Samstag, 30. Juni 2018

Das Absolute: a quo und ad quem.


Am Anfang steht die Freiheit; absolut. Ihre Tätigkeit ist übergehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten. Das ist unendlich fortschreitende Einschränkung der Freiheit. Unendlich, weil, wenn sie irgendwann erschöpft sein könnte, sie niemals Freiheit gewesen wäre. Doch ist am Ende das Absolute so absolut wie am, d. h. vor dem Anfang. Die Bestimmungen sind immer quantitativ, sie ziehen Quanta vom Absoluten ab. Doch wenn es ab- solut war, wird es nicht weniger.

In der späteren WL will Fichte ein Absolutes, das "niemals Objekt wird"; natürlich, denn dann hörte es auf, absolut zu sein. Dann kann es aber auch nicht real werden - und schon gar nicht ex ante gewesen sein.


Das Absolute ist ein bloßes Gedankending. Als Anfang wird es aufgefunden, als Fluchtpunkt wird es postuliert.

22. 4. 17 


Nachtrag. "Am Anfang", sage ich, wird es auf gefunden. Nicht vor gefunden wie man über einen Stein stolpert: Man muss es schon gesucht haben, und also steht nicht es 'am Anfang', sondern das Suchen. So nämlich: In ihrem ersten, analytischen Gang gelangt die Wissenschaftslehre zur Tathandlung, durch die 'das Ich sich selbst setzt, in- dem es sich ein/em Nichtich entgegnsetzt'. Bevor das Ich sich 'setzte', war es 'noch nicht Ich', aber es kann auch nicht nichts gewesen sein. Es "kann nur" ein Vermögen, absolut anzufangen gewesen sein. Es ist durch reflektierende Spekulation auf gefunden. (Dass es als Wollen vorgestellt werden muss, ist schon die erste Bestimmung an diesem Absoluten.)

Zusatz. Meine semantischen Erläuterungen verfolgen nicht das Ziel, für die Wissenschaftslehre eine endgültige Nomenklatur zu schaffen (was Fichte vor Abschluss des Systems ausdrücklich abgelehnt hat), sondern dem Leser das Verstehen zu erleichtern - ihm zu erleichtern, es so zu verstehen, wie ich es verstehe.



Freitag, 29. Juni 2018

Die Identischen.

Tilman Riemenschneider; Ein Engel Riemenschneider 

Ihr wollt nie mit euch unzufrieden werden, nie an euch leiden – und nennt dies euren moralischen Hang! Nun gut, ein andrer mag es eure Feigheit nennen. Aber eins ist gewiss: Ihr werdet niemals eine Reise um die Welt (die ihr selber seid) machen und in euch selber ein Zufall und eine Scholle auf der Scholle bleiben. Glaubt ihr denn, dass wir Andersgesinnten der reinen Narrheit halber uns der Reise durch die eigenen öden Sümpfe und Eisgebirge aussetzen und Schmerzen und Überdruss an uns freiwillig erwählen, wie die Säulenheiligen?
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Nietzsche, Morgenröte, N° 343





Donnerstag, 28. Juni 2018

Identität und Tod.

caput mortuum

Die Hauptsynthesis ist in allgemeinster Formulierung: Ich bestimme Mich. Würde das je gelingen, wäre mit allem Bestimmen Schluss. Bestimmen meiner - und von irgendetwas anderem - als... ist nur möglich, solange ich mich von mir unterscheide. Wenn ich mich zu Ende bestimmt habe und mit mir eins geworden bin, bin ich tot. 

30. 5. 17

Identität 'gibt es' nur als gedachte Überwindung des Zwiespalts. Ihre Realität ist nicht 'Ich bin identisch', son- dern Ich identifiziere mich. Sie ist kein Zustand, sondern der Moment des Übergangs.



Mittwoch, 27. Juni 2018

Der wundeste Punkt der Vernunft ist ihre Selbstverständlichkeit.


Dass die Transzendentalphilosophie mit den Tatsachen gar nichts zu tun hätte, ist eine akademische Legende. Sie bildet sie zwar nicht ab wie die realen Wissenschaften, so dass sie in ihr als Gegenstand vorkämen; aber sie will sie darstellen in ihren Sinnbezügen.

Der Elemtenarfakt, von dem die Wissenschaftslehre ausgeht, ist, "dass es Vernunft gibt". Nämlich im herr- schenden Bewusstsein ihrer Zeit, in der bürgerlichen Welt. "Vernunftzeitalter" ließ sich die Epoche nennen, die der Kunsthistoriker als Rokoko kennt.

Dann ist es still geworden um die Vernunft. Zum Thema ist sie allerdings selbst in dem Zeitalter nicht gewor- den, das sich nach ihr nennen ließ; vielmehr blieb sie überall schweigende, weil selbstverständliche Vorausset- zung - bis Kant die transzendentale Denkweise in die Welt gebracht hat. Was die Vernunft sei, worin sie beste- he, woher sie komme, hat auch er nicht gefragt. Er hat sie genommen, wie er sie gefunden hat, und nach im- manenten Gesichtspunkten untersucht.

Allein Fichte ist den entscheidenden Schritt gegangen: zu fragen, was sie ist. Die Wissenschaftslehre ist das allgemeine Modell der Vernunft: so, wie er sie vorfand.

Woher sie kommt, hat auch er nicht direkt zu fragen gewagt. Er schwankte zwischen zwei Annahmen, die einander ausschließen: dass sie entweder 'sich selber mache' und recht eigentlich nur in diesem ewigen sich-   selber-Machen bestünde, oder dass sie latent schon immer da (wo?) gewesen sei und von den lebendigen Intelligenzen nur noch aufgefunden werden müsse.


An dieser Frage ist er gescheitert, der Atheismusstreit hat es lediglich an den Tag gebracht, aber nicht verur- sacht. Er hat sich mit einem hiatus irrationalis in die dogmatische Lösung geworfen, und damit war das Problem nicht gelöst, aber entsorgt. Hegel konnte die Vernunft zur Substanz machen und so tun, als habe er die Not- wendigkeit, die Substanz "auch als Subjekt zu fassen", selber entdeckt.

Tatsache ist, dass nach ihm die Vernunft ganz still aus dem philosophischen Vokabular ausgeschieden wurde.

Nicht aber aus dem gesunden Menschenverstand, ganz im Gegenteil. Noch zu Hegels Zeiten musste nicht jeder Hinterwäldler sich zur Vernunft verpflichtet wissen und durfte seinem Köhlerglauben huldigen. Das macht den westlichen Menschen in seinem Selbstverständnis gegenüber allen Andern aus: dass er sich und alle seinesgleichen der Vernunft verpflichtet fühlt. Das ist die Grundlage der abendländischen Kulur. 

