Freitag, 28. Februar 2014

Das bloße Erkenntnisvermögen: der Verstand.


Peter Habereder  / pixelio.de

Man kann das Vermögen der Erkenntnis aus Prinzipien a priori die reine Vernunft, und die Untersuchung der Möglichkeit und Grenzen derselben überhaupt die Kritik der reinen Vernunft nennen: ob man gleich unter diesem Vermögen nur die Vernunft in ihrem theoretischen Gebrauche versteht, wie es auch in dem ersten Werke unter jener Benennung geschehen ist, ohne noch ihr Vermögen, als praktische Vernunft, nach ihren besonderen Prinzipien in Untersuchung ziehen zu wollen. 

Jene geht alsdann bloß auf unser Vermögen, Dinge a priori zu erkennen; und beschäftigt sich also nur mit dem Erkenntnisvermögen, mit Ausschließung des Gefühls der Lust und Unlust und des Begehrungsvermögens; und unter den Erkenntnisvermögen mit dem Verstande nach seinen Prinzipien a priori, mit Ausschließung der Urteilskraft und der Vernunft (als zum theoretischen Erkenntnis gleichfalls gehöriger Vermögen), weil es sich in dem Fortgange findet, daß kein anderes Erkenntnisvermögen, als der Verstand, konstitutive Erkenntnisprinzipien a priori an die Hand geben kann.
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Kant, Kritik der Urteilskraft, Vorwort zur 1. Ausgabe [1790]; A IIIf. 


Donnerstag, 27. Februar 2014

Es gibt kein Verhältnis "an sich".


AP / Martin Meissner

Wo ein Verhältnis existiert, da existiert es für mich, das Tier "verhält" sich zu Nichts und überhaupt nicht. Für das Tier existiert sein Verhältnis zu andern nicht als Verhältnis.

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Marx und Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3, S. 30 


Nota.

Will sagen: Zwei können sich nicht zu einander "verhalten", ohne davon zu erfahren. - Es stimmt wohl auch andersrum: Sie können nicht voneinander erfahren, ohne sich zu verhalten.
JE

Mittwoch, 26. Februar 2014

Das Sehnen nach Gleichheit.



Keine lauere und flauere Empfindung wäre möglich als wenn alle Menschen sich einander eins oder auch nur gleich wähnten. Die schwungvollste Empfindung, die der amour-passion, besteht gerade im Gefühl der größten Verschiedenheit. 
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Friedrich Nietzsche, Fragmente I[25]

Dienstag, 25. Februar 2014

Genie.


Moni Sertel  / pixelio.de

Das Genie [ist] wie ein blinder Seekrebs, der fortwährend nach allen Seiten tastet und gelegentlich etwas fängt: er tastet aber nicht, um zu fangen, sondern weil seine Glieder sich tummeln müssen.
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Nietzsche, Fragmente 1 [53]

 

Montag, 24. Februar 2014

Wie scharf soll man die Einzelwissenschaften von einander trennen?


duxschulz  / pixelio.de

Die Frage ist nicht, ob "man" die Wissenschaften trennen kann, sondern ob nicht gewisse Wissenschaften "von selbst" von andern Wissenschaften getrennt sind.

Gewiß, wenn man von vorneherein alle Gegenstände, die man möglicherweise vorfinden kann, dogmatisch in die Rubriken "Geisteswissenschaften" und "Naturwissenschaften" einteilt, verfällt man in einen logischen Zirkel, indem man das, was man vorher hineingesteckt hat, notwendigerweise hinten wieder heraus analysiert.

Darum wurde vorgeschlagen, die Wissenschaften in "nomothetische" (=solche, die auf die Formulierung allgemeiner Gesetze abzielen) und in "idiographische" (=solche, die das je einzeln Gegebene beschreiben) zu unterteilen. Aber das ist keine Unterscheidung der Gegenstände "a priori", von vornherein und durch bloße logische Konstruktion, sondern eine Unterscheidung im nachhinein: Welche Gegenstände haben sich tatsächlich für die Behandlung nach der einen Methode, und welche haben sich für die andere Methode tauglich erwiesen?

...Denn natürlich geht es den Naturwissenschaften um das Formulieren allgemeingültiger Gesetze und nicht um die Darstellung eines tatsächlich vor ihr liegenden ("Natur"-) Objekts. Darum löst sie ja die Gegenstände zuerst aus ihrer natürlichen Umgebung heraus und versetzt sie in eine künstliche Labor-Situation, wo ein jedes Ding nicht mehr als es selber, sondern bloß als Vertreter seiner Gattung erscheint. Man hat es also durch das bloße experimentelle Verfahren definiert als eines, das... einer Gattung zugehört!

Das kann man mit historischen Ereignissen, mit gedanklichen Gebilden (also mit philosophischen "Systemen), mit Kunstwerken und sozialen Situationen nicht machen. Die kann man höchstens, nach erschöpfender "idiographischer" Bearbeitung, je nach den Ergebnissen wegen ihrer mehr oder weniger großen Ähnlichkeiten in Gruppen zusammenfassen. Aber daraus lassen sich nachträglich keine "Gesetze" rekonstruieren, denn die könnten ja nur... die eigene Vorgehensweise betreffen!

