Donnerstag, 31. Mai 2018

Merkmale der Dinge.

Winslow Homer, Boy fishingWinslow Homer, Boy fishing 

Es sind die Absichten der Menschen, an denen die Dinge Merkmale bekunden.
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Merke: Ein Merkmal ist ein Mal, das merkbar ist.

3. 9. 13

Erst durch ihre Merkmale ähneln oder unterscheiden sich Dinge. Besser gesagt - 'sich' unterscheiden die Dinge überhaupt nicht. Nur wer etwas mit ihnen vorhat, unterscheidet sie, denn nur dann merkt er was.

19. 4. 15








Mittwoch, 30. Mai 2018

"Panpsychismus": Anthropologie statt Metaphysik II.

Chris Burkhardt, isländ. Gletscherfluss

Eduard Kaeser veröffentlicht in der Neuen Zürcher immer wieder mal Aufsätze zu Tehmen aus dem Grenzbereich von Physik und Philosophie. Am 10. 5. 2018 erschien unter dem Titel Die seltsame Wiederkehr der Weltseele ein kritischer Beitrag über das modische Aufleben des "Pan- psychismus". Er sieht darin den Nachhall alter religiöser und vorwissenschaftlicher mentaler Bil- der. Aber ernst zu nehmen sei der Panpsychismus dennoch: "als Symptom eines Bedürfnisses nach metaphysischem Trost." Zum Abschluss zitiert er den Münchneer Philosophen Godehard Brüntrup: "Wäre es nicht faszinierend, wenn die einfachste und eleganteste Erklärung des Uni- versums gleichzeitig eine wäre, die mit dem Schöpfungsglauben harmoniert?"

Unterm Titel Wer metaphysische Fragen stellt, muss kein Verächter der Physik sein antwortet ihm Brüntrup am 26. 5. 2018 ebenfalls in der Neuen Zürcher:

Der theoretische Physiker Roger Penrose wurde unter anderem bekannt durch seine zusammen mit dem jüngst verstorbenen Stephen Hawking verfertigten Arbeiten zu Singularitäten in der Raumzeit. Penrose ist der Meinung, dass komplexe Konfigurationen von physikalischen Bausteinen allein nicht in der Lage seien, das Entstehen von Bewusstsein zu erklären. Für jede materielle Struktur, die in unserer Welt mit Bewusst- sein korreliert ist, kann man sich eine funktional bedeutungsgleiche Struktur vorstellen, die kein Bewusst- sein hervorbringt. Man nennt dies «das harte Problem des Bewusstseins». Es wird als Fragestellung selbst von reduktionistischen Materialisten gemeinhin akzeptiert.

Penrose hat zusammen mit Stuart Hameroff eine Theorie vorgelegt, nach der es einen Zusammenhang zwischen Quantenmechanik und Bewusstsein gibt. Demnach ist jeder Kollaps der Wellenfunktion (also der Übergang von einem Überlagerungszustand in einen Eigenzustand des Systems) identisch mit einem winzigen Bewusstseinsereignis. Aus dieser Theorie folgt, dass sich Spuren von Bewusstsein bereits in der raumzeitlichen Grundstruktur des Kosmos antreffen lassen. Diese Theorie ist umstritten, aber niemand hält einen hochdekorierten Physiker wie Penrose für einen Verächter der Naturwissenschaften.

Der Physiker Arthur Eddington vertrat die These, dass die Physik ein komplexes Netzwerk von mathematisch-formal erfassbaren Relationen und Funktionen beschreibe, dass sich hinter diesem Aspekt der Materie aber ein «unbekannter Gehalt» verberge, der die Grundlage unseres Bewusstseins sei. Nach Bertrand Russell greift die physikalische Beschreibung nur bestimmte abstrakte Strukturen der Raumzeit heraus. Was die Natur der raumzeitlichen Dinge ist, wird durch die physikalische Beschreibung nicht vollständig erfasst.

Formeln genügen nicht

Dieser Gedanke ist nicht neu. Descartes war einer der Begründer des neuzeitlichen Begriffs des Physischen. Materielle Dinge waren für ihn mathematisch beschreibbare Objekte im Raum. Schon Leibniz hatte erwidert, dass diese Bestimmung des Physischen etwas Wichtiges auslasse. Ausdehnung oder Struktur allein reicht nicht, um zu bestimmen, was ausgedehnt oder strukturiert wird. Hawking hat es in der Gegenwart so formuliert: Selbst wenn wir die Physik mit einer grossen vereinheitlichten Theorie vollendet hätten, so hätten wir doch nichts anderes als Formeln. Wie aus diesen formalen Strukturen eine konkrete Welt werden kann, bleibt noch immer rätselhaft. Hawking fragte: Was haucht den Gleichungen Feuer ein, damit ein konkretes Universum entsteht? Erwies er sich als Verächter der Physik, weil er diese metaphysische Frage stellte? ...

Für den Gegner des Panpsychismus wäre es vielversprechender, zu behaupten, dass es gar keiner intrinsischen Naturen des Physischen bedarf. Es gibt nichts hinter der formalen Struktur. Die ganze Welt ist nur ein System mathematisch beschreibbarer Strukturen. Es gibt nichts, was durch diese Strukturen strukturiert wird. So wie Descartes sagte, dass alles Ausdehnung sei, so kann man sagen, dass alles Struktur sei. Die Fragen «Ausdehnung wovon?» oder «Struktur wovon?» könnte man dann getrost vergessen. Hawkings Frage nach dem, was Feuer in die Gleichungen haucht, geht ins Leere. In letzter Konsequenz besteht die Welt nur aus mathematischen Strukturen und sonst nichts.

