Samstag, 6. Dezember 2014

Der Ur-Heber und sein Grund.


Giambologna

Eigentlich reicht es, das Wort richtig auszusprechen, um die schiefe Vorstellung zu veranschaulichen, die dahinter steckt. Ein Grund - der feste Punkt, von dem aus ein Archimedes die Welt aus den Angeln heben kann - musste zuvor gesichert sein; erst darauf konnte der Ur-Heber auftreten, der Alles in Bewegung setzte.

aus e. Notizbuch


Dem Echten Giambologna - das oben ist die Nachzeichnung einer Kopie - blieb die Absurdität des Bildes nicht verborgen; denn darstellen wollte er Merkur, wie er leichthin in den Lüften schwebt. Er selbst war als Sterblicher aber den Gesetzen der Schwerkraft unterworfen und musste seinen Merkur auf ein Fundament setzen. Da ist ihm nichts besseres eingefallen, als ihm einen pausbäckigen Bläser zu Grunde zu legen, auf dessen Puste er beruhen konnte.



Freitag, 5. Dezember 2014

Das Ding-an-sich stammt aus einer übersinnlichen Anschauung.



Es sind die Absichten der Menschen, an denen die Eigenschaften der Dinge aufscheinen.

*

Dieser Eintrag ist ein Witz. Wenn ich mir von der Erscheinung alles wegdenke, was in irgendeinem Verhältnis zu meinen Absichten stehen könnte, dann bleibt übrig... die Erscheinung. Also immerhin alles, was - "absichts- los" - mein Sehen, Hören, Riechen, Fühlen, Schmecken affizieren könnte. Es  bleibt immer zurück - die ästhe- tische 'Seite'. 


Wenn ich von der auch noch abtsrahiere, abstrahiere ich von der Erscheinung selbst. Übrig bleibt nicht ein Ding-an-sich, das dadurch 'bestimmt' wäre, dass es "keiner Erfahrung zugänglich ist"; sondern: kein Ding. 

Und tatsächlich beruht die Annahme, dass das Ding 'da ist', bevor und ohne dass ich eine Absicht auf es richtete, auf bloßer "Betrachtung"; gr. theôria, seit Plotin als Gegensatz zur prâxis aufgefasst.*

aus e. Notizbuch, im Herbst  08


*) Eine übersinnliche Anschauung, wenn ich mir diesen Ausdruck erlauben darf. In dem Maße, wie sich die Bedeu- tung von 'Praxis' im Laufe der bürgerlichen Jahrhunderte hin zur Technik verschoben hat, wurde auf der andern Seite 'Theorie' immer mehr mit Absicht aufgeladen - und mit Kalkül gleichgesetzt.



Donnerstag, 4. Dezember 2014

Der Grund der Gestalt.


9/11

Der Grund ist auch ohne Gestalt da. Nicht als solcher, aber er ist. Wie ein Satz ohne Prädikat.

Die Figur ist aber nicht ohne einen Grund da. Sie mag sich einbilden, der Grund sei lediglich "um ihrer willen"  vorab schon da gewesen. Aber das kann sie sich erst post festum einbilden, nicht ex ante. Die Figur ist vielleicht nicht wegen des Grundes da; aber immer erst nach ihm. Die Gestalt entsteht, wenn sich auf dem Grund eine Figur heraus bildet.

In der Logik taucht der Grund als causa efficiens auf. Sollte man auch in der Logik den Grund in 'gestaltlichem' Sinn auffassen?

aus e. Notizbuch, Herbst 08                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             
Nota.Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.                                                                      

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Die Vordringlickeit des Realismus.



Wissen ist Einsicht in die Bedeutungen der Erscheinungen. Die gnoseologische Grundfrage: Ist die Einsicht eine Subjektivieren eines Objektivums (Wesen) oder das Objektivieren eines Subjektivums (Intention)?

[Im scholastischen Vokabular: 'Intentio' ist 'Bedeutung'.]

Es trifft sich, dass die 'objektivistische' Antwort zugleich eine ontologisch-metaphysische ist. Sie fällt doppelt ins Gewicht.

aus e. Notizbuch, 3. 9. 07




Die kritische oder transzendentale Auffassung ist im wirklichen Leben gar nicht zu gebrauchen. In seinem Alltag bemüht sich auch der Philosophierende, sein Wissen den Dingen anzugleichen. Die eine Auffassung ist wahrer, die andere wirklicher, und die wirklichere hat mehr Recht. 