Wenn irgendeine Denkfigur oder ein Vorstellungsschema aus einer Geisteswissenschaft (z.B. Philosophie) in einer naturwissenschaftlichen Disziplin (z.B. Mikrophysik) wiederauftaucht, oder umgekehrt: dann handelt es sich immer nur um eine Analogie, die unser Vorstellungsvermögen zum Weiterdenken anregen mag, aber nie um eine Identität, aus der sich ihrerseits wissenschaftliche Schlüsse ziehen ließen.


 ... Die Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften stammt von Wilhelm Dilthey. Der war kein Dummkopf und wußte ziemlich viel. Wie manchem anderen ist ihm aufgefallen, daß das Wort Wissenschaft "irgendwie" je nach Disziplin in deutlich verschiedenem Sinn verstanden wird. Das hat er zu klären versucht, indem er die (bestehenden!) Wissenschaften nach ihren Gegenständen in solche unterschied, in denen sich der Mensch mit den Dingen außer ihm beschäftigt, und solche, wo er sich mit sich selbst und seinen Werken befaßt.

Das Problem war, daß sich damit eine klare Grenzlinie gar nicht, wie er dachte, ziehen ließ.* Auch Dilthey hatte seinen Kant gelesen und mußte zugeben, daß sich in den "Naturwissenschaften" der Mensch nicht mit den Dingen beschäftigt, wie sie an sich sind, sondern mit den Dingen, wie er sie sich zurechtkonstruiert hat. Durch- führen läßt sich seine Unterscheidung nur dann, wenn man das, was man herausfinden will, klammheimlich vorneweg schon vorausgesetzt hat.

Darum hat der Neukantianer Wilhelm Windelband die Unterscheidung von Nomothetisch und Idiographisch eingeführt. Natürlich hatte er dieselben (bestehenden) Wissenschaften im Auge wie Dilthey: Was haben Chemie und Physik gemein, und was unterscheidet sie gemeinsam von Philosophie und Geschichte - und was haben letztere gemeinsam? Natürlich kann man die Liste ausweiten, aber um wen es geht, weiß man schon irgendwie.

Die neue Formulierung Windelbands bezog sich daher nicht auf die Gegenstände (die man so sauber gar nicht trennen kann), sondern auf die Erkenntnisziele und die jeweils ihnen entsprechenden Verfahren.


Ich hoffe, jetzt ist es klarer. Wenn Du meinst, Kunst und Geschichte hätten "mit dieser Art Wissenschaft nichts zu tun", dann hattest Du es aber schon beim erstenmal richtig verstanden: Genau das wollte ich sagen. Und Philosophie genausowenig! Die hat - seit der Kant'schen Revolution - ausschließlich mit dem Erzeugen und den Erzeugnissen unserer Vorstellung zu tun. Von den Dingen "an sich" weiß sie gar nichts. Sie ist eine Kritik unseres Vernunftgebrauchs und lehrt uns, daß die begrifflichen Spekulationen gar nichts zur Naturerkenntnis beitragen, und daß uns die Naturwissenschaften keinen Deut weiterbringen, wo es um den Sinn der Sache(n) geht.

aus einen Online-Forum,  24.09.07 


*Nota. - Am deutlichsten wird es an der Mathematik. Sie ist die Voraussetzng aller Naturwissenschaften, aber sie ist eine Konstruktion von Menschen und wäre nach Diltheys Unterscheidung eine Geisteswissenschaft. Nach Windelband ist sie die nomothetische Disziplin par excellence.

Und auch die Philosophie beschäftigt sich mit 'Gesetzmäßigkeiten', nämlich mit dem, was 'so und nicht anders sein muss', und nicht mit (stets kontingenten) Einzeldingen. Bei Dilthey aber ist sie - die Geisteswissenschaft par excellence.

Feb. 2014




Samstag, 22. Februar 2014

Ästhetik und Vorstellungsökonomie.


smart wizard, pixelio.de                                                                                                                 aus Rohentwurf

Das Ästhetische steht eo ipso in Gegensatz zum diskursiven Denken – insofern jenes Ökonomie der Vorstellung ist; nämlich als Produktion von bezweckten Ergebnissen ('Schlüssen') aus vorliegendem Stoff ('Gründen'), und zwar sparsam: die Gründe müssen zureichen, aber man bemüht davon nicht mehr als nötig; beides zusammen: das Argument muß zwingend sein. Denn das bedeutet: jederzeit reproduzierbar. 

