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Samstag, 5. Juli 2014

Vorstellen und begreifen.


A.Dreher  / pixelio.de

Das Wunder ist, dass wir Sachen begreifen, die wir uns nicht vorstellen können.

Im bloßen Begriff geht der anschauliche Anteil der Vorstellung verloren. Das stammt offenbar aus der Reflexion. In der Reflexion unterscheidet der Vorstellende sich-selbst von seiner Vorstellung; und die Vorstellung von ihm-selbst. Nicht nur das Subjekt wird verselbständigt, sondern sein Objekt: Im Vorstellen sind Ich und das Vorgestellte noch ungeschieden. Im Vorstellen2 des Vorstellens1  verdreifacht sich die Vorstellung: in das Vorgestellte, in den Vorstellenden und in den Vorstellungsakt – als dem tätigen Verhalten des einen zum andern. Dabei müssen die Anschauung als das Was und der Anschauende als der Wer der Vorstellung verloren gehen (können) und das Wie des Vorgestellten sich verselbständigen (können).

Der springende Punkt ist offenbar die Symbolisierung – als der Sprung aus dem analogen in den digitalen Modus der Repräsentation. Sie entsteht bereits im Übergang vom unmittelbaren Anschauen zum Wieder-Hervorholen aus dem Gedächtnisfundus; das nämlich so lange prekär und zufällig blieb, als der Gedächtnisspeicher nicht geordnet war. Wie soll ich eine gehabte Anschauung wiederfinden in all dem Chaos, ohne einen hervorstechenden Anhaltspunkt? Das ist schwerer als ein Element in einem tausendteiligen Puzzle aufzufinden, von dem ich immerhin Größe und Umriss kenne.

Ob das Symbolisieren eher aus der Vorratshaltung oder eher aus den Erfordernissen der Mitteilung entstanden ist, ist unerheblich, weil die selber mit- und auseinander entstanden sein werden. Man könnte annehmen, dass die ersten Symbolisierungen aus dem Herausgreifen besonders augenfälliger 'Aspekte' hervorgegangen sind, die so zu Merkmalen werden – immer noch im analogen Modus.

Der Übergang zum bloßen Zeichen ohne anschaulichen Nachahmungsanteil macht die Digitalisierung der Vorstellung in specie aus. Es handelt sich offenbar um Lautzeichen, um Wörter; um die Entstehung der Sprache. Denn zwar nicht für das Vorstellen selbst, aber sehr wohl für das diskursive Denken in Begriffen, das notfalls ohne jedes anschauliche Residuum auskommt, ist die Ausbildung von Sprachen die Bedingung: eines artikulierten Systems, eines "Spiels" mit vereinbarten Figuren und Regeln.

Wobei die Anschauung offenbar nicht wirklich verloren geht, sondern nur einstweilen abgelegt wird – in den Gedächtnisspeicher, wo es aufgehoben ist und aus dem es durch Aufrufen des zugeordneten digits zu jeder Zeit reaktiviert und vergegenwärtigt werden kann.

*

Der Übergang vom analogen in den digitalen Modus bleibt das eigentliche Mysterium des Geistes – von dem wir allerdings wissen, dass es wirklich stattgefunden hat. Der Schritt vom Lautzeichen zum Schriftzeichen und vom Wortzeichen zum mathematischen Symbol erscheint demgegenüber nur als die geschäftsmäßig Leistung eines tüchtigen Handwerkers. Auch das Übersetzen ganzer Operationsstränge in mathematische Formeln bleibt in diesem Rahmen.

Anschauung ohne Begriff sei blind, meinte Kant, aber Begriffe ohne Anschauung seien leer. Das bezog sich auf die Philosophie der Wolffs und Baumgartens, der er selber angehangen hatte und die so verfuhr, als wenn eine Sache schon verstanden sei, wenn man nur ein Wort durch so und so viele andere 'definiert' hatte; und die arglos darauf vertraute, aus dem Kombinieren von Begriffen materiale Erkenntnisse synthetisieren zu können.

Nicht gedacht hat er an die moderne Physik, die sowohl im Makro- wie im Mikrobereich in mathematischen Formeln Sachverhalte beschreibt, die als wirklich gelten, bei denen sich aber niemand mehr etwas vorstellen kann, weil sie jenseits unserer Anschauungsmöglichkeiten liegen. Und es lassen sich daraus operativ Hypothesen entwickeln, die ihrerseits durch Experimente verifizierbar sind: Es lässt sich aus Begriffen materiales Wissen konstruieren! Allerdings immer nur mittelbar, durch Rückschluss; nie direkt.
Vorstellen können wir uns nur einen Raum mit drei Dimensionen – und die Zeit gesondert daneben. Ein vierdimensionales Raum-Zeit-Kontinuum können wir im Begriff denken; aber wenn es sich einer vorstellen will, muss er hilfsweise auf ganz unzulängliche Analogien aus unserer dreidimensionalen Anschauung zurückgreifen. Dem theoretischen Physiker unserer Tage wird das Operieren mit mathematischen Symbolen und Formeln so geläufig geworden sein, dass er sich darin zu Hause fühlt und meint, er könne sich 'dabei was vorstellen'. Doch dann müsste er es einem Außenstehenden veranschaulichen können. Und das geht mit einem Partikel, das zugleich, aber ebenso ausschließend eine Welle ist, genau so wenig wie mit einem Raum, der selber Zeit ist.

Hier wird als Begriff im Gedächtnisspeicher etwas abgelegt, dem nie ein anschauliches Substrat zugrunde lag. Es werden begriffliche Kombinationen der ersten Ordnung in mathematische Formeln gefasst und durch einen Begriff zweiter Ordnung ausgezeichnet, durch den sie ihrerseits abrufbar sind. Aber eine Anschauung, so residual sie sei, schiebt sich nicht dazwischen. Da wird nichts vorgestellt.

