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Freitag, 14. Juni 2019

Bestimmung des Unbestimmten.



Tätigsein heißt fortschreiten im Bestimmen des noch Unbestimmten, und sonst nichts. Aber es ist auch wirklich alles, was man sich nur darunter vorstellen kann.
3. 5. 17


Marx schrieb in den Pariser Manuskripten, der Idealismus habe die tätige Seite des Menschen wohl mehr heraus- gearbeitet als der Materialismus, aber ein reale, materielle Produktion habe er nicht gekannt. 
 
Das mag für die kleineren Geister gelten, die bei Fichte abgeschrieben haben, ohne seinen Namen zu nennen, aber eben für Fichte, den ersten der Reihe, nicht. Wohl ist es so, dass die noumenale Tätigkeit-überhaupt nicht als materielle bestimmt ist; weil sie eo ipso gar nicht bestimmt ist. Doch ist es ein Missverständnis, dass, wenn er nicht ausdrücklich die materielle Tätigkeit, dann nur die ideelle Tätigkeit gemeint haben kann; aus der kindli- chen Vorstellung, dass die materielle Produktion die untere, primitivere Stufe der Tätigkeit sei und die ideelle Tätigkeit die höhere, feinere. Oder umgekehrt: das Denken die sachliche Voraussetzung materieller Produktion sei - auf jeden Fall zwei Stufen, die aufeinander bauen und von denen eine eher da sein muss als die andere. Das setzt aber voraus eine vorgängige metaphysische Parteinahme, an die hier noch gar nicht zu denken ist.

Tätigkeit-überhaupt ist ein Begriff der Transzendentalphilosophie und als solcher ein Noumenon wie das Ich und die Welt. Sie ist, wenn sie nicht als das eine bestimmt ist, nicht notwendig als das andere bestimmt, sondern überhaupt nicht bestimmt, weil sie noch gar nicht als real gedacht ist.



Freitag, 24. Mai 2019

'Nichts ist so beständig wie der Wandel.'

Eisenbahn im Sonnenaufgang
aus spektrum.de, 23.05.2019

Was ist eigentlich Veränderung?
In Motivationsseminaren wird man häufig mit Floskeln zur Veränderung erschlagen. Doch was steckt eigentlich philosophisch dahinter?

von Matthias Warkus

»Leben heißt Veränderung. Stillstand heißt Rückschritt. Nichts ist so beständig wie der Wandel.« Kaum etwas ist ein so beliebtes Rednerklischee wie diese Sätze. Dass sich alles ändert (und das auch noch immer schneller), gilt als ausgemacht. In der Wirtschaftslehre gibt es mit dem »Change Management« sogar eine eigene Disziplin, die sich damit beschäftigt, wie Unternehmen und andere Organisationen mit der ständigen Veränderung klarkommen sollen.

Aber was heißt Veränderung überhaupt? Müsste man nicht einmal wissen, was sie ist, bevor man sie überall vermutet? Sobald sich die Frage danach stellt, was etwas so Allgemeines wie Veränderung überhaupt oder eigentlich ist, sind wir wie so oft mitten in der Philosophie.

Ganz naiv könnte man sagen: Veränderung ist, wenn etwas erst irgendwie ist und später nicht mehr (oder umgekehrt). Es ist nun ganz gängig, das Etwas einen Gegenstand zu nennen und das "Irgendwie-Sein" eine Eigenschaft. Veränderung wäre also zu konstatieren, wenn ein Gegenstand eine Eigenschaft hat und später nicht mehr – oder umgekehrt. Dass ein Gegenstand eine Eigenschaft hat oder nicht, wird seit der Hinwen- dung der Philosophie zur Sprache Ende des 19. Jahrhunderts wiederum meistens darauf heruntergebrochen, dass ein wahrer Satz einem Subjekt ein Prädikat zuschreibt.

Damit können wir griffig definieren, was Veränderung ist: der Unterschied im Wahrheitswert zwischen zwei Sätzen, die einem Gegenstand zu verschiedenen Zeitpunkten dieselbe Eigenschaft zuschreiben. Ein Beispiel: Die Sätze »Frankreich war 1788 ein Königreich« und »Frankreich war 1794 ein Königreich« sind gleich bis auf die Nennung unterschiedlicher Zeitpunkte und die Tatsache, dass der erste wahr, der zweite dagegen falsch ist. In dieser präzisen Form geht diese Definition von Veränderung übrigens auf den großen britischen Mathematiker und Philosophen Bertrand Russell (1872-1970) zurück, der sie 1903 erstmals so formulierte.

Seither gibt es unterschiedliche philosophische Diskussionslinien über Veränderung. Anhänger dieser etwa Definition versuchen zu klären, welche Randbedingungen man zu ihr hinzufügen muss, damit sie »wirkli- che Veränderung« wiedergibt. Es ist nämlich zunächst so, dass vernünftigerweise nicht jeder Gegenstand sich verändern kann. Wenn mir beispielsweise eine Teetasse herunterfällt, dann kann das bedeuten, dass der Satz »5 war gestern die Anzahl meiner Teetassen« falsch, der Satz »5 ist heute die Anzahl meiner Teetas- sen« jedoch wahr ist. Heißt das nun, dass die Zahl 5 sich geändert hat? Ich vermute, die meisten würden sagen, dass das eine absurde Vorstellung wäre. Veränderung kann nicht beliebige Gegenstände betreffen. Aber welche sind denn dann veränderungsfähig?

Auch kann nicht jede Eigenschaft eine Veränderung ausmachen. Verrücke ich meinen Schrank, dann mag der Satz »Mein Schrank war gestern einen Meter von der Wand entfernt« falsch, der Satz »Mein Schrank ist heute einen Meter von der Wand entfernt« wahr sein. Aber der Schrank ist ja immer noch derselbe, er steht nur an einer anderen Stelle. Eigenschaften, die bloße Beziehungen zwischen Gegenständen beschrei- ben, so vermuten viele, sind also für Veränderungen nicht relevant; Veränderung soll ihnen zufolge nur da vorliegen, wo intrinsische Eigenschaften wechseln, also solche, die Gegenstände quasi ohne fremde Hilfe haben. Das Problem ist nun, dass es regalmeterweise Literatur über die Frage gibt, wann Eigenschaften intrinsisch sind.

Ich muss mich hier ein bisschen bremsen, weil ich über das Thema promoviert habe und die Kolumne nicht zu lang werden soll. Mir persönlich scheint es jedenfalls sinnvoller, über Veränderung als ein Handeln zu reden: Veränderung ist dann, grob gesagt, ein Handeln, das ein anderes Handeln ermöglicht oder verun- möglicht. Aber darum soll es hier gar nicht in erster Linie gehen.

Mir war vor allem wichtig, eines zu zeigen: Im Endergebnis führt hier der Versuch zu großen Schwierig- keiten, eine alltägliche Intuition über einen allgemeinen Begriff (»Veränderung ist, wenn etwas irgendwie ist und dann nicht mehr«) so weit wie möglich zu präzisieren. Solche Präzisierungen zu versuchen und ge- gebenenfalls immer wieder an ihnen zu scheitern, damit beschäftigt sich die Philosophie – jedenfalls viel mehr als mit der Produktion unverbindlicher Sprüche à la »Leben heißt Veränderung«. 


