich nicht erzwingen, sondern höchstens ihren Beifall heischen: sie animieren, meine ‘Anschauung’ nach-zu-erfinden. 

Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muss man verführen, und das ist Kunst. Gegenstand von Wissenschaft kann es nur idiographisch werden: kritisch und historisch. 

Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Realitätsgrad als die Dinge. Sie ’sind’ ja nur, sofern ich sie gelten lasse. Denn der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann (Max Scheler); auch dazu: den Meinungen der Andern. Fragen können heißt, ja oder nein sagen können. 

‘Die Welt’ wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst.

Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch. Dass ich überhaupt darauf komme, die Daten, die mir meine Sinne melden, zu einer “Welt” zu konstruieren, liegt allein daran, dass ich in die Welt der Andern hineingeboren bin.

Und dass ich vor diesem Horizont meine Welt konstruiere, liegt daran, dass es meine Sinne sind, die mir ‘Daten’ gemeldet haben, und dass ich sie zu einander fügen muss. Dass ich meine Welt konstruieren muss, liegt an den Andern. Dass es diese Welt sein wird, liegt… an meinen Sinnes-Daten, die dadurch, dass ich eine Welt aus ihnen baue, zu meinen überhaupt erst werden! 

“Ich” konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich. Und in dem Maße, wie ich hernach meine Welt mit der Welt der Andern ins Benehmen setze, werde ich Verstand beweisen, Ernst des Lebens, Sozialkompetenz und so weiter. Wie weit ich die eine von der andern durchdringen lasse, entscheidet darüber, wohin ich mein Leben führen kann und wo ich scheitern muß.

X. Es fällt schwer, eine Welt anders als in räumlichen Metaphern zu beschreiben - so als ob sie nur eine erweiterte Nische wäre. Aber der Unterschied zwischen der Welt und einer Umwelt ist kein topischer, sondern ein dimensionaler. Ebenso der zwischen meiner Welt und unserer Welt. 

Unsere Welt besteht aus allem, was symbolisiert ist. Als solche ist sie aber nur virtuell, "auf Abruf": Nur wenn die Symbole durch Verstehen aktualisiert werden, "ist" unsere Welt.46 Theoretisch könnte unsere Welt restlos in der meinen aufgehen, praktisch kann sie es nicht, und zwar grundsätzlich. Unsere Welt, in der Wasser trinkbar ist und man damit Kaffee kocht, ist einigen Milliarden Menschen zugänglich. Unsere Welt, in der Wasser durch H2O symbolisiert ist, steht nur noch einigen hundert Millionen offen. Die Wissenschaften, unsere Welt par excellence, sind in ihren jeweiligen Spitzen gerade einer Handvoll Leute zugänglich, die ihr ganzes Leben darauf verwendet haben - jeder auf die seine. Weil meine Lebenszeit begrenzt ist,47 kann die ganze Wissenschaft in meiner Welt grundsätzlich nur als Erzählung vorkommen.48

 Meine Welt "ist" auch in unserer Welt. Zum Beispiel ist die Welt eine ganz und gar andere, je nachdem, ob der-die-das Geliebte darin vorkommt oder nicht. Für unsere Welt macht das keinen Unterschied - nämlich nicht für die andern. Aber für mich macht das gerade in unserer Welt den entscheidenden Unterschied, weil ich nur dort auch in seiner Welt bin. Doch kann meine Welt, so wahr sie meine ist, auch theoretisch nicht restlos in unserer Welt aufgehen, das ist der springende Punkt, denn darum bin ich Ich. Das ist keine Sache der Tiefenpsychologie: dort kann es Erfahrungen geben, sogar (wenn auch nicht eindeutig) mitteilbare.49Keine Erfahrung kann ich haben von meinem Denken, bevor ich es durch Symbolisieren festgestellt habe. Ich kann nur rekonstruieren, "wie es gewesen sein muß", indem ich es so beschreibe, wie es gewesen wäre, wenn es in unserer Welt stattgefunden hätte, als Schema. Das ist Transzendentalphilosophie. Kein Tatsachenerweis, sondern eine Sinnbehauptung. Ein endgültiger und "letzter Mythos" - die "Geschichte, die von dem spielenden oder abenteuernden oder bildnernden Ursubjekt handelt".50 

46 Die Kunst ist in unserer Welt, muß aber nicht verstanden werden. Der andere Grenzfall ist das Internet. 
47 Von meinem Verstand rede ich nicht.
48 Kann es eine "Privatsprache" geben - ein privates Symbolsystem, das ‚die Welt bedeutet’? Über unsere Welt muß ich mich mit mir nicht verständigen, sondern mit Anderen. Und meine Welt muß niemand verstehen. 
49 Eine bekannte tiefenpsychologische Richtung will das Unbewußte als Gegenstand naturwissenschaftlicher Analyse zum Bestandteil unserer Welt machen; aber nicht so ganz: Sie schiebt als Bedingung eine persönliche Initiation dazwischen.

50 Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos, Ffm. 1999, S. 295f.

Je allgemeiner die ‚Welt’, von der die Rede ist, umso unspezifischer die Tätigkeit des Zeigens: Typischerweise bezeichnet dieses Bild in seiner Allgemeinheit das Verhältnis zwischen einem Erwachsenen und einem Kind.

Man kann ‚die Welt’ von einem partikularen Standpunkt aus ansehen. Je partikularer die ‚Welt’, von der die Rede ist, umso spezifischer der Akt des Zeigens. Die ‚Welt des Soldaten’ ist zwar eine besondere Welt, aber sie ist ‚allgemein’, weil ‚Soldatsein’ keine besondere Verrichtung, sondern eine besondere ‚Seinsweise’ ist; Soldat ist man auch nach Feierabend. Das ist nicht Einweisung in Strategie und Taktik, nicht Waffenkunde, nicht dies oder das, sondern ein ‚ganzes Universum’, wenn auch ein besonderes. 

