Richard Austin
Ich kann keinem erklären, was Wissen ist, nicht einmal mir selbst. Aber ich weiß es: indem ich Etwas weiß.
aus e. Notizbuch, Anf. Mai 09
Wissen ist ein Handeln, keine
Sache. Handelnd kann ich es anschauen, aber nicht begreifen. Begrei- fen
kann ich das Produkt meines Handelns, weil es NichtmehrIch ist,
sondern Objekt: Etwas.
27. 12. 14
Etwas begreifen heißt, es mit Anderem in ein Verhältnis setzen. Mein Handeln ist selber ein Verhältnis: mein Ver- halten zum Gegenstand meiner Absicht. Anschauen kann ich es als dieses-jetzt, aktuell. Es ist quale, Bild. Ich kann Bilder aus einander hervor bringen - dynamisch, im Verlauf, in der Zeit. Aber sie statisch im Raum zu oder neben einander setzen so, dass dies Zueinander ein eignes Bild, ein Bild von Bildern abgäbe, kann ich nicht. Mit Begriffen - mit als Dingen aufgefassten Handlungen - kann ich das tun: Das Verhältnis ist ein Begriff von Begriffen.
Das, was ich weiß, kann ich begreifen. Mein Wissen kann ich nicht begreifen; ich kann lediglich wissen. No hay caminos; hay que caminar.
n-tv
Wissen ist Einsicht in die
Bedeutungen der Erscheinungen. Die gnoseologische Grundfrage: Ist die
Einsicht ein Subjektivieren eines Objektivums (Wesen) oder das Objektivieren eines Subjektivums (Intention)?
[Im scholastischen Vokabular: 'Intentio' ist 'Bedeutung'.]
Es trifft sich, dass die 'objektivistische' Antwort zugleich eine ontologisch-metaphysische ist. Sie fällt doppelt ins Gewicht.
aus e. Notizbuch, 3. 9. 07
Die kritische oder transzendentale
Auffassung ist im wirklichen Leben gar nicht zu gebrauchen. In seinem
All- tag bemüht sich auch der Philosophierende, sein Wissen den Dingen
anzugleichen. Die eine Auffassung ist wahrer, die andere wirklicher, und
die wirklichere hat mehr Recht.
3. 12. 14
Doch habe ich dies Blog Philosophierungen genannt und nicht Lebensberatung. Wer sich aufs Philosophieren mal eingelassen hat, hat sich entschlossen, von seinen Privatangelegenheiten für einen Moment abzusehen. Da wird er auf die wahrere Auffassung treffen und die wirklichere auf seinen Werktag verweisen.
bing
Mein Vermögen ist eins: alles, was ich kann. Ob
es phylogenetisch oder ontogenetisch bedingt ist, ob es mir angestammt
wurde oder ob ich es spontan und individuell erworben habe, merkt man
ihm selbst nicht an.
Verschieden
sind die Gegenstände, auf die ich es anwende, und verschieden wohl auch
die Weisen der Anwen- dung.* Ähnliche Anwendungsweisen schaffen
Ähnlichkeiten zwischen Gegenständen, die ich so zu Klassen zu-
sammenfassen kann.
Bin
ich soweit einmal gekommen, mag es aussehen, als sei mein Vermögen
selbst in Klassen unterschieden. Namentlich in ein Erkenntnisvermögen,
durch das ich mit Hilfe von Begriffen an den Gegenständen meine Zwecke
realisiere, und eine zweckfreie Anwendung, die 'ohne Interesse gefällt'.
Letztere fasse ich auf als mein ästhetisches Vermögen. Ob und wie das eine oder das andere in Anspruch genommen wurde, lässt sich immer erst am einzelnen Fall und nachträglich unterscheiden.
3. 4. 16
Nachtrag. - Es sieht nun prima facie aus, als würde mein Vermögen 'bestimmt' von dem Gegenstand, auf den es stößt. Doch dann müsste der Gegenstand an sich bestimmt sein. Ist er aber an sich bestimmt, ist er eo ipso nicht für mich bestimmt noch für mein Vermögen. Mein Vermögen kann, so wahr es meines ist, nur von mir als dieses oder jenes bestimmt werden, nämlich durch die Absicht, die ich jeweils fasse.
Die allgemeinste - erste, grundlegende - Bestimmung meines Vermögens ist es, durch Absicht real zu werden. In- sofern ist es, vor aller weiteren Bestimmung, Einbildungskraft.
Indes - bevor das Ich einbilden kann, muss es gefühlt haben. Ein Wortspieler möcht sagen: Gefühl ist der Grund-, Einbilden ist das -vermögen.