Nota. - Egal, welcher Ausdrücke er sich bedient: Wer sagt, dass sich etwas ändert, unterscheidet eo ipso zwischen einer Substanz, die so heißt, weil sie den Phänomenen zugrunde liegt, und einer Azidenz - die so heißt, weil sie hinzu kommt. Die Wörter mögen ihm fehlen, aber dass er unterscheidet, macht seine Vorstel- lung aus: nämlich von etwas, das geschieht. Das muss man verstehen; das, was ist, bräuchte man nur anzu- schauen.

Was man aber als Substanz und was man als Akzidens auffasst, ist freilich eine Frage der Perspektive. Die Idee, das Ewige Werden als das eigentlich zu Grunde Liegende , stand fast am Anfang der Philosophiege- schichte. Sie hatte zum Preis, das Werden als bloßen Schein, nämlich als Ewige Wiederkehr auffassen zu müssen. Mit andern Worten: Werden und Vergehen als Substanz und das scheinbar Bleibende als Akzidenz aufzufassen, ist pragmatisch unergiebig. 

Doch damit ist eigentlich alles gesagt. Pragmatisch ergiebig, nämlich für Schlussfolgerungen (und womög- lich die Lebensführung) brauchbar ist dies: Veränderung ist sinnvoll nur als Folge absichtsvoller Tätigkeit aufzufassen (weshalb unsere animistisch gesonnenen Vorfahren hinter allem Geschehen willensgegabte Subjekte annahmen). Das war der historische Ausgangspunkt der Vernunftentwicklung, er führte zur Aus- bildung des Kausalitätsprinzips als harter Kern der Vernunft, und schließlich in der Transzendentalphiloso- phie zu seiner kritisch-dialektischen Überwindung.

Dem Verfasser des Obigen sei gesagt: Mit dem Definieren und semantischen Drehen und Wenden von Be- griffen lässt sich gedanklich nicht viel ausrichten. Es ist ohne Ende und klingelt lediglich im Ohr. Es geht um das, was man sich vorstellen kann, will, muss. 

Bei den Begriffen kann man nach Belieben immer wieder vor und zurück und zu den Seiten. Bei den Vor- stellungen ist es anders. Da kann eine nur aus einer anderen hervorgehen, doch andersrum kann man - und muss daher auch - nur die andere als der einen vorausgesetzt denken. Mit andern Worten, das Vorstellen hat eine Richtung: Es geht vom relativ Unbestimmten zum relativ Bestimmteren; es kommt neuer Sinn hinzu. Während die Begriffe einander erschöpfen. An den Begriffen ist nämlich die tätige Seite ausgelöscht, wäh- rend zum Vorstellen immer der Vorstellende und sein Tun hinzugedacht wird.
JE



 

Montag, 20. Mai 2019

Analog anschauen, digital repräsentieren.

Wolfgang Dirscherl, pixelio.de

Eben kommt eine Meldung, wonach der Unterschied zwischen Arbeits- und  Langzeitgedächtnis (u. a.) der sei, dass die Erinnerungsgehalte im ersteren analog, im zweiten aber digital abgespeichert würden. Eine digitale Form der Repräsentation der Welt im neuronalen Gewebe selbst? Das wäre eine wahre Revolution in der Hirn- forschung.

Leider wird es aber wohl so sein, dass nur wieder die Begriffe schludrig verwendet wurden. Darum dieser Eintrag.


Aus einer Diskussion in einem online-Forum; im Juni 2010:

...weil 'digital' einen Sinn nur im gegensätzlichen Verhältnis zu 'analog' hat. Allerdings wird das Analoge als solches erst kenntlich, seit sich das Digitale sozusagen 'rein' ausgebildet hat.
 

Das nächstliegende Beispiel ist natürlich das Zifferblatt der Uhr. Bei der analogen Uhr wird die Abfolge der einzelnen 'Zeitpunkte' nicht durch ein den 'Punkten' gänzlich äußerliches Symbol 'bezeichnet'; sondern der Ver- lauf der Zeit wird durch die Eigenbewegungen der Zeiger 'gezeigt': Die Bewegung der Zeiger ist ein 'Abbild' der 'verlaufenden' Zeit. Der Zeiger repräsentiert die Zeit. Die Unterteilungen am Umkreis des Zifferblattes sind lediglich 'Anhalts'-Punkte.

Um ein digitales Zifferblat zu 'verstehen', muss ich die Bedeutung der Zahlen vorher kennen - und muss dann die Abfolge der Zeit'punkte' in meinem Kopf in das Bild der 'verlaufenden' Zeit übersetzen. Auf einem analogen Zifferblatt sehe ich, wie die Zeit verläuft. Ich muss keine Zahlen kennen, ich muss die Unterteilung des Tages in Stunden nicht kennen. Ein Fünfjähriger sagt: Wenn der große Zeiger da steht, ist die Mittagsruhe vorbei; dann kann ich wieder spielen.
 

In einem Spielfilm wird das Geschehen in bewegten Bildern 'gezeigt'; in dem Roman, der dem Drehbuch zu- grundelag, wurde das Geschehen durch Worte 'bezeichnet'. Ich muss die Bedeutung der Schriftzeichen in mei- nem Verstand in Lautbilder umsetzen, die Lautbilder zu Wörtern zusammenfassen und mir deren 'Bedeutung' re/präsentieren. Und das alles muss ich vor meinem inneren Auge in bewegte Bilder übersetzen: Ich muss mir etwas vorstellen. Im Film konnte ich etwas anschauen.

Eine wesentliche Prämisse hat die digitale Repräsentationsform: Sie setzt voraus, dass die Zeit nicht 'fließt', sondern aus identifizierbaren Punkten 'zusammengesetz' ist. Ebenso kann 'der' Raum nur als Addition von einzeln bezeichneten (und als solchen bekannten) 'Räumen' vorgestellt werden. Das innere Bild, das ich 'mir mache', muss aus vorab bekannten Daten – Maßeinheiten
– zusammengesetzt werden. Die digitale Information muss ich erst noch 'entziffern'. - In der analogen Darstellung ist sie sofort als ganze 'da'.

Grob gesagt: Die analoge Darstellungsweise hat den Vorteil der Fülle. Die digitale Darstellungsweise hat den Vorteil der Genauigkeit. Die eine ist unmittelbar, die andere ist Vermittlung.

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.... Nein, so kann es nicht sein: dass 'unser Denken auch in kleinsten Schüben erfolgt, also digital'. Ein Digit - von lat. digitus=(Zeige)finger - besteht aus zweierlei: zuerst aus einem Bedeutungsgehalt, und dann aus einem 'Zeiger', der auf ihn hinweist.

Es kann einen Bedeutungsgehalt geben, auf den kein Zeiger weist. Das dürfte auf die große Masse unserer Denkleistungen im Laufe eines Tages zutreffen. Sie kommen wie sie gehen. Man kann sie nicht behalten: Denn dazu müsste ich sie mit einem Zeiger versehen, durch den sie in meinen Gedächtnisspeicher einordnen kann. Mit einer kleinen Minderzahl von Denkleistungen machen wir genau das: Wir zeichnen sie durch Zeiger ('Be- griffe') aus und können uns seither wieder an sie erinnern.

Umgekehrt kann es nicht sein: dass schon ein Zeiger da wäre, bevor noch ein Bedeutungsgehalt da war, auf den er weisen könnte. 



