Mittwoch, 6. Februar 2019

Wurde die Mathematik entdeckt oder erfunden?

Wurde die Mathematik aus der Natur heraus-gefunden… 
…oder vom Menschenhirn in sie hinein-gedacht?
aus Die Wendeltreppe - Philosophische Propädeutik

Erst mit Galileo ging, streng genommen, das mythische Zeitalter zu Ende. “Der Mythos braucht keine Fragen zu beantworten. Er erfindet, bevor die Frage akut wird und damit sie nicht akut wird.”(Hans Blumenberg). Seit Galileo stellen die Wissenschaften nicht nur Fragen, sondern beantworten sie auch, und jede Antwort wirft (mindestens) eine neue Frage auf.

Das Buch der Natur sei in der Sprache der Mathematik geschrieben, hatte Galileo verkündet. Das ist seither zum Gemeinplatz westlicher Bildung geworden. Descartes hatte die Welt in zwei Substanzen zerteilt, eine res extensa, die Materie, die sich durch ihre räumliche Ausdehnung zu erkennen gibt, und die res cogitans, den Geist, der außerhalb von Raum und Zeit ist. Doch eines ist ihnen gemeinsam: die mathematische Struktur, und an der erkennt man ihre gemeinsame Abkunft vom selben Schöpfergott. Spinoza tat die beiden Teile wieder zusammen, bei ihm ist es die eine, geistige Substanz, die sich selber ausdehnt, “deus sive natura”, und wie tut sie das? “More geometrico”, auf geometrische Weise! War bei Descartes Gott ein Mathematiker, so ist die Gottnatur bei Spinoza Mathematik. Isaac Newton, der erste Systematiker der modernen Physik, betitelte sein Hauptwerk ” Philosophiae naturalis principia mathematica”, die mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie. Und Leibniz endlich, der die strenge Naturwissenschaft in Deutschland eingeführt hat, überlegte ernstlich, ob nicht Gott selber in mathematischen Formel dächte.

Die Herrschaft des Rationalismus war Herrschaft der Metaphysik. Die Metaphysik sei aus der abendländischen Wissenschaft inzwischen vertrieben? Nur die metaphysische Verpackung ist gefallen. Der Kern bleibt. Der Einfall, die Gesetze der Mathematik seien gleichzeitig die Gesetze der Vernunft und der Natur, bedarf keiner zusätzlichen Metaphysik. Er ist selber metaphysisch.

Die Mathematik ist nicht, wie unsere eigne Schullaufbahn vermuten macht, aus dem kleinen Einmaleins hervorgegangen. Zwar hatten die Babylonier ihr Interesse auf die Arithmetik konzentriert; aber sie dienten ihnen nur zur Astrologie. Mathematik entstand erst, als die Griechen Thales und Pythagoras die Zahlen in den Dienst der Geometrie, der Anschauung räumlicher Verhältnisse nahmen. Das Leitbild der Mathematik – die vollkommene Gestalt – ist ästhetisch. Ihre Verfahren sind Anschauung und Konstruktion. Auf etwelche sinnliche Erfahrung – über die man streiten könnte – ist sie nicht angewiesen. Sie begründet sich aus sich selbst, und nur so konnte sie zur Grundlage der allgemeinen wissenschaftlichen Methode werden.

Aber ist nicht gerade die Geometrie aus den Dingen der Welt abgeschaut?! 

Plato kannte fünf vollkommene Körper: Kugel, Würfel, Pyramide; Zylinder, Konus.

Es sind die jeweiligen dreidimensionalen Kombinationen von Kreis, Quadrat und Dreieck. Drei Dimensionen sind ‘vollkommener’ als zwei, bzw. Körper sind vollkommener als Flächen.

Hat man eines von denen ‘von der Natur abgeschaut’? Mehr oder minder runde Formen kommen in ‘der Natur’ vor; Kugeln nicht. Kugel ‘entsteht’ als Idee des vervollkommneten ‘runden’ Körpers. Wobei Vollkommenheit eben keine logische, sondern eine anschauliche, eine ästhetische Qualität ist! Finden sich Würfel, Pyramiden, Zylinder usw. in der Natur vor? Es finden sich Formen, die wie fehlerhafte Annäherungen aussehen. Damit sie so aussehen können, müssen die reinen Formen dem inneren Auge aber schon gewärtig sein. Und das geht nur, wenn das innere Auge die Konstruktion aus Kreis, Quadrat und Dreieck schon vorgenommen hat! Das ist eine erhebliche Abstraktions- und Reflexionsleistung.

