Das poietische Vermögen.




Dies ist das Kernproblem der philosophischen Anthropologie: Wie kam der Mensch dazu, Quali- täten als wahr und wert zu nehmen, die etwas anderes sind als größere oder geringere Zweckmäßigkeit bei der Selbst- und Arterhaltung? Mit andern Worten: Wie kam der Mensch zu seinem 'poietischen', d. h. ästhetischen Vermögen?

Ein Tier nimmt all das - aber nur das - 'wahr', was ihm in der Umweltnische, in der sich und die sich seine Gattung im Laufe ihrer Naturgeschichte eingerichtet hat, für sein Überleben und seine Fortpflanzung hilfreich ist. Und was dieses oder jenes Ding ihm 'wert' ist, darüber entscheidet die Dringlichkeit, mit der im gegebenen Augenblick sein physisches Bedürfnis danach verlangt. Das alles kommt ihm als Gegebenes vor und bedarf nicht seines Urteils. Es ist, und damit gut.

In der Gefangenschaft und namentlich in der Beobachtungsstation muss das Tier fürs Leben und seine Fortpflanzung nichts von dem tun, was in freier Natur seinen Alltag erfüllt. Es ist unterbeschäftigt und hat, wie wir, Langeweile. Da nimmt es gern fremde Dinge an, die ihm von seinen Verpflegern vor-gegeben werden. Es kompensiert nur einen Mangel. 

Aber das kann es. Es hat offensichtlich Reserven,1 die unter seinen herkömmlichen natürlichen Lebensumständen ungenutzt bleiben, die ihm aber unter ungewöhnlichen Bedingungen, bei Stress, und sei es dem Stress der Langenweile, ungewohnte Leistungen erlauben. Und  halten die ungewöhnlichen Bedingungen an – warum soll die Nutzung der verborgenen Reserven, soll die außergewöhnliche Leistung nicht habituell und selber zu einem Selektionskriterium werden?

Dass also unsere Vorfahren, nachdem sie den Schritt aus der Urwaldnische in die offene Savanne einmal getan hatten, erbliche Fähigkeiten erworben haben, die sie als eine völlig neue Gattung unter den Lebewesen ausweisen, ist für sich genommen kein Mysterium. Unerklärt bleibt noch immer, warum sie diesen Schritt getan, bzw. warum ihre äffischen Vettern ihn nicht unternommen haben; und darf getrost unerklärt bleiben, denn was ist daran gelegen?

*

Die Hominisation ist als bloße Kompensation – für den Verlust der angestammten Selbstverständ- lichkeiten – nicht hinreichend verstanden. Tatsächlich handelt es sich um eine Überkompensation. Denn der selbstverursachte Mangel wird nicht aufgefüllt mit je demselben, sondern mit etwas qualitativ Neuem; eben dem, dass sich die Bedeutungen der offenen Savannenwelt nicht mehr von selbst verstanden, sondern erfragt werden mussten. Das ist nicht einfach ‚mehr‘,  es ist eine andere Dimension als die rein positive Umwelt der Tiere. 

Die Welt, in die seither die Menschenkinder hineingeboren werden, hat vom ersten Tag an und womöglich schon vorher den Charakter der Fraglichkeit. Wenn auch die moderne Hirnforschung längst nicht so viel des spezifisch Menschlichen herausgefunden hat, wie sie meint, so hat sie doch erwiesen, dass die Menschen nicht warten, bis ihnen die Außenwelt mit hartem Griffel ihre Hieroglyphen ins Gemüt ritzt, sondern ex sponte ihre eigenen Erwartungen an die Dinge tragen und achten, was sie darauf antworten.

*

Bis hier ist noch nicht ersichtlich, wie Qualitäten in Erwägung kommen können, die etwas anderes bedeuten als Bei- oder Abträge zur Art- und Selbsterhaltung. Das ist es aber, was die Anthropologie, die Wissenschaft davon, was die Menschen als solche auszeichnet, beantworten muss. Ernst Tugendhat, der die Losung Anthropologie statt Metaphysik in die Welt gesetzt hat, hat dafür leider keinen Fingerzeig gegeben, jedenfalls keinen brauchbaren. 