Allerdings sind im erlernten Begriffsystem eines sprachmächtigen Kulturmenschen tausende solcher Zeiger 'schon da' - nämlich gebunden ans das, auf was sie zeigen -, so dass in diesem Netz eine große Masse von den aus meiner Einbildungskraft sprudelnden 'Bedeutungen' sozusagen 'von alleine' hängenbleiben.

Die 'kleinsten Schübe' werden durch die begrifflichen Zeiger in das Sprudeln 'von außen' hineingetragen. An- schauung ist Anschauung und Reflexion ist Reflexion. Erst das Denken, dann das Denken des Denkens.

Es würde mich interessieren, wie die Bilder in unserem Gedächtnis gespeichert sind. Erst dann könnte ich sagen: Das kann sein, das kann nicht sein.

(Dies "Quale" fasziniert mich…)

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.... Das mit dem Speichern ist mir deswegen so wichtig, weil wir dann auch den "Zeigefinger" besser verstehen könnten. Es besteht der Verdacht, dass in unserem Gedächtnis mehr gespeichert ist, als wir uns erinnern kön- nen. Es kommt manchmal nur zufällig ans Tageslicht, manchmal unter besonderen Bedingungen wie z.B. wäh- rend einer psychoanalytischen Sitzung oder in Hypnose.

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.... 'Wie' das gespeichert - und noch viel interessanter: 'wie' es dann wieder aufgerufen wird, das kann einstwei- len keiner sagen, und es gibt theoretische Gründe für die Annahme, dass man es niemals wissen wird. Die Hirn- forscher teilen uns mit, dass schon ganz einfache 'Gehalte' nicht etwa in dieser oder jener bestimmten Nerven- zelle (Neuron) gespeichert werden, sondern bereits in 'Assemblies' von etlichen Dutzend, die über weit entfern- te Hirnregionen verteilt und durch Synapsen mit einander verschaltet sind.

So schon für das 'Denken'. Vollends mysteriös wird es aber beim 'Denken des Denkens', der Reflexion. Die Hirnforschung hat buchstäblich nicht die leiseste Vorstellung davon, wie sie zustande kommt.

Vor zehn Jahren (siehe ‘Vom Gehirn zum Bewußtsein’, in: Elsner, N., u. Gerd Lüer (Hg.), “Das Gehirn und sein Geist”, Göttingen 2000) ist das Wolf Singer immerhin noch als ein Problem aufgefallen, aber seine gemut- maßte 'Lösung' war höchst zweifelhaft: Die Reflexion käme durch 'Iteration', das heißt die sehr rasche, sehr häufige Wiederholung immer desselben Vorstellungsakts zustande - so als würde die Vorstellung über ihre eigenen Füße stolpern.

Das hatte wenig Plausibilität für sich, aber immerhin hat der Forscher noch das Problem gesehen. Doch in demselben Aufsatz hat er auch erstmals sein seitheriges Steckenpferd angekündigt: die Attacke wider das Ich und seine Freiheit und die Behauptung durchgängiger kausaler Determiniertheit. Und dieses reitet er seither ohn’ Unterlass, und da hat er das störende Thema Reflexion schnell wieder beiseite gelegt.

Und schon sind wir wieder bei digital und analog: Denn eine 'Stelle', eine 'Instanz', einen 'Arbeitsgang' oder sonstwas, wo die analoge Anschauung in eine digitale Repräsentation 'umgerechnet' wird (und zurück!), und die man eben 'ich' oder 'Bewusstsein' oder 'Reflexion' nennen könnte, die muss es geben: weil dieses Umrechnen ja tatsächlich geschieht. Solange Singer nicht zeigen kann, dass und womöglich wie dieser Akt durch etwas Voran- gegangenes 'determiniert' sein könnte, hat er gar kein Recht, auf die Annahme eines Ich zu verzichten.
 

Der Übergang von analog zu digital ist nämlich genau das, dessen Möglichkeit er bestreitet: Er ist ein Bruch. Der Bruch besteht in der Einführung des Verneinungs- und vor allem des Frage-Modus, die beide nur in der digita- len Repräsentationsweise möglich sind, nicht aber in der ihr zu Grunde liegenden analogen. Wie soll der Umstand, dass ich verneine oder gar: ob ich frage, denn 'determiniert' sein? Er ist ja die Entdeterminierung selbst.

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... Das ist allerdings der entscheidende Unterschied: Auf analoge Weise kann ich keine Verneinung wiedergeben. 'Ein Pferd' kann ich mühelos 'zeigen' – ich brauche nicht einmal einen Fotoapparat, ein paar Bleistiftstriche rei- chen. Aber wie soll ich 'kein Pferd' zeigen? Kein Pferd sieht ganz genauso aus wie keine Suppenschüssel oder - keine Verneinung. Für 'nein' und 'nicht' brauche ich ein Digit, dessen Bedeutung jedermann vorab schon kennt.

Und wie ist es dann erst beim Fragemodus! Wie soll ich 'was ist ein Pferd' bildlich darstellen – ohne Fragezei- chen?! Die Fülle der Anschauung ist der digitalen Zersetzung alles Wirklichen und Gedachten in Millionen Be- deutungsatome an Reichtum haushoch überlegen. Sobald wir uns aber klarmachen, dass uns 'die Welt' immer noch vielmehr Fragen aufgibt als sie beantwortet, erkennen wir, dass der Digitalmodus die Bedingung allen Wissens ist. Begriffe ohne Anschauung sind leer, sagt Kant, aber Anschauung ohne Begriff ist blind.


Nota, Nov. 2013:

Nicht damit zu verwechseln: der Umstand, dass eine Sinneszelle Reize allerdings 'im Takt' aufnimmt, in der kleinsten neuronalen Zeiteinheit von (soundsoviel) Millisekunden. Es ist wie in einem Kinofilm: Das Celluloid- band ist aus ein paar Millionen einzelnen Bilder zusammengesetzt. Wenn sie rasch hintereinander abgespult werden, 'erscheinen' sie wohl in diskreten 'Sprüngen', aber nicht mir:  Ich nehme sie als stetigen Fluss wahr. Denn natürlich hat zwar die Filmkamera ein paar Millionen Mal ihre Bilder 'geschossen'. Aber es war ein stetiger Fluss, den sie 'aufgenommen' hat.


Nota, April 2019 

Keine Reflexion ohne vorangehende Repräsentation; keine Repräsentation ohne Vereinzelung und Fest-Stel- lung. In den angeschauten Fluss der Erscheinungen mag ich eintauchen und mitschwimmen und dies und das erleben. Die Erscheinung selbst hingegen muss ich mir 'als solche' vorstellen. Oder richtiger: Zu einer Erschei- nung wird sie überhaupt erst, indem ich sie mir vorstelle, indem ich ein Kontinuum in eine Folge von Ein/heiten zerdenke.

Das ist ein Segen des Computerzeitalters, dass es die Unterscheidung von analog und digital habituell werden lässt. Das kann auf die Dauer seine Auswirkungen auf Hirnforschung und Anthropologie nicht verfehlen.



Sonntag, 19. Mai 2019

Wie kam der Mensch zum Reflektieren?