In der heutigen Debatte nennt man diese Position den «ontischen strukturalen Realismus». Ich halte diese Position für eine bessere Kritik am Panpsychismus. Sie hat grosse Vorläufer in der Geschichte, etwa den Pythagoreismus, wonach die letzte Grundlage der Welt mathematische Symmetrien und Harmonien sind. Aber: Wie kann aus mathematischen Symmetrien Bewusstsein hervorgehen? Nehmen wir an, wir konstruierten eine hinreichend komplexe virtuelle Welt in einem Computer, die auf eleganten mathematischen Symmetrien beruhte. Wäre damit sichergestellt, dass der Computer etwas erleben könnte? Der nagende Verdacht bleibt bestehen, dass formal-funktionale Struktur allein nicht ausreicht, um Bewusstsein hervorzubringen.

Wenn das aber korrekt ist, dann sind wir durch unser eigenes Bewusstsein mit einem Aspekt des Universums vertraut, der mehr ist als Struktur. Wir wissen nicht genau, was dieses «Mehr» ist. Wir haben bis jetzt keine überzeugende Theorie darüber, wie Bewusstsein in der physikalischen Welt möglich ist. Aber wenn Eddington, Russell und andere recht haben, dann hängt die Beantwortung von Hawkings Frage nach dem Feuer, das in die Gleichungen gehaucht werden muss, mit der Frage nach dem Bewusstsein zusammen. Vielleicht irren sie sich. Aber die Grösse des Gedankens sollte auch der kritische Beobachter zu erkennen vermögen.

Der Autor ist Professor für Philosophie des Geistes an der jesuitischen Hochschule für Philosophie in München.


Nota. - Bewusstsein (oder Geist) ist kein Stoff, der ist, nämlich in Raum und Zeit, sondern die Handlung eines - nun ja, nennen wir es einstweilen: - Subjekts, das einem Phänomen, das es (in Raum und Zeit) sinnlich "merkt", eine Bedeutung zuschreibt. Das Phänomen "bedeutet" ihm etwas - nämlich wenn und sofern er die Absicht hat, etwas zu tun. Denn anders wäre die 'Bedeutung' ohne Bedeutung.

Nicht "Strukturen" sind "mit Bewusstsein korreliert", sondern handelnde Subjekte korrelieren 'Strukturen' mit ihren Absichten. Letztere sind der Ausgangspunkt aller Vorstellung; auch der von Natur, Materie und Struktur.

*

Die Frage, was (quale) dasjenige sei, das von der Naturwissenschaft in mathematischen Formeln beschrie- ben wird, unterstellt einen, der - in Raum und Zeit - Absichten hat; der dieses oder jenes will. Nicht nur wollen kann, sondern schlechterdings wollend ist. Die Frage nach dem Was kann nur von Menschen ge- stellt werden. Wenn von Bewusstsein die Rede ist, ist nur von ihnen die Rede; und zwar von ihnen, sofern sie in Raum und Zeit sind, aber nicht von dem an oder in ihnen, das durch mathematische Formen darstell- bar ist. Mathematische Formeln sind Begriffe, und Begriffe ohne Anschauung sind leer. Ein Quale ist das Produkt eines Vorstellungsakts. Ohne den Vorstellenden ist es nicht zu beschreiben.

Historisch zu beschreiben und in Begriffe zu fassen - wenn vielleicht auch nicht in mathematische Formeln - ist, wie und durch welche Bedingungen die Menschen die Fähigkeit zum Vorstellen entwickelt haben. Die Wissenschaft, die das versucht, ist die Anthropologie. Sie tritt an die Stelle der Metaphysik
JE

Dienstag, 29. Mai 2018

Wissenschaft im Zeitalter der Vernunft.


Der Siegeszug der Wissenschaften im 17. Jahrhundert sei "das politische Ereignis par excellence" gewesen, schrieb ich andernorts, er hat im Reich der Parteienkämpfe ein - kontinuierlich wachsendes - Feld geschaffen, wo nicht länger der Stärkere entscheidet, sondern der geprüfte Grund.
 
Wenn auch faktisch die Physik die treibende Kraft war, betraf diese 'Wissenschaftliche Revolution' nicht bloß die Naturwissenschaften im Besondern, sondern die Geisteshaltung einer ganzen Zivilisation: Als rational gilt seither nur noch solche Erkenntnis, die eine Erscheinung als Wirkung einer Ursache darstellen kann; und zwar ein geschichtliches Ereignis nicht minder als ein Laborexperiment. Auch politische Probleme sollten seither, so weit irgend möglich, durch Vernunft lösbar sein, ohne Waffen. (Der Aufstieg der Wissenschaften begann nach dem Ende des 30jährigen Kriegs und der englischen Revolution - in der Hoffnung auf ewigen Frieden, nach- dem die Religion Ewige Zwietracht gesät hatte.)

Allerdings beschränkte er sich auf den (seither stets wachsenden) engen Kreis der Gelehrten.