(Abstraktion und Reflexion sind nur zwei Sichtweisen auf denselben Denkakt: Absehen auf das jeweils Wichtige ist zugleich Absehen von dem jeweils Unerheblichen.)

Denn zuvor mussten vor dem inneren Auge die Flächen selber konstruiert werden! Allein den vollkommenen Kreis kann man in der Außenwelt sehen – am wolkenlosen Himmel.

Es ist ja denkbar, dass der Anblick des einzig perfekten Kreises – der Sonnenscheibe – und ihrer imperfekten Parodie, des Mondes – den Anlass zur Idee anschaulicher Vollkommenheit gegeben hat; aber eine erfahrungsmäßige Abstraktion aus dem Anblick vieler perfekten Kreise war es nicht: weil es nur diesen einen gibt; und eine Reihe imperfekter Karikaturen – die werdenden und vergehenden Ringe auf dem Wasser usw… Nachgemacht werden kann dieser eine perfekte Kreis aber nicht auf ‘anschaulichem’ Weg; er muss konstruiert werden aus Punkt und Radius: wieder eine Abstraktionsleistung.

Die andern beiden Grundformen finden sich nicht in perfekter Gestalt in den Natur vor. Sie müssen – vielleicht in anschaulicher Analogie zur Sonnenscheibe – erdacht werden, um bemerken zu können, dass sich in der Natur… unvollkommene Annäherungen vorfinden.

Und erst nach all dem können die fünf perfekten Körper erdacht werden; und kann man sich einbilden, diese Idealentwürfe lägen ihren unvollständigen natürlichen Nachbildungen “in Wahrheit” zu Grunde; in einer verborgenen Wahrheit selbstverständlich.

Die Arithmetik hat ältere Wurzeln, die bis zu den Babyloniern zurückreichen. Ist nun die Zahl ein “Naturverhältnis”? Beruht sie nicht darauf, dass die Dinge ‘im Raum’ eine Grenze haben und man sie neben einander stellen und also zählen kann? Das sieht nur so aus. Tatsächlich zählen wir die Dinge nicht neben-, sondern nach einander! Und das geschieht in der Zeit. 

Paläoanthropologen haben aus frühester Vorzeit Stäbchen geborgen, die in regelmäßigen Abständen mit Kerben versehen sind. Sie interpretieren sie als Zählstäbe, die Vorläufer der Zahlensysteme; nämlich so, dass ihre Hersteller den Daumennagel auf die erste Kerbe gehalten haben: “zuerst…”; auf die zweiter Kerbe: “dann…”; dritte Kerbe: “und danach…”. Da wird das zeitliche Nacheinander der Zahlen archäologisch sinnfällig!

Und wem die erwähnten Zählstäbe der Paläontologen als Indiz zu dürftig scheinen, der kann es ja mit einem Gedankenexperiment versuchen.

Was immer Zahlen sonst auch noch sein mögen, eins sind sie ganz bestimmt: Zeichen. Was muss man bezeichnen? Etwas, das man nicht stets vor Augen hat und doch ‘behalten’ will. Denn auf alles andere kann man mit dem Finger zeigen. Kleine Mengen hat man stets vor Augen: 3 Äpfel, 4 Beine usw. Bezeichnen müsste man größere Mengen. Mit welchen größeren Mengen könnten aber unsere Vorfahren – ihres Zeichens Jäger und Sammler – regelmäßig zu tun gehabt haben? So regelmäßig, dass sie sie dauerhaft bezeichnen mussten?!

Sie waren Nomaden; große Vorräte kannten sie nicht. Bleibt also übrig – die Zeit. Die Zeiträume müssen bezeichnet werden: wie viele Tage bis Vollmond, Sonnenwende und Tag- und Nachtgleiche, Jahreszeiten, Jahre… Gerade Nomaden, die ihr Leben buchstäblich durch Zeit und Raum führen, müssen mental Zeiträume ‘vorweg nehmen’ können, müssen wissen, ‘wie lange wir brauchen bis…’ – z. B. bis zur nächsten Wasserstelle. Denn solange sie keine Wanderkarten und keine Tachometer haben, können sie Wege nur als Zeit darstellen. (Noch im Mittelalter wurden Ackergrößen als ‘Tagewerke’ gemessen.)

