Sonntag, 17. März 2019

Platon und Aristoteles (für Naturwissenschaftler)

Plato und Aristoteles, aus Raffael, Die Schule von Athen
aus spektrum.de, 10. März 2019

Platon und Aristoteles

Von Josef Honerkamp 

Wollte ich eine Abhandlung über die Vorsokratiker schreiben, müsste ich nun in diesem Blogbeitrag auf die so genannten Pluralisten und Atomisten wie Anaxagoras, Empedokles, Leukipp und Demokrit eingehen. Aber ich will hier nicht einen Abriss der Philosophie der Vorsokratiker geben. Das ist anderswo häufig genug geschehen, und sicherlich nach einem viel eingehenderen Studium der Literatur der vergangenen Jahrtausende, als ich es vorweisen kann. Mich interessieren im Wesentlichen die Gedanken der Vorsokra- tiker, in denen man die Vorboten der Denkweise der modernen Physik, Mathematik und Logik entdecken kann.

Da sind es ohne Zweifel die drei Grundgedanken, die von der Schule von Milet, von den Pythagoreern und von Xenophanes so treffend und schon so früh in der Geistesgeschichte geäußert worden sind: In der Natur gibt es so etwas wie einen Kausalzusammenhang, die Regelmäßigkeiten in der Natur kann man in der Sprache der Mathematik formulieren, und zum Wissen kann man erlangen, indem man „suchend das Bessere“ findet. Ein letztgültiges Wissen kann es aber nicht geben.

Auch die ersten tastenden Schritte der Vorsokratiker in Richtung grundlegender Begriffe wie z.B. der „Bewegung“ sind bemerkenswert. Die lange Geschichte der Klärung dieses Begriffes im Laufe der Jahr- tausende zeigt deutlich, welche Mühen es macht, aus dem Dunkel der ersten Überlegungen nach und nach zu einer klaren Vorstellung zu gelangen, mit der man verlässlich argumentieren kann.

Wenn ich nun die Entwicklung des „Logos“ in der Geschichte der Philosophie weiterverfolge, werde ich noch selektiver vorgehen. Ich werde mich auf die Höhepunkte konzentrieren, also auf die Werke, in denen wesentliche Fortschritte erzielt worden sind. Natürlich erkennt man diese oft erst, indem man vom heutigen Stand aus zurückblickt. Es werden solche Entwicklungen in Logik, Mathematik und Physik im Vorder- grund stehen, die für den heutigen Stand in methodischer Hinsicht wie im Hinblick auf die Bildung von Begriffen bedeutsam geworden sind.

Beginnt man nun also die Entwicklung in der Zeit nach den Vorsokratikern zu betrachten, muss man zunächst auf die drei Großen der griechischen Philosophie zu sprechen kommen: Sokrates (-469 bis -399), Platon (-428 bis -348) und Aristoteles (-384 bis -322). Wie schon im ersten Blogbeitrag erwähnt, führte Sokrates ein neues Thema in die Philosophie ein: Die Ethik. Aber nicht nur dieses neue Thema sorgte für eine neue Ära in der Philosophie. Diese war ja inzwischen in Athen, der Hauptstadt der Griechen, ange- kommen; Anaxagoras aus Kleizomenai (ionien) war im Jahr  -462 nach Athen übergesiedelt und hatte dort die Gedanken der Milesier und anderer Vorsokratiker bekannt gemacht.

Dort, wo mehr Menschen zusammenkommen können, ist auch die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich Menschen mit gleichen Interessen treffen und sich darüber austauschen. Neben Lehrer-Schüler-Verhältnis- sen können nun auch Gemeinschaften entstehen, in denen auf gleicher „Augenhöhe“ diskutiert werden kann. Die Dialektik kam in Mode. Schon Zenon von Elea war ihr großer Freund gewesen, Aristoteles hatte ihn später gar als deren Erfinder gerühmt (Mansfeld & Primavesi, 2011, pp. 361, Nr.4). Die attische Demo- kratie blühte, es war eine frühe Art einer Demokratie, in der das „Staatsvolk“ die Herrschaft ausübte, wobei das Staatsvolk aus den männlichen Vollbürgern der Stadt Athen bestand, die das 30. Lebensjahr vollendet hatten. Diese Vollbürger konnten sich auch Dingen zuwenden können, die nicht direkt zum täglichen Leben notwendig waren; für solche Arbeiten gab es genügend Sklaven, Frauen oder Zugezogene. Insbesondere in politischen Versammlungen und vor Gericht war Beredsamkeit und die Kunst der Dialektik gefragt, d.h. die richtigen Gründe für Meinungen zu finden und solche auszubreiten, die bei Zuhörern Beifall finden konn- ten.  Sophisten lehrten gegen Geld diese Kunst zu beherrschen, sogar in Diskussionen den Gegner geschickt in einen Widerspruch verwickeln zu können.

Über Sokrates wissen wir einiges von Diogenes Laertius (Laertius, 2015, pp. 67-90), insbesondere soll er gesagt haben: „er wisse nichts, außer eben dies, dass er nichts wisse” (DL 83). Und „das Gute sei zwar nichts Geringes, fange aber mit Kleinem an” (DL 83). Wir kennen aber keine Schriften von ihm.  Platon legt ihm jedoch in seinen Werken viel in den Mund. Diese Werke stellen stets Dialoge dar, die Sokrates mit verschiedensten Gesprächspartnern führt und in denen es immer um die Klärung eines Begriffes oder einer Frage geht.

Platon

Nach dem Tod des Sokrates hielt sich Platon in seinen Lehr- und Wanderjahren zunächst bei einem Anhänger der Philosophie des Parmenides auf, reiste „nach Kyrene zum Mathematiker Theodoros und von da nach Italien zu den Pythagoreern Philolaos und Eurytos; von da nach Ägypten zu den Propheten“ (Laertius, 2015, p. 141). So hat er verschiedenste Eindrücke gesammelt und diese zu einem grandiosen mythischen Gedankengebäude verbunden, das bis heute wirkmächtig ist und weiterhin viele Menschen inspiriert.

