Freitag, 30. Oktober 2015

Den Menschen unterscheidet vom Tier... (zum xten).




Dass wir Menschen uns von den Tieren nicht grundsätzlich, sondern nur graduell durch unsern Verstand un- terscheiden, kann mittlerweile zu unserm gesicherten Wissensbestand gezählt werden. Bleibt uns als besonde- res Kennzeichen aber die Vernunft? Vernunft ist nicht bloß das Kombinieren gegebener Daten; Vernunft ist die Fähigkeit zur guten Wahl; das Vermögen, 'ohne Interesse', d. h. unabhängig von eventuellen Vorteilen, Gutes zu unterscheiden von Schlechtem oder Bösem; eine Gabe, über die wir tatsächlich alle verfügen, wenn wir uns auch ihrer nicht alle und nicht allezeit bedienen. Es ist im weitesten Sinne unser ästhetischer Sinn

Vom Himmel gefallen wird auch der nicht sein, er wird sich aus gattungsgeschichtlichen Vorläufern entwik- kelt haben. Aber nicht durch allmähliche Anlagerung, sondern in der Krisis, nach dem Verlust von Etwas, das wir einmal mit den Tieren gemein gehabt haben...





Donnerstag, 29. Oktober 2015

Die Identischen.


Tilman Riemenschneider; Ein Engel

Ihr wollt nie mit euch unzufrieden werden, nie an euch leiden – und nennt dies euren moralischen Hang! Nun gut, ein andrer mag es eure Feigheit nennen. Aber eins ist gewiss: Ihr werdet niemals eine Reise um die Welt (die ihr selber seid) machen und in euch selber ein Zufall und eine Scholle auf der Scholle bleiben. Glaubt ihr denn, dass wir Andersgesinnten der reinen Narrheit halber uns der Reise durch die eigenen öden Sümpfe und Eisgebirge aussetzen und Schmerzen und Überdruss an uns freiwillig erwählen, wie die Säulenheiligen?
___________________________
Nietzsche, Morgenröte, N° 343





Mittwoch, 28. Oktober 2015

Muße und Müßiggang.

Winslow Homer

329 Musse und Müssiggang. — Es ist eine indianerhafte, dem Indianer-Bluthe eigenthümliche Wildheit in der Art, wie die Amerikaner nach Gold trachten: und ihre athemlose Hast der Arbeit — das eigentliche Laster der neuen Welt — beginnt bereits durch Ansteckung das alte Europa wild zu machen und eine ganz wunderliche Geistlosigkeit darüber zu breiten. Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag isst, das Auge auf das Börsenblatt gerichtet, — man lebt, wie Einer, der fortwährend Etwas "versäumen könnte." "Lieber irgend Etwas thun, als Nichts" — auch dieser Grundsatz ist eine Schnur, um aller Bildung und allem höheren Geschmack den Garaus zu machen. 

Und so wie sichtlich alle Formen an dieser Hast der Arbeitenden zu Grunde gehen: so geht auch das Gefühl für die Form selber, das Ohr und Auge für die Melodie der Bewegungen zu Grunde. Der Beweis dafür liegt in der jetzt überall geforderten plumpen Deutlichkeit, in allen den Lagen, wo der Mensch einmal redlich mit Menschen sein will, im Verkehre mit Freunden, Frauen, Verwandten, Kindern, Lehrern, Schülern, Führern und Fürsten, — man hat keine Zeit und keine Kraft mehr für die Ceremonien, für die Verbindlichkeit mit Umwegen, für allen Esprit der Unterhaltung und überhaupt für alles Otium. Denn das Leben auf der Jagd nach Gewinn zwingt fortwährend dazu, seinen Geist bis zur Erschöpfung auszugeben, im beständigen Sich-Verstellen oder Ueberlisten oder Zuvorkommen: die eigentliche Tugend ist jetzt, Etwas in weniger Zeit zu thun, als ein Anderer. 

Und so giebt es nur selten Stunden der erlaubten Redlichkeit: in diesen aber ist man müde und möchte sich nicht nur "gehen lassen," sondern lang und breit und plump sich hinstrecken. Gemäss diesem Hange schreibt man jetzt seine Briefe; deren Stil und Geist immer das eigentliche "Zeichen der Zeit" sein werden. Giebt es noch ein Vergnügen an Gesellschaft und an Künsten, so ist es ein Vergnügen, wie es müde-gearbeitete Sclaven sich zurecht machen. Oh über diese Genügsamkeit der "Freude" bei unsern Gebildeten und Ungebildeten! Oh über diese zunehmende Verdächtigung aller Freude! Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits "Bedürfniss der Erholung" und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. "Man ist es seiner Gesundheit schuldig" — so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja, es könnte bald so weit kommen, dass man einem Hange zur vita contemplativa (das heisst zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe. —  

Nun! Ehedem war es umgekehrt: die Arbeit hatte das schlechte Gewissen auf sich. Ein Mensch von guter Abkunft verbarg seine Arbeit, wenn die Noth ihn zum Arbeiten zwang. Der Sclave arbeitete unter dem Druck des Gefühls, dass er etwas Verächtliches thue: — das "Thun" selber war etwas Verächtliches. "Die Vornehmheit und die Ehre sind allein bei otium und bellum": so klang die Stimme des antiken Vorurtheils!

________________________________________
Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft. 4. Buch. 1882


Montag, 26. Oktober 2015

Substanz und Funktion, oder Sein und Bedeutung.

Ernst Cassirer
aus Neue Zürcher Zeitung, 29. 9. 2010

der tisch als substanz und funktion 

Überraschend aktuell – Ernst Cassirers Entwürfe zu einer Logik der Wissenschaften


Von Ralf Konersmann

Das Werk Ernst Cassirers ist heute präsenter denn je. Neben den zu Lebzeiten erschienenen Schriften, die in der kürzlich abgeschlossenen Ausgabe der Werke versammelt sind, publiziert der Hamburger Meiner-Verlag seit fünfundzwanzig Jahren Aufzeichnungen, Vortragsmanuskripte und Briefe aus dem Nachlass. Vor allem die magistrale Ausgabe des Nachlasses ist geeignet, im ohnehin schon weiten Interessenhorizont dieses Kulturphilosophen, Symboltheoretikers und versierten Kant-Lesers ein weiteres und vielleicht sogar das entscheidende Feld zu markieren. Denn das Hauptaugenmerk des Philosophen, das all seine übrigen Forschungsthemen miteinander verbindet, scheint der Begründung des Wissens und seiner Methode gegolten zu haben. Der Cassirer, der uns aus den Nachlasspapieren entgegenblickt, ist Wissenschaftsphilosoph – ein Logiker der Kulturwissenschaften und der Wissenschaften überhaupt.

Anspruch und Grenzen

Der kürzlich erschienene Nachlassband präsentiert Vorträge, darunter auch Rundfunkvorträge, aus nahezu vier Jahrzehnten. Eindrucksvoll eröffnend mit dem Manuskript über «Substanzbegriff und Funktionsbegriff» aus dem Jahr 1907 (dem dann drei Jahre später die Monografie gleichen Titels folgte), führt das bemerkenswert geschlossene Konvolut Geschichte, Systematik und philosophische Reflexion der wissenschaftlichen Forschungspraxis zusammen. Allein dieser integrative Gestus ist beachtlich. Die wissenschaftsfremde Nomenklatur der «Effizienz» oder der «Exzellenz», an die wir uns fast schon gewöhnt haben, liegt diesen Entwürfen zu einer Logik der Wissenschaften ebenso fern wie die karge Grundration einer «Wissenschaftstheorie», die zwar den Betrieb der normal science am Laufen hält, doch weder den Geistesmoden noch den Zugriffen von aussen ein klares und selbstbewusstes Konzept entgegenzusetzen hat. Angesichts dieser Normalität wirken die Überlegungen Cassirers wie ein frischer Wind.

