Montag, 17. Juni 2019

Vorstellen und begreifen.

ruhrnachrichten
 

Die ganze Wissenschaftslehre steht unter dem doppelten Vorzeichen, dass erstens Begriffe ohne Anschauung leer und zweitens Anschauungen ohne Begriffe blind sind.

Fichte will nun nicht aus (von wem?) vorgegebenen Begriffen ein System konstruieren, sondern uns veranlassen, in der Vorstellung fortschreitend vom Bestimmbaren zum Bestimmten überzugehen: Das Bestimmte ist ein Be- griff, nur was bestimmt wurde, kann begriffen werden; doch ohne Anschauung - das Bestimmbare - ist nichts da, was zu bestimmen wäre.

Die ganze Wissenschaftslehre ist ein ewiges (sic) Hin und Her zwischen beiden Polen. Es soll aus einer Vorstel- lung die daraus folgende entwickelt werden, doch dazu muss sie erst bestimmt und begriffen werden; nun wird die zum Begriff bestimmte Vostellung fortbestimmt: durch Entgegensetzen. Und so ins Unendliche fort. Und auf jeder Etappe bleibt ein toter Begriff zurück als das Bild von der lebendigen Vorstellung, die in ihm gefasst wurde.

30. 4. 17


Die Wissenschaftslehre muss, wie jede Rede, diskursiv verfahren, weil wir Menschen nun eben in der Zeit leben. Das macht ihre Darstellung unvermeidlich schief. Sie will zeigen, dass, um zu dieser Vorstellung zu kommen, ich mir jene Vorstellung zuvor schon gemacht haben muss. Was als eine logische Dependenz gemeint ist, wird erzählt wie eine zeitliche Folge. 

Die Wissenschaftslehre ist jedoch ein Modell, ein Schema, in dem alles zugleich geschieht. Ganz irreführend, je- doch kaum vermeidbar ist die Vorstellung von einer wirklichen, lebendigen Intelligenz, die sich erst dieses, dann jenes vorstellt. Dann sähe es so aus, als ob beim Fortschreiten des Vorstellens und Bestimmens etappenweise im- mer mal wieder Begriffe abfallen, in denen einzelne Vorstellungsakte isoliert und eingefroren wurden, die aber... im Fortgang des vorstellenden Bestimmung zu gar nichts weiter gebraucht wurden.

Tatsächlich ist aber das System der sich wechselseitig bestimenden Begriffe nichts anderes als das, was im Ver- kehr der Reihe vernünftiger Wesen zu einer intelligiblen Welt gebildet wird. Und dies allerdings - in der Zeit. In der Zeit bleiben vom tätigen Vorstellen nur die Gedächtnisspuren im Speicher. Von dort können sie aufgerufen werden als die mehr oder minder vollständigen und mehr oder minder anschaulichen Erinnerungen an die ein- mal lebendig vorgestellten Bilder. Kein Wunder, dass es in der Reihe vernünftiger Wesen immer wieder Streit über ihre Genauigkeit gibt.

Man kann dann in den Bücher nachschlagen, wie die Alten die Begriffe verwendet haben, oder bei Google, wie's heute üblich ist. Man kann sich in zuverlässiger Runde einstweilen auf diesen oder jenen Gebrauch einigen. Wo die Kritik allerdings radikal sein will, wird sie zu den Vorstellungen selbst zurückgehen müssen.


Sonntag, 16. Juni 2019

Der subjektive Faktor.


Bei diesen Temperaturen ist der Genuss von Hochgeistigem nicht ratsam. 
Ich gönne Ihnen eine Pause.



Samstag, 15. Juni 2019

Eine neue Denkepoche.

Wolfgang Dirscherl, pixelio.de
 

Unter der Überschrift Wahrheit und Lüge veröffentlicht die Neue Zürcher heute einen großen Essay, in dem Karl-Heinz Ott ausführlich den Gedanken entwickelt, dass die Wahl von Donald Trump zugleich Höhepunkt und Todesstunde der Postmoderne ist: Der gebildete linke Liberale, der ein paar Jahrzehnte lang eitel-leichtsinnig mit den Foucaults, Derridas und Deleuzes getändelt hat, suche verschreckt Zuflucht beim altmodischen Habermas und seiner vernünftigen, ordentlichen, konsens- und diskutierfreudigen Wahrheitsliebe.

Das war vor zwei Jahrhunderten das Ergebnis der Transzendentalphilosophie: dass es Wahrheit 'nicht gibt'. Dann brach das Zeitalter des Positivismus aus und nach Wahrheit musste nicht länger gefragt werden, Erfolg und An-schlussfähigkeit waren weit belastbarer. Bis vor drei-, vier Jahrzehnten, da gings uns zwar noch gold, aber doch nicht mehr so recht vorwärts. Es kam ein vornehmer Skeptizimus auf, der spöttisch flötete: "Any- thing goes!" (Paul Feyerabend  erwähnt K.-H. Ott nicht.) Es war eine Art Transzendentalphilosophie für arme Leute.

Für ganz arme. Denn den zweiten Satz der Transzententalphilosophen hatten sie nicht wiederbelebt: "Wahrheit muss sein, wenn Vernunft sein soll.

Nun sollte die Zeit reif sein, dass er in die Köpfe der großen Zahl der Gebildeten endlich, endlich Eingang findet - nicht trotz, sondern wegen der Paradoxie: Wahrheit gibt es nicht, aber Wahrheit muss es geben. Nämlich Wahr- heit nicht als Ausgangspunkt, sondern als Fluchtpunkt der Vernunft: da, wo alles einmal hinführen soll. Denke, rede, handle so, als ob es Wahrheit gäbe, und wenn das alle tun, werden wir ihr schon näherkommen. Sie ist nicht etwas, das da ist, sondern etwas, das zu machen wäre.

19. 4. 17

In ganz anderem Zusammenhang ist seit zwei, drei Jahren von einer Neuen Renaissance die Rede. Vielleicht ist es bloß Sehnsucht, doch wer sie nicht kennt, weiß nicht, wie ich leide. Dass bei uns seit dreißig Jahren Philosophie eine Spezialrichtung der Philologie geworden und jenseits des Rheins ein Jahrmarkt der Eitelkeiten wie immer geblieben war, schuf bleierne Langeweile, aber das zuerst unterschwellige und dann lautstarke Einsickern der lo- gisch-atomistisch-pragmatisch-phlegmatischen angelsächsischen Denkroutine brachte nicht den frischen Wind, den sie versprach. Sie reden aneinander vorbei, und immer dasselbe. 

In den verstopften synaptischen Spalt zwischen beiden nisteten sich auf engem Raum nebeneinsander Neuer wie Spekulativer Realismus ein - als zwei löbliche Versuche, in der Philosophie endlich wieder nach der Sache zu fragen statt nach Form und Präsentation und Wie-komm-ich-mir-vor. Doch nicht als Laxativ und Lösungsmittel traten sie an, sondern als fertiger Versatz. Das verstopft das Ding nur weiter.