Sieht man ab zuerst auf die Zwecke der Vorstellung, ergibt sich das Bild der Teleologie. Sieht man dagegen ab auf die hinreichenden Gründe, ergibt sich das Bild der Kausalität – beide sind Vorder- und Rückseite desselben Vorstellungskomplexes, der sich, d. h. den wir Rationalität nennen. In jedem Fall geht es um das Hervorbringen, Ableiten oder Konstruieren der Vorstellungsgehalte; nicht, wie im ästhetischen Erleben, um wahr&wertnehmen uno actu. Darum kann man es, anders als jenes, wollen – und muß es wollen, weil es "nicht von alleine kommt".*


Nachtrag, Feb. 2014

In der westlichen Kultur sind Reflexion und Rationalität und Ökonomie der Vorstellung geradezu habituell geworden, und fast möchte man meinen, sie wären es, die heute "von alleine kommen". Zur ästhetischen Betrachtung muss man sich dagegen beinahe zwingen, indem man sich dafür "die Zeit nimmt"...


Philosophische Romantik.

CFalk, pixelio.de

 ... Kanonisch wurde Schlegels 'Fragment', wonach die Grundtendenzen des (damals) bevorstehenden neuen Jahrhunderts benannt wurden als "die französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre und Goethes Wilhelm Meister". 'Wissenschaftslehre' - das sollte die Vollendung und Radikalisierung von Kants kritischer Philosophie werden, und ihr Dreh- und Angelpunkt ist allerdings 'das Ich', aber ganz und gar nicht Jenes, was sich zweihundert Jahre später "selbstverwirklichen" will - das ist immer nichts als das "Bedürfnis" -, sondern der praktische, nämlich zum Handel aus Freiehit verurteilte Anfangsgrund des Wissens. Nicht, wohlbemerkt, des bauchigen Ahnens und Wähnens.
 

Wahr ist allerdings, dass das nur für den - sehr kurzen, aber sehr steilen - aufsteigenden Ast der Romantik gilt. Nämlich ziemlich genau bis zur Jahreswende 1799/1800. Was danach kam, war eine lange, zählebige Abstiegszeit, die zwar literarisch außerordentlich fruchtbar war - vielleicht die fruchtbarste Literaturepoche aller Zeiten und Länder. Die aber im wesentlichen von dem Gedankenreservoir zehrte, das in den Aufbruchsjahren angelegt worden war. Zehrte, indem sie sie zur Unkenntlichkeit parodierte...
 

Es war nicht nur politisch, sondern eben auch geistig die Wende von der Revolutions- zur Restaurationsepoche, und was als Romantik begonnen hatte, idyllisierte sich langsam, aber sicher zum Biedermeier. All die organologischen, "ganzheitlichen" Schwärmereien, die sich heute romantisch wähnen, sind in Wahrheit Kinder der biedermeierlich beschaulichen, obskurantistischen deutschen Innerlichkeit. Wenn es da eine Parallele zu dem Aufbruch um 1968 gibt, dann ist es diese!

Die Romantik, als sie noch jung und nicht vergreist war, war bissig, kritisch, zersetzend und nihilistisch, und dabei fröhlich und heldisch und hatt' ihr Sach auf Nichts gestellt und war so wohl ihr in der Welt. 


aus e. online-Forum, 19. 9. 07:

Freitag, 21. Februar 2014

Das Einfache ist einseitig - mit Absicht.


wandersmann, pixelio.de

Einfachheit ist kein Attribut des Wirklichen. Im Gegenteil, auszeichnendes Merkmal der Erscheinungswelt ist - von den Eleaten bis Kant - das Mannigfaltige. Das Einfache 'gibt es' immer nur als Erzeugnis einer Denkarbeit. Es ist Ergebnis des Prozesses von Reflexion und Abstraktion. Es handelt sich wohlbemerkt um ein und denselben Prozess: Wer auf das eine absieht, sieht dabei von dem andern ab.

Das Ein/fache, das dabei zustande kommt, ist ein Ein/seitiges, gewiss doch. Denn es ist Resultat einer Absicht. Ist die Absicht gerechtfertigt, so ist es auch die dazu gehörige Einseitigkeit. 'Kritisch'  ist das Denken nicht, wenn es Einseitigkeit vermeidet; denn ohne Vereinfachung ist gar kein Denken. Sondern indem es die zu Grunde liegende Absicht ausspricht und ihre Berechtigung prüft. Rechtfertigen kann sich die Absicht aber wieder nur durch ihr Ergebnis.

2007

Donnerstag, 20. Februar 2014

Recht verstanden.


w.r.wagner, pixelio.de
 
So lange euch diese Sätze noch irgendwie paradox klingen, habt ihr sie nicht verstanden. Sie müssen euch überflüssig und allzuklar erscheinen: Man kann nicht leicht genug darüber nachdenken.
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Fr. Nietzsche, Fragmente I [37]






Mittwoch, 19. Februar 2014

Freiheit ist Anfang und Ende der Philosophie.


New York, Central Park

Der letzte Punkt, an dem unser ganzes Wissen und die ganze Reihe des Bedingten hängt, muß schlechterdings durch nichts weiter bedingt sein. Das Ganze unsers Wissens hat keine Haltung, wenn es nicht durch irgend etwas gehalten wird, das sich durch eigene Kraft trägt, und dies ist nichts, als das durch Freiheit Wirkliche. Der Anfang und das Ende aller Philosophie ist – Freiheit!
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F. W. J. Schelling, Vom Ich als Prinzip der Philosophie, [1795] § 6


Nota.

