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Mittwoch, 4. Januar 2017

Und was ist mit der tierischen Intelligenz?



Gestern schrieb ich hier:

"Es geht um Einbild ung. Sind deren Möglichkeiten wirklich ohne Grenzen? Dann wäre die menschliche Intel- ligenz der künstlichen theoretisch doch überlegen. Praktisch würde sie freilich bei jedem möglichen Wettbe- werb vor ihr schlappmachen; wie oben im Go-Spiel."

Das muss man ergänzen: Die Überlegenheit der menschlichen über die tierische Intelligenz wäre nur eine faktische und, evolutionär betrachtet, zufällige: Träumen werden Tierkinder auch müssen, denn sie können sowenig sehen wie Menschenföten. Es habe keinen evolutionären Grund gegeben, das Träumen nach der Geburt wieder abzuschaffen, sagt Ernst Pöppel. Reicht das aus: dass kein Grund da war? Nimmt man nicht an, dass Fähigkeiten, die nich gebraucht werden, schließlich verkümmern? 

Es sollte einen Grund gegeben haben, die Fahigkeit zum Träumen bei den erwachsenen Menschenindividuen nicht absterben zu lassen; nämlich den, dass sich die Fähigkeit, noch nie Gesehenes einzubilden, in der befremd- lichen 'Welt' bewährt hat, nachdem die Menschen ihre angestammte 'Umwelt' im Regenwald verlassen hatten.

Eine solche Bewährungsprobe gab es für andere Tierarten nicht. 

Aber dass Tiere im künstlichen Milieu des Beobachtungslabors gelegentlich Fähigkeiten entwickeln, die bei ihren freilebenden Artgenossen nie zuvor beobachtet wurden, könnte darauf hinweisen, dass auch bei ihnen die Fähigkeit zu freiem Einbilden noch nicht wieder völlig abgestorben ist.






Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Dienstag, 3. Januar 2017

Aber was unterscheidet die 'künstliche' von natürlicher Intelligenz?


attisch, ca. 630 v. Chr

Es gibt eine Mode in der zeitgenössischen Philosophie, die nennt sich die systematische, sie kommt aus Amerika und knüpft an die "analytische" Philosophie Wittgensteins an. Deren Kernaussage ist in etwa: Alle Probleme der früheren Philosophie kamen daher, dass die Begriffe nicht eindeitig genug bestimmt waren; eigentlich bestehen sie nur in Missverständnissen, die sich bei sorgfältigem Wortgebrauch vermeiden ließen.
 

Das klingt blöde und ist es auch, aber seinen derzeit weltweiten Erfog verdankt es dem Umstand, dass es nicht nur blöde ist. Die 'künstliche Intelligenz' ist ein Begriff, der ihr Recht zu geben scheint.

Intelligenz ist, was der IQ-Test misst - das ist ein pragmatischer Begriff, der in neun von zehn Kommunika- tionssituationen ausreichen dürfte. Aber bei der künstlichen Intelligenz vermutlich nicht. Der IQ-Test legt zugrunde eine Menge von Leistungen, die einer im täglichen Leben erbringen muss, wenn er als 'intelligent' gelten soll. Wo es um künstliche Intelligenz geht, geht es aber nicht um das tägliche Leben. Sondern zum Beispiel um die Meisterschaft im Go-Spiel. Das ist etwas, das auch für unsere natürliche Intelligenz an der Grenze liegt. Mit andern Worten: beim Vergleich von natürlicher und künstlicher Intelligenz geht es darum, welche die engeren und welche die weiteren Grenzen hat.  

Das klingt, als ginge es um die Menge der Probleme, die zu lösen sind. Die Leistungs fähigkeit des mensch- lichen Gehirns ist, so muss man annehmen, begrenzt: Erstens durch die Verschaltungen, die zwischcn den Neuronen möglich sind. Faktisch wird es nicht möglich sein zu berechnen, wie viele das sind, faktisch dürften sie "so gut wie unendlich" sein. Aber eben nur so gut wie. Theoretisch, nach dem Begriff, sind sie es nicht. Und ob in dieser Hinsicht das künstliche Gehirn dem menschlichen überlegen ist, ist eine rein technologische Frage, die sich im Lauf der Zeit von allein zugunsten der KI entscheiden wird.  