Denn sie haben alle keinen gemeinsamen Grund, auf dem sie wenigstens streiten könnten. Und vor einem Grund scheuen sie sogar: Die Behauptung eines Grundes hat bislang zu oft in dogmatische Sprachlosigkeit geführt. War- um? Weil sie un begründet war. Ein Grund für einen gemeinsamen Aufbau muss überhaupt erst freigelegt werden. Diese Arbeit nennt man Kritik, und die kann gründ lich nur sein, wenn sie systematisch ist.

Aber davor graust es seit dem Platzen der Hegelschen Seifenblase bis heute allen. Eine Renaissance würde sich vor andern Zeitaltern unter anderm dadurch auszeichnen, dass große Pläne für realistischer gehalten werden als die kleinen. Dann käme vielleicht auch die radikale Kritik zu Ansehen.

Freitag, 14. Juni 2019

Bestimmung des Unbestimmten.



Tätigsein heißt fortschreiten im Bestimmen des noch Unbestimmten, und sonst nichts. Aber es ist auch wirklich alles, was man sich nur darunter vorstellen kann.
3. 5. 17


Marx schrieb in den Pariser Manuskripten, der Idealismus habe die tätige Seite des Menschen wohl mehr heraus- gearbeitet als der Materialismus, aber ein reale, materielle Produktion habe er nicht gekannt. 
 
Das mag für die kleineren Geister gelten, die bei Fichte abgeschrieben haben, ohne seinen Namen zu nennen, aber eben für Fichte, den ersten der Reihe, nicht. Wohl ist es so, dass die noumenale Tätigkeit-überhaupt nicht als materielle bestimmt ist; weil sie eo ipso gar nicht bestimmt ist. Doch ist es ein Missverständnis, dass, wenn er nicht ausdrücklich die materielle Tätigkeit, dann nur die ideelle Tätigkeit gemeint haben kann; aus der kindli- chen Vorstellung, dass die materielle Produktion die untere, primitivere Stufe der Tätigkeit sei und die ideelle Tätigkeit die höhere, feinere. Oder umgekehrt: das Denken die sachliche Voraussetzung materieller Produktion sei - auf jeden Fall zwei Stufen, die aufeinander bauen und von denen eine eher da sein muss als die andere. Das setzt aber voraus eine vorgängige metaphysische Parteinahme, an die hier noch gar nicht zu denken ist.

Tätigkeit-überhaupt ist ein Begriff der Transzendentalphilosophie und als solcher ein Noumenon wie das Ich und die Welt. Sie ist, wenn sie nicht als das eine bestimmt ist, nicht notwendig als das andere bestimmt, sondern überhaupt nicht bestimmt, weil sie noch gar nicht als real gedacht ist.



Donnerstag, 13. Juni 2019

Individualität und Vernünftigkeit.


 
Auch das Individuum ist in der Wissenschaftslehre nicht das, was in Biologie oder Psychologie so heißt. Es ist vielmehr das bestimmte einzelne vernünftige Wesen in seinem Verhältnis – und Gegensatz – zu den anderen vernünftigen Wesen. Was nicht zu seiner Vernünftigkeit gehört – Sinnlichkeit, Leidenschaft, Irr tum – , kommt noch nicht in Betracht.*

Individuum im Sinne der Wissenschaftslehre ist derjenige, der auf dem Weg der Bestimmung seines Wollens in der Reihe all der andern vernünftigen Individuen schon ein gewisses Stück zurückgelegt hat. 

Und genau besehen ist vernünftig überhaupt erst seine Wechselwirkung mit jenen.

*) Der Geschmack ist ein irisierendes Zwischending.


Nota. - Die Wissenschaftslehre ist entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis keine Entwicklungsge- schichte des Bewusstseins, sondern eine Bestimmung dessen, was Vernunft ist.
4. 5. 17


Um es klar herauszusagen: Wirklich wird Vernunft überhaupt erst im historisch-wirklichen Individuum. Bis dahin befinden wir uns noch mitten in der Transzendendalphilosophie, und dort ist alles noumenal. Es wird nicht (hi- storisch) beschrieben, was wirklich geschieht, sondern (genetisch) hergeleitet, was es zu bedeuten hat. Die Herlei- tung ist eine problematische: Ob sie zutrifft, ist erst noch zu zeigen.

Dass sie zutrifft ist gezeigt, indem aus der noumenalen Herleitung ein historisch-phänomenales vernünftiges We- sen wirklich hervorgeht - wirklich: in der sinnlichen Welt, nicht erst in der intelligiblen. Das aber geschieht erst mit dem historischen Faktum der Aufforderung durch die Reihe vernünftiger Wesen. Jetzt erst ist Vernunft wirk- lich; wirkend in Raum und Zeit; phänomenal, nicht erst noch noumenal in der Einbildungskraft des Transzenden- talphilosophen.

Und wenns letzterer erst recht bedenkt, findet er: Sie muss schon immer 'da gewesen' sein; er hätte sich ihrer sonst nicht so erfolgreich bedienen können. Für ihn war sie immer historisch.




Mittwoch, 12. Juni 2019

Das Ästhetische hat keinen Zweck, sondern gefällt.


Die ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissenschaft und ist der ganzen anderen Philosophie, die man die reelle nennen könnte, entgegengesetzt. ... In materialer Ansicht liegt sie zwischen theoretischer und prakti- scher Philosophie in der Mitte. Sie fällt nicht mit der Ethik zusammen, denn unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden; allein die ästhetische Ansicht ist natürlich und instinktmäßig und dependiert nicht von der Freiheit.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehe nova methodo. Hamburg 1982


Nota I. - Das steht doch noch unterm Einfluss von Baumgartens Aesthetica. Zwar rechnet er das Ästhetische nicht mehr dem "unteren Erkenntnisvermögen", nämlich der bloßen Sinnlichkeit zu. Aber er fasst es als unsere Naturbestimmtheit auf und eben nicht als Medium von Selbst bestimmung: "dependiert nicht von der Freiheit".

Das ist sachlich nicht der Fall. Freiheit in specie ist bei Fichte nur möglich durch Reflexion. Ästhetische Betrach- tung geschieht aber ohne Reflexion. Bestimmter gesagt: durch Absehen von der Reflexion - und das ist eine Re- flexion zweiter Potenz, sie ist erst einem möglich, dem das freie Reflektieren habituell geworden ist - und dem es schon gelingt, es gegen es selbst zu wenden:

aus Anthropologie statt Metaphysik

Wissen kommt nicht zustande ohne Absicht. Erst wenn ich an die Dinge meine Absicht* herantrage, bekun- den sie ihre Eigenschaften - nämlich wie sie zu dem, worauf ich es abgesehen habe, 'Stellung nehmen'; alias was sie bedeuten. Von einem Ding "an sich" gibt es schon darum nichts zu wissen, weil es in dem Moment aufhört, "an sich" zu sein, als es meiner Absicht begegnet. Ohne meine Absicht bedeutet es nichts. Doch ihm ohne Ab- sicht begegnen kann ich nicht.

