Montag, 16. Oktober 2017

Zwang.


Eine Pflicht, sich zwingen zu lassen, ist etwas Widersprechendes. Wer da lässt, der wird nicht gezwungen, und wer gezwungen wird, der lässt nicht.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 147







Sonntag, 15. Oktober 2017

Hysteron proteron, oder Die ursprüngliche Synthesis.


Der Grund der Unmöglichkeit, das Selbstbewusstsein zu erklären, ohne es immer als schon vorhanden vor- auszusetzen, lag darin, dass, um seine Wirksamkeit setzen zu können, das Subjekt des Selbstbewusstsein immer schon vorher ein Objekt, bloß als solches, gesetzt haben musste: und wir sonach immer aus dem Momente, in welchem wir den Faden anknüpfen wollten, zu einem vorigen getrieben wurden, wo er schon angeknüpft sein musste. 

Dieser Grund muss gehoben werden. Er ist aber nur so zu heben, dass angenommen werde, die Wirksamkeit des Subjektes sei mit dem Objekte in einem Moment synthetisch vereinigt: Die Wirksamkeit des Subjekts sei selbst das wahrgenommene und begriffene Objekt, das Objekt sei kein anderes, als diese Wirksamkeit des Subjekts, und so seien beide dasselbe.

Nur von einer solchen Synthesis würden wir nicht weiter zu einer vorhergehenden getrieben; sie allein enthielte alles, was das Selbstbewusstsein bedingt, in sich, und gäbe einen Punkt, an welchen der Faden des Selbstbe- wusstseins sich anknüpfen ließe. Nur unter dieser Bedingung ist das Selbstbewusstsein möglich. ...

Es ist die Frage nur, was denn die aufgestellte Synthesis bedeuten möge, was sich darunter verstehen lasse, und wie das in ihr Geforderte möglich sein werde. Wir haben sonach von jetzt an das Gefundene nur noch zu ana- lysieren.

Es scheint, dass die vorgenommene Synthesis statt der Unbegreiflichkeit, die sie heben wollte, uns einen voll- kommenen Widerspruch zumutet.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 31f. 


Nota. - Aber freilich ist nicht der Akt der Selbstbewusstwerdung selber eine Synthesis von zwei vorher Getrenn- ten. Er ist ein Akt. Doch als solcher kommt er im Bewusstsein nicht vor. Im Bewusstsein kommt sein Ergebnis vor: die Entgegensetzung von Ich und Nicht-Ich. In der Vorstellung müssen wir sie nachträglich 'synthetisieren': und so kommt uns das Zweite als das Erste vor. Von nichts anderm als von Vorstellungen aber handelt die Transzendentalphilosophie. Die Vorstellung stellt sich sich selber vor. Da steht alles auf dem Kopf.
JE



Samstag, 14. Oktober 2017

Genetisch heißt nicht historisch.



Eins ist in unserer Geschichte nicht vorgekommen: dass Menschen isoliert lebten und sich erst zusammentun mussten, um sich zu vergesellschaften. Die Menschen lebten schon in großfamilialen Verbänden, bevor sie überhaupt Menschen wurden. Ein geschichtliches Ereignis war es vielmehr, dass gesellschaftliche Bildungen entstanden, in der sich die Individuen individualisieren und zu Einzelnen vereinzeln konnten. Und in der wirklichen Geistesgeschichte musste ein bestimmtes Ich aus einem unbestimmten 'wir' sich erst heraus bilden, um sich als einem Nicht-Ich entgegengesetzt setzen zu können.

Manche Binsenwahrheit muss erst ausgesprochen werden, bevor sie einleuchtet: Die Wissenschaftslehre ist nicht die wirkliche Entstehungsgeschichte des Bewusstseins. Sie hebt an auf dem Punkt der bürgerlichen Gesellschaft, wo sich die Individuen als Subjekte ihres Lebens vorkommen und zu anderen Subjekten in Konkurrenz treten. Versippte Haufen, die aufeinander einschlagen, brauchen keine Vernunft, nicht nach außen und nicht nach innen.

Die wirkliche Geschichte des Bewusstseins begann nicht mit dem Vereinigen, sondern mit dem Trennen. Von dieser Trennung geht die Wissenschaftslehre aus.


3. 12. 14 






Freitag, 13. Oktober 2017

...was man für ein Mensch ist.