Dienstag, 2. Dezember 2014

Die Welt ist ein Geistesprodukt; darum zerfällt sie in zwei Sphären.



Geist nennen wir den Umstand, dass wir die Dinge nicht als solche wahrnehmen, sondern immer schon in ihrer Bedeutung. Auch die Tiere leben nicht zwischen lauter Dingen, sondern in einem Raum voller* Bedeutungen. Doch sind ihnen diese durch ihre Umwelten vor-gegeben. Der Mensch hat seine geschlossene Umwelt zugunsten einer offenen Welt verlassen, in die er Bedeutungen erst hinein-erfinden musste. Geist ist die Kompensation dieses Verlustes.

Da wir in dieser unseren Welt - gleiche oder konkurrierende - Zwecke verfolgen, müssen wir uns verständigen. Darum haben wir unsere shared significations in einem "Symbolnetz" festgehalten. Aber in meiner eigenen Welt kenne ich Bedeutungen, die ich nicht teilen muss. Der reelle Ursprung Unserer Welt ist Meine Welt; der logische Ursprung Meiner Welt ist Unsere Welt - soweit unsere Begriffe reichen. Darunter beginnt das Feld der Transzendentalphilosophie. Es ist das Reich der produktiven Einbildungskraft.

aus e. Notizbuch, 20. 5. 07


*) Im Wortsinne ist er voll von Bedeutungen, es ist keine Stelle leer! Was immer das Tier in seiner Umwelt antrifft, hat für es eine Bedeutung; denn was keine solche hat, 'begegnet' ihm vielleicht, aber das merkt es nicht.
im Dez. 14

Montag, 1. Dezember 2014

Das poietische Vermögen.



'Der Mensch hat mit seinem Ausbruch in eine fremde Welt die Vorbestimmtheit alles ihm Erscheinenden verloren: Ihm "erscheint" auch das, was für Stoffwechsel und Fortpflanzung ... ohne Bedeutung ist. Er muss Dinge selbst-bestimmen. Zuerst, ob sie für Stoffwechsel und Fortpflanzung 'in Frage kommen'. Von ihm fordert jede Erscheinung ein Urteil. Das ist die Grundbedingung des Existierens in einer Welt. Das Urteilen ist: im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung.' 

So habe ich gestern aus einem Notizheft zitiert und auf den ursprünglich ästhetischen Charakter des Urteilens hingewiesen: 'Beifall und Missbilligung erfolgen nämlich einstweilen versuchsweise: 'Ob es was taugt?' - 'Mal sehen, zu was.''

*

Ich hole aus.

'Beifall und Missbilligung' - damit kennzeichnet der Fichte-Schüler Herbart, der früh mit der Transzendental- philosophie gebrochen hat, um zu den Eleaten (und eigentlich auch Leibniz) zurückzukehren, die Besonderheit der ästhetischen Urteilensweise. - Wie ein Kantianer unterscheidet er das Wissen nicht nach seinen Gegen- ständen, sondern nach der Art und Weise, wie es zustandekommt. Und zwar unterscheidet er Metaphysik und Ästhetik. Metaphysisch ist alles Wissen, das durch das An- und Verknüpfen von Vorstellungen zustandekommt; also das ganze Feld des diskursiven Denkens. Ästhetisch nennt er jene Vorstellungen, die notwendig unmittel- bar mit einem Gefühl des Beifalls oder der Missbilligung begleitet sind. Ästhetische Vorstellungen im Bereich der Willensakte nennt er ethisch, Ethik ist ein Teilbereich der Ästhetik. - Dass er Fichte-Schüler war, ist kaum zu überhören, wenn er es selber auch nicht wahrhaben wollte.

Zurück zum Ur-Sprung der Menschwerdung. Der Mensch, der die Selbstverständlichkeiten seiner Urwald- nische hinter sich gelassen hatte, musste fragen. Die Frage 'Ist es dies?' 'Ist es das?' kommt nie zu einem Ende, wo alles neu ist, wäre aber nur möglich, wenn die Erinnerungen an die verlassene Umwelt bestimmt wären, aber gerade das waren sie nicht - sondern selbstverständlich. 'Kann ich es essen, kann ich es trinken' - so wie noch heute der Franzose fragt - ist eine enge Fragestellung,  aber 'Dient es meiner Selbst- und Arterhaltung?' konnte er noch nicht fragen, doch selbst auf die Frage nach der Genießbarkeit gab es nur eine Antwort: Du musst es versuchen. 