„Pädagogik“ heißt hier ‚Menschenführung’, hat aber mit Kindern nichts mehr zu tun und sollte Andragogik heißen. Die ‚Welt der Physik’ ist dagegen kein Universum, sondern nur ein Ausschnitt: aus der ‚Welt der Wissenschaft’, gar nur der ‚Welt der (‚exakten’) Naturwissenschaften’. Diese hochspezialisierte Welt einem Neuling zeigen ist eine höchst spezifische Tätigkeit, die man von Rechts wegen Lehre nennt. Erst hier gilt: ‚Die Grenze meiner Sprache ist die Grenze meiner Welt’.

Je allgemeiner die Welt, um die es geht, umso eher ist von Bildung -, je spezifischer die Welt, umso richtiger ist von Lernen die Rede. Merke: Die allgemeinste Welt – die, die den Meisten zugänglich ist – ist die natürliche Welt der natürlichen Sprachen; die Welt, in denen nur Kinder ‚neu’ sind.

Alle Kinder werden irgendwie heranwachsen; dazu brauchen sie keine Professionellen. Professionelle braucht es, um ihnen das „Symbolnetz“ zu überliefern, in dem unsere ganze Welt dargestellt ist: weil das Allgemeinwissen der Menschheit so umfangreich und dabei so komplex geworden ist, daß es nicht mehr einfach in jedenkinds Alltag „vorkommt“ und man einfach nur, jeder an seiner Statt, dort hineinwachsen müßte, learning by doing. Ihre Mitteilung bedarf einer reservierten Zeit außerhalb der Alltagsgeschäfte und einer speziellen Methode, denn natürlich kann nicht jedem alles und schon gar nicht alles zugleich überliefert werden. 

Aber die Schule privilegierte jene ‚Symbolnetze’, die sich zu diskursiver Verknüpfung eignen. Das war mit dem Schlagwort der ‚Verwissenschaftlichung’ gemeint, das den pädagogsichen Diskurs seit den sechziger Jahren prägte. Verwissenschaftlichung bezieht sich per Definition auf den Bereich des sogenannten ‚Herrschafts- wissens’. Anderes fällt nicht in ihren Bereich. Daß seither ‚Lernen’ zum Schlüsselbegriff  staatlicher Pädagogik wurde und ‚Bildung’ wie ein Zopf abgeschnitten wurde, ist nur folgerichtig. Quod erat demonstrandum: Das gegenwärtige Schulsystem ist entstanden und behauptet sich als ein Produkt und eine Bedindung der industri- ellen Arbeitsteilung. Aber die Arbeitsgesellschaft und ihre Industrie sind am Vergehen.





 


Habe ich den Wald vor Bäumen nicht gesehen? Ist es trivialer, als ich dachte? Wollte er mit der Einführung derBegierde nur dem Umstand Rechnung tragen, dass das 'endliche' Vernunftwesen eben nicht nur vernünftig ist, sondern auch leidenschaftlich? Dass es Neigungen, Vorlieben und Begehrlichkeiten kennt, von denen die Vernunft nichts weiß? Kurz, dass die Vernünftigkeit der Menschen nicht nur endlich, sondern sogar begrenzt ist, dass sie zu Unserer Welt gehört und in der Meinen schlicht und einfach nichts zu sagen weiß?

In ästhetischen Angelegenheiten wie in allen Geschmacksdingen ist für Vernunfturteile kein Platz. So auch nicht in moralischen, denn Moralität ist nichts als "sittlicher Geschmack", wie Herbart* treffend formulierte. (Und übrigens auch nicht in erotischen). Ein Feld der Vernunft ist allerdings das Recht, und auch die Gerech- tigkeit ist nicht bloß Privatsache...

Die scheinbar harmlose Rede von den 'endlichen' Vernunftwesen ist aber tückisch. Es ist richtig, dass es keinen logisch hinreichenden Grund gibt, ein unendliches Vernunftwesen für unmöglich zu halten. Es reicht aber, wenn das einmal gesagt wird. Die ständige Wiederholung lässt indes die Nichtunmöglichkeit wie eine Wahr- scheinlichkeit oder gar eine Denknotwendigkeit erscheinen. Und da mag man heimlich im Hinterkopf mit der Idee einer unendlichen Vernunft spielen. Nicht "frag dich, was würde Jesus tun", sondern frag dich, wie würde eine unendliche Vernunft an deiner Stelle urteilen? Und plötzlich hat die Vernunft (im Hinterkopf) keine Grenze mehr: Was ich - ohne den Richtspruch der Vernunft einzuholen - darf, erscheint nun als das, was sie lediglich (noch?) nicht verboten hat.

- Das sind nun Mutmaßungen, die am Buchstaben des Textes nicht nachzuweisen sind. Aber aus der Luft gegriffen sind sie nicht. Tatsächlich geht Fichte von der Allzuständigkeit der Vernunft aus, oder richtiger: gehtauf sie aus. Dass aus dem Totalitarismus des Vernunftzwecks durch eine Art logischer Rückkoppelung ein Totalitarismus des Vernunftgrundes wird, liegt nahe. Es wäre eine dogmatische Wendung des Transzendental- philosophen, doch die sollte Fichte schon kurze Zeit nach Abschluss der Wissenschaftslehre nova methodo aus- drücklich vollziehen.