"In 'gut' ist der Komparativ ('besser') das Primäre. Alles, was wir gut machen, können wir besser machen. ... Das Wort 'gut' bezieht sich immer erstens auf einen Komparativ, der ein Komparativ des Vorziehens ist, und zweitens auf ein solches Vorziehen, das eine Prätention von Objektivität oder zumindest Intersubjektivität erhebt."2 Doch trotz der Prämisse der Allgemeingültigkeit bleibt er im Rahmen einer naturalistischen Voraussetzung, denn von logischem Gelten im Unterschied zu sinnlichem Sein ist auf dieser 'komparatistischen' Stufe ja gerade noch nicht die Rede; er soll im Gegenteil relativistisch erüberflüssigt werden. 

Maß für das Vorziehen ist erst noch der Erhaltungswert, und das Bessere wäre, was noch mehr zur Erhaltung beiträgt als das weniger Gute. Das Gute selbst müsste dann als Idee von der maximalen Erhaltung, dem Erhalt-an-sich aufgekommen sein. Weder die Historiker der Mentalitäten noch die Ethnologen, die in Amerika cultural anthropologists heißen, haben aber so ein geistiges Gebilde irgendwo in der Wirklichkeit auffinden können. Auffinden lässt sich allerdings, bis heute und quer durch alle Kulturen, eine Idee des Guten-an-sich. Woher mag die kommen? Aus der im Dunkel der Vorgeschichte untergegangen Idee vom Erhalt-an-sich, die irgendwann einmal aus Quantität 'in Qualität umgeschlagen' wäre? Eine solche Anleihe bei einer der dümmsten Ideen des ohnehin nicht geschätzten Hegel wird Tugendhat doch nicht machen wollen.

"In unseren Erlebnissen sind uns nur qualitative Unterschiede gegeben. Den Unterschied zwischen 'Groß' und 'Klein' erleben wir zunächst nicht anders als den zwischen rot und blau. Erst durch die Zuordnung von Zahlen zu den Erlebnissen wird ein System von Zustandsgrößen geschaffen, zwischen denen quantitative Beziehungen bestehen," sagt indessen der Positivist.Viel essen und wenig essen ist der Qualitätsunterschied von hungrig und satt.

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Für das Tier sind die Bedeutungen der Dinge immer konkret, sie bedeuten stets dies oder das, und was es ist, ist ihm durch seine physische Organisation, durch den Platz, den es in seinem Merknetz einnimmt, vorgegeben. Erkennen muss es das nicht. Es ist ihm selbstverständlich.
Ist das essbar? stellt sich dem Tier nicht als Frage. Es versucht; wenn der Versuch scheitert, lässt es von dem Ding ab. Es findet keinen Halt in seinem Merknetz – weil es sich nicht in seinem Wirknetz verfangen hat.

Beim Tier sind Merk- und Wirknetz kongruent; sie 'bedecken' dasselbe Gegenstandsfeld und bilden einen geschlossenen Funktionskreis.
 
Aber die Menschen haben sich, indem sie ihre Umweltnische verlassen hatten, auf  die Hinterbeine aufgerichtet und so das Spiel von 'Gesicht und Hand'4 begonnen. Während einerseits das überkommene Merknetz obsolet geworden war, hat sich das Wirknetz dimensional erweitert. "Ich kann mit allem was anfangen"5 – aber was?!
Der Funktionskreis ist zerrissen. Zwischen merken und wirken muss als Vermittler die (symboli- sierte) Bedeutung rücken, um den Funktionskreis neu zu schließen. Bedeutung ist ein praktisches Problem.
*