Nun kann man einwenden: Aber die KI kann ihre Problem nur 'erfinden' aus dem Fundus der Daten, die ihr eingegeben wurden und die sie aufgrund ihres Programms ermitteln konnte. Das mögen unvorstellbar viele sein; aber erfinden kann sie nichts. 

Kommt sogleich der Einwand: Der Mensch kann sich auch nichts andres einbilden, als was in seinem Erfahrungsschatz schon irgendwann mal vorgekommen ist. Eben das wird bestritten - allen Ernstes mit dem Hinweis auf einen Umstand, den schon Kant in Erwägung zog: Im "Spiel der Einbildungskraft" beruft er sich auf den Traum; was nur philogogisch von Interesse wäre, wenn nicht die Hirnphysiologie heute ebendort ansetzte: "Ich vertrete die These, dass die vorgeburtliche Phase des Menschen entscheidend ist für die Prägung des visuellen Systems. Das Sehsystem ist das einzige, das vor der Geburt nicht gereizt wird. Damit es aber gleich nach der Geburt funktionieren kann, wird das visuelle System im Gehirn mit Hilfe von Träumen gleichsam eingefahren. Mehr als 50 Prozent der Zeit verbringen Kinder im Mutterleib in der Traumphase. Es hat dann keinen evolutionären Grund gegeben, die Träume nach der Geburt wieder abzuschaffen", sagt Ernst Pöppel. 

Es geht um Einbild ung. Sind deren Möglichkeiten wirklich ohne Grenzen? Dann wäre die menschliche Intel- ligenz der künstlichen theoretisch doch überlegen. Praktisch würde sie freilich bei jedem möglichen Wettbe- werb vor ihr schlappmachen; wie oben im Go-Spiel.
 

Mit andern Worten: Ob menschliche oder künstliche Intelligenz überlegen ist, ließe sich schlechterdings nicht beurteilen.
 

Wenn wir nämlich nach dem Menge der Einfälle fragen. Haben wir es aber nicht mit der Frage nach der Qualität der Einfälle zu tun?

Das ist offenbar nicht eine Frage des Auszählens, sondern der Urteilens. Die Frage ist hier: Kann künstliche Intelligenz urteilen? - Natürlich; sofern ihr Urteilsmaßstäbe einprogrammiert wurden - womöglich so, dass sie subtilere Maßstäbe daraus selber destillieren kann. Aber kann sie letztendlich urteilen, auch über das, was ihr einprogrammiert wurde? Klipp und klar gesagt: Kann sie gut und böse unterscheiden?


Kann sie nicht.

Das ist nämlich der springende Punkt bei der Abwägung von menschlicher und künstlicher Intelligenz. Menschliche Intelligenz kann nicht nur, sondern sie kann nicht anders.


Zur Erläuterung noch dies: Bei der Fähigkeit, gut und böse zu unterscheiden, der Fähigkeit zu werten, geht es nicht um das rein technische Urteil: Wie kann ich meinen Zweck erreichen? Es geht um das allerpraktischste Urteil: Welchen Zweck will ich erreichen? Wir unterscheiden uns von den Tieren nämlich in dere Hauptsache dadurch, dass wir auch Zwecke verfolgen, die nichts mit unserer Erhaltung - Selbst- und Arterhaltung - zu tun haben, sondern nur um ihrer selbst willen gewählt werden können; können, wenn man es kann. Es ist eigentlich die ästhetische Urteilskraft.






Sonntag, 14. September 2014

Einbildungskraft, empirisch.


 
... So energisch Hobbes einerseits Nominalist war, so entschieden war er auch Sensualist. Einbildungskraft entstünde durch das mehr oder minder alterierte Erinnern an vergangene Sinneseindrücke, und er zögert nicht, das mit dem griechischen Wort phantasia zu erläutern. Und in der Tat ist es schwer vorstellbar, wie das Gemüt, die Seele, die Intelligenz oder wie immer man es nennen mag, aus sich selber den Eindruck sinnlicher Erlebnisse produzieren könnte, für die es in seiner Lebensgeschichte keinerlei Vor-Bild gab. (Hier geht es um reale Psychologie, nicht um philosophische Abstraktionen.) 

Von unserer Lebenserfahrung her fällt es schwer, sich Einbildungen anders zu erklären als durch Erinnerung.