Dass es sich im Besondern um Naturgesetze handeln sollte, wurde erst im Lauf des 19. Jahrhunderts deutlich, 

als die Siege der Exakten Wissenschaften in Gestalt der technisch-industriellen Revolution auch den Durch- schnittsmenschen anzugehen begannen. Dass es für alles einen hinreichend Grund geben müsse, scheidet seither den gesunden Menschenverstand von allen Arten des Irrsinns. (Und seither gewinnen die 'Geisteswis- senschaften' ihr eigenes Profil, weil sich sich gegen die 'harten' Fächer legitimieren müssen.)

Doch das Dogma der Kausalität ist inzwischen zu einem - pragmatisch vertretbaren - Aberglauben des Gesun- den Menschenverstands herabgesunken; es begann mit den Revolutionen der Thermodynamik und hat mit der Quantenphysik einen einstweilen Höhe-, aber längst keinen Schlusspunkt gefunden.

Dass die exakten alias 'Natur'-Wissenschaften an ihren Grundlagen zu zweifeln beginnen, ist löblich, aber auch das mindeste, was man erwarten darf. Nun wenden sie sich in neuer Bescheidenheit an die 'weiche' Philosophie zurück. Wobei sie viel Zeit sparen können, wenn sie sich erinnern, dass die Philosophie ihnen schon vor zwei- hundert Jahren in Bescheidenheit vorangegangen ist und sich mit Kants Kopernikanischer Wende selber die Schranken gezogen hat, die sie von den Realwissenschaften trennen - und die Realwissenschaften von ihr! Er- kenntnisfortschritt können beide nur erhoffen, wenn sie die Schranken klug beachten und nicht wieder alles miteinander verrühren. Wenn ihr Interesse eben der Andersheit des andern gilt und sie Konsens und Gemein- samkeit den profanen Alltagsmenschen überlassen.


25. 6. 16

Montag, 28. Mai 2018

Das Korn und die Spreu.

Millet, Un vanneu

Was er nicht ausspricht, aber durchklingen lässt: Wenn in den Ingenieursdisziplinen zusehends an die Stelle des diskursiven, definierte Begriffe durch geprüfte Methoden regelgerecht verknüpfende Denken die Intuition tritt, gerät die Vernünftigkeit unserer Weltauffassung selbst in Gefahr. Der franzsösische ingénieur stammt vom latei- nischen ingenium ab, der eingeborenen Inspiration. Wir würden auf ein neues Geniezeitalter zusteuern, wo begei- sterte Führerpersönlichkeiten eine unkontrollierte Macht ausübern, die der gesunde Menschenverstand der breiten Massen nur mit offenem Maul anstaunen kann.

Gumbrecht zählt sich sicher selber zu den Inspirierten, da macht ihn die Vorstellung eines Großen Comeback der Geisteswissenschaften nicht bange. Aber dass die Intuitionen auch durch eine wetteifernde scientic community schwerer zu kontrollieren sind als die rationellen Diskurse, wird er nicht bestreiten. Da kommt mehr Farbe, aber auch mehr Unberechenbarkeit in die Bude: Riskant, wie er richtig sagt.


Es war aber ein Irrtum, die Herrschaft der Vernunft mit Berechenbarkeit gleichzusetzen. Er hat ein Viertel- jahrtausend geherrscht, doch wäre es Zeit, ihn zu korrigieren. Die technische Anwendbarkeit ihrer Produkte ist nur die eine Dimension der Vernunft. Sie hat die westlichen Gesellschaften lange genug beherrscht. Sie ist das, was während der langen Geschichte der Arbeitsgesellschaft im allgemeinen und der kapitalistischen Produktions- weise im besondern von der Vernunft im Vordergrund stand; und das vorherrschende Motiv des Denkens war - der Naturwissenschaften wie der Philosophie.


Das konnte kaum anders sein, solange die überwältigende Mehrheit der in der Welt Tätigen mit technischen An- wendungen beschäftigt war, mit der Ausführung vorgegebener Projekte. Lat. proiectum bedeutet lexikalisch fast dasselbe wie gr. problema , und wenn beide Begriffe sich durch verschiedene Anwendung auseinander entwickelt haben, darf das im Rückblick nicht darüber täuschen, dass das Bild, das ursprünglich hinter beiden stand, das ist, was das deutsche Wort Vorstellung bezeichnet. Die Vorstellung ist das Gemeinte, das, worauf abgesehen wird, das, was dem Tätigen seinen Zweck vorgibt.

Der Begriff ist nur dessen marktgängige Verpackung, in der es weitergereicht und vor-geschrieben werden kann - dem, der es ausführen soll. Die Begriffe lassen sich zweckmäßig verknüpfen, sie lassen sich in Formeln tun und gegeneinader verrechnen. Die Begriffe beherrschen die technische Zivilisation.  

Müssen sie nicht die Hypertechnik der digitalen Welt erst recht beherrschen?

Nein, eben nicht. Je mehr die ausführend en Tätigkeiten von den Maschinen übernommen werden, umso weni- ger Verpackung wird nötig. Der Algorithmus, dumm und dürftig, tritt an ihre Stelle. Das Vorstellen selbst, das bildhafte Entwerfen von Absichten, das Einbilden tritt in seine Erstgeburtsrechte zurück.

Die Vernunft ist ursprünglich intuitiv, wörtlich: anschaulich, nämlich solange sie noch probiert. Der Begriff tritt nun in sein Zweitgeburtsrecht zurück: als Prüfstein. Das Erfinden ist eins, aber ohne Prüfung ist es nicht einmal die Hälfte. Je freier das bildhafte Vorstellen wird, umso nötiger wird die Kritik durch die Begriffe. Je einfallsrei- cher die ingeniösen Ingenieure werden, umso wichtiger wird die Kritische Philosophie. Sie trennt das Korn von der Spreu.