Er muss ein großer Erzähler gewesen sein. In seinen Werken schilderte er in Form eines Dialogs die Bemühung um Begriffe und Antworten auf die Frage nach richtigem Handeln oder einem guten Leben. Wer diese literarische Form als erster gewählt hat, ist umstritten. „Man hört wohl, Zenon, der Eleate, habe als erster Dialoge geschrieben, Aristoteles aber nennt als solchen […] den Alexamos aus Styra […]. Ich dagegen meine, dass Platon sich durch seine strenge Behandlung und Ausbildung […] den Anspruch gesichert habe auf den ersten Platz […]. Der Dialog ist „eine sich in Frage und Antwort abspielende Aus- führung eines philosophischen oder politischen Themas“, die Dialektik aber „ist die Unterredungskunst, durch die wir etwas nichtig oder als richtig erweisen aufgrund des Frage- und Antwortverfahrens der Unterredner.“(alle Zitate: (Laertius, 2015, p. 159)). 

Zu den Werken Platons sagt Diogenes Laertius: „In den Bereich der Physik gehört der Timaios, in das der Logik der Politikos, Kratylos, Parmenides und Sophistes“ (Laertius, 2015, p. 160). 

Wenn er, wie im Timaios auf die Vorstellungen der Vorsokratiker über den Kosmos zu sprechen kam, tat er dies in mythischer Form oder knüpfte an Pythagoras an und sah die Welt aufgebaut aus geometrischen Formen. Unter Logik verstand man damals noch vorwiegend die Arbeit an Begriffen, d.h. die Aufdeckung der Beziehungen verwandter Begriffe zu einander, z.B. ihre Einordnung als Ober- bzw. Unterbegriffe. Von einer solchen Begriffseinteilung, „Dihairesis“ genannt, erwartete man sich eine klarere Definition. Man sah aber schon, dass eine Definition oft Definitionen wiederum der Bestimmungsstücke erforderte, somit auch in einen infiniten Regress führen konnte.

Aristoteles wuchs in der Akademie mit dieser Methode auf. Somit standen in seiner Logik, die er bald entwickeln sollte, auch die Begriffe im Zentrum. Diese wurde also eine so genannte Begriffslogik.  Die moderne Logik dagegen ist eine Aussagenlogik. Im nächsten Blogbeitrag werde ich den Unterschied genau herausarbeiten.

Für eine Beweisführung benutzte Platon hauptsächlich die Induktion, also den Schluss von Speziellen auf das Allgemeine, „der durch einige wahre Fälle die gleiche Wahrheit für andere Fälle in angemessener Weise erschließt“, so heißt es bei Laertius (Laertius, 2015, p. 161). Lange hat man diesen Schluss als „angemessen“ gehalten, erst David Hume hat betont, dass dieser Schluss nicht zwingend, also nicht immer „angemessen“ ist. In der modernen Logik findet dieser Schluss denn auch keinen Platz. 

Zentrales Thema Platons aber war die Seele des Menschen und wie sich diese in Sprache, Ethik, Kunst und Politik ausdrücken kann. Dabei schmückt er vorhandene Mythen aus, gestaltet sie um oder erfindet ganz neue Geschichten (siehe Wikipedia: Platonischer Mythos). 

Die Platonische Akademie 

Für die Entwicklung des „Logos“ gibt das alles nicht viel her. Interessant ist aber in diesem Zusammen- hang, dass er die Ausbildung auch in den analytischen Fächern sehr förderte, wohl motiviert durch den Eindruck, den pythagoreische Mathematiker auf ihn gemacht haben. Er war nämlich nicht nur ein großer Erzähler, sondern auch ein guter Organisator und Gestalter. So gründete er eine Schule, in der junge Leute in Philosophie und Wissenschaft unterrichtet werden sollten. Dafür erwarb er, vermutlich im Jahre -387, ein Grundstück bei einem Hain, den man Akademeia nannte, weil man ihn dem Heros Akademos geweiht hatte.  Neben Metaphysik, Ethik, Dialektik und Seelenlehre studierte man dort Physik und insbesondere Mathematik, die bald zur Grundausbildung eines jeden Schülers eines Philosophen gehörte. Die Akademie blieb, mit Unterbrechungen, über viele Jahrhunderte bestehen, sie wurde erst um 530 geschlossen. 

Die Platonische Akademie wurde zum Vorbild: Seit Augustinus (354 bis 430) und Martianus Capella, einem römischen Enzyklopädisten aus dem 5. oder 6. Jahrhundert, hatte sich für die Schulen der Spätantike ein Kanon von sieben Fächern eingebürgert. Diesen unterteilte man in ein Trivium (Grammatik, Rhetorik und Dialektik bzw. Logik) und ein Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musiktheorie). Man nannte diese Fächer die sieben freien Künste, weil sie eines „freien Menschen würdig“ seien, und „frei“ war ein Mann, wenn er frei war von der Notwendigkeit eines Broterwerbes. 

Im Mittelalter galt dieses Studium der freien Künste als Vorbereitung für wissenschaftliches Studium in Theologie, Jurisprudenz und Medizin. In den Universitäten wurden die freien Künste bald im Rahmen einer eigenen Fakultät, der Artistenfakultät (Facultas Artium) gelehrt. Die „Liberal Arts“, die wir aus den USA z.B. als „undergraduate studies“ kennen und die heutzutage mitunter auch z.B. in Deutschland eingeführt werden, versuchen diese Tradition fortzusetzen. Allerdings steht hier die Dialektik eher im Vordergrund als irgendeine der mathematischen Disziplinen. 

Aristoteles 

Bei Aristoteles, einem Schüler von Platon, fiel die strenge Ausbildung in der Platonischen Akademie auf besonders fruchtbaren Boden. Im Jahr -384 in Stageira (Chaldidike) in eine gebildete und begüterte Familie hinein geboren, wurde er im Jahre -367 mit 17 Jahren nach Athen in die Akademie Platons geschickt. Der Mathematiker Eudoxos von Knidos (ca. -395 bis ca. -350) spielte damals dort eine wichtige Rolle. 

Aristoteles liebte einerseits die Auseinandersetzung und Diskussion mit Andersdenkenden. Andererseits zeigte er – wie bei Menschen, an denen eine mathematische Ausbildung nicht spurlos vorbeigeht – eine Neigung zum systematischen Arbeiten und zum Sammeln der Lehrmeinungen früherer Philosophen wie Pythagoras oder Demokrit (Schupp, I 256).

Aristoteles wurde so ein großer Systematiker, aufmerksam auf Methodisches in einer Gedankenführung und wachsam für Zusammenhänge. Er war der Erste dieser Art, und er sollte damit auch eine ganz neue Art von Philosophie begründen, die nicht mehr eine Poiesis, eine „Herstellung“ von Lehrmeinungen in poeti- scher Manier ist. Stattdessen stehen Analyse und Methode im Vordergrund, Begründungen werden verlangt und auf Schlüssigkeit abgeklopft.