Die Hirnphysiologie erklärt die Gedächtnisspuren aus Verschaltungen zwischen Nervenzellen. Diese entstehen allerdings nicht erst mit dem Beginn des individuellen Erlebens. Millionenfach, milliardenfach werden sie durch die gattungsgeschichtlichen Erwerbungen vererbt. Aber auch das sind Erinnerungsspuren, wenn auch keine persönlichen.

Doch das Gehirn wartet nicht darauf, dass ihm von außen Eindrücke beigebracht werden, dafür bringt es schon viel zu viel gattungsgeschichtlich erworbene Erfahrung mit. Es sucht sie vielmehr, es hält Ausschau nach ihnen und hascht danach, und vergreift sich wohl auch dabei. Und es experimentiert 'einbildend' nicht nur in der Außenwelt, sondern auch bei sich zuhaus. Es ist empirisch ganz und gar nicht länger unvorstellbar, dass es dabei Bilder erfindet, die es nie zuvorgeschen hat (und ein anderer schon gar nicht).

Ernst Pöppel geht noch einen Schritt weiter. Er meint, dass unsere Fähigkeit zum Sehenlernen sogar darauf beruht, dass das noch ungeborene Gehirn träumt und "sich etwas einbildet".

Alle anderen Sinne, Gehör, Tastsinn, Geruch und Geschmack bilden sich schon im Mutterleib und bilden sich dort aus, allein das Sehen nicht. Die Nervenzellen des Sehsystems sind wohl da, aber die Sinneszellen haben noch nichts zu tun: "Ich vertrete die These, dass die vorgeburtliche Phase des Menschen entscheidend ist für die Prägung des visuellen Systems. Das Sehsystem ist das einzige, das vor der Geburt nicht gereizt wird. Damit es aber gleich nach der Geburt funktionieren kann, wird das visuelle System im Gehirn mit Hilfe von Träumen gleichsam eingefahren. Mehr als 50 Prozent der Zeit verbringen Kinder im Mutterleib in der Traumphase. Es hat dann keinen evolutionären Grund gegeben, die Träume nach der Geburt wieder abzuschaffen." 

Thomas Hobbes wäre heute dahingehend zu korrigieren, dass das grundlose, unverursachte freie Erfinden von Bildern, die noch keiner gesehen hat, sogar die Voraussetzung dafür ist, dass wir lernen, wirkliche Bilder überhaupt wahrnehmen zu können.




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE    

Freitag, 5. September 2014

Thomas Hobbes über die Einbildungskraft.


Hobbes 1676, mit 89 Jahren. 

von Thomas Hobbes
aus Leviathan
Zweiter Abschnitt 
Vorstellungskraft

Was einmal ruht, wird, wenn es nicht anderweitig in Bewegung gesetzt wird, immer in Ruhe bleiben; - das leuchtet wohl einem jeden ein. Daß aber ein einmal in Bewegung gebrachter Körper sich, wenn er nicht anderweitig daran gehindert wird, ohne Aufhören fortbewegen werde, das ist (obgleich der nämliche Satz: nichts vermag sich selbst zu bewegen, hierbei zugrunde liegt) nicht so einleuchtend. Denn die Menschen beurteilen gewöhnlich alles nach sich; wenn sie nun gewahr werden, daß bei ihnen auf Bewegung Mißbehagen und Ermüdung folgt, so vermuten sie bei allen bewegten Körpern ein Gleiches, als wenn diese zuletzt ermüdet nach Ruhe strebten. Sie denken aber nicht daran, daß das Streben nach Ruhe selbst eine Bewegung in sich faßt. Hierauf gründet sich der Lehrsatz in den Schulen: schwere Körper fallen, aus ihrem Streben nach Ruhe und um ihrer Selbsterhaltung willen, an die für sich schicklichsten Örter nieder; und so schreiben sie leblosen Dingen ein Streben und eine Erkenntnis dessen, was ihnen nutzt und schadet (woran es dem Menschen so gar oft fehlt) ganz unrichtig zu.