Richtiger gesagt: kann ich nicht natürlich, sondern nur künstlich. Kann ich erst durch Reflexion. Nämlich wenn ich absichtlich von den Absichten - allen möglichen Absichten - durch freien Entschluss, nicht natürlich, sondern künstlich, absehe und das Ding betrachte, wie es 'sich zeigen' würde, wenn ich es ohne Absicht betrachten könnte. Wenn ich also von mir absehen würde. So entsteht kein Wissen von Etwas, sondern lediglich Anschau- ung von Erscheinung.


Wenn ich mich absichtlich in den ästhetischen Zustand versetze: "In dem ästhetischen Zustand  ist der Mensch Null", sagt Schiller. "An sich" sind die Dinge, wie sie ästhetisch (er)scheinen. Sie sind das Kunstprodukt der Re- flexion, die ihrer selbst entsagt. 

Mit andern Worten, ästhetisches Erleben ist nicht möglich ohne vorheriges Wissen und nicht ohne Hinterge- danken. Es ist ein modernes Phänomen. Und dass uns die Bilder, die wir in diesem Zustand sehen, hinterher immer so vorkommen, als ob sie 'etwas zu bedeuten' hätten, ist kein Wunder.
 
*) Auf ein Bewusstsein, das erst durch Reflexion entsteht, kommt es hier noch gar nicht an.

4. 9. 2013


Nota II. - Das knüpft unmittelbar an den gestrigen Eintrag. Der Ursprung der Vernunft ist - woher und wozu auch immer - ein originär poietisches Vermögen, eine prädikative Qualität, wie Fichte sagt: produktive Einbil- dungskraft. Es ist das Vermögen des Bestimmens: das Vermögen, einem an sich Unbestimmten eine qualitas zu- zuschreiben.

Daraus ist das System der Vernunft entstanden, auf dessen Boden wir uns, und sei es im Streit, alle zusammen- finden. Doch erfasst es nicht die ganze Welt - denn nicht überall finden wir zusammen, nicht überall können oder gar müssen wir es. Zusamennfinden müssen - und können - wir, wo wir in der sinnlichen Welt Zwecke setzen, die, weil sie dort realisiert werden sollen, einander berühren, verbinden oder durchkreuzen können.

Das ist gottlob nicht überall so, und wenn ich an mein ureigenstes anschauendes Erleben denke, eigentlich gar nicht. Ich habe keinen Grund, mit dem Bestimmen überhaupt erst anzufangen,* wenn ich nicht Zwecke in der sinnlichen Welt daraus herzuleiten vorab beabsichtige. Und sollte ein bedingter Reflex mich dennoch versu- chen, kann ich ihn willentlich unterdrücken. Denn bevor es eine liebe lästige Gewohnheit wurde - in der bür- gerlichen Geschäftswelt -, war die Reflexion nur aus Freiheit möglich. 


Nicht nur muss ich in der sinnlichen Welt nicht allen Erscheinungen 'mit Interesse' begegnen; ich kann sogar dort, wo ich eins habe, aus Freiheit von ihm absehen. So begegnen mir Dinge, die mir ohne Interesse gefallen - und denen ich ohne Weiteres zustimme; die mir missfallen, die lehne ich ab.

*) Ich schaue das X so an, als ob es schon bestimmt sei.

JE






Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Dienstag, 11. Juni 2019

Hervorbringen kann die Philosophie nichts.

Odilon Redon, Der Wagen Apolls

Philosophie

Die Philosophie soll nicht mehr antworten, als sie gefragt wird.

Hervorbringen kann sie nichts. Es muß ihr etwas gegeben werden. Dieses ordnet und erklärt sie, oder welches ebensoviel ist, sie weist ihm seine Stelle im Ganzen an, wo es als Ursache und Wirkung hingehört.

Welches ist aber ihr eigentlicher Wirkungskreis? Keine gelehrte Kunst kann es sein. Sie muß nicht von Gegen- ständen und Kenntnissen abhängen, die erworben werden müssen, von einer Quantität der Erfahrung, sonst wäre jede Wissenschaft Philosophie. Wenn also jene Wissenschaften sind, so ist sie keine.

Was könnte es wohl sein?

Sie handelt von einem Gegenstande, der nicht gelernt wird. Wir müssen aber alle Gegenstände lernen – also, von gar keinem Gegenstande. Was gelernt wird, muß doch verschieden sein von dem Lernenden. Was gelernt wird, ist ein Gegenstand, also ist das Lernende kein Gegenstand. Könnte also die Philosophie vielleicht vom Lernenden handeln, also von uns, wenn wir Gegenstände lernen? 

Die Philosophie ist aber selbst im Lernenden. Nun, da wird sie Selbstbetrachtung sein. Ei! wie fängt es der Lernende an, sich selbst in dieser Operation zu belauschen? Er müßte sich also lernen, denn unter Lernen verstehn wir überhaupt nichts als den Gegenstand anschaun und ihn mit seinen Merkmalen uns einprägen. Es würde also wieder ein Gegenstand. Nein, Selbstbetrachtung kann sie nicht sein, denn sonst wäre sie nicht das Verlangte. Es ist ein Selbstgefühl vielleicht. Was ist denn ein Gefühl?

(Die Philosophie ist ursprünglich Gefühl. Die Anschauungen dieses Gefühls begreifen die philosophischen Wissenschaften.)

Es muß ein Gefühl von innern, notwendig freien Verhältnissen sein. Die Philosophie bedarf daher allemal etwas Gegebenen, ist Form – und doch real und ideal zugleich wie die Urhandlung. Konstruieren läßt sich Philosophie nicht. Die Grenzen des Gefühls sind die Grenzen der Philosophie. Das Gefühl kann sich nicht selber fühlen.

Das dem Gefühl Gegebne scheint mir die Urhandlung als Ursache und Wirkung zu sein. Unterscheidung der Philosophie von ihrem Produkt: den philosophischen Wissenschaften.

Was ist denn ein Gefühl? 

Es läßt sich nur in der Reflexion betrachten, der Geist des Gefühls ist da heraus. Aus dem Produkt läßt sich nach dem Schema der Reflexion auf den Produzenten schließen.

Anschauungsvermögen. Der Anschauung liegt kein besondrer Trieb zum Grunde.

Die Anschauung ist für das Gefühl und die Reflexion geteilt. Eins ist sie ohne Anwendung. Angewandt ist sie Tendenz und Produkt. Die Tendenz gehört dem Gefühl, das Produkt der Reflexion. Das Subjektive dem Ge- fühl, das Objektive der Reflexion. (Beziehung zwischen Vermögen und Kraft.)

Gefühl und Reflexion bewirken zusammen die Anschauung. Es ist das vereinigende Dritte, das aber nicht in die Reflexion und Gefühl kommen kann, da die Substanz nie ins Akzidens kriechen kann, die Synthese nie ganz in der These und Antithese erscheinen. (So entsteht ein Objekt aus Wechselwirkung zweier Nichtobjekte. Anwen- dung auf die Urhandlung.)