*

Wenn Ihnen einer sagt, er könne sich unterm Urknall etwas vorstellen, erliegt er einer Täuschung. Er hat an die Stelle einer mathematischen Formel ein mythisches Bild geschoben, und das ist allerdings anschaulich. Überführen können sie ihn, wenn Sie ihn auffordern, sich die letzte Sekunde  - oder Nanosekunde – vor dem Urknall vorzustellen. Da könnte er nämlich nur den flüchtigen Schatten von Gottvater 'anschauen'.

Und recht besehen reichen auch die mathematischen Formeln gar nicht bis in den Urknall hinein, sondern immer nur bis ganz kurz – 'unendlich nah' – davor. Drinnen lässt sich nicht einmal mehr etwas denken. Aber dass es in der Sekunde – oder Nanosekunde – davor Nichts gegeben haben sollte, können wir schon gar nicht denken, weil wir uns dabei… nichts vorstellen können. 

im Sommer 2013





Dienstag, 19. Mai 2015

Vorstellen und begreifen.


A.Dreher  / pixelio.de 

Das Wunder ist, dass wir Sachen begreifen, die wir uns nicht vorstellen können.

Im bloßen Begriff geht der anschauliche Anteil der Vorstellung verloren. Das stammt offenbar aus der Refle- xion. In der Reflexion unterscheidet der Vorstellende sich-selbst von seiner Vorstellung; und die Vorstellung von ihm-selbst. Nicht nur das Subjekt wird verselbständigt, sondern sein Objekt: Im Vorstellen sind Ich und das Vorgestellte noch ungeschieden. Im Vorstellen2 des Vorstellens1 verdreifacht sich die Vorstellung: in das Vorgestellte, in den Vorstellenden und in den Vorstellungsakt – als dem tätigen Verhalten des einen zum andern. Dabei müssen die Anschauung als das Was und der Anschauende als der Wer der Vorstellung verloren gehen (können) und das Wie des Vorgestellten sich verselbständigen (können).

Der springende Punkt ist offenbar die Symbolisierung – als der Sprung aus dem analogen in den digitalen Modus der Repräsentation. Sie entsteht bereits im Übergang vom unmittelbaren Anschauen zum Wieder-Hervorholen aus dem Gedächtnisfundus; das nämlich so lange prekär und zufällig blieb, als der Gedächtnisspeicher nicht geordnet war. Wie soll ich eine gehabte Anschauung wiederfinden in all dem Chaos, ohne einen hervorstechen- den Anhaltspunkt? Das ist schwerer als ein Element in einem tausendteiligen Puzzle aufzufinden, von dem ich immerhin Größe und Umriss kenne.

Ob das Symbolisieren eher aus der Vorratshaltung oder eher aus den Erfordernissen der Mitteilung entstanden ist, ist unerheblich, weil die selber mit- und auseinander entstanden sein werden. Man könnte annehmen, dass die ersten Symbolisierungen aus dem Herausgreifen besonders augenfälliger 'Aspekte' hervorgegangen sind, die so zu Merkmalen werden – immer noch im analogen Modus.

Der Übergang zum bloßen Zeichen ohne anschaulichen Nachahmungsanteil macht die Digitalisierung der Vor- stellung in specie aus. Es handelt sich offenbar um Lautzeichen, um Wörter; um die Entstehung der Sprache. Denn zwar nicht für das Vorstellen selbst, aber sehr wohl für das diskursive Denken in Begriffen, das notfalls ohne jedes anschauliche Residuum auskommt, ist die Ausbildung von Sprachen die Bedingung: eines artiku- lierten Systems, eines "Spiels" mit vereinbarten Figuren und Regeln.

Wobei die Anschauung offenbar nicht wirklich verloren geht, sondern nur einstweilen abgelegt wird – in den Gedächtnisspeicher, wo es aufgehoben ist und aus dem es durch Aufrufen des zugeordneten digits zu jeder Zeit reaktiviert und vergegenwärtigt werden kann.

*

Der Übergang vom analogen in den digitalen Modus bleibt das eigentliche Mysterium des Geistes – von dem wir allerdings wissen, dass es wirklich stattgefunden hat. Der Schritt vom Lautzeichen zum Schriftzeichen und vom Wortzeichen zum mathema- tischen Symbol erscheint demgegenüber nur als die geschäftsmäßig Leistung eines tüchtigen Handwerkers. Auch das Übersetzen ganzer Operationsstränge in mathematische Formeln bleibt in diesem Rahmen.

Anschauung ohne Begriff sei blind, meinte Kant, aber Begriffe ohne Anschauung seien leer. Das bezog sich auf die Philosophie der Wolffs und Baumgartens, der er selber angehangen hatte und die so verfuhr, als wenn eine Sache schon verstanden sei, wenn man nur ein Wort durch so und so viele andere 'definiert' hatte; und die arg- los darauf vertraute, aus dem Kombinieren von Begriffen materiale Erkenntnisse synthetisieren zu können.

Nicht gedacht hat er an die moderne Physik, die sowohl im Makro- wie im Mikrobereich in mathematischen Formeln Sachverhalte beschreibt, die als wirklich gelten, bei denen sich aber niemand mehr etwas vorstellen kann, weil sie jenseits unserer Anschauungsmöglichkeiten liegen. Und es lassen sich daraus operativ Hypothe- sen entwickeln, die ihrerseits durch Experimente verifizierbar sind: Es lässt sich aus Begriffen materiales Wis- sen konstruieren! Allerdings immer nur mittelbar, durch Rückschluss; nie direkt.


Vorstellen können wir uns nur einen Raum mit drei Dimensionen – und die Zeit gesondert daneben. Ein vier- dimensionales Raum-Zeit-Kontinuum können wir im Begriff denken; aber wenn es sich einer vorstellen will, muss er hilfsweise auf ganz unzulängliche Analogien aus unserer dreidimensionalen Anschauung zurückgreifen. Dem theoretischen Physiker unserer Tage wird das Operieren mit mathematischen Symbolen und Formeln so geläufig geworden sein, dass er sich darin zu Hause fühlt und meint, er könne sich 'dabei was vorstellen'. Doch dann müsste er es einem Außenstehenden veranschaulichen können. Und das geht mit einem Partikel, das zu- gleich, aber ebenso ausschließend eine Welle ist, genau so wenig wie mit einem Raum, der selber Zeit ist.