Sonntag, 27. Mai 2018

Metalogik.



Geltung ist ein praktische Kategorie.
Dinge sind. Bedeutungen gelten.

9. 8. 10 





Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE  

Samstag, 26. Mai 2018

Geltung.

Harald Lapp, pixelio.de
 
Es wurde beanstandet, dass ich Geltung und Bedeutung logisch nicht genügend auseinanderhielte.

Das ist aber auch richtig so. Denn nur Bedeutung gilt. Alles, was sonst vorkommt, ist. Und Bedeutung gilt immer nur als Urteilsgrund für eine mögliche Handlung. Geltung ist eine praktische Kategorie.





Donnerstag, 24. Mai 2018

Neugewonnene Gewissheit.

Lothar Sauer

Die Annahme eines absoluten Rechtsgrunds allen Geltens ist das Erbe unserer 'natürlichen' Vorgeschichte. Mit dem Fortfall der 'Umwelt' verlor diese Annahme ihre praktische Verbindung mit den wirklichen Lebensbedin-gungen. Es entstand der Hiatus: das fragen-Müssen.

Das Absolute als Idee ist ein Reflexionsprodukt. Es kommt zustande, 'weil anders gar nichts gelten könnte'. Es ist eine Konstruktion a tergo. Oder, mit Fichte zu reden, eine proiectio per hiatum irrationlem. (Er hat den Jacobi besser verstanden als der sich selbst. Dafür hat der ihn besser verstanden als er sich selbst.)

aus e. Notizbuch, Mai 2007


Das Absolute ist die Wiederherstellung der Selbstverständlichkeit, die uns mit dem Verlassen unserer Urwald- nische verloren gegangen ist, mit andern Mitteln. Während die Gründe der Selbstverständlichkeit dem Tier als seine Umwelt gewissermaßen im Rücken liegen, haben wir die Bürgschaft allen Geltens erst noch vor Augen, und in ganz weiter Ferne.

22. 11. 14

Zahl, Raum und Zeit, und Substanz.


Die Zahl. – Die Erfindung der Gesetze der Zahlen ist auf Grund des ursprünglich schon herrschenden Irrtums gemacht, daß es mehrere gleiche Dinge gebe (aber tatsächlich gibt es nichts Gleiches), mindestens daß es Dinge gebe (aber es gibt kein »Ding«). Die Annahme der Vielheit setzt immer schon voraus, daß es etwas gebe, was vielfach vorkommt: aber gerade hier schon waltet der Irrtum, schon da fingieren wir Wesen, Einheiten, die es nicht gibt. – 

Unsere Empfindungen von Raum und Zeit sind falsch, denn sie führen, konsequent geprüft, auf logische Widersprüche. Bei allen wissenschaftlichen Feststellungen rechnen wir unvermeidlich immer mit einigen falschen Größen: aber weil diese Größen wenigstens konstant sind, wie zum Beispiel unsere Zeit- und Raumempfindung, so bekommen die Resultate der Wissenschaft doch eine vollkommene Strenge und Sicherheit in ihrem Zusammenhange miteinander; man kann auf ihnen fortbauen – bis an jenes letzte Ende, wo die irrtümliche Grundannahme, jene konstanten Fehler, in Widerspruch mit den Resultaten treten, zum Beispiel in der Atomenlehre. 

Da fühlen wir uns immer noch zur Annahme eines »Dinges« oder stofflichen »Substrats«, das bewegt wird, gezwungen, während die ganze wissenschaftliche Prozedur aber die Aufgabe verfolgt hat, alles Dingartige (Stoffliche) in Bewegungen aufzulösen: wir scheiden auch hier noch mit unserer Empfindung Bewegendes und Bewegtes und kommen aus diesem Zirkel nicht heraus, weil der Glaube an Dinge mit unserem Wesen von altersher verknotet ist. – 

Wenn Kant sagt »der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor«, so ist dies in Hinsicht auf den Begriff der Natur völlig wahr, welchen wir genötigt sind mit ihr zu verbinden (Natur = Welt als Vorstellung, das heißt als Irrtum), welcher aber die Aufsummierung einer Menge von Irrtümern des Verstandes ist. – Auf eine Welt, welche nicht unsere Vorstellung ist, sind die Gesetze der Zahlen gänzlich unanwendbar: diese gelten allein in der Menschen-Welt.
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Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, I/1, N° 19


Nota. - Hans Vaihinger hat nie verhehlt, das Nietzsche neben Kant und Darwin die Hauptinspirationsquelle seiner Philosophie des Als-ob gewesen ist.

Nietzsche war ein assoziativer Denker, der auf Systematik keinen Wert legt. Tiefe und eher seichte Gedanken stehen aphoristisch nebeneinander, man mag den einen, muss aber nicht dem andern beipflichten. Eines zieht sich allerdings durchs ganze Werk, was ihm eine gewisse, zumindest negative Nähe zur Kritischen Philoso- phie verschafft: die kategorische Ablehnung der Substanz.
JE



 





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Mittwoch, 23. Mai 2018

Summum verum.

Polarstern

Ein Urteil, über das wir tatsächlich übereinstimmen, weil wir gar nicht anders können, ist das summum verum, das wir uns vorstellen können: Höher kann Vernunft nicht steigen.