So bald ein Körper in Bewegung gebracht worden ist, so wird er, wenn kein anderer Körper es hindert, sich immer weiter fortbewegen; und dieses Hindernis hemmt die Bewegung nicht immer auf einmal, sondern auch allmählich und nachgerade. Wie auf dem Meer nicht dann gleich Ruhe einkehrt, sobald sich der Sturm legt; ebenso ist es auch mit der Bewegung im Menschen, wenn er sieht, träumt usw. Denn wenn sich der Gegenstand auch wirklich entfernt, oder das Auge geschlossen wird, bleibt dessen Bild dennoch unserer Seele, wie wohl etwas dunkler, gegenwärtig. Dieses Bild aber hat die Benennung Einbildungskraft veranlaßt. Noch richtiger nennen es die Griechen phantasia, es entstehe durch welchen Sinn es wolle; Bild aber kann nur eigentlich von Gegenständen des Gesichts gesagt werden. Die Einbildungskraft ist daher nichts als die aufhörende Empfindung, oder die geschwächte und verwischte Vorstellung, und ist sowohl dem Menschen, als auch fast allen Tieren gemein, sie mögen schlafen oder wachen.

Daß nach der Entfernung des Gegenstandes die Vorstellung schwächer wird, rührt nicht von der verringerten Bewegung des Empfinders her, sondern von anderen Gegenständen, die unsere Sinne beschäftigen. Gleichwie der stärkere Sonnenglanz den Schimmer der Sterne verdunkelt, ob sie gleich an und für sich bei Tage so gut als bei Nacht gesehen werden könnten. Aber weil unter den vielen und mannigfaltigen Eindrücken, welche die Augen, Ohren und die übrigen Sinneswerzeuge, durch das alles, was von außenher auf sie wirkt, bei Tage bekommen, bloß der stärkste Eindruck empfunden wird; so ist auch der vorzüglich starke Sonnenglanz die Ursache, daß die Eindrücke der Sterne eben nicht von uns bemerkt werden. Wenn auch nach der Entfernung des Gegenstandes der Eindruck bleibt, so wird dennoch, durch die nachherigen Gegenstände und deren Wirkung, die Vorstellung des Vorhergehenden geschwächt und verdunkelt, wie die Stimme eines Menschen beim Gewühl am Tage. Je älter also ein Anblick oder die ehemalige Vorstellung eines Gegenstandes wird, je schwächer wird dessen Bild oder Vorstellung bei uns. Auch eine fortdauernde Veränderung der körperlichen Werkzeuge zerstört mit der Zeit manches, welches bei der Empfindung in Bewegung gesetzt wurde, und folglich sind hierin die Länge der Zeit und die Entfernung des Ortes bei uns von einerlei Wirkung. Denn wie in einer großen Entfernung uns Gegenstände wenig deutlich erscheinen, so daß wie die kleineren Teile derselben nicht unterscheiden können, die Stimmen uns auch schwächer und einförmig vorkommen; ebenso verliert sich, nach Verlauf eines beträchtlichen Zeitraumes, auch allmählich die Vorstellung des Vergangenen, es entfallen uns z. B. von den Städten, welche wir sahen, manche Straßen, und von den Handlungen manche Nebenumstände. Die schwächer gewordene Empfindung, im Hinblick auf die Vorstellung selbst, nennen wir, wie schon gesagt,  Einbildung;  sehen wir aber auf das Schwächerwerden, so heißt dasselbe  Gedächtnis so daß folglich Einbildung und Gedächtnis eins ist, und nur in dieser verschiedenen Hinsicht auch verschiedene Benennungen bekommt.

Wer sich dieser Ereignisse erinnern kann, hat Erfahrung. Wenn wir uns nur die Gegenstände vorstellen; die wir ehedem entweder auf einmal, oder Stückweise durch unsere Sinne vernahmen, so ist die Vorstellung, insofern sie den ganzen Gegenstand auf einmal enthält, eine  einfache  Einbildung; wie wenn sich z. B. jemand einen Menschen oder ein Pferd, welches er einmal sah, vorstellt. Die Vorstellung aber, welche aus der Empfindung einzelner Teile von verschiedenen Dingen entsteht, wie wenn wir vom gehabten Anblick eines Menschen zu einer Zeit und vom Anblick eines Pferdes zu einer anderen Zeit veranlaßt werden, uns einen Zentauren zu denken, heißt eine zusammengesetzte Einbildung. So oft wie jemand die Vorstellung seiner eigenen Person mit der Vorstellung von den Handlungen eines anderen Menschen verbindet, wie etwa, wenn sich jemand einbildet, er sei Herkules oder Alexnder, (wie es dem leidenschaftlichen Leser von Heldengeschichten oft ergeht), so ist das eine zusammengesetzte Einbildung und ein bloßes Hirngespinst. Es entstehen auch in uns, sogar wenn wir wachen, viele andere Vorstellungen aus dem bei der ersten Empfindung gemachten tiefen Eindruck; denn ein scharfer Blick in die Sonne läßt noch lange Zeit in kleines Sonnenbild wie einen Fleck in unseren Augen zurück, und nach einer anhaltenden und aufmerksamen Betrachtung geometrischer Figuren stellen sich uns im Dunklen, auch wenn wir raten, Linien und Winkel vor. Ob diese Art von Vorstellung eine eigenen Benennung habe, ist mir unbekannt; es ist selten hiervon die Rede.