Gefühl scheint das erste, Reflexion das zweite zu sein. Warum?

Im Bewußtsein muß es scheinen, als ginge es vom Beschränkten zum Unbeschränkten, weil das Bewußtsein von sich, als dem Beschränkten, ausgehn muß –, und dies geschieht durchs Gefühl, ohnerachtet das Gefühl, abstrakt genommen, ein Schreiten des Unbeschränkten zum Beschränkten ist: diese umgekehrte Erscheinung ist natürlich. Sobald das Absolute, wie ich das ursprünglich ideal Reale oder real Ideale nennen will, als Akzi- dens oder halb erscheint, so muß es verkehrt erscheinen: das Unbeschränkte wird beschränkt et vice versa. (Anwendung auf die Urhandlung.) Ist das Gefühl da im Bewußtsein, und es soll reflektiert werden, welches der Formbetrieb verursacht, so muß eine Mittelanschauung vorhergehen, welche selbst wieder durch ein vorher- gehendes Gefühl und eine vorhergehende Reflexion, die aber nicht ins Bewußtsein kommen kann, hervorge- bracht wird; und das Produkt dieser Anschauung wird nun das Objekt der Reflexion. Dieses scheint nun aber ein Schreiten vom Unbeschränkten zum Beschränkten und ist eigentlich gerade ein umgekehrtes Schreiten.

Beim Gefühl und der Reflexion wird freilich Unbeschränkt beidemal in einer verschiednen Bedeutung genom- men. Das erstemal paßt der Wortsinn Unbeschränkt oder Unbestimmt mehr, das zweitemal würde Unabhängig passender sein. Das letztere deutet auf Kausalverbindung, und der Grund davon mag wohl darin liegen, daß die zweite Handlung durch die erste verursacht zu sein scheint. Es ist also eine Beziehung auf die erste Handlung. Hingegen deutet das erstere auf die Reflexionsbestimmung und ist also eine Beziehung auf die zweite Hand- lung, welches den innigen Zusammenhang dieser beiden Handlungen auffallender zeigt.

Woher erhält aber die erste Reflexion, die die Mittelanschauung mit hervorbringt, ihren Stoff, ihr Objekt? Was ist überhaupt Reflexion?

Sie wird leicht zu bestimmen sein, wie jede Hälfte einer Sphäre, wenn man die eine Hälfte, als Hälfte, und die Sphäre, als geteilt, hat. Denn da muß sie gerade das Entgegengesetzte sein, weil nur zwei Entgegengesetzte eine Sphäre in unserm Sinn erschöpfen oder ausmachen. 

Die Sphäre ist der Mensch, die Hälfte ist das Gefühl.

Vom Gefühl haben wir bisher gefunden, daß es zur Anschauung mitwirke, daß es dazu die Tendenz gebe oder das Subjektive, daß es der Reflexion korrespondiere, die Hälfte der Sphäre Mensch, im Bewußtsein ein Schrei- ten vom Beschränkten zum Unbeschränkten, im Grunde aber das Gegenteil sei, daß ihm etwas gegeben sein müsse, und daß dieses ihm Gegebene die Urhandlung als Ursache und Wirkung zu sein scheine.

Theoretische und praktische Philosophie, was ist das? Welches ist die Sphäre jeder?

Die Reflexion findet das Bedürfnis einer Philosophie oder eines gedachten, systematischen Zusammenhangs zwischen Denken und Fühlen, denn es ist im Gefühl. Es durchsucht seinen Stoff und findet, als Unwandel- bares, als Festes zu einem Anhalten, nichts als sich und sich selbst rein, i. e. ohne Stoff, bloße Form des Stoffs, aber, wohlverstanden, reine Form, zwar ohne wirklichen Stoff gedacht, aber doch, um reine Form zu sein, in wesentlicher Beziehung auf einen Stoff überhaupt.

Denn sonst wäre es nicht reine Form der Reflexion, die notwendig einen Stoff voraussetzt, weil sie Produkt des Beschränkten, des Bewußtseins in dieser Bedeutung, kurz Subjektivität des Subjekts, Akzidensheit des Akzidens ist. Dies ist die Urhandlung usw.

Das ist das Kontingent, was die Reflexion, scheinbar allein, zur Befriedigung jenes Bedürfnisses liefert. Die Kategorie der Modalität schließt deshalb mit dem Begriff der Notwendigkeit. Nun geht die Wechselherrschaft an. Die Urhandlung verknüpft die Reflexion mit dem Gefühle. Ihre Form gleichsam gehört der Reflexion, ihr Stoff dem Gefühle. Ihr Geschehn ist im Gefühl, ihre Art in der Reflexion. Die reine Form des Gefühls ist dar- zustellen nicht möglich. Es ist nur eins, und Form und Stoff, als komponierte Begriffe, sind gar nicht darauf anwendbar. Die Reflexion konnte ihre reine Form darstellen, wenn man ihre partielle Funktion in der Gemein- schaft mit dem Gefühl Form nennt und diesen Namen auf ihre abstrakte Wirksamkeit überträgt. Nur im Ge- fühle gleichsam kann die Reflexion ihre reine Form aufstellen: neues Datum des überall herrschenden Wechsel- verhältnisses zwischen den Entgegengesetzten, oder der Wahrheit, daß alles durch Reflexion Dargestellte nach den Regeln der Reflexion dargestellt ist und von diesen abstrahiert werden muß, um das Entgegengesetzte zu entdecken.

Das Gefühl gibt nun der Reflexion zu seinem Kontingente den Stoff der intellektualen Anschauung. So wie das Gefühl der Reflexion in Aufstellung seiner ersten Formen behilflich sein mußte, so muß die Reflexion, um et- was, für sie zu bearbeiten Mögliches zu haben, mitwirken: und so entsteht die intellektuale Anschauung. Diese wird nun der Stoff der Philosophie in der Reflexion. Nun hat die Reflexion eine reine Form und einen Stoff für die reine Form, also das Unwandelbare, Feste, zu einem Anhalten, was sie suchte, und nun ist die Aussicht auf eine Philosophie, als gedachten (systematischen) Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen eröffnet. Wie finden wir nun den Stoff, das Objekt, was nicht Objekt ist, das Gebiet der Wechselherrschaft des Gefühls und der Reflexion bestimmt? Der Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen muß immer sein, wir müssen ihn im Bewußtsein überall finden können. Aber wie finden wir ihn systematisch?

Aus den reinen Formen der Reflexion haben wir das Verfahren der Reflexion mit dem Stoff überhaupt gelernt. Sie hat nun einen bestimmten Stoff, mit dem wird sie also ebenso verfahren. Dieser bestimmte Stoff ist die in- tellektuale Anschauung. Nach dem Gesetze der Urhandlung wird er geteilt. Sie zerfällt in ihre zwei Teile, in das Gefühl und in die Reflexion, denn aus diesen ist sie zusammengesetzt. Die Synthesis dieser These und Antithe- se muß eins, Grenze und Sphäre von beiden, absolute Sphäre sein, denn es ist Synthesis; wir sind aber im be- stimmten Stoff, also muß es, es kann nicht anders sein – Mensch oder Ich sein. Der Mensch denkt und fühlt, er begrenzt beides frei, er ist bestimmter Stoff.