Hier wird als Begriff im Gedächtnisspeicher etwas abgelegt, dem nie ein anschauliches Substrat zu- grunde lag. Es werden begriffliche Kombinationen der ersten Ordnung in mathematische Formeln gefasst und durch einen Begriff zweiter Ordnung ausgezeichnet, durch den sie ihrerseits abrufbar sind. Aber eine Anschauung, so residual sie sei, schiebt sich nicht dazwischen. Da wird nichts vor- gestellt.

*

Wenn Ihnen einer sagt, er könne sich unterm Urknall etwas vorstellen, erliegt er einer Täuschung. Er hat an die Stelle einer mathematischen Formel ein mythisches Bild geschoben, und das ist allerdings anschaulich. Überführen können sie ihn, wenn Sie ihn auffordern, sich die letzte Sekunde  
– oder Nanosekunde – vor dem Urknall vorzustellen. Da könnte er nämlich nur den flüchtigen Schatten von Gottvater 'anschauen'.

Und recht besehen reichen auch die mathematischen Formeln gar nicht bis in den Urknall hinein, sondern immer nur bis ganz kurz – 'unendlich nah' – davor. Drinnen lässt sich nicht einmal mehr etwas denken. Aber dass es in der Sekunde – oder Nanosekunde – davor Nichts gegeben haben sollte, können wir schon gar nicht denken, weil wir uns dabei… nichts vorstellen können. 


im Sommer 2013

Mittwoch, 24. Februar 2016

Vorstellen und begreifen.

A.Dreher  / pixelio.de 

Das Wunder ist, dass wir Sachen begreifen, die wir uns nicht vorstellen können.

Im bloßen Begriff geht der anschauliche Anteil der Vorstellung verloren. Das stammt offenbar aus der Reflexion. In der Reflexion unterscheidet der Vorstellende sich-selbst von seiner Vorstellung; und die Vorstellung von ihm-selbst. Nicht nur das Subjekt wird verselbständigt, sondern sein Objekt: Im Vorstellen sind Ich und das Vorgestellte noch ungeschieden. Im Vorstellen2 des Vorstellens1 verdreifacht sich die Vorstellung: in das Vorgestellte, in den Vorstellenden und in den Vorstellungsakt – als dem tätigen Verhalten des einen zum andern. Dabei müssen die Anschauung als das Was und der Anschauende als der Wer der Vorstellung verloren gehen (können) und das Wie des Vorgestellten sich verselbständigen (können).

Der springende Punkt ist offenbar die Symbolisierung – als der Sprung aus dem analogen in den digitalen Modus der Repräsentation. Sie entsteht bereits im Übergang vom unmittelbaren Anschauen zum Wieder-Hervorholen aus dem Gedächtnisfundus; das nämlich so lange prekär und zufällig blieb, als der Gedächtnisspeicher nicht geordnet war. Wie soll ich eine gehabte Anschauung wiederfinden in all dem Chaos ohne einen hervorstechenden Anhaltspunkt? Das ist schwerer als ein Element in einem tausendteiligen Puzzle aufzufinden, von dem ich immerhin Größe und Umriss kenne.

Ob das Symbolisieren eher aus der Vorratshaltung oder eher aus den Erfordernissen der Mitteilung entstanden ist, ist unerheblich, weil die selber mit- und auseinander entstanden sein werden. Man könnte annehmen, dass die ersten Symbolisierungen aus dem Herausgreifen besonders augenfälliger 'Aspekte' hervorgegangen sind, die so zu Merkmalen werden – immer noch im analogen Modus.

Der Übergang zum bloßen Zeichen ohne anschaulichen Nachahmungsanteil macht die Digitalisierung der Vorstellung in specie aus. Es handelt sich offenbar um Lautzeichen, um Wörter; um die Entstehung der Sprache. Denn zwar nicht für das Vorstellen selbst, aber sehr wohl für das diskursive Denken in Begriffen, das notfalls ohne jedes anschauliche Residuum auskommt, ist die Ausbildung von Sprachen die Bedingung: eines artikulierten Systems, eines "Spiels" mit vereinbarten Figuren und Regeln.

Wobei die Anschauung offenbar nicht wirklich verloren geht, sondern nur einstweilen abgelegt wird – in den Gedächtnisspeicher, wo es aufgehoben ist und aus dem es durch Aufrufen des zugeordneten digits zu jeder Zeit reaktiviert und vergegenwärtigt werden kann.

*

Der Übergang vom analogen in den digitalen Modus bleibt das eigentliche Mysterium des Geistes – von dem wir allerdings wissen, dass es wirklich stattgefunden hat. Der Schritt vom Lautzeichen zum Schriftzeichen und vom Wortzeichen zum mathematischen Symbol erscheint demgegenüber nur als die geschäftsmäßig Leistung eines tüchtigen Handwerkers. Auch das Übersetzen ganzer Operationsstränge in mathematische Formeln bleibt in diesem Rahmen.

Anschauung ohne Begriff sei blind, meinte Kant, aber Begriffe ohne Anschauung seien leer. Das bezog sich auf die Philosophie der Wolffs und Baumgartens, der er selber angehangen hatte und die so verfuhr, als wenn eine Sache schon verstanden sei, wenn man nur ein Wort durch so und so viele andere 'definiert' hatte; und die arglos darauf vertraute, aus dem Kombinieren von Begriffen materiale Erkenntnisse synthetisieren zu können.

Nicht gedacht hat er an die moderne Physik, die sowohl im Makro- wie im Mikrobereich in mathematischen Formeln Sachverhalte beschreibt, die als wirklich gelten, bei denen sich aber niemand mehr etwas vorstellen kann, weil sie jenseits unserer Anschauungsmöglichkeiten liegen. Und es lassen sich daraus operativ Hypothesen entwickeln, die ihrerseits durch Experimente verifizierbar sind: Es lässt sich aus Begriffen materiales Wissen konstruieren! Allerdings immer nur mittelbar, durch Rückschluss; nie direkt.