Die Wissenschaftsphilosophie Cassirers bezieht ihre ganz erstaunliche Aktualität aus einer Doppelung der Perspektive, die dem Standpunkt wissenschaftlicher Weltbeobachtung die Position des Beobachters des Beobachters an die Seite stellt. So folgenreich diese Blickfelderweiterung auch ist – Cassirer macht wenig Aufhebens davon, weil er weiss und an zahllosen Beispielen zeigen kann, dass Selbstwahrnehmungen dieser Art gerade für die avancierten Wissenschaftsinitiativen von jeher selbstverständlich gewesen sind. Folgerichtig inszeniert sich diese Logik der Wissenschaften nicht in der inzwischen üblichen Weise als Bruch mit einer irgendwie gedankenlosen Vorgeschichte, sondern versteht sich als kritische Fortführung jener Forschungskommentare, wie sie Kepler, Descartes, Euler, Helmholtz oder Einstein hinterlassen haben. Der Abstand dieser Vorgehensweise zu den Kundgebungen moderner Wissenschaftskritik könnte augenfälliger nicht sein. Anders als Nietzsche, Spengler oder Heidegger weist Cassirer das Weltmodell der Wissenschaften nicht einfach zurück, sondern erschliesst es als autonome, und das heisst hier ganz wörtlich: als eigenen Gesetzen folgende Kulturleistung. Den Elementarbegriff dieser Kulturleistung bildet das Bedürfnis der «theoretischen Erkenntnis», die, wie Cassirers Exkurse zeigen, sowohl den Anspruch der Wissenschaften bezeichnet als auch ihre Grenze.

Einheit des Wissens

Der systematische Rückbezug auf das Bedürfnis der theoretischen Erkenntnis wirkt, wie so vieles bei diesem Autor, unscheinbar, erweist sich jedoch bei näherem Hinsehen als folgenreicher Schritt. Mit ihm überwindet Cassirer die rein beschreibende Ebene des wissenschaftsgeschichtlichen Erzählens und begründet sein zentrales, in all diesen Nachlassschriften bekräftigtes Gebot der Einheit des Wissens und der Wissenschaften.

In den Ohren heutiger Wissenschafter klingt diese Formel gewiss merkwürdig, wenn nicht befremdlich. Man fürchtet das Diktat einer allumfassenden Vernunftordnung, wie sie einst die Schüler Hegels propagierten, und damit den Ausschluss alles irgendwie Nonkonformen, Unbotmässigen und Originellen. Cassirer meint es jedoch anders, seine «Einheit» der Wissenschaften ist nicht – und gerade nicht – «Einheitlichkeit». Tatsächlich ist die Einheitsformel ausschliesslich wissenschaftssystematisch begründet, als Reaktion auf den Verlust naturwüchsiger Zusammenhänge und dessen, was man einmal dafür hielt. Sobald Wahrheit nicht mehr abbildhaft gedacht wird, sondern sich, wie Cassirer sagt, an «Formen» hält und sich das Wissen autonomisiert, werden ihm seine inneren Bezüge und das, was «Wirklichkeit» heisst, notwendigerweise zum Problem. Was dem naiven Realismus als naturwüchsige Einheit erscheint, als Widerschein des Kosmos, weicht disparaten Weltwahrnehmungen, die Schritt für Schritt spezieller werden und schliesslich den Zusammenhang des Wissens sprengen. Es ist bezeichnend für Cassirer und sein Verständnis von Wissenschaftsphilosophie, dass er für das Problem der Einheit nicht einfach eine fertige Lösung aus dem Hut zieht, sondern sich auf den Umweg der Geschichte begibt und berichtet, welche Lösungen das Einheitsproblem in der Vergangenheit gefunden hat. Auf die Einheit des Kosmos folgte die Einheit der göttlichen Ordnung, auf diese die Einheit des denkenden Geistes und der Methode.

Für Cassirer manifestiert sich in der Einheitsforderung der Anspruch eines Wissens, das nicht damit zufrieden ist, vom Hundertsten ins Tausendste zu gehen und sich immer tiefer in den Stollen der Spezialisierung treiben zu lassen. Wissenschaft, wie Cassirer sie im Einklang mit einer zweitausendjährigen Tradition versteht, will Orientierung sein und stellt sich damit der Herausforderung, wie die klassische Formel Platons lautet, «die Phänomene zu retten». Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, wie unangemessen der wohlfeile Verdacht der Ausschliessung ist. In Wirklichkeit geht es darum, Anschlüsse zu sichern: Ohne Strukturgegensätze zu leugnen oder sie, geblendet vom Zauber der «Interdisziplinarität», einfach zu überspielen, soll die Heuristik der Einheit die verschiedenen Grundrichtungen der Erkenntnis – also, um Cassirers Beispiel aufzugreifen, die physikalische Naturerklärung Newtons und die reine Naturbeschreibung Goethes – konstruktiv aufeinander beziehen.

Im Kampf um Forschungsmittel ist Einheit eine Forderung der Schwachen, im Kampf um die Wahrheit ist sie ein Gebot der Vernunft. Die Philosophie und speziell die Wissenschaftsphilosophie setzt genau hier an, wenn sie den Rahmen bereitstellt, in dem sich die Formen des Wissens auf immer neue Weise assoziieren können.

Die Logik der Wissenschaften, zu deren Entwicklung Cassirer aufruft, verfährt genau in diesem Sinn inklusiv, indem sie die Teilhabe der Fächer und überhaupt der «Wissens-Formen» und «Wissens-Richtungen» an der Universitas sicherstellt. Folgerichtig beginnt sie ihr Geschäft mit einer Kritik im Sinne Kants: mit einer Autopsie der wissenschaftlichen Erkenntnis und ihrer «Form». Das läuft einerseits auf Anerkennung hinaus, denn hinter das Zugeständnis der Eigengesetzlichkeit führt nun kein Weg mehr zurück. Theoretische Erkenntnis, Wissen und Wissenschaft sind autonom, und sie sind frei. Ihre formale Bestimmung bewirkt andererseits eine Relativierung, denn diese spezielle Art der Erkenntnis ist eben nur eine Form, und zwar: eine Form, eine «Grundrichtung der Erkenntnis» unter anderen.

Es ist mehr als nur eine Beiläufigkeit, dass Cassirer den Leitbegriff seines Philosophierens, den Begriff der symbolischen Form, bei einem Naturwissenschafter gefunden hat. Auf elementare Weise bringt der Begriff der symbolischen Form schon bei Pierre Duhem den Sachverhalt zum Ausdruck, dass Wissenschaft es nicht mit rohen Tatsachen zu tun hat, sondern mit Modellierungen, mit Weisen der Inblicknahme, denen schliesslich auch die überhaupt erst im 18. Jahrhundert entdeckte «Tatsache» ihr Dasein verdankt. Von hier aus ist es zu der Präsentation der Wissenschaft im Kreis der symbolischen Formen, wie sie Cassirer dann 1944 in seinem «Essay on Man» vorgenommen hat, nur noch ein Schritt.

Der dünne Faden

Nach alldem ist klar, dass Cassirers Logik für Szientisten und jene, die allein auf die Karte der Wissenschaft setzen und sie weltanschaulich überhöhen, nichts hergibt. Wissenschaft ist eine Form des Wissens, aber gerade als diese bestimmte Form, die sie ist, schöpft sie den Raum des Wissens und der Weltkenntnis niemals aus. In einer offenbar späten, skizzenhaft überlieferten Aufzeichnung zum Naturbegriff erwähnt Cassirer das Motiv des doppelten Tisches, das er in Eddingtons «Weltbild der Physik» von 1931 gefunden hatte. Der Tisch, an dem er sitze, habe einen Doppelgänger und sei eigentlich zwei Tische – zum einen ein substanzhafter, ein realer und sinnlicher Tisch, zum anderen ein wissenschaftlich verstandener, ein ideeller und abstrakter Tisch. Was hat der eine Tisch mit dem anderen zu tun? Die Logik der Wissenschaften hat zuletzt keinen anderen Zweck, als diese schlichte Frage zu beantworten und zu verhindern, dass der dünne Faden, der die Doppelgänger verbindet, endgültig reisst.