Apoll und Marsyas

Wir alle gehen von der Erfahrung aus, werden aber in uns zurückgetrieben und finden unsre Freiheit; es kommt darauf an, welches Gefühl bei dem Menschen das hervorstechende ist, das lässt er sich nicht nehmen. –

Der Streit des Dogmatismus und Idealismus ist eigentlich kein philosophischer, denn beide Systeme kommen nie auf einem Feld zusammen, denn jedes, wenn es konsequent ist, leugnet die Prinzipien des andern. Ein phi- losophischer Streit kann nur dann entstehen, wenn beide Seiten über die Prinzipien einig, aber bloß über die Folgen uneinig sind. Er ist ein Widerstreit der Denkart, der konsequente Dogmatiker ist sein eigenes Gegen- mittel, er kann diese Denkart in die Länge nicht ertragen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, Zweite Einleitung, S.16








Donnerstag, 12. Oktober 2017

Übergehen: eine tätige Dialektik.


andramedia

Das Mysterium der Hegel'schen Dialektik und damit seines ganzen Systems ist das Umschlagen des Begriffs in seinen Gegensatz. Wie es vor sich gehen soll, kann man sich nicht vorstellen, es wird nicht erläutert, es bleibt ein Mysterium, man muss daran glauben wie an die Dreifaltigkeit. Tatsächlich findet es bereits im Begriff selber statt: Er trägt seinen Gegensatz schon in sich. So wird es behauptet.

Bei Fichte schlagen keine Begriffe um, sondern eine Vorstellung geht über in eine andere. Nämlich so: Sie soll bestimmt werden, doch das geht nur durch Entgegensetzung. Es ist ein Subjekt, das bestimmen soll, es muss die Entgegensetzung selber vornehmen. Muss? Nein. Es geschieht aus Freiheit; es könnte das Bestimmen auch unterlassen, und seine Vorstellung blieben unbestimmt.

Ist nicht die Freiheit auch ein Mysterium? Ja, ausdrücklich: "Hier ist etwas Unbegreifliches; und es kann nicht anders sein, weil wir an der Grenze aller Begreiflichkeit, bei der Lehre von der Freiheit in Anwendung auf das empirische Subjekt, stehen. ... Denn ein Akt der Freiheit ist schlechthin, weil er ist, und ist ein absolut Erstes, das sich an nichts anderes anknüpfen und daraus erklären lässt. ... Begreifen heißt, ein Denken an ein anderes anknüpfen, das erstere vermittelst des letzteren denken. Wo eine solche Vermittlung möglich ist, da ist nicht Freiheit, sondern Mechanismus. Einen Akt der Freiheit begreifen wollen, ist also absolut widersprechend. Eben wenn sie es begreifen könnten, wäre es nicht Freiheit."*

Es ist das Mysterium, das dem ganzen System zu Grunde liegt. Liegt es? Nein, es wurde gelegt – von dem Philoso-phen, er hat es als Erklärungsgrund (aus Freiheit!) gewählt. Er hat es nicht begründet, er kann es rechtfertigen nur durch die Ausführung des Systems. Er hätte ein anderes wählen können? Nur, wenn sich damit ein System rechtfertigen ließe.

Die Freiheit rechtfertigt das System vom Anfang bis... zum Schluss? Wenn die Freiheit zu einem Schluss käme, wäre sie keine. Wird sie als Freiheit gedacht, ist sie ohne Ende: Die Reflexion ist unendlich, so wurde sie zu An-fang aufgefasst. Soll ein Schluss dennoch für möglich gehalten werden, müsste eine zusätzliche Prämisse einge-führt werden. Aber dann läge sie dem System zu Grunde und nicht die Freiheit, und Fichte hätte nicht sagen dürfen, dass auf diese "mein ganzes Denken aufgebaut ist".

*) Fichte, Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 181f.


 9. 12. 25




 

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Vorstellen und darstellen.


Die Darstellung kann nicht anders als diskursiv verfahren. Aber in der Vorstellung selbst ist alles auf einen Schlag.

Das gilt wohlbemerkt auch empirisch. Zwar müssen wir meistens suchen, um etwas in unserem Bewusstseins-vorrat zu finden; aber dann kommt es uns so vor, als sei es schon die ganze Zeit da gewesen und habe nur dar-auf gewartet, aktiviert zu werden. 

Tatsächlich sind die Verschaltungen zwischen den Neuronen 'schon da' – sie müssen nur noch befeuert werden. Wie steht es da aber mit Fichtes dauernder Versicherung, dass die ideale Tätigkeit 'aus Freiheit' geschehe? Dass ich in meiner Erinnerung nur finde, was ich finden will, kann ich empirisch nicht bestätigen. Ist es einmal da, kann ich jederzeit darüber stolpern, da ist mehr Zufall als Freiheit. Aber ob ich einen Wissensgehalt überhaupt erst anlege und ablege, das hängt von mir, und das heißt: von meinem Wollen ab.

Mit dem Darstellen ist es etwas ganz anderes. Ob ich alles wiederfinden werde, wonach ich suche, mag zum Teil Zufall sein. Aber was ich dann an was anknüpfe und wie, das ist Sache meiner Freiheit: der Reflexion. Doch muss ich es in der Zeit vortragen, eines nach dem andern, und so wird es immer ein bisschen so aussehen, als sei das Zweite vom Ersten verursacht, während sie doch einander gegenseitig bedingen, und dies ohne Vor- und Nachher. Anders könnte die Wissenschaftslehre nicht vom Bestimmten auf das Bestimmende rückschlie-ßen.