Und auch der schrillste postmoderne Konstruktivist verlangt von sich und und den andern im alltäglichen Umgang ganz entschieden Vernunft in Denken und Handeln und wird schonmal einen Gedanken als ganz unvernünftig rügen, und wenn er sich auch im wissenschaftlichen Verkehr vor diesem Wort hütet wie der Teufel vorm Weihwasser, wird er gerade dort auf seine Vernunft den größten Wert legen. Nur weil sie zur selbstverständlichen Prämisse des Alltags geworden ist, konnte die Vernunft aus der Philosophie schwinden.

Aber das ist auch ihre Schwäche. Denn was nur selbstverständlich ist, ohne ausgesprochen zu werden, kann von neuen, aber ebenso unausgesprochenen Prämissen durchsickert und unterwandert werden, das geschieht alle zwanzig, dreißig Jahre immer mal wieder. Dann ist die Vernunft wort- und namenlos. Aber das ist die Stunde der Kritischen alias Transzendentalphilosophie.

Denn wennauch Vernunft kein objektiv Gegebenes ist, so besteht Vernünftigkeit eben darin, sie als solche auf- zufassen. Wer - sei's wegen der Transzendentalphilosophie, sei's wegen des Konstruktivismus - meint, jeder mache sich seine Vernunft selber, kann nicht vernünftig denken und schon gar nicht handeln. Vernunft "gibt es" nur im Tun: in einem Tun, das zu einem gemeinsamen wird, weil und indem alle Handelnden davon aus- gehen, dass ein oberster Zweck ihnen allen vorausgesetzt ist. Welcher das ist, wird sich unter dieser Voraussetzung von selbst herausstellen - immer wieder.

13. 2. 17




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Dienstag, 26. Juni 2018

Wirklich ist das Erleben.

blancan

Unser Wissen ist uns nicht durch die Sachen selbst gegeben, sondern durch unser Erleben, in dem die Sachen 'vorkommen'. Ob die Sachen auch außerhalb meines Erlebens vorkommen, ist davon noch gar nicht berührt. Wenn ich erfahre, dass die Sache auch im Erleben eines andern vorkommt, gewinnt die Annahme, dass sie 'an sich' sei und unabhängig von ihrem Erlebtwerden ("esse est percipi"), eine gewisse lebenspraktische Plausibi- lität. Oder richtiger: Ich bin gut beraten, wenn ich in meinem Verkehr mit anderen davon ausgehe, dass die Sa- chen, die ich und sie gemeinsam erleben, "wirklich" sind.

Allerdings gehört die Frage, ob...  nicht zu meinem Erleben; gehört nicht in die Weise ihrer Gegebenheit in meinem Erleben. Sie entstammt der Reflexion, durch die ich mich außerhalb meines Erlebens, neben mein Erleben stelle, um gewissermaßen mein Erleben zu erleben. Es ist ein Erleben zweiten Grades, das nicht "ge- geben", sondern gemacht, "hervor-gerufen" ist ex sponte mea. Erst auf diesem zweiten Grad, der Verdoppe- lung meines Erlebens im Spiegel meines Erlebens, kommen überhaupt 'Sachen' vor.

Denn im unmittelbaren Erleben, das die Weise der Gegebenheit hat, kommen Akte vor, nicht Dinge. Das ist eine vorläufiger Ausdruck, der lediglich bezeichnen soll, dass hier eine Veränderung gemeint ist: Auf Zuständ- lichkeit a folgt Zuständlichkeit b, 'Zeit' nenne ich "das, was" zwischen den beiden liegt, und wenn ich Zustand b nicht anders erlebte, als ich Zustand a erlebt habe, dann wäre nichts zwischen ihnen und gäbe es keine Zeit. 

(Also kommt Zeit in meinem Erleben unmittelbar vor, wenn auch nicht gleich 'als' solche; ebenso wie 'Raum', der kommt ursprünglich nur als Umfang meines Gesichtskreises vor, als 'Feld', in dem Veränderung von Zu- ständen Statt-findet; aber hier nur die Veränderung äußerer Zustände, das Erlebnis meiner inneren Zustände hat keinen Raum zu seiner Statt, sondern 'mich'.

Der Einwand, 'mir selbst' sei ich ursprünglich als Körper und ergo als 'Raum' gegeben, ist unangebracht. Mir 'selbst' bin ich überhaupt erst in der Reflexion gegeben, im Erlebnis zweiten Grades, wo ich mein Erleben "als meines erlebe". 'Raum' ist also dem Erleben nicht ebenso unmittelbar gegeben wie 'Zeit'.) 

'Zeit' ist der 'Raum', "in dem" die Veränderung meiner Erlebenszustände "stattfindet". Sie ist Ort des Geschehens.

Geschehen als Veränderung von Zuständen ist in unserer Erlebenweise "eingefärbt" als Wirkung. (Ob diese Färbung 'urprünglich' ist oder eine gattungsgeschichtlich erworbene Rückprojektion meiner eigenen Wirksam- keit (Nietzsche: "die Natur bei ihrer Arbeit belauscht") in alles, was ich 'überhaupt' erlebe, ist hier noch nicht zu erörtern.

Also im unmittelbaren Erleben kommen keine 'Punkte' - weder Zeit-Punkte noch Raum-Punkte (=Dinge) - vor, sondern Zeiträume als Bühne der Veränderung von Zuständen.

Allerdings sind Räume von Punkten begrenzt. Wer oder was setzt die Punkte, die den Zustand a als diesen, den Zustand b als den anderen de/finieren? Sicher ist es die jeweilige "Erlebnisqualität", die den Fluss des Erlebens zu diskreten Zu-Ständen interpunktiert. Aber die Qualitäten meines Erleben entsprechen ebensovielen Erlebnis- bereitschaft "in" mir: Ich muss sie "irgendwie" schon 'erwartet' oder 'gemeint' haben, es muss eine 'Absicht' da- gewesen sein (und sei es als eine - ja übrigens auch naturgeschichtlich erworbene - physiologische Disposition meiner Körperorgane).

Also alles, 'was' erlebt wird, wird so (oder anders) erlebt. Und dass es so (und nicht anders) erlebt wird, antwortet auf eine vor-gegebene Erwartung.

Oder anders - alles, was uns in unserem Erleben als dieses gegeben ist, war als solches immer schon 'gemeint'. 'In- tentionalität' ist nicht erst ein noetisches Phänomen. Schon der sinnliche Wahrnehmungsapparat wählt die 'Rei- ze' aus, denen er sich 'zuwenden' will; und reagiert nicht nur auf deren (physikalisch messbare) Stärke.