Ernst Cassirer: Vorlesungen und Vorträge zu philosophischen Problemen der Wissenschaften (1907-1945). Nachgelassene Manuskripte und Texte, Bd. 8. Herausgegeben von Jörg Fingerhut, Gerald Hartung und Rüdiger Kramme. Felix Meiner, Hamburg 2010. 283 S., € 168.-.

______________________________________________________________________

Kommentar. - Ich würde vorschlagen, die Unterscheidung zwischen Substanz und Funktion durch die Unterscheidung zwischen Sein und Bedeutung zu ersetzen.
J. E.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Vernunft (Def.)


Götz, Balancierender

Vernunft gibt es nur als Idee. In der Wirklichkeit gibt es lediglich Vernünftigkeit – als das aktuale Bemühen, 'meine' Welt mit 'unserer' Welt ins Verhältnis zu setzen; und zwar nicht ein für allemal, sondern jeden Moment neu.

6. 9. 15



Samstag, 24. Oktober 2015

Anstoß.



Warum, so wurde einst  Hegel gefragt, ist es üblich, mit den Weingläsern anzustoßen? "Das will ich Ihnen sagen. Im Wein liegt Wahrheit, und mit der Wahrheit stößt man überall an." 
__________________________________________________
Thomas Gutknecht, Hegel als schwäbischer Denker


Nota. - Dieser landläufige Kalauer wurde Hegel wohl nur in den Mund gelegt. Der war ein mäßiger Wahr-heitsfreund, als Schwabe wird er sich mit einem Viertele meist begnügt haben. Ein ausgesprochener Hang zur Wahrheit wird dagegen Fichte nachgesagt, und es wurde tatsächlich daran Anstoß genommen. (Tatkräf-tige Wahrheitssucher waren, wie ihre Korrespondenz bezeugt, übrigens auch Marx und Engels.)
JE



Freitag, 23. Oktober 2015

Die Unverzichtbarkeit des Absoluten.




Die Erwartung, dass es ewig so weiter geht, ist die profanste Variante von der Vorstellung, dass die Welt – und das Leben in ihr – einen Sinn hat: Wenn an alles, was sich tue, sich eine unendliche Kette von Folgen fügt, dann wird mein Leben am Ende jedenfalls nicht umsonst gewesen sein. 

Ergänzen wir die Versuchsanordnung um dieses Partikel: Die Menschheit stirbt zwar aus; aber danach kom-men alle Taten und Unterlassungen auf einen Tisch, werden sortiert und gewichtet, und eine höhere Intelligenz außerhalb von Raum und Zeit zieht eine allerletzte Bilanz. Das Szenario ist bekannt, nicht wahr? 

Nur die Fiktion von irgendetwas Absolutem kann meiner kurzen Existenz einen Sinn verleihen, um dessent-willen es sich lohnt, ein Leben lang stets und immer wieder die Wahl zu treffen zwischen dem Richtigen und dem Falschen; denn ohne dies wäre Alles gleich gültig und ich könnte mich meinem Stoffwechsel überlassen und meinen Leibesregungen. 

Das könnte immer noch das Leben eines Krämers werden; jedenfalls so lange ich nicht kühlen Bluts der Tat-sache ins Aug blicke, dass es doch immer nur eine Fiktion bleibt.



Donnerstag, 22. Oktober 2015

Erst durch Begriffe wird das Denken diskursiv.



Erst durch den Begriff wird das Denken diskursiv; nämlich sobald es um der Verständigung willen geschieht – zuerst mit den Andern; daraus folgend schließlich: mit mir selbst. Das ist dann Reflexion in specie: Reflexion für sich, während sie vorher bloß 'an sich' geblieben war.

Diskursiv wird das Denken, indem es in Begriffen gefasste Vorstellungsinhalte nach regelmäßigen Verfahren miteinander verknüpft und daraus Schlüsse zieht, um sie in zu einem Argument zu entwickeln. Es ist ein unfreies Verfahren, indem die Gehalte der Begriffe ebenso vorgegeben sind wie die Regeln der Verknüpfung ('Logik'). Der diskursiv Denkende unterwirft sich dieser Unfreiheit, weil sie allein ihm ermöglicht, den Zuhörer ebenderselben Unfreiheit zu unterwerfen: ihn zum Einverständnis zu zwingen.

Wissenschaft ist diskursiv, das System des diskursiven Denkens ist Wissenschaft, wenn und weil es allgemein geschieht: öffentlich.





Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Was Wörter bedeuten.



Die Bedeutung der Wörter ist ihre Verwendung im Sprachspiel, das ist ja nicht falsch. Aber sie wollen die Bedeutungen von Sachverhalten wiedergeben, um sie mitteilbar zu machen. Ihr Maßstab ist ein doppelter, zwischen denen schweben sie. Sie müssen jemandem etwas mitteilen, und sie müssen ihm etwas mitteilen.









Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Dienstag, 20. Oktober 2015

Der andere Weg der Sprachkritik.



Alle Philosophie ist "Sprachkritik", schrieb Wittgenstein schon im Tractatus [4.0031] doch ob man daraus, dass er selber kaum etwas anderes getan hat, schließen darf, wie es die zeitgenössische 'analytische' Schule tut, er habe sie für nichts als Sprachkritik gehalten, ist durchaus strittig. Unstrittig ist, dass er sie nicht im Sinne Mauthners verstanden wissen wollte [ebd.]. Damit sind die beiden großen Richtungen aufgezeigt, in die sprachkritisches Philosophieren gehen kann. Die eine macht, grob gesagt, den exakten Gebrauch der Wörter zum Maßstab für die Tauglichkeit des Denkens, und die andere macht das, was gedacht, was vorgestellt, was wirklich gemeint ist, zum Maßstab für die Tauglichkeit der Sprache. Zugrunde liegt die jeweils entgegengesetzte Antwort auf die Frage: Sind die Wörter die Bedingung des Vorstellens, oder ist das Vorstellen die Bedingung des Sprechens? 

Mauthners Antwort ist klar: Grundlage des Denkens sind nicht die Wörter, sondern die Bilder - und die werden von den Wörtern nur unvollkommen wiedergegeben. Das Missverständnis entsteht nicht (erst) dadurch, dass die Wörter regelwidrig verwendet werden, sondern (bereits) dadurch, dass die Sprache zu dürftig ist, um den Reichtum des Gedachten auszudrücken.

Konsequenterweise hat er sich daher nicht auf das Argumentieren beschränkt, sondern ist zum Dichter geworden: Die Metapher erweitert die sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten, und was ihr an Genauigkeit fehlt, wiegt sie an Farbenpracht doppelt und dreifach auf.


Was übrigens Ludwig Wittgenstein gar nicht bestritten hätte: Ich glaube, meine Stellung zur Philosophie dadurch zusammengefasst zu haben, indem ich sagte: Philosophie dürfe man eigentlich nur dichten. in: Vermischte Bemerkungen, Ffm. 1994, S. 58. 


Die eigentliche Bedeutung der Sprache, das, was sie dem Vorstellen gegenüber zu einem Mehr macht und nicht zu einem Weniger, ist, dass sie uns das (willkürliche) Erinnern erlaubt: Ohne Sprache kein Gedächtnis; und, darf man hinzufügen, ohne Gedächtnis keine Reflexion. Die Wörter erlauben uns das Verneinen, das Unter-scheiden und folglich das Bestimmen, die ohne Vergleichen mit bereits Vorgestellten, also ohne Gedächtnis, nicht mög-lich wären. (Freilich braucht man zum Vergleich nicht nur die Unterscheidung, sondern auch die Zusammenführung; Gedächtnis ohne Humor ist pedantisch und unfruchtbar.)

