Dienstag, 12. Juli 2016

Das ausgeplauderte Geheimnis der Metaphysik.


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Der Vereinigungspunkt aller rationalistischen Metaphysiken des 17. und 18. Jahrhunderts war die Analogisie- rung von Denk- und Naturgesetzen, und deren harter Kern war die Gleichsetzung von physikalischer Ursache mit logischem Grund. Der Denkfehler ist so offenkundig, dass man ihn nur auszusprechen, aber nicht mehr zu widerlegen braucht, und es ist schwer vorstellbar, dass von all den klugen Köpfen ihn keiner bemerkt haben sollte. Er kann sich eigentlich nur still und heimlich als unausgesprochene Selbstverständlichkeit immer wieder neu eingeschlichen haben. Aber es muss auch einigen dialektischen Aufwands bedurft haben, ihn immer wieder neu zu vertuschen.

Als Vollender und Systematisierer der Metaphysik gilt Christian Wolff, und er gilt auch als besonders pedan- tisch und als sich selbst gegenüber nicht besonders kritisch. Vielleicht hat der sich mal irgendwo verplappert? Das kann eigentlich nicht ausgeblieben sein, da wollte ich mal nachgucken.

Da stand ich also vor den 37 Bänden auf Deutsch und 46 Bänden in scholastischem Latein! Aufs Geratewohl griff ich hinein und griff Der vernünfftigen Gedancken von Gott, der Welt und der Seele der Menschen, auch aller Dinge über-haupt, anderer Theil, bestehend in ausführlichen Anmerkungen. Ich schlug sie in der Mitte auf und fand, als ich drei, vier Seiten zurückblätterte, meine STELLE!

Im IV. Kapitel, genannt Von der Welt, steht der § 176:

Ich habe hier erkläret, in was für einem Verstande ich das Wort Verknüpffung, nexum rerum, nehme, damit daraus keine Irrung entstehen soll. Ich sage nemlich, die Dinge in der Welt wären mit einander verknüpfft, wenn eines in sich eine Raison enthält, weshalb das andere neben ihm zugleich ist, oder auf dasselbe folget. Ich habe auch erkläret, in was für einem Verstande ich das Wort Grund oder Raison nehme. Ich sage nem-lich, es sey dasjenige, woraus ich verstehen kann, warum das andere ist. …/… Der ganze Verstand von der Verpnüpffung der Dinge mit einander ist demnach dieser, daß alles in der Welt mit Raison neben einander geordnet sey, und mit Raison eine Veränderung auf die andere erfolge, das ist, es sey allezeit etwas zu finden, daraus sich verstehen lässet, warum eines neben dem anderen zugleich ist, und wie die Veränderung einer Sache erfolget, oder sie aus einem Zustande in den anderen kommet. Wenn wir es nicht finden können, so lieget bloß die Schuld an uns, nicht an der Sache. Wer sich ein wenig in der Physick umgesehen, wo man sonach die Ursachen von den Würckungen, als die Absichten der natürlichen Dinge, anzeiget, der wird finden, daß durch diese Verknüpffung in der Welt nichts anderes gesucht wird, als wie die darinnen befindli-chen Dinge und ihre Veränderungen von den Causis finalibus & efficientes, oder den göttlichen Absichten und denen von GOtt verordneten natürlich Ur/sachen, dependieren. Man könnte sogar die Erklärung oder De-finitionem machen, qod nexus rerum materalium sit dependentia a causis finalibus & efficientes. Es kann daher einem nicht einmal träumen, daß durch diese Verknüpffung der Dinge eine unvermeidliche Nothwendigkeit und Fatalität in die Welt kommen solle. Vielmehr bringet die Dependentia a causis finalibus, oder die Ver-knüpffung der Dinge, in so weit sie von den göttlich Absichten herrühret, göttlich Weißheit in die Welt.  

Wo er sich ganz besonders unmissverständlich ausdrücken will, greift er zu lateinischen Ausdrücken. Bloß am springenden Punkt ist er mit seinem Latein am Ende: die Raison muss er sich von den Franzosen borgen; aber das ist auch schon der ganze Trick, Sie sehen's ja selbst!

Bei der Gelegenheit musste er freilich über seinen Schatten springen. Besteht sein ganzes Werk eigentlich nur in einer Aneinanderreihung mehr oder minder spitzfindiger Nominaldefinitionen, wendet er sich hier an das erkennende Vermögen des Subjekt: 'dasjenige, woraus ich verstehen kann, warum...'. Wenn's sein muss, kann der Dogmatiker auch pragmatisch denken; von der Raison  bleibt dann allerdings nur eine Black box übrig.

Quelle: Christian Wolff, Gesammelte Werke, Abt. I. Deutsche Schriften, Bd. 3 [Frankfurt a. M. 1740] Hildesheim 1983; S. 186ff.





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