Donnerstag, 8. Februar 2018

Absolut, aber historisch.


Australopithecus afarensis

Ist die Wissenschaftslehre eine Anthropologie?

Sagen wir mal so: Der Mensch, von dessen Geist die WL eine 'pragmatische Geschichte' erzählt, ist das auto- nome Subjekt der bürgerlichen Gesellschaft. Nicht immer hat ein Ich sich selbst gesetzt, indem es sich ein(em) Nicht-Ich entgegegesetzt hätte. Denn nicht immer hat sich ein Ich gesetzt. Unsere allerersten Vorfahren kannten, nachdem sie ihren Urwald verlassen hatten, außer ihrem Gruppen-Wir wohl nur ihr unmittelbarstes Bedürfnis.
 
11. 10. 13


Historisch und doch absolut? Dass das Ich als ein Absolutes gilt, ist etwas historisch Gewordenes.








Mittwoch, 7. Februar 2018

Es gibt nichts Unbestimmtes.


 
Das logisch Unbestimmte ist phänomenal (entwicklungsgeschichtlich, genetisch) ein Zubestimmendes; nicht unbestimmt, sondern bestimmt als ein mit einem Mangel Behaftetes. Es ist als Frage gegeben. Es begegnet nicht als etwas, das im allgemeinen Verweisungszusammenhang der Bedeutungen keinen Platz hat, sondern als eines, dessen Platz noch aufzufinden ist. Es ist (schon) eine Aufgabe.

Dem Tier begegnet in seiner geschlossenen Umwelt nichts schlechthin Bedeutendes, sondern immer schon ein Dieses-Bedeutendes. Was in seiner Umwelt nichts zu bedeuten hat, begegnet ihm nicht als unbedeutend, sondern begegnet ihm so-gut-wie-gar-nicht. Das Gesamt aller ihm möglichen Bedeutungen ist in seiner Umwelt, als seine Umwelt abgeschlossen. Es ist kein zu realisierender Verweisungszusammenhang, sondern realisiert sich selber als ein Dieses-hier-und-jetzt.

Der logischen Betrachtung erscheint das Reich der Bedeutungen als gegeben, der transzendentalen Betrachtung erscheint es als gemacht.

*

Was ist daran aber romantisch?

Dies: Das Schöne ist nach Kant das, was so aussieht, als ob es seinem Zweck vollends entspräche – ohne dass ein Zweck doch an ihm zu erkennen wäre.
 
Im Reich der Bedeutungen ist ihr Zweck immer das, was eine Sache zu 'dieser' bestimmen kann. Die ewige Sub- version des ästhetischen Phänomens – das, was das Reich der gefügten Bedeutungen allezeit unterwühlt – ist ja nicht, dass es keine Bedeutung hat, sondern dass es den Betrachter herausfordert, eine neue Bedeutung, einen noch ungeahnten Zweck zu erfinden, die das bewährte Gefüge der gegebenen Bedeutungen aus dem Gleichge- wicht bringen mögen. Und damit hat es nie ein Ende.


•Juni 13, 2010



 

Dienstag, 6. Februar 2018

Nach-gedacht.


J. Ribera, St. Peter

Es ist mir nicht entgangen, dass ich mich mit meinem Kommentar zum gestrigen Eintrag in einen Widerspruch mit mir selbst gesetzt habe. Ist das Ich als Idee der gemeinsame und verbindende Zweckbegriff sowohl meiner als auch unserer Welt, kann ich nicht aufrecht halten, dass Vernunft (und Recht) ihren Platz in unserer Welt haben, während Moralität eine Sache meiner Welt ist.

Zuerst ist zu spezifizieren: Wenn der unendliche Endzweck auch derselbe ist - so urteilt Vernunft doch aus Gründen und Schlüssen, während Moralität ihr Urteil aus einem "Affekt des Herzens" alias aus ästhetischer Anschauung trifft. Argumente und diskusive Demonstrationen kommen als moralische Vorhaltungen nicht in Betracht. Was an der Vernunft Verstand ist, ist in moralischer Betrachtung nicht am Platz. 

