Mittwoch, 8. Juni 2016

Der Horizont schafft die Welt.


Eine Welt entsteht, indem dem erfahrenen chaotisch-Mannigfaltigen ein Horizont hinzugedacht wird. 

Eine Umwelt wird in ihrer Gänze erfahren; und es wird nichts anderes erfahren als sie.

Auch die Menschen leben in Umwelten, die sie aber nicht ererbt, sondern selber geschaffen haben. Sie sind das, was wir unsere Kulturen nennen. Die aber liegen in der Welt.

Umwelten werden erfahren, die Welt wird gedacht.

Eine Grenze wird als solche nie wahrgenommen. Von den Tieren nicht, weil sie in ihrer Umwelt keiner begegnen. Von den Menschen nicht, weil sie in ihrer offenen Welt immer nur je einzelne Schranken antreffen, die dadurch ausgezeichnet sind, dass es sie zu überschreiten gilt.

aus e. Notizbuch, im März 2010


Der Horizont selbst sieht überall gleich aus. Aber er ist ein ganz anderer, je nachdem, was vor ihm erscheint. Und das hängt vom Standpunkt des Beschauers ab, nämlich von der Perspektive. Mit andern Worten, der Horizont ist die Perspektive von hinten.

 26. November 2014












Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Dienstag, 7. Juni 2016

Philosophieren nach dem Schul- und nach dem Weltbegriff.


museum koenig

...Bis dahin ist aber der Begriff von Philosophie nur ein Schulbegriff, nämlich von einem System der Erkenntnis, die nur als Wissenschaft gesucht wird, ohne etwas mehr als die systematische Einheit dieses Wissens, mithin die logische Vollkommenheit der Erkenntnis zum Zwecke zu haben. Es gibt aber noch einen Weltbegriff (conceptus cosmicus), der dieser Benennung jederzeit zum Grunde gelegen hat, vornehmlich wenn man ihn gleichsam personifizierte und in dem Ideal des Philosophen sich als ein Urbild vorstellte. 

In dieser Absicht ist Philosophie die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft (teleologia rationis humanae), und der Philosoph ist nicht ein Vernunftkünstler, sondern der Gesetzgeber der menschlichen Vernunft. In solcher Bedeutung wäre es sehr ruhmredig, sich selbst einen Philosophen zu nennen, und sich anzumaßen, dem Urbilde, das nur in der Idee liegt, gleichgekommen zu sein. 
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Kant, Kritik der reinen Vernunft, A 839 


Nota. - Kant ist aktueller, als sich mancher träumen lässt. Den Satz von "einem System der Erkenntnis, die nur als Wissenschaft gesucht wird", hat Kant zu seiner Zeit vielleicht (oder doch?) noch nicht so polemisch gemeint, wie man ihn heute, angesichts der von Bologna auf die Spitze getriebenen Philologisierung und Selbstbezüg- lichkeit eines akademischen Fachs, verstehen könnte. Er hat umso mehr Recht, als einer heute eher noch als je zuvor als "ruhmredig" erscheinen muss, der sich mehr vornimmt - nämlich eine "Beziehung aller Erkenntnis auf die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft". 

Nichts Neues unter der Sonne? Oder bedeutet die Zuspitzung des Widerspruchs (i. e. das Raumgreifen des akademischen Getriebes), dass der Knoten bald platzen muss?
JE


16. 2. 14

Montag, 6. Juni 2016

Ästhetik und Vorstellungsökonomie.


smart wizard, pixelio.de                                                                                                   aus Rohentwurf

Das Ästhetische steht eo ipso in Gegensatz zum diskursiven Denken – insofern jenes Ökonomie der Vorstellung ist; nämlich als Produktion von bezweckten Ergebnissen ('Schlüssen') aus vorliegendem Stoff ('Gründen'), und zwar sparsam: die Gründe müssen zureichen, aber man bemüht davon nicht mehr als nötig; beides zusammen: das Argument muß zwingend sein. Denn das bedeutet: jederzeit reproduzierbar. 

Sieht man ab zuerst auf die Zwecke der Vorstellung, ergibt sich das Bild der Teleologie. Sieht man dagegen ab auf die hinreichenden Gründe, ergibt sich das Bild der Kausalität – beide sind Vorder- und Rückseite desselben Vorstellungskomplexes, der sich, d. h. den wir Rationalität nennen. In jedem Fall geht es um das Hervorbringen, Ableiten oder Konstruieren der Vorstellungsgehalte; nicht, wie im ästhetischen Erleben, um wahr&wertnehmen uno actu. Darum kann man es, anders als jenes, wollen – und muß es wollen, weil es "nicht von alleine kommt".*


Nachtrag, Feb. 2014

In der westlichen Kultur sind Reflexion und Rationalität und Ökonomie der Vorstellung geradezu habituell geworden, und fast möchte man meinen, sie wären es, die heute "von alleine kommen". Zur ästhetischen Betrachtung muss man sich dagegen beinahe zwingen, indem man sich dafür "die Zeit nimmt"...