*

Von einer unendlichen Vernunft kann ein endlich Vernünftiger nichts wissen - und folglich nicht vernünftig darüber nachdenken. Die 'endliche' Vernunft ist jedenfalls eine begrenzte, nämlich in ihrer Zuständigkeit. Ihr Reich ist Unsere Welt, und Unsere Welt ist das Reich der Vernunft. Das Reich der Geschmäcker ist ihr nicht zugänglich.

Das heißt nun nicht, dass Unsere Welt ein Reich des größten Nutzens für die größte Zahl wäre. Wenn wir zwar einander nicht auf das Schöne und das Gute verpflichtet sind, so doch auf das Wahre. Dieses ist zwar selber eine Geschmackssache. Aber die darf ich jedem zumuten, der mit mir in einer Welt leben will: Sie hält mir beide Welten zusammen.

*

Die Unterscheidung von unserer und meiner Welt gehört zur Transzendentalphilosophie, als ihre Grenze.

*) in Allgemeine praktische Philosophie (1808) in: SW Bd. 8, Hamburg 1890, S. 29 





Meine Welt gehört selber in die Transzendentalphilosophie.


Unlängst schrieb ich, die Unterscheidung von meiner Welt und unserer Welt gehöre zur Transzendentalphilosophie als ihre Grenze.

Das war ebenso zaghaft wie voreilig. Meine Welt gehört selber und ganz und gar in die Transzendentalphilosophie.

*

Das von der Einbildungskraft Hervorgebrachte, von der Vorstellung Angeschaute, im Begriff Gemeinte ist Bild.

Als Bild ist es nicht von unserer Welt. An ihm werde ich nicht wir-Vernunftwesen, sondern Ich. Das ist meine Welt. Vernunft und unsere Welt beginnen da, wo das Gemeinte vergemeinschaftet, nämlich mitgeteilt werden kann. Das kann erst im Begriff geschehen. Im Begriff im weitesten Sinn, von System und systematischer Verortung ist noch nicht die Rede, aber von Symbolisierung immerhin.

Das Symbol ist selber 'auch ein Bild', aber das Bild von einem Bild; ein vorgegebenes Schema, das der Meinende nach einvernehmlichem Verfahren zu füllen hat – mit dem nun mutmaßlich miteinander-geteilten Bild. Wenn ich sage rot, darf ich annehmen, dass mein Zuhörer dieselbe Vorstellung in sich hervorbringt, die ich hervorgebracht habe, als ich rot dachte. Annehmen darf ich es, weil die Erfahrung lehrt, dass wir uns auch sonst verständigen können; warum also nicht dieses Mal? Aber ob oder ob nicht, kann ich nicht wissen, und den andern zum richtig-Vorstellen zwingen kann ich schon gar nicht; denn ich kann es ja nicht überprüfen.

Einbilden, anschauen und vorstellen liegen in meiner Welt. Unsere Welt beginnt erst bei den Begriffen. Dass sie in der Sprache der Begriffe zu mir reden, macht die 'Aufforderung' der 'vernünftigen Wesen' aus, die mich allein erst zur Vernünftigkeit veranlasst. Denn wozu könnte ich sie ohne jene gebrauchen?





Was uns der Irrsinn über den Sinn lehrt.

sternenstauner 


Die herkömmliche Diskussion Welt/Umwelt (Pleßner: der Mensch lebt in einer Umwelt vor dem Horizont der Welt) krankt daran, dass beides, Welt und Umwelt, als zwei Obiectiva  genommen wurden. Aber der Umwelt-Begriff von Uexkülls zielt nicht auf den faktischen, sondern auf den Bedeutungs-Bestand der (jeweiligen) Umwelten ab (was wäre denn eine 'faktische' Umwelt vor einer 'bedeutenden'?!).

Ebenso wie die 'geschlossene' Umwelt ist die "offene" Welt ein Raum von Bedeutungen; aber eben kein geschlossener, sondern "offener" - d. h. gar keine Gegend, sondern nur ihr Horizont. Wenn das aber so ist, dann ist sie ein unbestimmter Raum - einer, dessen Grenze "zurückweicht, je näher man ihr kommt". Das heißt in der Umkehrung: die Bedeutungen 'in' diesem Raum sind nur provisorisch, hypothetisch, virtuell, latent "bestimmt" - in suspense. Damit sie gelten können, muss ich ihre Gültigkeit für mich je "aktualisieren".

Dass daher 'unsere Welt' vor 'meiner Welt' ontologischen Vorrang habe, ist eine optische Täuschung (weil jene währt, diese nicht). Nennen wir 'unsere Welt' mit Dilthey 'objektiven Geist', dann kann ich auch 'Dinge' darunter verstehen - z. B. Institutionen; die haben eine 'dingliche Seite', das ist das Objektive daran. Aber objektiver Geist sind sie nur insofern, als ich (oder ein anderes Ich) ihre Bedeutung für mich realisiere; ihre Latenz ent/decke. 'Meine Welt' ist diejenige Instanz,  die 'unsere Welt' immer erst zur Wirklichkeit bringt (dýnamis/enérgeia). 

'Unsere Welt' ist in ihrer Wirklichkeit die "Schnittmenge" all dessen, was historisch daseiende Menschen ausdem Arsenal möglicher gegebener Bedeutungen in ihre Privatwelten aufgenommen haben; und worüber sie ipso facto kommunizieren, "sich verständigen" können. Historisch ist der 'objektive Geist' eher da als die privaten Welten. Aber ontologisch ist "meine Welt" eher da. 

Der Beweis?

Es kann Privatwelten geben ohne jeglichen Anteil von 'objektivem Geist' (das würden wir Irrsinn nennen); aber es gibt ein 'objektive' Welt nicht ohne die, nicht außerhalb der Privatwelten der historischen Individuen.