   


aus Neue Zürcher Zeitung, 2. 12. 2010  

upj. · Den Herolden der analytischen Philosophie gilt der späte Ludwig Wittgenstein – insonderheit seit den 1953 publizierten «Philosophischen Untersuchungen» – als einsame Lichtfigur der philosophischen Sprach-kritik, als ob niemand vor ihm je erkannt hätte, dass die meisten Fragen der Philosophie auch Fragen nach der Bedeutung der Wörter und ihrer Verwendung sind. Da sich die moderne analytische Philosophie aber dezidiert ahistorisch gebärdet, ist ihr bisweilen entgangen, dass die ganze Philosophiegeschichte mit «sprachanalytischen» Positionen durchsetzt ist. Auch Wittgenstein hat auf den Schultern von anderen gestanden; man denke nur an das Werk Ernst Machs oder etwa an den ebenso genialen wie marginalisierten Fritz Mauthner. Mauthner, 1849 in Böhmen geboren und 1923 in Meersburg am Bodensee verstorben, hat ein großes, von Kennern geschätztes Werk hinterlassen, zu dem u. a. seine dreibändigen «Beiträge zu einer Kritik der Sprache» gehören. Darin wird die Sprachkritik als radikalste Vernunft- und Erkenntniskritik umrissen, der grundlegend metaphorische Charakter des Sprechens herausgearbeitet – und es werden, originell genug, gewisse sonderbare Blüten der Logik auf die «Tautologik» zurückgeführt. Wittgenstein hat das Werk Mauthners sehr wohl gekannt, wenn auch immer abgewertet.

Mauthner gehört zu jenen «Überbegabten», die in verschiedenen Sparten brillieren; Drama, Novelle, Schauspiel, Satire; hinzu kommen Beiträge zur Kulturgeschichte sowie eine vierbändige Geschichte des Atheismus im Abendland. Nach seinem Tod hat die damals sehr offene «Neue Zürcher Zeitung» diesem durchaus unbequemen und radikalen Geist am 8. Juli 1923 immerhin einen ganzseitigen Nachruf gewidmet. Um Mauthner, diesen so aufrechten und anregenden unter den radikalen Denkern, ist es erfreulicherweise nie ganz still geworden. 




aus wikipedia

... 

Zitat: „Zum Hasse, zum höhnischen Lachen bringt uns die Sprache durch die ihr innewohnende Frechheit. Sie hat uns frech verraten; jetzt kennen wir sie. Und in den lichten Augenblicken dieser furchtbaren Einsicht toben wir gegen die Sprache wie gegen den nächsten Menschen, der uns um unseren Glauben, um unsere Liebe, um unsere Hoffnung betrogen hat.“ (Beiträge zu einer Kritik der Sprache I, Das Schweigen)

Mauthner erhielt bei seinem Lehrer Ernst Mach in Prag die speziellen Grundlagen für seine späteren Arbeiten. Ernst Mach war als Physiker, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker ein vielseitiger Wissenschaftler, der auch Sinnesphysiologie und Psychologie in seine Überlegungen einbezog und bereits vor Albert Einstein das vierdimensionale Raum-Zeit-Kontinuum forderte. Mach gilt auch als einer der Wegbereiter der psychologischen Gestalttheorie.

Sein Schüler Fritz Mauthner war ebenso breitgefächert interessiert und setzte sich in wissenschaftstheoretischen Betrachtungen mit den aktuellen Ergebnissen der Psychologie auseinander. Von Mach übernahm Mauthner die Vereinigung der Raumdimensionen und der Zeitdimension im vierdimensionalen Kontinuum. Während Einstein diese Sichtweise auf den ganzen Kosmos anwendete, verknüpfte Mauthner diese moderne Ansicht mit psychophysiologischen Betrachtungen, die im Gedächtnis eine raumzeitliche Ordnung vermuten.

Zitat: „Wir werden die Zeit als die vierte Dimension des Wirklichen kennenlernen. In Anknüpfung daran wird es uns umso schneller einleuchten, daß unser Gedächtnissinn einzelne vergangene Vorstellungen, die sogenannten Erinnerungen, genau ebenso in der Zeit lokalisiert, wie unser Gesichtssinn seine Vorstellungen in den drei Dimensionen des Raumes lokalisiert. Und genau so wie der Schnittpunkt des Koordinatensystems für unsere Augen durch unser Gehirn geht, so ist der Nullpunkt für die Erstreckung der Zeit immer unsere Gegenwart; der Nullpunkt bleibt bei uns, während wir in der Zeit weiterleben, wie das Koordinatensystem des Raumes sich mit uns bewegt. Die begriffliche Schwierigkeit läge nur darin, daß das Gedächtnis uns die Zeit erst erzeugt, in welche es die Daten der übrigen Sinne projiziert.“

Mauthner schlug hier einen gedanklichen Weg ein, der den zeitlichen Aspekt der „Korrelationstheorie der Hirnforschung“, unseren „Arbeitstakt im Bewußtsein“, bereits in das Blickfeld rückte.

Zitat: „Und so halte ich es für eine brauchbare Hypothese, daß allerdings immer nur eine Vorstellung an dem Nadelöhr unseres Bewußtseins vorüberzieht, weil ja in diesem Sinne immer nur das Gegenwärtigste, d. h. das im geistigen Magen eben sich Assimilierende, das eben augenblicklich dem Gehirn Arbeit machende — daß das allein die Aufmerksamkeit fesselt (natürlich, weil ja auch die Gegenwart als Zeit nur die Nadelspitze zwischen Vergangenheit und Zukunft ist, die Wirklichkeitswelt also in jedem Augenblick nicht breiter sein kann, als die Fadendünne dieses Augenblickes, als ein Nadelöhr), daß aber zugleich das Gedächtnis, d. h. die unbewußte Registratur des Gehirns, wohl über unseren ganzen Wissensschatz verfügt, alles mit der Augenblicksvorstellung zunächst Verwandte schon in Bereitschaft hält, also daß das Gehirn in seinem Gedächtnis den weiten Horizont besitzt, der die Welt der Erfahrung oder die Vergangenheit und die Welt der Möglichkeiten oder die Zukunft umfaßt.“ (Bewusstsein/Zeit und Assoziation)

Dem Gedächtnis kommt in Mauthners Sprachphilosophie eine entscheidende Bedeutung zu. Zitate:

„Meine Überzeugung ist, daß die Rätsel der Sprache mit dem Schlüsselworte Gedächtnis zu lösen seien, oder vielmehr daß die Rätsel, welche das Wesen und die Entstehung der Sprache uns aufgibt, zurückzuschieben seien auf das Wesen des menschlichen Gedächtnisses.“

„Bei dem normalen Menschen ist Sach- und Wortgedächtnis aufs engste miteinander verbunden. Ja diese Verbindung ist eine bloße Tautologie, wenn ich mit der Behauptung recht habe, daß die Sprache oder der Wortschatz eines Menschen eben nichts anderes sei als sein individuelles Gedächtnis für seine Erfahrung. Die Sprache ist nichts als Gedächtnis, weil sie gar nichts anderes sein kann.“(Gedächtnis und Sprache)

Gedächtnis, Bewusstsein und Sprache sind für Mauthner verschiedene Wörter für den ganzheitlichen Zusammenhang des Weltwissens aus einzelnen Erinnerungsbildern.

