Wolfgang Dirscherl, pixelio.de
Eben kommt eine Meldung,
wonach der Unterschied zwischen Arbeits- und Langzeitgedächtnis (u.
a.) der sei, dass die Erinnerungsgehalte im ersteren analog, im zweiten
aber digital abgespeichert würden. Eine digitale Form der Repräsentation der Welt im neuronalen Gewebe selbst? Das wäre eine wahre Revolution in der Hirn- forschung.
Leider wird es aber wohl so sein, dass nur wieder die Begriffe schludrig verwendet wurden. Darum dieser Eintrag.
Aus einer Diskussion in einem online-Forum; im Juni 2010:
...weil 'digital' einen Sinn nur im gegensätzlichen Verhältnis zu 'analog' hat.
Allerdings wird das Analoge als solches erst kenntlich, seit sich das Digitale
sozusagen 'rein' ausgebildet hat.
Das nächstliegende Beispiel ist
natürlich das Zifferblatt der Uhr. Bei der
analogen Uhr wird die Abfolge der einzelnen 'Zeitpunkte' nicht durch ein
den 'Punkten' gänzlich äußerliches Symbol 'bezeichnet'; sondern der
Ver- lauf der
Zeit wird durch die Eigenbewegungen der Zeiger 'gezeigt': Die Bewegung
der
Zeiger ist ein 'Abbild' der 'verlaufenden' Zeit. Der Zeiger
repräsentiert die
Zeit. Die Unterteilungen am Umkreis des Zifferblattes sind lediglich
'Anhalts'-Punkte.
Um ein digitales Zifferblat zu 'verstehen', muss ich die Bedeutung der
Zahlen vorher kennen - und muss dann die Abfolge der Zeit'punkte' in meinem
Kopf in das Bild der 'verlaufenden' Zeit übersetzen. Auf einem analogen
Zifferblatt sehe ich, wie die Zeit verläuft. Ich muss keine Zahlen kennen, ich
muss die Unterteilung des Tages in Stunden nicht kennen. Ein Fünfjähriger sagt:
Wenn der große Zeiger da steht, ist die Mittagsruhe vorbei; dann kann ich
wieder spielen.
In einem Spielfilm wird das
Geschehen in bewegten Bildern 'gezeigt'; in dem
Roman, der dem Drehbuch zu- grundelag, wurde das Geschehen durch Worte
'bezeichnet'. Ich muss die Bedeutung der Schriftzeichen in mei- nem
Verstand in
Lautbilder umsetzen, die Lautbilder zu Wörtern zusammenfassen und mir
deren 'Bedeutung' re/präsentieren. Und das alles muss ich vor meinem
inneren Auge in
bewegte Bilder übersetzen: Ich muss mir etwas vorstellen. Im Film konnte ich
etwas anschauen.
Eine wesentliche Prämisse hat die digitale Repräsentationsform: Sie
setzt
voraus, dass die Zeit nicht 'fließt', sondern aus identifizierbaren
Punkten 'zusammengesetz' ist. Ebenso kann 'der' Raum nur als Addition
von einzeln
bezeichneten (und als solchen bekannten) 'Räumen' vorgestellt
werden. Das
innere Bild, das ich 'mir mache', muss aus vorab bekannten Daten –
Maßeinheiten – zusammengesetzt werden. Die digitale Information muss ich erst noch
'entziffern'. - In der analogen Darstellung ist sie sofort als ganze
'da'.
Grob gesagt: Die analoge Darstellungsweise hat den Vorteil der Fülle. Die
digitale Darstellungsweise hat den Vorteil der Genauigkeit. Die eine ist
unmittelbar, die andere ist Vermittlung.
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....
Nein, so kann es nicht sein: dass 'unser Denken auch in kleinsten Schüben
erfolgt, also digital'. Ein Digit - von lat. digitus=(Zeige)finger - besteht
aus zweierlei: zuerst aus einem Bedeutungsgehalt, und dann aus einem 'Zeiger',
der auf ihn hinweist.