Das ist ein analytischer, kein synthetischer Satz. Wenn unser ganzes Wissen und die ganze Reihe des Bedingten einen festen Grund haben sollen, kann es nur einer sein, der sich durch eigene Kraft trägt, und dies ist nichts, als das durch Freiheit Wirkliche. Wahr ist er aber nur, sofern er sich bewährt.
JE

Dienstag, 18. Februar 2014

Das Sehnen nach Gleichheit.


Keine lauere und flauere Empfindung wäre möglich als wenn alle Menschen sich einander eins oder auch nur gleich wähnten. Die schwungvollste Empfindung, die der amour-passion, besteht gerade im Gefühl der größten Verschiedenheit. 
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Friedrich Nietzsche, Fragmente I[25] 


Montag, 17. Februar 2014

Unsere Welt und die meine.


  

Alles, was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, lässt sich auch bestimmen; nämlich in das allgemeine Bedeutungsgeflecht einpassen, wo Jedem seine Bedeutung durch die Bedeutung aller Andern zugewiesen wird. Reflektieren heißt nichts anderes als: seinen Platz im großen Verweisungszusammenhang aufsuchen.

Was bestimmt ist, kann Bestandteil einer Wissenschaft werden – weil sich sein logischer Zusammenhang demonstrieren und Einverständnis erzwingen lässt. Was demonstriert werden kann, lässt sich erlernen. Was dagegen ‘durch meine Freiheit möglich’ wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muss es erfinden und mir ein-bilden. Einverständnis der andern kann ich nicht erzwingen, sondern höchstens ihren Beifall heischen: sie animieren, meine ‘Anschauung’ nach-zu-erfinden.

Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muss man verführen, und das ist Kunst. Gegenstand von Wissenschaft kann es nur idiographisch werden: kritisch und historisch.

Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Realitätsgrad als die Dinge. Sie ’sind’ ja nur, sofern ich sie gelten lasse. Denn der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann (Max Scheler); auch dazu: den Meinungen der Andern. Fragen können heißt, ja oder nein sagen können.

Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch. Dass ich überhaupt darauf komme, die Daten, die mir meine Sinne melden, zu einer “Welt” zu konstruieren, liegt allein daran, dass ich in die Welt der Andern hineingeboren bin. Und dass ich vor diesem Horizont meine Welt konstruiere, liegt daran, dass es meine Sinne sind, die mir ‘Daten’ gemeldet haben, und dass ich sie zu einander fügen muss. Dass ich meine Welt konstruieren muss, liegt an den Andern. Dass es diese Welt sein wird, liegt… an meinen Sinnes-Daten, die dadurch, dass ich eine Welt aus ihnen baue, zu meinen überhaupt erst werden! “Ich” konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich. 

Und in dem Maße, wie ich hernach meine Welt mit der Welt der Andern ins Benehmen setze, werde ich Verstand beweisen, Ernst des Lebens, Sozialkompetenz und so weiter. Wie weit ich die eine von der andern durchdringen lasse, entscheidet darüber, wohin ich mein Leben führen kann und wo ich scheitern muß.


X. Es fällt schwer, eine Welt anders als in räumlichen Metaphern zu beschreiben - so als ob sie nur eine erweiterte Nische wäre. Aber der Unterschied zwischen der Welt und einer Umwelt ist kein topischer, sondern ein dimensionaler. Ebenso der zwischen meiner Welt und unserer Welt.

Unsere Welt besteht aus allem, was symbolisiert ist. Als solche ist sie aber nur virtuell, "auf Abruf": Nur wenn die Symbole durch Verstehen aktualisiert werden, "ist" unsere Welt.47 Theoretisch könnte unsere Welt restlos in der meinen aufgehen, praktisch kann sie es nicht, und zwar grundsätzlich. Unsere Welt, in der Wasser trinkbar ist und man damit Kaffee kocht, ist einigen Milliarden Menschen zugänglich. Unsere Welt, in der Wasser durch H2O symbolisiert ist, steht nur noch einigen hundert Millionen offen. Die Wissenschaften, unsere Welt par excellence, sind in ihren jeweiligen Spitzen gerade einer Handvoll Leute zugänglich, die ihr ganzes Leben darauf verwendet haben - jeder auf die seine. Weil meine Lebenszeit begrenzt ist,48 kann die ganze Wissenschaft in meiner Welt grundsätzlich nur als Erzählung vorkommen.49 

 

Meine Welt "ist" auch in unserer Welt. Zum Beispiel ist die Welt eine ganz und gar andere, je nachdem, ob der-die-das Geliebte darin vorkommt oder nicht. Für unsere Welt macht das keinen Unterschied - nämlich nicht für die andern. Aber für mich macht das gerade in unserer Welt den entscheidenden Unterschied, weil ich nur dort auch in seiner Welt bin. Doch kann meine Welt, so wahr sie meine ist, auch theoretisch nicht restlos in unserer Welt aufgehen, das ist der springende Punkt, denn darum bin ich Ich. Das ist keine Sache der Tiefenpsychologie: dort kann es Erfahrungen geben, sogar (wenn auch nicht eindeutig) mitteilbare.50 Keine Erfahrung kann ich haben von meinem Denken, bevor ich es durch Symbolisieren festgestellt habe. Ich kann nur rekonstruieren, "wie es gewesen sein muß", indem ich es so beschreibe, wie es gewesen wäre, wenn es in unserer Welt stattgefunden hätte, als Schema.

