Freitag, 12. Januar 2018
Meine Vernünftigkeit setzt die Vernunft der Andern voraus.
Der Grund der Unmöglichkeit, das Selbstbewusstseyn zu erklären, ohne es immer schon als vorhanden voraus- zusetzen, lag darin, dass um seine Wirksamkeit setzen zu können, das Subject des Selbstbewsstseyns schon vor- her ein / Object, bloss als solches, gesetzt haben musste; und wir somit immer aus dem Momente, in welchem wir den Faden anknüpfen wollten, zu einem vorherigen getrieben wurden, wo er schon angeknüpft seyn musste.
Dieser Grund muss gehoben werden.
Er ist aber nur so zu heben, dass angenommen werde, die Wirksamkeit des Subjects sey mit dem Objecte in einem und demselben Moment synthetisch vereinigt; die Wirksamkeit des Subjects sey selbst das wahrgenommene und begriffene Object, das Object sey kein anderes, als diese Wirksamkeit des Subjects, und so seyen beide dasselbe. ...
Beide sind vollkommen vereinigt, wenn wir uns denken / ein Bestimmtseyn des Subjects zur Selbstbestimmuung, eine Aufforderung an dasselbe, sich zu einer Wirksamkeit zu entschliessen.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 31ff.
Nota. - Die Vernünftigkeit der Individuen ist nicht zu begreifen, ohne dass ich eine 'Reihe vernünftiger Wesen außer mir' als historisch gegeben voraussetze. Das bürgerliche Subjekt ist nicht vorstellbar ohne die bürgerliche Gesellschaft; das Ich nicht ohne die Welt.
JE
Donnerstag, 11. Januar 2018
Analog anschauen, digital repräsentieren, II.
Der analoge Modus ist der Modus der Anschauung. Er ist nicht "positiv": Positiv ist erst das Setzen - positio - eines Was als Dieses. Um das Erscheinende der Anschauung als ein Dieses zu fassen, bedarf es der Verneinung; determinatio est negatio. Es müsste gefasst werden als 'nicht-alles-Andere'. Das lässt sich nicht anschauen, weil es das Paradox einer 'unendlichen Menge' ist: Das Unendliche lässt sich nicht anschauen. Es muss verendlicht werden zu 'nicht-Dieses'. - Also ist das Was der Anschauung selber zu bestimmen: Das Dieses muss selber 'ge- fasst' werden: Es muss 'vorgestellt' werden; durch Negation, d. h. Übergang in den digitalen Modus. Die Vorstel- lung ist die (qua Negation) digitalisierte Anschauung.
Das Tier kann anschauen,* aber
mangels Digitalisierung nicht vorstellen.
2. 11. 08
*) (nicht in transzendentaler Bedeutung.)
Nota. - Fichte gebraucht 'vorstellen' in einem unspezifischen, generischen Sinn. Dass die Anschauung nur Bilder sieht, ist ihm klar, aber noch nicht der Gegensatz analog/digital; so dass, wo er vom Begriff spricht, dessen Zeichenhaftigkeit (die seine diskursive Verknüpfung ermöglicht) nicht mitgemeint ist. 'Begriff' ist für ihn eine Tätigkeit, die 'als ruhend angeschaut' wird.
Mittwoch, 10. Januar 2018
Einbildungskraft.
Dieser
Wechsel des Ich in und mit sich selbst, da es
sich endlich und unendlich zugleich setzt - ein Wechsel, der gleichsam in einem
Widerstreite mit sich selbst besteht, und
dadurch sich selbst reproduziert, indem das Ich Unvereinbares
vereinigen will, jetzt das Unendliche in die
Form des Endlichen aufzunehmen versucht, jetzt, zurückgetrieben, es wieder
außer derselben setzt, und in dem nämlichen Momente abermals es in
die Form der Endlichkeit aufzunehmen versucht - ist das Vermögen der Einbildungskraft.
__________________________________________________________ J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 215
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.
Dienstag, 9. Januar 2018
Circulus in demonstrando.
Hat sie selber also keinen Gehalt? Doch, denn ihre Zirkularität bewährt immer wieder ihre Prämisse. Die ist ihr ganzer Gehalt, das stimmt.