Es kann einen Bedeutungsgehalt geben, auf den kein Zeiger weist. Das dürfte
auf die große Masse unserer Denkleistungen im Laufe eines Tages zutreffen. Sie
kommen wie sie gehen. Man kann sie nicht behalten: Denn dazu müsste ich sie mit
einem Zeiger versehen, durch den sie in meinen Gedächtnisspeicher einordnen
kann. Mit einer kleinen Minderzahl von Denkleistungen machen wir genau das: Wir
zeichnen sie durch Zeiger ('Be- griffe') aus und können uns seither wieder an sie
erinnern.
Umgekehrt kann es nicht sein: dass schon ein Zeiger da wäre, bevor noch ein
Bedeutungsgehalt da war, auf den er weisen könnte.
Allerdings sind im erlernten Begriffsystem eines sprachmächtigen
Kulturmenschen tausende solcher Zeiger 'schon da' - nämlich gebunden ans das, auf was sie zeigen -, so dass in diesem Netz eine große Masse von den aus
meiner Einbildungskraft sprudelnden 'Bedeutungen' sozusagen 'von alleine'
hängenbleiben.
Die 'kleinsten Schübe' werden durch die begrifflichen Zeiger in das Sprudeln 'von außen' hineingetragen. An- schauung ist Anschauung und Reflexion ist
Reflexion. Erst das Denken, dann das Denken des Denkens.
Es würde mich interessieren, wie die Bilder
in unserem Gedächtnis gespeichert sind. Erst dann könnte ich sagen: Das kann
sein, das kann nicht sein.
(Dies "Quale" fasziniert mich…)
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....
Das mit dem Speichern ist mir deswegen so wichtig, weil wir dann auch
den "Zeigefinger" besser verstehen könnten. Es besteht der Verdacht,
dass in
unserem Gedächtnis mehr gespeichert ist, als wir uns erinnern kön- nen. Es
kommt
manchmal nur zufällig ans Tageslicht, manchmal unter besonderen
Bedingungen wie
z.B. wäh- rend einer psychoanalytischen Sitzung oder in Hypnose.
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.... 'Wie' das gespeichert - und
noch viel interessanter: 'wie' es dann wieder
aufgerufen wird, das kann einstwei- len keiner sagen, und es gibt
theoretische
Gründe für die Annahme, dass man es niemals wissen wird. Die
Hirn- forscher
teilen uns mit, dass schon ganz einfache 'Gehalte' nicht etwa in dieser
oder
jener bestimmten Nerven- zelle (Neuron) gespeichert werden, sondern
bereits in 'Assemblies' von etlichen Dutzend, die über weit entfern- te
Hirnregionen
verteilt und durch Synapsen mit einander verschaltet sind.
So schon für das 'Denken'. Vollends mysteriös wird es aber beim 'Denken des
Denkens', der Reflexion. Die Hirnforschung hat buchstäblich nicht die leiseste
Vorstellung davon, wie sie zustande kommt.
Vor zehn Jahren (siehe ‘Vom Gehirn zum Bewußtsein’, in: Elsner, N., u. Gerd
Lüer (Hg.), “Das Gehirn und sein Geist”, Göttingen 2000) ist das Wolf Singer
immerhin noch als ein Problem aufgefallen, aber seine gemut- maßte 'Lösung' war
höchst zweifelhaft: Die Reflexion käme durch 'Iteration', das heißt die sehr
rasche, sehr häufige Wiederholung immer desselben Vorstellungsakts zustande -
so als würde die Vorstellung über ihre eigenen Füße stolpern.
Das hatte wenig Plausibilität für sich, aber immerhin hat der Forscher noch
das Problem gesehen. Doch in demselben Aufsatz hat er auch erstmals sein
seitheriges Steckenpferd angekündigt: die Attacke wider das Ich und seine
Freiheit und die Behauptung durchgängiger kausaler Determiniertheit. Und dieses
reitet er seither ohn’ Unterlass, und da hat er das störende Thema Reflexion
schnell wieder beiseite gelegt.