„Das Gedächtnis ist eine Tatsache des Bewußtseins und das Bewußtsein ist für uns nur als Gedächtnis eine Tatsache. Man könnte mit diesen Worten noch weiter jonglieren und würde doch nicht einmal in dem skeptischen Sinne der Sprachkritik zu einer festen Definition der beiden Begriffe gelangen. Wir ahnen jedoch, daß eine durch Selbstbeobachtung ermittelte Tatsache des Bewußtseins nicht das Abstraktum Gedächtnis ist, sondern nur die Reihe einzelner Erinnerungsbilder; wir ahnen, daß das Wort Bewußtsein eigentlich nichts anderes bedeutet als den Zusammenhang der Erinnerungsbilder (Bewußtes Gedächtnis)

Angeregt durch die Gestalttheorie stellte Mauthner den Begriff der „Ähnlichkeit“ in das Zentrum seiner erkenntnis- und sprachtheoretischen Betrachtungen.

Zitate:„Die Ähnlichkeit dürfte noch einmal die wichtigste Rolle in der Psychologie spielen. Vielleicht hat man die Ähnlichkeit bisher instinktiv darum vernachlässigt, weil man sonst zu früh hätte einsehen müssen, wie tief unser logisches oder sprachliches Wissen unter unseren wissenschaftlichen Ansprüchen stehe, wie weit entfernt unsere Begriffsbildung von mathematischer Genauigkeit sei; denn unsere Sprachbegriffe beruhen auf Ähnlichkeit, die mathematischen Formeln auf Gleichheit.“

„Absolute Gleichheit ist eine Abstraktion des mathematischen Denkens. In der Wirklichkeitswelt gibt es nur Ähnlichkeit. Gleichheit ist starke Ähnlichkeit, ist ein relativer Begriff.“

„Auf Ähnlichkeit, nicht auf Gleichheit ist alles Klassifizieren oder die Sprache aufgebaut, auf Ähnlichkeit, nicht auf Gleichheit all unser Urteilen oder die Anwendung der Sprache. Alle Logik aber, auch die Algebra der Logik, geht von dem mathematischen Begriff der Gleichheit aus und ist darum eine gefährliche Wissenschaft. Um nicht zu weit abzuschweifen, sei nur kurz erwähnt, daß auch der Begriff oder das Gefühl der Kontinuität aus dem Gefühle der Ähnlichkeit allein entsteht.“''
... 


Nota. - Mauthner übertreibt, wenn er sagt, die Sprache sei Gedächtnis. Sie ist das objektivierte, öffentliche Gedächtnis der Gattung. Für das Gedächtnis der Individuen ist sie ein Schlüssel, eine Landkarte, ein dictionnaire raisonné. Sie verzeichnet die tags, unter denen man das im Speicher Erinnerte vergegenwärtigen kann.
J.E., 30. September 2013

Montag, 19. Oktober 2015

Wittgenstein und Mauthner.

Karin Jung  / pixelio.de

von RUDOLF HALLER


"Es gibt keine Raubtierigkeit und ebensowenig von ihr zwei Unterarten, die Katzigkeit und die Hundigkeit."

In der logisch-philosophischen Abhandlung von LUDWIG WITTGENSTEIN - besser bekannt unter dem Titel: Tractatus logico-philosophicus - heißt es im Satz 4.0031: 
"Alle Philosophie ist 'Sprachkritik'. (Allerdings nicht im Sinne Mauthners.)"
Gleich den anderen Sätzen der logisch-philosophischen Abhandlung ist auch dieser Passus im Laufe der Jahre und insbesondere der letztvergangenen immer häufiger kommentiert worden. Und obschon es ja im Gefüge des sieben Hauptsätze umfassenden Traktat-Aufbaus eine Passage von geringem logischen Gewicht ist, in der der Erläuterungssatz "Alle Philosophie ist 'Sprachkritik'" steht, ist der Stellenwert als Interpretandum doch recht gewichtig. Gewissermaßen wird hier ein Terminus technicus, eine Markenbezeichnung dessen eingeführt, was Philosophie ist, oder sein soll, und um Verwechslungen auszuscheiden, wird die MAUTHNERsche Version als divergent von der eigenen hervorgehoben.

Dies hatte nicht zuletzt zur Folge, daß die Interpreten WITTGENSTEINs zumindest von der ExistenzMAUTHNERs Kenntnis nahmen und damit das ungerechte Schweigen über diesen genialen Dilettanten wieder gebrochen wurde. WITTGENSTEIN hatte den Ausdruck "Sprachkritik" selbst zwischen Anführungszeichen gesetzt, in dem Sinne eines zitierten Ausdrucks, der bereits als bekannt vorausgesetzt wird. Was ist nun unter Sprachkritik zu verstehen und welche Rolle spielt sie in der Philosophie und alsPhilosophie?

Eine Untersuchung der Herkunftsgeschichte dieses Topos zeigt, daß sich die WITTGENSTEINsche wie dieMAUTHNERsche Theorie in einen breiteren Rahmen stellen lassen, der uns erlaubt, aus größerer Distanz die Geschichte eines Kapitels der Philosophie zu sehen, von dem viele überzeugt sind, daß es in einer Revolution der Philosophie kulminierte. Wer dieser Linie folgt, wird vermutlich davor bewahrt bleiben, die Fehlurteile über den Deskriptivismus der "philosophischen Untersuchungen" dadurch zu multiplizieren, daß man ihnen auch eine beabsichtigte Enthaltsamkeit von Kritik prädiziert (1). So als hätte sichWITTGENSTEINs programmatische Erklärung: "Alle Philosophie ist Sprachkritik" im Dunste des Weihrauchs der gewöhnlichen Sprache menschlicher Kommunikation ins Nichts aufgelöst.

Doch bevor wir uns mit diesem Interpretationsirrtum befassen, möchte ich zur Frage nach der Herkunftsgeschichte zurückkehren. Ihre Beantwortung wird angemessenerweise von MAUTHNERsAuffassung ausgehen, deren Kenntnis man bei WITTGENSTEIN (schon auf Grund des Zitates) in einem gewissen Maße voraussetzen darf. FRITZ MAUTHNER, der von sich selbst sagt (2), daß er sich viel Mühen ersparen hätte können, wäre ihm zur rechten Zeit ein wissenschaftlicher Berater zur Seite gestanden, ist nicht gerade zufällig auf die Mitglieder eines Stammbaumes der Sprachkritik gestoßen: eines Stammbaumes, der einerseits über JOHN LOCKE und THOMAS HOBBES zu den spätscholastischenNominalisten führt und andererseits über OTTO FRIEDRICH GRUPPE und FRIEDRICH H. JACOBI zuHERDERHAMANN und VICO. Es gibt eine, nur durch das wechselnde öffentliche und akademische Interesse gewissermaßen verdeckte, nahezu ununterbrochene Tradition einer Kritik der Sprache, dieMAUTHNER auch rezipiert hat und für deren Neuentdeckung in unserem Jahrhundert er, zumindest im Falle GRUPPEs, Entscheidendes geleistet hat (3).

Diese Tradition der Sprachkritik als Instrument philosophischer Analyse hat mit der nominalistischen Kritik und mit dem späteren logischen Empirismus einen Feind gemein: die metaphysische Spekulation. Daß diese eher zu einer Systematik führt, hat viele Sprachkritiker auch zu Systemkritikern, oder, wie im Falle MAUTHNERs, zu Vertretern einer Skepsis werden lassen, deren leuchtendes Vorbild HUME war. Dem Ruf "Zurück zu Kant" erwiderte daher MAUTHNER "Zurück zu Hume" und durchschaut gleichermaßen ein typisches Klischee der Beurteilung empiristischer Tradition, ein Klischee übrigens, das seine Wirksamkeit bis auf unsere Tage zu bewahren scheint: 
"Die deutsche Philosophenschule - so sagt er - hat sich daran gewöhnt, den englischen common-sense, der die englische Philosophie gerade so fruchtbar gemacht hat, über die Achsel anzusehen; wo der common-sense sich aber, wie bei HUME, mit äußerster Denktapferkeit paart, da scheint mir die Beschränkung auf wirklich psychologisches Denken, der Verzicht auf deutsche Metaphysik, doch ein Vorzug englischen Geistes." (4)
Ich selbst habe schon seit einiger Zeit die Meinung vertreten, daß die österreichische Philosophie - soweit man für eine hundertjährige Tradition einen solchen Namen verwenden darf - als ihre Lehrer nicht KANTund HEGEL, sondern MILL und HUME erwählte und in dieser Linie in allen ihren wesentlichen Gestalten "hauptsächlich empiristisch, wissenschaftlich und sprachkritisch orientiert" gewesen ist (5).

