Samstag, 15. September 2018

Die Widersprüche im System auflösen.


In einem philosophischen System alle Widersprüche auflösen wollen ist unvernünftig. Jede Lösung eröffnet ein Feld für neue Widersprüche: Setzen ist Entgegensetzen.

Versuchen muss man es doch, wie will man sonst vorankommen?

*

Fichte sagt, man müsse von jeder Stelle im System aus zu jeder anderen gelangen können, so dass eine jede ebensogut Anfang und Mittelpunkt des System sein könne wie alle jene. Dabei handelt es sich offenbar um das logische System der wechselseitig durcheinander bestimmten Begriffe; "alles, was der Fall ist". Als solches lässt es sich in der Tat nicht darstellen. Man fände keinen Anfang, aber auch keinen Abschluss. Es ist in jeder Rich- tung offen.

Das System der Transzendentalphilosophie ist eine genetische Abfolge von Vorstellungen, wo eine jede nur aus den vorangegangenen entstehen kann. Es ist ein Fortschreiten, wenn auch nicht linear, so doch systemisch. Während im logischen System alles gleichzeitig, synchronisch (eigentlich a-chronisch) ist, hat das System der Transzendentalphilosophie einen (dia chronischen) Verlauf. Nur in der Reflexion lässt er umkehren, nicht reell.

Es ist "nach außen", seinem Umfang nach, abgeschlossen. Es hebt an mit dem Wollen und endet beim fiktiven Schlussstein des Absoluten. Davor, daneben und dahinter ist nichts. "Nach innen", in die Tiefe, kann es gar nicht abgeschlossen werden, denn innen reproduzieren sich die Widersprüche in dem Maß, wie sie aufgelöst werden. Es ist nicht unendlich, aber genzenlos.

Das System der Transzendentalphilosophie ist unverzichtbar, denn es begründet alles reale Wissen. Ein System der Welt* wäre zu nichts zu gebrauchen.
 

*) Das physikalische Universum ist nicht die Welt. Eine Kosmologie, die die Möglichkeit anderer Welten postulieren muss, lässt sich eo ipso nicht in ein System bringen.

31. 5. 15







Nota.
 Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Freitag, 14. September 2018

Apologie des Müßiggangs.



Müßiggang, so pflegt man zu sagen, ist eine Wurzel alles Übels. Um das Übel aus der Welt zu schaffen, hat man die Arbeit empfohlen. Diese Betrachtung ist jedoch, wie man aus dem eben Gesagten leicht ersehen kann, sehr plebejischer Extraktion. Müßiggang als solcher ist keineswegs eine Wurzel des Übels, im Gegenteil, er ist ein wahrhaft göttliches Leben, wenn man sich mir nicht langweilt. Natürlich kann der Müßiggang es veranlassen, dass man sein Vermögen verliert; aber davor fürchtet sich die adlige Seele nicht, wohl aber vor der Langweile. Die olympischen Götter langweilten sich nicht, sie lebten glücklich in glücklichem Müßiggang. Eine weibliche Schönheit, die nicht näht noch spinnt, nicht strickt noch liest, auch nicht musiziert, ist in ihrem Müßiggang glücklich; denn sie langweilt sich nicht. Der Müßiggang ist also durchaus nicht die Wurzel des Übels, sondern viel eher das wahrhaft Gute.
 

Es gibt eine unermüdliche Tätigkeit, welche einen Menschen von der Welt des Geistes ausschließt und ihn in die Klasse der Tiere versetzt, die instinktmäßig immer in Bewegung sein müssen. So gibt es auch Menschen, die eine außerordentliche Gabe haben, alles in ein Geschäft zu verwandeln; ihr ganzes Leben ist ein Geschäft, sie verlieben sich und heiraten, sie hören einen guten Witz und bewundern klassische Musik mit demselben Ge- schäftseifer, mit welchem sie im Kontor arbeiten. Das lateinische Sprichwort: otium est pulvinar diaboli* ist ganz richtig; aber der Teufel findet die Zeit nicht, seinen Kopf auf dieses Kissen zu legen, wenn man sich nicht lang- weilt.
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Kierkegaard, Entweder-Oder; Die Wechsel-Wirtschaft; Müßiggang und Arbeit.

*) Müßiggang ist des Teufels Ruhekissen.


Nota. - Aus der Bemerkung, Tiere müssten instinktmäßig immer in Bewegung seien, schließe ich, dass er keine Katze hatte. Das macht mir vieles an seiner Philosophie verständlicher.
JE 



Nota. Obiges Bild gehöri mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Donnerstag, 13. September 2018

Adel der Langeweile.

Daumier

Alle Menschen sind langweilig. Das Wort selber weist auf die Möglichkeit einer Einteilung hin. Es kann sowohl einen Menschen bezeichnen, der andere langweilt, wie auch einen, der sich selber langweilt; die erstern sind die Plebs, die große Menge; die letztern die Auserwählten, der Adel; und es ist seltsam, aber wahr: diejenigen, wel- che sich selber nicht langweilen, langweilen im allgemeinen andere; diejenigen dagegen, die sich selber langwei- len, unterhalten andere.
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Kierkegaard, Entweder-Oder; Die Wechsel-Wirtschaft; Langweile der Überfülle





 

Mittwoch, 12. September 2018

Ausnahme und Regel.