Bedeutung als geistige Dimension entsteht aus dem Mangel an ihr: als Frage. Erst im Fragemodus gibt es Bedeutung-an-sich. Das ist ein alter Hut: Verallgemeinerung, Begriff gibt es zuerst in der Verneinung. Dieses Pferd kann ich sehen, ich muss an ihm nichts begreifen. Aber 'die Pferdheit' kommt mir erst in den Blick, wenn ich nach dem suche, was dieses und jedes andere Pferd von allem unterscheidet, vor allem auszeichnet, was nicht Pferdheit ist.
Frage (und Verneinung) gibt es wiederum nur im digitalen Modus der Repräsentation; im begrifflichen Denken. Der Übergang zum begrifflichen Denken, als dem Auszeichnen von Qualitäten durch bedeutende Zeichen, setzt voraus das Identifizieren von Qualitäten; sie sind 'das, was' im Begriff dargestellt ist, sie sind das Gemeinte.
Aber auch das zeigt nur, dass Fragen, Qualitäten und Begreifen genetisch zu einander gehören. In welchen historischen Schritten sie im Einzelnen aus und durch einander entstanden sind, ist erstens nicht in Erfahrung zu bringen und zweitens unerheblich. Dass es geschehen ist, wissen wir, und das reicht.
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Aber noch immer nicht wissen wir, warum – nicht aus welchen Ursachen, sondern unter welchen Bedingungen – es geschehen konnte. -

Solange sich Alles von selbst versteht, muss ich nicht wissen, was es ist. Genauer gesagt: kann ich nicht einmal fragen, was es ist. Washeit gibt es nur als Antwort auf eine Frage.

Nachdem unsere Vorfahren ihre Urwaldnische verlassen hatten, sind die ihnen angestammten Bedeutungen entfallen. Was neu begegnete (und zuvor nicht gemerkt worden wäre), war in seiner Bedeutung – in seiner Fähigkeit, mein Leben so oder anders zu bestimmen – fraglich geworden.

Musste die Frage beantwortet werden, durch Finden und Erfinden?

Sie konnte beantwortet werden. Wer sie beantwortete und treffend beantwortete, hatte Chancen, in der Savanne zu bestehen. Alle andern mussten in den Urwald zurückkehren oder überlebten nicht. Niemand weiß, wie viele es waren. Doch wenn erstere noch so wenige gewesen wären – sie haben überlebt und sind zu unsern Vorfahren geworden.

Die Washeiten wurden zum Inventar einer offenen Welt. Mit jeder als Washeit bestimmten neuen Bedeutung hat sich der Aktionsradius erweitert und ipso facto die Frage was? erneuert. Die Frage was? ist eine Endlosschleife, sie ist es, die uns die Welt offen hält. Eine allerletzte Antwort wäre das Ende der Welt. 

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Denn die Antworten sind nun nicht länger auf die Erhaltungsfunktion eingeschränkt.  Was sich durch die Frage Ist es essbar? einmal im Merknetz verfangen hat, geht nicht dadurch verloren, dass die Frage verneint wurde. Es ist nicht essbar, was ist es dann? Diese Frage ist nicht notwendig noch irgend eine Antwort; aber möglich ist sie.
Die sie stellten und beantworteten, haben sich durch zwei Millionen Jahre besser in ihrer offenen Jäger- und Sammlerwelt behauptet als die andern. Denn als die Frage nach der Essbarkeit durch die Erfindung des Ackerbaus in den Hintergrund treten konnte, konnten die anderen Bedeutungen nun auch ins Wirknetz eingehen. So entstand Kultur.
*
Und recht besehen, haben unsere Vorfahren nicht auf den Ackerbau gewartet. Es reicht aus, dass das Leben nicht lückenlos von der Suche nach Essbarem erfüllt ist, damit Muße und Überfluss eintreten. Die Ruhepause, das Fest, bei dem die nicht konservierbaren Überschüsse verprasst werden, eröffnen einen Blick auf Qualitäten, die über den Erhaltungswert hinausreichen. Körperschmuck, Festmahl, Tanz und berauschende Getränke sind die wahren Ursprünge von Kult und Kultur. Die Kultstätte von Göbekli Tepe wurde nicht von Bauern, sondern von Jägern und Sammlern errichtet.