Und schon sind wir wieder bei digital und analog: Denn eine 'Stelle',
eine 'Instanz', einen 'Arbeitsgang' oder sonstwas, wo die analoge
Anschauung in eine
digitale Repräsentation 'umgerechnet' wird (und zurück!), und die man
eben 'ich' oder 'Bewusstsein' oder 'Reflexion' nennen könnte, die muss es geben:
weil dieses Umrechnen ja tatsächlich geschieht. Solange Singer nicht zeigen
kann, dass und womöglich wie dieser Akt durch etwas Voran- gegangenes 'determiniert' sein könnte, hat er gar kein Recht, auf die Annahme eines Ich zu
verzichten.
Der Übergang von analog zu digital ist nämlich genau das, dessen Möglichkeit
er bestreitet: Er ist ein Bruch. Der Bruch besteht in der Einführung des
Verneinungs- und vor allem des Frage-Modus, die beide nur in der digita- len
Repräsentationsweise möglich sind, nicht aber in der ihr zu Grunde liegenden analogen.
Wie soll der Umstand, dass ich verneine oder gar: ob ich frage, denn 'determiniert' sein? Er ist ja die Entdeterminierung selbst.
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... Das ist allerdings der entscheidende Unterschied: Auf analoge Weise kann ich
keine Verneinung wiedergeben. 'Ein Pferd' kann ich mühelos 'zeigen' – ich
brauche nicht einmal einen Fotoapparat, ein paar Bleistiftstriche rei- chen. Aber
wie soll ich 'kein Pferd' zeigen? Kein Pferd sieht ganz genauso aus wie keine
Suppenschüssel oder - keine Verneinung. Für 'nein' und 'nicht' brauche ich ein
Digit, dessen Bedeutung jedermann vorab schon kennt.
Und wie ist es dann erst beim Fragemodus! Wie soll ich 'was ist ein Pferd'
bildlich darstellen – ohne Fragezei- chen?! Die Fülle der Anschauung ist der
digitalen Zersetzung alles Wirklichen und Gedachten in Millionen
Be- deutungsatome an Reichtum haushoch überlegen. Sobald wir uns aber klarmachen,
dass uns 'die Welt' immer noch vielmehr Fragen aufgibt als sie beantwortet,
erkennen wir, dass der Digitalmodus die Bedingung allen Wissens ist. Begriffe
ohne Anschauung sind leer, sagt Kant, aber Anschauung ohne Begriff ist blind.
Nota, Nov. 2013:
Nicht
damit zu verwechseln: der Umstand, dass eine Sinneszelle Reize
allerdings 'im Takt' aufnimmt, in der kleinsten neuronalen Zeiteinheit
von (soundsoviel) Millisekunden. Es
ist wie in einem Kinofilm: Das Celluloid- band ist aus ein paar Millionen
einzelnen Bilder zusammengesetzt. Wenn sie rasch hintereinander
abgespult werden, 'erscheinen' sie wohl in diskreten 'Sprüngen', aber
nicht mir: Ich nehme sie als stetigen Fluss wahr. Denn
natürlich hat zwar die Filmkamera ein paar Millionen Mal ihre Bilder
'geschossen'. Aber es war ein stetiger Fluss, den sie 'aufgenommen' hat.
Nota, April 2019
Keine Reflexion ohne vorangehende Repräsentation; keine Repräsentation ohne Vereinzelung und Fest-Stel- lung. In den angeschauten Fluss der Erscheinungen mag ich eintauchen und mitschwimmen und dies und das erleben. Die Erscheinung selbst hingegen muss ich mir 'als solche' vorstellen. Oder richtiger: Zu einer Erschei- nung wird sie überhaupt erst, indem ich sie mir vorstelle, indem ich ein Kontinuum in eine Folge von Ein/heiten zerdenke.
Das ist ein Segen des Computerzeitalters, dass es die Unterscheidung von analog und digital habituell werden lässt. Das kann auf die Dauer seine Auswirkungen auf Hirnforschung und Anthropologie nicht verfehlen.