Das ist Transzendentalphilosophie. Kein Tatsachenerweis, sondern eine Sinnbehauptung. Ein endgültiger und "letzter Mythos" - die "Geschichte, die von dem spielenden oder abenteuernden oder bildnernden Ursubjekt handelt".51 


47 Die Kunst ist in unserer Welt, muß aber nicht verstanden werden. Der andere Grenzfall ist das Internet.
48 Von meinem Verstand rede ich nicht.
49 Kann es eine "Privatsprache" geben - ein privates Symbolsystem, das ‚die Welt bedeutet’? Über unsere Welt muß ich mich mit mir nicht verständigen, sondern mit Anderen. Und meine Welt muß niemand verstehen.
50 Eine bekannte tiefenpsychologische Richtung will das Unbewußte als Gegenstand naturwissenschaftlicher Analyse zum Bestandteil unserer Welt machen; aber nicht so ganz: Sie schiebt als Bedingung eine persönliche Initiation dazwischen.
51 Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos, Ffm. 1999, S. 295f.
 

Die Liebhaberei fürs Absolute.



26. Hat man nun einmal die Liebhaberei fürs Absolute und kann nicht davon lassen: so bleibt einem kein Ausweg, als sich selbst immer zu widersprechen, und entgegengesetzte Extreme zu verbinden. Um den Satz des Widerspruchs ist es doch unvermeidlich geschehen, und man hat nur die Wahl, ob man sich dabei leidend verhalten will, oder ob man die Notwendigkeit durch Anerkennung zur freien Handlung adeln will.
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Novalis, Blütenstaub, in Athenaeum


 

Sonntag, 16. Februar 2014

Philosophieren nach dem Schul- und nach dem Weltbegriff.


museum koenig

...Bis dahin ist aber der Begriff von Philosophie nur ein Schulbegriff, nämlich von einem System der Erkenntnis, die nur als Wissenschaft gesucht wird, ohne etwas mehr als die systematische Einheit dieses Wissens, mithin die logische Vollkommenheit der Erkenntnis zum Zwecke zu haben. Es gibt aber noch einen Weltbegriff (conceptus cosmicus), der dieser Benennung jederzeit zum Grunde gelegen hat, vornehmlich wenn man ihn gleichsam personifizierte und in dem Ideal des Philosophen sich als ein Urbild vorstellte. In dieser Absicht ist Philosophie die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft (teleologia rationis humanae), und der Philosoph ist nicht ein Vernunftkünstler, sondern der Gesetzgeber der menschlichen Vernunft. In solcher Bedeutung wäre es sehr ruhmredig, sich selbst einen Philosophen zu nennen, und sich anzumaßen, dem Urbilde, das nur in der Idee liegt, gleichgekommen zu sein. 

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Kant, Kritik der reinen Vernunft, A 839 


Nota.

Kant ist aktueller, als sich mancher träumen lässt. Den Satz von "einem System der Erkenntnis, die nur als Wissenschaft gesucht wird", hat Kant zu seiner Zeit vielleicht (oder doch?) noch nicht so polemisch gemeint, wie man ihn heute, angesichts der von Bologna auf die Spitze getriebenen Philologisierung und Selbstbezüg- lichkeit eines akademischen Fachs, verstehen könnte. Er hat umso mehr Recht, als einer heute eher noch als je zuvor als "ruhmredig" erscheinen muss, der sich mehr vornimmt - nämlich eine "Beziehung aller Erkenntnis auf die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft". 

Nichts Neues unter der Sonne? Oder bedeutet die Zuspitzung des Widerspruchs (i. e. das Raumgreifen des akademischen Getriebes), dass der Knoten bald platzen muss?
JE

Samstag, 15. Februar 2014

Die Zweckmäßigkeit der Natur ist eine nützliche Fiktion.


Jan Gossaert Mabuse,  Porträt eines Bankiers, um 1530,

Wir finden nämlich in den Gründen der Möglichkeit einer Erfahrung zuerst freilich etwas Notwendiges, nämlich die allgemeinen Gesetze, ohne welche Natur überhaupt (als Gegenstand der Sinne) nicht gedacht werden kann; und diese beruhen auf den Kategorien, angewandt auf die formalen Bedingungen aller uns möglichen Anschauung, sofern sie gleichfalls a priori gegeben ist. Unter diesen Gesetzen nun ist die Urteilskraft bestimmend; denn sie hat nichts zu tun, als unter gegebenen Gesetzen zu subsumieren. Z. B. der Verstand sagt: Alle Veränderung hat ihre Ursache (allgemeines Naturgesetz); die transzendentale Urteilskraft hat nun nichts weiter zu tun, als die Bedingung der Subsumtion unter dem vorgelegten Verstandesbegriff a priori anzugeben: und das ist die Sukzession der Bestimmungen eines und desselben Dinges. Für die Natur nun überhaupt (als Gegenstand möglicher Erfahrung) wird jenes Gesetz als schlechterdings notwendig erkannt. ...