Das eigentliche Problem sind diese Disponiertheiten; nicht zunächst die physiologisch verketteten  Reiz-Reak- tions-Folgen natürlich, obwohl auch die selekiv erworben sind...; sondern sie sozusagen mentalen 'Reizbarkeiten' (dass sie sich von den ersteren nicht immer sauber scheiden lassen, mag sein; aber logisch gehts immerhin, und daruf kommt es an). 

aus e. Notizbuch, 27. 11. 1994 


Hier müsste anschließen ein Absatz über die produktive Einbildungskraft. Aber der könnte nicht mehr phäno- menologisch vorgehen, sondern müsste sich auf spekulatives Gelände wagen. Ich hab's immerhin versucht.

23. 3. 17


Nach Fichte ist die Probe auf die Wirklichkeit einer Sache die Frage, ob sie in einem Gefühl gegeben ist. Das ist noch etwas sensualistisch-materialistischer als obige 'phänomenale' Darstellung.

Übrigens: Erleben geschieht in meiner WeltGefühle unterscheiden wir in unserer Welt











Montag, 25. Juni 2018

Das Vorstellen vorstellen.

 
Es könnte doch sein, dass auch das Tier 'sich etwas vorstellt', und wenn es nur ganz elementar wäre. Träumen können sie jedenfalls - wenn sie nicht 'bei Bewusstsein' sind. Warum sollten sie es nicht mehr können, sobald sie wach werden? Sie können sich allerdings nicht vorstellen, dass sie vorstellen. Folglich können sie nicht wis- sen, ob sie vorstellen wollen - und schon gar, was. Das Vorstellen unterläge also ganz dem Zufall, und das ist nicht das, was wir uns darunter - vorstellen.

29. 7. 16


Vorstellen ist nicht schon: mentale Bilder anschauen. Das tut das Tier vielleicht auch. Doch schon, um sie be- halten zu können, müsste es sie feststellen, bestimmen. Und das müsste es beabsichtigen: "einen Zweckbegriff entwerfen", wie Fichte sagt.










Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE  

Sonntag, 24. Juni 2018

Absichtsvoll erkennen, absichtslos betrachten.

de Jonghe, Le repos du laboureur

Ästhetische Betrachtung ist Anschauung gegebener Verhältnisse. Sie geschieht ohne andere Absicht als 
eben die: Verhältnisse anzuschauen.

Ob sie eine natürliche (primäre) oder eine künstliche (sekundäre) ist, hängt davon ab, ob 'der Mensch' als ursprünglich absichtsvoll oder als ursprünglich betrachtend aufgefasst wird. Das ist so simpel nicht, wie es scheint. Denn der ursprüngliche Mensch lebte mit seiner Umwelt im Einklang, mit ihr hatte er natürlichen Stoff- wechsel, aber darüber hinaus gehende Zwecke setzte er sich nicht. Die semantische Falle: In diesem Zustand war er ursprünglich, aber noch kein Mensch. Die Hominisation war der Prozess, in dem der Mensch seinen ur- sprünglichen Naturzustand verließ und sich in der Fremde Zwecke setzen musste.

Viel weiter als das sich Darbietende abzuweiden, reichten seine frühesten Zwecke aber nicht. Noch heute ver- bringen die wenigen überlebenden und in unwirtlichen Gegenden abgedrängten Jäger-und-Sammler-Völker weniger Zeit mit dem Nahrungserwerb als ein Bürger der Industriegesellschaft. Ihr Leben ist noch keineswegs von morgens bis abends "verzweckt", Muße haben sie reichlich. Hätten unsere Vorfahren nicht durch verwun- dertes Betrachten der Erscheinungen ihren Gesichtskreis erweitert, hätten wir nie Gelegenheit bekommen, uns über Erkennen und Anschauen Gedanken zu machen.

Doch die Erfindung der Arbeit wurde zu einem Flaschenhals. Die Zeit wurde knapp, der Horizont wurde eng. Das müßige Betrachten wurde zum Privileg der Herrschenden, und weil sie, wenn sie nicht Krieg führten, nichts besseres zu tun hatten, konnten sie es kultivieren.

Da sind wir nun. Zweckhaftes Erkennen und uninterssiertes Anschauen haben sich getrennt und unabhängig von einander fortentwickelt. Auf der einen Seite die Industrie, auf der andern die Kunst. Aber im wirklichen Leben nehmen sie keineswegs denselben Rang ein. Der Mensch in der Arbeitsgesellschaft ist in erster Linie absichtsvoll, Betrachten ist ein Luxus, den er sich allenfalls nach getaner Arbeit leisten kann. Oder weil er den herrschenden Klassen angehört und andere für sich arbeiten lässt. Das Ästhetische ist eine Sache der Reichen.

Mit der Industrie hat jeder zu tun, wenn nicht produktiv, dann wenigstens als Konsument. Aber die Kunst ist eine Sache von wenigen für wenige. Das konnte sie nur bleiben, solange ästhetische Betrachtung ein Privileg war, weil die große Masse weder Zeit noch Geld dafür hatte. Heute hat die Masse Zeit und Geld; nicht viel, aber sie ist es eben eine Masse. Die Kulturindustrie will Geld verdienen und nicht die Menschheit missionieren, ästhetische Maßstäbe vertritt sie selbst nicht. Aber Künstler müssen auch Geld verdienen. Je mehr von ihnen konkurrieren, umso vielfältiger die Qualitäten und umso mehr Chancen für jede. Es kann eigentlich nicht aus- bleiben, dass sich der Geschmack der großen Masse in dem wachsenden Maße, wie er sich nun betätigen kann, differenziert und individualisiert. Auf die Dauer muss eine Anschatzung, muss ein Wachstum stattfinden.

Zugleich dringen ästhetische Gesichtspunkte immer tiefer in die industrielle Produktion. Was immer hergestellt wird - irgendeine Form, irgendeine Farbe muss es haben. Ob es Auswirkungen auf ihren Gebrauchswert hat, können nur die entscheiden, die ihren Tauschwert auslegen sollen. Ihre Bedürfnisse sind nichts anderes, als die Ansprüche, die sie stellen. 

*

Am Anfang war das Vermögen des Menschen eins. Die frühesten Wildbeuter werden ihre Zeit zwischen ab- sichtsvollem Jagen und absichtsvollem Sammeln und absichtsloser Betrachtung ganz zufällig geteilt haben, wie sich's eben ergab. Am ehesten bietet sich noch das Sammeln zu Planung und Regulierung an: Der Ackerbau ist aus dem Sammeln entstanden. Von hier aus griff der Gesichtspunkt der Nützlichkeit auf immer mehr Bereiche der - im selben Maße vergesellschafteten - menschlichen Tätigkeit über, die ganze Welt wurde zu einem Hori- zont von Absichten. Nur an der obersten wohlhabendsten Spitze fand die absichtslose Betrachtung eine Zu-flucht; wo sie sich freilich auch zu gebildetem Feinsinn spezialisierte: Die Kunst wurde - neben dem ebenfalls privilegierten Wissen - zu einer gesellschaftlichen Instanz.

