Samstag, 8. September 2018

Jeder ein Künstler.


Der moderne Künstler, in seiner Physiologie dem Hysterismus nächstverwandt, ist auch als Charakter auf diese Krankhaftigkeit hin abgezeichnet. Der Hysteriker ist falsch – er lügt aus Lust an der Lüge, er ist bewunderungs- würdig in jeder Kunst der Verstellung –, es sei denn, daß seine krankhafte Eitelkeit ihm einen Streich spielt. 

Diese Eitelkeit ist wie ein fortwährendes Fieber, welches Betäubungsmittel nötig hat und vor keinem Selbst- betrug, vor keiner Farce zurückschreckt, die eine augenblickliche Linderung verspricht. (Unfähigkeit zum Stolz und beständig Rache für eine tief eingenistete Selbstverachtung nötig zu haben – das ist beinahe die Definition dieser Art von Eitelkeit.) 

Die absurde Erregbarkeit seines Systems, die aus allen Erlebnissen Krisen macht und das »Dramatische« in die geringsten Zufälle des Lebens einschleppt, nimmt ihm alles Berechenbare: er ist keine Person mehr, höchstens ein Rendezvous von Personen, von denen bald diese, bald jene mit unverschämter Sicherheit herausschießt. Eben darum ist er groß als Schauspieler: alle diese armen Willenlosen, welche die Ärzte in der Nähe studieren, setzen in Erstaunen durch ihre Virtuosität der Mimik, der Transfiguration, des Eintretens in fast jeden verlangten Charakter. 
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Nietzsche, Aus dem Nachlass der Achtziger Jahre, N° 19
[S. 830]  


Nota. - Der Künstler, an den Nietzsche immer zuerst dachte, war Wagner. Der Künstler, der zu seiner Zeit meinte, es sei jeder ein Künstler, war Joseph Beuys.
JE




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Freitag, 7. September 2018

Werte und Zwecke.


Diese perspektivische Welt, diese Welt für das Auge, Getast und Ohr ist sehr falsch, verglichen schon für einen sehr viel feineren Sinnenapparat. Aber ihre Verständlichkeit, Übersichtlichkeit, ihre Praktikabilität, ihre Schön- heit beginnt aufzuhören, wenn wir unsre Sinne verfeinern: ebenso hört die Schönheit auf beim Durchdenken von Vorgängen der Geschichte; die Ordnung des Zwecks ist schon eine Illusion. 

Genug, je oberflächlicher und gröber zusammenfassend, um so wertvoller, bestimmter, schöner, bedeutungsvol- ler erscheint die Welt. Je tiefer man hineinsieht, um so mehr verschwindet unsere Wertschätzung – die Bedeutungs- losigkeit naht sich! 

Wir haben die Welt, welche Wert hat, geschaffen! Dies erkennend, erkennen wir auch, daß die Verehrung der Wahrheit schon die Folge einer Illusion ist – und daß man, mehr als sie, die bildende, vereinfachende, gestaltende, erdichtende Kraft zu schätzen hat.
 

»Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!« 

Erst bei einer gewissen Stumpfheit des Blickes, einem Willen zur Einfachheit stellt sich das Schöne, das »Wert- volle« ein: an sich ist es ich weiß nicht was.
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Nietzsche, Aus dem Nachlass der Achtziger Jahre,
N° 6    



Nota. - Ob er es selber wusste oder nicht: Das ist Ästhetik als Moral.
JE




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Donnerstag, 6. September 2018

Kant'sche Orthodoxie.


298. Die Orthodoxen unter den Kantianern suchen das Prinzip ihrer Philosophie vergeblich im Kant. Es steht in Bürgers Gedichten und lautet: „Ein Kaiserwort soll man nicht drehn noch deuteln.“
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(Friedrich Schlegel) Athenäum, Ersten Bandes Zweytes Stück. Berlin 1798, S. 81  







 
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Mittwoch, 5. September 2018

Arroganz.

 
337. Arrogant ist, wer Sinn und Karakter zugleich hat, und sich dann und wann merken läßt, daß diese Verbindung gut und nützlich sey. Wer beydes auch von den Weibern fodert, ist ein Weiberfeind.
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(Friedrich Daniel Schleiermacher) Athenäum, Ersten Bandes Zweytes Stück. Berlin 1798, S. 99





Dienstag, 4. September 2018

Reine Ideen.

Der Betende

Gott, die Welt, und das beide Objekte verknüpfende Subjekt, das denkende Wesen in der Welt. 