*) Von gr. poiein, das die Römer mit lat. ponere [s. dazu positio] wiedergegeben haben und als setzen in unsere philosophische Schulsprache eingegangen ist. Gr. poion = lat. quale ist, so schön es wäre, damit etymologisch leider nicht verwandt. 

Hypertelie nennt es Adolf Portmann
Tugendhat, Anthropologie statt Metaphysik, München 2007, S. 29; 33
Philipp Frank, Das Kausalgesetz und seine Grenzen (Wien 1932) Frankfurt a. M. 1988, S. 155
Leroi-Gourhan, Hand und Wort, Frankfurt a. M., 1984 
"Nichts kann sein, was ihm nicht etwas zu bedeuten vermag." H. G. Gadamer, Gesammelte Werke, Bd. VIII, Tübingen 1993; S. 8 







Beifall und Missbilligung.

Moulin, Objet trouvé à Pompéi

In seiner Umwelt "erscheint" dem Tier nur das, was durch seinen Platz in der ökologischen Nische "für es bestimmt" ist: seinen Stoffwechsel und seine Fortpflanzung. Für das Tier sind Bedeutung und Erscheinung ungeschieden. Genauer gesagt, "für" das Tier ist nichts. Etwas ist "da" und damit basta.

Der Mensch hat mit seinem Ausbruch in eine fremde Welt die Vorbestimmtheit alles ihm Erscheinenden verloren: Ihm "erscheint" auch das, was für Stoffwechsel und Fortpflanzung (zu einem gegebenen Zeitpunkt)ohne Bedeutung ist. Er muss Dinge selbst-bestimmen. Zuerst, ob sie für Stoffwechsel und Fortpflanzung 'in Frage kommen'. Von ihm fordert jede Erscheinung ein Urteil. Das ist die Grundbedingung des Existierens in einer Welt. Das Urteilen ist: im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung. 

So tritt er in eine apriorischen Distanz zu allem Etwas. Was erscheint, wird zu 'etwas' erst in diesem distanzierenden Akt. (Der lässt sich prinzipiell umkehren: So kann er zu "sich" in Distanz treten und zu "ich" werden.)

Die Distanz zu Dingen setzt ihn in einen Zustand der Freiheit. Sie erzwingt Abstraktion und eo ipso Reflexion. Diese Distanz macht ihn zu einem ideellen, seine physische Organisation (Folge und Voraussetzung des zur-Welt-Kommens) setzt ihn in den Zustand eines sachlichen Produzenten

Die Erfahrung mögliches Überflusses setzt ihn in Lage, zu sich, das heißt zu seinem Bedürfnis, in Distanz zu treten.

aus e. Notizbuch, 13. 3. 07


"Im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung" - da ist mir, ohne es recht zu bemerken, die anderwärts vergeblich gesuchte Herleitung unseres Geistes alias Einbildungskraft aus unserm ästhetischen alias 'poietischen' Vermögen unterlaufen. Beifall und Missbilligung erfolgen nämlich einstweilen versuchsweise: 'Ob es was taugt?' - Mal sehen, zu was.

Man muss nicht demonstrieren, dass es so kommen musste. Es reicht zu zeigen, weshalb es so kommen konnte.






Reflexion.

A. Canova, Orpheus

Eben höre ich den Einwand: Der spezifische Unterschied von menschlicher und tierischer Intelligenz läge nicht in unserer Fähigkeit zu qualifizierendem Urteil, sondern im Vermögen der Reflexion. 

Dieses folgt aber aus jener. Mit der Wahrnehmung von Qualitäten jenseits meines Erhaltungswillens habe ich von mir abstrahiert. Abstraktion und Reflexion sind aber dasselbe, mal von vorn und mal von hinten. Wenn ich von meinem Naturbedürfnis abstrahiere, muss ich mich nur umdrehen, um auf mich selbst zu reflektieren.