Und so weiter, siehe oben. Je mehr Geschmack und Nutzen ineinander verschwimmen, umso geringer wird der Unterschied zwischen Kunst und Industrie (und übrigens zwischen Spiel und Arbeit). Es wird noch lange dau- ern, bis er in der Wirklichkeit schwindet. Doch die Begriffe werden's nicht hindern. 




Freitag, 22. Juni 2018

Kann Erkenntnis ästhetisch sein?

Er glaubte an das Schöne in der Wahrheit: Albert Einstein
aus Tagesspiegel.de,

Ästhetik der Erkenntnis 
Das Einstein-Forum in Potsdam wird 25 Jahre und feiert sich mit einer Diskussion: Ist nur wahr, was schön ist?  

von

Als Albert Einstein seine spezielle Relativitätstheorie formulierte, kumulierend in der bekannten Äquiva- lenzformel von Energie und Masse E = mc2, soll er sich sicher gewesen sein, dass er richtig lag: Was so schön ist, müsse auch wahr sein. Aber ist immer wahr, was schön ist, und ist Hässliches automatisch falsch? Oder ist Schönheit nur ein Behelf des beschränkten menschlichen Geistes, um die Komplexität der Realität so weit zu reduzieren, dass sie wenigstens ein Stück weit erklärbar wird?

Drei Tage hatte sich das Einstein-Forum anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Stiftung Zeit genommen und ein gutes Dutzend Redner geladen, um am Neuen Markt in Potsdam diese Fragen zu diskutieren. Drei Tage mögen für dieses Thema auf den ersten Blick ausschweifend, ja ermüdend erscheinen - und in der Tat war schon am zweiten Tag ein erklecklicher Kaffeekonsum seitens der etwa 50 Zuhörer zu beobachten. Doch so abstrakt die Frage nach dem Zusammenhang von Schönheit und Wahrheit - oder anders gesagt von ästhetischer, gesetzmäßiger Vereinfachung und wissenschaftlicher Korrektheit - auch erscheinen mag, sie ist so aktuell wie essenziell. Denn sowohl in der Biologie mit ihren komplexen und vielfach vom Zufall getriebenen Lebensvorgängen als auch in der Physik und ihren Erklärungsnöten etwa zur Dunklen Materie zeichnet sich ab, dass es womöglich auch hässliche, nicht in hübsche Formeln zu packende Wahrheiten gibt.

Schon immer haben sich Forscher im Bemühen, die Komplexität der Welt zu erfassen, Modelle und Bilder von den Vorgängen in der Natur gemacht - angefangen beim Philosophen Plato, der die Idee, zumal eine „schöne“, gewissermaßen zum Fundament der Realität erhob. Welch praktischen Charakter eine „schöne“, also stimmige, minimalistische oder symmetrische Formel für Forscher bis heute hat, beschrieb der Nobelpreisträger und Schweizer Physiker Frank Wilczek 2004: „Erst konstruieren wir schöne Gleichungen, ergründen dann die Konsequenzen daraus und führen schließlich Experimente durch, um sie zu testen. Diese Strategie hat sich als außerordentlich erfolgreich herausgestellt.“

Es braucht auch „hässliche“, mühsame Datenanalyse

So seien etwa die Gravitationswellen oder Elementarteilchen wie die Higgs- oder Neutrino-Partikel alle zuerst theoretisch, mit Hilfe „schöner“ Formeln vorhergesagt und erst dann tatsächlich entdeckt worden, sagte Thomas Naumann, Physiker am Deutschen Elektronensynchroton in Zeuthen in seinem Vortrag. Man nutze die Prinzipien der Schönheit, so Wilczek, um Entdeckungen zu ermöglichen. Wie ein Werkzeug. Und: „Wenn die Naturgesetze nicht schön wären, hätte man sie nicht gefunden.“ Wilczek geht sogar so weit zu behaupten, dass „die Evolution den Menschen prädisponiert hat, jenes schön zu finden, was uns hilft, die Welt korrekt zu verstehen und es deshalb kein Zufall ist, dass wir die korrekten Naturgesetze schön finden.“

In diesem Sinne wäre es auch kein Zufall, dass das Molekül, das Evolution erst möglich gemacht hat (die Desoxyribonukleinsäure DNS) schon im Auge ihrer Entdecker James Watson und Francis Crick als besonders ästhetisch empfunden wurde. Als „Mona Lisa der modernen Wissenschaft“ bezeichnete sie der Oxforder Kunsthistoriker Martin Kemp einmal.

Damit allein sei aber noch nichts erklärt, warnte Jens Reich in seinem Vortrag. Wenn man die eigentliche Aufgabe der DNS, nämlich das Speichern der kodierten Informationen für den Zusammenbau von Proteinen betrachte, dann sei die Schönheit dahin. Denn was sei schon schön an einer endlosen Abfolge von Milliarden A und C und G und T, den vier „Buchstaben“ des genetischen Alphabets? Die Vorgänge in den Zellen seien damit eben nicht vollständig erklärbar, auch nicht mit ein paar hübschen Schaubildern vom Zitronensäure-Zyklus oder anderen Stoffwechselprozessen. Um die vielfältigen Wechselwirkungen zehntausender Proteine untereinander und mit der Umwelt nachzuvollziehen und vorherzusagen, reichten schöne Formeln nicht. Es brauche auch „hässliche“, mühsame Datenanalyse und Statistik.

Einstein glaubte an das Schöne in der physikalischen Wahrheit

Auch der Physiker Naumann warnte, dass die Suche nach Schönheit auch in die Irre statt zu wissenschaft- licher Erkenntnis führen könne. Anders als seine Vorgänger ließ sich Johannes Kepler eben nicht von der Schönheit der seinerzeit noch postulierten Kreisbahnen der Planeten blenden. Er hielt sich an die Daten aus unzähligen nächtlichen Beobachtungen und entdeckte die tatsächlichen, wenn auch vermeintlich weniger harmonischen elliptischen Bewegungen. An eine höhere (göttliche) Harmonie in den Naturgesetzen, der Harmonie der Sphären (Harmonices mundi) glaubte Kepler dennoch.

Heute geht es für die Physik beim Begriff der Schönheit um weit mehr als nur Semantik. Die Idee, dass der gesamte Kosmos einer zwar noch unbekannten, aber alles erklärenden Weltformel folgt, gilt der Disziplin als die ultimative Schönheit, bezeichnet als die „Natürlichkeit“. Doch die Tatsache, dass Dunkle Materie und andere rätselhafte Phänome sich der Erklärbarkeit im bislang geltenden Standardmodell der physika- lischen Gesetze entziehen, lässt Physiker zweifeln, ob diese Natürlichkeit wirklich existiert. Es wäre ausgesprochen hässlich, wenn die Existenz unseres Universums und der darin geltenden Gesetze womöglich nur ein Zufall, nur einer von unendlich vielen anderen Zuständen in anderen Universen (Multiversen) wäre.

