Donnerstag, 25. Mai 2017

Der Künstlerphilosoph.

Codex Manesse

Der Künstlerphilosoph

Der rohe, diskursive Denker ist der Scholastiker. Der echte Scholastiker ist ein mystischer Subtilist. Aus logischen Atomen baut er sein Weltall – er vernichtet alle lebendige Natur, um ein Gedankenkunststück an ihre Stelle zu setzen. Sein Ziel ist ein unendlicher Automat. Ihm entgegengesetzt ist der rohe, intuitive Dichter. Er ist ein mystischer Makrolog. Er haßt Regel und feste Gestalt. Ein wildes, gewalttätiges Leben herrscht in der Natur – alles ist belebt. Kein Gesetz – Willkür und Wunder überall. Er ist bloß dynamisch.

So regt sich der philosophische Geist zuerst in völlig getrennten Massen.

Auf der zweiten Stufe der Kultur fangen sich an diese Massen zu berühren – mannigfaltig genug; so wie in der Vereinigung unendlicher Extreme überhaupt das Endliche, Beschränkte entsteht, so entstehn nun auch hier Eklektiker ohne Zahl. Die Zeit der Mißverständnisse beginnt. Der Beschränkteste ist auf dieser Stufe der Bedeutendste, der reinste Philosoph der zweiten Stufe. Diese Klasse ist ganz auf die wirkliche, gegenwärtige Welt, im strengsten Sinne, eingeschränkt. Die Philosophen der ersten Klasse sehn mit Verachtung auf diese zweite herab. Sie sagen, sie sei alles nur ein bißchen und mithin nichts. Sie halten ihre Ansichten für Folgen der Schwäche, für Inkonsequentismus. Gegenteils stimmt die zweite Klasse in der Bemitleidung der ersten überein, der sie die absurdeste Schwärmerei, bis zum Wahnwitz, schuld geben.

Wenn von einer Seite Scholastiker und Alchimisten gänzlich gespalten, hingegen die Eklektiker eins zu sein scheinen, so ist doch auf dem Revers alles gerade umgekehrt. Jene sind im wesentlichen indirekte eines Sinns, nämlich über die absolute Unabhängigkeit und unendliche Tendenz der Meditation. Sie gehn beide vom Absoluten aus; dagegen die Bornierten im wesentlichen mit sich selbst uneins und nur im Abgeleiteten übereinstimmend sind. Jene sind unendlich, aber einförmig – diese beschränkt, aber mannigfaltig. Jene haben das Genie, diese das Talent. Jene die Ideen, diese die Handgriffe. Jene sind Köpfe ohne Hände, diese Hände ohne Köpfe.

Die dritte Stufe ersteigt der Künstler, der Werkzeug und Genie zugleich ist. Er findet, daß jene ursprüngliche Trennung der absoluten philosophischen Tätigkeiten eine tieferliegende Trennung seines eigenen Wesens sei, deren Bestehn auf der Möglichkeit ihrer Vermittlung, ihrer Verbindung beruht. Er findet, daß, so heterogen auch diese Tätigkeiten sind, sich doch ein Vermögen in ihm vorfinde, von einer zur andern überzugehn, nach Gefallen seine Polarität zu verändern. Er entdeckt also in ihnen notwendige Glieder seines Geistes; er merkt, daß beide in einem gemeinsamen Prinzip vereinigt sein müssen. Er schließt daraus, daß der Eklektizismus nichts als das Resultat des unvollständigen, mangelhaften Gebrauchs dieses Vermögens sei.

Es wird ihm mehr als wahrscheinlich, daß der Grund dieser Unvollständigkeit die Schwäche der produktiven Imagination sei, die es nicht vermöge, sich im Moment des Übergehns von einem Gliede zum andern schwebend zu erhalten und anzuschauen. Die vollständige Darstellung des durch diese Handlung zum Bewußtsein erhobenen echt geistigen Lebens ist die Philosophie κατ' εξοχην. Hier entsteht jene lebendige Reflexion, die sich bei sorgfältiger Pflege nachher zu einem unendlich gestalteten geistigen Universo von selbst ausdehnt – der Kern und der Keim einer alles befassenden Organisation. Es ist der Anfang einer wahrhaften Selbstdurchdringung des Geistes, die nie endigt.
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Novalis, Fragmente
ed. Kamnitzer, Dresden 1929



Donnerstag, 18. Mai 2017

Ästhetik kommt nicht aus der Natur, sondern aus Freiheit.