Vorstellen können wir uns nur einen Raum mit drei Dimensionen – und die Zeit gesondert daneben. Ein vierdimensionales Raum-Zeit-Kontinuum können wir im Begriff denken; aber wenn es sich einer vorstellen will, muss er hilfsweise auf ganz unzulängliche Analogien aus unserer dreidimensionalen Anschauung zurückgreifen. Dem theoretischen Physiker unserer Tage wird das Operieren mit mathematischen Symbolen und Formeln so geläufig geworden sein, dass er sich darin zu Hause fühlt und meint, er könne sich 'dabei was vorstellen'. Doch dann müsste er es einem Außenstehenden veranschaulichen können. Und das geht mit einem Partikel, das zugleich, aber ebenso ausschließend eine Welle ist, genau so wenig wie mit einem Raum, der selber Zeit ist.

Hier wird als Begriff im Gedächtnisspeicher etwas abgelegt, dem nie ein anschauliches Substrat zu- grunde lag. Es werden begriffliche Kombinationen der ersten Ordnung in mathematische Formeln gefasst und durch einen Begriff zweiter Ordnung ausgezeichnet, durch den sie ihrerseits abrufbar sind. Aber eine Anschauung, so residual sie sei, schiebt sich nicht dazwischen. Da wird nichts vor- gestellt.

*

Wenn Ihnen einer sagt, er könne sich unterm Urknall etwas vorstellen, erliegt er einer Täuschung. Er hat an die Stelle einer mathematischen Formel ein mythisches Bild geschoben, und das ist allerdings anschaulich. Überführen können sie ihn, wenn Sie ihn auffordern, sich die letzte Sekunde  – oder Nanosekunde – vor dem Urknall vorzustellen. Da könnte er nämlich nur den flüchtigen Schatten von Gottvater 'anschauen'.

Und recht besehen reichen auch die mathematischen Formeln gar nicht bis in den Urknall hinein, sondern immer nur bis ganz kurz – 'unendlich nah' – davor. Drinnen lässt sich nicht einmal mehr etwas denken. Aber dass es in der Sekunde – oder Nanosekunde – davor Nichts gegeben haben sollte, können wir schon gar nicht denken, weil wir uns dabei… nichts vorstellen können. 

im Sommer 2013



Nota.  – Hier handelt es sich um die wirkliche Geschichte der Entstehung unserer Begriffe aus dem Verkehr. Das transzendentale Verständnis der Begriffe in ihrem jeweiligen Verhältnis zu Zweck und Anschauung ist ein anderes Kapitel.
JE


Sonntag, 24. November 2013

Vorstellen und begreifen.


A.Dreher  / pixelio.de

Das Wunder ist, dass wir Sachen begreifen, die wir uns nicht vorstellen können.

Im bloßen Begriff geht der anschauliche Anteil der Vorstellung verloren. Das stammt offenbar aus der Reflexion. In der Reflexion unterscheidet der Vorstellende sich-selbst von seiner Vorstellung; und die Vorstellung von ihm-selbst. Nicht nur das Subjekt wird verselbständigt, sondern sein Objekt: Im Vorstellen sind Ich und das Vorgestellte noch ungeschieden. Im Vorstellen2 des Vorstellens1  verdreifacht sich die Vorstellung: in das Vorgestellte, in den Vorstellenden und in den Vorstellungsakt – als dem tätigen Verhalten des einen zum andern. Dabei müssen die Anschauung als das Was und der Anschauende als der Wer der Vorstellung verloren gehen (können) und das Wie des Vorgestellten sich verselbständigen (können).

Der springende Punkt ist offenbar die Symbolisierung – als der Sprung aus dem analogen in den digitalen Modus der Repräsentation. Sie entsteht bereits im Übergang vom unmittelbaren Anschauen zum Wieder-Hervorholen aus dem Gedächtnisfundus; das nämlich so lange prekär und zufällig blieb, als der Gedächtnisspeicher nicht geordnet war. Wie soll ich eine gehabte Anschauung wiederfinden in all dem Chaos, ohne einen hervorstechenden Anhaltspunkt? Das ist schwerer als ein Element in einem tausendteiligen Puzzle aufzufinden, von dem ich immerhin Größe und Umriss kenne.

Ob das Symbolisieren eher aus der Vorratshaltung oder eher aus den Erfordernissen der Mitteilung entstanden ist, ist unerheblich, weil die selber mit- und auseinander entstanden sein werden. Man könnte annehmen, dass die ersten Symbolisierungen aus dem Herausgreifen besonders augenfälliger ‚Aspekte‘ hervorgegangen sind, die so zu Merkmalen werden – immer noch im analogen Modus.

Der Übergang zum bloßen Zeichen ohne anschaulichen Nachahmungsanteil macht die Digitalisierung der Vorstellung in specie aus. Es handelt sich offenbar um Lautzeichen, um Wörter; um die Entstehung der Sprache. Denn zwar nicht für das Vorstellen selbst, aber sehr wohl für das diskursive Denken in Begriffen, das notfalls ohne jedes anschauliche Residuum auskommt, ist die Ausbildung von Sprachen die Bedingung: eines artikulierten Systems, eines „Spiels“ mit vereinbarten Figuren und Regeln. 

Wobei die Anschauung offenbar nicht wirklich verloren geht, sondern nur einstweilen abgelegt wird – in den Gedächtnisspeicher, wo es aufgehoben ist und aus dem es durch Aufrufen des zugeordneten digits zu jeder Zeit reaktiviert und vergegenwärtigt werden kann.

*

Der Übergang vom analogen in den digitalen  Modus bleibt das eigentliche Mysterium des Geistes – von dem wir allerdings wissen, dass es wirklich stattgefunden hat. Der Schritt vom Lautzeichen zum Schriftzeichen und vom Wortzeichen zum mathematischen Symbol erscheint demgegenüber nur als die geschäftsmäßig Leistung eines tüchtigen Handwerkers. Auch das Übersetzen ganzer Operationsstränge in mathematische Formeln bleibt in diesem Rahmen.