Es ist wohl plausibel, dass man den Drang zu Solchem verspürt, wenn man einen großen Korpus von Lehr- meinungen vor dem geistigen Auge hat und sich irgendwann fragt, wieso die jeweiligen Philosophen ihre Ansichten so fest vertreten können. Man muss aber auch in einer stimulierenden Umgebung leben und, vor allem, auch das Talent zu solch einem Neuanfang mitbringen. So ging Aristoteles in der Akademie bald eigene Wege. Nach Diogenes Laertius soll Platon dazu gesagt haben: „Aristoteles hat gegen mich ausgeschlagen, wie es junge Füllen gegen die eigene Mutter tun“ (Laertius, 2015, p. 225).

In der Liste der Schriften des Aristoteles führt Laertius 146 Titel auf und spricht von insgesamt 445 270 Zeilen. Die Arbeiten zur Logik sind nach ihm „aufs schärfste gekennzeichnet als Werkzeug für alle Teil- gebiete.“ Diese Schriften sind später in einer Sammlung von sechs Büchern mit dem Titel „Organon“ (gr. ὄργανον = Werkzeug) zusammengefasst worden. 

Das Organon 

Die Titel der sechs Bücher der Sammlung Organon heißen:
 

1. Die Kategorien,
2. Über die Deutung (peri hermeneias),
3. Die Lehre vom logischen Schluss (analytika protera, erste Analyse),
4. die Lehre vom Beweis (analytika hystera, zweite Analyse), 
5. die Topik und
6. die Sophistischen Widerlegungen
 

Besonders bedeutsam für die Entwicklung des logischen Denkens sind die Bücher 3,4 und 5, also die Lehren vom logischen Schluss und vom Beweis sowie die Topik. Hier wird also die sogenannte Aristote- lische Logik entwickelt. Diese ist also die Frucht einer Zeit, in der die Dialektik einen hohen Rang in der Gesellschaft einnahm. Auch bei Diskussionen über grundsätzlichere Fragen wie die nach einem guten Leben oder einer „vernünftigen“ Moral kam es bald mehr auf die Kraft der Argumente an statt auf autori- täre Setzungen, und schließlich konnte es nicht ausbleiben, dass man direkt darüber nachdachte, welche Argumentationsformen denn nun solche Kraft besitzen, dass sie unanfechtbar sind, d.h. von jedem Verständigen akzeptiert werden müssen.

Die neue Ära der Philosophie mit ihrem Schwerpunkt auf der Dialektik hat also keinesfalls die Idee des Logos in den Hintergrund treten lassen oder seine Verbreitung behindert. Im Gegenteil, die Dialektik war genau das Gebiet, auf dem sich diese Idee sich als besonders nützliches und wertvolles Werkzeug für das Denken zeigen konnte. Die Idee konkretisierte sich in der Aristotelischen Logik, die eine Vorlage für eine Wissenschaft werden sollte, welche heute im Rahmen der künstlichen Intelligenz eine bedeutsame Rolle spielt. Im nächsten Blogbeitrag werde ich auf die Aristotelische Logik explizit eingehen. 

Aristoteles und das System der Wissenschaften
 
Die Begabung des Aristoteles zu analytischem Denken und zum systematischen Arbeiten sowie seine Leidenschaft zum Sammeln der Lehrmeinungen früherer Philosophen zeigte noch andere Früchte. Er stellt eine Systematik aller damals bekannten Wissenschaften auf. Er unterteilt die Wissenschaften in praktische wie die Ethik, in poietische (herstellende) Wissenschaften wie Medizin oder Handwerk und schließlich in theoretische Wissenschaften. Bei Letzteren unterscheidet er Mathematik, Naturforschung und „erste Philo- sophie“, zu der er Theologie, Ontologie und die Logik zählte. Die Theologie bestand damals im Wesentli- chen in einem Studium der unveränderlichen „göttlichen“ Sterne.


Diese Einteilung des Aristoteles ist gewissermaßen der erste „Kassensturz“ des Wissens einer Zeit und subsumiert alles, was Wissen schafft, unter Wissenschaft. Vermutlich zählte er die theoretischen Wissen- schaften Mathematik und Naturforschung auch zur Philosophie, wenn auch nicht zur „ersten“.
Etwa 500 Jahre später schreibt Diogenes von Laertius:
 

„Was die Teile der Philosophie angeht, so unterscheidet man drei: Physik, Ethik und Dialektik.“ (Laertius, 2015, p. 10), wobei hier Dialektik auch für die Lehre von den Denkprinzipien, also für Logik und allgemei- ner für Erkenntnistheorie steht. Damit war also die Ethik in die Philosophie eingewandert, die Mathematik ausgeschieden. Einen Denker wie Pythagoras, der Mathematik betrieb aber auch eine bestimmte Weltan- schauung mit religiöser Inbrunst vertrat, konnte es nicht mehr geben. Bedeutende Mathematiker der Antike, wie z.B. Euklid von Alexandria oder Archimedes von Syrakus, erscheinen nicht in dem Werk von Diogenes Laertius über Leben und Meinungen berühmter Philosophen – mit Ausnahme von Eudoxos von Knidos, der eine Zeit lang Mitglied der Akademie Platons war. Aber auch die Physik sollte aus der Philo- sophie auswandern, wenn auch erst etwa 2.000 Jahre später, als Galileo Galilei die Aristotelische Theorie der Bewegung überwand. Indem er demonstrierte, wie man Regelmäßigkeiten in der Natur in der Sprache der Mathematik beschreiben kann, entdeckte er eine „neue Wissenschaft“.  Die Naturforschung wurde zu einer modernen Physik. Mit den Folgen dieser Entdeckung werden wir uns noch ausgiebig beschäftigen. 

Schließlich wanderte Ende des 19. Jahrhunderts auch die Logik in Form der mathematischen Logik aus der Philosophie aus. Sie ist nun ein Teilgebiet der Mathematik und der Informatik. In heutiger Zeit beobachtet man sogar, wie die Erkenntnistheorie zu einem Gebiet der Kognitionswissenschaft wird, die sich nicht nur mit unserer Fähigkeit zu Denken beschäftigt, sondern mit allen bewussten und unbewussten Vorgängen in unserem Gehirn wie z.B. wahrnehmen, lernen oder erinnern.