Die Vorstellungen der Schlafenden sind Träume. Auch sie entstehen wie alle übrigen Vorstellungen entweder ganz, oder zum Teil aus der Empfindung. Und weil die notwendigen Werkzeuge der Empfindung, das Gehirn und die Nerven, im Schlaf so stumpf werden, daß sie durch äußere Gegenstände sehr schwer in Bewegung gesetzt werden; so können Schlafende gar keine Einbildung haben, folglich auch keinen Traum, außer insofern dergleichen von der inneren Bewegung des empfindenden Körpers vorgebracht wird; da die inneren Teile (wegen der Verbindung, worin sie mit dem Gehirn stehen) zur Unzeit oft ihre Werkzeuge bewegen, und es so bewirken, daß sich ehemalige Vorstellungen dem Träumenden so gut vergegenwärtigen, als ob er wache. Weil aber angenommen wird: daß, während des Schlafes, die Werkzeuge der Sinne jedes neuen Eindrucks unfähig sind, so daß also kein neuer Gegenstand auf sie wirken kann, so muß bei diesem Ruhestand der Sinne ein Traum eine weit größere Klarheit haben, als alle Vorstellung eines Wachenden. Dies ist auch die Ursache, weshalb es so schwer, ja manchen fast unmöglich zu sein scheint, eine Empfindung von einem Traum richtig zu unterscheiden. Wenn ich erwäge, daß ich mir im Traum selten und nicht immer dieselben Gegenstände, Orte, Personen und Handlungen vorstelle, die ich wachend bemerke, noch daß ich mir im Traum keiner so langen und zusammenhängenden Reihe von Gedanken bewußt sein kann, als sonst; und weil ich im Wachen sehr oft das Widersinnige in meinen Träumen gewahre, welches ich aber während des Traumes nicht zu tun imstande bin, so überzeugt mich dies hinlänglich, daß ich im Wachen mir dessen, daß ich nicht träume, bewußt bin, ob ich gleich im Traum wirklich zu wachen glaube.

Weil jedoch die Entstehung der Träume in der Unbehaglichkeit einiger inneren Teile des Körpers ihren Grund haben soll, so werden notwendig, je nachdem dieselbe verschieden ist, auch verschiedene Träume entstehen. Daher kommts, daß diejenigen, welche auf dem Lager Kälte empfinden, gewöhnlich fürchterliche Träume haben und Schreckensbilder zu erblicken glauben, (denn die Bewegung vom Gehirn zu den übrigen Teilen geht von hieraus zu jenem wieder zurück). So wie auch ferner der Zorn im Wachen einige innere Teile erhitzt: so bewirkt auch die Erhitzung dieser Teile im Schlaf den Zorn, und schafft im Gehirn das Bild eines Feindes. Noch eins: Wie der Anblick von Liebenden im Wachen Liebe erzeugt und einige innere Teile erhitzt, so bringt gleichfalls die Erhitzung dieser Teile im Schlaf das Bild der Liebe hervor. Mit einem Wort, die Träume und die Vorstellungen eines Wachenden sind umgekehrt miteinander verbunden, nämlich im Wachen entsteht die Bewegung im Gehirn, im Schlaf hingegen in den inneren Teilen.

