Dienstag, 20. Februar 2018

"Geist = Absicht"...



...heißt es bei Fr. Schlegel, und wo er keine solche findet, da sucht er nach dem, was fehlt.

Absicht ist die Meinung, das Etwas (etwas) besser sei als nichts (nicht-Etwas), ein Bestimmtes besser sei als ein Unbestimmtes.

Der Witz ist, dass die Menschen den Geist jetzt einmal haben; und wo er nichts findet, worauf er sich verwen- den kann, da denkt er sich etwas.

Geist ist das Vermögen, die Bedeutungs-Lücke aufzufüllen, nachdem er aus der Umwelt, wo alles seine Bedeutung hatte, in die Welt aufgebrochen ist, wo alles, was ihm begegnet, eine Bedeutung erst noch braucht. 

aus e. Notizbuch, 26. 10. 2000









Montag, 19. Februar 2018

Der Horizont schafft die Welt.



Eine Welt entsteht, indem dem erfahrenen chaotisch-Mannigfaltigen ein Horizont hinzugedacht wird. 

Eine Umwelt wird in ihrer Gänze erfahren; und es wird nichts anderes erfahren als sie.

Auch die Menschen leben in Umwelten, die sie aber nicht ererbt, sondern selber geschaffen haben. Sie sind das, was wir unsere Kulturen nennen. Die aber liegen in der Welt.

Umwelten werden erfahren, die Welt wird gedacht.

Eine Grenze wird als solche nie wahrgenommen. Von den Tieren nicht, weil sie in ihrer Umwelt keiner begeg- nen. Von den Menschen nicht, weil sie in ihrer offenen Welt immer nur je einzelne Schranken antreffen, die dadurch ausgezeichnet sind, dass es sie zu überschreiten gilt.

aus e. Notizbuch, im März 2010





Sonntag, 18. Februar 2018

Neugewonnene Gewissheit.

 
Lothar Sauer

Die Annahme eines absoluten Rechtsgrunds allen Geltens ist das Erbe unserer 'natürlichen' Vorgeschichte. Mit dem Fortfall der 'Umwelt' verlor diese Annahme ihre praktische Verbindung mit den wirklichen Lebensbedin-gungen. Es entstand der Hiatus: das fragen-Müssen.

Das Absolute als Idee ist ein Reflexionsprodukt. Es kommt zustande, 'weil anders gar nichts gelten könnte'. Es ist eine Konstruktion a tergo. Oder, mit Fichte zu reden, eine proiectio per hiatum irrationlem. (Er hat den Jacobi besser verstanden als der sich selbst. Dafür hat der ihn besser verstanden als er sich selbst.)

aus e. Notizbuch, Mai 2007



Das Absolute ist die Wiederherstellung der Selbstverständlichkeit, die uns mit dem Verlassen unserer Urwald- nische verloren gegangen ist, mit andern Mitteln. Während die Gründe der Selbstverständlichkeit dem Tier als seine Umwelt gewissermaßen im Rücken liegen, haben wir die Bürgschaft allen Geltens erst noch vor Augen, und in ganz weiter Ferne

22. 11. 14

Samstag, 17. Februar 2018

Rück-Versicherung.



Das Absolute, das Unbedingte, das Vollkommene - ist das, was so ist, wie es sein soll.

Für das naive Bewusstsein ist alles "so, wie es sein soll".

Das ursprüngliche Bewusstsein der Menschen - nämlich als sie überhaupt zu Bewusstsein kamen - ist nicht naiv. Denn es ist geprägt von der Fraglichkeit von allem, was begegnet. Die Frage 'ist es so, wie es sein soll', geht auf in der Frage, was es ist. Weil die Selbstverständlichkeit der Urwaldnische verloren ging. 

Die Idee vom Vollkommenen, Unbedingten, Absoluten, das "so ist, wie es sein soll", ist der Wunsch, die Selbstverständlichkeit der Urwaldnische wiederzufinden.

aus e. Notizbuch, 30. 8. 10


Ja, das ist nichts anderes als im [gestrigen Eintrag]. Manch neuer Einfall ist so elementar, dass man ihn ein paarmal haben muss, bis er sitzt.


Freitag, 16. Februar 2018

Qualitäten sind singulär.


Ilya Serayev 2013

Ästhetische Eigenheiten sind qualitativ, nicht relationell. Darum lassen sie sich nur anschaulich wiedergeben, aber nicht begreifen.

Der bestimmte Gegensatz zur Qualität ist nicht die Quantität, sondern die Relation.* Relationen – das ja – lassen sich messen; Begriff ist Relation. Qualität nicht. Sie ist an sich. Man kann sie nachzubilden versuchen. Wenn es ge- lingt, nennt man es Kunst.

*) Quantität ist selber eine Relation - und zwar die gewöhnlichste.  

Juni 21, 2010 
 
Nachtrag. Gemeint ist natürlich: Qualitäten lassen sich nur in ästhetischen Modi darstellen; nicht aber diskursiv. 





Donnerstag, 15. Februar 2018

Keine Antwort ist auch eine Antwort.



Natürlich ist die Welt eine Rätselveranstaltung. Nur weil die Welt ein Rätsel ist, gibt es Philosophie. Und natürlich machen wir unsere Rätsel selbst. Denn nur "für uns" gibt es eine Welt. (Das Tier lebt in seiner Um- welt und wundert sich nicht.) Nur weil wir an die Welt Fragen stellen, gibt sie Antworten und ausbleibende Antworten, alias Rätsel.

aus e. Notizbuch, Sommer 2008



















Nota.Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Mittwoch, 14. Februar 2018

Das Ding-an-sich stammt aus einer übersinnlichen Anschauung.



Es sind die Absichten der Menschen, an denen die Eigenschaften der Dinge aufscheinen.

*

Dieser Eintrag ist ein Witz. Wenn ich mir von der Erscheinung alles wegdenke, was in irgendeinem Verhältnis zu meinen Absichten stehen könnte, dann bleibt übrig... die Erscheinung. Also immerhin alles, was - "absichts- los" - mein Sehen, Hören, Riechen, Fühlen, Schmecken affizieren könnte. Es  bleibt immer zurück - die ästhe- tische 'Seite'


Wenn ich von der auch noch abtsrahiere, abstrahiere ich von der Erscheinung selbst. Übrig bleibt nicht ein Ding-an-sich, das dadurch 'bestimmt' wäre, dass es "keiner Erfahrung zugänglich ist"; sondern: kein Ding. 

Und tatsächlich beruht die Annahme, dass das Ding 'da ist', bevor und ohne dass ich eine Absicht auf es richtete, auf bloßer "Betrachtung"; gr. theôria, seit Plotin als Gegensatz zur prâxis aufgefasst.*

aus e. Notizbuch, im Herbst  08


*) Eine übersinnliche Anschauung, wenn ich mir diesen Ausdruck erlauben darf. In dem Maße, wie sich die Bedeu- tung von 'Praxis' im Laufe der bürgerlichen Jahrhunderte hin zur Technik verschoben hat, wurde auf der andern Seite 'Theorie' immer mehr mit Absicht aufgeladen - und mit Kalkül gleichgesetzt.