(Dies wäre Fichtens Intelligenz. Das absolute Ich ist dieser bestimmte Stoff, eh die Urhandlung in ihn tritt, eh die Reflexion auf ihn angewendet wird.)

So haben wir in unsrer Deduktion der Philosophie den natürlichsten Weg beobachtet: Bedürfnis einer Philo- sophie im Bewußtsein, scheinbares Schreiten vom Beschränkten zum Unbeschränkten, Reflexion darüber, scheinbares Schreiten vom Unbeschränkten zum Beschränkten, Resultate dieser Reflexion, Resultate des Ge- fühls dieser Reflexion, Reflexion über diese Resultate nach jenen Resultaten, gefundner Zusammenhang oder Philosophie. 
___________________________
Novalis, Fragmente
ed. Kamnitzer, Dresden 1929



Nota I. - Das ist Fichtes gedanklicher Ausgangspunkt: Die Philosophie - lies: Transzendentalphilosophie - bringt selber nichts hervor. Sie hat ihren Gegenstand, nämlich das tatsächlich gegebene vernünftige Bewusst- sein ihrer Zeitgenossen - der 'gemeine Standpunkt' -, und dieses gilt es zu verstehen: auf seine wirklichen Vor- aussetzungen zurückzuführen und seine Reichweite zu ermessen. Um dies zu können, muss die Philosophie einen Standpunkt über ihm einnehmen.

Fichte war Novalis' Ausgangspunkt, ihn wollte er interpretierend verstehen; stets mit dem Hintergedanken, "dar- über hinaus" zu gehen. Im Einzelnen kommt er gelegentlich zu verblüffenden Einsichten. Aber insgesamt fin- det er doch nicht zu dem Verständnis, dass Transzendentalphilosophie an keiner Stelle Realphilosphie wird. So sind etwa Einbildungskraft und Reflexion nicht zwei real existierende antagonistische Kräfte, sondern lediglich zwei Ansichten ein und derselben intellektuellen Tätigkeit, die nur der philosophische Betrachter unterscheidet, um aus der Vorstellung von ihrer Wechselwirkung zu verstehen, was sie eigentlich 'tut'.

So macht z. B. Fichte auch von dem 'Gefühl' einen ganz und gar nüchternen, sensualistisch-materialistischen Gebrauch. Es ist der faktische Ausgangspunkt allen Wissens. Und das Absolute Ich 'ist' nicht ein 'bestimmter Stoff', sondern lediglich die Gedankenkonstruktion von Etwas, das Gefühle hat - und in der Anschauung dar- auf reflektiert. 

Die Wissenschafstlehre sei "bloße Reflexionsphilosophie", hat Hegel gesagt, mit andern Worten: Sie reflektiert lediglich auf das, was im faktischen Wissen wirklich vorkommt. Sie erfindet nichts hinzu. Aus Hegels Mund ist das ein Lob und kein Tadel. Novalis hat es von Fichte selbst gehört, aber so ganz mag er's nicht glauben. Gern würde er die Einbildungskrft darüber hinausschießen lassen, man merkt es an jeder Stelle.
27. 5. 2017

Nota II. - Wenn Fichte reale und ideale Tätigkeit von einander unterscheidet, so meint er nicht zwei verschie- dene Kräfte; er kennt überhaupt nur eine 'Energie', eine prädikative Qualität, die er allenthalben Einbildungs- kraft nennt. Sie ist ein breiter Strom, der sich teilt und hierhin und dahin wendet. Er sondert sich nicht nach der Substanz, sondern nach dem Gegenstand, den er wählt oder, was dasselbe ist, nach der Weise seiner Tätigkeit: Real nennt Fichte die Tätigkeit, durch die das Ich sich wirklich etwas vorstellt, sich ein Bild macht, eine Qualität prä- diziert. Diese setzt der Tätigkeit einen Gegenstand, jenen nimmt es wahr durch ein Gefühl, das ihm zuteil wird, und das nichts anderes ist als der Widerstand, den der Gegenstand seiner Tätigkeit entgegen setzt. Das Gefühl scheint ihm von außen beizukommen, es wird angeschaut.

Dieses Anschauen nennt Fichte eine ideale Tätigkeit; sie 'setzt' nicht mehr, sondern bestimmt. Sie ist die ursprüng- liche Weise der Reflexion. Sie ist der Teil der Einbildungskraft, der sich nicht an den Gegenstand gebunden hatte und frei geblieben ist. Und so ist die Reflexion in allen Fällen: Sie ist frei, weil sie unendlich ist und zu keinem Moment festgebunden wird.

Das alles ist natürlich nicht wirklich geschehen. Es ist selber ein Bild, ein Schema dessen, was sich zugetragen hat, als ein Bewusstsein entstand: wie und unter welchen Bedingungen es möglich war und inwiefern es notwen- dig war, um zur Verunft zu führen. Es stellt eine Dynamik dar, die, weil sie in Gedanken stattfindet, nicht selber anschaubar ist, sondern gedacht wird, als ob sie anschaubar wäre.

*

So komplex dieses Bild eines Bildes immer ausfallen mag: Der Sache selbst setzt es nichts hinzu; es macht sie lediglich einsichtig.
JE


Montag, 10. Juni 2019

Die Vernunft ist sich selbst vorausgesetzt.



Das / Bewußtsein ist also von vornherein schon ein gesellschaftliches Produkt und bleibt es, solange überhaupt Menschen existieren.
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Marx/Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3, S. 30f.


 
Also das erste und höchste der Ordnung des Denkens nach, was ich finde, bin ich, aber ich kann mich nicht finden ohne Wesen meinesgleichen außer mir; denn ich bin Individuum. Also meine Erfahrung geht aus von einer Reihe vernünftiger Wesen, zu welcher auch ich gehöre, und an diesem Punkt knüpft sich alles an. 

Dieses ist die intelligible Welt, Welt, insofern sie etwas Gefundenes ist, intelligibel in wiefern sie nur gedacht und nicht angeschaut wird. Die Welt der Erfahrung wird auf die intelligible gebaut, beide sind zugleich, eine ist nicht ohne die andere, sie stehen im Geiste in Wechselwirkung. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 151

 


Nota. - Für Marx und Engels, die sich im Anschluss an Feuerbach eben erst Materialisten genannt hatten, war die Herkunft des Denkens aus Arbeitsteilung und Kooperation der historisch wirklichen Individuen kein Problem: Vom Himmel gefallen waren sie ja wohl nicht.

Nein, vom Himmel gefallen waren sie auch für den Transzendentalphilosophen Fichte nicht. Aber irgendwoher mussten sie doch gekommen sein - und aus der toten Materie ja wohl nicht.