  Jusepe Ribera, St. Peter
 
aus derStandard, 17. 5. 2019

... In Brasilien zeichnete das Team um Melissa Berthet die Laute von Titi-Affen (Springaffen) auf, nachdem die Wissenschafter ein ausgestopftes Raubtier – einen Raubvogel oder eine Raubkatze – am Boden oder im Blätterdach in unmittelbarer Nähe der Gruppe platziert hatten. Später spielten sie der Gruppe die aufgezeich- neten Laute wieder vor, um die Reaktionen der Affen zu beobachten. Demnach konnten die Tiere durch die Laute Informationen über den Typ des Raubtiers und seinen Standort vermitteln, schienen dabei jedoch keine Kategorisierung zu verwenden, wie es beim Mensch der Fall ist.

"Wir neigen dazu, die Ereignisse, die uns umgeben, in Kategorien einzuteilen, auch wenn die Unterschei- dung zwischen diesen Kategorien tatsächlich unklar ist", sagte Berthet. "Zum Beispiel bilden die Farben eines Regenbogens ein Kontinuum, aber Menschen bevorzugen es, über sieben Farbbänder zu sprechen", so die Forscherin.

In ähnlicher Weise würden Menschen in der den Affen präsentierten Situation dazu neigen, vier Kategorien zu unterscheiden: bodenlebendes Raubtier am Boden, Flug-Raubtier am Boden, bodenlebendes Raubtier im Blätterdach, Flug-Raubtier im Blätterdach.

Nicht so bei den Affen: Sie stellen diese vier Situationen als Kontinuum dar, und zwar durch Lautfolgen aus Kombinationen von Schreipaaren, die aus Schrei A und/oder Schrei B bestehen können. Je weniger Kombi- nationen von zwei B-Schreien in der Lautfolge vorhanden sind, desto mehr schauen die zuhörenden Affen in die Luft, um dort nach einem Raubtier zu suchen. Aber sobald die Anzahl der Kombination mit zwei B-Schreien zunimmt, schauen die Affen eher zum Boden. Diese als probabilistisch bezeichnete Informati- onsübermittlung wurde bisher bei keiner anderen Tierart beschrieben. ...
 


mein Kommentar:

Die Auffassung der Erscheinungen der Welt als eindeutig zu Unterscheidende nennen wir die digitale, die Auffas- sung der Erscheinungen als gleitendes Kontinuum nennen wir eine analoge. Um die digitale Wahrnehmung so wiederzugeben, dass ein Anderer sie identifizieren kann, braucht man ein unmissverständliches Zeichen, ein digit, am besten ein - Wort. Eine analoge Wiedergabe bedarf eines kontinuierlichen Signalsystems.

Was war eher da - die digitale Wahrnehmungsweise des Menschen oder seine sprachliche Mitteilungsweise? Ich wage mal eine Spekulation: Es war die Wiedergabe durch spezifische Wortzeichen, die durch Äonen das unser Bewusstsein geprägt, nämlich überhaupt erst möglich gemacht hat, und diese Bewusstseinsverfassung hat ihrer- seits unsere Wahrnehmung geprägt.

Und siehe da: Eine 'vernünftige' Weltanschauung, und darunter verstehen wir seit gut 200 Jahren eine, die die Phänomene einander als Ursachen und Wirkungen zuordnet, ist nur bei einer digitalen Unterscheidung der Wahrnehmungen möglich: Eine Erscheinung muss als diese Eine spezifiziert worden sein, um ihr 'diese eine' Ur- sache zuschreiben zu können. Wessen Wahrnehmung aus ineinander übergehenden Bildern besteht, muss sich mit erfahrungsmäßiger Wahrscheinlichkeit bescheiden.


Merke: Die Unterscheidung nach Ursache und Wirkung ist reflexiv, sie schaut sich um: 'Da' ist die Erscheinung, die Ursache muss als hinter ihr verborgen angenommen werden - als schon geschehene, und durch sie ist sie bestimmt. Der probabilistische Blick in die Welt sieht nach vorne, er erwartet etwas; doch das Etwas ist analog, nur ungefähr, noch unbestimmt.

JE 

*


Nachtrag.

Das könnte zu einem Aha-Erlebnis der Anthropologie werden. Die Hirnforscher stehen ratlos vor der Tatsache der Reflexion. Wir denken nicht nur dieses und jenes, sondern wir denken uns, wir denken, dass wir denken, wir denken Dieses als ein Anderes. Aus ihren bildgebenden Verfahren können sie weder ersehen, wo, noch wie das geschieht. Sie können sich vor allem nicht vorstellen, was es ist.
 

Überliefert war die Auffassung, dass es für jede spezifische Leistung des Erkenntnisapparats eine spezialisierte Region im Gehirn gäbe, die für sie und sonst nichts zuständig wäre. Die schematische Unterscheidung zwischen Broca- und Wernicke-Zentrum ist wohl inzwischen von der Vorstellung zweier spezifischer neuronaler Verbün- de ersetzt, die zwar um einern Schwerpunkt herum gruppiert, aber über einen größeren Raum verteilt sind. Es sind dynamische Verbünde zwischen vielen einzelnen Neuronen; das macht sie so plastisch.

Und es bleibt dabei: Nur wir Menschen verfügen darüber, die Tiere nicht.

Man stellt sich leicht vor, wie nach dem zuerst entwickelten 'technischen' Broca-Areal sich stetig das 'semanti- sche' Wernicke-Areal ausgebildet hat: Die Struktur folgte der peiristischen Funktion. Kaum vorstellbar ist hin- gegen, die Struktur sei durch ein oder zwei plötzliche Mutationssprünge fix und fertig entstanden und habe die Individuen veranlasst, sie in Funktion zu nehmen.

Dass das begriffliche und eo ipso reflektierende Denken immanent aus der Evolution des Gehirngewebes ent- sprungen sei, ist aber nur unter letzterer Hypothese vorstellbar. Begreifen heißt: ein Phänomen so weit eingren- zen und fest-stellen, dass es mit einem anderen Phänomen nicht mehr verwechselbar ist. Eingrenzen lassen sich die Phänomene allerdings nicht durch ihre sinnlichen Qualitäten: Die gehen stetig ineinander über, wie die Farben des Regenbogens. Um sie immerhin grob unterscheiden zu können, muss man sie unter übersinnliche Bedeutungen fassen: namentlich unter die Zwecke, zu denen man sie brauchen wollen kann.

Wird auf den Unterschied gemerkt, entsteht im sinnlichen Kontinuum ein semantischer Bruch. Der schreit gera- dezu nach dem Beachtetwerden, und aus dem Wahrnehmen eines Unterschieds wird die Bedeutung eines Gegen- satzes. Und das ist Reflexion. Denn der Gegensatz stellt sie Dinge so dar, als ob sie gegeneinander tätig würden. Die aus festgestellten Begriffe starr gefügte Welt wird dynamisiert.

Nicht aus der veränderten Struktur des Hirngewebes wäre die Funktion des Sprechens entstanden, sondern mit der sich ausbildenden Sprachfunktion wäre eine Veränderung der Gewebestruktur einhergegangen.

Das ist ein Modell; wie gut es sich zu einer empirisch überprüfbaren theoretischen Hyposthese entwicklen lässt, können nur Fachleute beurteilen. Es würde immerhin einige offene Fragen klären und sollte daher versucht werden, meine ich.