Sagt nicht aber schon der gesunde Menschenverstand, dass eins und ein zwei sind? ‘Ursprünglich’, d. h. in unmittelbarer sinnlicher Anschauung, kommen Zahlen nur als Ordnungszahlen vor: als Nacheinander in einem ‘an sich’ ununterschiedenen Zeitverlauf: erstens, zweitens, drittens… zählen kann ich so noch nicht. Denn es könnte bedeuten: erstens ein Lufthauch, zweitens ein Elefant, drittens eine Untertasse. Um aus den Momenten im Zeitverlauf ein Werkzeug (”Denkzeug”) zum Zählen zu machen, muss ich von der Zeit selber absehen und auf die zu zählenden Sachen reflektieren.



Vorab: Warum, wozu sind sie ‘zu’ zählen? Es braucht zunächst einmal eine Absicht; zum Beispiel die Absicht, Sachen zu verteilen. Ich verteile Sachen, die ‘in einer gewissen Hinsicht’ gleich sind, auf so und so viele Posten, die ihrerseits in gewisser Hinsicht gleich sind; zum Beispiel Essbares an Hungrige. Ich muss aus der Mannigfaltigkeit der Sachen dasjenige heraus suchen, das sich unter der Bedeutung des Essbaren zusammenfassen lässt. Danach muss ich auf diejenigen achten, die mir als hungrig bekannt sind. Erst dann kann ich aus den Ordnungszahlen erstens, zweitens, drittens… die Zahlen 1, 2, 3… abstrahieren.
 
Und erst, nachdem all diese Denkleistungen vollbracht wurden, kann von “Erfahrung” geredet werden. Erfahrung ist nicht das bloße Registrieren von Erlebensdaten, sondern ihre sinnvolle Unterscheidung und Anordnung. Die Absicht geht voraus. Ohne vorgängige Absicht keine vorfindliche Bedeutung.



Dienstag, 5. Februar 2019

Google+ macht dicht.

Tinguely
 
Liebe Leser,

über Google+ können Sie mich von nun an nicht mehr finden; Google+ macht dicht. Sie können meine Blogs natürlich über ihre URLs aufrufen, wenn es auch umständlich ist. Andernfalls müssten Sie mich auf Facebook oder Twitter besuchen, wenn's auch wehtut.

Ich kann nichts dafür,
Jochen Ebmeier




Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft.


Eine rationale Naturlehre verdient also den Namen einer Naturwissenschaft nur alsdenn, wenn die Natur- gesetze, die in ihr zum Grunde liegen, a priori erkannt werden, und nicht bloße Erfahrungsgesetze sind. Man nennt eine Naturerkenntnis von der ersteren Art rein; die von der zweiten Art aber wird angewandte Vernunfterkenntnis genannt. Da das Wort Natur schon den Begriff von Gesetzen bei sich führt, dieser aber den Begriff der Notwendigkeit [12] aller Bestimmungen eines Dinges, die zu seinem Dasein gehören, bei sich führt, so sieht man leicht, warum Naturwissenschaft die Rechtmäßigkeit dieser Benennung nur von einem reinen Teil derselben, der nämlich die Prinzipien a priori aller übrigen Naturerklärungen enthält, ableiten müsse und nur kraft dieses reinen Teils eigentliche Wissenschaft sei, imgleichen daß, nach Fo[r]de- rungen der Vernunft, jede Naturlehre zuletzt auf Naturwissenschaft hinausgehen und darin sich endigen müsse, weil jene Notwendigkeit der Gesetze dem Begriffe der Natur unzertrennlich anhängt und daher durchaus eingesehen sein will; daher die vollständigste Erklärung gewisser Erscheinungen aus chymischen Prinzipien* noch immer eine Unzufriedenheit zurückläßt, weil man von diesen, als zufälligen Gesetzen, die bloß Erfahrung gelehrt hat, keine Gründe a priori anführen kann.

Alle eigentliche Naturwissenschaft bedarf also einen reinen Teil, auf dem sich die apodiktische Gewißheit, die die Vernunft in ihr sucht, gründen könne, und weil dieser, seinen Prinzipien nach, in Vergleichung mit denen, die nur empirisch sind, ganz ungleichartig ist, so ist es zugleich von der größten Zuträglichkeit, ja, der Natur der Sache nach, von unerläßlicher Pflicht in Ansehung der Methode, jenen Teil abgesondert, und von dem andern ganz unbemengt, so viel möglich in seiner ganzen Vollständigkeit vorzutragen, damit man genau bestimmen könne, was die Vernunft für sich zu leisten vermag, und wo ihr Vermögen anhebt, der Beihülfe der Erfahrungsprinzipien nötig zu haben. Reine Vernunfterkenntnis aus bloßen Begriffen heißt reine Philosophie, oder Metaphysik; dagegen wird die, welche nur auf der Konstruktion der Begriffe, ver- mittelst Darstellung des Gegenstandes in einer Anschauung a priori, ihr Erkenntnis gründet, Mathematik genannt.