*

Es ist ein Missverständnis, dass die transzendentale Betrachtungsweise mit dem Faktischen gar nichts zu tun habe. Sie ist nicht dessen Abbildung oder Nacherzählung, das wäre überflüssig. Aber sie ist dessen Sinndeu-tung, und es wäre sehr merkwürdig,* wenn sie einander gar nicht ähnlich sähen.

*) Warum dieses? Weil auch die diskursive Darstellung nicht 'das Seiende' ausspricht, sondern immer nur, was es bedeuten soll – freilich nicht selbstreflexiv ausspricht, sondern gegenstandsbezogen, während die Transzen-dentalphilosophie rekonstruiert, wie die Bedeutungen entstanden sein müssen; aber beide handeln von Bedeu-tungen, und von den Bedeutungen der Dinge.

18. 12. 15

Dienstag, 10. Oktober 2017

Wieviel Erfahrung steckt in der Transzendentalphilosophie?




Im System gibt es keine Zeit. Aber aus dem System der Vorstellung soll eine Zeit, die ja selber eine Vorstellung ist, entstehen. Die Aporie ist Fichte nicht entgangen. Nicht aus dem Setzen soll daher die Zeit entstehen, das ge- schieht idealiter alles gleichzeitig; sondern durch das Deliberieren: das Abwägen und Wählen aus mannigfal- tigen Möglichkeiten. In diesem retardierenden Moment geschieht nichts – und gerade das dauert.

Die Hirnphysiologen haben – das ist nun aber auch schon eine Weile her – aus dem Umstand, dass jeder Zustand des Gehirns unvermeidlich auf einen und aus einem vorhergehenden Zustand folgt, ohne dass ein Zentralorgan namens Ich eingriffe, auf die Determiniertheit unseres Willens geschlossen und die Freiheit be- stritten. Eine wichtige Rolle spielte dabei das Libet-Experiment: Zwischen dem Moment, in dem im Gehirn nachweislich die Breitschaft zu einer bestimmten Handlung x getroffen ist, und dem Beginn ihrer Ausführung vergeht offenbar eine Denkpause von einer Fünftelsekunde. In dieser Spanne könnte – seitens desselben Ge- hirns! – noch der Einspruch geschehen: Nein, tu das nicht! Dieser neuerdings experimentell wieder bestätigte Versuch gibt der Freiheit noch eine ganz kurze, aber dadurch umso größere Chance: Der Mensch kann nein sagen! Nachdem er sie nämlich zum Überlegen genutzt hat.

Nach Fichte nun liegt in diesem Moment des Deliberierens – ganz allgemein: des Übergehens vom Bestimmba-ren zum Bestimmten – nicht nur die (einzige) Realität der Freiheit, sondern überdies die Entstehung der Zeit: der Übergang aus der idealen Tätigkeit ins Sinnliche. In specie geht die Zeit hervor aus unserm Wollen, soweit es ursprünglich als rein angenommen wird: Dass wir wollen, ist gewissermaßen das einzige Apriori, das die Wis- senschaftslehre 'an sich' gelten lässt. Doch das bestimmbare Wollen muss erst bestimmt werden: Man kann immer nur dieses wollen. Die Auswahl aus den unendlich vielen Handlungsmöglichkeiten, alias das 'Entwerfen eines Zweckbegriffs', dauert.

*

Es bringt die Transzendentalphilosophie in Verlegenheit, wenn man einen ihrer Sätze in einen Erfahrungssatz umschreiben kann; denn wozu taugt sie dann noch? Was aus der Erfahrung stammt, wird positiv gewusst, punctum. 

Die Transzendentalphilosophie ist kein hypothetischer Vorentwurf von etwas, wovon man noch keine Erfah- rung hat, aber noch machen will. Natürlich bezieht sie sich auf etwas, das ist, sonst wäre sie überflüssig. Aber doch nicht auf das, was ist: Das setzt sie spekulativ voraus, in der Tat. Sondern auf das, was es bedeutet. Das muss aus dem, was ist, herausgedeutet oder besser: hineingemeint werden (und sich daran bewähren: nämlich in den Vor- stellungen).

Die Transzendentalphilosophie muss sich nicht durch Erfahrung beweisen lassen; theoretisch an dem, was ist. Denn ihr Zweck ist kein theoretischer, sondern ein praktischer. Sie muss sich nicht durch erfahrbar Seiendes begründen lassen; es reicht, wenn das Seiende ihrer Absicht nicht widersteht. Tut sie das - nämlich punktuell -, dann steht der Transzendentalphilosophie eine saure Arbeit von dialektischen Windungen bevor. Tut sie es über- haupt - nämlich in den Augen von diesen und jenen -, kann man nur sagen: Was für eine Philosophie einer wählt, hängt davon ab, was für ein Mensch er ist.
JE