16. 10. 03

Samstag, 27. Juni 2015

Digitalisierung befreit die Einbildungskraft.

fantasy art scenery 

...Wenzels wie immer kluge Überlegungen erlaube ich mir zu ergänzen durch einen Gesichtspunkt, den ich selber entwickelt zu haben mich rühmen darf – die Unterscheidung zwischen 'unserer' Welt und 'meiner' Welt .

Das Internet und alle materielle wie menschliche Hard- und Software, die daran hängen, entstammt nicht nur 'unserer' Welt – es wird dort auch bleiben. Es greift zwar tiefer als jedes andere Medium zuvor – sofern wir die Sprache selbst einmal ausnehmen – in 'meine' Welt hinein: weil es zwar der digitalen Technik entstammt, in der 'unsere' Welt womöglich ihren endgültigen Daseinsmodus gefunden hat; aber seine mächtigste Wirkung auf 'analogem' Weg erzielt – in der Macht der virtuellen Bilder! (Man möchte sagen, digitale Revolution und Iconic Turn sind Cousins.) Die gehen tiefer und fester in 'meine' Welt ein, als es Begriffe und logisches Denken je vermocht haben. Aber Leben erhalten sie erst dort. Ihre Macht über mich ist die Macht meiner Einbildungskraft über sie. Und ob sie meine Einbildungskraft herausfordern und ihre Virtuosität ausbilden, oder ob sie sie überschwemmen und ersäufen, das… kommt ganz drauf an.

Die Einführung des ersten Digits ins Gemütsleben der Menschen, des gesprochenen Wortes, hat ihre bildhafte Einbildungskraft nicht verödet, nein, ganz gewiss nicht. Auch nicht der Untergang des mythologischen Zeitalters in der Verwissenschaftlichung der Welt (wie man das nannte). Sonst hätten sie die digitale Technologie ja nicht erfinden können.

Der Quell des tatsächlichen und produktiven Denkens ist das Sprudeln anschaulicher Bilder. Die Reflexion tritt hinzu und 'macht was draus', aber erfinden kann sie nichts. Die virtuellen Bilder können meine Einbildungskraft nur zupappen, wenn ihr zuvor im Korsett des diskursiven Regelmaßes die Luft genommen wurde. Wie und womit, und vor allem: von wem Kinder "beschult" werden – das spielt allerdings eine Rolle! Die Bildung sollte sich schon darauf besinnen, dass der Ursprung der Vernunft nicht logisch ('digital'), sondern ästhetisch ('analog') ist. Wenn alles, was irgend digitalisierbar ist, erst seinen gehörigen Platz in den Diskursen gefunden haben wird, dann bekommt die Einbildungskraft wieder freies Spiel.

im Oktober 2011



Nota. - Meine Welt und unsere Welt durchdringen einander. Das sie ineinander - teilweise - auflösende Medium sind die in beiden Dimensionen brauchbaren Bedeutungen; nur die BedeutungenWas Wunder - denn meine Welt und unsere Welt 'kommen' überhaupt nur als Bedeutungsfelder 'vor'. Nicht meine Welt und unserer Welt unterscheiden sich.Sondern ich unterscheide mich; mal als bloßes Individuum, mal als Weltbürger.

März 2014 

Freitag, 26. Juni 2015

Kriterium des Wahren.


Rainer Sturm, pixelio.de

Veri criterium sit id ipsum fecisse.
Kriterium des Wahren ist, es selber geschaffen zu haben.
___________________________________________
Giambattista Vico, Liber Metaphysicus; 
De antiquissime Italiorum sapientia liber primus, München 1979, S. 44/45 




Donnerstag, 25. Juni 2015

Instinkt, Intuition, Urteil.

strichcode, pixelio.de

...Wenn ich aus Instinkt handle, urteile ich nicht. Ich folge auch keinem Zweck, jedenfalls keinem, den ich 'selbst gewählt' hätte. Aber mal ganz davon abgesehen - 'Instinkt' kommt in der gegenwärtigen Biologie nicht mehr vor. Sie haben nach ihm gesucht und nichts gefunden. Das Wort wurde in der Aufklärungszeit aufgebracht, und zwar, um zu erklären, was wohl den Tieren die fehlende Vernunft ersetzen mag. Und später wurde dann der Instinkt gebraucht, um aus der spezifischen "Instinktent- bundenheit" des Menschen wiederum seine… Vernunft zu erklären! 
 

Intuition ist ganz etwas anderes. Sie ist der Rohstoff der Vernunft. Es sind die anschaulichen, bild- haften Vorstellungen, aus denen das produktive Denken wirklich besteht. Tritt mit der Reflexion das Urteil hinzu, kann von Willen, Zwecken, Bewußtsein usw. gesprochen werden. 
 

Ich darf noch einmal darauf hinweisen, daß ich ausdrücklich auch die rein gedanklichen Zwecke (das können logische Zwecke, ästhetisch-moralische Absichten und ideale Ziele sein) mit in den Kreis des Pragmatischen einbezogen habe. Von Nutzen, Vorteil und "Erfolg" ist daher an dieser Stelle noch gar nicht zu reden. Das ist nur die allerflachste Art von Zwecken; für die in der Tat das, was Du Deinen "Instinkt" nennst, oft genug ausreicht. Ich wollte aber gerade und ganz besonders über das Andre reden. 