 



 

Dienstag, 14. Mai 2019

Anschauung, Begriff und Aktualität der Kritik.

Magnus Enckell

Den sinnlichen Anteil an der Anschauung nennt Fichte Gefühl, Leiden: ein unfreier Zustand. Anschauen ist - als ein Reflektieren auf das Gefühl - ein Handeln, und geschieht aus Freiheit. (Kant hatte zwischen Anschauung und Sinnlichkeit noch nicht unterschieden.

Die Scheidelinie zwischen anschauen und denken markiert der Begriff. Und zwar geht es nicht darum, ob ich ihn 'richtig' gebrauche, so wie alle anderen in derselben Situation; sondern dass ich ihn mir vorsetze als Regel, wonach ich ihn konstruieren soll. Ich habe meine Anschauung gefasst heißt: Ich habe sie so auseinandergelegt, wie ich sie bei nächster Gelegenheit wieder zusammenzusetzen mir vornehme. Nun erst habe ich sie. Denn als Begriff ist er aus dem Zeitverlauf ausgeschieden, er ist 'im Raum' verfügbar geworden wie ein Rechenchip. Ich kann mit ihm operieren, ohne meine Einbildungskraft neu bemühen zu müssen; die vertrüge nämlich keine (Re-) Konstrukti- onsvorschrift

Empirisch handelt es sich wohl um den Akt der Digitalisierung. Jedoch: Die Transzendentalphilosophie be- schreibt nicht einfach, was geschieht, sondern will seinen Sinn deuten. Das ist kein bloßes Übersetzen aus der einen Sprache in die andere. Es ist - übrigens in beiden Richtungen - mehr als das.

Und nie vergessen: Wir treten in der Wissenschaftslehre aus der Vorstellung nie hinaus. Sie bleibt überall im- manent, sie ist Selbstaufklärung des Vorstellens. (Aber außerhalb des Vorstellens ist nichts weiter. - Oder alles, was es gibt, gibt es in der Vorstellung und durch die Vorstellung. Was ich mir nicht vorstellen kann, kann ich mir nicht einmal vorstellen.)

11. 7. 17 


Es sieht nur so aus, als wollte ich Fichte eine Geringschätzung des Begriffs andichten. Transzendentalphilosophie ist Vernunftkritik, Kant nahm als seinen Gegenstand das rationalisitische Weltsystem der Leibniz-Epigonen Wolff und Baumgarten, das ein halbes Jahrhundert lang die deutsche Philosophie beherrschte. Es war ein bloßes Begriffssystem. Alles schien begriffen, sobald es nur definiert werden konnte. Die Begriffe waren wahrer als die Er- scheinungen, in ihnen schimmerte durch, was die Dinge an sich waren.

Nach Kant war Stoff des Wissens das Erfahrene - im Begriff ist festgehalten, was die Intelligenz angeschaut hat. Aber die Intelligenz verfügt über Instrumente - 'Formen', in die sie die Anschauung fassen kann; Kategorien und Anschauungsweisen, das Apriori der Erfahrung. Die Frage, woher die kommen, versagte er sich, wohl um 'dem Glauben Platz zu schaffen'. So aber standen sie nun da: nackt und bloß, selbst wieder nur als Begriffe ohne er- fahrenen Stoff. 

Also war die Kritik noch nicht vollständig gewesen. Die Wissenschaftslehre führte die Kritik fort bis zu dem Punkt, wo das Vorstellen selbst begann. Ob sie von diesem Punkt aus das historisch gegebenen System der Vernunft bündig bis zu seinem Schluss- oder besser Flucht-Punkt rekonstruiert, ist diskutabel. Doch die eventuelle Voll- endung des Systems in der Vorstellung ist die eine Aufgabe der Transzendentalphilosophie. Die andere, die ihr bis in alle Ewigkeit erhalten bleibt, ist die... aktuelle Kritik des historisch gegebenen Vernunftsystems. Und die be- steht, kurz gesagt, in nichts anderem als dem Vergleich der in den realen (Geistes- oder Natur-) Wissenschaften geltenden Begriffe mit ihren eigenen, durch transzendentale Rekonstuktion gewonnenen kritischen Begriffen. Die sind es, die in der aktuellen Auseinandersetzung mit den mehr oder minder dogmatischen Schulen ihre Realität ausmachen.




Mittwoch, 1. Mai 2019

Freiheit heißt absolut anfangen.

jacque watkins

Da wir hier nun die Freiheit vor aller Anschauung und als Bedingung aller Möglichkeit des Bewusstsein und der Anschauung aufstellen wollen, so müssen wir dies erst durch das Bewusstsein hinzugekommene Fremdartige absondern; und sonach bleibt nichts übrig als Absolutheit. Aber Absolutheit lässt sich nicht einmal denken, wenn wir nicht etwas Empirisches hinzutun, das aber der Reinheit keinen Abbruch tut, nämlich die Reihe der Dependenz in der Zeit, und Freiheit wäre das Vermögen, absolut anzufangen.

Wir dürfen nicht die Freiheit an die Reihe, sondern die Reihe an die Freiheit knüpfen. So haben wir ein abso- lutes Erstes, die Freiheit anzufangen. ...

Diese Freiheit soll bestimmt sein, eine Richtung haben, würde heißen: Das Vermögen, absolut anzufangen, hat eine bestimmte Richtung. Die Freiheit kann gerade dies (ein bestimmtes Y) als erstes Glied setzen; so bleibt das Vermögen des absoluten Anfangs und die Beschränktheit.
______________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 228  


Nota I. - Das Absolute kann nicht gedacht werden, denn gedacht werden kann nur Bestimmtes; wäre es aber bestimmt, wäre es nicht absolut. Gedacht werden kann allenfalls dasjenige, was es selber bestimmt hat: die von ihm begonnene Kausalreihe. Nicht als Bestimmtes, doch auch nicht als Bestimmendes kann es gedacht werden - sondern nur als das, was vor dem Beginn der Reihe angenommen werden muss. Ein Akt der Freiheit kann, wie gesagt, nicht begriffen werden.  

16. 7. 17.

Nota II. -  So ist es mit dem Raum, so ist es mit der Zeit: Vorstellen kann ich sie mir als unendlichen Verlauf, aber denken kann ich sie nur, wenn ich einen Punkt setze, an dem sie beginnen; doch so erhalten sie von Anbeginn eine Richtung: vor dem Punkt, nach dem Punkt. An dem Mittel-Punkt denke ich mich, wenn ich's auch vielleicht nicht bemerke.

Wenn ich den Anfang denke, kann ich ihn nicht anders denken, als wenn ich ihn gemacht hätte. Das ist das Kreuz mit der Reflexion: Sie muss sich immer sich-selbst voraussetzen. Der dialektische Schein lässt sich nicht anders ver- meiden, als indem man das Reflektieren vermeidet. Das geht, aber es geht nicht lange gut.
JE

Donnerstag, 25. April 2019

Das Absolute ist Anfang und Ende.


Das Absolute braucht die Transzendentalphilosophie doppelt: zuerst als Ausgangs-, dann als Fluchtpunkt der Vernunft. Dazwischen liegt immer nur Bestimmen; am Anfang die absolute Freiheit, am ewig offenen Ende der absolute Zweck.