Die Vorstellung einer intelligiblen Welt, in der die ganze unendliche 'Reihe vernünftiger Wesen' in allen Urteilen übereinstimmt, wäre das Reich der Wahrheit und gälte als solches absolut. Denkbar ist sie allerdings nicht als ge- gebener Zustand, sondern nur prozessierend als unendlicher Progress.




Dienstag, 22. Mai 2018

Principium individuationis.

aus wikipedia 

"Ist der Stoff das principium individuationis, oder die Form?"

Dauerthema der antik-scholastischen Philosophie: Was ist das principium individuationis:

-die Form, oder
-der Stoff?! [siehe v. Bracken, "Eckhart/Fichte"]

- Wenn Stoff als "Bestimmbarkeit" genommen wird, ist die forma (eídos) das Bestimmende, ihn also aus der Indifferenz heraus-hebende, -erlesende, -individuierende.

- Doch da die Form eben dasjenige ist, welches die Bestimmungen möglich macht; also die sinnvollen Aus- sagen; also dasjenige "an" den "Dingen", welches sie den andern "Dingen" kommensurabel macht; also das- jenige, welches 'dieses' Ding, singulum, zur Bedeutung bringt; also "für Anderes" [wahrnehmbar] macht... - also ist die Form das Die-Einzelnen-Verallgemeinernde; ist also das Prinzip der Allgemeinheit, nicht der Individuation.

Das Quidproquo besteht natürlich wieder nur in der Vermengung ontologischer mit gnoseologischen Frage- stellungen. Die "Formen" - eídoi, logoi - stehen ja, als Gemachte-Gemeinte (nicht Gegeben-Genommene) von vornherein untereinander in Zusammenhang; sei's diskursiv, als Begriffe, in logischer "Wechselbestimmung"; sei's als 'Bilder' im Kaleidoskop* der 'Welt'; sind also Facta/Ficta, die instrumentell, intentionell, absichtsvoll an... "die Phänomene" herangetragen werden. Das 'Phänomen' ist hier das Datum, "das, was" im Bewußtseins- akt "gemeint" ist: gemeint als dieses, nämlich im Unterschied, d.h. bestimmten Gegensatz zu den andern. D.h. die 'Andern', ihrerseits längst gemeint-bedeutete 'Dinge', sind dem aktuellen Bewußtseinsakt stets schon vorausgesetzt als das "Feld", dem das'Dieses' zuzuordnen ist; das Koordinatensystem, in das 'Dieses' als Topos einzusetzen ist. Die Bestimmung, Setzung des Bestimmbaren (="Stoff") als Dieses, die Individuation des Indifferent-Unbestimmten, ist ipso facto Verallgemeinerung...

"Stoff" ist in den reellen Vorgängen des Bewußtseins immer nur: "Erleben" (Dilthey), "Geschehen" (Lotze). Weil aber ein Erlebnis-Schatz, ein Fundus von schon-als-bedeutsam-festgehaltenem Geschehen den je aktuellen Bewußtseinsakten immer schon zugrunde liegt; nicht nur als - passive - "Folie", sondern, dynamisch, auch als Motiv: im Kaleidoskop der "Welt" rufen "Löcher" nach "Erfüllung", horror vacui der Einbildungskraft; darum ist der je aktuelle Bewußtseinsakt als ein Erlesen des Dieses aus der informen Flut der Bilder gleichzeitig und uno actu Isolieren/Vereinzeln und logisch Beziehen auf etwas Allgemeines.

*) modernes Kunstwort aus kálos, schön, eídos, Bild/Form, skopein, schauen: "Kaleidoskop" ist das Instrument, Medium; nicht das Bild selbst.

aus e. Notizbuch, 15. 10. 94


Nachtrag. - Es ist in Wahrheit eine vor-philosophische, meta-philosophische, über-rationale,  geschmackliche, ästhetische* Frage: Was ist gültiger - das Einzelne oder das Allgemeine? Das Wirkliche oder das Wahre? Es ist der Unterschied zwischen den Entelechien des Aristoteles und Platos Ideen. Aus Vernunftgründen kann man in dieser Sache nichts besorgen. Es ist eine Vor-Entscheidung; nämlich eine, bevor es Gründe gibt. Sie ist selber Grund-legend.

Nur lässt sich auf diesen Grund nicht bauen. Es handelt sich nicht um Sachverhalte, sondern um Anschauungs- weisen. Die Anschauungsweisen folgen Absichten. Absichten kann man nicht ex ante begründen, sondern nur ex post rechtfertigen. Es ist das Ergebnis, das zählt, nicht der Grund.

*) ex negativo: Entschließe ich mich, eine Sache ästhetisch aufzufassen, so entschließe ich mich, auf Verallgemei- nerung zu verzichten. Da wir die Begriffe aber inzwischen gewohnheitsmäßig gebrauchen, sit das gar nicht so einfach.






Montag, 21. Mai 2018

Vernunft ist nichts als…

Fischer-Technik; Copyright Fachhochschule Dortmund

…Verstand im Dienst der ästhetischen Urteilskraft.

Der Verstand ergründet die Dinge und ihre Verhältnisse zueinander. Die Vernunft fragt, was ich unter ihnen zu suchen habe.




Sonntag, 20. Mai 2018

Reflektieren ist bilden.

uschi dreiucker, pixelio.de

Unterscheiden zwischen 'der Sache' und ihrer 'Bedeutung' ist Reflexion. Es setzt voraus, dass die Bedeutungen der Sachen nicht schlechterdings gegeben sind, sondern erfragt werden mussten. 