Anschauung ohne Begriff sei blind, meinte Kant, aber Begriffe ohne Anschauung seien leer. Das bezog sich auf die Philosophie der Wolffs und Baumgartens, der er selber angehangen hatte und die so verfuhr, als wenn eine Sache schon verstanden sei, wenn man nur ein Wort durch so und so viele andere ‚definiert‘ hatte; und die arglos darauf vertraute,  aus dem Kombinieren von Begriffen materiale Erkenntnisse synthetisieren zu können.

Nicht gedacht hat er an die moderne Physik, die sowohl im Makro- wie im Mikrobereich in mathematischen Formeln Sachverhalte beschreibt, die als wirklich gelten, bei denen sich aber niemand mehr etwas vorstellen kann, weil sie jenseits unserer Anschauungsmöglichkeiten liegen. Und es lassen sich daraus operativ Hypothesen entwickeln, die ihrerseits durch Experimente verifizierbar sind: Es lässt sich aus Begriffen materiales Wissen konstruieren! Allerdings immer nur mittelbar, durch Rückschluss; nie direkt.

Vorstellen können wir uns nur einen Raum mit drei Dimensionen – und die Zeit gesondert daneben. Ein vierdimensionales Raum-Zeit-Kontinuum können wir im Begriff denken; aber wenn es sich einer vorstellen will, muss er hilfsweise auf ganz unzulängliche Analogien aus unserer dreidimensionalen Anschauung zurückgreifen. Dem theoretischen Physiker unserer Tage wird das Operieren mit mathematischen Symbolen und Formeln so geläufig geworden sein, dass er sich darin zu Hause fühlt und meint, er könne sich ‚dabei was vorstellen‘. Doch dann müsste er es einem Außenstehenden veranschaulichen können. Und das geht mit einem Partikel, das zugleich, aber ebenso ausschließend eine Welle ist, genau so wenig wie mit einem Raum, der selber Zeit ist.

Hier wird als Begriff im Gedächtnisspeicher etwas abgelegt, dem nie ein anschauliches Substrat zugrunde lag. Es werden begriffliche Kombinationen der ersten Ordnung in mathematische Formeln gefasst und durch einen Begriff zweiter Ordnung ausgezeichnet, durch den sie ihrerseits abrufbar sind. Aber eine Anschauung, so residual sie sei, schiebt sich nicht dazwischen. Da wird nichts vorgestellt.

*

Wenn Ihnen einer sagt, er könne sich unterm Urknall etwas vorstellen, erliegt er einer Täuschung. Er hat an die Stelle einer mathematischen Formel ein mythisches Bild geschoben, und das ist allerdings anschaulich. Überführen können sie ihn, wenn Sie ihn auffordern, sich die letzte Sekunde  - oder Nanosekunde – vor dem Urknall vorzustellen. Da könnte er nämlich nur den flüchtigen Schatten von Gottvater ‚anschauen‘.

Und recht besehen reichen auch die mathematischen Formeln gar nicht bis in den Urknall hinein, sondern immer nur bis ganz kurz – ‚unendlich nah‘ – davor. Drinnen lässt sich nicht einmal mehr etwas denken. Aber dass es in der Sekunde – oder Nanosekunde – davor Nichts gegeben haben sollte, können wir schon gar nicht denken, weil wir uns dabei… nichts vorstellen können.

im Sommer 2013

 

Freitag, 6. September 2013

Das Mysterium der Symbolisierung.

Das Wunder ist, dass wir Sachen begreifen, die wir uns nicht vorstellen können.

Im bloßen Begriff geht der anschauliche Anteil der Vorstellung verloren. Das stammt offenbar aus der Reflexion. In der Reflexion unterscheidet der Vorstellende sich-selbst von seiner Vorstellung; und die Vorstellung von ihm-selbst. Nicht nur das Subjekt wird verselbständigt, sondern sein Objekt: Im Vorstellen sind Ich und das Vorgestellte noch ungeschieden. Im Vorstellen2 des Vorstellens1  verdreifacht sich die Vorstellung: in das Vorgestellte, in den Vorstellenden und in den Vorstellungsakt – als dem tätigen Verhalten des einen zum andern. Dabei müssen die Anschauung als das Was und der Anschauende als der Wer der Vorstellung verloren gehen (können) und das Wie des Vorgestellten sich verselbständigen (können).

Der springende Punkt ist offenbar die Symbolisierung – als der Sprung aus dem analogen in den digitalen Modus der Repräsentation. Sie entsteht bereits im Übergang vom unmittelbaren Anschauen zum Wieder-Hervorholen aus dem Gedächtnisfundus; das nämlich so lange prekär und zufällig blieb, als der Gedächtnisspeicher nicht geordnet war. Wie soll ich eine gehabte Anschauung wiederfinden in all dem Chaos, ohne einen hervorstechenden Anhaltspunkt? Das ist schwerer als ein Element in einem tausendteiligen Puzzle aufzufinden, von dem ich immerhin Größe und Umriss kenne.

Ob das Symbolisieren eher aus der Vorratshaltung oder eher aus den Erfordernissen der Mitteilung entstanden ist, ist unerheblich, weil die selber mit- und auseinander entstanden sein werden. Man könnte annehmen, dass die ersten Symbolisierungen aus dem Herausgreifen besonders augenfälliger ‚Aspekte‘ hervorgegangen sind, die so zu Merkmalen werden – immer noch im analogen Modus.

Der Übergang zum bloßen Zeichen ohne anschaulichen Nachahmungsanteil macht die Digitalisierung der Vorstellung in specie aus. Es handelt sich offenbar um Lautzeichen, um Wörter; um die Entstehung der Sprache. Denn zwar nicht für das Vorstellen selbst, aber sehr wohl für das diskursive Denken in Begriffen, das notfalls ohne jedes anschauliche Residuum auskommt, ist die Ausbildung von Sprachen die Bedingung: eines artikulierten Systems, eines „Spiels“ mit vereinbarten Figuren und Regeln. 

Wobei die Anschauung offenbar nicht wirklich verloren geht, sondern nur einstweilen abgelegt wird – in den Gedächtnisspeicher, wo es aufgehoben ist und aus dem es durch Aufrufen des zugeordneten digits zu jeder Zeit reaktiviert und vergegenwärtigt werden kann.