Eigentlich so zu nennende Naturwissenschaft setzt zuerst Metaphysik der Natur voraus; denn Gesetze, d.i. Prinzipien der Notwendigkeit dessen, was zum Dasein eines Dinges gehört, beschäftigen sich mit einem Begriffe, der sich nicht konstruieren läßt, weil das Dasein in keiner Anschauung [13] a priori dargestellt werden kann. Daher setzt eigentliche Naturwissenschaft Metaphysik der Natur voraus. Diese muß nun zwar jederzeit lauter Prinzipien, die nicht empirisch sind, enthalten (denn darum führt sie eben den Namen einer Metaphysik), aber sie kann doch entweder sogar ohne Beziehung auf irgend ein bestimmtes Erfahrungsob-jekt, mithin unbestimmt in Ansehung der Natur dieses oder jenen Dinges der Sinnenwelt, von den Geset-zen, die den Begriff einer Natur überhaupt möglich machen, handeln, und alsdenn ist es der transzendenta-le Teil der Metaphysik der Natur: oder sie beschäftigt sich mit einer besonderen Natur dieser oder jener Art Dinge, von denen ein empirischer Begriff gegeben ist, doch so, daß außer dem, was in diesem Begriffe liegt, kein anderes empirisches Prinzip zur Erkenntnis derselben gebraucht wird (z.B. sie legt den empi- rischen Begriff einer Materie, oder eines denkenden Wesens, zum Grunde, und sucht den Umfang der Erkenntnis, deren die Vernunft über diese Gegenstände a priori fähig ist), und da muß eine solche Wissen- schaft noch immer eine Metaphysik der Natur, nämlich der körperlichen oder denkenden Natur, heißen, aber es ist alsdenn keine allgemeine, sondern besondere metaphysische Naturwissenschaft (Physik und Psychologie), in der jene transzendentale Prinzipien auf die zwei Gattungen der Gegenstände unserer Sinne angewandt werden.

Ich behaupte aber, daß in jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist. Denn nach dem Vorhergehenden erfodert eigentliche Wissenschaft, vornehmlich der Natur, einen reinen Teil, der dem empirischen zum Grunde liegt, und der auf Erkenntnis der Naturdinge a priori beruht. Nun heißt etwas a priori erkennen es aus seiner bloßen Mög- lichkeit erkennen. Die Möglichkeit bestimmter Naturdinge kann aber nicht aus ihren bloßen Begriffen er- kannt werden; denn aus diesen kann zwar die Möglichkeit des Gedankens (daß er sich selbst nicht wider- spreche), aber nicht des Objekts, als Naturdinges erkannt werden, welches außer dem Gedanken (als exi- stierend) gegeben [14] werden kann. Also wird, um die Möglichkeit bestimmter Naturdinge, mithin um diese a priori zu erkennen, noch erfodert, daß die dem Begriffe korrespondierende Anschauung a priori gegeben werde, d.i. daß der Begriff konstruiert werde. Nun ist die Vernunfterkenntnis durch Konstruktion der Begriffe mathematisch.

*) [Die Chemie ist erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, seit der Unterscheidung von organischer und unorganischer Chemie, zu einer exakten Wissenschaft geworden.]
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Kant, Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft, 
in Werke Bd. 9, Frankfurt 1977, S. 11ff.


Nota I. - Dass "das Wort Natur schon den Begriff von Gesetzen bei sich führt" und dass der Begriff des Gesetzes wiederum "den Begriff der Notwendigkeit aller Bestimmungen eines Dinges, die zu seinem Dasein gehören, bei sich führt", sind allerdings metaphysische Sätze, und zwar metaphysisch im Sinne eines dogmatischen Rationalismus, gegen den die Kant'sche Kritik doch gerade angetreten war; ohne sich freilich, wie wir sehen, von ihren Rudera völlig freimachen zu können. Dass in der Naturwissenschaft folglich "nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist", ist erst seit Galileo ein Apriori, durch welches die Fragen keineswegs erschöpft, sondern manche allererst aufgeworfen werden.