Das poietische Vermögen II.


'Der Mensch hat mit seinem Ausbruch in eine fremde Welt die Vorbestimmtheit alles ihm Erscheinenden verloren: Ihm "erscheint" auch das, was für Stoffwechsel und Fortpflanzung ... ohne Bedeutung ist. Er muss Dinge selbst-bestimmen. Zuerst, ob sie für Stoffwechsel und Fortpflanzung 'in Frage kommen'. Von ihm fordert jede Erscheinung ein Urteil. Das ist die Grundbedingung des Exi- stierens in einer Welt. Das Urteilen ist: im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung.' 

So habe ich gestern aus einem Notizheft zitiert und auf den ursprünglich ästhetischen Charakter des Urteilens hingewiesen: 'Beifall und Missbilligung erfolgen nämlich einstweilen versuchsweise: 'Ob es was taugt?' - 'Mal sehen, zu was.''

*

Ich hole aus.

'Beifall und Missbilligung' - damit kennzeichnet der Fichte-Schüler Herbart, der früh mit der Trans-zendentalphilosophie gebrochen hat, um zu den Eleaten (und eigentlich auch Leibniz) zurückzukehren, die Besonderheit der ästhetischen Urteilensweise. - Wie ein Kantianer unterscheidet er das Wissen nicht nach seinen Gegenständen, sondern nach der Art und Weise, wie es zustandekommt. Und zwar unterscheidet er Metaphysik und Ästhetik. Metaphysisch ist alles Wissen, das durch das An- und Ver- knüpfen von Vorstellungen zustandekommt; also das ganze Feld des diskursiven Denkens. Ästhe- tisch nennt er jene Vorstellungen, die notwendig unmittelbar mit einem Gefühl des Beifalls oder der Missbilligung begleitet sind. Ästhetische Vorstellungen im Bereich der Willensakte nennt er ethisch,Ethik ist ein Teilbereich der Ästhetik. - Dass er Fichte-Schüler war, ist kaum zu überhören, wenn er es selber auch nicht wahrhaben wollte.

Zurück zum Ur-Sprung der Menschwerdung. Der Mensch, der die Selbstverständlichkeiten seiner Urwaldnische hinter sich gelassen hatte, musste fragen. Die Frage 'Ist es dies?' 'Ist es das?' kommt nie zu einem Ende, wo alles neu ist, wäre aber nur möglich, wenn die Erinnerungen an die verlassene Umwelt bestimmt wären, aber gerade das waren sie nicht - sondern selbstverständlich. 'Kann ich es essen, kann ich es trinken' - so wie noch heute der Franzose fragt - ist eine enge Fragestellung,  aber 'Dient es meiner Selbst- und Arterhaltung?' konnte er noch nicht fragen, doch selbst auf die Frage nach der Genießbarkeit gab es nur eine Antwort: Du musst es versuchen. 

Die Versuchung ist es, die Beifall oder Missbilligung heischt, nicht das Ding. Die Frage, ob man's wagen soll, lässt sich aus Begriffen (noch) nicht entscheiden, sie muss intuitiv gefunden werden, in der Anschauung selbst. Es ist ein - ästhetisches Urteil.

*

Das ist Anthropologie, nicht Transzendentalphilosophie. Aber sie steht unter der Aufsicht der Transzendentalphilosophie. Sie hat nicht zu beweisen - aus welche Dokumenten denn? -, weshalb dieses so und nicht anders kommen musste. Sondern sie muss ausschauen, ob Bedingungen gegeben sind, an die sie sinnvoll ihre Fragen stellen kann. Die Fragen kommen woher? Aus dem, was uns phänomenal als 'das Menschliche' vorliegt. Die Bedingungen, das ist das Wenige (das aber immer mehr wird), was uns die Paläontologie versichern kann.