So muß die Urteilskraft, die, in Ansehung der Dinge unter möglichen (noch zu entdeckenden) empirischen Gesetzen, bloß reflektierend ist, die Natur in Ansehung der letzteren nach einem Prinzip der Zweckmäßigkeit für unser Erkenntnisvermögen denken, welches dann in obigen Maximen der Urteilskraft ausgedrückt wird. Dieser transzendentale Begriff einer Zweckmäßigkeit der Natur ist nun weder ein Naturbegriff, noch ein Freiheitsbegriff, weil er gar nichts dem Objekte (der Natur) beilegt, sondern nur die einzige Art, wie wir in der Reflexion über die Gegenstände der Natur in Absicht auf eine durchgängig zusammenhängende Erfahrung verfahren müssen, vorstellt, folglich ein subjektives Prinzip (Maxime) der Urteilskraft; daher wir auch, gleich als ob es ein glücklicher unsre Absicht begünstigender Zufall wäre, erfreuet (eigentlich eines Bedürfnisses entledigt) werden, wenn wir eine solche systematische Einheit unter bloß empirischen Gesetzen antreffen: ob wir gleich notwendig annehmen mußten, es sei eine solche Einheit, ohne daß wir sie doch einzusehen und zu beweisen vermochten. 
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Kant, Kritik der Urteilskraft, V: Das Prinzip der formalen Zweckmäßigkeit der Natur ist ein transzendentales Prinzip der Urteilskraft
 

Freitag, 14. Februar 2014

Tätigkeit ist die eigentliche Realität.


Courbet, Holzfäller

Tätigkeit ist die eigentliche Realität. (Weder Gegenstand noch Zustand sind allein rein zu denken. Durchs Reflektieren mischt sich das  Entgegengesetzte hinein und selbst schon durchs Streben – Begehren – denn beides sind identische Handlungen Der Begriff der Identität muss den Begriff der Tätigkeit enthalten – des Wechsels in sich selber. Zwei Zusammengesetzte sind die höchste Sphäre, zu der wir uns erheben können.)

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Novalis, "Fichte-Studien", in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 83


Donnerstag, 13. Februar 2014

Der Glaube an sich.


Caravaggio, Narciso

284  Wenige Menschen überhaupt haben den Glauben an sich: — und von diesen Wenigen bekommen ihn die Einen mit, als eine nützliche Blindheit oder theilweise Verfinsterung ihres Geistes — (was würden sie erblicken, wenn sie sich selber auf den Grund sehen könnten!), die Anderen müssen ihn sich erst erwerben: Alles, was sie Gutes, Tüchtiges, Grosses thun, ist zunächst ein Argument gegen den Skeptiker, der in ihnen haust: es gilt, diesen zu überzeugen oder zu überreden, und dazu bedarf es beinahe des Genie's. Es sind die grossen Selbst-Ungenügsamen.

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Fr. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Mittwoch, 12. Februar 2014

“Ich weiß nichts.”


Johann Gottfried Schadow, Sokrates im Kerker

Der Satz 'ich weiß nichts' ist offenbar ein Widerspruch in sich. Er setzt sich aus zwei Aussagen zusammen: 1) Ich weiß etwas; und 2) dieses Etwas ist Nichts. Doch wenn Nichts nichts ist, kann ich davon nicht Etwas wissen. Wir wissen immer entweder Etwas, oder wir wissen Etwas nicht. Schon die Kinder wenden ein: Wenn ich Nichts weiß, dann weiß ich zumindest Dieses. Nämlich mindestens, was Wissen ist! Aber dann darf ich nicht mehr sagen, dass ich das nicht weiß. Wissen und Nichtwissen sind logisch nicht gleichrangig; nicht 'gleich-ursprünglich'. Dass 'Wissen ist', ist allezeit vorausgesetzt. Es "kommt vor", dass ich nicht weiß, was dieses oder jenes ist; aber das weiß ich. Der Gegenpol zu Wissen ist nicht Nichtwissen, sondern Fragen.

Dass wir 'etwas wissen', ist eine empirische Tatsache, oder eine phänomenale Gegebenheit; es "kommt vor"… Unsicherheit besteht darüber, was mit 'Etwas' bezeichnet ist, und darüber, was mit 'Wissen' bezeichnet ist. Aber das sind nicht zwei verschiedene Unsicherheiten, sondern ein und dieselbe. 'Etwas' kommt nur im Wissen vor, und 'Wissen' kommt nur als Wissen von Etwas vor. Wenn nicht das eine, dann auch nicht das andre.


Dienstag, 11. Februar 2014

Schrecklicher Vereinfacher.

Piet Mondrian  Composition No. II with Blue and Yellow

Denken heißt vereinfachen.

