Samstag, 19. Januar 2019

Zuschreiben heißt geltendmachen.


Einer Sache etwas zuschreiben heißt, sie als dieses geltend machen. 

Dass wir ein Ding nur wahrnehmen können, wenn wir ihm eine Geltung zuschreiben, liegt daran, dass es, so wahr es Ding ist, allem, was ich immer mit ihm anfangen mag, einen Widerstand entgegensetzen wird: mal diesen, mal jenen. Ich kann aber nur dieses oder jenes mit ihm anfangen, und so wird er mir diesen oder jenen Widerstand entgegensetzen. Und nur dieses oder jenes kann ich ihm zuschreiben.

Ich werde allerlei mit ihm anfangen und ihm daher allerlei zuschreiben können. Das mag ich nachträglich ver- allgemeinern und zu Tätigkeit-überhaupt und Ding-überhaupt abstrahieren. Die Falle ist die: An sich wäre ein Ding nicht, wenn ich ihm alle erdenklichen Geltungen zugeschrieben habe, sondern nur dann, wenn ich ihm keine zuschreiben kann. Doch dann kann ich ein Ding an ihm nicht wahrnehmen.

Etwas sein heißt Gegenstand einer Handlung sein; zumindest einer.

Sein heißt etwas sein; zumindest dies eine.




Freitag, 18. Januar 2019

Spekulativer Realismus - eine neue Schule?

                                                            mein Kommentar zu Spekulativer Realismus.

Das Kernpoblem ist bis heute, dass an den Universitäten die Transzendentalphilosophie allenfalls in ihrer be- schränkten Kantschen Halbheit bekannt ist - zuzüglich mancher epigonaler Subtilisierungen, denen unverse- hens immer wieder dogmatische Rückfälle unterlaufen.

Es ist wahr, dass Fichte seinen Plan, die Kritische Philosophie radikal zu Ende zu führen, auf den letzten Metern doch noch aufgegben hat, so dass er heute selbst von Kennern in die Nachbarschaft Hegels gerückt wird wie auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Doch da liegen sie schon bald zweihundert Jahre beiein- ander, die akademische Zunft hatte genug Zeit, die Mystifikation aufzulösen.

Die Transzendentalphilosophie bestreitet die Existenz der wirklichen Welt so wenig, wie sie sie behauptet. Das ist gar nicht ihr Thema, denn davon kann sie nichts wissen. Ihr Thema ist allerdings, warum es vernünftig ist - weshalb der Vernünftige gut daran tut -, in der realen (nicht der transzendentalen!) Erkenntnis ihre Existenz vorauszusetzen. Dass die "kontinentalen" Philosophierer wenig Notiz von den Resultaten der allerjüngsten Naturwissenschaften nehmen, mag wohl sein. Doch für die Philosophie haben deren Ergebnisse so wenig Relevanz, wie philosophisches Räsonnement für die Naturwissenschaften - es sei denn, im negativen, regu- lativen Gebrauch.

Unterm Titel Die Wissenschaftslehre ist materialistisch und sensualistisch habe ich vor Jahren geschrieben: "Die Wissenschaftslehre verträgt sich nur mit einer Realwissenschaft, die streng materialistisch ist, das bedeutet aber nichts weiter als: die nichts anderes gelten lässt, als was sich in Raum und Zeit beobachten lässt. Doch weder sind die Realwissenschaften Metaphysik, noch ist es die Wissenschaftslehre."

Jedes Unternehmen, das geeignet ist, die selbstfällige Borniertheit der sogenannten Systematiker aus der sprachanalytischen Ecke in Verlegenheit zu bringen, kann man nur begrüßen. In positiver Hinsicht wird diese neue Richtung aber wohl mehr zu den reellen Wissenschaften beitragen können, als zur Philosophie. Zum Beispiel, wenn sie den Zufall rehabilitiert und die Naturgesetze als ein spiritualistische Überbleibsel entlarvt...

Donnerstag, 17. Januar 2019

Vernunftwesen und Übermensch.

Hercules Farnese

Ein »Ding an sich« ebenso verkehrt wie ein »Sinn an sich«, eine »Bedeutung an sich«. Es gibt keinen »Tatbe- stand an sich«, sondern ein Sinn muß immer erst hineingelegt werden, damit es einen Tatbestand geben kann. 