*

Der Übergang vom analogen in den digitalen  Modus bleibt das eigentliche Mysterium des Geistes – von dem wir allerdings wissen, dass es wirklich stattgefunden hat. Der Schritt vom Lautzeichen zum Schriftzeichen und vom Wortzeichen zum mathematischen Symbol erscheint demgegenüber nur als die geschäftsmäßig Leistung eines tüchtigen Handwerkers. Auch das Übersetzen ganzer Operationsstränge in mathematische Formeln bleibt in diesem Rahmen.

Anschauung ohne Begriff sei blind, meinte Kant, aber Begriffe ohne Anschauung seien leer. Das bezog sich auf die Philosophie der Wolffs und Baumgartens, der er selber angehangen hatte und die so verfuhr, als wenn eine Sache schon verstanden sei, wenn man nur ein Wort durch so und so viele andere ‚definiert‘ hatte; und die arglos darauf vertraute,  aus dem Kombinieren von Begriffen materiale Erkenntnisse synthetisieren zu können.

Nicht gedacht hat er an die moderne Physik, die sowohl im Makro- wie im Mikrobereich in mathematischen Formeln Sachverhalte beschreibt, die als wirklich gelten, bei denen sich aber niemand mehr etwas vorstellen kann, weil sie jenseits unserer Anschauungsmöglichkeiten liegen. Und es lassen sich daraus operativ Hypothesen entwickeln, die ihrerseits durch Experimente verifizierbar sind: Es lässt sich aus Begriffen materiales Wissen konstruieren! Allerdings immer nur mittelbar, durch Rückschluss; nie direkt.

Vorstellen können wir uns nur einen Raum mit drei Dimensionen – und die Zeit gesondert daneben. Ein vierdimensionales Raum-Zeit-Kontinuum können wir im Begriff denken; aber wenn es sich einer vorstellen will, muss er hilfsweise auf ganz unzulängliche Analogien aus unserer dreidimensionalen Anschauung zurückgreifen. Dem theoretischen Physiker unserer Tage wird das Operieren mit mathematischen Symbolen und Formeln so geläufig geworden sein, dass er sich darin zu Hause fühlt und meint, er könne sich ‚dabei was vorstellen‘. Doch dann müsste er es einem Außenstehenden veranschaulichen können. Und das geht mit einem Partikel, das zugleich, aber ebenso ausschließend eine Welle ist, genau so wenig wie mit einem Raum, der selber Zeit ist.

Hier wird als Begriff im Gedächtnisspeicher etwas abgelegt, dem nie ein anschauliches Substrat zugrunde lag. Es werden begriffliche Kombinationen der ersten Ordnung in mathematische Formeln gefasst und durch einen Begriff zweiter Ordnung ausgezeichnet, durch den sie ihrerseits abrufbar sind. Aber eine Anschauung, so residual sie sei, schiebt sich nicht dazwischen. Da wird nichts vorgestellt.

*

Wenn Ihnen einer sagt, er könne sich unterm Urknall etwas vorstellen, erliegt er einer Täuschung. Er hat an die Stelle einer mathematischen Formel ein mythisches Bild geschoben, und das ist allerdings anschaulich. Überführen können sie ihn, wenn Sie ihn auffordern, sich die letzte Sekunde  - oder Nanosekunde – vor dem Urknall vorzustellen. Da könnte er nämlich nur den flüchtigen Schatten von Gottvater ‚anschauen‘.

Und recht besehen reichen auch die mathematischen Formeln gar nicht bis in den Urknall hinein, sondern immer nur bis ganz kurz – ‚unendlich nah‘ – davor. Drinnen lässt sich nicht einmal mehr etwas denken. Aber dass es in der Sekunde – oder Nanosekunde – davor Nichts gegeben haben sollte, können wir schon gar nicht denken, weil wir uns dabei… nichts vorstellen können. 

Foto: Walter Babiak, pixelio.de 

Nachtrag.

Inzwischen neigen die Hirnforscher zu der Annahme, dass buchstäblich alles, was erlebt wurde, im Gedächtnis gespeichert wird. Der springende Punkt bei der Gedächtnisleistung ist nicht das Ablegen, sondern das Wiederfinden der 'Information'; also die Differenziertheit und Übersichtlichkeit des Verzeichnisses und die Geschicklichkeit in seiner Nutzung. Erst die Symbolisierung bringt in das Erinnern System und Absicht. Andernfalls bleibt es dem Zufall überlassen - wie etwa im Traum. 

Sonntag, 28. Januar 2018

Die intelligible Welt. (Was ist ewig?)



Dieser Satz, den ich eben schreibe, hat seine Bedeutung "an und für sich"; unabhängig davon, ob ich ihn schreibe; und davon, ob einer ihn liest und seinen Sinn "realisiert". Und wenn dies Büchlein verbrannt würde, "gäbe" es den Satz in dem, was er bedeutet, immer noch. Ja selbst wenn er nie gedacht worden wäre und niemals gedacht werden wird, "ist" er doch - allerdings nicht "da", denn so wenig wie eine Zeit hat er einen Ort. Ewig selbst wenn nie, überall selbst wenn nirgends. 

Das ist überhaupt die einzige 'Ewigkeit', die einzige Ubiquität: Gedanke.* Denken ist das, was schlechterdings außerhalb von Ort und Zeit "ist". Ja überhaupt durch das außer-Ort-und-Zeit-Sein des Denkens sind Ort und Zeit erst "gegeben". 'Gegenständlichkeit' wird als solche erst durch die Verselbständigung ihres 'Sinns' zu einem Gedanken.

*) das, was im realen Denken gemeint ist. Es ist das schlechterdings Objektive.

aus e. Notizbuch, 9. 8. 03


Denken, meinen, vorstellen, dafürhalten... - das ist alles dasselbe. Das Objektive ist das Gemeinte. Aber es "ist" nur virtuell, auf Abruf: wenn jemand es meint.
 