Wir nehmen keine 'Dinge' wahr. Auf unser Sensorium prasselt ohne Pause ein Sturzflut aller erdenklichen Reize ein. Nicht alle werden wohl an die Zentrale weiter geleitet: Redundanz betäubt. Und nicht alle kommen in der Zentrale an – weil die nämlich vorab schon filtert, was des Bemerkens wert ist und was nicht.
 
Noch bevor übrigens gedacht wurde. Die Stammesgeschichte hat unser Gehirn mit Regionen ausgestattet, die nur bei Homo sapiens vorkommmen – weil die dort verarbeiteten Informationen für die Lebenswirklichkeit von Homo sapiens von Belang sind, aber für andere Lebensformen nicht. Und jeder von uns bringt eine ganze Masse von Verschaltungen zwischen den Regionen fix und fertig mit auf die Welt, teils als die materialisierte Kollektiv-erinnerung unserer Gattung, teils – und keiner weiß, in welchem Maße – als individuelle Erbschaft. 

Sie alle sind mit Vereinfachung beschäftigt.

Aber nun erst das Denken selbst! Es handelt sich – nach der unwillkürlichen, genetisch vorgegeben Auslese – um die willkürliche Anordnung der wahrgenommenen Gegebenheiten auf eine vorgängige Absicht hin. Nichts wird "nur so" wahrgenommen. Auch die zweckfreie ästhetische Betrachtung geschieht "um etwas willen" – um ihrer selbst willen, anders fände sie nicht statt. Für wahr wird nur das genommen, was in einem irgend erkennbaren Verhältnis zur Absicht steht; und im Erkennen unerwarteter und verborgener Verhältnisse zeichnet sich Intel-ligenz aus (Humor+Gedächtnis).

Das gilt für das alltägliche Denken des gesunden Menschenverstands nicht minder als für die Wissenschaft. Und namentlich die Philosophie. Man kann, ohne einen allzu großen Schnitzer zu riskieren, sagen: Philosophieren heißt vereinfachen. Die subtilen Distinktionen der Schulphilosophie sind nicht der Zweck des Philosophierens, sondern sein Mittel. Die historisch-philologische Arbeit bereitet der Philosophie 'nach dem Weltbegriff', wie Kant es nennt, das Material zu. Der Sinn ist immer: Ordnung in das Mannigfaltige bringen; festlegen, was das Wichtige sein soll und was hintan gestellt werden darf. Und zwar so, dass im Idealfall eine einfache Frage übrig bleibt, die mit ja oder nein zu beantworten wäre. Es ist, in einem Akt, das Abstrahieren vom Zufälligen und das Reflektieren auf das Notwendige.
 
Eine Anwort auf eine philosophische Frage von Erheblichkeit kann erst dann richtig sein, wenn sie einfach ist. (Sie kann allerdings auch dann noch falsch sein.)




Montag, 10. Februar 2014

Der Mensch kann nein sagen.



Natürlich kann der Erhaltungswert einer Sache für mich zu einem Urteilsgrund werden. Aber er muss nicht. Der Mensch kann Nein sagen. Kritik, wie Krisis, kommt von gr. krínein, entscheiden. Der Mensch ist das kritische Tier, das Wesen, das allezeit urteilt, weil es sich stets entscheiden muß. 

Die Erscheinungen, zu denen er -, die Situationen, in denen er Ja oder Nein sagen muss, erheischen Maßstäbe: Bedeutungen, unter die er sie fassen kann. Die hat er im Laufe seiner Geschichte in Symbolen fixiert und in ein Repertoire gefügt, wo sie ihm vorrätig sind. Jetzt sieht es so aus, als seien die Bedeutungen vor den Dingen da. Die symbolische Form verleiht ihnen einen Anschein von Dauer und Wahrheit, die ihnen doch nur zukommen, wenn und inwiefern sie in realen Situationen je aktualisiert werden: im handelnden Urteil. Und dann ist es “so, als ob” er sie jedesmal neu erfunden hätte. Denn er hätte, wohlgemerkt, auch Nein sagen können.


Sonntag, 9. Februar 2014

Aus der Luft gegriffen.



Dass sich ohne die Prämisse, dass Wahrheit sei, nichts Vernünftiges denken läst, bedeutet noch nicht, dass es sie wirklich gibt.

Das täte es wohl, wenn die Welt, in der wir uns unserer Vernunft befleißigen, selbst vernünftig eingerichtet wäre; doch das ist eine frei aus der Luft gegriffene Annahme.



Samstag, 8. Februar 2014

Worauf es im Leben ankommt.



…auf das Wahre?
 

Aber was wäre am Wahren besser als das Falsche – es sei denn, es ließe sich im praktischen Leben besser zu sachlich Nützlichem verwerten?


…auf das Gute?
 

Aber was wäre am Guten besser als das Schlechte – es sei denn, wer Gutes tut, der könnte auch hoffen, dass Andere ihm Gutes täten? Also besser als seine soziale Nützlichkeit?


…auf das Schöne?
 

Das muss es sein! Denn es teilt, unerachtet aller Nützlichkeiten, dem Wahren und dem Guten diese seine besondere Qualität mit: dass sie alle 'ohne Interesse gefallen'.