Aber zweitens ist im 'absoluten' Zweckbegriff zu differenzieren, was a priori ein Unding ist. Während das moralische Urteil das Ich als dieses, als empirisches Individuum im Blick hat und allein nach der Moralität seiner Handlung fragt, geht es bei den vernünftigen Urteilen in 'unserer' Welt allein um die Folgen dieser Handlung, und der Richtstuhl ist nicht das Ich als Individuum, sondern das Ich als Teil der intelligiblen Welt alias 'Reihe ver- nünftiger Wesen'. Umgagssprachlich unterschieden in 'Gesinnungsethik' und 'Verantwortungsethik'.

*

Damit ist die Frage nicht erschöpft, das gebe ich zu. Aber Sie sehen: Ich bin dran.




Montag, 5. Februar 2018

Vom Ich als Idee.


Mensi / pixelio.de

Das Ich als Idee, ist das Vernunftwesen, inwiefern es die allgemeine Vernunft teils in sich selbst vollkommen dargestellt hat, wirklich durchaus vernünftig und nichts als vernünftig ist; also auch aufgehört hat Individuum zu sein, welch/ches letztere es nur durch sinnliche Beschränkung war: ... Die Welt bleibt in dieser Idee, als Welt überhaupt, als Substrat mit diesen bestimmten mechanischen und organischen Gesetzen...

Die Idee des Ich hat mit dem Ich als Anschauung, nur das gemein, daß das Ich in beiden nicht als Individuum gedacht wird; im letzteren darum nicht, weil die Ichheit noch nicht bis zur Individualität bestimmt ist, im ersteren umgekehrt darum nicht, weil durch die Bildung nach allgemeinen Gesetzen die Individualität verschwunden ist. Darin sind aber beide entgegengesetzt, daß in dem Ich als Anschauung nur die Form des Ich liegt und auf ein eigentliches Material desselben, welches nur durch sein Denken einer Welt denkbar ist, gar nicht Rücksicht genommen wird; da hingegen im letzteren die vollständige Materie der Ichheit gedacht wird. 

Von dem ersten geht die ganze Philosophie aus, und es ist ihr Grundbegriff; zu dem letzteren geht sie nicht hin; nur im praktischen Teile kann diese Idee aufgestellt werden, als höchstes Ziel des Strebens der Vernunft. Das erstere ist, wie gesagt, ursprüngliche Anschauung, und wird auf die zur Genüge beschriebene Weise Begriff: das letztere ist nur Idee; es kann nicht bestimmt gedacht werden, und es wird nie wirklich sein, sondern wir sollen uns dieser Idee nur ins Unendliche annähern. 
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J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 517f. 


Nota. - Das Ich als Idee ist eines, das ausschließlich in die intelligible Welt gehört; eine Idee eben, die der Zweck- begriff der Handlungen des empirischen Individuums sein soll - und als solche sich nicht fassen lässt. Es ist eine Aufgabe, die aber nie erfüllt sein wird; das 'Bestimmen' der Idee geht ins Unendliche fort.  'Unendliche Annä- herung' ist aber kein treffenden Ausdruck; solange sie unendlich ist, ist sie keine Annäherung, denn die Entfer- nung bleibt stets dieselbe: unendlich. Unendlich minus X ist Unfug.

Allerdings wäre das Ich als Idee (und der Gedanke eines Absoluten überhaupt) der Gesichtspunkt, unter dem meine Welt und unsere Welt vereinigt sind. Mein Handeln in dem einen wie in dem andern Bereich verfolgt ide- aliter denselben unendlichen Endzweck.
JE




Sonntag, 4. Februar 2018

Genetisch ist nicht historisch.



Eins ist in unserer Geschichte nicht vorgekommen: dass Menschen isoliert lebten und sich erst zusammentun mussten, um sich zu vergesellschaften. Die Menschen lebten schon in großfamilialen Verbänden, bevor sie überhaupt Menschen wurden. Ein geschichtliches Ereignis war es vielmehr, dass gesellschaftliche Bildungen entstanden, in der sich die Individuen individualisieren und zu Einzelnen vereinzeln konnten. Und in der wirklichen Geistesgeschichte musste ein bestimmtes Ich aus einem unbestimmten 'wir' sich erst heraus bilden, um sich als einem Nicht-Ich entgegengesetzt setzen zu können.