Wir haben gedacht, das spezifisch Menschliche, das uns phänomenal vorliegt, sei die Intelligenz. Von der wissen wir inzwischen, dass sie reichlich auch überall im Tierreich schon vorkommt, unsere Vorsprünge sind überall nur graduell. Auch dass Versuchungen an uns treten, ist nichts Spezifisches. Das wird Tieren auch passieren, und da zeigt sich, dass schon bei ihnen persönliche Lebenserfahrung ein Rolle spielt. Ansonsten sind Versuchungen für das Tier wie eine Lotterie.

Aber der Mensch will spielen. Er sucht die Versuchung, er bleibt sein Leben lang neugierig wie sonst nur die Kinder, er steht allezeit vor der Frage, ob ihn das Abenteuer lockt oder die Gefahr ihn schreckt. Früher war er Jäger. In der Arbeitsgesellschaft konnte er das nicht bleiben, darum hat sie den Phänotypus des Künstlers hervorgebracht. So kam das ästhetische Vermögen zu seinem vorläufigen Bestimmungspunkt.

Das ist die Frage und die Antwort.





Die Lücke: der springende Punkt der Hominisation.
computerworld

'Beim Tier sind Merk- und Wirknetz kongruent; sie bedecken dasselbe Gegenstandsfeld und bilden einen geschlossenen Funktionskreis. Aber die Menschen haben sich, indem sie ihre Umweltnische verlassen hatten, auf  die Hinterbeine aufgerichtet und so das Spiel von 'Gesicht und Hand' begonnen. Während einerseits das überkommene Merknetz obsolet geworden war, hat sich das Wirknetz erweitert. "Ich kann mit allem was anfangen" – aber was?!' *

Sie konnten mehr wirken, als sie merken konnten. Da klaffte eine Lücke, die nur sie selber füllen konnten. Oder leer und ungeachtet links liegen lassen: Das werden wohl die meisten von ihnen getan haben. Aber bewährt und fortgepflanzt haben sich die andern. Daraus ist unsere Gattungsgeschichte geworden.


*) aus Das poietische Vermögen in Anthropologie statt Metaphysik.





Woher stammt unser poietisches Vermögen?

Im anthropologischen Zusammenhang nenne ich das, was in der Transzendentalphilosophie Einbildungkraft heißt, das poietische Vermögen.

Historisch wird es so gewesen sein - kann es nicht anders gewesen sein als -, dass einzelne Individuen in einzelnen Momenten ihre noch brachliegenden Gehirnreserven mobilisiert und die auftauchenden Bilder zu Vorstellungen verdichtet haben. Aus solchen mannigfaltigen punktuellen Akten wird sich über die Jahrhundert- tausende ein gemeinsames Vermögen entwickelt haben, das seinerseits gattungsbildend wirkt: Aus dem explorierenden Mitteilen und Austauschen individueller Vorstellungen musste sich ein allgemeiner Fundus - "Symbolnetz" - bilden, der den weniger erfindungsreichen Individuen den Zugang zur vorstellenden Tätigkeit nahegelegt und erleichtert hat: "Aufforderung " nennt es Fichte.

(Nota: Es geht ganz ohne Metaphysik.)





Das Bedürfnis ist thetisch.

 

'Bedürfnis' ist bei Marx eine dynamische Kategorie. Es ist das poietische Vermögen, durch welches das Subjekt sich selbst als Subjekt 'setzt': 

1. Landläufig ist 'Bedürfnis' ein Mangel, der aufgefüllt, ein Loch, das noch gestopft werden muss. Je bedürftiger der Mensch, umso ärmer. Aber nicht bei Marx: "Der Reichtum besteht stofflich betrachtet nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse." Grundrisse, S. 426. Bedürfnis ist kein Mangel, sondern ein Vermögen