Fast hätt' ich es vergessen... Natürlich ist ein Urteil als logische Operation immer die Handlung eines Subjekts. Aber gerade als logische Operation beansprucht es eo ipso Objektivität, nämlich indem es sich auf Gründe stützt, die ihrerseits als "wahr" und gültig vorausgesetzt wurden, und zwar unabhängig davon, ob sie faktisch von irgendwem eingesehen werden. Ob diese Voraussetzung zutrifft, kann überprüft werden, und diese Überprüfung heißt Kritik. Kritizität ist das Unterscheidungsmerkmal der Wissenschaften gegenüber allen andern Formen des Meinens und Dafürhaltens. 
 

Das eigentliche Problem ist, dass dieser kritische Rückgang auf die (immer weiter zurück liegenden) Gründe nie ein Ende findet. Denn als "wahr" und gültig können wir nur das anerkennen, das zu- reichend begründet ist: auf Gründen, die ihrerseits... usw.. Will sagen: dass man auf diesem Weg nie und nimmer einen Grund findet! Das ist das Paradox bei der Wahrheit. Jedenfalls, solange man die Suche nach ihr als eine theoretische Aufgabe betrachtet. 
...

aus e. online-Forum, in 2007 




Mittwoch, 24. Juni 2015

Bedeuten, urteilen, Freiheit.


'Auch das Tier lebt in Bedeutungen', hieß es in einem meiner Texte.

"...weil es mir der Hauptthese zu widersprechen scheint, derzufolge das Proprium Humanum doch die Doppelung von Erscheinungsstrom und Bedeutung ist, also die Bedeutungsstiftung als genuin Menschliches anzusehen ist", schrieb dazu ein eiliger Reviewer. Nicht beachtet hat er die kleine, aber spezifische Differenz: nur weiß es nichts davon. Weil die Menschen von den Bedeutungen der Dinge wissen, haben sie die Möglichkeit der Wahl. Jene haben sie nicht. Die Dinge haben Bedeutung für sie als Exemplare ihrer Gattung, aber nicht für sie als Subjekte. Sie müssen und können nicht urteilen.

Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit, sagte ein Knecht.


Wissen ist die Einsicht in die Möglichkeit von Freiheit.





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Dienstag, 23. Juni 2015

Wissenschaftlichkeit, Begründung, Mitteilbarkeit, Diskursivität...

Sebastian Bremer, pixelio.de

'Wissenschaft' unterscheidet sich von andern Weisen des Meinens darin, daß sie ein auf seine Gründe hin überprüftes Wissen ist... Die Überprüfbarkeit ("Falsifizierbarkeit", nach Popper) ist ihr kardinaler pragmatischer Unterschied zu anderem Meinen: Sie ist Bedingung der Mitteilbarkeit. Nur wenn mein Wissen auf 'Gründen' beruht, kann ich es einem andern ver"mitteln": ihm die Gültigkeit meines Wissens "andemonstrieren"! Ich muß in der Begrründungskette meines Wissens einen 'Punkt' ausmachen, der dem andern bereits 'als gewiß bekannt' ist (Wittgenstein). Daran kann ich anknüpfen und aus ihm Schritt vor Schritt mein Wissen "her leiten". Daher sind die Sätze 'Wissenschaft ist begründetes Wissen' und 'Wissenschaft ist diskursives Denken' [nicht umkehrbar] gleichbedeutend. D.h. wirkliche Wissenschaft ist schlechterdings nie "voraussetzungslos", sondern argumentiert immer ex concessis; denn "irgendwo muß man ja anfangen". [nach Kant: wirkliches Wissen ist immer dogmatisch; aber noch lange nicht dogmatistisch]

Das heißt aber auch, daß 'wissenschaftliches Denken' die Gegebenheit von Wissenschaft als einer kulturellen Dimension (gesellschaftliches Institut) allbereits voraussetzt; d.h. die Vorhandenheit einer wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Denn wenn mein Anderer, dem ich das Wissen, das ich selber 'eingesehen' habe, andemonstrieren will, mir bereits solche 'Gründe' konzediert, die lediglich plausibel sind, dann enthebt er sich und ipso facto mich der Prüfung (wiss.: Begründung) der einander zugebenen Gründe; so ist das vielleicht immer noch 'wahres' Wissen; aber nicht Wissenschaft: Wissenschaftlichkeit ist eine Weise der Darstellung - Darstellung "für" einen Andern (und wenn der 'Andre' auch ich selbst: mein kritisches Alter ego wäre...) 

aus e. Sudelbuch; 7. 6. 92





Montag, 22. Juni 2015

Begriffe braucht man, wo ein Zweifel ist.

greatmiddleway

Für das, was sich von selbst versteht, brauche ich keinen Begriff. Es ist, und damit gut. Es sei denn, ich wollte gerade das kritisieren: dass es sich von selbst versteht. Begriff ist Maßstab der Überprüfung. Im täglichen Leben ist er die Ausnahme. Denn ohne die Gewissheit, dass das meiste sich von selbst versteht, brächte ich kaum mal 24 Stunden über die Runden. Würde ich den ganzen Tag nur zweifeln, käme ich nie zum Handeln. Denn nicht jede Handlung ist eine Haupt- und Staatsaktion, die ihrer Letztbegründung bedarf. Das meiste ist ganz alltäglich.

•Juni 4, 2009 


Daraus folgt zwanglos, dass das eigentlich produktive Denken gar keine Begriffe braucht - es rauscht mir gewissermaßen wie ein Strom bewegter Bilder durchs Gemüt. Da wird noch nicht gezweifelt, da ist noch alles positiv. Erst wenn ich es festhalten und auf seine Tauglichkeit - wozu?! - überprüfen will, kann ich Begriffe gebrauchen, und vollends, wenn ich es einem andern mitteile. Der Begriff ist - vor allem andern - ein Instrument der Kritik.