Manche Binsenwahrheit muss erst ausgesprochen werden, bevor sie einleuchtet: Die Wissenschaftslehre ist nicht die wirkliche Entstehungsgeschichte des Bewusstseins. Sie hebt an auf dem Punkt der bürgerlichen Gesellschaft, wo sich die Individuen als Subjekte ihres Lebens vorkommen und zu anderen Subjekten in Konkurrenz treten. Versippte Haufen, die aufeinander einschlagen, brauchen keine Vernunft, nicht nach außen und nicht nach innen.

Die wirkliche Geschichte des Bewusstseins begann nicht mit dem Vereinigen, sondern mit dem Trennen. Von dieser Trennung geht die Wissenschaftslehre aus.

3. 12. 14



Samstag, 3. Februar 2018

"Ein Affekt des Herzens".


Carlo Finelli

Die moralische Überzeugung, sagt Fichte, entstünde nicht als ein Schluss des Verstandes, sondern als ein Affekt des Herzens.

Erinnert sei im Vorbeigehen, dass es sich bei dem fiktiven moralischen Endzustand, der uns die Gewissheit einer göttlichen Weltregierung verbürgen soll, um einen - Schluss des Verstandes handelt, der das Herz auch von empfindsamen Naturen ganz unaffiziert lässt; was nicht weniger bedeutet, als dass er auf dieser Abstraktion eine Moral oder gar einen Glauben nicht bauen kann.

Nun zum positiven Gehalt. Dass es um das Herz geht, muss man nicht wörtlich nehmen, auch wenn der Autor es so gemeint haben sollte. Entscheidend ist, dass es kein Schluss ist, bei dem der Verstand aus dem Verknüpfen von Begriffen Argumente konstruiert und abwägend sein Urteil fällt. Der Beifall, der hier geschieht, geschieht mit der Wahrnehmung, Anschauung, Vorstellung selber, vor allem Abwägen, vor aller Reflexion. Das ist, ein anderes Wort kommt nicht in Frage, ein ästhetisches Urteilen.

Fichte hat die ästhetische Spur nicht weiter verfolgt, das System der Sittenlehre ist 1798 erschienen, kurz bevor der Atheismusstreit ausbrach, der ihn auf einen dogmatischen Abweg führen sollte. Sein Schüler Herbart sollte diesen Gedanken systematisieren; leider erst, als auch er die Wege der Tranzendentalphilosophie verlassen hatte.

Notabene: Dass der Beifall 'des Herzens' bei dem einen dieser,  bei dem andern jener Vorstellung gilt und sie sich nie anders als durch Zufall auf etwas einigen können, spielt für die Moralität gar keine Rolle. Denn ver- ständigen müssen sie sich nur darüber, was rechtens ist; was im moralische Sinn gut ist, mag jeder für sich ent- scheiden. Es kommt nur darauf an, dass er sich an das gebunden fühlt, dem er 'von Herzen' Beifall zollt. Er wird dann ein besserer Mensch sein, und über das, was rechtlich ist, wird man mit ihm dann auch sachlicher reden können.

1. 12. 14




Donnerstag, 1. Februar 2018

Transzendentalphilosophie und empirische Befunde.


Sehtestbilder

Nachtrag zu gestern.

Empirische Befunde, egal in welchem Fach, können die Schemata der Transzendentalphilosophie nicht beweisen - weil die keine Tatsachenbehauptungen sind, sondern Sinnbestimmungen. Könnten sie aber die sinnhaften Modelle der Transzendentalphilosophie widerlegen? Auch das nicht unmittelbar. Aber in Verle- genheit käme die Transzendentalphilosophie schon, wenn ihren Sinnbehauptungen der Augenschein direkt widerspräche. Da müsste sie eine Menge Dialektik aufbieten, um den schlechten Eindruck wieder zu zer- streuen.