Sobald wir uns etwa nicht deutlich bewußt sein, daß wir wirklich einschlafen, wird es auch allemal schwer sein, Träume von wahren Vorstellungen zu unterscheiden. ... Daß man Träume und andere lebhafte Vorstellungen von dem, was man sah und empfand, nicht zu unterscheiden wußte, dies veranlaßte hauptsächlich die Religion der alten heidnischen Völker, welche Satyre, Faune, Nymphen und ähnliche Hirngespinste verehrten; so wie auch den Wahn, den noch heutzutage unausgebildete Menschen von Werwölfen und Poltergeistern und von der großen Macht der Zauberer hegen. Wenn ich übrigens gleich die Zauberei für ein Unding ansehe, so billige ich doch die Bestrafung der Zauberer, da sie dergleichen Verbrechen nicht bloß für möglich halten, sondern sie auch, so weit es in ihren Kräften steht, sich zu begehen mühen. Indessen kommt mir die Zauberei keineswegs als etwas Wahres oder als eine Kunst der Wissenschaft vor, vielmehr glaube ich: daß es überspannte Begriffe sind, die man vorsätzlich unterhält. Was aber die Poltergeister und Gespenster betrifft, so ist, meiner Meinung nach, der bisherige Wahn davon mit Fleiß fortgepflanzt, oder wenigstens nicht widerlegt worden, weil sonst die Beschwörungen, das Einsegnen, das Besprengen mit Weihwasser und andere ähnliche Dinge, die den Geistlichen viel einbringen, dabei gelitten haben würden. Daß jedoch Gott übernatürliche Vorstellungen wirken könne, ist außer allem Zweifel; daß er es indessen so häufig tun sollte, daß dadurch eine größere Furcht erregt werden müßte, als durch die Hemmung oder Umwandlung der Natur, welches ebensogut in der Gewalt Gottes steht, das ist kein christlicher Glaubensartikel; sondern schlechte Menschen erfrechen sich aus dem Grund "Gott sei alles möglich", all das als wahr zu behaupten, was ihnen Vorteil schaffen kann, obgleich sie im Grunde vom Gegenteil überzeugt sind. Jeder Verständige muß aber ihren Behauptungen nicht weiter Glauben beimessen, als die gesunde Vernunft es erlaubt. Wäre diese Furcht vor Gespenstern, die Traumdeuterei und mehr noch, welches hiermit in Verbindung steht, dessen sich stolze und listige Menschen zum Nachteil des gemeinen Mannes leider bedienen, verdrängt: so würde sich beim Bürger jeden Staates wirklich weit mehr Lust zum Gehorsam finden.

Dafür müßten nun die Schulen sorgen, die aber, anstatt solche Lehren zu widerlegen, sie vielmehr oft ausbreiten. Da sie nämlich die Einbildung und Empfindung ihrer Beschaffenheit nach nicht kennen, so beten sie nur das nach, was andere ihnen vorsagen. Einige lehre: die Einbildungen entstünden von selbst, also ohne allen Grund; andere schreiben sie einem Willen zu, so daß die guten Gedanken von Gott, die bösen aber vom Teufel dem Menschen eingegeben oder eingeflößt würden. Schließlich sagen andere noch: Wenn unsere Sinne die Eindrücke von den Dingen empfangen, so überliefern sie dieselben dem Verstand, der Verstand der Einbildungskraft, die Einbildungskraft dem Gedächtnis, das Gedächtnis der Urteilskraft, und werden bei allem Aufwand von Worten durchaus unverständlich.

Die Vorstellung, welche bei Menschen und Tieren durch Sprache oder andere willkürliche Zeichen hervorgebracht wird, heißt  Verstand,  und diesen hat der Mensch mit den vernunftlosen Tieren gemein; denn z. B. der Hund kann so abgerichtet werden, daß er weiß, ob sein Herr ihn herbeiruft oder von sich weist. Man findet dies auch noch bei mehreren Tieren. Der dem Menschen eigentümliche Verstand aber ist ein solcher, der nicht allein die Willensmeinung, sondern auch die Begriffe und Gedanken anderer Menschen einsieht, und zwar durch Folgerungen und durch die Zusammensetzung der Benennungen der Dinge, woraus bejahende, verneinende und andere Redensarten entstehen. Von dieser Art des Verstandes werden wir weiter unten handeln.

aus Thomas Hobbes, Leviathan oder der kirchliche und bürgerliche Staat, Halle 1794


Nota. 

So energisch Hobbes einerseits Nominalist war, so entschieden war er auch Sensualist. Einbildungskraft entstünde durch das mehr oder minder alterierte Erinnern an vergangene Sinneseindrücke, und er zögert nicht, das mit dem griechischen Wort phantasia zu erläutern. Und in der Tat ist es schwer vorstellbar, wie das Gemüt, die Seele, die Intelligenz oder wie immer man es nennen mag, aus sich selber den Eindruck sinnlicher Erlebnisse produzieren könnte, für die es in seiner Lebensgeschichte keinerlei Vor-Bild gab. (Hier geht es um reale Psychologie, nicht um philosophische Abstraktionen.) Von unserer Lebenserfahrung her fällt es schwer, sich Einbildungen anders zu erklären als durch Erinnerung.