Dass aber "jede Naturlehre zuletzt auf Naturwissenschaft hinausgehen und darin sich endigen müsse", war jedoch ein Befreiungsschlag für die Philosophie ebenso wie für die Naturwissenschaft, neben dem Kants zahlreiche Halbheiten gar nicht wirklich ins Gewicht fallen.
JE


Nota II. - Gestern schrieb ich, dass auf  'die griechischen Anfänge der abendländischen Philosophie nicht zuletzt selbst die Naturwissenschaften zurückgehen'. Diese Anfänge gründeten freilich in einer kritischen Grundhaltung gegenüber überkommenen Vorstellungen der Menschen von der Welt und ihrem eigenen Platz darin. Es war das grundlegende (sic) Verdienst der christlich geprägten Scholastik, dieses Prinzip gegen die Jahrhunderte lang herrschende theologischen Dogmatik vehement wieder zur Geltung zu bringen. Zuerst schied sie die Theologie aus sich aus, und es konnte  auf die Dauer nicht ausbleiben, dass sich die Kritik schließlich der Philosophie selber zuwandte. 

In der Tat gründen die modernen Naturwissenschaften in der griechischen Philosophie. In ihr gründet aber letztlich auch, dass die Philosophie sich aus der Naturforschung zurückzog und sie freigab. Das verdanken sie beide Kant.
JE 

Montag, 4. Februar 2019

Griechische Philosophie für Naturwissenschaftler.


In einer Zeit, wo an mitteleuropäischen Universitäten Studenten gelehrt werden, man müsse die Geschichte der Philosophie überhaupt nicht kennen, um über Philosophie mitreden zu können, ist es mir eine Genugtuung, im online-Magazin von Spektrum der Wissenschaft, das doch eher den exakten alias 'Natur'-Wissenschaften verschrieben ist, einen Beitrag zu finden, der angehenden Naturwissenschaftlern die griechischen Anfänge der abendländischen Philosophie nahebringt, auf die nicht zuletzt selbst die... Naturwissenschaften zurückgehen.
JE 

Die Vorsokratiker: ein kurzer Überblick

Mit diesen Sätzen der führen Mansfeld und Primavesi ihre Neubearbeitung einer Sammlung von Texten ein, die uns von den Vorsokratikern selbst und den wichtigsten sekundären Zeugnissen ihres Lehrens und Wirkens überliefert sind. Und in einem etwas späteren Satz charakterisieren sie diese Fragen und Themen wie folgt:

„Wenn es eine Vorbildhaftigkeit der Vorsokratiker gibt, so ist sie vor allem in einer kritischen und rationalen Haltung begründet, die nicht bloße kul­turgeschichtliche Tatsache sein sollte, sondern heute kaum weni­ger als damals errungen werden muss.“

Die Vorsokratiker zeigten diese neue Haltung im Umgang mit Fragen nach Ursprung und Beschaffenheit der Welt. Statt Geschichten mit übernatürlichen Akteuren zu erfinden oder auszuschmücken, gingen sie von Beobachtungen der Natur aus, um Antworten auf ihre Fragen zu finden. Dabei setzten sie auf Gesetzmäßigkeiten in der Natur und nutzten Analogien und Verallgemeinerungen. Sie erfanden gewissermaßen die rationale Begründung, entdeckten den Logos als Denkwerkzeug bei der Suche nach der Wahrheit über die Beschaffenheit und Ordnung der Natur. Mit dem heutigen Wissen ausgestattet erkennen wir hier die ersten Anfänge unseres wissenschaftlichen Zeitalters.

Gemeinsamkeiten

Man wird sich zunächst fragen, warum man denn gerade jene Philosophen zu einer Gruppe zusammenfasst, die in der Zeit vor Sokrates gewirkt haben. Insbesondere drängt sich diese Frage auf, wenn man bemerkt, dass z.B. Zenon (-490 bis -430) und Demokrit (-440 bis -370) schon als Zeitgenossen von Sokrates (-469 bis -399) angesehen werden können.