Das »was ist das?« ist eine Sinn-Setzung von etwas anderem aus gesehen. Die »Essenz«, die »Wesenheit« ist etwas Perspektivisches und setzt eine Vielheit schon voraus. Zugrunde liegt immer »was ist das für mich?« (für uns, für alles, was lebt usw.).

Ein Ding wäre bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen ihr »was ist das?« gefragt und beantwortet hätten. Ge- setzt, ein einziges Wesen mit seinen eignen Relationen und Perspektiven zu allen Dingen fehlte, so ist das Ding immer noch nicht »definiert«.

Kurz: das Wesen eines Dings ist auch nur eine Meinung über das »Ding«. Oder vielmehr: das »es gilt« ist das eigentliche »es ist«, das einzige »das ist«.

Man darf nicht fragen: »wer interpretiert denn?« sondern das Interpretieren selbst, als eine Form des Willens zur Macht, hat Dasein (aber nicht als ein »Sein«, sondern als ein Prozeß, ein Werden) als ein Affekt.

Die Entstehung der »Dinge« ist ganz und gar das Werk der Vorstellenden, Denkenden, Wollenden, Empfinden- den. Der Begriff »Ding« selbst ebenso als alle Eigenschaften. – Selbst »das Subjekt« ist ein solches Geschaffe- nes, ein »Ding« wie alle andern: eine Vereinfachung, um die Kraft, welche setzt, erfindet, denkt, als solche zu be- zeichnen, im Unterschiede von allem einzelnen Setzen, Erfinden, Denken selbst. Also das Vermögen im Unter- schiede von allem Einzelnen bezeichnet: im Grunde das Tun in Hinsicht auf alles noch zu erwartende Tun (Tun und die Wahrscheinlichkeit ähnlichen Tuns) zusammengefaßt.
[556] 
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Nietzsche, Aus dem Nachlass  (XII)


Nota. - Und wieder schleicht er um den Eingang zur Transzendentalphilosophie herum. Aber mehr auch nicht. Wenn "alle" ihre - zufälligen? - Meinungen über das Wesen des Dings zu Protokoll gegeben hätten - dann wäre es "definiert"? Nicht ein einziger dürfte fehlen, schiebt er als Einschränkung nach, aber dadurch wird es nicht besser. Denn "alle" ist genauso zufällig wie "alle minus einem".

Nämlich wenn es um empirische Subjekte geht. Doch was die meinen, ist ohnehin zufällig, wie viele sie auch wären. Geltend - 'geltend an sich' - könnte ihre Meinung nur sein, wenn sie selber als nicht zufällig gedacht würden, sondern in irgendeiner Weise als notwendig. Was ist aber das einzig überindividuell und gewissermaßen notwen- dig Geltende an Nietzsches empirischen Subjekten? Ihre Teilhabe am Willen zur Macht. Die geschieht aber im- mer nur als ein Willen zu seiner eignen Macht. Es ist sein Wille zur Übermacht - über die andern. Es ist etwas, was sie trennt, sogar feindlich gegeneinander werden lässt. Welche Art von Notwendigkeit könnte daraus ent- stehen?

Angenommen, zum Schluss bleibt ein einziger Übermensch übrig. Dann aber nicht aus Notwendigkeit, son- dern durch Kampf - Sieg und Niederlage. 'Nicht bloß Zufall, sondern natürliche Auslese', sagt der Darwinist. Da hätte er aber gleich sagen können: Der Stärkere hat Recht. Nietzsche, dafür wären Ihre Abstecher zur kri- tischen (transzendentalen) Philososophie nicht notwendig, sondern ganz überflüssig gewesen.

Notwendig ist an den empirischen Subjekten derjenige Anteil, der sie zu Vernunftwesen macht. Nicht, weil sie vernünftig sein sollen (wer könnte das bestimmt haben?), sondern weil der Mensch der Gegenwart das faktisch von sich voraussetzt: indem er mit Andern verkehrt wie mit seinesgleichen - nämlich solchen, die miteinander vernünftige Zwecke auf venünftige Weise ermitteln und teilen. Vernünftig sind sie nicht überhaupt, sondern ledig- lich in dem Maße, wie sie so verfahren: Das ist das Kriterium. Es ist eine historische Gegebenheit. In logischer Hin- sicht ist sie daher zufällig. Aber für die historischen Subjekte unserer Tage ist sie gegeben. Für ihre Selbstbewusst- heit ist es notwendig.