2. Die Erzeugung des neuen Bedürfnisses "ist die erste geschichtliche Tat": Deutsche Ideologie (Feuerbachkapitel), MEW 3, S. 28. Einige Zeilen zuvor hatten Marx/Engels schon einmal eine 'erste geschichtliche Tat' vermerkt, nämlich den Gebrauch von Werkzeugen. Zwar nicht logisch, aber doch historisch verstanden, läuft es freilich auf dasselbe hinaus. Es sind die Erfindung und der Gebrauch von Werkzeugen, die es dem Menschen erlauben, sein vor-gesetztes Naturbedürfnis über-zu-erfüllen – und Raum schaffen für das Erfinden neuer Bedürfnisse. "Ihre Bedürfnissse, also ihre Natur", heißt es später in der Deutschen Ideologie, und von einer selbsterzeugten Natur ist also die Rede: generatio aequivoca.*

'Bedürfnis' nimmt bei Marx systematisch denselben Platz ein wie bei Fichte Trieb bzw. Streben, und entspricht der Husserl'schen Intentionalität.**

*) MEW 3, S. 44  

in 2010

**) Und nicht zu vergessen: Platos Eros, der ewig 'nach Schönheit strebt, weil er sie nicht hat'.


Zählen und messen und werten und schätzen.

S. Hofschlaeger, pixelio.de

"[Dieser Gedanke ... setzt als selbstverständlich voraus, daß Qualität und Quantität Grundeigen- schaften der wirklichen Naturvorgänge sind. Das ist aber eine durchaus oberflächliche Anschau- ung.] In unseren Erlebnissen sind uns nur qualitative Unterschiede gegeben. Den Unterschied zwischen 'Groß' und 'Klein' erleben wir zunächst nicht anders als den zwischen rot und blau.**  Erst durch die Zuordnung von Zahlen zu den Erleb- nissen wird ein System von Zustandsgrößen geschaffen, zwischen denen quantitative Beziehungen bestehen." 
Philipp Frank, Das Kausalgesetz und seine Grenzen (Wien 1932)*

Erst die Arbeitsgesellschaft hat Messen und Kombinieren so in den Vordergrund treten lassen, daß der eigentlich-poietische 'Anteil' des Geistes - der eigentlich sein Grund ist - als ein uneigentliches Residuum in den Hintergrund tritt. Vollends mit dem Beginn der industriellen Kultur, wo Fragen nach dem "Wesen" (quale) im Zuge der 'Entmythologisierung' und 'Entzauberung der Welt' als "metaphysisch" direkt abgewiesen werden. Das postmoderne "Anything goes" ist nur der Punkt auf dem i. Es ist überhaupt nicht "post". Es verweist die Frage nach den Qualitäten endgültig unter die Spielereien; freilich - wenn sie "funktionieren", why not?

Dieses "Residuum" wird 'bestimmt' (ex negativo: als das uneigentlich-Überschüssige) als "das ästhetische Erleben".

Daher die Unmöglichkeit, das Ästhetische positiv zu "definieren": Es ist eben nicht "positiv", sondern negativ bestimmt: als Ausschluß von dem, was für die Welt der Arbeit "nicht nötig" ist. Im Laufe der Entfaltung der Arbeitsteilung und galoppierend seit der Industrialisierung wurde das immer mehr. 

Nota. - Die Bereitschaft, Bedeutungen zu erfinden über das unbedingt Nötige hinaus - Abenteuer, Spiel, Risiko - ist stammesgeschichtlich auf der männlichen Seite der Gattung stärker ausgeprägt; weshalb der Umstand, daß allein diejenige Gattung, wo das Männliche einen relativ autonomen 'Stand' erworben hat, diejenige war, die den Sprung in die Welt gewagt hat. Und weshalb die 'ästhetischen' Tendenzen bis auf den heutigen Tag im männlichen Teil stärker ausgeprägt sind als im weiblichen. (Sollte sich das künftig ändern, tant mieux.) 

*) neu Ffm. 1988, S. 155

aus e. Notizbuch, 14. 7. 2005





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