Sonntag, 21. Juni 2015

Übersummativ.



Der aristotelische Satz, wonach das Ganze mehr sei als die Summe seiner Teile, konnte nur dogmatisch geglaubt werden. Beweisen lässt er sich nicht, es lässt sich nicht einmal angeben, was genau damit gemeint ist. Er besagt auch nichts Begreifliches - wenn man nämlich unter begreifen das Rückführen eines Phänomens auf seine Ursache versteht. Mit andern Worten, so einleuchtend der Satz auch immer war, in der Philosophie war er doch ein mysteriöser Fremdkörper.

Nicht mehr so in der neueren Naturwissenschaft, die seit anderthalb Jahrhunderten - seit der Revolution der Thermodynamik - nicht mehr kausal-linear, sondern systemisch denkt. Der springende Punkt der systemischen Betrachtung, ohne den sie fast wertlos ist, war aber die Einsicht, dass sich Systemeigenschaften nicht stetig Schritt für Schritt aus der Addition einzelner Kausalitäten aufbauen (müssen), sondern emergieren (können) - schlagartig und unerklärlich. 

Das ist nicht mysteriös und auch keine Widerlegung des Kausalitätsprinzips. Denn auch emergente Ereignisse würden nicht geschehen, wenn nicht eine Reihe anderer Ereignisse zuvor eingetreten wären; allerdings nicht nach dem nur scheinbar begreiflicheren Prinzip von Druck und Stoß, das uns lediglich vertrauter ist, ohne dass wir wirklich einen Begriff davon hätten. Bei Licht besehen ist uns auch die Kausalität nur anschaulich gegeben und um nichts begreiflicher als die Emergenz.






Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Samstag, 20. Juni 2015

"Stoff und Form" und "Sein und Gelten"...



Die alte "Dialektik von Stoff und Form" findet ihre Lösung in der modernen Schein-Dialektik von 'Sein' und 'Gelten'. Die systematische Unterscheidung von beiden ist durch Lotze eingeführt worden; bei dem jedoch die Dreigliederung: Sein - Geschehen - Geltung. "In Wirklichkeit" "besteht" die Wirklichkeit "aus"... Geschehen, sonst nichts. Oder richtiger, da 'Wirklichkeit' immer nur eine Prädikation, terminus ad quem, nicht a quo ist, ist real immer nur "Erleben"; "Geschehen" ist schon eine durch Reflexion 'gesetzte' Objektivation, die dann nochmal in zwei Pole auseinandergezogen wird: das, was ist, und das, was es bedeutet. 'Wirklich' sind aber die 'Tatsachen' und deren 'Sinn' im Erleben immer schon ein und dasselbe: 'Es gibt' keine Tatsache, die ganz und gar nichts zu bedeuten hätte: Allenfalls wird der Mangel erlebt, daß die Bedeutung fraglich ist. Daß andererseits Bedeutung immer nur einem - actualiter oder virtualiter - Faktischen zukommt, ist zu banal, um es öffentlich auszusprechen. [Faktisch von facere, n'est-ce pas.]

Nicht anders die Begriffspaarung Stoff und Form, die nichts anderes aussagen soll als die beiden 'Seiten', Hin-Sichten, von denen aus auf den Gegenstand 'geblickt', also reflektiert werden kann - nachdem man zuvor bereits auf das Gegenständliche am Gegenstand reflektiert hatte (i.e. dessen "Tauglichkeit für menschliche Zwecke"). Denn 'zuerst' war 'das Zeug' der Dinge 'zuhanden' und 'erst dann' die Dinglichkeit 'da'! Kein Wunder also, dass die ersten Philosophen (Elea bis Plato) dazu neigten, die Stofflichkeit der Dinge für Nichts zu halten, und bei dem systematischen Reflexionsphilosophen Aristoteles der Stoff überhaupt nur als Möglichkeit zur Form in den Blick kommt; capacitas formarum bei Eckhart, hypokeimenon eidoôn bei Plotin, "Bestimmbarkeit" bei JGF.

Dazu: E. von Bracken, "Mr Eckhart und Fichte", S. 12ff.

Aristoteles: "Alles, was wird, wird aus einem solchen, das nur beziehungsweise ist und beziehungsweise nicht ist." Physik I/8

[Karl Kraus: "Nur in der Wonne sprachlicher Zeugung wird aus dem Chaos eine Welt." Heine und die Folgen in D. Untergang der Welt durch schwarze Kunst, S. 205. - Die "sprachliche Zeugung" ist das Festhalten, Festsetzen einer Geltung durch ein "Zeichen" - das seinerseits festgehalten wird durch seinen "Verweisungszusammen hang" ("System") mit "den andern" Zeichen...]

aus e. Notizbuch, 21. 9. 94

Freitag, 19. Juni 2015

Sinn oder Verstand.


Cartier-Bresson

Je begreiflicher uns das Universum wird, umso sinnloser erscheint es auch.
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Steven Weinberg [Physik-Nobelpreis 1979], Die ersten drei Minuten, München 1977, S. 212




Donnerstag, 18. Juni 2015

Analog anschauen, digital repräsentieren.

Wolfgang Dirscherl, pixelio.de

Eben kommt eine Meldung, wonach der Unterschied zwischen Arbeits- und  Langzeitgedächtnis (u. a.) der sei, dass die Erinnerungsgehalte im ersteren analog, im zweiten aber digital abgespeichert würden. Eine digitale Form der Repräsentation der Welt im neuronalen Gewebe selbst? Das wäre eine wahre Revolution in der Hirnforschung.

Leider wird es aber wohl so sein, dass nur wieder die Begriffe schludrig verwendet wurden. Darum dieser Eintrag.