Sonntag, 5. Juni 2016

Philologen und Systematiker II.


sigrid rossmann, pixelio.de

Der Alltag der akademischen Philosophie wird geprägt von den Philologen. Sie finden heraus, was Meister X wirklich gelehrt hat, an welcher Stelle und unter welchen Umständen; welche ideellen Bezügen zwischen den Lehren, welche reellen Beziehungen zwischen den Lehrern nachweislich sind; und sie fördern lange verschollene Schätze zu Tage. 

Von Mikrologien und Flohknackerei ist herablassend – und durchaus ungerechtfertigt – die Rede. Denn die Systematiker – die, die aus fremden und eigenen Gedanken neue Gebäude errichten – brauchen das Material, das ihnen die Philologen zubereiten, als den Stoff, aus dem sie selber bauen. Und als die Messlatte, an der sie sich prüfen können. 

In gewisser Hinsicht handelt es sich um dasselbe Verhältnis wie zwischen Experimenteller und Theoretischer Physik: Ohne die Empiriker hätten die Theoretiker keinen Stoff zum Theoretisieren. Aber ohne die Theoretiker wüssten die Empiriker nicht, was ihre Experimente eigentlich beweisen – und nicht einmal, welche Experimente sie überhaupt veranstalten sollen. Wer von beiden ist wichtiger?

Wer war zuerst da – das Ei oder die Henne? 

Wahr bleibt immer nur: Für das eine braucht man mehr Fleiß, für das andere mehr Einbildungkraft. (Für das eine mehr Scharfsinn, für das andre mehr Humor.)

Juni 2, 2009 



Nachtrag. Dass landläufig gerade die konventionellsten, nämlich 'analytischen' Philosophierer  sich eines Tages als Systematiker ausgeben würde, habe ich damals nicht geahnt. Heute muss ich es für eine absichtliche Nebelkerze halten. Sie häufen Partikel an, System ist ihnen suspekt wie dem Teufel das Weihwasser. 




Samstag, 4. Juni 2016

Hirnforschung und Transzendentalphilosophie.



In einem sind Hirnforschung und Kritische Philosophie einig: Das Ich ist keine Substanz. Doch während diese sagt: Das Ich 'ist' nur in actu, sagt jene: Ich ist gar nicht. Es ist die andre Seite der Frage: Wie kommt der Geist in die Materie? Wieder sagt jene: Es gibt keinen Geist. Fichte sagt: Er war schon immer drin, und hat recht (aber nicht so, wie er meinte). 

Geist nennen wir den Umstand, daß wir die Dinge nicht als solche wahrnehmen, sondern immer schon in ihrer Bedeutung. Auch die Tiere leben nicht zwischen lauter Dingen, sondern in einem Raum voller Bedeutungen. Doch diese sind ihnen von ihren Umwelten vor-gegeben. Der Mensch hat seine geschlossene Umwelt zugunsten einer offenen Welt verlassen. In diese mußte er Bedeutungen erst hinein-erfinden. Der Geist ist eine Kompensation für den Verlust natürlicher Selbstverständlichkeit.

Da wir in unserer Welt gleiche oder konkurrierende Zwecke verfolgen, müssen wir uns verständigen. Dazu haben wir die shared significations in einem "Symbolnetz" festgehalten. Aber in meiner eigenen Welt gibt es Bedeutungen, die ich nicht teilen muß. Der reelle Ursprung unserer Welt ist meine Welt; der logische Ursprung meiner Welt ist unsere Welt – so weit deren Begriffe reichen. Darunter liegt das Feld der Transzendentalphilosophie, alias Kritik. Es ist das Reich der produktiven Einbildungskraft.


im Sept. 2007





Freitag, 3. Juni 2016

Anschauung, Vorstellung, Begriff.



Mit Vorstellung meine ich die Re-Präsentation eines zuvor schon angeschauten Bildes; wobei es unerheblich ist, ob das Bild 'wahr-genommen' oder 'ein-gebildet' worden ist. Entscheidend ist die Anschaulichkeit.

Das Re-Präsentieren geschieht, indem das Bild mit einem Symbol ausgezeichnet und in einem Speicher abgelegt werden. Dort werden sie durch das Aufrufen des Zeichens 'vergegenwärtigt'.*

Vorstellungen, die durch ein Symbol bezeichnet sind, lassen sich ipso facto zu einem System fügen; und werden zu Begriffen. 