Die Emergenz der Reflexion ist also nicht verschieden von der Emergenz der Vorstellung selbst. Nämlich von der Anschauung, die von der Einbildungskraft als diese fixiert und ins Gedächtnis aufgehoben wurde. Die Vor- stellung verdoppelt die Sache zu einem Bild der Sache, das von ihr unterschieden und unter einem Zeichen archi- viert werden kann. Das wiedergefundene Bild bedeutet die Sache. 

Es handelt sich um ein und denselben Vorgang. Die verschiedenen Worte, mit denen wir ihn beschreiben, be- zeichnen verschiedene logische, aber nicht Zeitmomente - nicht eins nach dem andern, sondern je in dieser oder anderer Hinsicht.

Und ist der elementare Akt des Bildens einmal gelungen, lässt er sich prinzipiell allezeit wiederholen. Vom Bild lässt sich nun wiederum ein Bild machen, und immer so fort. Die Reflexion schläft nie. Sie schlummert höch- stens mal, aber sie ist immer dabei.

13. 9. 13 

Nachtrag: Das Übersetzen anschaulicher Vorstellungen in definierte Begriffe ist eine ständige Versuchung und ist in der diskursiven Wiedergabe selbst angelegt. Es vertieft die Anschauung, und das kann nicht schaden. Man muss sich danach aber stets erinnern, dass der Begriff die Vorstellung nur anzeigt, aber nicht vertritt. Es sind im kritischen Denken immer Vorstellungen aus Vorstellungen zu ent/wickeln; nicht aber Begriffe mit Begriffen zu verknüpfen.



Samstag, 19. Mai 2018

Sehen ist bilden.

nach Rudolpho Duba, pixelio.de 

In den späteren Darstellungen der WL erscheint das 'Sehen' als ein ursprüngliches Bilden [WL '13]

...aber das Bild ist immer ein Bild von Etwas: von dem, was im Bild dargestellt ist. Dies meint Fichte mit 'Sein', aber eben nicht, realistisch, eines, das dem Bilden als sein Vor-Bild zugrunde gelegen hätte; terminus a quo; son- dern eines, das, nachdem es einmal gebildet ist, nicht anders angeschaut werden kann, denn als ob es schon immer hätte 'da sein' müssen: terminus ad quem. Es ist das, was schlechterdings sein sollte: "Die Wahrheit ist kein Faktum, keine Sache oder bloße Gegebenheit, sondern etwas, das schlechthin sein soll. Sie fordert ihre allseitige Verwirklichung; und nur, wo sie bejaht wird, verwirklicht sie sich." Reinhard Lauth, Die absolute Ungeschichtlichkeit der Wahrheit, Stgt. 1966, S. 39f.

aus e. Notizbuch, in den 90ern

Nota. - So müsste man Fichte vor 1800 auffassen; später nicht mehr. 

Juni 2014 

Freitag, 18. Mai 2018

Genealogie der Vernunft.

Martina Herbst, pixelio.de
 
Die WL handelt nicht davon, wie ein Individuum zu seinem Bewusstsein kommt, sondern davon, wie Vernunft "zur Welt kommt" - wenn sie 'zur Welt' kommt. [wie das Ich 'sich setzt', indem es 'seine' Welt konstruiert - und mit 'unserer' Welt ins Benehmen setzt.]

aus e. Sudelbuch, 2. 8. 04

Die WL handelt vom Denken der empirischen Individuen [nur], insofern sie vernünftig sind. Vernunft ist nicht das, was sie als Individuen identifiziert und unterscheidet, sondern das, was ihnen als logischen Subjekten gemeinsam ist; nur darum kann sie es in einem allgemeinen Schema darstellen. 

Die obige Formulierung 'wie das Ich sich setzt, indem es seine Welt konstruiert - und mit unserer Welt ins Be- nehmen setzt', ist falsch - weil sich in 'seiner Welt' kein Ich 'setzt', sondern lediglich ein empirisches Selbst vorfindet - denn davon, dass es seine Welt konstruiert hat, weiß es noch nichts. Das erfährt es erst in dem Moment, wo es reflektiert - und ipso facto in 'unsere' Welt übertritt.

Ich kann mich nun einfacher ausdrücken: 'Unsere' Welt ist das Reich, wo Vernunft an ihrem Platz ist. Zu 'meiner' Welt kommt die Vernunft nicht.

Wissenschaftslehre ist die Genealogie der Vernunft; darum ist sie die pragmatische Geschichte des Geistes und nicht bloß eine Nacherzählung.

13. 10. 13 




 

Donnerstag, 17. Mai 2018

Es gibt nur eine.

nach Tommy Weiss, pixelio.de 

Dass es nicht die Transzendentalphilosophie gäbe, sondern eine von X, eine von Y, eine von Z – ist radikal falsch. Es gibt nur eine Transzendentalphilosophie, und was an den vorliegenden Texten die persönliche Zutat von X, Y oder Z ist, ist historisch und zufällig. Deshalb ist auch deren besondere Weise der Darstellung jeweils nur eine von tausend möglichen – so hat es Fichte gelehrt.

Freilich 'gibt es' sie nicht als daseiende Substanz. Wie das Wahre, wie die Vernunft führt sie eine problematische Existenz. Sie ist immer nur in dem Maße, wie sie wirklich betrieben wird. No hay caminos. Hay que caminar.