Je mehr vernünftige Zwecke sie auf diese Weise gemeinsam bestimmen, umso weiter reicht das Reich der Ver- nunft und reicht die Geltung ihrer Bestimmungen.* Sie werden auf diese Weise nie zu einem Schluss kommen? Nein. Wozu auch? Dann bliebe der Vernünftigkeit ja nichts mehr zu tun.

*) Dass es ständig Streit darüber gibt, was vernünftig ist, versteht sich. Aber nicht anders geschieht das Ermit- teln.
JE

Mittwoch, 16. Januar 2019

Am Gelten sind Form und Qualität ununterscheidbar.

 
Die Vorstellung von einem Denkzwang, gar von Denkgesetzen ist die ärgste Kopfnuss der Transzendentalphi- losophie: Also doch etwas, das elementarer wäre als die freie Tätigkeit des Ich?  

Ein jedes Objekt hat eine Form: dass es ist; und es hat eine Qualität: was es ist. Das Objekt ist, wie es ist. Dass es ist macht aus den Widerstand, den es meiner möglichen Tätigkeit entgegensetzt. Welchen Widerstand es leistet, hängt von der Art meiner Tätigkeit ab; auf Seiten des Objekts ist nur dass. Das Dass ist ein Abstraktum, es betrifft Jedes, das Was ist konkret, es betrifft nur Eines.

 
Die Gegebenheitsweise des Dinges ist Sein: dass es einer Tätigkeit widersteht. Die Gegebenheitsweise seiner Bedeutung (seiner Qualität) ist Gelten: Es gilt als... was? Das Was ist gesetzt durch die konkrete Tätigkeit, der es widersteht: dass es dieser Tätigkeit widersteht. Ich tue nie überhaupt, sondern tue immer dieses. Und dieses ist bestimmt durch den Zweck, den ich verfolge. Der macht das quale aus, und das liegt ganz bei mir. Quale ist das, als was das Ding gilt - mir bei dieser Tätigkeit.


Es ist daher nicht zu unterscheiden zwischen gelten-überhaupt und gelten-als-dieses. Wirklich ist Gelten nur konkret. Gelten-überhaupt ist ein Abstraktionsprodukt des reflektierenden Verstandes, das den wirklichen Vor- stellungen als bloße Hülle nachträglich übergestreift wird. Es ist nicht selber Denken, sondern Denken des Den- kens. (Von realer und idealer Tätigkeit spricht Fichte.)

Denken ist das Zuschreiben von Geltungen. Wo Sein gedacht wird, gilt es als Sein. Es kann die Form nicht mit der Qualität in Widerspruch geraten, weil sie nicht unterschieden sind.

Wenn b aus a folgt und c folgt aus b, dann folgt c aus a. Man kann nicht anders denken. Es ist so, es lässt sich daran nichts erklären. Aber es lässt sich explizitieren. Der Denkzwang geschieht durch die Vorstellung des Fol- gens. Wenn ich sie so gebrauche - wenn sie so gilt -, muss ich sie beim nächstenmal ebenso gebrauchen, oder es gälte eine andere. Sie ist keine formale Bestimmung. Sie ist das Bild einer bestimmten Handlung: vom Tun eines Machers. Sie liegt der Vorstellung von logischer Notwendigkeit ebenso zugrunde wie der Vorstellung von Ursa- che und Wirkung, und die metaphysische Gleichsetzung der beiden hatte einen genetischen Grund.



Corollaria

Sein kann ich substantivieren, weil es tot ist. Es ist Objektität (unbestimmtes Dass) - unter der Bedingung einer Subjektität: der bestimmenden Tätigkeit eines Andern. In dem ist die Tätigkeit substantiviert. Das Wirkliche ist die Tätigkeit in ihrem zeitlichen Verlauf; die Substantiva sind Zutaten der Reflexion. 

Zu einer Geltung kommt, worin sich der Zweck einer Tätigkeit vergegenständlicht. Zweck der Tätigkeit und Geltung des Gegenstands sind dasselbe; nämlich entgegengesetzte Substantivierungen eines Tuns - eigentlich müsste ich schreiben: eines tuns -, das in seinem Verlauf eines ist; außerhalb der Zeit als Begriff sistiert, was wirk- lich nur in der Zeit geschieht. 