30. 12. 14 


Das alles ist die 'Eigenschaft', vorstellbar zu sein. Die hat der Blödsinn freilich auch. Ist die Eigenschaft, wahr (oder Blödsinn) zu sein, ebenfalls ewig? Den Unterschied zu bestimmen ist Sache der Vernunft. Die ist so ewig wie die Vernünftigen. Die sind einmal 'zur Welt gekommen'. Dass sie für alle Ewigkeit die Welt wieder verlassen, ist nicht vorstellbar - weil eine Ewigkeit sich nicht vorstellen lässt. 

Das ist ein dürftiger Trost. Ein langes Stück von der Ewigkeit - jedenfalls länger, als wir alle leben - lässt sich sehr wohl vorstellen.

Oder so: Wenn ich mir eine Vorstellung vorstelle, kann ich sie mir nur jenseits von Raum und Zeit vorstellen. Doch ich selber darf Raum und Zeit nicht verlassen, denn wenn ich es tue, kann ich nicht nicht zurück und kann mir nichts mehr vorstellen. Ich kann aber aufs Vorstellen und schon gar aufs Vorstellen des Vorstellens in einem Raum und einer Zeit auch verzichten.




Dienstag, 17. Juni 2014

Wie Vaihingers 'Philosophie des Als-Ob' entstand.


von HANS VAIHINGER, 1852 - 1933
 
... Schillers philosophische Abhandlungen waren mir freilich noch zu schwer; aber verständlich und von großem Einfluß auf mein Denken war mir die Lehre Schillers vom Spieltrieb, als dem Grundelement des künstlerischen Schaffens und Genießens: denn im Spielen erkannte ich später das Als-Ob, als den treibenden Kern des ästhetischen Tuns und Schauens.

... Mit nichts zu vergleichen aber ist der Eindruck, den KANT auf mich gemacht. Er war mir in jeder Hinsicht ein Befreier, ohne mich zu binden. Die kühne Lehre von der Idealität des Raumes und der Zeit befreit immer den Geist von der Unmittelbarkeit, von dem Druck der materiellen Welt, auch wenn man bald erkennt, daß sie in dieser Form auf die Dauer nicht haltbar ist. Was mich aber am meisten faßte, das war die Entdeckung KANTs von den Widersprüchen, in welche das menschliche Denken verfällt, wenn es sich in das Gebiet der Metaphysik wagt: diese Antinomienlehre KANTs war von tiefgehendem Einfluß auf mich. Neben dieser Begrenzung des Wissens auf die Erfahrung war mir noch ein Gewinn die Kantische Erkenntnis, daß das Praktische, das Handeln den ersten Rang einzunehmen habe, also der sog. Primat der praktischen Vernunft. Dies sagte meinem innersten Wesen besonders zu.

So war es denn natürlich, daß die Systeme von FICHTE, SCHELLING, HEGEL mich trotz ihrer großartigen Architektur und trotz ihrer großzügigen Gedankenführung nicht auf die Dauer fesseln konnten, obgleich ich, gemäß dem Lehrplan des Tübinger Stifts, mich gerade an diesen drei Systemen ganz besonders vertraut machte. Auch an FICHTE gefiel mir aber die Bevorzugung des Praktischen und an HEGEL seine Lehre vom Widerspruch und von dessen Bedeutung für das natürliche Denken und für die Wirklichkeit.

Der offizielle Lehrplan führte nun von dem "deutschen Idealismus" FICHTES, SCHELLINGS und HEGELS direkt zu SCHLEIERMACHER. Es war ein ganz persönliche Abweichung von diesem normalen Lehrgang, daß ich mich nun zu SCHOPENHAUER wandte, denn dieser war bis dahin ignoriert, ja verpönt. Aber die damals großes Aufsehen machende "Philosophie des Unbewußten" von E. von HARTMANN, die freilich auch für das Stift offiziell nicht vorhanden war, die ich aber natürlich mir verschafft hatte, wies ja auf SCHOPENHAUER zurück, der auch sonst überall in der Literatur viel genannt wurde. So ging ich an die Quelle und studierte SCHOPENHAUER gründlich und vollständig.

Mir gab SCHOPENHAUERS Lehre Neues, Großes und Dauerndes: den Pessimismus, den Irrationalismus und den Voluntarismus. Der Eindruck, den dies auf mich machte, war zwar nicht extensiv, aber intensiv noch größer, als der von KANT ausging. Um dies zu erklären, muß ich etwas weiter ausholen.

In allen Systemen der Philosophie, die ich bis dahin kennengelernt hatte, war das Irrationale der Welt und des Lebens nicht oder wenigstens ganz ungenügend zur Geltung gekommen: das Ideal der Philosophie war ja eben, alles rationell zu erklären, d.h. durch logisches Schließen als rational zu erweisen, d.h. als logisch, als sinnvoll, als zweckmäßig. Diesem Ideal war die Hegelsche Philosophie am nächsten gekommen, die immer noch als Höchstleistung der Philosophie galt. Dieses ganze Erkenntnisideal hatte mich aber unbefriedigt gelassen: ich hatte einen viel zu scharfen und offenen Blick für das Irrationale, sowohl in der Natur als in der Geschichte.

... empfand ich es als einen Mangel an Aufrichtigkeit, daß die meisten Systeme der Philosophie das Irrationale mehr oder minder zu vertuschen suchten. Nun trat mir zum erstenmal ein Mann entgegen, der offen und ehrlich die Irrationalitäten anerkannte und in seinem philosophischen System zu erklären versuchte.

So erschien mir SCHOPENHAUERs Wahrheitsliebe als eine Offenbarung. Seinen metaphysischen Konstruktionen folgte ich nicht, da mir ja von KANT her die Unmöglichkeit aller Metaphysik einleuchtend erschien. Aber was an der Lehre SCHOPENHAUERs empirisch sich mir bestätigte, wurde mir zu dauerndem Eigentum und fruchtbarem Antrieb, besonders soweit es sich mit der damals im Vordergrund stehenden Entwicklungslehre und mit der Theorie vom Kampf ums Dasein verbinden ließ bzw. berührte.