Entscheidend ist wohl, dass mit Sokrates ein ganz neues Thema in dieser so jungen Philosophie aufkam. Die Philosophen vor Sokrates waren Naturphilosophen, es ging ihnen um die Ordnung in der Welt und um deren Anfang, um die „Physis“ – sie waren gewissermaßen die ersten Physiker. Sokrates dagegen „rief als Erster die Philosophie vom Himmel auf die Erde“, wie Cicero (-106 bis -34) in seinen Gesprächen in Tusculum (Cicero, 2008, pp. V, 10-11) gesagt hat, und Diogenes von Laertius hat über mehrere Mittelsmänner erfahren, dass Sokrates erkannt habe, dass die Naturphilosophie für „uns“ [damit meinte er wohl sich und seine Diskussionspartner] nichts tauge. So habe er sich der Sittenlehre zugewandt (Laertius, 2015, p. 77). Die Ethik wurde also das neue Thema, Fragen nach den besten Regeln für ein Zusammenleben der Menschen und für ein „gutes“ und glückliches Leben. Man spricht dabei von einer Sokratischen Wende: Weg von der Physik – hin zur Ethik. Damit begann eine neue Epoche der Philosophie.

Überlieferung und Lebensdaten

Von den Werken der meisten Vorsokratikern sind nur wenige Fragmente erhalten geblieben. Unser Wissen über ihre Lehren beziehen wir aus oft auch nur fragmentarisch vorliegenden Werken von Platon, Aristoteles, Theophrastos und vielen späteren Doxographen.

Über die Vorsokratiker ist viel geschrieben und gerätselt worden. Als besonders erhellend habe ich neben der Sammlung von Mansfeld und Primavesi die Bücher von Schupp (Schupp, 2003a) und Pichot (Pichot, 2000) empfunden. Auch das in der Zeit um 220 verfasste Werk „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“ von Diogenes Laertius ist lesenswert, allein wegen der vielen Anekdoten. Man bekommt dort einen Eindruck davon, wie viel Fantasie bei solchen Berichten im Spiel gewesen sein muss.

Aus Abb.1 kann man die Lebensdaten prominenter Vorsokratiker entnehmen. Mit den Ellipsen sind jeweils die Philosophen zusammengefasst, die man einer bestimmten Schule zurechnet.

Mit Thales von Milet entstand die früheste dieser Schulen, die Schule von Milet. Die pythagoreische Schule um Pythagoras und die Pythagoreer spielten eine ebenso einflussreiche Rolle wie die Schule von Elea, deren bedeutendste Vertreter Xenophanes und Parmenides sind. Diese wirkten in Elea, einer griechischen Siedlung in Süditalien. Der Philosoph Heraklit, der hier noch aufgeführt wird, lässt sich eigentlich keiner Schule zuordnen. Die Philosophen Anaxagoras, Zeno von Elea, Empedokles und Demokrit sind prominenteste Vertreter der Pluralisten und Atomisten. Diese wirkten vorwiegen in Athen.

Wirkungsstätten

Wie man in Abb.2 sieht, lebten und wirkten die meisten bedeutenden Philosophen und Mathematiker der griechischen Antike nicht im griechischen Mutterland, sondern in den Küstenstädten griechischer Siedlungen, ob in Süditalien, Sizilien, der heutigen Türkei oder in Ägypten. Erst mit Anaxagoras wurde Athen zum Zentrum der Philosophie der Griechen
.

Abb.2: Wirkungsstätten antiker griechischer Philosophen (nach (Symonyi, 1990, p. 59)).

Man kann das verstehen. Grundlage einer jeden Zivilisation war auch damals schon Handel, Verwaltung und Bautätigkeit. Insbesondere der Handel zog Leute an, die mutig genug waren, die Gefahren einer Reise auf sich zu nehmen, und die sich auch an die Lehren, Sitten und Gebräuche anderer Länder gewöhnen konnten. Von den Küstenstädten aus muss es über den Handel wohl auch einen regen kulturellen Austausch mit dem jeweiligen Hinterland, z.B. mit Babylonien oder mit Ägypten, gegeben haben. All das mag eine gewisse Wachheit und Aufgeschlossenheit bewirken und unkonventionelle Gedanken begünstigen. Außerdem waren die Küstenstädte gerade wegen des Handels reich geworden und gestatteten eine Lebeweise, die auch Nonkonformisten ertragen oder gar würdigen konnten.