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Montag, 8. Januar 2018
Wozu braucht man die Wissenschaftslehre?
sissel
Der Mensch kommt nicht vernünftig zur Welt. Aber er kommt in eine Welt. Dort hat er Erlebnisse aller Art, Erfahrungen, wie er später sagen wird. Was die Welt auszeichnet vor andern Orten, an die er kommen könnte, ist, dass die Dinge, die darin vorkommen, Bedeutungen haben; manche deutliche, manche weniger deutliche, und von manchen kann man sie nicht einmal erkennen.
Die Bedeutungen, die die Dinge in der Welt haben, werden ihm mitgeteilt von den Mitmenschen, die er vorfin- det. Die Mitmenschen und die Bedeutungen der Dinge sind im wirklichen Erleben fast dasselbe; er kennt die einen nur, weil er die andern kennt, und wenn er mit jenen auskommen will, muss er ihre Bedeutungen teilen. Misshelligkeiten kommen vor, aber schließlich geht es doch immer weiter.
So macht jeder seinen Weg, der eine rasch und gradlinig, der andere mühsam und auf Umwegen; der eine erlebt viel, der andere weniger, dem einen bedeutet's wenig, dem andern allerhand. Jedenfalls verkehren sie alle mit einander schlecht oder recht, denn sie sind alle vernünftige Leute, und wen er nicht zu diesen zählt, dem geht er aus dem Weg; es sei denn, es sind Neulinge in der Welt, wie er einer war; die nimmt er bei der Hand und zeigt ihnen die Welt, so gut ers versteht.
Das ist Vernunft.
Was ist sie? Man kann beobachten, was sie treiben, es notieren, auf Listen sammeln und zu Statistiken fügen. Da wird man aber nur Beschreibungen zustandebringen, und am Ende steht immer bloß: Irgendwie kommen sie doch wieder zusammen, wenn auch vorher Mord und Totschlag war. Was es aber ist, das sie bei all ihren Gegensätzen letzten Endes zusammenhält, wird durch bloßes Sammeln von Erfahrungsdaten nie ersichtlich werden. Man wird ein Modell entwerfen müssen; das nimmt man als ein Schema, das man an das wirkliche Geschehen heranhält und Vergleiche zieht: Passt oder passt nicht?
Ob es aber passt oder nicht, entscheidet nicht allein über die Tauglichkeit des Modells. Entscheidend ist, ob das Modell auch einen guten Sinn in das Geschehen bringt. Das allerdings ist keine theoretische Frage nach der Pass- genauigkeit, sondern eine praktischen Frage nach dem guten Zweck. Und es findet sich womöglich, dass nicht alle Zwecke für ein Modell der Vernunft taugen.
15. 1. 17
Sonntag, 7. Januar 2018
Der Sinn der Welt, II.
Der Sinn der Welt ist, dass Vernunft in ihr verwirklicht wird.
Das sagt über die Vernunft fast mehr als über die Welt.
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Ist
es nicht merkwürdig, dass für die Philosophie Vernunft schon so lange
kein Thema mehr ist? Am Beginn des modernen Zeitalters war sie ihr
Anfang und ihr Ende.
31. 8. 13
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31. 8. 13
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Samstag, 6. Januar 2018
Der Sinn der Welt, I.
photoseed
Die Welt selbst hat keinen Sinn. Umgekehrt. Indem ich [ihnen] einen Sinn [hinzu] erfinde, wird aus den Erscheinungen überhaupt erst eine Welt, und wenn nicht, dann nicht. Kann ich es also auch bleiben lassen?
Die Welt wird erst, indem ich ihr einen Sinne an-erfinde. Der Sinn der Welt ist, dass ich in ihr mein Leben führen muss. Auf einen Sinn der Welt kann ich nicht verzichten, ich verzichtete denn darauf, mein Leben zu führen. Das Paradox: Ich mag wohl mein Leben nicht führen (sondern, sagen wir, mein Bedürfnis befriedigen). Allerdings kann ich mein Leben nicht nicht-führen wollen. Sobald ich will (und sobald ich überhaupt Ich denke), setze ich voraus, dass da ein Sinn ist; und ich ihn realisiere, indem ich etwas will.
Ob das Leben einen Sinn hat, ist das pari von Pascal. Ich werde es darauf ankommen lassen müssen. Indem ich nach einem Sinn (überhaupt erst) frage, habe ich den Hauptteil der Antwort schon mitgegeben. Und andersrum: Der Sinn des Lebens besteht darin, dass ich nach ihm frage (und sobald ich mich bei einer Antwort beruhige, habe ich ihn schon wieder verloren).
aus e. Notizbuch, 11. 9. 03
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