Daß mir bei KANT und bei FICHTE die Voranstellung des Praktischen besonders gefiel, habe ich schon erwähnt. Bei SCHOPENHAUER fand ich dieselbe Tendenz, aber viel klarer, viel stärker, viel umfassender. Jetzt wurde nicht die in der Luft schwebende "praktische Vernunft" in den Vordergrund gestellt, sondern das empirisch psychologische Element des "Willens". Damit erschien mir vieles bisher Unerklärliche erklärt oder wenigstens erklärbar.

Was mir besonders einleuchtete, das war der Nachweis, daß das Denken ursprünglich nur dem Willen dient, als Mittel zu seinen Zwecken und daß das Denken erst im Laufe der Entwicklung sich von der Leitung des Willens emanzipiert und zu einem Selbstzweck wird. Schon SCHOPENHAUER selbst zeigte, daß das Gehirn bei den Tieren ursprünglich ganz klein sei, aber dann auch gerade als Organ zur Ausführung der Willenszwecke genüge, daß es aber bei den höheren Tieren und besonders bei den Menschen eine geradezu unverhältnismäßiges Wachstum angenommen habe. Die gleichzeitige Ausbildung der Darwinschen Entwicklungslehre bestätigte diese Auffassung SCHOPENHAUERs, die mir eine Grundeinsicht in die Wirklichkeit gab.

... Das Denken, das ursprünglich dem Willen diente und sich nachher zum Selbstzweck aufschwingt, war nur der einleuchtendste Spezialfall eines ganz allgemeinen Naturgesetzes, das im ganzen organischen Leben und in der Geschichte sich überall und immer aufs neue bestätigt. ...

Jene Schopenhauersche Lehre, daß das Denken von Hause aus ein unselbständiges Mittel zum Zweck des Lebenswillens sei und sich nur sozusagen widerrechtlich zu einem Selbstzweck entwickelt habe, rundete sich nun für mich mit der Lehre KANTs zusammen, daß das menschliche Denken an bestimmte Grenzen gebunden sei und daß ihm metaphysische Erkenntnis unmöglich sei. Diese Begrenzung der menschlichen Erkenntnis auf die Erfahrung, die KANT immer und immer wieder betont, erschien mir nun aber nicht mehr als beklagenswerter Mangel des menschlichen Geistes gegenüber einem eventuell höheren Geiste, der nicht an jene Grenzen gebunden sei, sondern jene Begrenzung der menschlichen Erkenntnis ergab sich mir nun als eine notwendige und natürliche Folge jenes Umstandes, daß ja Denken und Erkennen ursprünglich nur Mittel zur Erreichung des Lebenszweckes sind, daß also ihre Verselbständigung eine Losreißung von ihrem ursprünglichen Zweck bedeutet, und daß also das Denken durch jene Losreißung sich unerfüllbare Aufgaben stellt, Aufgaben, die nicht bloß dem menschlichen Denken unerfüllbar sind, während sie einem höheren Denken erfüllbar wären, sondern Aufgaben, die jedem Denken als solchem in sich und an sich unmögliche Leistungen zumutet. Diese Einsicht ist eine der festesten Grundlagen meiner Weltanschauung geworden, die von jener Zeit an in mir wuchs und sich mit den Jahren immer klarbewußter herauskristallisierte.

Noch ein weiterer mächtiger Einfluß, der in derselben Linie arbeitete, machte sich um jene Zeit zwischen 1872 und 1873 geltend. Es fiel mir das Buch von ADOLF HORWICZ in die Hände, "Psychologische Analysen auf physiologischer Grundlage". HORWICZ legte in diesem Werke der ganzen Psychologie das sogenannte Reflexschema zugrunde: Gefühlseindruck infolge von Reizen - Vorstellungen und weiterhin Denken - Ausdrucksbewegung und Willenshandlung.

Die einfachsten Reflexe sind Bewegungserscheinungen infolge von Reizen. Diese Reize müssen schon elementare Gefühle zur Folge haben, die dann eben entsprechende Bewegungen auslösen, die den elementarsten Anfang von Willenshandlungen darstellen. Zwischen jenen Eindrücken einerseits und dem Bewegungsausdruck andererseits schieben sich nun zuerst elementare, dann immer kompliziertere Vorstellungen ein, die in ihrer höchsten Vollendung als Denkvorgänge bezeichnet werden.

So erscheint denn das Vorstellen und weiterhin das Denken als ein bloßes Verbindungsglied,* als eine Vermittelung zwischen Eindruck einerseits und Ausdruck andererseits. Diese von HORWICZ sehr sorgfältig und sehr umsichtig durchgeführte Lehre stimmte nun ja sehr gut zu jener mir von SCHOPENHAUER überkommenen Auffassung, daß das Denken ursprünglich nur Mittel zum Zweck des Willens sei und beides stimmte zusammen mit jener von KANT herübergenommenen Überzeugung vom Primat des Praktischen.



*) vgl. Ernst Cassirer, bei dem zwischen Jakob von Uexkülls Merknetz und Wirknetz das dem Menschen spezifische Symbolnetz tritt. JE

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aus "Hans Vaihinger" in: Raymund Schmidt (Hrsg.), Die deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Leipzig 1924

Nota. 

Da will ich denn auchmal etwas Biographisches erzählen. 

Nein, ich bin weder von Fichte zu Vaihinger noch von Vaihinger zu Fichte gekommen. Nach einem wie Fichte, der mir erlaubte, beim Studium von Marx mir die Hegel'sche Substanz vom Hals zu schaffen, hatte ich schon lange gesucht; vergeblich. Auf Vaihinger bin ich nicht aus philosophischen, sondern aus beruf- lichen Motiven gestoßen, als ich mir nämlich mit Alfred Adlers pragmatischer Charakterkunde gerade das Freud'sche Wahnsystem vom Hals geschafft hatte. Die Bekanntnschaft mit Vaihinger hat es mir allerdings leichter gemacht, Fichte, als ich ihn dann doch gefunden habe, als den zu erkennen, nach dem ich gesucht hatte.
JE 

Sonntag, 20. August 2017

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