Marx und Engels erzählen Geschichte, die sich in Raum und Zeit zugetragen hat. Das ist nicht Sache der Trans- zendentalphilosophie. Sie beginnt als Vernunftkritik: Was ist Vernunft und woher kam sie? Die Analyse ergibt: Im Unterschied zu totem Stoff ist sie Bestimmung desselben als dieser oder solcher. Vorausgesetzt ist also, in wel- cher Gestalt auch immer, ein bestimmendes Vermögen. Das ist grob gesagt das, was Fichte unter Ich versteht. Ein Vermögen, das, da es selber noch nicht bestimmt ist, sich-bestimmen muss. Historisch aufgefasst wäre es wie Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht.

Historisch betrachtet aber die Transzendentalphilosophie die Sache gerade nicht, sondern - und zwar in einem materialen Sinn - logisch, nämlich auf ihre Herkunft hin.* Aber irgendwann wird sie doch historisch werden müs- sen, wenn sie nämlich wirklich werden will! Der Übergang der bislang stets nur sich-selbst bestimmenden Intel- ligenz zum Bestimmen von Dingen außer ihr und ihr Übertreten in eine reale Welt sind ein Sprung, zu dem sie in sich selbst keine Veranlassung findet. Es musste ihr eine akute Notwendigkeit gegeben werden. 

Und siehe da - die zur Vernunft strebende Intelligenz findet sich vor als Teil einer historisch gegebenen Reihe vernünftiger Wesen, die sie auffordern, es ihnen gleichzutun und sich in der wirklichen Welt Zwecke zu setzen. Die Aufforderung ist kategorisch, denn auch wenn sie ihr nicht Folge leistet, setzt sie - nämlich keinen Zweck.

Es ist ja immer die Rede vom Werden der Welt für die Vorstellung. Und sobald sie die Aufforderung, sich Zwecke in der wirklichen Welt zu setzen, hört und versteht, ist die wirkliche Welt in der Vorstellung und die Vorstellung in der Welt. Das ist der Sprung, auf den es ankam.

Mit andern Worten, die Vernunft kann es sich nicht anders vorstellen, als dass sie immer 'da gewesen' sei.

Historisch-materialistisch - nämlich kritisch - ausgedrückt heißt das: Den Markt hat es immer gegeben, jede Art menschlichen Zusammenlebens ist als Austausch von Arbeiten aufzufassen, und der Wert ist eine Naturtatsa- che.

*) ...während sich die materialistische Auffassung von Marx und Engels um die Herkunft des Geistes gar nicht schert.

 





Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Sonntag, 9. Juni 2019

Schaffende Einbildungskraft.

Pygmalion

Was es auch seyn möge, das den lezten Grund einer Vorstellung enthält, so ist wenigstens so viel klar, daß es nicht selbst eine Vorstellung sey, und daß eine Umwandlung damit vorgehen müste, ehe es fähig ist in unserm Bewußtseyn, als Stoff einer Vorstellung angetroffen zu werden. I Das Vermögen dieser Umwandlung ist die Einbildungskraft. – 

Sie ist Bildnerin[.] Ich rede nicht von ihr, insofern sie ehemals gehabte Vorstellungen wieder hervorruft, ver- bindet[,] ordnet, sondern indem sie überhaupt etwas erst zu einer Vorstellung macht. – Sie ist insofern Schöp- ferin des eigenen Bewußtseyns. 

Ihrer, in dieser Funktion ist man sich nicht bewußt, gerade weil vor dieser Funktion vorher gar kein Bewußt- seyn ist. Die schaffende Einbildungskraft. Sie ist Geist.
Resultat. Dieses Bild müssen wir selbst bilden.
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J. G. Fichte, Über die Pflichten des Gelehrten, Entwurf, Gesamtausgabe II/3, S. 297f. 
[auch: Hamburg 1971 [Meiner], S. 126f

 
Nota. - Geist ist toto genere Einbildungskraft. Aber das Ich ist nicht Geist (vom empirischen Individuum ganz zu schweigen). Wenn die Einbildungskraft nicht etwas vorfindet, das sie dem Ich ein/bilden kann, ist sie arbeitslos. Nicht das, was sie vorfindet, bildet die Einbildungskraft, sondern das, was sie vorgefunden hat: das, was es ist, was es bedeutet

Vorgefunden hat sie das krude Sinnesdatum: Gefühl. Das ist der Stoff, an dem die Einbildungskraft arbeitet. Er ist, auch ohne Einbildungskraft; er ist lediglich nicht dieses oder jenes.

*

So apodiktisch wie an dieser Stelle hat es Fichte meines Wissens nie wieder ausgesprochen. Natürlich: Denn es ist ein Ergebnis des Systems, das er doch erst noch auszuarbeiten hatte. Und wenn er es auch je fertig ausgearbeitet hätte: Eine "feste Terminologie" ist der Wissenschaftslehre fremd, weil sie nicht erlernt, sondern nur selbstgedacht werden kann. Für didaktische Zusammenfassungen dieser Art gäbe es nach Vollendung der Wissenschaftslehre keinerlei Berechtigung.
 

Die Stelle kommt in dem öffentliche Vortrag vor, den Fichte im April 1794 noch vor Aufnahme seiner regulären Vorlesungen in Jena gehalten und sogleich in den Druck gegeben hatte. Zweck dieser öffentlichen Vorträge war, die allgemeine Idee einer Wissenschaftslehre eine weiteren, nicht spezifisch akademischen Publikum nahezubrin- gen. Es ist eine populäre Einlführung. Er musste den Ergebnissen seiner Untersuchung vorgreifen, wobei die eine oder andere gewagte Formulierung kaum zu vermeiden ist. Es ist ein didaktischer Vortrag, der den Gehalt der Wissenschaftslehre wie einen lernbaren positiven  Stoff vorträgt und also, nach Geist und Verfahren, durchaus in einem Widerspruch zu ihr steht.

Dass er die obige Stelle in dieser Form in den ausgearbeiteten Darstellungen der Wissenschaftslehre nicht wieder aufgegriffen hat, hat also philosophischen Sinn. Doch steht sie ganz am Anfang seiner Lehrtätigkeit, und die historisch-philologische Frage, wie Fichte sich die Wissenschaftslehre zu Anbeginn vorgestellt hat, rechtfertigt es, die Stelle dem wissenschaftlichen Vortrag voran zu stellen.

*

Die pointierte Voranstellung der Einbildungskraft ist das zunächst Bemerkenswerte. Fast möchte man schluss- folgern, die Einbildungskraft sei das eine und ganze Vermögen des Ich! Doch nein, die Hervorbringungen der Einbildungskraft müssen vom Ich doch immerhin so weit unterscheidbar sein, dass das Ich sich als eine "prädi- kative Qualität" über sie stellen und sie beurteilen kann. In den Ausführungen der Wissenschaftslehre wird sie uns als reines Wollen wieder begegnen. Der harte Kern des transzendentalen Ich ist seine Fähigkeit zum Urteil. Und sie ist nicht bloßer Geist! Als Urteilskraft = Wollen sind Geist und Sinnlichkeit noch ungeteilt.

Wir verstehen den tieferen Sinn von Fichtes Bezeichnung der Wissenschaftlehre als 'echten druchgeführten Kriti- zismus'.