21. 9. 13



Mittwoch, 16. Mai 2018

Ironie und der transzendentale Standpunkt.

 Henning Hraban Ramm  / pixelio.de

"Ironie" = der transzendentale Standpunkt.

"Von vorn" ist die Ironie "nichts als" die stilistische Erscheinungsform der permanenten Reflexion des Wissens im Angesicht des Unendlichen; "unendliche Reflexivität", mit JGF zu sprechen.

"Hintenrum" aber ist sie der gefundene "substantielle Standpunkt", der "sich ergibt", wenn der Reflexion ver-blüfft einleuchtet, daß sie ja, um reflektieren zu können, ein anderes ( = [Nicht-]Ich, Absolutes, "Standpunkt"...) immer schon "sich selbst" (logisch, topisch) vorausgesetzt haben muß, bevor sie mit "sich", ihrer Tätigkeit = Reflektieren, überhaupt anfangen konnte; daß diese sich-voraus-Setzung indes "in nichts begründet" ist als ihrem Entschluß, tätig zu werden; daß also "das Absolute", von dem sie ausgeht, um als auf einen Fluchtpunkt Alles "beziehen" zu können, doch eben - selbstgemachte Fiktion ist. "Verum et factum convertuntur." Aber factum et fictum convertuntur.

aus e. Notizbuch, 23. 10. 94


aus: Rüdiger Safranski, Romantik, eine deutsche Affäre: 

...Wie sollte nicht jeder Satz über das Absolute und Transzendente nur unter ironischem Vorbehalt gesprochen werden dürfen? Endliches zu sagen über das Unendliche kann und darf nur ironisch sein. Ironie gehört deshalb in jede Philosophie, die das Ganze zu begreifen versucht... "Ist sie nicht wirklich die innerste Mysterie der kriti-schen Philosophie?" ...



Montag, 14. Mai 2018

Das Ästhetische ist ironisch.


Dieses bedeutet Jenes heißt: Es ist als Jenes bestimmt. -

Bedeuten heißt: einen Einfluss auf meine Lebensführung haben; mich veranlassen können, dieses oder jenes zu tun.

Das mag eine reine Vorstellungstätigkeit sein. Wenn ich mir wirklich etwas vorstelle, lässt sich daraus eine weitere Vorstellung entwickeln;* durch Differenzieren, Entgegensetzen usw.; Vorstellung neigt zur Fortpflan- zung. 

Das Ästhetische ist das, was erscheint und nichts bedeutet. Es ist bestimmt als unbestimmt. Es lässt sich nichts daraus entwickeln. Ich kann es nur anschauen, und dabei muss es bleiben. Es hat zwar nichts zu bedeuten, sieht aber doch so aus; ich suche und kann nichts finden. Das gibt dem Ästhetischen eine polemische Spitze: Es scheint so, als wolle es sich über das, was ordentlich etwas bedeutet und woraus sich was entwickeln ließe, lustig machen.
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*) "generieren": Vorstellungen sind miteinander genetisch verbunden, oder gar nicht.

25. 4. 15

Bedenke aber: Das rein Ästhetische hat es nicht immer gegeben. Wurde nicht einmal immer gemeint (aber das ist ja dasselbe).






Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Klarheit und Tiefsinn.


Wer sich tief weiß, bemüht sich um Klarheit; wer der Menge tief scheinen möchte, bemüht sich um Dunkelheit.
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Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, N° 173



Sonntag, 13. Mai 2018

Ist das Absolute nur eine Flause?

Gedankending atheistbible

Dass dem Absoluten wie dem Wahren überall mit Skepsis begegnet wird und man es vorsorglich, um ihm ja nicht auf den Leim zu gehen, mit Hohn und Spott überzieht, ist wohl verständlich, es hat schon zuviel Schaden angerichtet. Doch verdankt sich die heilige Scheu ebendemselben metaphysischen Pferdefuß wie die vormalige Vergötzung.

Es liegt doch auf der Hand, dass das Absolute (wie das Wahre) nur ein Gedankending sein kann, das auf Wirk- lichkeit keinen Anspruch erhebt. Wirklich sind Dinge in Raum und Zeit, sie sind erfahrbar, denn sie leisten meinen Absichten ganz eigensinnige Widerstände. Das tun Gedankendinge nicht. Weder sind sie erfahrbar noch leisten sie Widerstand. Nur darum, ganz allein darum können sie absolut sein und nicht nur relativ: nicht im Verhältnis stehen zu irgendetwas außer ihnen. Sie können nur vorgestellt, aber nicht gedacht, nicht in einen Be-griff gefasst werden – denn das hieße, sie zu andern Begriffen ins Verhältnis setzen.

Gedankendinge können nicht sein, sondern lediglich gedacht werden. Ob, wann und in welcher Hinsicht sie gedacht werden sollen, zeigen sie selber nicht an, es ist kein 'Merkmal' an ihnen. Es ist immer eine Sache eines Urteils, und das ist in jedem Fall wirklich, aber es ist wahr oder unwahr, und das ist wiederum Sache eines Urteils, und so weiter. Aus dem Denken kommen wir so nie heraus und in die Wirklichkeit hinein. Das ge- schieht immer erst, wenn ich meinem Urteil gemäß zu handeln beginne, denn das geschieht nur in der Wirk- lichkeit. Oder auch: Nur Handeln ist wirklich. Gedankendinge werden nur vorgestellt, und das ist unabhängig davon, ob ich mir einen Begriff davon machen kann.