 
...wenn man das Allgemeine recht studieren will, muss man sich bloß nach einer berechtigten Ausnahme umsehen.
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Kierkegaard, "Die Wiederholung" in Werke II, o.O. (Reinbek) 1961, S. 80



Dienstag, 11. September 2018

Als Gott gestorben war.

 
343 Was es mit unsrer Heiterkeit auf sich hat. – Das größte neuere Ereignis – daß »Gott tot ist«, daß der Glaube an den christlichen Gott unglaubwürdig geworden ist – beginnt bereits seine ersten Schatten über Europa zu wer- fen. Für die wenigen wenigstens, deren Augen, deren Argwohn in den Augen stark und fein genug für dies Schau- spiel ist, scheint eben irgendeine Sonne untergegangen, irgendein altes tiefes Vertrauen in Zweifel umgedreht: ihnen muß unsre alte Welt täglich abendlicher, mißtrauischer, fremder, »älter« scheinen. 

In der Hauptsache aber darf man sagen: das Ereignis selbst ist viel zu groß, zu fern, zu abseits vom Fassungs- vermögen vieler, als daß auch nur seine Kunde schon angelangt heißen dürfte; geschweige denn, daß viele bereits wüßten, was eigentlich sich damit begeben hat – und was alles, nachdem dieser Glaube untergraben ist, nunmehr einfallen muß, weil es auf ihm gebaut, an ihn gelehnt, in ihn hineingewachsen war: zum Beispiel unsre ganze europäische Moral. 

Diese lange Fülle und Folge von Abbruch, Zerstörung, Untergang, Umsturz, die nun bevorsteht: wer erriete heute schon genug davon, um den Lehrer und Vorausverkünder dieser ungeheuren Logik von Schrecken abge- ben zu müssen, den Propheten einer Verdüsterung und Sonnenfinsternis, derengleichen es wahrscheinlich noch nicht auf Erden gegeben hat?... 

Selbst wir geborenen Rätselrater, die wir gleichsam auf den Bergen warten, zwischen Heute und Morgen hin- gestellt und in den Widerspruch zwischen Heute und Morgen hineingespannt, wir Erstlinge und Frühgeburten des kommenden Jahrhunderts, denen eigentlich die Schatten welche Europa alsbald einwickeln müssen, jetzt schon zu Gesicht gekommen sein sollten: woran liegt es doch, daß selbst wir ohne rechte Teilnahme für diese Verdüsterung, vor allem ohne Sorge und Furcht für uns ihrem Heraufkommen entgegensehn? Stehen wir viel- leicht zu sehr noch unter den nächsten Folgen dieses Ereignisses – und diese nächsten Folgen, seine Folgen für uns sind, umgekehrt als man vielleicht erwarten könnte, durchaus nicht traurig und verdüsternd, vielmehr wie eine neue schwer zu beschreibende Art von Licht, Glück, Erleichterung, Erheiterung, Ermutigung, Morgenröte... 

In der Tat, wir Philosophen und »freien Geister« fühlen uns bei der Nachricht, daß der »alte Gott tot« ist, wie von einer neuen Morgenröte angestrahlt; unser Herz strömt dabei über von Dankbarkeit, Erstaunen, Ahnung, Erwartung – endlich erscheint uns der Horizont wieder frei, gesetzt selbst, daß er nicht hell ist, endlich dürfen unsre Schiffe wieder auslaufen, auf jede Gefahr hin auslaufen, jedes Wagnis des Erkennenden ist wieder erlaubt, das Meer, unser Meer liegt wieder offen da, vielleicht gab es noch niemals ein so »offnes Meer«.
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Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft V: Wir Furchtlosen


Nota. -  Er hat ja keinen Zweifel daran gelassen: Was ihn am meisten gegen das Christentum aufgebracht hat, war eben "unsre ganze europäische Moral". Dass Gott tot ist, ist ihm eine neue Morgenröte, Licht, Glück, Er- heiterung; denn mit der Moral ist nun Schluss. Nämlich mit der in Sätzen kodifizierten positiven, die lehrt, was du im gegebenen Fall zu tun hast. Sie hat ja nun keinen Bürgen mehr.

Für einen wie Nietzsche war es eine Unmoral, weil sie den Menschen von der Mühe des eigenen Urteils ent- band und zum Gefolgsmann bequemte. Doch nun wäre der Mensch zur Freiheit verurteilt...

Das ist ein weites Feld, aber da traut auch Nietzsche sich nicht hinein, und siehe da, der Philosoph mit dem Hammer entpuppt sich wiedermal als Hasenfuß. Der alte Gott ist tot, der christliche Gott. Zum Lehrer und Vor- ausverkünder und Propheten des neuen Gottes fühlt er sich nicht berufen, auch ihm bleibt nur Entgegensehnen.