Einstein jedenfalls glaubte, buchstäblich, an das Schöne in der physikalischen Wahrheit. Dem Rabbi Goldstein antwortete er 1929 auf die Frage, ob er an Gott glaube: „Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der geordneten Harmonie dessen zeigt, was existiert.“


Nota. -  Das sind in Wahrheit zwei Fragen, die unmittelbar gar nicht zusammenhängen. Das eine ist, ob eine Forscher nicht gut daran tut, wenn vor einem neuen, großen Problem zuweilen in den ästhetischen Zustand abtaucht und die Reflexion einstweilen abschaltet - und so vielleicht zu einer Erleuchtung kommt. Ein anderer trinkt einen Kaffee oder zieht sich eine Linie. Das ist eine heuristische Frage und ist rein prag- matisch zu beantworten. Den Kopf freimachen und die Einbildungskraft spielen lassen, wird immer nützen. Dass aktive Forscher darüber miteinander reden, ist vielleicht nützlich, aber ein irgendwie allgemeineres theoretisches Interesse kann es nicht beanspruchen. Immerhin lehrt die Erfahrung: Sobald die neugierige Anschauung des Forschers zur analytischen Reflexion und zu den empirischen Details übergeht, treten die Begriffe wieder in ihr Recht und ist die Schönheit regelmäßig wieder perdü - sagt nicht nur Jens Reich.

Das andere ist die erkenntnislogische und gar metaphysische Frage, ob wissenschaftliche Erkenntnis und ästhetisches Erleben letzten Endes womöglich "aus demselben Stoff gemacht" sind.

Da muss man schon etwas weiter ausholen.

Die empirische Psychologie kennt das Faktum der Gestaltwahrnehmung. Es ist ein Phänomen, das sowohl dem ästhetischen Erleben als auch der Kognition angehört: dass nämlich schon die rein sinnliche Wahrneh- mung - sehen und hören - nicht aus dem Zusammensetzen einzelner Reize besteht, die erst vom reflektie- renden Verstand zu sinnvollen Ensembles zusammengestzt werden, sondern dass umgekehrt schon das sinnliche Warhnehmen selbst "von sich aus" in der strukturlossen Masse der Sinnesreize nach bedeutungs- vollen Figuren sucht, die die einzelnen Reize zueinander 'in Beziehung setzt' und dadurch eigentlich erst identifizierbar macht.

Dass unser Gehirn so verfährt, ist offenbar eine stammesgeschichtliche Erwerbung. Es besagt nur, dass unsere Gattung damit bislang immer ganz gut gefahren ist. Über die Natur der Dinge oder über die Wahr- heit unseres Wissens lehrt es uns gar nichts.

*

Bevor wir uns in den Fallstricken unserer vorgefertigten Begriffe verheddern, dies: Von der Natur der Dinge wissen wir gar nichts und können nichts wissen. Wir wissen nur das, was in unserm Bewusstsein vorkommt - das ist eine Tautologie, beide Ausdrücke bedeuten dasselbe. In unserm Bewusstsein stecken aber kein Dinge, sondern nur Vorstellungen von Dingen. Allenfalls könnten wir mittelbar etwas von den Dingen wissen, sofern wir Grund zu der Annahme haben, dass den Vorstellungen in unserm Kopf etwas an oder in den Dingen außerhalb unserer Köpfe entspricht. Diese Frage also gilt es zu klären, und danach können wir an die Prüfung der Frage gehen, was wir von den Dingen wissen. Tiefer werden wir in die Wahrheit nicht eindringen.

Wenn wir also die Dinge vorderhand nicht nach ihrem Wesen unterscheiden können, können wir sie doch beobachtend danach unterscheiden, wie sie in unser Bewusstsein hineinkommen: "nach Schönheit" oder "nach Wahrheit"? Auch hier kommen wir mit vordefinierten Begriffen nicht weiter. 'Was ist Wahrheit?' fragte Pontius Pilatus, und 'Was ist Schönheit?' fragte Plato lange davor.

Schön ist nach Kant, 'was ohne Interesse gefällt'. Wenn es mehr sein sollte als technische Brauchbarkeit - wie sollte das vom Wahren nicht auch gelten? Dazu gesellt die scholastische Tradition das Gute - drei Transzendentalien als drei Namen für das Absolute. Drei Namen als drei Weisen des Anschauens; wieder ist die Fragen: Wie kommen sie ins Bewusstsein?

Was wahr ist (und was nicht) wird begriffen, was schön ist (und was nicht) wird angeschaut. Begreifen - nämlich in all seinen möglichen Bestimmungen erfassen - kann ich nur das, was ich zuvor angeschaut habe. Denn nur das ist überhaupt bestimmbar. Begreifen ist Fortschreiten vom Anschauen zum Bestimmen, doch was immer ich bestimmt habe, kann ich wieder anschauen - als ein Bestimmbares, als ein zu-Bestimmen- des; und so weiter in infinitum.

Kann ich Anschauen, ohne zu begreifen? Kann ich anschauen, ohne zu bestimmen? Der moderne Mensch, bürgerliche Subjekt des Vernunftzeitalters, lebt in einer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft, wo er nicht lange bestehen könnte, wäre ihm nicht das Bestimmen längst habituell geworden. Gewohnheitsmäßig neigt er zum Bestimmen, doch mit etwas gutem Willen kann er es sich auch verkneifen; aber wollen muss er es.

Das aber wäre das ästhetische Wahrnehmen. Es ist ein Wahrnehmen, das sich des fortschreitenden Bestim- mens enthält. Jeglichen Urteils sich enthalten kann es nicht: Das wäre überhaupt kein Wahrnehmen. Ästhe- tisch nenne ich ein Wahrnehmen, das als solches - ohne allen Vergleich, ohne alle Reflexion - mit einer Wertung verbunden ist: gefällt oder gefällt nicht? ("Ohne Interesse" wohlbemerkt.) 

Damit ist Schluss. Mehr an ihm kann die ästhetische Betrachtung nicht finden, sobald die danach sucht, hört sie auf, ästhetisch zu sein; beginnt sie, aus Bestimmungen weitere Bestimmungen herzuleiten, und macht sich ans Begreifen - das aber nie an ein Ziel kommt; es gilt immer nur vorübergehend.

*

Bis hier ist der Ertrag denkbar trivial: Der Forscher mag, wenn es in seinem Temperament liegt, wann immer er mit dem Räsonnieren nicht weiterkommt, nach einem ästhetischen Bild suchen, das ihn immerhin in irgendeine Richtung führt. Wie weit, kann er immer nur ausprobieren, und wenn er Pech hat, merkt er viel zu spät, dass er sich verrannt hat. Mit andern Worten, er ist gut beraten, wenn er seinen bildhaften Phantasien mit Ironie und trockenem Verstand begegnet. Aber irgendein Vor-Urteil braucht der empirische Forscher, denn Erfahrungen laufen einem nicht über den Weg: Man muss sie machen, indem man vorge- fundene Daten mit einem Entwurf vergleicht. Da sind ästhetischen Vor-Urteile so gut wie andere; nur diesem fallen sie leichter jenem, und hinterher propagieren kann man sie besser als alles andere.