Die Kosmologie, Thema der Vorsokratiker und erstes Thema der Philosophie überhaupt, ist heute ein Ge- biet der modernen Physik. Eine Geschichte der Kosmologie von den Vorsokratikern bis Hawking wäre hoch interessant: Die „Frage nach dem Ganzen“ ist im mythischen Denken entstanden und in dieser Form noch in allen Religionen präsent, und die Vorsokratiker begannen ja schon physikalische Gründe für ihre Vorstellungen zu suchen. Aber erst seit etwa 100 Jahren gibt es eine physikalische Kosmologie, in der streng der Logos regiert. Diese Kosmologie ist eine Rekonstruktion der Geschichte des Universums unter konsequenter Berücksichtigung physikalischer Theorien. Über die Entwicklung des Kosmos konnte man ja erst überzeugend erzählen, nachdem man die Phänomene der Natur auf der Basis verlässlicher Theorien verstanden hatte. Denn dieses Wissen stellte erst die nötigen Leitlinien für eine Geschichte des Universums dar, die nicht mehr eine mythische, sondern eine logische sein will. 


Nota. - Über den positiven Gehalt der Lehren von Plato und Aristoteles erfahren wir nichts. Das liegt am Darstellungsprinzip des Verfassers: Er berichtet von dem, was bei den antiken Autoren bis heute für Na- turwissenschaftler von Bedeutung ist; und das ist bei Plato fast nichts und bei Aristoteles im Wesentlichen die Logik. Dass metaphysische Spekulationen und ontologische Flausen noch immer das Denken manchen Naturwissenschaftlers heimsuchen, würde in eine kritische Darstellung gehören, die jedoch nicht in der Absicht des Verfassers liegt. Das wäre aber ein größerer Beitrag zur Bildung junger Naturwissenschaftler, als das Aufsammeln positiver Resultate, die sie ja doch schon im Rahmen ihrer naturwissenschaftlichen Fächer kennengelernt haben, und deren Rückführung auf antike Quellen. 

Denn das Wesentliche der Philosophie sind nicht ihre positiven Resultate, die eng an ihre Zeit gebunden sind, sonderen die großen umfassenden Weltsichten, in die sie eingefügt und aus denen sie entstanden waren.

Der Mangel tritt bereits im Bericht über die Vorsokratiker auf. Man erkennt ihn schon am Anfang an einem spektakulär Abwesenden: Heraklit. Man zählt ihn zu den ionischen Naturphilosophen, obwohl er über die Natur nicht spekuliert, weshalb Josef Honerkampt ihn übergeht. Erhalten sind von ihm rund 60 Fragmen- te, die nicht in Zusammenhang miteinander stehen und von denen viele nur als Satzbruchstücke überliefert sind. Er heißt noch heut Der Dunkle, denn was er im Einzelnen gemeint haben mag, ist ganz der Phantasie der Leser anheimgegeben. Doch der Kern seiner Weltansicht ist formuliert in jenem Satz, durch den er unsterblich ist: Alles fließt. Das einzig Wirkliche ist die flüchtige Erscheinung, das einzig Dauernde der Wechsel, es gibt nichts als das ewige Werden. Darin sieht er allerdings den logos walten, aber was er darunter verstanden hat, ist in den Fragmenten nicht einmal angedeutet (er scheint allerdings etwas mit dem Feuer zu tun zu haben).

Heraklit war ein Zeitgenosse des Xenophanes von Elea. Der mag von ihm nichts gewusst haben, aber sein Nachfolger Parmenides, der eigentliche Stifter der eleatischen Schule, müsste, obwohl am andern Ende der griechischen Welt angesiedelt, immerhin vom Grundmotiv seiner Lehre gehört haben. Jedenfalls liest sich fast jedes seiner viel reicher überlieferten Fragmente wie eine direkte Antwort auf Heraklit. Was ist, ist, Punktum. Was erscheint, scheint nur. Das wahre Sein ist der Anschauung verschlossen und nur dem Denken zugänglich. 

Zwischen diesen Polen oszilliert das abendländische Denken seither, und man kann die Geschichte der Philosophie auffassen als das unerschöpfliche Bemühen, Heraklit mit den Eleaten unter einen Hut zu bringen.

Zu allererst kann man Plato so auffassen und von den Zeitgenossen wurde er so aufgefasst, und sie haben ihm nachgesagt, in seiner Jugend sei er Herakliteer gewesen - was unser Autor nicht erwähnt. Und wirklich kann man das, was nach fast zweieinhalb Jahrtausenden noch immer als der harte Kern des Platonismus angesehen wird, die Ideenlehre, kaum anders lesen als den Versuch, Sein und Werden miteinander dialek- tisch zu vermitteln. Wobei in der Überlieferung das Schwergewicht eindeutig beim substanziellen Sein gelegen hat uind das Werden nur als Akzidens erscheint.

Und da wir schonmal so weit sind, noch ein paar Worte zu Aristoteles. Fast so wirksam wie Plato mit seinen Ideen, war jener mit seinen Entelechien, wenn auch mehr in der Vorstellung als im Begriff. Danach bestünde die Welt aus lauter Einzeldingen, Individuen, dem, was der Platoniker als Werden und Schein geringschätzte. Ein jedes Individuum ist mit seiner eigenen Bestimmung - telos, das Ziel, auf das es hinwill - ausgestattet, so dass an der Erscheinung des Werdens durchaus ein Wahres, Seiendes anschaulich wird. 

Während das christliche Denken des ersten Jahrtausend völlig von Plato und den Neuplatoniker beherrscht war, brachte die Wiederentdeckung des Aristoteles durch die Scholastiker den ersten großen Umsturz des abendlichen Geistes: Im Nominalismus feierte das Individuum triumphierend Wiederauferstehung, zum erstenmal wurde die Philosophie nicht nur untergründig und irgenwie "an sich", sondern ausdrücklich und polemisch kritisch, denn die von Plato vergöttlichten Begriffe wurden aus einmal zu bloßen Sammelnamen für einander ähnliche Dinge, von Menschen erdacht und nur für ihre Zwecke da. 

Ohne dies keine Renaissance und keine Neuzeit und keine Kopernikanische Wende.

Das Problem, vor dem Ariostoteles haltgemacht hatte: nämlich wie unter all diesen durcheinanderlaufenden Einzelzwecken am Ende ein zusammenhängender Kosmos zustande kommen konnte, war für die kirchen- gläubigen Scholastiker a priori gelöst. Man muss die Welt "nur" selber als eine Entelechie auffassen. Aber was sich dabei denken ließe, hätte Aristoteles nicht sagen können. Die christliche Lösung, der selbsterzeug- te Schöpfergott, stand ihm nicht zu Gebot. Sokrates war wegen Leugnung der griechischen Götter zm Tode verurteil worden. Und so kam schon zu Lebzeiten des Aristoteles das Gerücht auf, dieser habe neben der exoterischen Lehre, die er seinen Schülern öffentlich vorgetragen hat, seinen Auserwählten noch eine gehei- me esotetische Lehre mitgeteilt.