Das war eine Atmosphäre, in der philosophisches Denken gedeihen und die Philosophen anziehen konnte. So wissen wir von manchen Vorsokratikern, dass sie in ihren jungen Jahren in der damaligen Welt viel herumgekommen waren, ob als Händler, ob als Flüchtling vor politischer Verfolgung oder auf der Suche nach einem Lehrer. Hier kann man also auch sehen, dass kultureller Austausch auf die Dauer Früchte tragen kann.[1] 

Die kulturelle Situation der Zeit

Die Vorsokratiker konnten damals nicht wissen, dass die Fragen nach dem Ursprung und der Beschaffenheit der Welt als Ganzem zu ihrer Zeit auch in anderen bedeutenden Kulturräumen der Erde diskutiert wurden. Zwischen allen Kulturen rund um das Mittelmeer hatte es wohl schon immer einen regen Austausch von Ideen über Götter gegeben. Aber unabhängig davon trat in China Konfuzius (ca. -551 – -479) auf und lehrte, dass die Welt eine Ordnung habe und dass es das höchste Ziel des Menschen sei, in Harmonie mit dieser Ordnung zu leben. In Indien entstanden zwischen -800 und -600 eine Sammlung philosophischer Schriften, die Upanishaden. In unserem Zusammenhang ist insbesondere die Vaisheshika interessant, ein System einer Naturphilosophie, in der von fünf Grundelementen die Rede ist; neben den vieren, die auch die Griechen nannten, gab es hier noch den Äther. In Persien breitete sich in der Zeit von -800 bis -300 der Zoroastrismus aus und in Palästina wirkten die biblischen Propheten.  Der Philosoph Karl Jaspers (1883-1969) hat deshalb für die Zeit von -800 bis -200 den Begriff „Achsenzeit“ geprägt. Inzwischen sehen viele Historiker diesen aber als nicht besonders sinnvoll an.
 
Nicht nur auf dem Gebiet des Mythos und einer beginnenden Naturphilosophie gab es eine parallele Entwicklung. Die Menschen lernte mit Zahlen elementare Rechnungen auszuführen und dabei auch unabhängig von praktischen Problemen Lösungen für einfachere mathematische Aufgaben zu finden. Der niederländische Mathematiker B.L. van der Waerden hat die frühzeitliche Mathematik der Chinesen und Babylonier studiert und erstaunliche Parallelen in Aufgabenstellung und Lösungsvorschlägen festgestellt. Ebenso sind starke Ähnlichkeiten mit der Mathematik der Hindus aufgefallen. Da auch bei der Konstruktion der megalithischen Monumente in Süd-England (Stonehedge) die Kenntnisse über pythagoräische Dreiecke (vgl. einen späteren Blogbeitrag) benutzt worden ist, sieht van der Warden die Quelle all dieser Kenntnisse in einer megalithischen Kultur des Zeitraums von -3.000 bis -2.500, nimmt also schon einen ganz frühen kulturellen Austausch auf dem Gebiet der Mathematik an (van der Waerden, 1983, p. XI).
 
Ich glaube aber eher, dass die Menschen stets in etwa auf dem gleichen evolutionären Stand waren, deshalb auch die gleichen Probleme in ihrer Lebenswelt zu lösen hatten. Handel, Verwaltung und Bautätigkeit benötigt eben Planen und damit einige Künste im Rechnen. Dieses Phänomen der parallelen Entwicklung zeigt höchstens die Universalität des mathematischen Denkens.
 
Wie dem auch sei. Tatsache ist, dass die antiken Griechen die Mathematik, die sie von den Babyloniern und Ägyptern überliefert bekommen haben, entscheidend fortentwickelt und sie dabei zu einer ersten Wissenschaft gemacht haben. In einem Blogbeitrag über die pythagoräische Schule werden ich darauf eingehen. Mit diesem Schritt, der von dieser Schule eingeleitet wurde, ist also der Logos „lebendig“ geworden, denn die Mathematik erhält ihre Strenge und Unfehlbarkeit dadurch, dass sie in ihren Deduktionen nur logische Schlussregeln benutzt (vgl. einen späteren Blogbeitrag). Die Griechen haben dabei den mathematischen Beweis entdeckt. Darin besteht die Einzigartigkeit der antiken griechischen Kultur.

 
[1] Unwillkürlich fällt einem hier der Aufstieg einer überseeischen Siedlung der Europäer im 16/17. Jahrhundert ein: Die Vereinigten Staaten von Amerika zogen auch bald viele Intellektuelle Europas an und sind seit dem frühen 20. Jahrhundert bis heute kulturell und wirtschaftlich dominierend.
Cicero, 2008. Tusculanae disputationes/Gespräche in Tusculum. Lateinisch/Deutsch. Stuttgart: Reclam.
Laertius, D., 2015. Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Hamburg: Felix Meiner.
Mansfeld, J. & Primavesi, O., 2011. Die Vorsokratiker. Stuttgart: Philipp Reclam jun..
Pichot, A., 2000. Die Geburt der Wissenschaft – Vone den Babyloniern zu den frühen Griechen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Hrsg. Frankfurt, New York: Campus.
Schupp, F., 2003a. Geschichte der Philosophie im Überblick – Bd.1 Antike. Hamburg: Felix Meiner.
Symonyi, K., 1990. Kulturgeschichte der Physik. Thun: Harri Deutsch.
van der Waerden, B., 1983. Geometry and Algebra in Ancient Civilizations. Berlin: Springer.