Die Versuchung ist es, die Beifall oder Missbilligung heischt, nicht das Ding. Die Frage, ob man's wagen soll, lässt sich aus Begriffen (noch) nicht entscheiden, sie muss intuitiv gefunden werden, in der Anschauung selbst. Es ist ein - ästhetisches Urteil.

* 

Das ist Anthropologie, nicht Transzendentalphilosophie. Aber sie steht unter der Aufsicht der Transzendental- philosophie. Sie hat nicht zu beweisen - aus welche Dokumenten denn ? -, weshalb dieses so und nicht anders kommen musste. Sondern sie muss ausschauen, ob Bedingungen gegeben sind, an die sie sinnvoll ihre Fragen stellen kann. Die Fragen kommen woher? Aus dem, was uns phänomenal als 'das Menschliche' vorliegt. Die Bedingungen, das ist das Wenige (das aber immer mehr wird), was uns die Paläontologie versichern kann.

Wir haben gedacht, das spezifisch Menschliche, das uns phänomenal vorliegt, sei die Intelligenz. Von der wissen wir inzwischen, dass sie reichlich auch überall im Tierreich schon vorkommt, unsere Vorsprünge sind überall nur graduell. Auch dass Versuchungen an uns treten, ist nichts Spezifisches. Das wird Tieren auch passieren, und da zeigt sich, dass schon bei ihnen persönliche Lebenserfahrung ein Rolle spielt. Ansonsten sind Versuchungen für das Tier wie eine Lotterie.

Aber der Mensch will spielen. Er sucht die Versuchung, er bleibt sein Leben lang neugierig wie sonst nur die Kinder, er steht allezeit vor der Frage, ob ihn das Abenteuer lockt oder die Gefahr ihn schreckt. Früher war er Jäger. In der Arbeitsgesellschaft konnte er das nicht bleiben, darum hat sie den Phänotypus des Künstlers her- vorgebracht. So kam das ästhetische Vermögen zu seinem vorläufigen Bestimmungspunkt.

Das ist die Frage und die Antwort.


Sonntag, 30. November 2014

Beifall und Missbilligung.


Moulin, Objet trouvé à Pompéi

In seiner Umwelt "erscheint" dem Tier nur das, was durch seinen Platz in der ökologischen Nische "für es bestimmt" ist: seinen Stoffwechsel und seine Fortpflanzung. Für das Tier sind Bedeutung und Erscheinung ungeschieden. Genauer gesagt, "für" das Tier ist nichts. Etwas ist "da" und damit basta.

Der Mensch hat mit seinem Ausbruch in eine fremde Welt die Vorbestimmtheit alles ihm Erscheinenden verloren: Ihm "erscheint" auch das, was für Stoffwechsel und Fortpflanzung (zu einem gegebenen Zeitpunkt) ohne Bedeutung ist. Er muss Dinge selbst-bestimmen. Zuerst, ob sie für Stoffwechsel und Fortpflanzung 'in Frage kommen'. Von ihm fordert jede Erscheinung ein Urteil. Das ist die Grundbedingung des Existierens in einer Welt. Das Urteilen ist: im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung. 

So tritt er in eine apriorischen Distanz zu allem Etwas. Was erscheint, wird zu 'etwas' erst in diesem distanzierenden Akt. (Der lässt sich prinzipiell umkehren: So kann er zu "sich" in Distanz treten und zu "ich" werden.)

Die Distanz zu Dingen setzt ihn in einen Zustand der Freiheit. Sie erzwingt Abstraktion und eo ipso Reflexion. Diese Distanz macht ihn zu einem ideellen, seine physische Organisation (Folge und Voraussetzung des zur-Welt-Kommens) setzt ihn in den Zustand eines sachlichen Produzenten. 

Die Erfahrung mögliches Überflusses setzt ihn in Lage, zu sich, das heißt zu seinem Bedürfnis, in Distanz zu treten.

aus e. Notizbuch, 13. 3. 07


"Im Wahrnehmen ipso actu entscheiden zwischen Beifall und Missbilligung" - da ist mir, ohne es recht zu bemerken, die anderwärts vergeblich gesuchte Herleitung unseres Geistes alias Einbildungskraft aus unserm ästhetischen alias 'poietischen' Vermögen unterlaufen. Beifall und Missbilligung erfolgen nämlich einstweilen versuchsweise: 'Ob es was taugt?' - Mal sehen, zu was.

Man muss nicht demonstrieren, dass es so kommen musste. Es reicht zu zeigen, weshalb es so kommen konnte.