Die ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissenschaft und ist der ganzen anderen Philosophie, die man die reelle nennen könnte, entgegengesetzt. ... In materialer Ansicht liegt sie zwischen theoretischer und prakti- scher Philosophie in der Mitte. Sie fällt nicht mit der Ethik zusammen, denn unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden; allein die ästhetische Ansicht ist natürlich und instinktmäßig und dependiert nicht von der Freiheit.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehe nova methodo. Hamburg 1982


Das steht doch noch unterm Einfluss von Baumgartens Aesthetica. Zwar rechnet er das Ästhetische nicht mehr dem "unteren Erkenntnisvermögen", nämlich der bloßen Sinnlichkeit zu. Aber er fasst es als unsere Naturbe- stimmtheit auf und eben nicht als Medium von Selbst.bestimmung: "dependiert nicht von der Freiheit".

Das ist sachlich nicht der Fall. Freiheit in specie ist bei Fichte nur möglich durch Reflexion. Ästhetische Betrach- tung geschieht aber ohne Reflexion. Bestimmter gesagt: durch Absehen von der Reflexion - und das ist eine Re- flexion zweiter Potenz, sie ist erst einem möglich, dem das freie Reflektieren habituell geworden ist - und dem es schon gelingt, es gegen es selbst zu wenden:



Wie das Ästhetische in die Welt gekommen ist.
aus Anthropologie statt Metaphysik

Wissen kommt nicht zustande ohne Absicht. Erst wenn ich an die Dinge meine Absicht* herantrage, bekun- den sie ihre Eigenschaften - nämlich wie sie zu dem, worauf ich es abgesehen habe, 'Stellung nehmen'; alias was sie bedeuten. Von einem Ding "an sich" gibt es schon darum nichts zu wissen, weil es in dem Moment aufhört, "an sich" zu sein, als es meiner Absicht begegnet. Ohne meine Absicht bedeutet es nichts. Doch ihm ohne Ab- sicht begegnen kann ich nicht.
 
Richtiger gesagt: kann ich nicht natürlich, sondern nur künstlich. Kann ich erst durch Reflexion. Nämlich wenn ich absichtlich von den Absichten - allen möglichen Absichten - durch freien Entschluss, nicht natürlich, sondern künstlich, absehe und das Ding betrachte, wie es 'sich zeigen' würde, wenn ich es ohne Absicht betrachten könn- te. Wenn ich also von mir absehen würde. So entsteht kein Wissen von Etwas, sondern lediglich Anschauung von Erscheinung.
 
Wenn ich mich absichtlich in den ästhetischen Zustand versetze: "In dem ästhetischen Zustand  ist der Mensch Null", sagt Schiller. "An sich" sind die Dinge, wie sie ästhetisch (er)scheinen. Sie sind das Kunstprodukt der Re- flexion, die ihrer selbst entsagt. 
 
Mit andern Worten, ästhetisches Erleben ist nicht möglich ohne vorheriges Wissen und nicht ohne Hinterge- danken. Es ist ein modernes Phänomen. Und dass uns die Bilder, die wir in diesem Zustand sehen, hinterher immer so vorkommen, als ob sie 'etwas zu bedeuten' hätten, ist kein Wunder.

 
*) Auf ein Bewusstsein, das erst durch Reflexion entsteht, kommt es hier noch gar nicht an.


4. 9. 2013





Samstag, 13. Mai 2017

Die Sittenlehre ist für jeden individuell.


Emil Wolff 

Um uns selbst zu finden, müssen wir die  Aufgabe denken, uns auf eine gewisse Weise zu beschränken. Diese Aufgabe ist für jedes Individuum eine andere, und dadurch eben wird bestimmt, wer dieses Individuum eigent- lich sei. 