Alles hat seine Zeit. Mit Galileo, der Platos Ideen in die mathematische Auffassung von den Naturgesetzen umgeformt hat, ging die Scholastik unter. Leibniz hat dann allerdings in seinen Monaden die aristotelischen Entelechien zu neuem Leben erweckt und mit der prästabilierten Harmonie auch den Schöpfergott zu neuen Ehren bringen wollen; was aber nach dem 30jährigen Krieg ein aussichtsloses Unterfangen war.
JE





Samstag, 16. März 2019

Freiheit liegt außerhalb des Bewusstseins.


Einer Freiheit außer mir kann ich mir überhaupt gar nicht unmittelbar bewusst sein. Nicht einmal einer Freiheit / in mir oder meiner eigenen Freiheit kann ich mir bewusst werden, denn die Freiheit an sich ist der letzte Er- klärungsgrund alles Bewusstseins und kann daher gar nicht in das Gebiet des Bewusstseins gehören. 

Aber - ich kann mir bewusst werden, dass ich mir bei einer gewissen Bestimmung meines empirischen Ich durch meinen Willen einer andern Ursache nicht bewusst bin, als dieses Willens selbst, und dieses Nichtbe- wusstsein der Ursache könnte man wohl auch ein Bewusstsein der Freiheit nennen, wenn man sich nur vorher gehörig erklärt hat, und wir wollen es hier so nennen. In diesem Sinne kann man sich selbst einer eigenen Hand- lung durch Freiheit bewusst werden.
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 J. G. Fichte, in Von den Pflichten der Gelehrten, Hamburg 1971 [Meiner], S. 14f.


Nota I. - So sagt schon Spinoza: Die Illusion der Willensfreiheit beruhe nur darauf, dass man die wahren Be- stimmungsgründe seines eignen Willens nicht kenne. - Also das Nichtwissen von einem äußeren Bestim- mungsgrund meines Willens besagt philosophisch gar nichts über denselben. Zugleich ist es aber eine der mächtigsten Tatsachen des Bewusstseins, von der ich kaum abstrahieren kann.

Nota II. - Ins Gerede gebracht wurde die Freiheit seinerzeit von der Hirnforschung. Die suchte nach der Frei- heit bei den andern - und fand nichts. Bei sich selber hätten sie suchen müssen. Hätten sie da auch nichts ge- funden - meiner Treu, welches Vertrauen in ihre Urteilskraft hätte ich noch haben können!
JE



Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Freitag, 15. März 2019

Maschinen mit Moral?


Das Online-Magazin Telepolis veröffentlichte unlängst unter der Überschrift Das Moralmenü einen Beitrag, in dem

Ich habe das kommentiert. 

Der elementare Fehler in dem ganzen Ansatz ist... nein, nicht erst, dass er soziale Klugheit für Moralität hält - das ist nur abgeleitet. Zugrunde liegt vielmehr die Auffassung, als sei Moralität so etwas wie Verstand. Nämlich so etwas wie Logik: das Höhere begründet das Untere, das Allgemeine das Besondere, das Prinzip seine Ablei- tungen, der Zweck das Mittel. Moralisches Handeln bestünde im Zuordnen einzelner Fälle zu einer je anzuwen- denden Norm.

Das ist immernoch besser, als würde unter Moral eine Summe einzelner Fälle verstanden und bestünde in einer Art empirisch auszumachenden gemeinsamen Nenners. Aber weniger falsch ist es nicht. 


Moral kommt von lat. mos, mores - Sitte, Gebräuche. Das griechische ethos bedeutet dasselbe; Ethologie heißt da- her die Verhaltenskunde bei Mensch und Tier. Historisch waren sie der Ursprung dessen, was man heute unter Sittlichkeit versteht; sie bestimmen, was sich gehört und was sich nicht gehört. 

Dass ein Unterschied, gar ein Gegensatz entstehen kann zwischen dem, was sich in einer historisch gewachse- nen Gemeinschaft gehört, und dem, ich für meine höchstpersönliche Pflicht erkenne, ist eine verhältnismäßig junge Erkenntnis, und sie beruht auf einer Erfahrung, die erst in komplexen modernen, nämlich bürgerlichen Gesellschaften so allgemein wurde, dass sie einen besonderen Namen nötig machen sollte. Antigone war ein Einzelfall und als solcher tragisch. Der Konflikt zwischen gesellschaftlichen Normen und dem, was mir mein Gewissen gebietet, ist inzwischen schon eine banale bürgerlich Standardsituation. Weil nämlich das eigenver- antwortliche, autonome Subjekt zur selbstverständlichen Existenzbedingung geworden ist: Es muss selber entscheiden.


Die Sprache unterscheidet noch immer nur zwischen positiven herrschenden Moralen und einer problemati- schen Moralität. Die Verwirrung ist daher groß. Es kann ja vorkommen und tut es oft genug, dass der ganz außermoralische Blick auf meinen Vorteil mir rät, dem Gebot der herrschenden Moral zu folgen und die Stimme meines Gewissens zu überhören. 

Wer oder was ist aber mein Gewissen? Es ist das Bild, das ich mir von mir selbst gemacht habe und um des- sentwegen ich mich achte. Der Autor sagt es selbst: Die Maschine kann sich nicht verantworten - nämlich nicht vor sich.

Nun kann ich keinen Andern achten, wenn ich mich selbst nicht achte - und auf einmal verkehren sich die Seiten: Moralität wird zur Bedingung sozialer Klugheit. Und letztere muss der Maschine einprogrammiert werden, weil sie diese Bedingung nicht erfüllt.

*
 

Das spielt in obigem Text freilich alles gar keine Rolle. Lesen Sie nochmal nach: Vor Gewissensentscheidun- gen stellt er seine Maschinen nirgendwo. Es geht überall nur um soziale Nützlichkeitserwägungen in mehr oder weniger allgemeiner Hinsicht. So dass er mit seinem Ding problemlos durchgehen könnte, wenn er nur... be- scheiden genug wäre, von Moral nicht zu reden.
 