Aber es ist wie immer doch etwas vertrackter als auf den ersten Blick. Was ist denn der Sinn des Begrei- fens? Im Unterschied zum anschaulichen Bild lässt sich der Begriff im Gedächtnis archivieren, bei Bedarf hervorholen und - was das weltgeschichtlich Umwälzende an ihm war - einem Andern, der mit dem Be- stimmen auch schon ein Stück vorangekommen ist, mitteilen. (Technisch: aus dem analogen Modus in den digitalen Modus übersetzen.) Um den jeweiligen  Grad der Bestimmtheit mag es immer wieder Missver- ständnisse geben, aber es ist immerhin etwas da, worüber man streiten und worüber man sich vertragen kann. Ohne ein Mindestmaß an Bestimmtheit könnte man nur miteinander handgreiflich werden.

Seit ein solches Mindestmaß an Bestimmtheit im öffentlichen Verkehr als allgemeinverbindlich vorausge- setzt wird, redeten die Menschen von einem Vernunftzeitalter. Nicht so als solle behauptet werden, dass überall die Vernünftigen herrschen. Aber so, dass Vernunft allenthalben als der letztendliche Maßstab gilt.

Ein Ding bestimmen heißt am ihm Merkmale feststellen. Ein Merkmal ist das Verhältnis eines Dings zu einer möglichen Absicht (Zweck, Interesse; auch das Interesse an bloßer Erkenntnis ist ein Interesse). Bestimmungsgrund ist die Absicht, das Ding resoniert nur: Es sind erst die Merkmale, die ein Ding zu einem solchen machen. Der Begriff des Dings ist das Schema seiner Merkmale.

Etwas ins Unendliche fortbestimmen heißt: ein ums andere Merkmal an ihm finden, alias: eine um die andere Absicht an es heften.  

Ins Unendliche fort?

Vernunft bedeutet: an den Dingen Merkmale finden, die jeder wiedererkennt, weil er die Absichten, denen sie gelten, mit allen Andern teilt oder teilen könnte. Es wird der Moment kommen, wo einer, wie vernünftig er auch wäre, die Merkmale nicht wiederkennen kann, weil er die Absichten nicht mehr teilt. Das ist der Normalfall in den Wissenschaften. In der scientific community werden tausende von Bestimmungen geteilt, die über den Horizont des wissenschaftlichen Laien und Normalmenschen hinausgehen, weil seine Absich- ten ganz woanders liegen. Und an der vordersten Front sowohl der empirischen Forschung als auch der Theorie wird Absichten gefrönt, die das Gros der Wissenschaftler nicht versteht, weil es sie nicht mehr oder noch nicht teilt. 

So ist es faktisch. Aber prinzipiell könnte jeder Vernünftige bei genügendem Eifer soweit kommen. Da sind keine Grenzen gesetzt. Die Grenzen der Anschauung wurden jedoch schon längst überschritten. Die Einstein'schen Begriffe vom Raum-Zeit-Kontinuum und von der Raumkrümmung liegen in anschaulicher Forschung gewonnene Daten zu Grunde. Doch vorstellen kann sie sich kein Mensch. Und auch nicht jene mikrophysikalischen Quanten, die mal als Teilchen, mal als Welle erscheinen, und womöglich an zwei Orten gleichzeitig. Niemandem, der die empirischen Forschungen, die diesen Begriffen zu Grunde liegen, nicht selber durchgeführt hat, werden sie je anschaulich werden.

So ist es heute schon. Davor, dass das Bestimmen ins Unendliche fort geht, kann einem nur schwindelig werden. Übereinstimmung wird faktisch gar nicht mehr möglich sein. Es heißt bereits, an deer vordersten Front gälte unter Forschern und Theoretikern, sobald das engste Hyperdetail verlassen wird, eine neue Doxa an Stelle von Wissenschaft - die darauf beruht, dass man seinem Nahbarn eben glauben muss, weil man seine Versuche in der Wirklichkeit nicht wiederholen kann. 

Das Denken wurde zu bestimmt. Wenn einer den Stein des Weisen doch einmal entdecken sollte, wird es nichts nützen, weil er es niemanden mehr wird mitteilen können.

*

Oder, wenn schon nicht mehr in Begriffen, doch wieder in Bildern?

Vor Jahr und Tag war viel vom Iconic turn in der Wissenschaft die Rede. Damit war mehr gemeint als bei der oben besprochenen Tagung des Einstein-Forums. Es ging um die Frage, ob die unvermeidliche sprach- liche Form der Mitteilung ihrer Ergebnisse nicht zu einer Fessel für das Denken der Wissenschaft geworden ist.

Das war alles noch zu spekulativ und ist im Sande verlaufen. Allenfalls am Beispiel der damals in größerem Umfang zur Anwendung kommenden Hologramme fand man einen Anhaltspunkt. Aber die dienten auch nur wieder zur Illustration der begrifflichen Vorträge, selber zum Denkzeug taugen sie nicht.


Ein viel weiterer Ausblick öffnet sich freilich auf der gegenüberliegenden Seite der vorstellenden Tätigkeit, da, wo das Ästhetische, wie es sich gehört, 'um seiner selbst willen' wahrgenommen wird: in der Kunst.

'Musik sei nicht zu unbestimmt, um in Worte gefasst zu werden, hat Felix Mendelssohn gesagt, sondern zu bestimmt.

Heute würden wir sagen: Das Musikstück – und jedes Kunststück – ist überbestimmt. So sehr bestimmt, dass es durch allgemein-geltende Zeichen eben nicht sicher erfasst und vollkommen re-präsentiert werden kann. Das Kunststück ist singulär. De singularibus non est scientia – Von einem Einzigen gibt es kein Wissen, sagten die Scholastiker. Das, was ganz allein auf der Welt so ist, wie es ist, das kann durch kein Anderes – Bekanntes – auf der Welt beschrieben werden. Es ist ledig-lich qualeschon quid wäre zu viel gesagt, weil das an ein Verhältnis zu Anderem glauben lässt.' 18. 2. 16

Wie kann aber ein Gegenstand ästhetischer Anschauung 'bestimmt' worden sein? Absichten, Zwecke und Interessen fallen als Bestimmungsgrund aus. Welcher käme sonst in Betracht?