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*) Was unterscheidet die Weisen der Anwendung? Die Absichten.
römisch
Am Anfang der
Philosophie, sagt Plato, stünde das Staunen. Was ist das für ein
intellektueller Akt? Es ist ein Fragen-schlechthin; ohne einen
Gegenstand, nach dem es ja eben noch fragt, aber ohne auch einen
Fragenden. Im Staunen ist der Fragende in seiner Frage ganz verloren.
Im ästhetischen Zustand sei
der Mensch "gleich Null", sagt Schiller. Das Staunen ist ein
ästhetischer Zustand, wo- möglich die Mutter der ästhetischen Zustände.
Um zu philosophieren, muss man in ästhetische Stimmung kommen.
1. 7. 17
Geist ist zu allererst das
Vermögen, zwischen Bedeutendem und Unbedeutendem zu unterscheiden. Das
Tier "kennt" diesen Unterschied nicht. Zwar bedeutet auch dem Tier
dieses Etwas und Jenes nichts. Aber was ihm nichts bedeutet, nimmt es
gar nicht erst 'wahr'. Das heißt, für es 'gibt es' diesen Unterschied nicht. Seine gene-tische Ausstattung hat "apriori" den Unterschied immer schon gemacht.
Nicht so für den Menschen. Er muss den Unterschied selber machen.
Es liegt nahe, dass ihm alles, was bleibt, zuerst einmal als bedeutender erscheint als alles, was sich ändert. Aber das kann sich... ändern. Es hängt davon ab, ob in seiner Erlebenswelt die sicheren Situationen vorherrschen, oder die unsicheren; zum Beispiel.
aus e. Notizbuch, 28. 8. 08
Dem
vernünftigen Bewusstsein - fast ist das eine Tautologie - erscheint die
Welt als ein virtuell geschlossenes System von Begriffen, die einander
wechselseitig bestimmen, indem sie ihre jeweiligen Geltungsbereiche gegen- einander eingrenzen: definieren. Dieses System ist entstanden und vervollständigt sich weiter durch den Gebrauch; die Bedeutung der Wörter ist ihre Verwendung im Sprachspiel.
Doch
geschlossen ist es erst virtuell. Reell stößt die Verwendung im
Sprachspiel immer wieder auf Lücken: Die müssen geschlossen werden durch
das Einpassen in die Leerstellen, die das Sprachspiel bislang frei gelassen hatte; einpassen so, dass bisherige Definitionen
gegebenenfalls justiert werden müssen. (Ist ein ganzer Komplex von
Bedeutungen berührt, geschieht ein sogenannter 'Paradigmenwechsel'.) Die
- quasi transzendentale - Prä- misse bleibt unberührt: Das System ist intakt. Es geht immer nur darum, es auszufüllen.
Denn nur, wenn der Rahmen gewahrt bleibt, ist es überhaupt ein System; nur dann kann erwartet werden, dass aktuell auftretende Lücken von uns gewiss gefüllt werden können, weil sie an sich schon gefüllt sind.
*
Das
gilt freilich nur für die Begriffe. Wenn das System geschlossen ist,
gelten die Begriffe an sich. Oder anders, wenn die Begriffe an sich
gelten sollen, muss ich mir das System als geschlossen vorstellen.
Rationell
sollte ich aber gar nicht vom System der Begriffe - oder "der Welt" -
ausgehen. Rationell muss ich mich an das halten, was ich weiß, und was
ich weiß, ist lediglich das, was in meinem Wissen vorkommt.
Tautologisch? Nicht, wenn ich mir klarmache, dass in meinem Wissen
nichts anderes vorkommt als meine Vorstellungen. Dass ich mir (etwas)
vorstelle, ist nun das einzige, das ich nicht bezweifeln kann (weil
anders ich auch das Bezweifeln bezweifeln - und gleich wieder aufhören
müsste, nachdem ich kaum angefangen habe).
Wenn ich zugeben muss, dass ich vorstelle, muss ich annehmen, dass ich es konnte; ich meine: muss, sonst wäre gleich wieder Schluss. Wenn ich es ohne eine andere Voraussetzung konnte - und das muss ich annehmen, denn ich habe keine weitere Voraussetzung gemacht -, dann muss ich annehmen, dass ich es ohne Voraussetzung können werde; es sei denn, ich stelle mir selber Dinge vor, die zu Voraussetzungen werden, die mich am Fort- schreiten hindern.
Vorstellen
ist, nach Fichte, Übergehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten. Annehmen
musste ich: ein Ver- mögen dazu. Das heißt konventionell Ich. Es ist selber nicht bestimmt: Das könnte es erst selber besorgen. Wie? Indem es sich Etwas vorstellt. Ist es bestimmt? Das wird man sehen: Lässt es sich bestimmen? Dann kann ich fortschreiten; wenn nicht, dann wäre - hier wiederum Schluss.