Es scheint mir daher nicht ungerechtfertigt, daß man den in Böhmen aufgewachsenen MAUTHNER trotz seines späteren Lebenslaufes dieser Tradition zuzählt, wie dies jüngst WILLIAM M. JOHNSTON in seinem kenntnisreichen und umfassenden Werk über den österreichischen Geist getan hat (6). Doch dies nur als Randnotiz zu einer künftigen Geschichte der Sprachkritik, in der z. B. auch ein Kapitel überADOLF STÖHR ebensowenig fehlen dürfte wie eines über die verschiedenen Stadien derBRENTANOSCHULE.

Allein unter den Motti des ersten Bandes der dreibändigen "Beiträge zu einer Kritik der Sprache" (1901/1902) ) von FRITZ MAUTHNER scheinen LOCKE und VICO, HAMANN und JACOBI auf, und von dem letzteren das von HAMANN herkommende Wort, daß es uns nur noch "an einer Kritik der Sprache, die eine Meta Kritik der Vernunft sein würde" fehlte. Mit diesem JACOBI-Motto ist uns eine aufschließende Analogie geboten, die Frage nach der Sprachkritik zu beantworten.

Die Kritik der Sprache soll in einem umfassenden Sinne Erkenntniskritik sein, aber eben nicht eine Kritik der "reinen Vernunft", sondern eine Kritik der sprachabhängigen, also "unreinen Vernunft", um ein Wort von GUSTAV GERBER zu verwenden, dessen Werk "Die Sprache und das Erkennen" (1884) zu den wesentlichsten Vorläufern MAUTHNERs gezählt werden muß. "KANT - so wiederholt GERBER nach hundert Jahren HAMANNs Anklage - hat die Sprache einer Kritik nicht unterzogen" (7), dieses "einzige, erste und letzte Organon und Kriterion der Vernunft", wie es in den bezeichnenden Worten des Magus des Nordens [Hamanns] heißt.

Will man jedoch die Möglichkeit und Leistungsfähigkeit des Denkens, bzw. der Erkenntnis erforschen, dann muß notwendig dieses "einzige ... Organon" mit in Frage gestellt werden. Und MAUTHNER wird nicht müde zu betonen, daß dieses Werkzeug kritisiert gehört, weil der Mensch gar keine andere Vernunft als seine Sprache hat (8), weil Sprache "untauglich für die Welterkenntnis" ist (9). Damit ist auch gleich eines der wesentlichen Resultate, ja vielleicht das wesentlichste Resultat dieses "erkenntnistheoretischen Normalismus" (MAUTHNER) ausgesprochen.

Die Begründungen, die MAUTHNER für diese These vorbringt, sind vielfältig und gehören, logisch gesehen, verschiedenen Prämissenmengen an. Eine solche wird z. B. gebildet durch das empiristisch -positivistisch motivierte Argument, daß nichts im Verstande sein kann, was nicht in den Sinnen war, d. h. daß die Erkenntnis auf sinnlichen Konstituenten beruht. ERNST MACH, auf den sich MAUTHNER stolz beruft, ist der unmittelbare Vorläufer eines solchen Sensualismus, und BERTRAND RUSSELL hat einen ähnlichen, wenngleich weniger phänomenalistischen Standpunkt vertreten und ihn auch bei seiner Traktat-Deutung auf WITTGENSTEIN projiziert (10). Die entscheidenden Prämissen bezieht MAUTHNER jedoch aus der Kritik der Sprache selbst:

Erstens ist die "Sprache mitsamt ihren allgemeinsten Formulierungen in Grammatik und Logik, mit ihren Worten oder Hypothesen ... eine zufällige Erscheinung." (11) "Die Worte der Sprache sind ... ungeeignet zum Eindringen in das Wesen der Wirklichkeit, weil die Worte nur Erinnerungszeichen sind für die Empfindungen unserer Sinne und weil diese Sinne Zufallssinne sind, die von der Wirklichkeit wahrlich nicht mehr erfahren als eine Spinne von dem Palaste, in dessen Erkerlaubwerk sie ihr Netz gesponnen hat."(12)

Wenn man sagt, daß die Sprache das Werkzeug des Denkens sei, so urteile man auf Grund einer falschen Voraussetzung, denn "Denken ist Sprechen" oder "Denken ist das Sprechen auf seinen Ladenwert hinbeurteilt."(13) Demzufolge besteht, zweitens, auch Wahrheit nicht in einer Übereinstimmung des Gesagten mit einem Sachverhalt oder der Wirklichkeit, sondern ist nur "in der Sprache zu suchen" (14). Nicht, daßMAUTHNER an diesem Punkte immer konsistent geblieben wäre. Aber auch, wenn er die Wahrheit wie üblich durch die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit bestimmt, setzt er dazu, daß auch diese wiederum nichts anderes sei als Sprache. Der tiefere Grund hierfür besteht, drittens, darin, daß die Vielheit der Sprachen und Sprachgebräuche nur das Interesse der sie schaffenden und gebrauchenden Menschen ausdrücken: "Der Mensch hat in seiner Sprache die Welt nach seinem Interesse geordnet"(15), und weil die Sprache sich viel schwieriger ändern läßt als der Mensch, ist diese Ordnung häufig nicht einmal so nützlich, wie sie sein könnte. 
"Auch die Kategorien der Grammatik, welche sich in den endlosen Zeiten der Sprachgeschichte ausgebildet haben - und welche das Kind binnen wenigen Jahren in den Formen seiner Muttersprache lernt, sind doch nur das Register eines Weltkatalogs, den die Sprache zu erreichen strebt, gewissermaßen das Alphabet, nach welchem der Realkatalog der Welt geordnet wird. Es wäre sehr unphilosophisch, an die Objektivität dieses Alphabets zu glauben." (16)
Darum ist in den Augen MAUTHNERs auch jeder Versuch, eine "Weltkatalogsprache" erfinden zu wollen, eine Utopie, die Versuche von RAIMUNDUS LULLUS, WILKINS oder LEIBNIZens von vornherein zum Scheitern verurteilt (17). Damit wäre allerdings auch das Programm des Traktats einbegriffen, insoferne es die Verwendung einer Zeichensprache proponiert, welche die "fundamentalen Verwechslungen", die durch die Umgangssprache entstehen können, ausschalten sollte. Und WITTGENSTEIN vorwegnehmend, charakterisiert MAUTHNER die Logik als inhaltsleer, als ein System von Tautologien. Aber währendWITTGENSTEIN der Überzeugung war, daß die Sätze der Umgangssprache "so wie sie sind, logisch vollkommen geordnet sind" (18) (freilich aus Gründen, die hier nicht besprochen werden können), hatteMAUTHNERs sprachkritische Untersuchung ein skeptisches Resultat: für ihn ist nicht nur das Werkzeug - unsere Kultursprachen - "zerfressen bis auf die Knochen"(19), sondern, indem die Sprache abhängig ist von der sinnlichen Erfahrung, bleibt sie selbst ein Zufallsprodukt.