Juli 21, 2009 


*) Wir sagen erinnern, aber meinen eräußern.

Donnerstag, 2. Juni 2016

Die Zweige des Wissens.


plumbe, pixelio.de

Die Welt ist kein Mosaik, das aus so und soviel Wahrheitsatomen zusammengesetzt ist, die man, jedes für sich, herausgreifen, begutachten und in Schubladen verteilen kann. Sondern was der Einfachheit halber 'die Welt' genannt wird, ist ein ununterbrochener Fluß von Geschehnissen in einem komplexen Feld von wechselseitigen Bedingungsverhältnissen. Dabei erweist sich das, was prima facie als reale Bedingung erschien, der kritischen Reflexion als eine Projektion dessen, was vorher ("a priori") schon eine (logische) 'Hinsicht', eine Ab-Sicht des Betrachters gewesen war: Nur in gewissen Hinsichten, und daher nur in bestimmten realen Bedingungsverhält- nissen ('Gesetzen') 'zeigen sich' gewisse Geschehnisse; doch nicht in allen: Sie mögen mehreren Bedingungsebe- nen angehören, aber allen nicht.

So gibt es eine Bedingungsebene namens Chemie, eine namens Physik, namens Ethologie, namens Mathema- tik… Und alle stehen untereinander "irgendwie" selber wieder in einem Bedingungsverhältnis... Eine pazifische Koralle etwa "kommt vor" in Biologie, Chemie, Physik, Ethologie, sogar in Mathematik, wenn man will. Aber in Musik kommt sie nicht vor, und in Nationalökonomie nur mit Hilfe von Sophismen. Allerdings sind Biologie, Chemie, Physik nicht die "Etagen", in denen die tatsächliche Existenz der Koralle tatsächlich "stattfindet", sondern sie sind die Blickwinkel, unter denen ein abstrahierend-reflektierender Verstand die Koralle anschauen mag – oder eben nicht.

Das gilt für alle Wissenszweige ebenso wie für Kants Kategorientafel. 

Also, ein Geschehen "zeigt sich" in dem einen Bedingungsverhältnis (unter der einen Kategorie) so, in dem andern anders; und in einem dritten gar nicht. 

Wo die Menschen ihre apriorischen 'Hinsichten' herhaben – ob ihrerseits ex sponte 'gesetzt' oder aus "sinnlichen Eindrücken" empirisch angesammelt –, diese Frage "erscheint" ihrerseits in logischer Hinsicht (philosophisch) gar nicht, sondern nur empirisch-psychologisch – als Streit zwischen Assoziations- und Gestaltpsychologie (der freilich selber logisch zu entscheiden ist). 

Ausschlaggebend ist nur, dass 'es' diese Hinsichten 'gibt', und dass ihre logisch-regelmäßige Handhabung die Gewähr für die Vernünftigkeit unseres Denkens ist. Dank ihrer 'gibt es' vernünftiges Denken: Sie "konstituieren" es. Aber da es nun einmal 'ist', reicht ihm die Faktizität der  Kategorien, die es konstituieren, nicht aus. Es will die Gründe sehen. Will sehen, dass sie nicht (historisch) zufällig sind (und also auch anders sein könnten), sondern (genetisch) notwendig. Wenn es unter den faktisch gegebenen Kategorien nicht einen genetischen, einen Beding- ungszusammenhang auffinden kann – einen 'letzten', d. h. ersten Grund , dann müsste es sich selber als unbe- gründet, und damit als ungültig erkennen. 

Die Suche nach einem letzten Grund heißt Wissenschaftslehre. 

Das heißt, 'eigentlich' ist sie zirkulär: Sie setzt die Auffindbarkeit des Grundes schon voraus. Denn 'gäbe es' einen solchen Grund nicht, dann könnte sie ihn nicht nur nicht finden; sondern sie könnte nicht einmal finden, dass sie ihn nicht finden kann, und so verlöre die Suche ihr Wonach. 

Wer sich also auf die Suche macht, der muß sinnvollerweise voraussetzen, dass es hier etwas zu finden gibt. Seine Suche beginnt dann folgendermaßen: Da das Wissen einen Grund haben muß (weil ich anders gar nicht suchen könnte), muß er… da oder dort zu finden sein. 

Logisch korrekt muss die Aufgabe also so formuliert werden: Wenn unser Wissen einen Grund hat, dann muss er sich 'in' unserm Wissen als dessen immanente Prämisse auffinden lassen. Daß aber unser Wissen einen Grund hat, das soll so sein, weil jedes Wort sonst hinfällig wäre.

21. 3. 1993