Aus einer Diskussion in einem online-Forum; im Juni 2010:

...weil 'digital' einen Sinn nur im gegensätzlichen Verhältnis zu 'analog' hat. Allerdings wird das Analoge als solches erst kenntlich, seit sich das Digitale sozusagen 'rein' ausgebildet hat.
 

Das nächstliegende Beispiel ist natürlich das Zifferblatt der Uhr. Bei der analogen Uhr wird die Abfolge der einzelnen 'Zeitpunkte' nicht durch ein den 'Punkten' gänzlich äußerliches Symbol 'bezeichnet'; sondern der Verlauf der Zeit wird durch die Eigenbewegungen der Zeiger 'gezeigt': Die Bewegung der Zeiger ist ein 'Abbild' der 'verlaufenden' Zeit. Der Zeiger repräsentiert die Zeit. Die Unterteilungen am Umkreis des Zifferblattes sind lediglich 'Anhalts'-Punkte.

Um ein digitales Zifferblat zu 'verstehen', muss ich die Bedeutung der Zahlen vorher kennen - und muss dann die Abfolge der Zeit'punkte' in meinem Kopf in das Bild der 'verlaufenden' Zeit übersetzen. Auf einem analogen Zifferblatt sehe ich, wie die Zeit verläuft. Ich muss keine Zahlen kennen, ich muss die Unterteilung des Tages in Stunden nicht kennen. Ein Fünfjähriger sagt: Wenn der große Zeiger da steht, ist die Mittagsruhe vorbei; dann kann ich wieder spielen.
 

In einem Spielfilm wird das Geschehen in bewegten Bildern 'gezeigt'; in dem Roman, der dem Drehbuch zugrundelag, wurde das Geschehen durch Worte 'bezeichnet'. Ich muss die Bedeutung der Schriftzeichen in meinem Verstand in Lautbilder umsetzen, die Lautbilder zu Wörtern zusammenfassen und mir deren 'Bedeutung' re/präsentieren. Und das alles muss ich vor meinem inneren Auge in bewegte Bilder übersetzen: Ich muss mir etwas vorstellen. Im Film konnte ich etwas anschauen.

Eine wesentliche Prämisse hat die digitale Repräsentationsform: Sie setzt voraus, dass die Zeit nicht 'fließt', sondern aus identifizierbaren Punkten 'zusammengesetz' ist. Ebenso kann 'der' Raum nur als Addition von einzeln bezeichneten (und als solchen bekannten) 'Räumen' vorgestellt werden. Das innere Bild, das ich 'mir mache', muss aus vorab bekannten Daten – Maßeinheiten - zusammengesetzt werden. Die digitale Information muss ich erst noch 'entziffern'. - In der analogen Darstellung ist sie sofort als ganze 'da'.

Grob gesagt: Die analoge Darstellungsweise hat den Vorteil der Fülle. Die digitale Darstellungsweise hat den Vorteil der Genauigkeit. Die eine ist unmittelbar, die andere ist Vermittlung.

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.... Nein, so kann es nicht sein: dass 'unser Denken auch in kleinsten Schüben erfolgt, also digital'. Ein Digit - von lat. digitus=(Zeige)finger - besteht aus zweierlei: zuerst aus einem Bedeutungsgehalt, und dann aus einem 'Zeiger', der auf ihn hinweist.

Es kann einen Bedeutungsgehalt geben, auf den kein Zeiger weist. Das dürfte auf die große Masse unserer Denkleistungen im Laufe eines Tages zutreffen. Sie kommen wie sie gehen. Man kann sie nicht behalten: Denn dazu müsste ich sie mit einem Zeiger versehen, durch den sie in meinen Gedächtnisspeicher einordnen kann. Mit einer kleinen Minderzahl von Denkleistungen machen wir genau das: Wir zeichnen sie durch Zeiger ('Begriffe') aus und können uns seither wieder an sie erinnern.

Umgekehrt kann es nicht sein: dass schon ein Zeiger da wäre, bevor noch ein Bedeutungsgehalt da war, auf den er weisen könnte. 



Allerdings sind im erlernten Begriffsystem eines sprachmächtigen Kulturmenschen tausende solcher Zeiger 'schon da' - nämlich gebunden ans das, auf was sie zeigen -, so dass in diesem Netz eine große Masse von den aus meiner Einbildungskraft sprudelnden 'Bedeutungen' sozusagen 'von alleine' hängenbleiben.

Die 'kleinsten Schübe' werden durch die begrifflichen Zeiger in das Sprudeln 'von außen' hineingetragen. Anschauung ist Anschauung und Reflexion ist Reflexion. Erst das Denken, dann das Denken des Denkens.

Es würde mich interessieren, wie die Bilder in unserem Gedächtnis gespeichert sind. Erst dann könnte ich sagen: Das kann sein, das kann nicht sein.

(Dies “Quale” fasziniert mich…) 

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.... Das mit dem Speichern ist mir deswegen so wichtig, weil wir dann auch den "Zeigefinger" besser verstehen könnten. Es besteht der Verdacht, dass in unserem Gedächtnis mehr gespeichert ist, als wir uns erinnern können. Es kommt manchmal nur zufällig ans Tageslicht, manchmal unter besonderen Bedingungen wie z.B. während einer psychoanalytischen Sitzung oder in Hypnose.

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.... 'Wie' das gespeichert - und noch viel interessanter: 'wie' es dann wieder aufgerufen wird, das kann einstweilen keiner sagen, und es gibt theoretische Gründe für die Annahme, dass man es niemals wissen wird. Die Hirnforscher teilen uns mit, dass schon ganz einfache 'Gehalte' nicht etwa in dieser oder jener bestimmten Nervenzelle (Neuron) gespeichert werden, sondern bereits in 'Assemblies' von etlichen Dutzend, die über weit entfernte Hirnregionen verteilt und durch Synapsen mit einander verschaltet sind.