Offenbar kein Verhältnis, in das ich die Anschauung selber setzen will, sondern eines, in dem ich sie vorfinde: anschauliche Verhältnisse. Da haben wir Formate, Proportionen, Farben, Linien, Massen, Rhythmus, Hell-Dunkel-Werte, langsam-schnell und laut und leise und so weiter. Sie alle werden zusammengehalten durch ein ordnendes Prinzip: das Figur-Grund-Verhältnis. Es ist die Grundlage der Gestaltwahrnehmung, und die hat - siehe oben - mit Wahrheit und Erkenntnis nichts zu tun. Aber sie ist unsere. Sie ist die Grundlage allen Anschauens. 

Ästhetische Betrachtung ist Anschauung gegebener Verhältnisse. Sie geschieht ohne andere Absicht als eben die: Verhältnisse anzuschauen.


*

Wie ich es also drehe und wende: Ästhetik und Erkenntnis sind zwei paar Schuhe. 

















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Dienstag, 19. Juni 2018

Der Alte würfelt doch.


 

Die Geschichte der Naturwissenschaft datiert von dem Tag, als Galileo zu der Einsicht kam, das „Buch der Natur“ sei in mathematischen Zeichen geschrieben. Anstelle der platonischen Ideen wurden nunmehr die Naturgesetze den Dingen als ihr Wesen 'zu Grunde' gelegt – gefasst in mathematische Formeln. Es war eine nahe liegende Konsequenz, wenn Leibniz vermutete, ‘dass Gott in mathematischen Formeln denkt’. Aber keine notwendige, denn man konnte ja am Ende auch annehmen, Gott sei überflüssig, wenn man an seiner Stelle die Mathematik zur (geistigen) Substanz der (materiellen) Erscheinungen machte.
 
Und so konnte Albert Einstein 1926 in einem Brief an den Quantenphysiker Max Born schreiben: „Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns doch nicht näher. Jedenfalls bin ich überzeugt davon, dass der nicht würfelt.“ Er hat bis an sein Lebensende keinen Frieden mit der Quantenphysik und ihren Unschärfen machen können, und der Satz Gott würfelt nicht ist bis heute Schlusspunkt so mancher grundlagenphysikalischen Diskussion geblieben.
 
Nein, nicht bis heute – nur bis vorgestern.
 
Am [17. 5. 2010] berichtet die New York Times über einen sensationellen Fund am Fermi National Accelerator Laboratory, der endlich das größte Mysterium der Kosmologie erhellen könnte: „Warum ist das Universum aus Materie zusammengesetzt und nicht aus ihrem bösen Zwilling, der Antimaterie?“
 
Denn „in einem mathematisch perfekten Universum wären wir noch weniger als tot; wir hätten überhaupt nie existiert“. Nach Einsteins Relativität ebenso wie nach der Quantenmechanik müssten aus dem Urknall je gleich große Mengen von Materie und Antimaterie* hervorgegangen sein, die einander unmittelbar darauf in einer Flamme tödlicher Energie vernichtet hätten, und übriggeblieben wäre ein ausgeblasenes Ei.
 
Und trotzdem gibt es uns.
 
Das Fermi Laboratorium betreibt den Tevatron, bis unlängst der weltgrößte Teilchenbeschleuniger. Seine jüngsten Versuche zeigen, wie aus Feuerbällen ein ganz klein wenig mehr Teilchenpaare von sogenannten Myonen (eine Art fette Elektronen) hervorgehen, als Paare von Anti-Myonen. So bestanden die Mikrouniversen im Beschleuniger aus zu etwa einem Prozent mehr Materie als Antimaterie.

 
Der neu entdeckte Effekt verdankt sich einer Sorte von besonders eigenartigen Teilchen namens neutrale B-Mesonen, die dafür berüchtigt sind, dass sie sich nicht so recht entscheiden können. Sie oszillieren pro Sekunde trillionenmal zwischen ihrem regulären und ihrem Antimaterie-Zustand. Und die Mesonen, die durch den Aufeinanderprall von Protonen und Antiprotonen im Beschleuniger entstehen, gehen nun ein ganz kleines bisschen schneller aus ihrem Antimaterie-Status in den Materiestatus über, als umgekehrt. Und so kommt es schließlich zu dem etwa einprozentigen Überschuss von Materie, wenn die Mesonen zu Myonen zerfallen.
 
Über das vergangene Wochenende ging die Neuigkeit um die Welt, und nun wartet die Wissenschaft auf eine Überprüfung im Genfer HDC. Der soll nun herausfinden, wie die B-Mesonen zu ihrem Verhalten kommen: beim Sich-nicht-entscheiden-können ein ganz, ganz kleines bisschen schneller in die andre Richtung kippen. Es sieht doch mehr nach einer Unschärfe aus als nach einem mathematischen Gesetz.
 
„Ich will nicht sagen, wir hätten das Antlitz Gottes gesehen“, sagt ein Mitarbeiter des Fermi-Labors; „aber vielleicht seinen kleinen Zeh.“
 
Es sind nicht die Gedanken Gottes, aus denen die Welt entstanden ist; es war ein Kribbeln in seinem Zeh. Na schön, räumen wir’s ein: Gewürfelt hat er nicht. Er hat sich gekratzt.


*) Matter and antimatter
Matter is made up of protons, which carry a postive electric charge, electrons with a negative charge and neutrons with no charge. Antimatter is made up of antiprotons (protons with a negative charge), positrons (an electron with a positive charge) and antineutrons


Mai 18, 2010 











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Montag, 18. Juni 2018

Der Begriff ist ein Schema.


Der Begriff einer Sache ist ein Schema all dessen, wozu man sie brauchen zu können meint. 
So ist er entstanden, so hat er Bestand. Doch mal fasst er zu wenig und mal zuviel.

8. 12. 16. 








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Sonntag, 17. Juni 2018

Schema und Hermeneutik.



Die Wissenschaftslehre ist das Schema – modern: theoretische Modell – eines tatsächlichen Denkens, sofern es als vernünftig gelten soll. Aber das ist erst die halbe Miete; bleibt immer übrig das hermeneutische Problem, ein tat- sächliches Denken so zu deuten, dass es dem Modell entspricht; oder eben nicht.

Mit andern Worten,  die Wissenschaftslehre ist nach ihrem Abschluss so kritisch wie an ihrem Anfang.


8. 1. 16








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Samstag, 16. Juni 2018

Ein theoretisches Modell.

Leonardo
Das theoretische Modell ist dazu da, in einer Sache ihren Sinn freizulegen. Wenn man sieht, wie sie funktioniert und welche Resultate sie erbringt, wenn man Kontingenz ausscheidet und sie auf sich selbst reduziert, so mag man darin einen Zweck erkennen, der sich mit den Zwecken vergleichen lässt, die man selber verfolgt: Danach wird man die Sache bewerten.

Wenn dies nicht die Absicht ist, wenn man nicht bewerten und verwerten will, und sei es zu Erkenntniszwek- ken, kann man kein Modell entwerfen.