Doch zu den Erstlingen und Frühgeburten zählt er sich wohl schon. Es wird nicht lange dauern, da spürt er den Willen zur Macht in sich und manchem andern Auserwählten, und auch das Unterscheiden zwischen Über- menschen und Tschandalas wird er sich zutrauen; wie ein x-beliebiger Schwächling.
JE

Montag, 10. September 2018

Kontingenz der Vernunft.

 
123 Vernunft. – Wie die Vernunft in die Welt gekommen ist? Wie billig auf eine unvernünftige Weise, durch einen Zufall. Man wird ihn erraten müssen wie ein Rätsel.
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Nietzsche, Morgenröte, 2. Buch


Nota. - Es hat sich in den bürgerlichen Gesellschaften der westlichen Länder eine Verkehrsweise ausgebildet, die wir für vernünftig halten, weil sie auf dem Glauben an die Wirklichkeit der Welt und das Gesetz von Ur- sache und Wirkung beruht. Dass es so ist, ist eine historische Gegebenheit und darum kontingent. Notwen- digkeit gibt es nur in der Logik; alles, was historisch geworden ist, hätte auch anders ausfallen können. 

Die metaphysischen Systeme fassten das physikalische Gesetz von Ursache und Wirkung als den irdischen Nie- derschlag der logischen Notwendigkeit auf. Dem hat die Kant'sche Kritik ein Ende bereitet. Er lokalisierte die Kausalität unter den Kategorien, die unserm Denken apriori zu Grunde lägen. Er ist auf halbem Wege stehen ge- blieben und hat die Herkunft der Kategorien nicht auch erörtert. Das hat Fichtes Wissenschaftslehre unter- nommen und sie ihrerseits in die Tätigkeit des denkenden Subjekts selbst verlegt. Das Denken der Menschen hat sich seine Gesetze selbst gegeben, die Logik beschreibt sie nur. 

Sie sind historische Gegebenheiten. Sind sie also Zufall? Wie man's nimmt. Gegenwärtige Kosmologie be- schreibt das Werden der Welt so, dass man an seine Notwendigkeit kaum glauben mag. Doch so, wie sie mehr oder minder zufällig geworden ist, ist sie die Voraussetzung unseres Lebens und unserer Tätigkeit in ihr: Wir kön- nen nicht woanders sein als in ihr, und wir können in ihr nicht anders als tätig sein. Unsere Tätigkeit mag frei ge- wählten Zwecke dienen; aber ihre Gegenstände kann sie nicht frei wählen. Tätigkeit in ihrer konkretesten Form - der materiellen Produktion - wie in ihrer abstraktesten - dem Denken - ist eine Synthesis der Zwecke und der Gegenstände. Die Zwecke sind das Bestimmende, doch die Gegenstände sind das, was bestimmt werden soll. Und leisten Widerstände, die überwunden werden müssen. Und zwar so, wie sie es bedingen. 

Ich wüsste nicht, was es da groß zu raten gibt.
JE

Sonntag, 9. September 2018

Metaphysische Bescheidenheit.

Ch. Sprague Pearce

Der Mensch, eine kleine, überspannte Tierart, die – glücklicherweise – ihre Zeit hat; das Leben auf der Erde überhaupt ein Augenblick, ein Zwischenfall, eine Ausnahme ohne Folge, etwas, das für den Gesamt-Charakter der Erde belanglos bleibt; die Erde selbst, wie jedes Gestirn, ein Hiatus zwischen zwei Nichtsen, ein Ereignis ohne Plan, Vernunft, Wille, Selbstbewußtsein, die schlimmste Art des Notwendigen, die dumme Notwendig- keit... 

Gegen diese Betrachtung empört sich etwas in uns; die Schlange Eitelkeit redet uns zu »das alles muß falsch sein: denn es empört... Könnte das nicht alles nur Schein sein? Und der Mensch trotz alledem, mit Kant zu reden – –«
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Nietzsche, Aus dem Nachlass der Achtziger Jahre, N° 19
[S. 835f.]     



Nota. - Wenn der Mensch sich überhebt und auf den Standpunkt eines außenstehenden Beobachters stellt, wird er einen Sinn nirgends erkennen und finden, dass er nichts weiß. Sich selbst wird er kleiner als eine Ameise er- scheinen. 

Doch keiner hat ihn geheißen, sich zu überheben. Wissen kann er auch dann nur, was in seiner Vorstellung vor- kommt - doch auch nicht alles: Vieles kommt nur darin vor und sonst nirgends. Er wird unterscheiden wollen, ob seinen Vorstellungen etwas außerhalb derselben entspricht, oder ob sie bloße Einbildungen sind. Das eine vom andern zu unterscheiden wird ihn ganz beanspruchen, und wie dürfte er sich mehr anmaßen? 

Wenn er sich darin eine Weile geübt hat, darf er auch ruhig mal in sich hinein horchen, ob er sich selber vielleicht einen Sinn geben will, wer kann ihm das verwehren?

Als nichtiger Wurm findet sich am Ende nur der wieder, der sich am Anfang überhöht hatte.
JE