Aber er tut es ganz ungeniert, und mit ihm Kreti und Plethi. Es passt, aber das ist keine Rechtfertigung, perfekt in eine Zeit, wo es neben Fakten noch alternative Fakten gibt und es keiner so genau nimmt; aber ein jeder sieht zu, wo er bleibt.

Donnerstag, 14. März 2019

Gibt es eine Neurologie des Sittlichen?

                                                       aus Neurophysiologie des Sozialen.

'..."Wird dem Gehirn die Fähigkeit genommen, eigene Wertvorstellungen und finanzielle Anreize gegeneinander abzuwägen, halten Menschen offenbar eher an ihren moralischen Überzeugungen fest", erläutert Ruff das Ergebnis. "Selbst höhere finanzielle Anreize haben dann weniger Einfluss." Für den Neuroökonomen eine interessante Erkenntnis, denn: "Grundsätzlich wäre es auch denk- bar, dass Menschen intuitiv finanzielle Interessen verfolgen und sich erst aufgrund ihrer Abwägun- gen für den altruistischen Weg entscheiden."

... Daraus folgern die Wissenschafter, dass der rechte temporoparietale Kortex nicht Sitz altruisti- scher Motive an sich ist, sondern uns die Fähigkeit vermittelt, moralische und materielle Werte gegeneinander abzuwägen.'

*

Das 'radikal Böse im Menschen' ist nach Kant seine Fähigkeit, das, was er als gut oder richtig erkannt hat, nicht zu tun. Mit andern Worten: Das Gute und Richtige sei für den Menschen das, was ihm am nächsten liegt. Die Untugend ist demgegenüber sekundär und nur als Folge einer zusätzlichen Reflexion möglich.

Dies scheint dieser Test zu beweisen.
 

Doch haben Sie's bemerkt? Moralisch, hilfsbereit, sozial, altruistisch - das ist für die Zürcher Forscher alles ein- und dasselbe. Dagegen stehen materiell, egoistisch, Interessen und Anreize. Gut und böse kommen dagegen gar nicht vor.

Das liegt an der Versuchsanordnung. Die Prämisse ist: Es ist neurobiologisch lokalisierbar. Der unausgespro- chene Hintergedanke: Es ist stammesgeschichtlich erworben und hat in der Hirnstruktur einen physischen Niederschlag gefunden; nämlich beide Fähigkeiten ihren je eigenen.


Wenn man nun experimentell herausfindet, welches von beiden das andere dominiert, kann man sagen: Das ist unser Eigentliches, es entspricht unserer innersten Natur, ist das Primäre. Zum Glück hat sich gefunden, dass es Charakerzüge sind, die die Kooperation begünstigen; was zu erwarten war, weil auf der Grundlage familiärer Gruppenbildung die Gattung H. sapiens überhaupt erst entstanden ist: Auf der Grundlage eines konkurrenziel- len Kampfes jeder gegen jeden wäre das nicht möglich gewesen.

Nun hat der Gruppenvorteil mit Moral genausowenig zu tun wie der Eigennutz. Er erlaubt größere Gruppen- bildung, innere Differenzierung, höhere Arbeitsteilung und Kooperation. Er ist wirtschaftlich erfolgreicher. Nämlich en gros. En détail mag der Privatvorteil doch immer seinen Reiz haben: Es ist eine Sache des Abwä- gens und der Reflexion. 

Auf die allein hat die Evolution sich nicht verlassen mögen: Sie hat daher die Priorität des Sozialen genetisch verankert, und wie der Test zeigt, tat sie gut daran.

Merke: Das Soziale ist - wie das Recht - das, was ich meinen Nächsten schulde. Moral dagegen schulde ich mir und keinem andern. Was ich unter Ich verstehe, hat die Evolution noch nicht in unsere Gehirne eingebaut, da- für ist es phylogenetisch zu rezent; es entstand mit der bürgerlichen Gesellschaft. Für eine ganze Weile werden wir es noch, jeder für sich, immer wieder neu selber entscheiden müssen. Es ist keine Sache von Auslese und Anpassung, sondern von selbst-Bestimmung.

Das Bestimmen ist uns freilich erst möglich, seit der rechte temporoparietale Kortex die Versuchung zugelassen hat: das Gute am Schlechten; der Sitz des radikal Bösen im Menschen, mit Kant zu reden.




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Dienstag, 12. März 2019

Tätigkeit ist das eigentlich Reale..

Courbet, Holzfäller

Tätigkeit ist die eigentliche Realität. (Weder Gegenstand noch Zustand sind allein rein zu denken. Durchs Reflektieren mischt sich das Entgegengesetzte hinein und selbst schon durchs Streben – Begehren – denn beides sind identische Handlungen. Der Begriff der Identität muss den Begriff der Tätigkeit enthalten – des Wechsels in sich selber. Zwei Zusammengesetzte sind die höchste Sphäre, zu der wir uns erheben können.)
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Novalis, "Fichte-Studien", in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 83


Nota. - Ist der Mensch an und für sich anschauend? Angenommern, er wäre nicht an und für sich tätig, so bliebe ihm vor langer Weile nichts als das Anschauen, um sein Leben hinter sich zu bringen. Das hat er gottlob nicht nötig, denn an und für sich ist er tätig. Anschauend ist er auf jeden Fall; aber eben stets als ein Tätiger. Und nur, weil er tätig ist, stößt er auf einen Gegen-Stand. Der bloß Anschauende kann, was er sieht, liegen lassen, ohne es zu für wahr zu nehmen. Der Tätige hat einen Gegenstand für sich. Und der ist es, den er anschaut; er schaut ihn an als Gegenstand seiner Tätigkeit.

Tätig wäre er nicht ohne Absicht. Was also schaut er an, wenn er den Gegenstand seiner Tätigkeit anschaut? Er schaut an die Vergegenständlichung seiner Absicht. 

So ist es unmittelbar.

Wenn er nun betrachtet, was er angeschaut hat, kann er einen Gegenstand und eine Absicht unterscheiden, da aber nun die Absicht objektiviert ist, erscheint sie ihm als Begriff. In der Reflexion treten beide auseinander. Ontolo- gisch scheinen Sein und Sinn getrennt und gleich ursprünglich - während 'in Wahrheit' doch die Tätigkeit 'als erste da' war.
JE


Montag, 11. März 2019

Gibt es denn eine intelligible Welt?


Nun ist auf solche Weis eine Welt vernünftiger Wesen (mundus intelligibilis) als ein Reich der Zwecke möglich, und zwar durch die eigene Gesetzgebung aller Personen als Glieder. Demnach muß ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke wäre. Das formale Prinzip dieser Maximen ist: handle so, als ob deine Maxime zugleich zum allgemeinen Gesetze (aller vernünftigen Wesen) dienen sollte.
 