Merke: Ohne eine solche Absicht lässt sich eine Sache gar nicht als 'sie selbst' bestimmen; nicht unterscheiden, was dazu gehört und was kontingent ist.


26. 10. 16 










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Freitag, 15. Juni 2018

Das Schema ist ein praktisches Ding.

 

Im Schema wird von allem abgesehen, was nicht zum Wesen der Sache gehört. 
Was ist das Wesen der Sache? 
Dasjenige an ihr, worauf ich es jeweils abgesehen habe. 

Im Schema fallen Abstraktion und Reflexion zusammen. 
Denn merke: Das Schema ist ein praktisches Ding (und so das Wesen der Sache). 


Nachtrag, 31. 1. 17

Das muss man sich klarmachen: Eine Schere zum Beispiel ist, für sich betrachtet, auch nur ein Schema; das Schema einer Handlung: des Schneidens. Zu einer wirklichen Schere wird sie erst, wenn einer mit ihr schneidet. Wenn er sie aber als Briefbeschwerer verwendet, ist sie ein Briefbeschwerer.

10. 12. 16


Nachtrag, 15. 6. 18

Das Schema ist die Absicht als Plan. Sie alle sind durch Freiheit möglich.








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Donnerstag, 14. Juni 2018

Theorie und Praxis.


Ein Schema ist ein Funktionsmodell. 
Wozu etwas funtionieren soll ist, worauf es ankommt. 
Ob oder ob nicht ist ein technisches Detail. 

11. 12. 16


Praktisch ist, was durch Freiheit möglich ist. Wozu etwas taugen soll, ist eine Zweckbestimmung. Sie war durch Freiheit möglich. Das Schema geht davon aus. Der Zweck liegt ihm zu Grunde. Das Schema ist ein praktisches Ding.

Was technisch erforderlich ist, um den Zweck im widerständigen Material durchzusetzen, ist notwendig und nicht durch Freiheit möglich; das mag man theoretisch nennen.









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Mittwoch, 13. Juni 2018

Glauben oder wissen.

onlylyon
 
Die Neue Zürcher brachte zum Hl. Nikolaus [2014] ein salbungsvoll gravitätisches Stück zu dem längst erschöpft geglaubten Thema Wissen und Glauben, und es kam, Sie werden's kaum für möglich halten, zu dem überraschenden Schluss, dass beide einander nicht nur nicht ausschlössen, sondern "einander fordern"!

Ich habe das andernorts dokumentiert, aber nicht ohne Kommentar: 


...Ob es eine rationale Theologie geben kann, ist eine - na, sagen wir mal: nicht so vordringliche Frage. Ihr mag man sich zuwenden, wenn man die durchaus vordringliche Frage beantwortet hat, ob es eine rationale Philoso- phie geben kann. Die Frage ist freilich soweit geklärt, als es eine solche ja gibt; ich meine eine, die nicht auf dem (einen oder andern) Glauben beruht, sondern vom Wissen ausgehend im Wissen verbleibt. Das ist die Kriti- sche alias Transzendentalphilosophie. Sie handelt nicht von Gott und der Welt - dazu müsste sie nämlich aller- hand glauben -, sondern von unseren Vorstellungen von Gott und der Welt, denn die allein sind uns bekannt.

Diese Unterscheidung - zwischen den Dingen selbst und dem, was wir uns darunter vorstellen - ist für die exakten Wissenschaften (in denen zum Beispiel der erwähnte Urknall vorkommt) ohne Belang: Sofern und solange sie diese ihre Vorstellung mit ihren andern Vorstellungen (immer wieder aufs Neue) in Einklang bringen kann, hat sie ihr Geschäft besorgt. 

Wieweit die Gesamtheit ihrer Vorstellungen mit der Gesamtheit der vorgefundenen - na, nennen wir's ru- hig: Welt übereinstimmt, ist keine Frage des theoretischen Glaubens, sondern der pragmatischen, denkprakti- schen Bewährung. Solange die neugewonnenen Vorstellungen sich ins vorhandene Gebäude (alias "Standard- modell") einfügen lassen, ohne dass dadurch immer neue unprüfbare Zusatzannahmen notwendig würden, tut es seine Dienste und darf weiterhin als "einstweilen endgültig" angenommen werden. Bis eines Tages ein Mo- dell in Vorschlag gebracht wird, das alles Bekannte und vieles Neue einfacher darstellen kann. Auch an dieses muss dann niemand glauben, es wird reichen, wenn es sich denkpraktisch bewährt.

Mit der rationalen Philosophie ist es was Anderes. Die Prätention, die Vorstellungsgebäude der exakten Wissen- schaften einem Wahrheitsurteil zu unterziehen, hat sie mit Kants kritischer Wendung abgelegt. Für die realen Wissenschaften ist sie eine kritische Instanz, die lediglich, aber immerhin über die immanente Konsistenz der theoretischen Modelle mitzureden hat, und nicht über ihre metaphysische Endgültigkeit. Doch auch gegenüber den Sinnsuchern und Sinnerfindern ist sie kritische Instanz. Sie ist nicht Fleisch von ihrem Fleisch, sie reden nicht von Gleich zu Gleich; "auf Augenhöhe", wie der Flachmann sagt. Ihnen allen sagt sie, ohne Ausnahme: Tut nicht so, als hättet ihr für eure Sinnbehauptungen belastbare Gründe. Ihr habt Motive, und die hat jeder. Dass eure Motive besser sind als die der andern, muss sich zeigen. Wenn ihr sie stattdessen unter vorgeschützten Gründen versteckt, von denen man nichts wissen und die man nur glauben kann, werden sie es nötig haben. Wir jedenfalls können vor euch nur warnen.

*

Ich bin Atheist von Hause aus und in einer sprichwörtlich gottlosen Stadt großgeworden, ich habe keine Rechnungen zu begleichen, ich bin kein Antiklerikaler, und als studiertem Historiker ist mir die Bedeutung des Christentums für Entstehung und Gegenwart des Abendlands ganz und gar bewusst. Ich bin auch der Mei- nung, dass die Kirchen den Platz, den sie in unserer Kultur einnehmen, gefälligst auszufüllen haben. 

Ganz entschieden bin ich aber auch der Meinung, dass der am besten dafür geeignete Ort die Kirchen sind. Wenn ihnen die inzwischen zu leer sind, müssen sie sich was einfallen lassen, um sie wieder zu füllen (und das wird ihnen, da war ich mit Benedikt einer Meinung, nicht gelingen, wenn sie Hinz und Kunz nach dem Munde re- den). Was ich dagegen überhaupt nicht dulden mag, ist die ersatzweise Verpfaffung des öffentlichen Lebens in Deutschland, an der wohlbemerkt die Lutherischen viel kräftiger drehen als die Ultramontanen.
 

Lassen wir die Kirche im Dorf und die Pfaffen in den Kirchen.


6. 12. 14