Freitag, 7. Februar 2014

Hypóstasis.



Einiges muss die Philosophie einstweilen auf ewig voraussetzen, und sie darf es, weil sie es muss.
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aus Athenaeum, Bd. I, 2. Stück



Donnerstag, 6. Februar 2014

Die Wissenschaftslehre ist eine Anthropologie.



Die Wissenschaftslehre ist keine reelle, 'konstitutive' Theorie von Ursprung, Entwicklung und (ergo) Wesen des Bewusstseins. Sie ist ein transzendentales, 'regulatives' Schema, das das tatsächlich unter den Menschen vorkommende Bewusstsein (eigtl. Wissen) lediglich verständlich macht. -

Verstehen ist aber nicht theoretische Beschauung. Verstehen geschieht hinsichtlich einer Absicht. Die Wissenschaftslehre ist daher nicht eine Geschichte des Geistes, sondern seine pragmatische Geschichte;* eine, aus der man etwas lernen kann. Was lernen? Doch wohl, 'wie man ihn richtig betätigen soll'. 

Richtig in Hinblick worauf? Wiederum in Hinblick auf eine Absicht; worauf abgesehen wird, heißt ein Zweck. Das Wissen - Geist, Vernunft, Bewusstsein... - dient nicht diesem oder jenem Zweck, sondern dem obersten, letzten, dem Zweck der Zwecke.

Gibt es denn so etwas?

"Die Zweckmäßigkeit der Natur ist ... ein Begriff a priori, der lediglich in der reflektierenden Urteilskraft seinen Ursprung hat, deren Prinzip er ist. Denn den Naturprodukten kann man so etwas, als Beziehung der Natur an ihnen auf / Zwecke, nicht beilegen; sondern diesen Begriff nur brauchen, um über die die Verbindung der Erscheinungen in ihr nach empirischen Gesetzen, zu reflektieren."**

Einen Naturzweck hat der pp. Geist also nicht. Hat er aber einen immanenten, in seinem Wesen, bevor es in Erscheinung trat, angelegten Zweck, an dem er gar nicht vorbeikann?


Fichte mindestens nimmt einen solchen an: Vom "Vernunftzweck" ist allenthalben die Rede. Wirklich erscheinen Vernunft und Vernünftigkeit überall als das - naturgemäß in sich weiter nicht bestimmbare - Absolutum der Wissenschaftslehre.

Absolutum, aber nicht Obiectivum: daran hält Fichte bis ans Ende fest. Richtigerweise, denn was wäre der harte Kern der Vernünftigkeit? Das Sittengesetz, was denn sonst. "Daß das Sittengesetz gar nicht so etwas ist, welches ohne alles Zutun in uns sei, sondern daß es erst durch uns selbst gemacht wird", heißt es aber in der Sittenlehre.*** Kein Reale, sondern ein Problem. Man kann es zu einem Postulat wenden. Dann heißt es Idee und ist immer nur, wenn ich ihr gemäß handle. Sie kann überhaupt nur als ein Suchen angeschaut werden.****

Wird der ganze Kreis der Wissenschaftslehre durchlaufen, findet sich: Die pragmatische Geschichte ist nicht weniger als das vollständiges Programm einer Anthropologie.


*) Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 222   
**) Versuch eines erklärenden Auszugs [aus der 'Kritik der Urteilskraft'] GA II/1, S. 333f.;
***)System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. IV, S. 192
****) m. a. W.: auf keinen Fall als ein Überfließen!

Mittwoch, 5. Februar 2014

Die Untergrenze des Zweifelns.


aus FunFire

Man kann ohne Widerspruch nach keinem Grunde seiner Gewissheit fragen.
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Joh. G. Fichte, Marginalie zu Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre, SW I, S. 48


Nota.

Ich kann allerdings nach dem Grunde meiner Ungewissheit fragen. Ungewissheit ist der Mangel an Etwas. Von Etwas muss mindestens ein Bild da sein, damit es als mangelnd wahrgenommen wird. Sein und Nichtsein sind nicht ontologisch gleichrangig. Der Seiende kann nach dem Nichtsein fragen, nicht umgekehrt.

(Um nach dem Grunde meiner Gewissheit zu fragen, brauche ich einen Andern, wenigstens in Gedanken.)

Soll man das ernstnehmen? Das Zitat ist lehrbuchartig aus dem Zusammenhang gerissen. Der Witz ist aber, dass es auch so einen pointierten Sinn ergibt.
JE

Dienstag, 4. Februar 2014

voraus setzen.




Aller wircklicher Anfang ist ein 2ter Moment. Alles, was da ist, erscheint, ist und erscheint nur unter einer Voraussetzung – sein individueller Grund, sein absolutes Selbst geht ihm voraus – muß wenigstens vor ihm gedacht werden. Ich muß allem etwas absolutes Vorausdenken – voraussetzen – nicht auch Nachdenken, Nachsetzen? [Vorurteil] Vorsatz. Vorempfindung. Vorbild. Vor Fantasie. Project.
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Novalis, Dichtungen und Fragmente, Leipzig 1989, S. 438