Weshalb sage ich das an dieser Stelle? Weil aus der Sicht des Transzendentalphilosophen das bewusst-Sein kein Zustand ist, sondern ein Akt, durch den sich das Ich bewusst macht. Würde nun der Hirnforscher eine Stelle im Gehirn finden, wo das Bewusstsein "sitzt" und womöglich selbst im Schlaf noch blinzelt, oder eine Verschal- tung mehrerer Zentren, die eine dauerhafte 'höhere Ebene' bildete - dann würde das noch nichts beweisen und die Befunde wären immer noch erst sinnhaft zu interpretieren; aber man müsste sich schon einiges einfallen lassen, um glaubhaft zu machen, dass 'der Augenschein trügt'.

aus einem Kommentar, 24. 4. 2016 


Nachtrag. - Die Transzendentalphilosophie handelt von nichts objektiv Wirklichem. Sie handelt von unserem wirklichen Vorstellen; und von wirklichen Dingen nur, inwiefern sie in der Vorstellung vorkommen. Sie ist selber eine Vorstellung des Vorstellens. Die Neurophysiologie kann mehr oder weniger genau beschreiben, welche neuronalen Prozesse stattfinden, wenn vorgestellt wird; aber was sie dem Vorstellenden bedeuten, kann sie weder erkennen noch erklären. Wo etwa das bewusste Subjekt einen Kausalzusammenhang wahrnimmt, kann auch sie lediglich ein Vorher-Nachher beobachten. 

Die Transzendentalphilosophie fasst bewusst-Sein als ein Handeln auf. Der bewusst Vorstellende sieht überall seine eigene Tätigkeit mit, auch wenn er sie nicht bemerkt. Wo dieses auf jenes folgt, sieht er einen Großen Handelnden am Werk, den er sich nur als einen Wollenden denken kann, und sein Wollen fasst er als Natur- gesetze und Naturzwecke auf. Vor einem bloß-Faktischen, das lediglich 'da ist' ohne ein Woher und Wozu, ist seine Vorstellungskraft ratlos: Es muss ja doch irgendeinen Sinn haben!
 
Es ist der Vorstellende selbst, der für all sein Tun und Lassen Sinn und Zweck braucht. Es ist sein Wirken, das die Transzendentalphilosophie in allem Vorgestellten aufdeckt. Sowie der Mensch bewusst wird,* ist er ein Handelnder, dass er für Alles einen Sinn und seinen Zweck sucht, macht seine Vernünftigkeit aus. 

Weiter kann sie nicht gehen, aber tiefer: Um den Menschen als einen schlechthin Handelnden bestimmen zu können, muss sie ihn zuvor als einen schlechthin Wollenden gesetzt haben. Das ist nun der Schlusspunkt der Transzendentalphilosophie, von hier an kann sie nur wieder zurück und den Gang der Vernunft Schritt für Schritt rekonstruieren.

Das einzig Empirische daran ist die Erfahrungstatsache, dass wir Menschen vorstellen. Alles andere ist Refle- xion auf Sinnzusammenhänge, vorauszusetzende Absichten, anzunehmende Zwecke: nichts, was empirische Forschung beweisen oder widerlegen könnte. Und doch ist sie wissenschaftlich: Denn sie lässt nichts gelten, als was sie analytisch aufgefunden oder aus erklärten Gründen konstruiert hat. Ihr einziger 'Beweis' ist, wenn und dass ihre Sätze untereinander zusammenpassen und als Ganzes einen Sinn ergeben. Dieser Sinn ist ein anthro- pologischer: das Bild vom Menschen als einem Wollenden und Zwecke Setzenden. Er ist aber, auch im System, nur ein Postulat, beweisen lässt er sich nicht. Er kann sich allenfalls im Leben bewähren. Doch ob er das tut, wird stets umstritten bleiben. Das Verdienst der Transzendentalphilosophie ist, dass sie klargestellt hat, worum der Streit geht.

*) Nur seines Handelns kann er bewusst werden.