Die Hirnphysiologie erklärt die Gedächtnisspuren aus Verschaltungen zwischen Nervenzellen. Diese entstehen allerdings nicht erst mit dem Beginn des individuellen Erlebens. Millionenfach, milliardenfach werden sie durch die gattungsgeschichtlichen Erwerbungen vererbt. 

Aber auch das sind Erinnerungsspuren, wenn auch keine persönlichen. 

Doch das Gehirn wartet nicht darauf, das ihm von außen Eindrücke beigebracht werden, dafür bringt es schon viel zu viel gattungsgeschichtlich erworbene Erfahrung mit. Es sucht sie vielmehr, es hält Ausschau nach ihnen und hascht danach, und vergreift sich wohl auch dabei. Und es experimentiert 'einbildend' nicht nur in der Außenwelt, sondern auch bei sich zuhaus. Es ist empirisch ganz und gar nicht länger unvorstellbar, dass es dabei Bilder erfindet, die es nie zuvorgeschen hat (und ein anderer schon gar nicht).

Ernst Pöppel geht noch einen Schritt weiter. Er meint, dass unsere Fähigkeit zum Sehenlernen sogar darauf beruht, dass das noch ungeborene Gehirn träumt und "sich etwas einbildet". 

Alle anderen Sinne, Gehör, Tastsinn, Geruch und Geschmack bilden sich schon im Mutterleib und bilden sich dort aus, allein das Sehen nicht. Die Nervenzellen des Sehsystems sind wohl da, aber die Sinneszellen haben noch nichts zu tun: "Ich vertrete die These, dass die vorgeburtliche Phase des Menschen entscheidend ist für die Prägung des visuellen Systems. Das Sehsystem ist das einzige, das vor der Geburt nicht gereizt wird. Damit es aber gleich nach der Geburt funktionieren kann, wird das visuelle System im Gehirn mit Hilfe von Träumen gleichsam eingefahren. Mehr als 50 Prozent der Zeit verbringen Kinder im Mutterleib in der Traumphase. Es hat dann keinen evolutionären Grund gegeben, die Träume nach der Geburt wieder abzuschaffen."

Thomas Hobbes wäre heute dahingehend zu korrigieren, dass das grundlose, unverursachte freie Erfinden von Bildern, die noch keiner gesehen hat, sogar die Voraussetzung dafür ist, dass wir lernen, wirkliche Bilder überhaupt wahrnehmen zu können.
JE  

Montag, 14. April 2014

Drei Sekunden und die Dauer des Subjekts.



aus Neue Zürcher Zeitung, 27. 11. 2010

Ein Vortrag des Hirnforschers Ernst Pöppel

Von Uwe Justus Wenzel · Das Hirn darf man sich als einen nervösen Menschen vorstellen. In Abständen von wenigen Sekunden fragt es: «Was gibt’s eigentlich Neues in der Welt?» So – so ungefähr – hat es Ernst Pöppel formuliert. Der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München arbeitende Psychologe sprach am vorgestrigen Abend in der vollbesetzten Aula der Zürcher Universität auf Einladung des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung über das Thema «Gehirn und Persönlichkeit». Zahlreiche Untersuchungen, so liess er wissen, haben ergeben: Drei Sekunden dauern mit messbarer Regelmäßigkeit die Szenen der Aufmerksamkeit, die sich auf der Bühne des Bewusstseins abspielen. Drei Sekunden währt mithin die Gegenwart; Drei-Sekunden-Einheiten strukturieren die Welt. Ernst Pöppel findet die drei Sekunden in der Dauer eines Händedrucks ebenso wieder wie in der Zeit, die vergeht, bis zappende Fernsehkonsumenten sich entschieden haben, ob sie bei einem Sender verweilen.