Ein Reich der Zwecke ist also nur möglich nach der Analogie mit einem Reiche der Natur, jenes aber nur nach Maximen, d.i. sich selbst auferlegten Regeln, diese nur nach Gesetzen äußerlich genötigter wirkenden Ursachen. Demunerachtet gibt man doch auch dem Naturganzen, ob es schon als Maschine angesehen wird, dennoch, so fern es auf vernünftige Wesen, als seine Zwecke, Beziehung hat, aus diesem Grunde den Namen eines Reichs der Natur. Ein solches Reich der Zwecke würde nun durch Maximen, deren Regel der kategorische Imperativ aller vernünftigen Wesen vorschreibt, wirklich zu Stande kommen, wenn sie allge-mein befolgt würden.

Allein, obgleich das vernünftige Wesen darauf nicht rechnen kann, daß, wenn es auch gleich diese Maxime selbst pünktlich befolgte, darum jedes andere eben derselben treu sein würde, imgleichen, daß das Reich der Natur und die zweckmäßige Anordnung desselben, mit ihm, als einem schicklichen Gliede, zu einem durch ihn selbst mögli- chen Reiche der Zwecke zusammenstimmen, d.i. seine Erwartung der Glückseligkeit begünstigen werde: so bleibt doch jenes Gesetz: handle nach Maximen eines allgemein gesetzgebenden Gliedes zu einem bloß möglichen Rei- che der Zwecke, in seiner vollen Kraft, weil es kategorisch gebietend ist. 
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Kant, Grundlegung einer Metaphysik der Sitten, WW ed. Weischedel, Bd. VII, S. 72f.


Nota I. - Für Kant ist der Kategorische Imperativ offenbar der Zweck der Zwecke. Und zwar gedacht als real. Ideale Zwecke, die um ihrer selbst willen 'gefallen', wären nach seiner Auffassung ästhetisch; aber das Ästhe- tische will er von der Vernunft fern-, das heißt: aus der praktischen Vernunft heraus halten; wenn auch in un- mittelbarer Nachbarschaft. - Ideale Zwecke 'gibt es' nur als ästhetische Idee, nämlich unendlich bestimmbar und ergo ewig unbestimmt.
 

Vernünftig ist nach Fichte ein Denken (Handeln), das vom Unbestimmten zum Bestimmten fortschreitet, wobei bestimmen heißt: einer Sache einen Zweck zuschreiben. Vernünftig wird ein Individuum nur durch die Aufforde- rung seitens einer ihm vorausgesetzten 'Reihe vernünftiger Wesen'. Fluchtpunkt seiner Vernünftigkeit wäre der ideale 'Zweck an sich': ein Aestheticum.

Das Fortschreiten vom Bestimmbaren zum Bestimmten ist nicht das Verfahren Kants (Kant fügt Begriffe anein- ander). Zweck, Vernunft und eine 'Welt vernünftiger Wesen' gehören wohl auch bei ihm zusammen; doch wel- cher Zweck vernünftig sei, ist bei ihm schon immer bestimmt. So kommt es, dass der Mensch am Guten inter- essiert sei, denn es ist ihm vor gegeben: Er kann es als ein Objekt begehren. Bei F. ist der nicht (erst) am Objekt, sondern als ein schlechthin Wollender vorgängig am Bestimmen selbst 'interessiert'; daher kann er auch ideale Zwecke haben.
 

4. 7. 16

Nota II. - Indem sie dazu übergingen, ihre Zwecke mit den Zwecken der Andern, denen sie in der Welt begegnen, zu vergleichen und abzustimmen, fand sich eine Reihe von Wesen zusammen, die ipso facto vernünftig waren. Die- ser Vorgang wird im Bericht der Wissenschaftslehre stillschweigend als historisch vorausgesetzt (und es war in der Wirklichkeit die Ausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft). Die Wissenschaftslehre stellt eine Situation dar, in der 'das Ich' eine Reihe vernünftiger Wesen immer schon vorfindet. Sie erzählt nicht von der wirklichen Entwick- lungsgeschichte der Vernunft, sondern liefert ein Modell der vorfindlichen intelligiblen Welt. (Das findet sich auch andernorts: Die Entstehungsbedingungen eines Systems sind etwas anderes als die Bedingungen seiner Repro- duktion.)

28. 10 18


Nota III. - 'Ja gibt es denn überhaupt einen Mundus intelligibilis?' - Natürlich nur in der Vorstellung. Doch in der Vorstellung Aller, die am vernünftigen Verkehr teilhaben. Vernünftig sind sie, weil sie am Verkehr teilhaben, und vernünftig ist er, weil sie an ihm teilhaben. So dass zu präzisieren ist: 'Es gibt' ihn nur in der Vorstellung, sofern diese im allgemeinen Verkehr regulierend wirkt.

Anders gibt es sie nicht. 



Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Sonntag, 10. März 2019

Inwiefern das Ästhetische zum spezifisch Menschlichen wird.


'Der Mensch hat mit seinem Ausbruch in eine fremde Welt die Vorbestimmtheit alles ihm Erscheinenden ver- loren: Ihm "erscheint" auch das, was für Stoffwechsel und Fortpflanzung ... ohne Bedeutung ist. Er muss Dinge selbst-bestimmen. Zuerst, ob sie für Stoffwechsel und Fortpflanzung 'in Frage kommen'. Von ihm fordert jede Erscheinung ein Urteil. Das ist die Grundbedingung des Existierens in einer Welt. Das Urteilen ist: im Wahrneh- men ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung.' 

So habe ich [seinerzeit] aus einem Notizheft zitiert und auf den ursprünglich ästhetischen Charakter des Urtei- lens hingewiesen: 'Beifall und Missbilligung erfolgen nämlich einstweilen versuchsweise: 'Ob es was taugt?' - 'Mal sehen, zu was.''

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Ich hole aus.