Wenn
das richtig ist, dann kann das Bestimmen kein Ende finden - und das
Bestimmbare schon gar nicht. Denn anders würde die ganze Kette
hinfällig, und ihre Prämisse, ihr erstes Glied: dass Ich Unbestimmtes zu bestimmen vermag. Das System, das ich mir allenfalls vorstellen kann, ist ein System in processu, ein unabge- schlossenes System.
Und wer immer diese Prämisse bestreiten wollte - dass ich zu bestimmen vermag -, wird doch jene andere Prä- misse - jene andere Seite der Prämisse -, dass es Unbestimmtes gibt, nicht bestreiten können. Das System meiner Vorstellung kann gar nicht abgeschlossen werden; und mit jedem weiteren Fortschritt des Bestimmens kann - mag? soll? - eine rückwirkende Umbestimmung der gesamten Kette geschehen.
Summa: Von
Einem lässt sich schlechterdings, bei gutem und bei schlechem Willen,
nicht abstrahieren: dass es in der Welt, wie immer wir sie uns denken, teils Bestimmtes, teils Unbestimmtes gibt. Ein Denken, das sich dar- auf keinen Reim zu machen weiß, soll sich nicht Philosophie nennen.
27. 12. 16
Nota.
Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden.
Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
knipseline / pixelio.de
Kants
Hauptwerk sind die Drei Kritiken. Darin analysiert ("kritisiert") er
die tatsächlich zu beobachtenden Leistungen des menschlichen Geistes; die
"reine" (theoretische) Vernunft, die "praktische Vernunft"
(das moralische Wollen) und die Urteilskraft (worin er in kurioser Weise
ästhetische Wertungen und Zweckerwä- gungen zusammenfasst).
Daraus, dass diese Leistungen tatsächlich geschehen, schließt er, dass ihnen
jeweils ein "Vermögen" zugrunde liegen muss. Und ebenso, wie die Drei
Kritiken offenbar ohne vorherigen Plan auf einander folgten, liegen Kants drei
"Vermögen" unvermittelt neben einander, ohne dass ihr wechselseitiges
Verhältnis klar würde. (Das ist ein ganz langes Kapitel für sich...)
Fichte
"radikalisiert" Kant nun dahingehend, dass er überhaupt nur ein geistiges Vermögen voraussetzt, das
an und für sich praktisch ist und das
er in jeweils verschiedenen Hinsichten als "produktive
Einbildungskraft", als schlechthinniges "Streben" oder eben als
das (transzendentale) "Ich" bestimmt. Wobei festzuhalten ist, dass
sein (einziges) "Vermögen" ebenso wenig wie Kants (drei) Vermögen
naturalistisch oder psychologisch gemeint sind; so, als ob man sie durch
empirische Forschung im Organismus "nachweisen" könnte. Sie sind
"transzendental" gemeint: nicht als Tatsachenbehauptung, sondern als
Sinnzuschreibung.
Auch in
sittlicher Hinsicht radikalisiert Fichte Kant. Über jenen wurde gesagt, sein
"kategorischer Imperativ" sei viel zu formal und inhaltsleer, als
dass sich ein lebendiger Mensch daran ausrichten könnte. In Wahrheit ist er
noch längst nicht formal genug und enthält noch viel zu viel Positives.
Vernünftiger Weise lässt sich nur ein Imperativ aufstellen: Handle jederzeit
nach deinem selbstverantworteten Urteil, Punkt.
aus e. online-Forum, 19. 10. 2007
Nachtrag. - Er radikalisiert Kant sogar noch radikaler. Kants Programm war: Vernunftkritik. Wenn die erledigt war, wollte er zu einer positiven Darstellung dessen, was Vernunft ist, kommen.
Doch die Vernunftkritik hat er bloß bis zur Hälfte selber geschafft: bis zu den zwölf Kategorien und den zwei Anschauungsformen; die hat er das Apriori genannt. Von wo oder weshalb die auf uns gekommen wären, hat er nicht mehr eruiert. Das hat sich jedoch Fichte vorgenommen, und er hat hinter dem nur scheinbaren Apriori ebenso wie hinter den Erfahrungsbegriffen das Transzendentale Subjekt tätig erkannt.
Der Vorstellung von der Vernunft liegt zugrunde, ob man sich dessen bewusst wird oder nicht, die Annahme eines (zu Anfang nur virtuellen und noch unbestimmten) Ich, das sich aus absoluter Freiheit als ein solches 'setzt', indem es sich und alles, was ihm begegnet, an frei gewählten Zwecke zu 'Diesem' bestimmt. Dies ist ein progressus in infinitum, man kann ihm zusehen und kann ihn beschreiben, aber abschließend fassen kann man ihn nicht. Vernunft ist auch als System kein Zustand, sondern allezeit in processu.
JE