Eine Erkenntnis der Außenwelt, des eigenen und des fremden Ich ist unmöglich, weil als Basis unserer Urteile nur die augenblicklichen und die ständig wandelnden sinnlichen Erfahrungen dienen und wir uns mit unserem "Wortaberglauben" nur auf Chimären und Selbsttäuschungen stützen, wenn wir die menschlichen und allzumenschlichen Begriffe und Kategorien in die Natur projizieren. Demzufolge sind nicht nur die theologischen, sondern auch die metaphysischen und im engeren Sinne ontologischen Wortverwendungen Gegenstand sprachkritischer Anatomie. "Wir müssen zurück zu HUME, um von da aus weiter zu schreiten in der erkenntnisreichen Skepsis ..." (20)

Wenn MAUTHNER von den drei Welten der Sprache spricht, der adjektivischen Welt der Gemeinsprachen, der substantivischen Welt der Metaphysik und der verbalen Welt der Wissenschaft, ist es vornehmlich die substantivische und verbale, die der kritischen Entzauberung zum Opfer fällt. Nur als ein Beispiel von unzähligen bringe ich das folgende: 
"Es gibt nichts Wirkliches, das dem Begriffe von Verstand entspräche. Es gibt nichts Wirkliches, das dem Begriffe Vernunft entspräche. Und noch weniger gibt es etwas Wirkliches, das in die beiden Wirklichkeiten Verstand und Vernunft zerfiele. Ebensowenig wie es eine Raubtierigkeit gibt und von ihr zwei Unterarten, die Katzigkeit und dieHundigkeit."(21)
Die antiplatonistische, entdinglichende Metaphysikkritik, die nur eine Konsequenz der sprachkritischen Skepsis zu sein scheint, richtet MAUTHNER durchaus konsequent auch gegen die Sprache selbst. Denn erstens existiert "die Sprache", die der Gegenstand der Forschung ist, gar nicht, auch nicht als Volkssprache. Was es gibt, sind immer nur Individualsprachen und genauer Sprachgebräuche. ,,Die Sprache ist aber kein Gegenstand des Gebrauchs (wie z.B. ein Werkzeug, R. H.), sie ist überhaupt kein Gegenstand, sie ist gar nichts anderes als ihr Gebrauch. Sprache ist Sprachgebrauch."(22)

Und, zweitens, ist sie - auch wie sie existiert - kein Mittel zur Erkenntnis und daher auch kein Mittel zur Überbrückung des erkenntnistheoretischen Abgrundes zwischen Denken und Wirklichkeit. Da der Mensch aber keine andere Vernunft besitzt als seine Sprache, ist die Kritik der Vernunft, die die Bedingungen und Grenzen des Erkennens bestimmen soll, nur als Sprachkritik möglich. Eine Veränderung der Welt ist durch sie nicht möglich. Philosophie selbst kann nichts anderes sein wollen, 
"als kritische Aufmerksamkeit auf die Sprache. Philosophie kann dem Organismus der Sprache oder des Menschengeists gegenüber nicht mehr tun als ein Arzt gegenüber dem physiologischen Organismus; sie kann aufmerksam zusehen und die Ereignisse mit Namenbenennen."(23)
Philosophie kann für MAUTHNER nicht System oder Lehre sein, sondern nur der zum Scheitern verurteilte Versuch, das Unsagbare zu sagen.

...

    Anmerkungen
    1) Vgl. HANS ALBERT, Traktat über kritische Vernunft. Tübingen 1968), Seite 145
    2) Vgl. HANS ALBERT, Traktat über kritische Vernunft. Tübingen 1968), Seite 145
    3) FRITZ MAUTHNER, Otto Friedrich Gruppe, in: Die Zukunft, Bd. 85 (1913); vgl. auch: Philosophie als Sprachkritik im 19. Jahrhundert. Textauswahl 1, Problemata. Hrsg. von HERMANN JOSEF CLOEREN, Stuttgart-Bad Cannstatt 1971.
    4) FRITZ MAUTHNER, Wörterbuch der Philosophie II, Seite 360
    5) RUDOLF HALLER, Ludwig Wittgenstein und die österreichische Philosophie. In: Philosophie in Österreich. Hrsg. von LEO GABRIEL und JOHANN MADER. Wissenschaft und Weltbild, 21. Jg. (1968)
    6) WILLIAM M. JOHNSTON, The Austrian Mind. An Intellectual and Social History 1848-1938. Berkeley-Los Angeles 1972, Seite 196 ff.
    7) GUSTAV GERBER, Die Sprache und das Erkennen (1848) p. 52; vgl. auch: Philosophie als Sprachkritik im 19. Jahrhundert, Textauswahl II, Problemata. Hrsg. von SIEGFRIED J. SCHMIDT, Stuttgart-Bad Cannstatt (1971)
    8) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache II, Seite 495; vgl. zum folgenden auch: GERSHON WEILER, On Fritz Mauthner’s Critique of Language, Mind, Vol. 67, 1958, Seite 80 ff. ELISABETH LEINFELLNER, Zur nominalistischen Begründung von Linguistik und Sprachphilosophie, Fritz Mauthner und Ludwig Wittgenstein, in Studium Generale, Bd. 22, 1969, Seiten 209-25.
    9) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I, Seite 216
    10) BERTRAND RUSSELL, Introduction zum Tractatus logico-philosophicus. London 1922; JAMES GRIFFIN, Wittgenstein’s Logical Atomism. London 1964
    11) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache III, Seite 589
    12) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache III, Seite 650
    13) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache III, Seite 19, Seite 176
    14) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I, Seite 638
    15) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I, Seite 73
    16) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I, Seite 73
    17) Vgl. RUDOLF HALLER, Das "Zeichen" und die "Zeichenlehre" in der Philosophie der Neuzeit, in: Archiv für Begriffsgeschichte, Bd. 4, 1959, Seiten 113-157
    18) LUDWIG WITTGENSTEIN, Tractatus 5.5563
    19) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I, Seite 215; vgl. zum folgenden auch Selbstdarstellung, Seite 135 ff; ferner die kurze aber sehr klare Untersuchung von GERSHON WEILER, op. cit.
    20) FRITZ MAUTHNER, Selbstdarstellung, Seite 137
    21) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I, Seite 588
    22) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I, Seite 23
    23) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I, Seite 648
_____________________________________________________________________________________________________ 
aus Rudolf Haller, in Sprachthematik in der österreichischen Literatur des 20 Jahrhunderts, Institut für Österreichkunde (Hrsg), Wien 1974

Freitag, 16. Oktober 2015

Das sprachanalytische Bauklötzchenspiel.



"Ein Gespenst geht um an Deutschlands philosophischen Seminaren: das Gespenst eines Weltsiegs der analy-tischen Philosophie und eines Massenexodus der geschlagenen kontinentalen Philosophie. Wohin zieht sie? Vorwiegend in andere Erdteile: nach Ostasien, Australien, Brasilien oder, ausgerechnet, in die Vereinigten Staaten, von denen der entscheidende Schlag gegen die kontinentaleuropäische Philosophietradition geführt wurde." 

So schrieb Manfred Frank am 24. 9. in der FAZ. "Wer heute das Markenzeichen der deutschsprachigen Philo-sophie, den deutschen Idealismus (die unmittelbar an Kant anschließende spekulative deutsche Philosophie), studieren will, wird kaum von einer deutschsprachigen Universität durch ihr Lehrangebot, geschweige durch ihre Lehrpläne dazu ermutigt. Ja, ein Student wird ernsthaft überlegen, ob er sein Interesse nicht besser in Sydney, Notre Dame, Georgetown oder Chicago wird befriedigen können. Die Universitäten zumal der Ver-einigten Staaten haben eine lange Tradition in der Aufnahme deutscher Philosophen, die sich im geistigpoliti-schen Klima ihrer Heimat unwohl fühlten oder geradezu verfolgt wurden."