Das Qualifizierende ist die Tätigkeit, indem sie diesem - und nicht irgendeinen - Zweck gilt. Indem ich dem Gegenstand die Form meines Zwecks ein-bilde, bestimme ich ihn zu Diesem. Es gilt heißt daher: Ich bestimme. 


Welche tiefe semantische Fallgrube des Hilfsverb sein ist, wenn es zu dem Nomen das Sein substantiviert wird, hat sich herumgesprochen. Eine noch tiefere Fallgrube ist aber das Verbum tun, das, sobald es im Satz objekti- viert werden soll, unweigerlich die nominale Form das Tun und die Tätigkeit annimmt, die glauben macht, es kön- ne ein Tun geben, ohne dass ich tue. Ich will sagen: mein tun. Doch schreiben muss ich: mein Tun. Ich denke es sogar, obwohl ich es nicht meine.

Das Quale des Tuns ist der Zweck, dem es gilt; und daher das meines Gegenstands. 

 
Das muss alles erst noch durchgären, aber ich glaube, ich bin dem Denkzwang dicht auf den Fersen. Die Mysti- fikation geschieht durch die Vorliebe der Sprache für die Nominis, oder richtiger: ihre Aversion gegen tun.  
In den ersten Klassen sagten wir noch Tuwort. Später hieß es Tätigkeitswort. 


 


Fragen Sie bitte nicht nach dem Bezug des obigen Fotos zum Text. Es gibt keinen.
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE   

Dienstag, 15. Januar 2019

Apologie des Begriffs.

 
Der Begriff ist Mittel und Erzeugnis der Reflexion. Die Vorstellung mag ich anschauen, so viel ich will - mit oder ohne Gefallen. Wenn ich sie für einen Zweck brauchen will, muss ich sie bestimmen: auf den Zweck beziehen. Das Beziehen auf einen Zweck stellt die Vorstellung fest: Es macht ihre Bestimmung aus. 

Ohne Reflexion ist das Vorstellen bloßes Phantasieren. Es mag ohne Interesse gefallen, aber setzen kann es nichts. Ohne Begriff bleibt das Denken unproduktiv.










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Montag, 14. Januar 2019

Begriff und Vorstellung.


Am Begriff kannst du so lange herumdefinieren, bis er dir in den Kram passt. Man kann ihn dir bestreiten und kann auf ihm rumreiten, man kann hinzutun und wegnehmen, so lange, bis alle Grenzen fließend sind. Wer sich mal darauf eingelassen hat, darf nichr mehr aufhören.

Mit dem Vorstellen ist es anders. Die eine baut auf der vorigen auf, anders geht es nicht. Um dir einen Wasser- fall vorzustellen, musst du dir Wasser vorstellen, davon kann man nichts abstreichen. Wenn dir aber einer sagt, Wasser kann ich mir vorstellen, aber keinen Wasserfall - dann magst du auf ihn einreden, doch überführen kannst du ihn nicht.

Daraus erhellt, dass in gewissem Sinn die Vorstellung zwar realer ist als der Begriff; aber erhellt zugleich, war- um sie zum Beweisen nicht taugt. Zum Vorstellen muss man verführen.










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Sonntag, 13. Januar 2019

Was heißt urteilen?

A. Zick

Urteilen heißt, eine Erscheinung einer Bedeutung zuordnen: 'X gilt als A'.

Fichte hat fälschlich urteilen von einer Ur-Teilung abgeleitet. Was etymologisch ein Irrtum war, ist semantisch eine Endeckung. Denn was immer wir wahrnehmen, ist uns ursprünglich als Einheit eines Gegenstands mit seiner Be- deutung gegeben. "Der Begriff verschwindet im Objekte und fällt mit ihm zusammen." (Fichte) Erst die Refle- xion setzt sie auseinander; Ur-Teilung. 

Sie erinnern sich:  Bei Kant heißt Urteilen das Zuordnen eines Besonderen zu einem Allgemeinen. Das Beson- dere ist in Raum und Zeit. Ein Allgemeines ist außer Raum und Zeit, nicht von dieser Welt, Noumenon. Das Be- sondere ist das-Ding-selbst, das Allgemeine ist, was es bedeutet. (Ein Ding-an-sich wäre außer Raum und Zeit.)






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