Man kann daher sagen, das Wahre und das Absolute (das Wahre ist das absolut Geltende) seien begriffslose Phantasiegebilde. Doch liegen sie als Vorstellung einem jeden Urteil zu Grunde, denn es wäre keins, wenn es nicht Anspruch auf Wahrheit und Teilhabe am absolut Geltenden erhöbe. Wer darüber lacht, lacht über sich und die ganze Welt. Denn Eure nur relativen Wahrheiten sind relativ zur ganzen Wahrheit, und ohne dies wären sie gar nicht.

1. 2. 16 







Samstag, 12. Mai 2018

Die ästhetische Idee schlechthin.


Der Gedanke eines Wahren, Absoluten, das an sich, vor jedweder Bestimmung in Raum und Zeit, gilt (immer schon gegolten hat), ist eine ästhetische Idee.* Es ist, recht besehen, die ästhetische Idee schlechthin, die in alle späteren Bestimmungen in Raum und Zeit vorgängig hineingreift und von der ich erst durch eine Anstrengung des reflektierenden Verstandes abstrahieren kann. 

Ich kann sie aber erst "herauslesen", weil ich sie vorab hineingedacht habe. Sie ist nicht gegeben, sondern ge- macht (wenn ich auch nichts mehr davon weiß). Sie ist das einzig wahre Apriori, von welchem die transzenden- talen, nämlich qualifizierenden Handlungen meines Denkens lediglich historische Modifikationen sind: Möglich- keit, Wirklichkeit, Notwendigkeit; Kausalität (die Vorstellung des Bewirkens); auch die Anschauungsformen Raum und Zeit. Der Beweis: Sie lassen sich weder messen noch demonstrieren. Wer nicht weiß, was gemeint ist, dem kann man sie nicht erklären.

Aber wie das 'Ich', so ist das Absolute immer nur in dem und durch den Akt (des Urteilens) - weder vorher noch nachher; aber durch den Akt das eine nicht ohne das andere: der Urteilende nicht ohne den Grund.

aus e. Notizbuch, Anf. Sept. 03


*) eine, die keinem Zweck dient, sondern sich selber Zweck ist.


Das unendliche Absolute ist nur als die unendliche Reihe der endlichen Urteile. Anschaubar wird sie als eine paradoxale Suche.
9. 11. 18




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 
 

Freitag, 11. Mai 2018

Das Nein ist die Ausnahme von der Naturregel.

Robert Breyer, Joseph und Potphars Weib, 1900

Der freie Wille ist die Fähigkeit, nein zu sagen.

Das Was der Wahl ist dem Willen als Anmutung seines Sensoriums vorgegeben; positio; gleichgültig, ob das Sensorium einen Reiz von außen oder von innen transportiert, und gleichgültig, ob dem Willen diese Anmu- tung als eine verlockende Versuchung, als „Bedürfnis“ oder als Zumutung vorkommt: Der Wille kann nur noch nein sagen; unterlässt er es, ist es so gut, als ob er ja gesagt hätte. Dann behält das Sensorium nach dem ersten auch das letzte Wort.

Max Schelers Kernsatz, der Mensch sei das Tier, das nein sagen kann, erhält durch die Hirnforschung (cf. Libet) eine radikalere (tiefer an die Wurzel reichende ) Bedeutung. 

PS. Es liegt nahe, dass der Wille im Zweifelsfall – der im Alltag die Regel sein dürfte – auf das Neinsagen verzichtet. 

aus e. Notizbuch, 14. 11. 13


Das Nein ist das primäre Urteil. Es ist die Geltendmachung eines Etwas als Dieses - indem es als nicht-geltend gesetzt wird; aber immerhin gesetzt, zuvor stand es noch in Frage. Mit der Frage entsteht das Ich.


Donnerstag, 10. Mai 2018

Die Laborsituation ist kontingent.

  

Die Laborsituation ist selber kontingent. Nichts ist notwendig im wirklichen Leben, auch keine Wissenschaft. Zu der muss man sich erst entschließen. Daher gab es sie auch nicht immer. 

aus e. Notizbuch, im Mai 2009


Nachtrag

Die Laborsituation verhält sich zur Wirklichkeit so wie der Begriff zum täglichen Leben – als eine Ausnahme von der Regel.

23. 19. 2014


Das Bild, das die exakten Wissenschaften von der Welt zeichnen, gilt als wahrer denn unsere Alltagsansicht. Wie das? Wirklicher ist es jedenfalls nicht. Es stellt die Welt nicht in ihrem natürlichen Zusammenhang dar, sondern zerlegt sie in Partikel, die 'es' nur in den Laboren der Forscher 'gibt'. Das ist der Datenbestand, an den weitergehende wissenschaftliche Forschuung anschließen muss, und insofern ist er 'wahr'. Aber im Alltag gilt, dass sich die Sonne um die Erde dreht, jeder kann es sehen.
















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Mittwoch, 9. Mai 2018

Philosophische Neuerer.

Duchamp, Fontaine

200. Original. — Nicht dass man etwas Neues zuerst sieht, sondern dass man das Alte, Altbekannte, von Jeder-mann Gesehene und Uebersehene  wie neu sieht, zeichnet die eigentlich originalen Köpfe aus. Der erste Entdecker ist gemeinhin jener ganz gewöhnliche und geistlose Phantast — der Zufall.
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Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, Band II, 2. Ausgabe.