*

Das Wirkliche kann nicht absolut sein, denn dann wäre, weil es zugleich ein Mannigfaltiges ist, zwischen ihm kein Leben möglich, und das ist Veränderung. Veränderungen können nur zwischen Relativen geschehen. 

Andererseits ist Relatives nur im Verhältnis zu Absolutem möglich. Und soll die Veränderung eine Richtung haben, zwischen zwei Absoluten: hin zu dem einen, fort zu dem andern. Eins immer nur in Rücksicht auf das andere.

Wie auch anders? Vorstellen - wahrnehmen, denken, erfahren - ist bestimmen. Bestimmen hat nur eine Richtung. Doch geschieht sie immer nur durch Entgegensetzung. Ich kann nichts Relatives denken, ohne ein Absolutes vorauszusetzen. (Wenn ich zwei Absolute denke, dürfen sie selber zu einander in keinem Verhältnis stehen und sich nicht bedingen, sonst wären sie nicht absolut. Aber die Relativen müssen in Bezug zu Absoluten stehen, sonst wären sie nicht relativ.) Anfang und Ende bedingen einander nicht. Doch was immer relativ ist - leben - hat einen Anfang und ein Ende, sonst wäre es absolut.

*

Man könnte nun meinen, Leben sei absolut, ewig sei nur die Veränderung und das Beharrende (der Begriff) sei nur Schein. Dann wäre Veränderung unveränderlich und eigentlich wäre alles nur Wiederholung. Dann allerdings gäbe es keine Richtung.

Denn es käme zu keiner Bestimmung und alles bliebe ohne Sinn.


Dienstag, 23. April 2019

Materiallogisch.


Es ist ärgerlich, dass als Logik seit vielen Generationen nur noch die formale Richtigkeit der Verknüpfung definierter Begriffe verstanden wird; das bringt manche Unsicherheit des Ausdrucks mit sich. Gr. logos heißt Wort, Sinn, Verstand, Bedeutung, und kommt von legein, das lesen, auflesen und durchschauen bedeutet. 'Logisch' sollte sich also auf alles beziehen, auf das diese Bezeichnungen zutreffen, und das ist ziemlich viel. Sein Gegensatz wäre nicht 'unlogisch', sondern faktisch - nämlich sofern man sich ein Faktum ohne seine Bedeutung denkt.
 

Denken kann man letzteres, aber, und das ist hier der springende Punkt, man kann es sich nicht vorstellen. Die Verengung des Begriffs Logik auf das korrekte Schließen aus gegebenen Begriffen setzt offenbar die Gegeben- heit der Begriffe notwendig voraus. Dann wären sie logisch das 'Erste'.
 

Das ist aber eine grundlose Annahme. Material-logisch beruhen die Begriffe auf Gehalten, und diese Gehalte sind Vorstellungen, die in begriffliche Form gebracht werden müssen, um sie operabel zu machen. Die Operalibili- tät der Begriffe macht ihre Form aus, die Vorstellungen sind der Stoff. Daher ist eine Darstellung der Art und Weise, wie sich sachlich eine Vorstellung aus der andern entwickelt, wie die eine in der andern Vorstellung schon enthalten sein mag, ohne als solche deutlich angeschaut worden zu sein - eigentlich ist eine solche Darstellung in einem eminenteren Sinn logisch zu nennen als die bloß-formale, in der Begriffe durch Schlussketten miteinan- der verknüpft werden.
 

Aber unser Sprachgebrauch lässt das nicht zu. Fichte hat das materiallogische Verfahren der Wissenschaftslehre daher genetisch nennen müssen, und es sah aus, als handle es sich zwischen logischer und historischer Betrach- tung um eine eigenständige Kategorie. In philosophischer Hinsicht erheblich ist aber die einfache Unterschei- dung zwischen historisch-faktischer und materiallogischer Betrachtung. Die formallogische Untersuchung ist ein Derivat, ein Reflexionsmittel zum Behuf des kritischen Geschäfts.

23. 7. 17


Nachtrag. Die formale Logik untersucht lediglich, durch welche Denkoperationen die Wahrheit einer Aussage auf eine andere Aussage übertragen werden kann. Danach, was Wahrheit ist, fragt sie dabei nicht, das muss sie voraussetzen, sonst braucht sie gar nicht erst anzufangen. 

In dieser negativen Hinsicht hat die logische Demonstration allerdings einen sachlichen, nämlich kritischen Sinn: Nicht was das Wahre ist, nicht einmal, was wahr ist, fragt die Logik. Sie hat die ganz abstrakte, rein for- male Voraussetzung, dass ein Satz gilt. Was aber Geltung ist, kann man nicht fragen, weil sie eben... rein formal ist, ohne sachliche Bestimmung. Man kann allenfalls fragen, welche Form ein Satz haben muss... 'damit er gel- ten kann'? 

Wenn er gelten soll.

Ob es Wahrheit gibt, kann man fragen. Nicht, ob es Geltung gibt: Man würde, man könnte keine Sätze sagen, wenn sie nicht gelten sollten. Das ist eine pragmatische Bedingung, aber sie ist absolut. Und sie ist nicht formal, sondern material. Die formale Logik setzt voraus, dass festgestellt ist, unter welchen Bedingungen ein Satz gel- ten kann, gelten soll, gelten muss. Diese Feststellung trifft die Wissenschaftslehre. Deren Logik ist material.

Montag, 22. April 2019

Das Mysterium des Anfangs.


Es ist das Mysterium des Anfangs. Der Anfang lässt sich nicht diskursiv denken, nicht begreifen, nämlich nicht auf seine Bedingungen zurückführen, denn die wären 'vor' dem Anfang, was widersinnig ist. Der Anfang lässt sich nur anschauen, nämlich actu: indem ich ihn mache.
 

Vom Urknall und dem Anfang von Raum und Zeit ist ja hier nicht die Rede. Es geht um den Anfang des Vor- stellens, aus dem Vorstellen tritt die Wissenschaftslehre an keiner Stelle hinaus; sie darf gar nicht anders als im- manent argumentieren.


29. 7. 17 


Das Mysterium des Anfangs ist das Mysterium der Freiheit. Freiheit sei das Vermögen, absolut anzufangen, sagt Kant. Freiheit und Anfangen sind Wechselbegriffe, wer die eine leugnet, leugnet das andere. 

Im sinnlichen Bereich lässt sich der Anfang umstandslos leugnen - ganz einfach, weil er nichts erklärt, doch um Erklärungen geht es beim positiven Wissen: Die sinnliche Welt ist das Reich der Kausalität und eo ipso der De- termination. 

Der Urknall als Gegenstand der Naturlehre ist allerdings ein Paradox. Doch aufzulösen ist es nicht durch spe- kulative Philosophie, sondern durch die Naturlehre selbst. Ihr Zweck sind diskursive Sätze, ihre Mittel sind Begriffe. Sie wird ihre Begriffe hinreichend sophistizieren müssen. Vorstellen kann man sich ihre Sätze schon lange nicht mehr. 

Eine übersinnliche Welt lässt sich dagegen ohne Anfang gar nicht erst denken. Übersinnlich sind im Unterschied zu den Dingen deren Bestimmungen. Wären sie nicht irgendwann unvermittelt - 'von außen' - zu den Dingen hinzu gekommen, wären sie deren Bestandteil und ließen sich nicht von ihnen unterscheiden. 

Schlaumeier mögen sagen: Sie waren schon immer in oder an den Dingen - es hat sie nur niemand erkannt. Ja, dann muss wohl einmal einer mit dem Erkennen angefangen haben. Wie das? Indem er mit den Dingen etwas an- fangen wollte... Die Bestimmung, die er an dem Ding vorgefunden hat, ist Etwas: im Positiven oder Negativen die Absicht, in der er anfangen wollte. Er hat sie also nicht am Ding vor-, sondern in das Ding hinein gefunden. Was in ihm 'an sich' war, mag es in Ewigkeit bleiben und wird es nie zu Etwas bringen.


Montag, 25. März 2019

Erklären heißt anknüpfen: das diskursive Denken.


Ich erkläre etwas (A), wenn ich es an etwas andres (B) anknüpfe und so fort; ich fasse nicht alles auf einmal auf, weil ich endlich bin. Es ist dasselbe, was man diskursives Denken nennt. Die Endlichkeit vernünftiger Wesen besteht darin, dass sie erklären müssen. 
____________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 75



Nota I. – Dieser Satz steht im Ms. unmittelbar vor dem gestrigen Eintrag, er führt auf den Gedanken, dass die Vorstellung vom reinen Ich nicht praktisch, aber theoretisch notwendig ist, weil anders die Dinge und die Welt nicht zu erklären sind. Sobald das praktische Ich dagegen handelt, findet es Welt und Dinge vor und muss sie sich nicht erst erklären. – Das theoretische Ich steht zum praktischen Ich in demselben Verhältnis wie die ideale zur realen Tätigkeit: Sie sind jedesmal Gegenstand der Reflexion und sind nur für die Reflexion.

20. 10. 17


Nota II. - Weil der wirkliche handelnde Mensch erklärend eines an das andere anknüpfen muss, kann er einen absoluten Anfang sich nicht vorstellen. Wenn er, wie der Zuschauer erkennt, in einem Akt sich-selbst-setzt, muss er denken, er sei vor dem Akt 'da' gewesen - wie anders hätte er agieren können? 

Darum kann intellektuelle Anschauung nur eine Anschauung zweiten Grades sein: eine Konstruktion der reflektie- renden Einbildungskraft, die wir 'Anschauung' eigentlich nur darum nennen, weil sie zum Begriff bestimmt nunmal nicht werden kann. Sie schwebt.
JE


Sonntag, 3. März 2019

Kann die Vernunft sich rechtfertigen?

Escher

Unter Vernunft vestehen wir - unausgesprochen, denn das ist seine Bedingung - unser System geprüfter und im geistigen Verkehr bewährter Begriffe. Es ist ein System in processu und nur darum sind wir bereit, es als System anzunehmen: Begriffe, die ihren Dienst nicht mehr tun, werden ausgemustert oder als zu vieldeutig einstweilen auf die Reservebank verwiesen (aber wir haben ein gutes Gedächtnis, und mancher Begriff, der verworfen wur- de, kommt gelegentlich wieder zu Ehren). Und: Es kommen allezeit neue hinzu.

So aber nehmen wir das System als gegeben an - so selbstverständlich, dass die Frage Woher? und Wozu? seit gut einem Jahrhundert als 'metaphysisch' schon gar nicht mehr statthaft ist. Ist es vom Himmel gefallen, hat es sich autopoietisch ex nihilo selbst kreiert? Hat es sich aus bloßer Erfahrung angesammelt?

Das wäre völlig gleichgültig, wenn seine Geltung heute nur pragmatisch gerechtfertigt ist. Tut es den Dienst, den man ihm vernünftiger Weise unterstellen darf?

Die Frage lässt sich nicht erörtern, wenn wir die Begriffe, aus denen es besteht, zu seiner Überprüfung auf das System selber anwenden. Es könnte immer nur antworten Ick bün all do. Wir müssen vielmehr eine Vorausset- zung aufsuchen, unter der allein die Begriffe zu dem werden konnten, was sie (uns heute) sind.

Die Wissenschaftslehre behauptet, die allgemeine Prämisse aufgefunden zu haben, auf der alle unsere Begriffe in letzter Instanz beruhen, auf die sie alle letzendlich zurückzuführen sind, und vor der sie sich alle praktisch bewäh- ren müssen. Sie heißt: Vernünftig ist der Mensch, wenn und insofern er sich ursprünglich als wollend vorstellt. Lässt sie sich überprüfen? Historisch, empirich, faktisch nicht; nur pragmatisch: Lässt sich unter dieser Voraussetzung das Leben vernünftig führen?


Das wäre ein Zirkelschluss?

Nun ja. Aber es ist ein zirkulärer Rückschluss, und das ist, worum es uns zu tun war: Hat Vernunft einen Grund? Quod erat demonstrandum: Ihr Grund ist ihr Zweck.


19. 12. 17


Die rationale Fiktion

Dem diskursiven Denken liegt als Prämisse die ungeahnte Fiktion zugrunde, der logische Raum – Ein und Alles – sei eine geschlossene Sphäre,  deren Umfang lückenlos von Begriffen angefüllt ist, die einander wechselseitig bestimmen.
 

In unserer wirklichen Vorstellung ist die Welt hingegen ein – 'zwar endlicher, aber unbegrenzter' – Raum, in dem Bedeutungen teils so nah bei einander liegen, dass sie einander berühren, ineinander verfließen und bei genauem Hinschauen gar nicht recht zu unterscheiden sind; und teils ganz beziehungslos neben einander liegen ohne ein Drittes, an dem sie wenigstens zu vergleichen wären.

Das logische Ein und Alles verhält sich zum wirklichen Vorstellen etwa so, wie die Welt des naturwissenschaft- lichen Labors zu den Dingen unseres Mesokosmos.

ca. 2009



Die ungeahnte Fiktion nehmen wir in Anspruch, wenn und wo wir uns vernünftig verhalten wollen. Nicht, dass wir glaubten, dass es wirklich so ist; aber wir handeln doch so, als ob es so sei. 

Das sind die sonntäglichen Momente in unserm geschäftigen Alltag. Normalerweise reicht uns ein Ungefähr, um tagein tagaus zurechtzukommen. Der scharfe Konflikte, der nur auf Messer Schneide zu entscheiden wäre, ist gottlob die Ausnahme. Doch nur, weil Vernunft uns ausnahmsweise in jedem Fall zuhanden oder doch zu Kopfe ist, können wir unser alltägliches Ungefähr riskieren.*

Das ändert nichts daran, dass ein fertiges System der Vernunft immer eine Fiktion bleibt. Nur weil wir meinen, an sich sei die Welt ein wechselwirkendes System aus realen Teilchen, die zugleich Bedeutungs-Partikel darstellen, und insgesamt einen Sinn hat, der unabhängig davon ist, ob ihn jemand einsieht - nur darum ist es möglich, dass wir und in unserer Alltagsroutine regelmäßig verständigen und nach heftigem Kampf am Ende meist noch eine Friedenslösung finden. Indem sie zeigt, wie sie zustande kam, stellt die Transzendentalphilosophie klar, dass es sich um eine Fiktion handelt.

Wozu ist das gut? Um dem Missverständnis abzuhelfen, im Sein der Dinge sei irgend ein Sinn eingeschlossen.

"Ihr Hauptnutzen ist negativ und kritisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für Lebensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern daran, daß sie zu viel enthält. Man hat eben die erräsonierten Sätze der oben beschriebenen erschaffenden Metaphysik hereingetragen – und diese sollen [wieder heraus] gesondert werden. Sie hat die Bestimmung, die gemeine Erkenntnis von aller fremden Zutat zu reinigen... Für die theore- tische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse.

Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstver- trauen beibringt, indem sie zeigt, daß sie und ihr ganzes Schicksal lediglich von sich selbst abhängen; indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt."

*) Das so genannte Zeitalter der Vernunft begann, als in den Verträgen von Münster und Osnabrück der Westfäli- sche Frieden geschlossen wurde. Nachdem GOtt dreißig Jahre lang für Mord und Verwüstung gesorgt hatte, musste als glaubwürdiger Bürge die Vernunft nachrücken. 

23. 1. 19


Anwendung



Der gesunde Menschenverstand ist die pragmatische Gebrauchsform der Vernunft. Sie ist überall an ihrem Platz, wo es um Fragen geht, die aus der Erfahrung zu beantworten sind. Im täglichen Leben geht es um Ungefähres, und die Erfahrungen, die es haben kann, sind ebenso ungefähr. Darum werden im Alltag Fragen gar nicht gelöst, sondern konsensuell unschädlich gemacht; das reicht in den meisten Fällen, äußersten Falls versucht man es noch- mal.

Um in Genua oder sonstwo eine Brücke zu bauen, reicht kein Ungefähr. Technische Fragen müssen gelöst wer- den. Dafür haben wir die Wissenschaft. Die nimmt es, anders als der Alltagsverstand, ganz genau. Darum ist ihr grundlegendes Verfahren das Experiment - was sie vor Irrtümern nicht schützt: Tatsachen können auch mal übersehen werden. 

Doch grundsätzlich steht auch die exakteste Wissenschaft im Modus des gesunden Menschenverstands. Das hindert sie nicht am abstrakten Theoretisieren. Wo praktische Versuche nicht machbar sind wie im gesellschafts- wissenschaftlichen Bereich, entwirft sie Modelle, wo begriffliche Extrapolationen die empirischen Daten ersetzen müssen, und denkt sich an und mit ihnen das Faktische, das ihr unmittelbar nicht zugänglich ist. So aber auch in der Theoretischen Physik. Was in der Wirklichkeit nicht anschau- und folglich nicht messbar ist, wird zusammen mit bekannten reellen Daten in eine mathematische Formel gebracht, mit der sich rechnen lässt. Die so neu ge- wonnenen Daten lassen sich wenn nicht direkt, dann mittelbar experimentell überprüfen - und sei es nur, dass das Modell den Rechnungen standhält. So ist es möglich, dass wir uns Dinge denken, die wir uns doch nicht vorstellen können.

Denn unterste Grundlage bleiben ja die experimentell gesicherten reellen Daten.

Die grundsätzlichen Fragen der Menschheit - Wie sollen wir unsere Welt einrichten? - sind nicht experimentell zu klä- ren. Da reicht es nicht, zu erproben, wie was funktioniert; es kommt darauf an, Zwecke zu setzen. Modellrechnun- gen mögen erst recht notwendig werden, und die konkreten Daten, die in sie eingehen, müssen erst recht gesi- chert sein. Das bleibt Sache der realen Wissenschaft und ihres gesunden Menschenverstands. Aber die Frage, welches Modell man will und welche Gefahren man zugunsten welcher Möglichkeiten einzugehen bereit ist, ist eine Frage der Vernunft im strengen Sinn. Da gilt kein Ungefähr und kein Konsens, das wird man entscheiden müssen.

*

Muss sich aber die Vernunft rechtfertigen - etwa um ihrer selbst willen?
Dazu ist sie gar nicht da. Mich soll sie rechtfertigen, dafür habe ich sie zur Welt gebracht.











Mittwoch, 30. Januar 2019

Die rationale Fiktion, II.


Dem diskursiven Denken liegt als Prämisse die ungeahnte Fiktion zugrunde, der logische Raum – Ein und Alles – sei eine geschlossene Sphäre,  deren Umfang lückenlos von Begriffen angefüllt ist, die einander wechselseitig bestimmen.
 

In unserer wirklichen Vorstellung ist die Welt hingegen ein – 'zwar endlicher, aber unbegrenzter' – Raum, in dem Bedeutungen teils so nah bei einander liegen, dass sie einander berühren, ineinander verfließen und bei genauem Hinschauen gar nicht recht zu unterscheiden sind; und teils ganz beziehungslos neben einander liegen ohne ein Drittes, an dem sie wenigstens zu vergleichen wären.

Das logische Ein und Alles verhält sich zum wirklichen Vorstellen etwa so, wie die Welt des naturwissenschaft- lichen Labors zu den Dingen unseres Mesokosmos.

ca. 2009



Die ungeahnte Fiktion nehmen wir in Anspruch, wenn und wo wir uns vernünftig verhalten wollen. Nicht, dass wir glaubten, dass es wirklich so ist; aber wir handeln doch so, als ob es so sei. 

Das sind die sonntäglichen Momente in unserm geschäftigen Alltag. Normalerweise reicht uns ein Ungefähr, um tagein tagaus zurechtzukommen. Der scharfe Konflikte, der nur auf Messer Schneide zu entscheiden wäre, ist gottlob die Ausnahme. Doch nur, weil Vernunft uns ausnahmsweise in jedem Fall zuhanden oder doch zu Kop- fe ist, können wir unser alltägliches Ungefähr riskieren.*

Das ändert nichts daran, dass ein fertiges System der Vernunft immer eine Fiktion bleibt. Nur weil wir meinen, an sich sei die Welt ein wechselwirkendes System aus realen Teilchen, die zugleich Bedeutungs-Partikel darstel- len, und insgesamt einen Sinn hat, der unabhängig davon ist, ob ihn jemand einsieht - nur darum ist es möglich, dass wir und in unserer Alltagsroutine regelmäßig verständigen und nach heftigem Kampf am Ende meist noch eine Friedenslösung finden. Indem sie zeigt, wie sie zustande kam, stellt die Transzendentalphilosophie klar, dass es sich um eine Fiktion handelt.

Wozu ist das gut? Um dem Missverständnis abzuhelfen, im Sein der Dinge sei irgend ein Sinn eingeschlossen.

"Ihr Hauptnutzen ist negativ und kritisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für Lebensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern daran, daß sie zu viel enthält. Man hat eben die erräsonierten Sätze der oben beschriebenen erschaffenden Metaphysik hereingetragen – und diese sollen [wieder heraus] gesondert werden. Sie hat die Bestimmung, die gemeine Erkenntnis von aller fremden Zutat zu reinigen... Für die theore- tische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse.

Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstver- trauen beibringt, indem sie zeigt, daß sie und ihr ganzes Schicksal lediglich von sich selbst abhängen; indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt."

*) Das so genannte Zeitalter der Vernunft begann, als in den Verträgen von Münster und Osnabrück der Westfäli- sche Frieden geschlossen wurde. Nachdem GOtt dreißig Jahre lang für Mord und Verwüstung gesorgt hatte, musste als glaubwürdiger Bürge die Vernunft nachrücken. 
JE