9. 5. 17




Freitag, 7. Juni 2019

Wie kommt das Ich dazu, aus sich herauszugehen?

Dalí, Geopoliticus 1943 

Man kann die gesamte Aufgabe der Wissenschaftslehre so ausdrücken: Wie kommt das Ich dazu, aus sich selbst herauszugehen? 
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Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 196


Nota I. - Das war das Mysterium bei Plotin, Spinoza und Hegel: wie kommt die Substanz überhaupt dazu, ihre Identität zu verlassen und in Akzidenzen zu "emanieren" (E. Lask)? 'Warum ist GOtt Schöpfer geworden' - die Theolo- gie verbietet diese Frage. Der spekulative Pomp der metaphysisch-philosophischen Systeme täuscht dar- über hinweg, dass sie sich an der Frage vorbeidrücken. Wenn sie aber der Theologie nichts Substanzielles hinzu zu fügen haben, wieso konnten sie's dann nicht bei ihr belassen? Die Philosophie ist dann überflüssig.

Der Transzendentalphilosoph Fichte dreht die Frage um. Er setzt nicht erst ein Ich, um es dann, warum auch immer, tätig werden zu lassen; sondern geht aus vom Faktum der vernünftigen Tätigkeit, das aus dem Noumen Ich erklärt wird. Tatsache ist, dass das (noumenale) Ich aus sich heraugegangen ist. Er muss nun nicht seine Phantasie schweifen lassen und raten, was es dazu veranlasst haben könnte. Er muss lediglich heraus finden, wie das möglich war. Eine Notwendigkeit wird nicht behauptet.

31. 5. 17 

Nota II. - Vorausgesetzt ist also - es hat herausgefunden. Der Grund lag nicht in ihm selbst. Der Grund kam von außen, er war ein Gefühl. Indem das Ich sich dem Gefühl zuwendet, wendet es sich einer Welt außer ihm zu; denn das Gefühl ist nichts anderes als der Widerstand, den seine Tätigkeit an den Dingen der Außenwelt erfuhr. Also war da eine Tätigkeit vor dem Widerstand! (Von anderen Gefühlen als denen, die das Ich durch die Außen- welt erfährt, handelt die Wissenschaftslehre nicht.) Demjenigen, aus dem heraus ein Ich sich setzen wird, wird vor allem andern die Fähigkeit zum Tätigsein zugeschrieben. Doch damit aus der Fähigkeit wirklich Tun wurde, war ein Wollen notwendig.

Fichte selbst fährt an der angegebenen Stelle so fort: "Dieses [das Herausgehen aus sich] geschieht auch durch Ver- mittelung: die, dass das Ich nun zuvörderst herausgehe aus seinem ursprünglich Reinsten, aus dem Denken; dar- aus geht es fort zu dem Gefühl, /197/ dies vermittelt das Herausgehen aus sich selbst, die Annahme einer Außen- welt. Der Platz nun, wo an das bloße Denken sich etwas anknüpft, was kein Denken ist, ist hier." a.a.O. 

Das ist schief und schludrig ausgedrückt. Dass es sich bei der notwendig anzunehmenden Tätigkeit, die als Widerstand ein Gefühl vorfindet, um Denken handelt als einem "usprünglichsten Reinsten", ist nicht erwiesen und nicht erweislich. Als Denken ist die Tätigkeit, so abstrakt es wäre, bestimmt. Wie käme sie dazu aber? Wer sollte sie so bestimmt haben? Tatsächlich ist die Tätigkeit, die hier angenommen werden darf, ganz und gar un- bestimmt.

Es handelt sich um eine transzendentale Erörterung, und dass ein lebendiger Mensch wie du und ich, solange seine Tätigkeit noch keinen Gegenstand gefunden hat, der es bestimmt, lediglich im Denken besteht, kommt hier nicht in Betracht. Wenn die Tätigkeit nicht als gegenständlich bestimmt ist, ist sie lediglich... nicht als gegenständ- lich bestimmt; sie ist überhaupt nicht bestimmt, auch nicht als Denken.

Es hat sich ein realistisch-spiritualistischer Reflex eingeschlichen, denn 'ursprünglich' ist die Tätigkeit, von der hier die Rede ist, nicht 'rein', sondern unbestimmt - genauer gesagt: Wirklich ist sie nicht. Wirklich gibt es immer nur diese oder jene Tätigkeit, und die ist nicht unrein, sondern bestimmt. Es muss also nicht heißen "der Platz, wo an das bloße Denken sich etwas anknüpft, was kein Denken ist", sondern Der Platz, wo sich die als unbestimmt-und-noch-nicht-wirklich gedachte Tätigkeit zu einer wirklichen bestimmt, ist der, wo sie einen Gegenstand trifft.

Noch nicht bestimmt ist allerdings, ob es sich bei dem Gegenstand, auf den sie trifft, um einen vorgestellten oder einen sinnlichen Gegenstand handelt. An dieser Bestimmung werden sich die Tätigkeiten nach gegenständlichen und bloß-gedachten erst unterscheiden.

Je reiner Fichte sein transzendentales Verfahren hält, um so materialistischer bleibt er auch. 
JE
 

Donnerstag, 6. Juni 2019

Das realisierte Absolute wäre das Ende von allem.

caput mortuum

Die Hauptsynthesis ist in allgemeinster Formulierung: Ich bestimme Mich. Würde das je gelingen, wäre mit allem Bestimmen Schluss. Bestimmen meiner - und von irgendetwas anderem - als ... ist nur möglich, solange ich mich von mir unterscheide. Wenn ich mich zu Ende bestimmt habe und mit mir eins geworden bin, bin ich tot. 

30. 5. 17


Am Anfang steht eine Ur-Teilung: Ein an sich selber Unbestimmtes schied aus sich ein Anderes aus und setzte es sich und sich ihm entgegen. Das eingangs Unbestimmte zerfällt in das Ich und die Welt. Der Fortgang im Vorstellen ist eine Fortschritt im Bestimmen - des einen durch Bestimmen des andern. Angenommen, das kä- me einmal zu einem Schluss - dann wäre die Ur-Teilung zurückgenommen. Ich und Welt wären wieder in ein- ander aufgelöst. Nun aber als Bestimmte? Keineswegs, denn was in sich nicht unterschieden ist, ist - unbestimmt. 

Ein Glück nur, dass wir uns einen Schluss gar nicht vorstellen können.


Mittwoch, 5. Juni 2019

Im Grunde ist die Wissenschaftslehre realistisch.

asv-metiers.fr
 
Die Wissenschaftslehre hebt nicht an bei der Frage, ob es eine Wirklichkeit gäbe außer der Vorstellung, son- dern warum jeder vernünftige Mensch davon ausgeht, dass es so sei. Die erste Frage wäre metaphysisch, die zweite ist transzendental. Und nur die zweite ist daher vernünftig. Dass es so sei ist die Voraussetzung, aus der die Transzendentalphilosophie nicht heraustreten kann, ohne die Vernunft zu verlassen. Auf der ersten seman- tischen Ebene ist auch sie realistisch. Idealistisch ist sie erst auf der zweiten Ebene, der Reflexion der Vernunft auf sich selbst.