Diese Aufgabe erscheint nicht auf einmal, sondern im Fortgange der Erfahrung analytisch - jedesmal, inwiefern ein Sittengebot an uns ergeht. Aber in dieser Aufforderung liegt zugleiuch, da wir praktische Wesen sind, zu einem praktischen Handeln Aufforderung. Dies ist für jedes Individuum auf besondere Art gültig. Jeder trägt sein Gewissen in sich und ist ein ganz besonderes.

Aber die Weise, wie das Vernunftgesetz allen gebiete, lässt sich nicht in abstracto aufstellen So eine Untersu- chung wird von einem hohen Gesichtspunkte aus angestellt, auf welchem die Individualität verschwindet und bloß auf das Allgemeine gesehn wird. Ich muss handeln, mein Gewissen ist mein Gewissen; insofern ist die Sittenlehre individuell.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 241





Mittwoch, 10. Mai 2017

Wird die Logik im verallgemeinerten Austausch ermittelt?



Einigen unter den Kennern und Liebhabern ist aber aufgefallen: Im reellen Prozess des Warenverkehrs wird als Tauschwert schließlich und endlich eine reelle Größe ermittelt - nämlich der Anteil am gesellschaftlichen Gesamt- arbeitstag, der in der Ware jeweils vergegenständlicht ist. Das ist ein tatsächliches, historisches Verhältnis, das aber außerhalb dieses reellen Vermittlungsprozesses nie und nirgends in Erscheinung tritt.

Gibt es eine ähnliche feste Größe, um die kreisend die Logik sich aus dem geistigen Verkehr der Menschen ausgemittelt hätte? Die also der Logik logisch vorausgeht? Das könnte doch nur das Projekt eines intelligenten Designers sein! Dem läge wiederum gar nichts irgend Zwingendes zu Grunde; es wäre ein reiner Willkürakt ohne alle Logik.

Aber so ist es nicht. Der Tauschwert - Wert - der Ware ist etwas Sachliches: das wirkliche, tätige Verhältnis lebendiger Menschen, die ihre Produkte tauschen unter der Bedingung prinzipiell knapper Ressourcen - und unter der Bedingung, dass der Stoffwechsel der Menschen mit der Natur und miteinander in ganz überwiegen- der Weise in der Nutzung und dem Verzehr von Gegenständen geschieht, die (nur) durch menschliche Arbeit erzeugt werden können. Ob das der Fall ist oder nicht, ist ausschließlich historisch bedingt und muss wie jedes historische Datum empirisch überprüfbar sein.

Was der Logik 'zugrunde liegt', ist aber nicht eine Wirkursache, sondern eine Zweckursache. Sie soll es möglich machen, dass ein gedankliches Argument jederzeit einem jeden so mitteilbar ist, dass es ihm so einleuchtet, wie es dem Absender eingeleuchtet hat (ohne Informationsverlust, clare et distincte, usw. usw. ...) Das kann sich nur erweisen, indem man es versucht. 

Ein solches Verfahren heißt problematisch. Der Zweck ist gegeben, aber als reine Form: Es soll Übereinstimmung hergestellt werden. Er ist Postulat; Projekt.  

Ob das Argument Übereinstimmung erlaubt, ist immer noch eine materiale Frage, die geprüft wird im Akt des Mitteilens selbst: Hält das Material den Mühsalen der Mitteilung stand? Das ist an vielen Materialen und vielen Übermittlungsweisen auszuprobieren, man kann nicht das eine überprüfen ohne das andere: Es ist ein unun- terbrochener, sich ständing erneuernder Prozess; der niemals endende geistige Verkehr eben.

Dass er schließlich zu einem ('einstweilen definitiven') Ergebnis kommt, liegt daran, dass sie 'letzten Ende beide aus demselben Stoff' gemacht sind: der Intentio, der Absicht der miteinander verkehrenden Subjekte. Wobei sich das einstweilen definitive, aber konkrete Ergebnis an dem absoluten, aber als solchem unbestimmten End- zweck, der Endzweck wiederum
an den konkret-vermittelten Zwischenzwecken bewährt; diese an jenem for- mal, jener an ihnen material.

im Herbst 2015





Dienstag, 9. Mai 2017

Schaffende Einbildungskraft.