Sonntag, 3. Februar 2019

Einen solchen Jünger wünsche ich meinem Feind.


32 Unerwünschte Jünger.  Was soll ich mit diesen beiden Jünglingen machen! – rief mit Unmut ein Philosoph, welcher die Jugend »verdarb«, wie Sokrates sie einst verdorben hat – es sind mir unwillkommne Schüler. Der da kann nicht nein sagen, und jener sagt zu allem: »halb und halb«. Gesetzt, sie ergriffen meine Lehre, so würde der erstere zu viel leiden, denn meine Denkweise erfordert eine kriegerische Seele, ein Wehtun-Wollen, eine Lust am Neinsagen, eine harte Haut, – er würde an offnen und innern Wunden dahinsiechen. Und der andere wird sich aus jeder Sache, die er vertritt, eine Mittelmäßigkeit zurechtmachen und sie dergestalt zur Mittelmä- ßigkeit machen – einen solchen Jünger wünsche ich meinem Feinde!
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Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, 1. Buch, N° 32

Samstag, 2. Februar 2019

Geist ist Gelten.


Gestern war ich versucht zu schreiben: Geist ist Bedeutung.
Doch anderswo steht bereits, Geist sei Einbildungskraft.

Aber was wird eingebildet? 
Doch nicht, was ist; das ist, und damit gut. Einbilden kann man (sich) nur, was hinzukommt: das, was es bedeutet.

Geist ist alles, was im Modus des Geltens steht. 





Freitag, 1. Februar 2019

Geist und Bedeutung.

k nipseline, pixelio.de

Der Schlüssel zum Verständnis dessen, was wir unsern Geist, Vernunft oder Wissen nennen, ist Jacob von Uexkülls Begriff der Bedeutung.

Bedeutung ist das, was einen Organismus veranlassen kann, sich so oder anders zu verhalten.

Daher ist Bedeutung keine spezifisch menschliche Dimension. Die Umwelten der Tiere haben für sie Bedeutung, wenn sie es auch nicht wissen.
 
Das gilt für alles Organische. Auch die Pflanze lebt in ihrer Umwelt und ‘merkt’; Licht hat für sie Bedeutung, Wärme hat für sie Bedeutung, Wasser, Wind…
 
Und selbst im anorganischen Bereich interagiert ein jeder Körper mit seinem Feld.
 
Das spezifisch Menschliche ist erst, dass die Bedeutung nicht nur da ist, sondern vorgestellt wird.
 
Die andere menschliche Besonderheit ist, dass in unserm Dasein Bedeutungen vorkommen, die keinen Bezug zu unseren Reproduktionsfunktionen haben; die gewissermaßen frei schweben.
 
Es liegt nahe, nach einem genetischen Zusammenhang beider Spezifizitäten zu fragen. Und es liegt näher, das freie Schweben von Bedeutungen – ihre Herauslösung aus ihrer organischen Bezüglichkeit – als die Bedingung ihrer Vorstellbarkeit anzunehmen, als umgekehrt. Es würde mehr erklären.

•Mai 29, 2009


Nochmal in Kürze: Unsern Vorfahren in den Baumkronen des Ostafrikanischen Grabens waren die Bedeutun- gen der Dinge in ihrer Umwelt durch ihre Gattungsgeschichte angestammt wie ihren äffischen Vettern. Anders als jene haben sie - wer weiß, warum - ihre Umweltnische verlassen und sind in die offene Savanne ausgebro- chen. Die Dinge, die im Urwald für sie Bedeutung hatten, waren abhanden gekommen, und was ihnen im frei- en Feld begegnete, war noch ohne Bedeutung.

Bedeutung-überhaupt gibt es nicht; etwas bedeutet entweder dieses oder jenes - oder nichts, und wird ignoriert. Bedeutung-überhaupt als Abstraktum "erscheint" überhaupt erst als Mangel: sobald die konkreten Bedeutungen entschwunden waren. Das Abstraktum taucht auf als Frage. Die Antworten müssen neu erfunden werden. Nun schwebt die Bedeutung - und kann und muss aber auch vorgestellt werden.
JE