17. 6. 17


Realistisch ist sie, aber eben nicht naiv. Dass es so vernünftig sei, ist ein Urteil, und als solches Ergebnis einer Reflexion. Doch die Frage, warum es so vernünftig ist, ist bereits kritisch.

Auch dünkt sich die Wissenschaftslehre nichts besseres als der gesunden Menschenverstand. Sie ist nicht bes- ser, sondern sie weitet ihren Blick nur auf Dinge aus, die man fürs tägliche Leben gar nicht wissen muss. Das ist nicht einmal klüger; nur weiser.



Dienstag, 4. Juni 2019

Wissenschaftlichkeit, Begründung, Mitteilbarkeit, Diskursivität...

Sebastian Bremer, pixelio.de 

'Wissenschaft' unterscheidet sich von andern Weisen des Meinens darin, daß sie ein auf seine Gründe hin über- prüftes Wissen ist... Die Überprüfbarkeit ("Falsifizierbarkeit", nach Popper) ist ihr kardinaler pragmatischer Un- terschied zu anderem Meinen: Sie ist Bedingung der Mitteilbarkeit. Nur wenn mein Wissen auf 'Gründen' be- ruht, kann ich es einem andern ver"mitteln": ihm die Gültigkeit meines Wissens "andemonstrieren"! Ich muß in der Begrründungskette meines Wissens einen 'Punkt' ausmachen, der dem andern bereits 'als gewiß bekannt' ist (Wittgenstein). Daran kann ich anknüpfen und aus ihm Schritt vor Schritt mein Wissen "her leiten". Daher sind die Sätze 'Wissenschaft ist begründetes Wissen' und 'Wissenschaft ist diskursives Denken' [nicht umkehrbar] gleichbedeutend. D.h. wirkliche Wissenschaft ist schlechterdings nie "voraussetzungslos", sondern argumentiert immer ex concessis; denn "irgendwo muß man ja anfangen". [nach Kant: wirkliches Wissen ist immer dogma- tisch; aber noch lange nicht dogmatistisch]


Das heißt aber auch, daß 'wissenschaftliches Denken' die Gegebenheit von Wissenschaft als einer kulturellen Dimension (gesellschaftliches Institut) allbereits voraussetzt; d.h. die Vorhandenheit einer wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Denn wenn mein Anderer, dem ich das Wissen, das ich selber 'eingesehen' habe, andemonstrie- ren will, mir bereits solche 'Gründe' konzediert, die lediglich plausibel sind, dann enthebt er sich und ipso facto mich der Prüfung (wiss.: Begründung) der einander zugebenen Gründe; so ist das vielleicht immer noch 'wah- res' Wissen; aber nicht Wissenschaft: Wissenschaftlichkeit ist eine Weise der Darstellung - Darstellung "für" einen Andern (und wenn der 'Andre' auch ich selbst: mein kritisches Alter ego wäre...) 

aus e. Sudelbuch; 7. 6. 92



Und die spezifische Form wissenschaftlicher Mitteilung ist Kritik; eben jenes Verfahren, das geeignet ist, Grün- de zu prüfen. Spezifisch kann die Kritik nur sein, wenn der überprüfte Satz spezifisch war. Wenn also der zu kri- tisierende Satz im digitalen Modus stand. Und so muss die Kritik ihrerseits im digitalen Modus stehen.

Kunst kritik heißt nur uneigentlich so. Ihr Gegenstand ist anschaulich gegeben, und wenn sie sich bei ihrem Ver- fahren der Begriffe bedient - der digits par excellence -, so tut sie es mit einer gewissen Ironie, wohl wissend, dass kein Begriff eine Anschauung wirklich fassen kann, denn dafür ist sie zu... unspezifisch. Es kann also nicht anders sein, als dass Kunstkritik in gewissem Sinne stets ungerecht ist. Entweder sie bedient sich der Begriffe, dann geht sie "eigentlich" am Gegenstand vorbei; oder sie bedient sich selber bildlicher Ausdrücke - dann ist sie eigentlich keine Kritik; sondern ein Gegenentwurf, eine Zutat, eine Skizze, wie es besser zu machen wäre; selbst ein Kunstwerk oder womöglich ganz was anderes. Eine Widerlegung ist bei anschaulichen Darstellungen gar nicht möglich, sondern nur bei Diskursen.



Montag, 3. Juni 2019

Eindeutige und ungefähre Wahrnehmung.

Titi-Springaffe   

Die Auffassung der Erscheinungen der Welt als eindeutig zu Unterscheidende nennen wir die digitale, die Auf- fassung der Erscheinungen als gleitendes Kontinuum nennen wir eine analoge. Um die digitale Wahrnehmung so wiederzugeben, dass ein Anderer sie identifizieren kann, braucht man ein unmissverständliches Zeichen, ein digit, am besten ein - Wort. Eine analoge Wiedergabe bedarf eines kontinuierlichen Signalsystems.

Was war eher da - die digitale Wahrnehmungsweise des Menschen oder seine sprachliche Mitteilungsweise? Ich wage mal eine Spekulation: Es war die Wiedergabe durch spezifische Wortzeichen, die durch Äonen unser Be- wusstsein geprägt, nämlich überhaupt erst möglich gemacht hat, und diese Bewusstseinsverfassung hat ihrer- seits seine Wahrnehmung geprägt.


 
Und siehe da: Eine 'vernünftige' Weltanschauung, und darunter verstehen wir seit gut 200 Jahren eine, die die Phänomene einander als Ursachen und Wirkungen zuordnet, ist nur bei einer digitalen Unterscheidung der Wahrnehmungen möglich: Eine Erscheinung muss als diese Eine spezifiziert worden sein, um ihr 'diese eine' Ursache zuschreiben zu können. Wessen Wahrnehmung aus ineinander übergehenden Bildern besteht, muss sich mit erfahrungsmäßiger Wahrscheinlichkeit bescheiden.

Merke: Die Unterscheidung nach Ursache und Wirkung ist reflexiv, sie schaut sich um: 'Da' ist die Erscheinung, die Ursache muss als hinter ihr verborgen angenommen werden - als schon geschehene, und durch sie ist sie bestimmt. Der probabilistische Blick in die Welt sieht nach vorne, er erwartet etwas; doch das Etwas ist analog, nur ungefähr, noch unbestimmt.


Nachtrag.

Doch wer sich durch die digitale Verfassung seines Merksystems einmal auf die kausalistische Weltanschauung festgelegt hat, wird Schwierigkeiten bekommen, wenn er Phänomene verstehen soll, die nicht in dieses Schema passen. Da ist auf der einen Seite der kontinuierliche Verlauf systemischer Prozesse, und auf der entgegengesetzten Seite das Phänomen der Emergenz, das aus heiterm Himmel zu kommen scheint - und beide sind zwei Seiten einer Medaille.