Gott, die Welt, und was beide zu einem System vereinigt - das denkende einwohnende Prinzip des Menschen (mens) in der Welt. Der Mensch als ein gegen ihn durch Natur und Pflicht beschränktes Wesen in der Welt.

Alle diese drei Begriffe sind Ideen, d. i. durch Vernunft selbstgeschaffene reine (nicht empirische von Wahrneh- mung gegebener Vorstellungen entlehnte) Erkentnisstücke.
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Immanuel Kant, Opus postumum, 1. Konvolut, S. 034


Dieses sind logische Verhältnisse in einem Satze, nicht die Existenz der Objekte betreffend, sondern bloß das Formale der Verhältnisse, diese Objekte zur synthetischen Einheit zu bringen: Gott, die Welt, und Ich, der Mensch, ein Weltwesen selbst, beide verbindend.
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ebd., S. 037


Nota I. - Das kann man gar nicht laut genug sagen: Gott, Welt und Mensch sind keine aus mannigfachen Erfahrungen abstrahierten Allgemeinbegriffe, sondern intentional als Ganze entworfene Ideen, die dem empirisch Mannigfaltigen als ein Maßstab voran- oder übergesetzt werden, an dem es sich bewähren soll. Sie analysieren nicht aus einem mannigfaltig Seienden soundso viele gemeinsame Merkmale heraus, sondern schreiben sie ihm von außen als sein einiges Sollen zu. Ideen sind offenkundig Postulate.
 

Nota II. - Sie können offenbar nicht gewusst werden. Doch geglaubt werden können sie auch nicht. Sie wurden - von wem? - als geltend behauptet. Diese Behauptung kann man billigen oder verwerfen. Es ist ein Sache des Wollens. Ob ich Gründe dafür habe und welche, kann und müsste ich wohl mit mir allein ausmachen.
JE


Montag, 3. September 2018

Was heißt: kritisch?


Ein kritischer Denker ist nicht schon einer, der in jeder Suppe ein Haar findet. Kritisch sein heißt: nur das gel- ten lassen, was auf seine Gründe hin geprüft wurde.

Kein im wirklichen Wissenschaftsgeschäft Tätiger kann sich leisten, alle Gründe selber zu prüfen, von denen er ausgeht. Jeder Realwissenschaftler setzt tausend Gründe voraus, von denen er annimmt, dass viele Kollegen vor ihm sie schon erfolgreich überprüft haben werden. Anders könnte es gar keine Wissenschaft geben.

Nur für eine Wissenschaft gilt das nicht, für die Mutter aller andern: In der Philosophie muss sich ein jeder zu- muten lassen, wirklich alles selber zu prüfen, von vorne an; unter allen Voraussetzungen auch noch die allererste - die, die allen andern zugrunde liegt - selber 'kritisiert' zu haben. Und die heißt: Ich urteile. Das kann man so schreiben: Ich urteile, oder auch: Ich urteile – es bedeutet jedesmal dasselbe: Wenn ich nicht urteilte, gäbe es mich nicht, und: Wenn ich nicht wäre, gäbe es kein Urteil.

Es reicht auch nicht, den Satz zu lesen und beifällig zu nicken. Man muss ihn schon selber gedacht haben; sonst wird es nichts mit dem Philosophieren.

17. 1. 14 


Nun muss nicht jeder philosophieren. Aber jeder muss sein Leben führen. Da kann man sich noch weniger lei- sten als im alltäglichen Wissenschaftsbetrieb, Jedes auf seine Gründe zu prüfen. Wo immer Fakten eine Rolle spielen, muss man sich darauf verlassen, dass manch anderer sie schon überprüft hat, und dass dieses und jenes Urteil wohl zu Recht gefällt worden ist.

In Geschmacksdingen, die im Alltag so viel Raum einnehmen, kommt es auf Fakten nicht an. Umso mehr bin ich an mein eigenes Urteil verwiesen, und daher lässt sich in seine Geschmacksurteile keiner reinreden.

Moralische Entscheidungen sind Geschmacksurteile über Willensakte. Da darf man sich von niemand reinreden lassen.



Sonntag, 2. September 2018

Wie du in den Wald reinrufst, schallt es zurück.

Einbildung 

Sein ganzes wissenschaftliches Instrumentarium – das Denkzeug ebenso wie seine Laboreinrichtung – ist auf 'ursächlich wirkende' Res extensa angelegt. Was anderes bleibt gar nicht darin hängen. 

Versuchsanordnung
 Wer ein Sieb zum Schöpfen nimmt, wird finden, dass Wasser eine bloße Einbildung unserer Vorfahren war.









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