Was es auch seyn möge, das den lezten Grund einer Vorstellung enthält, so ist wenigstens so viel klar, daß es nicht selbst eine Vorstellung sey, und daß eine Umwandlung damit vorgehen müste, ehe es fähig ist in unserm Bewußtseyn, als Stoff einer Vorstellung angetroffen zu werden. //298// Das Vermögen dieser Umwandlung ist die Einbildungskraft. – 

Sie ist Bildnerin[.] Ich rede nicht von ihr, insofern sie ehemals gehabte Vorstellungen wieder hervorruft, ver- bindet[,] ordnet, sondern indem sie überhaupt etwas erst zu einer Vorstellung macht. – Sie ist insofern Schöp- ferin des eigenen Bewußtseyns. 

Ihrer, in dieser Funktion ist man sich nicht bewußt, gerade weil vor dieser Funktion vorher gar kein Bewußt- seyn ist. Die schaffende Einbildungskraft. Sie ist Geist.

Resultat. Dieses Bild müssen wir selbst bilden.
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J. G. Fichte, Über die Pflichten des Gelehrten, Entwurf, Gesamtausgabe II/3, S. 297f.


Nota. - Wir wissen nichts als was in unserm Bewusstsein vorkommt. Alles, was in unserm Bewusstsein vor- kommt, sind Vorstellungen. Wie kamen sie in unser Bewusstsein?
JE



Samstag, 6. Mai 2017

Wozu dies Blog?



Kant unterscheidet zwei Klassen von Philosophen – die "nach dem Schulbegriff" und die "nach dem Weltbe- griff". Nach dem Schulbegriff, das sind die, die Philosophie an der Universität betreiben. Einen Philosophen "nach dem Weltbegriff" hingegen darf sich keiner selber nennen, das können höchstens Andere tun, denn das wäre einer, der jenen zeigt, wo es lang geht.

Ein Schulphilosoph bin ich nicht geworden, bin aber, nachdem ich meinen Erwerbsberuf beendet hatte, zum Philosophieren zurückgekehrt. Dabei ist es mir widerfahren, meine Vorstellungen zu einem System zu ordnen – nur im Kopf, nicht auf dem Papier, denn das ist schwierig. – Nun gilt systematisches Philosophieren in Fach- kreisen heut ohnehin als dumm und anmaßend, und wenn ich dort überhaupt eine Chance haben will, muss ich gewissenhaft vorzeigen, dass ich 'mein System' weißgott nicht mutwillig konstruiere, sondern nur auf Schritt und Tritt mir zuziehe, ohne es hindern zu können. Darum die Form der täglich fortzuschreibenden Blogs und deren Zerstreuung in ein gutes halbes Dutzend.

Die Fichtiana und die hiesigen Philosophierungen sind das Kernstück, sie erläutern einander. Und da am empirisch-anthropologischen Anfangspunkt meines pp. Systems 'das Ästhetische' als Spezifikum des poietischen Vermögens alias produktive Einbildungskraft, an seinem spekulativ-transzendentalen Endpunkt aber 'das Absolute' als die ästhetische Idee schlechthin steht, ist das Blog Geschmackssachen der Dritte im Bund.

Der fragmentarische Vortrag macht die Beschäftigung mit 'meinem System' abwechslungsreich und unterhalt- sam, aber übersichtlich ist er nicht. Allerdings vermute ich, wer ein System übersichtlich darstellen kann, hat es nicht richtig verstanden.

*

In den Fichtiana habe ich während des letzten Jahres die Wissenschaftslehre nova methodo in ihrem vollen Wortlaut Stück für Stück digital zugänglich gemacht (und kommentiert). Diese Arbeit wird demnächst abgeschlossen sein. Dann werde ich sie auf einer eigenen Seite im Zusammenhang veröffentlichen. Das wird eine Weile dauern, während derer ich beide Blogs nur unregelmäßig bestücken kann.

Wenn auch das besorgt ist, werde ich beide Blogs wohl zusammenlegen. Denn ab dann kann ich 'mein System' nur noch als eine Emendation der Fichte'schen Transzendentalphilosophie vorstellen.

Jochen Ebmeier