Sogar von der Rhythmik der Poesie, der Länge der Verszeilen, lässt der Neurowissenschafter sich seine These bestätigen. Sie läuft in dieser Version auf die Behauptung hinaus, es gebe «biologische Marker» für ästhetische Werte. Mit heiterer und gar nicht nervöser Selbstironie interpretierte Pöppel seinen Ausgriff in die Welt der Kunst als ein Anzeichen für die «Präpotenz» der Hirnforschung. Zu Beginn hatte er sich von einem grassierenden «Neuro-Pop» distanziert, der auf alle Fragen eine neurowissenschaftliche Antwort zu haben vorgaukelt. Nicht an jeder Stelle der locker ineinander geflochtenen Ausführungen war dann aber deutlich, wie demgegenüber so etwas wie eine Neuro-Klassik aussähe, die einer Phantasie der Allzuständigkeit nicht die Zügel schießen ließe. Mussten wir wirklich erst auf die Hirnforschung warten, um zu wissen, dass es leichter fällt, Fremdsprachen in jungen Jahren zu lernen?

Das eigentliche Vortragsthema, «Gehirn und Persönlichkeit», fand im Anschluss an die «Drei-Sekunden-Bühnen» seine Fortsetzung in der Frage, wie überhaupt eine Kontinuität der Selbstwahrnehmung zustande komme, wenn die Aufmerksamkeitsspannen des Bewusstseins so kurz sind (und wenn zudem der innere Sinn die Zeit nicht als fliessenden Strom wahrnimmt, sondern als ein in Einheiten von dreissig, vierzig Millisekunden «zerhacktes» Pulsieren). Pöppels Antwort: durch «semantische Vernetzung und soziale Synchronisation» – dadurch also, dass Bedeutung und Sprache ins Spiel kommen und andere Menschen.

Das «und» ist Ernst Pöppel wichtig. Er verficht das Prinzip der Komplementarität (das die Leser seines lesenswerten Buches «Der Rahmen» schon kennen): Identität und Dynamik, Rationalität und Gefühl, Autonomie und soziale Einbindung bestimmen das Geschehen. Mit der Komplementarität als Prinzip, das Harmonien aus Gegensätzlichem wirkt, geht dasjenige der Homöostase Hand in Hand: Alle Organismen, vom Einzeller bis zum Menschen, suchen ihr Gleichgewicht und damit sich selbst zu erhalten. Die Homöostase kam freilich nur kurz, am Anfang des anregenden Vortrags, vor (verkörpert von einem projizierten Einzeller). Sie wäre vermutlich auch der Anknüpfungspunkt gewesen, um zu erörtern, inwiefern die Neuropsychologie zu dem Thema der Veranstaltungsreihe etwas beizutragen vermag, in deren Rahmen Ernst Pöppel gesprochen hat: «Strategien in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft».

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Nota.

“Neuropop” ist eine hübsche Wortprägung. Aber ob Neuropotpourri viel besser ist?

…dass der “innere Sinn die Zeit nicht als fließenden Strom wahrnimmt, sondern als ein in Einheiten von dreißig, vierzig Millisekunden «zerhacktes» Pulsieren”: Was soll das denn heißen: der ‘innere Sinn’ “nimmt wahr”? Was ist denn das für eine “Wahr”nehmung, von der keiner was merkt? Merken kommt nicht ohne (wie immer man es definieren mag) Bewusstsein aus. Aber die in dreissig, vierzig Millisekunden pulsieren Hackstückchen kommen doch eben nicht zu Bewusstsein. “Gegeben” ist aber die Zeit, wenn überhaupt, nur dem Bewusstsein. Und im Bewusstsein fließt sie.

Na, und so weiter.

Noch eins sei aber hervorgehoben: “Komplementarität”, “Harmonie” und “Homöostase ” – das ist Neurometaphysik. Nämlich wenn man sie wie wirkende Kräfte vorstellt. Was lässt sich beobachten? Dass in allem Lebenden zwei gegensätzliche Tendenzen vorkommen – eine zum Wachstum ‘aus sich’ oder ‘über sich’ hinaus; und eine andere zur Beharrung im Status quo und zu seiner Wiederherstellung ‘auf erweiterter Skala’. Und wer kann diese ‘Tendenzen’ beobachten? Nur einer, der darauf achtet.


Nota II. 

"...dadurch also, dass Bedeutung und Sprache ins Spiel kommen und andere Menschen", schreibt ujw. Das müsste richtiger heißen: "durch andere Menschen". In Bedeutungen lebt auch das Tier. Aber sie sind in sein Verhaltensrepertoire stammesgeschichtlich eingrägt. Es muss sie sich nicht vorstellen - nicht als solche wahrnehmen. Das muss erst der Mensch, nämlich wenn er sie mitteilen will - andern Menschen.
JE