Gestern brachte dieselbe Zeitung eine Replik des Berliner analytischen Philosophen Tobias Rosefeldt


Zunächst zum Faktischen: Wohl habe es einen Rückgang der Beschäftigung mit der philosophischen Tradition - Continental Philosophy heißt das auf Amerikanisch - gegeben. "Dass die Lage so dramatisch ist, wie Frank sie beschreibt, lässt sich aber mit guten Gründen bezweifeln. An den Instituten in Basel, Konstanz, Leipzig und Tübingen sind in jüngerer Vergangenheit insgesamt fünf Lehrstühle mit Philosophen besetzt worden, die ihren Forschungsschwerpunkt im deutschen Idealismus haben. Im Fall von Konstanz ist das sogar an einem traditio-nell stark analytisch ausgerichteten Institut geschehen, an dem es zuvor noch nie jemanden mit diesem Profil gab."

Doch sogleich folgt ein Satz, der schon an die philosophische Sache selber rührt: "Nimmt man zudem an (wie jeder vernünftige Mensch es tun sollte), dass die Glanzzeit der deutschsprachigen Philosophie nicht, wie Frank schreibt, der deutsche Idealismus nach Kant, sondern die klassische deutsche Philosophie seit Kant ist, dann entpuppt sich die Behauptung, dass zu dieser Epoche in Deutschland nicht mehr intensiv geforscht und gelehrt wird, als drastische Übertreibung." Zu den vernünftigen Menschen zählt er Manfred Frank dann ja wohl nicht, und ich dürfte mich auch nicht dazu zählen. Denn zwar nehme ich das Wort 'deutscher Idealismus' nur mit gespitzten Lippen in den Mund, aber das, was Manfred Frank meint, halte auch ich für den noch immer sprin-genden Punkt nicht nur der deutschen, sondern der Philosophiegeschichte überhaupt: die eine, einzige Genera-tion, in der die Philosophie im Zeichen der Kritik und der kantisch-kopernikanischen Wende stand. 

Dreißig Jahre Hegel, dann ein Vierteljahrhundert verbrannte Erde, die er und seine Gefolgsleute hinterlassen haben, danach ein gutes halbes Jahrhundert Universitätsphilosophie, von der die Neukantianer immernoch das beste Stück ausmachten - das mag es sein, was Tobias Rosefeldt unter der "klassischen deutschen Philosophie seit Kant" versteht. Dass die dem analytischen Heuschreckenschwarm nicht ganz unverdient erlegen ist, wie Rosefeldt durchblicken lässt, wird in der Tat ein vernünftiger Mensch kaum bestreiten; wohl aber seine Begrün-dung: Beschäftigung mit der Geschichte der Philosophie liefe auf sterile Philologie hinaus, und davon habe die analytische Welle so manche deutsche Universität glücklich befreit. 

Wahr ist, dass unter analytischen Auspizien mancher Student glaubt, das, was in zweieinhalb Jahrtausenden vor ihm gedacht wurde, unbeachtet liegen lassen und unbefangen ganz von vorne anfangen zu können - sofern er nur seinen Wortgebrauch hinlänglich geklärt hat. Und so "begann in jüngerer Zeit eine neue Scholastik, eher: ein neuer Wolffianismus an Deutschlands Philosophischen Seminaren. So nannte man die Philosophie, die im achtzehnten Jahrhundert im Anschluss an Christian Wolff aus Leibnizens genialen Aperçus eine zusammen-hängende, eine systematische 'Schulphilosophie' - eben eine Scholastik - zu errichten versuchte und flächende-ckend die deutschen Universitäten beherrschte. Schon damals gab es eine allgemein anerkannte Terminologie, man stritt sich um Tüttelchen von Wortdefinitionen, man spaltete die dünnsten Begriffshärchen; aber man war sich einig im Dissens, weil man die gleichen Verfahren und dieselben Definitionen benutzte." Diese Leute glaubten, alles verstanden zu haben, sobald sie es nur definieren konnten,  hat, wenn ich nicht irre, Marx einmal über jene Schule gesagt, der auch sonst auf den an deutschen Hochschulen waltenden "doktrinären Definiti-onsdünkel" nicht gut zu sprechen war.

Und genau an der richtigen Stelle fügt Manfred Frank ein: "Der scholastische Trend wird durch die Uniformie-rung und Verschulung der Studiengänge nach Bologna fast alternativlos. Statt großer Themen, statt Forschun-gen mit großem Atem ist eine Mikrologie von Argumentanalysen um ihrer selbst willen in die philosophischen Debatten eingezogen, die das Interesse gerade auch der anschlussfähig geglaubten Naturwissenschaftler ver-spielt, die Philosophie isoliert und das Gros der Studenten abschreckt oder ins Ausland vertreibt."

Dem tritt Rosefeldt mit einer kühnen Volte entgegen: "In der historischen Philosophie versucht man zu ver-stehen, was ein bestimmter Autor behauptet, wie er es begründet und ob das, was er sagt, plausibel ist. Syste-matisch zu philosophieren heißt dagegen, selbst eine philosophische Frage zu beantworten und die Schriften anderer Autoren nur dazu zu verwenden, dies auf die beste mögliche Weise zu tun. Das ist eine ganz andere Herangehensweise als die der Interpretation. ...Denn hat man einmal verstanden, was es heißt, selbst zu philo-sophieren, dann ist klar, dass man das nicht einfach mit den Worten und Methoden von Kant und Hegel tun kann. Das funktioniert so wenig, wie man heute im Stil von Beethoven Musik komponieren kann. Man braucht eine eigene Sprache, eine, deren Bedeutung so klar ist, dass sie nicht erst der Interpretation bedarf."

Wenn die Bauklötzchen nur fein säuberlich gebastelt sind, werden alle Türmchen halten, so schief sie auch wären. Das meint er im Ernst: Nicht die Welt, nicht das Leben, nicht - ach Gott - die Existenz bedürfen der Erhellung; sondern die Wörter, die man darüber sagt, müssen so sein, dass sie nicht der Interpretation bedür-fen. Er meint gar keine systematische, er meint eine lexikalische Philosophie.

Anders als Manfred Frank bin ich philologisch ganz unbeschlagen. Ich lese die Quellen, um selber etwas zu verstehen - die Texte; natürlich; aber nur, um die Themen zu verstehen, von denen sie handeln. Ganz ohne Philologie geht das nicht immer ab, aber "das dichte semantische Potential dieser Klassiker sorgt dafür, dass sich in ihnen immer wieder Neues entdecken lässt. Neues mit Wahrheitsanspruch, nicht, was von der philo-sophischen Tradition in den Staaten wegen seines 'Tiefsinns' kurzerhand verächtlich der Poesie zugeschlagen und an literaturwissenschaftlichen oder Critical-Theory-Departments behandelt wird. Neues, das die Kraft besitzt, auch das Konzert der aktuellsten Analyse noch zu innovieren."

Manfred Frank hat sich während eines ganzen akademischen Lebens ganz besonders der Philosophie der deutschen Romantik angenommen, der Philosophie, in der der Kant'sche Keim, der transzendentale Gedanke noch virulent war. Eben weil sich nicht in den akademischen Kanon eingegangen, weil sie nicht 'traditionell' geworden, weil sie kein akademisches Guthaben ist, das man bunkern kann. Von der ursprünglichen Einsicht Johann Gottlieb Fichtes, des Philosophen im Jenaer Romantiker-Kreis, "urteilte Dieter Henrich 1966, die Philosophie habe sie vergessen, mehr noch, hat sie niemals zur Kenntnis genommen". 

Es geschieht mir nicht oft, dass ich einem fremden Text vorbehaltlos zustimmen kann.
 




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE