Freitag, 24. Mai 2019

'Nichts ist so beständig wie der Wandel.'

Eisenbahn im Sonnenaufgang
aus spektrum.de, 23.05.2019

Was ist eigentlich Veränderung?
In Motivationsseminaren wird man häufig mit Floskeln zur Veränderung erschlagen. Doch was steckt eigentlich philosophisch dahinter?

von Matthias Warkus

»Leben heißt Veränderung. Stillstand heißt Rückschritt. Nichts ist so beständig wie der Wandel.« Kaum etwas ist ein so beliebtes Rednerklischee wie diese Sätze. Dass sich alles ändert (und das auch noch immer schneller), gilt als ausgemacht. In der Wirtschaftslehre gibt es mit dem »Change Management« sogar eine eigene Disziplin, die sich damit beschäftigt, wie Unternehmen und andere Organisationen mit der ständigen Veränderung klarkommen sollen.

Aber was heißt Veränderung überhaupt? Müsste man nicht einmal wissen, was sie ist, bevor man sie überall vermutet? Sobald sich die Frage danach stellt, was etwas so Allgemeines wie Veränderung überhaupt oder eigentlich ist, sind wir wie so oft mitten in der Philosophie.

Ganz naiv könnte man sagen: Veränderung ist, wenn etwas erst irgendwie ist und später nicht mehr (oder umgekehrt). Es ist nun ganz gängig, das Etwas einen Gegenstand zu nennen und das "Irgendwie-Sein" eine Eigenschaft. Veränderung wäre also zu konstatieren, wenn ein Gegenstand eine Eigenschaft hat und später nicht mehr – oder umgekehrt. Dass ein Gegenstand eine Eigenschaft hat oder nicht, wird seit der Hinwen- dung der Philosophie zur Sprache Ende des 19. Jahrhunderts wiederum meistens darauf heruntergebrochen, dass ein wahrer Satz einem Subjekt ein Prädikat zuschreibt.

Damit können wir griffig definieren, was Veränderung ist: der Unterschied im Wahrheitswert zwischen zwei Sätzen, die einem Gegenstand zu verschiedenen Zeitpunkten dieselbe Eigenschaft zuschreiben. Ein Beispiel: Die Sätze »Frankreich war 1788 ein Königreich« und »Frankreich war 1794 ein Königreich« sind gleich bis auf die Nennung unterschiedlicher Zeitpunkte und die Tatsache, dass der erste wahr, der zweite dagegen falsch ist. In dieser präzisen Form geht diese Definition von Veränderung übrigens auf den großen britischen Mathematiker und Philosophen Bertrand Russell (1872-1970) zurück, der sie 1903 erstmals so formulierte.

Seither gibt es unterschiedliche philosophische Diskussionslinien über Veränderung. Anhänger dieser etwa Definition versuchen zu klären, welche Randbedingungen man zu ihr hinzufügen muss, damit sie »wirkli- che Veränderung« wiedergibt. Es ist nämlich zunächst so, dass vernünftigerweise nicht jeder Gegenstand sich verändern kann. Wenn mir beispielsweise eine Teetasse herunterfällt, dann kann das bedeuten, dass der Satz »5 war gestern die Anzahl meiner Teetassen« falsch, der Satz »5 ist heute die Anzahl meiner Teetas- sen« jedoch wahr ist. Heißt das nun, dass die Zahl 5 sich geändert hat? Ich vermute, die meisten würden sagen, dass das eine absurde Vorstellung wäre. Veränderung kann nicht beliebige Gegenstände betreffen. Aber welche sind denn dann veränderungsfähig?

Auch kann nicht jede Eigenschaft eine Veränderung ausmachen. Verrücke ich meinen Schrank, dann mag der Satz »Mein Schrank war gestern einen Meter von der Wand entfernt« falsch, der Satz »Mein Schrank ist heute einen Meter von der Wand entfernt« wahr sein. Aber der Schrank ist ja immer noch derselbe, er steht nur an einer anderen Stelle. Eigenschaften, die bloße Beziehungen zwischen Gegenständen beschrei- ben, so vermuten viele, sind also für Veränderungen nicht relevant; Veränderung soll ihnen zufolge nur da vorliegen, wo intrinsische Eigenschaften wechseln, also solche, die Gegenstände quasi ohne fremde Hilfe haben. Das Problem ist nun, dass es regalmeterweise Literatur über die Frage gibt, wann Eigenschaften intrinsisch sind.

Ich muss mich hier ein bisschen bremsen, weil ich über das Thema promoviert habe und die Kolumne nicht zu lang werden soll. Mir persönlich scheint es jedenfalls sinnvoller, über Veränderung als ein Handeln zu reden: Veränderung ist dann, grob gesagt, ein Handeln, das ein anderes Handeln ermöglicht oder verun- möglicht. Aber darum soll es hier gar nicht in erster Linie gehen.

Mir war vor allem wichtig, eines zu zeigen: Im Endergebnis führt hier der Versuch zu großen Schwierig- keiten, eine alltägliche Intuition über einen allgemeinen Begriff (»Veränderung ist, wenn etwas irgendwie ist und dann nicht mehr«) so weit wie möglich zu präzisieren. Solche Präzisierungen zu versuchen und ge- gebenenfalls immer wieder an ihnen zu scheitern, damit beschäftigt sich die Philosophie – jedenfalls viel mehr als mit der Produktion unverbindlicher Sprüche à la »Leben heißt Veränderung«. 


Nota. - Egal, welcher Ausdrücke er sich bedient: Wer sagt, dass sich etwas ändert, unterscheidet eo ipso zwischen einer Substanz, die so heißt, weil sie den Phänomenen zugrunde liegt, und einer Azidenz - die so heißt, weil sie hinzu kommt. Die Wörter mögen ihm fehlen, aber dass er unterscheidet, macht seine Vorstel- lung aus: nämlich von etwas, das geschieht. Das muss man verstehen; das, was ist, bräuchte man nur anzu- schauen.

Was man aber als Substanz und was man als Akzidens auffasst, ist freilich eine Frage der Perspektive. Die Idee, das Ewige Werden als das eigentlich zu Grunde Liegende , stand fast am Anfang der Philosophiege- schichte. Sie hatte zum Preis, das Werden als bloßen Schein, nämlich als Ewige Wiederkehr auffassen zu müssen. Mit andern Worten: Werden und Vergehen als Substanz und das scheinbar Bleibende als Akzidenz aufzufassen, ist pragmatisch unergiebig. 

Doch damit ist eigentlich alles gesagt. Pragmatisch ergiebig, nämlich für Schlussfolgerungen (und womög- lich die Lebensführung) brauchbar ist dies: Veränderung ist sinnvoll nur als Folge absichtsvoller Tätigkeit aufzufassen (weshalb unsere animistisch gesonnenen Vorfahren hinter allem Geschehen willensgegabte Subjekte annahmen). Das war der historische Ausgangspunkt der Vernunftentwicklung, er führte zur Aus- bildung des Kausalitätsprinzips als harter Kern der Vernunft, und schließlich in der Transzendentalphiloso- phie zu seiner kritisch-dialektischen Überwindung.

Dem Verfasser des Obigen sei gesagt: Mit dem Definieren und semantischen Drehen und Wenden von Be- griffen lässt sich gedanklich nicht viel ausrichten. Es ist ohne Ende und klingelt lediglich im Ohr. Es geht um das, was man sich vorstellen kann, will, muss. 

Bei den Begriffen kann man nach Belieben immer wieder vor und zurück und zu den Seiten. Bei den Vor- stellungen ist es anders. Da kann eine nur aus einer anderen hervorgehen, doch andersrum kann man - und muss daher auch - nur die andere als der einen vorausgesetzt denken. Mit andern Worten, das Vorstellen hat eine Richtung: Es geht vom relativ Unbestimmten zum relativ Bestimmteren; es kommt neuer Sinn hinzu. Während die Begriffe einander erschöpfen. An den Begriffen ist nämlich die tätige Seite ausgelöscht, wäh- rend zum Vorstellen immer der Vorstellende und sein Tun hinzugedacht wird.
JE



 

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