'Beifall und Missbilligung' - damit kennzeichnet der Fichte-Schüler Herbart, der früh mit der Transzendental- philosophie gebrochen hat, um zu den Eleaten (und eigentlich auch Leibniz) zurückzukehren, die Besonderheit der ästhetischen Urteilensweise. - Wie ein Kantianer unterscheidet er das Wissen nicht nach seinen Gegenständen, sondern nach der Art und Weise, wie es zustandekommt. Und zwar unterscheidet er Metaphysik und Ästhetik. Metaphysisch ist alles Wissen, das durch das An- und Verknüpfen von Vorstellungen zustandekommt; also das ganze Feld des diskursiven Denkens. Ästhetisch nennt er jene Vorstellungen, die notwendig unmittelbar mit einem Gefühl des Beifalls oder der Missbilligung begleitet sind. Ästhetische Vorstellungen im Bereich der Wil- lensakte nennt er ethisch, Ethik ist ein Teilbereich der Ästhetik. - Dass er Fichte-Schüler war, ist kaum zu über- hören, wenn er es selber auch nicht wahrhaben wollte.


Zurück zum Ur-Sprung der Menschwerdung. Der Mensch, der die Selbstverständlichkeiten seiner Urwald- nische hinter sich gelassen hatte, musste fragen. Die Frage 'Ist es dies?' 'Ist es das?' kommt nie zu einem Ende, wo alles neu ist; wäre aber nur möglich, wenn die Erinnerungen an die verlassene Umwelt bestimmt wären, aber gerade das waren sie nicht - sondern selbstverständlich. 'Kann ich es essen, kann ich es trinken' - so wie noch heute der Franzo- se fragt - ist eine enge Fragestellung, aber 'Dient es meiner Selbst- und Arterhaltung?' konnte er noch nicht fra- gen, doch selbst auf die Frage nach der Genießbarkeit gab es nur eine Antwort: Du musst es versuchen. 

Die Versuchung ist es, die Beifall oder Missbilligung heischt, nicht das Ding. Die Frage, ob man's wagen soll, lässt sich aus Begriffen (noch) nicht entscheiden, sie muss intuitiv gefunden werden, in der Anschauung selbst. Es ist ein - ästhetisches Urteil.

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Das ist Anthropologie, nicht Transzendentalphilosophie. Aber sie steht unter der Aufsicht der Transzendental- philosophie. Sie hat nicht zu beweisen - aus welchen Dokumenten denn ? -, weshalb dieses so und nicht anders kommen musste. Sondern sie muss ausschauen, ob Bedingungen gegeben sind, an die sie sinnvoll ihre Fragen stellen kann. Die Fragen kommen woher? Aus dem, was uns phänomenal als 'das Menschliche' vorliegt. Die Bedingun- gen, das ist das Wenige (das aber immer mehr wird), was uns die Paläontologie versichern kann.

Wir haben gedacht, das spezifisch Menschliche, das uns phänomenal vorliegt, sei die Intelligenz. Von der wissen wir inzwischen, dass sie reichlich auch überall im Tierreich schon vorkommt, unsere Vorsprünge sind überall nur graduell. Auch dass Versuchungen an uns treten, ist nichts Spezifisches. Das wird Tieren auch passieren, und da zeigt sich, dass schon bei ihnen persönliche Lebenserfahrung ein Rolle spielt. Ansonsten sind Versuchungen für das Tier wie eine Lotterie.

Aber der Mensch will spielen. Er sucht die Versuchung, er bleibt sein Leben lang neugierig wie sonst nur die Kinder, er steht allezeit vor der Frage, ob ihn das Abenteuer lockt oder die Gefahr ihn schreckt. Früher war er Jäger. In der Arbeitsgesellschaft konnte er das nicht bleiben, darum hat sie den Phänotypus des Künstlers her- vorgebracht. So kam das ästhetische Vermögen zu seinem vorläufigen Bestimmungspunkt.

Das ist die Frage und die Antwort.


1. 12. 14 

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Noch einmal, kühl und trocken: Das spezifisch Menschliche ist zunächst, dass Homo sapiens seine Umweltbezo- genheit verloren hat und damit sein angestammtes Bedeutungsgefüge. Diesen Mangel musste er kompensieren: indem er sich die Fähigkeit zum Bestimmen des Vorgefundenen selbst anerfand. Wie? Wer weiß, geschehen ist es jedenfalls, und nicht nur unsere nächsten Verwandten, sondern auch viele andere Tiere haben eine Menge von Fähigkeiten, über die sie nur deshalb nicht verfügen, weil die Not sie nicht zu ihrer Ausbildung zwang.

Letzteres war anders bei unsern Vorfahren. Sie haben sich im vaganten Leben zwischen wechselnden Savannen- nischen unter Bedingungen gesetzt, wo nicht nur improvisiertes Verhalten, sondern insbesonders die Verständi- gung in der wandernden Gruppe überlebenswichtig wurden.

So wurden beide Errungenschaften nicht nur bewahrt, sondern gepflegt und ausgbaut; kultiviert.

'Kulturen' sind inzwischen auch bei anderen Tieren beobachtet worden; doch sie stagnieren. Die der Menschen stagnierten nicht, denn sie waren aus einer Nische in eine offene Welt aufgebrochen, in der Neuerfindungen sys- temisch angelegt sind. Das eigentlich Revolutionäre daran: Was gut und was schlecht ist, mussten sie von nun an selber beurteilen. Die Populationen, die diese Fähigkeiten entwickelten, haben überlebt; die andern sind wohl aus- gestorben.

Der entscheidende Wendepunkt war die Erfindung des Ackerbaus und die erneute Sesshaftigkeit. Es entstand die Arbeitsgesellschaft, und mit ihr die große Differenzierung des anfänglich in sich ununterschiedenden wertenden Vermögens: Zehntausend Jahre lang wurden seither Fähigkeiten privilegiert, die sich auf das Verhältnis von Zwecken und Mitteln bezogen. Die Zwecke selbst waren noch nicht bestimmbar, dazu reichten die Mittel des gedanklichen Austauschs und selbst der materiellen Kooperation noch nicht aus: Die Zwecke 'ergaben sich von selbst' aus dem blinden Lauf der Dinge - Auslese und Anpassung, so wie "in der Natur".

So war das bis heute. Denn indem diejenigen Fähigkeiten in den Vordergrund rückten, die - wie bei den Tieren - auf Selbst- und Arterhaltung zielen, wurden die andern, zweckfreien Urteilsvermögen zur Luxusbetätigung der müßigen, weil herrschenden Klassen. Dem Rest der Welt mussten sie vorkommen wie nutzlose Verschwendung. Das Ästhetische ist seiterher das schlechterdings Nebensächliche. Dabei ist es die Fähigkeit, Zwecke zu setzen, die über Nutz und Vorteil hinausgehen. 

Das Problem, gemeinsame Zwecke in Freiheit zu setzen, ist freilich noch nicht gelöst.




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