So schon für das 'Denken'. Vollends mysteriös wird es aber beim 'Denken des Denkens', der Reflexion. Die Hirnforschung hat buchstäblich nicht die leiseste Vorstellung davon, wie sie zustande kommt.

Vor zehn Jahren (siehe ‘Vom Gehirn zum Bewußtsein’, in: Elsner, N., u. Gerd Lüer (Hg.), “Das Gehirn und sein Geist”, Göttingen 2000) ist das Wolf Singer immerhin noch als ein Problem aufgefallen, aber seine gemutmaßte 'Lösung' war höchst zweifelhaft: Die Reflexion käme durch 'Iteration', das heißt die sehr rasche, sehr häufige Wiederholung immer desselben Vorstellungsakts zustande - so als würde die Vorstellung über ihre eigenen Füße stolpern.

Das hatte wenig Plausibilität für sich, aber immerhin hat der Forscher noch das Problem gesehen. Doch in demselben Aufsatz hat er auch erstmals sein seitheriges Steckenpferd angekündigt: die Attacke wider das Ich und seine Freiheit und die Behauptung durchgängiger kausaler Determiniertheit. Und dieses reitet er seither ohn’ Unterlass, und da hat er das störende Thema Reflexion schnell wieder beiseite gelegt.

Und schon sind wir wieder bei digital und analog: Denn eine 'Stelle', eine 'Instanz', einen 'Arbeitsgang' oder sonstwas, wo die analoge Anschauung in eine digitale Repräsentation 'umgerechnet' wird (und zurück!), und die man eben 'ich' oder 'Bewusstsein' oder 'Reflexion' nennen könnte, die muss es geben: weil dieses Umrechnen ja tatsächlich geschieht. Solange Singer nicht zeigen kann, dass und womöglich wie dieser Akt durch etwas Vorangegangenes 'determiniert' sein könnte, hat er gar kein Recht, auf die Annahme eines Ich zu verzichten.

Der Übergang von analog zu digital ist nämlich genau das, dessen Möglichkeit er bestreitet: Er ist ein Bruch.Der Bruch besteht in der Einführung des Verneinungs- und vor allem des Frage-Modus, die beide nur in der digitalen Repräsentationsweise möglich sind, nicht aber in der ihr zu Grunde liegenden analogen. Wie soll der Umstand, dass ich verneine oder gar: ob ich frage, denn 'determiniert' sein? Er ist ja die Entdeterminierung selbst. 

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 ... Das ist allerdings der entscheidende Unterschied: Auf analoge Weise kann ich keine Verneinung wiedergeben. 'Ein Pferd' kann ich mühelos 'zeigen' – ich brauche nicht einmal einen Fotoapparat, ein paar Bleistiftstriche reichen. Aber wie soll ich 'kein Pferd' zeigen? Kein Pferd sieht ganz genauso aus wie keine Suppenschüssel oder… keine Verneinung. Für 'nein' und 'nicht' brauche ich ein Digit, dessen Bedeutung jedermann vorab schon kennt.

Und wie ist es dann erst beim Fragemodus! Wie soll ich 'was ist ein Pferd' bildlich darstellen – ohne Fragezeichen?! Die Fülle der Anschauung ist der digitalen Zersetzung alles Wirklichen und Gedachten in Millionen Bedeutungsatome an Reichtum haushoch überlegen. Sobald wir uns aber klarmachen, dass uns 'die Welt' immer noch vielmehr Fragen aufgibt als sie beantwortet, erkennen wir, dass der Digitalmodus die Bedingung allen Wissens ist. Begriffe ohne Anschauung sind leer, sagt Kant, aber Anschauung ohne Begriff ist blind.

Nota, Nov. 2013: Nicht damit zu verwechseln: der Umstand, dass eine Sinneszelle Reize allerdings 'im Takt' aufnimmt, in der kleinsten neuronalen Zeiteinheit von (soundsoviel) Millisekunden. Es ist wie in einem Kinofilm: Das Celluloidband ist aus ein paar Millionen einzelnen Bilder zusammengesetzt. Wenn sie rasch hintereinander abgespult werden, 'erscheinen' sie wohl in diskreten 'Sprüngen', aber nicht mir: Ich nehme sie als stetigen Fluss wahr. Denn natürlich hat zwar die Filmkamera ein paar Millionen Mal ihre Bilder 'geschossen'. Aber es war ein stetiger Fluss, den sie 'aufgenommen' hat.

Uwe Steinbrich  / pixelio.de

Der analoge Modus ist der Modus der Anschauung. Er ist nicht "positiv": Positiv ist erst das Setzen eines Was als Dieses. Um das Erscheinende der Anschauung als ein Dieses zu fassen, bedarf es der Verneinung; determinatio est negatio. Es müsste gefasst werden als 'nicht-alles-Andere'. Das lässt sich nicht anschauen, weil es das Paradox einer 'unendlichen Menge' ist: Das Unendliche lässt sich nicht anschauen. Es muss verendlicht werden zu 'nicht-Dieses'. - Also ist das Was der Anschauung selber zu bestimmen: Das Dieses muss selber 'gefasst' werden: Es muss 'vorgestellt' werden; durch Negation, d. h. Übergang in den digitalen Modus. Die Vorstellung ist die (qua Negation) digitalisierte Anschauung. Das Tier kann anschauen, aber mangels Digitalisierung nicht vorstellen.

2. 11. 08