Sonntag, 2. Oktober 2016

Absicht und Einfachheit.

K. Malevitch, Schwarzer Kreis, 1923

Einfachheit ist kein Attribut des Wirklichen. Im Gegenteil, auszeichnendes Merkmal der Erscheinungswelt ist - von den Eleaten bis Kant - das Mannigfaltige. Das Einfache 'gibt es' immer nur als Erzeugnis einer Denkarbeit. Es ist Ergebnis des Prozesses von Reflexion und Abstraktion. Es handelt sich wohlbemerkt um ein und denselben Prozess: Wer auf das Eine absieht, sieht dabei von dem Andern ab.

Das Ein-fache, das dabei zustande kommt, ist ein Ein-seitiges, gewiss doch: Es ist ja Resultat einer Absicht. Ist die Absicht gerechtfertigt, so ist es auch die dazu gehörige Einseitigkeit. 'Kritisch'  ist das Denken nicht, wenn es Einseitigkeit vermeidet; denn ohne Vereinfachung ist gar kein Denken. Sondern indem es die zu Grunde liegende Absicht ausspricht und ihre Berechtigung prüft. Rechtfertigen kann sich die Absicht aber wieder nur durch ihr Ergebnis.

6. 12. 13

Samstag, 1. Oktober 2016

Kriterium des Wahren.

Rainer Sturm, pixelio.de

Veri criterium sit id ipsum fecisse.
Kriterium des Wahren ist, es selber geschaffen zu haben.

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Giambattista Vico, Liber Metaphysicus
De antiquissime Italiorum sapientia liber primus, München 1979, S. 44/45




Donnerstag, 29. September 2016

Digitalisieren heißt fungibel machen.


Uwe-Jens Kahl_pixelio.de 

Ein Symbol ist ein 'digit': ein Zeichen für einen 'content', dessen sachliche Gestalt in keinerlei Verhältnis zu dessen sinnlicher Erscheinungsform zu stehen braucht. Ein Wort ist so ein Symbol, oder ein X oder ein U oder eine Zahl. (Dass das digitale Denken mit dem Zählen begonnen hätte, bestreite ich. Die ersten 'Zahlen' waren Ordnungszahlen: erst eins, danach ein zweites, usw.; sie bezeichnen eine Folge in der Zeit - und die wird analog 'angeschaut': im Bild der Bewegung).

Das wirkliche Denken geschieht überhaupt nicht digital. Das wirkliche Denken geschieht nicht diskursiv. Das wirkliche Denken geschieht in einer Kaskade von unfassbaren Bildern. Erst in der Reflexion, die das Denken des Denkens ist, werden die Bilder 'begriffen': fest-gestellt und ein-gegrenzt (de-finiert). Das diskursive Denken ist die Form der Reflexion. Aber die Reflexion ist sekundär, sie bezieht sich auf (metà) das anschauliche Denken als ihren Stoff. Allerdings kann erst sie das anschauliche Denken nach richtig oder falsch unterscheiden. Mit andern Worten, ohne sie ist es zu nichts zu gebrauchen.

aus e. online-Forum, im Juni 2010






Dienstag, 27. September 2016

Das Erhebliche.


16.                                                                                                                                          aus Über Ästhetik 

Das Elementardatum unserer Gewärtigkeit (Gewahrseins, Zur-Welt-Seins...) ist weder die Vorstellung (im Symbolsystem: „Denken“)* noch die Wahrnehmung („Sinnlichkeit“). Beide werden erst nachträglich in der Reflexion (=durch das „Eintreten“ der sprachlichen Repräsentation!) von einander geschieden. Und schon gar nicht so, daß „erst“ die sinnliche Wahrnehmung „da“ wäre und „dann“ die Vorstellung „hinzukommt“. Sondern zuerst ist immer Erleben „da“. „Erlebnis“ wäre schon zu viel gesagt: zunächst einmal ein „Strom“ in einem „Feld“, aus dem gelegentlich Einzelnes „herausragt“, weil es Aufmerksamkeit erregt - oder es erregt Aufmerksamkeit, weil es „irgendwie“ herausragt, wie die Figur aus ihrem Grund. [„auffällig“: vgl. A. Gehlen, Anthropologische Forschung, S. 119] 

Was aber ist es, das einzelne Momente auszeichnet in (zeitlich) dem „Strom“ oder (räumlich) dem „Feld“? Schon das Feld selbst ist konstituiert von einem wie auch immer geringen Grad von Aufmerksamkeit, und wenn sich ein Moment abzeichnet, dann immer, wenn und weil sich die Aufmerksamkeit darauf gelenkt hat. Ja, aber warum? Weil sie Qualitäten (Washeiten) „erkennt“, die sie von Anderm unterscheiden kann; weil sie nicht so sind, wie (all) das Andere; also eine Information unterscheidet von einer (relativen) Nicht-Informati- on, Redundanz. Ein Hier-jetzt-nicht-Erwartetes von einem Sowieso-schon-Dagewesenem. [Insofern ist Neu- heit doch eine ästhetische Qualität! cf. Burke] 

Und später dann wird auf das So-Ausgezeichnete geachtet, ob, wann und wo man es wieder erkennt. Jetzt wird es erwartet, und wenn ‚es’ sich nicht wieder ‚ereignet’, dann ist das die Information. Also alles ‚Neue’ ist informativ, und eo ipso interessant. Also das Erlebnis ist die unmittelbare Gegebenheitsweise dessen, was ‚einem unbeteiligten Beobachter’ als Ereignis vorkommt - und also auch der Reflexion, in der ‚ich’ ‚mich’ anschaue, ‚als ob’ ich ein Anderer wäre. 

"Wahrgenommen" wird immer nur eine Figur in einem Grund. - Die Figur ist immer eine Störung des Grundes. D. h. nur als Störung "ist" sie Figur. Figur und Grund ‚verhalten’ sich nicht "dialektisch": Sie "bedingen" einander nicht! Zwar "gibt es" keine Figur ohne Grund, aber es gibt einen Grund ohne Figur. Nur "ist" er dann kein Grund. Aber er ist auch nicht Nichts. Er ist... "Strom", unausgezeichnet, unbeachtet. Er "ist", aber er bedeutet nichts. Erst wenn er als "das, was" er "ist" - nämlich nichts Bedeutendes - gestört wird, wird er etwas. (Das Auge "sieht" eine ungeordnete Fläche, aber es "nimmt" sie nicht "wahr"; es kann darauf nicht verharren; es "flackert", sucht nach einem "Anhalts-Punkt"; und wenn es keinen findet, halluziniert es ihn in die Fläche hinein - und "widmet" sie ipso facto zu einem Grund "um".)

 - Die Erwartung eines Sinns im Meer des Sinnlosen; die Erwartung einer Figur im wüst-Unbestimmten ist so tief in unsere mentale Dispostiton eingeprägt, daß gewisse optische Texturen - von Kandinski über Mondrian bis Pollock - ihre ästhetische Kraft gerade aus dem Verstoß gegen die Erwartung, aus ihrer Enttäuschung gewinnen.

aus ca. 2000 

(Nota. - Dies ist denkpsychologisch gemeint; nicht transzendentalphilosophisch.)
 

Montag, 26. September 2016

Bilder vom Handeln.



Ein-bilden, an-schauen, vor-stellen, dar-stellen, aus-drücken, be-zeichnen, be-greifen.
 

Imaginare, in-tueor, re-praesentare, ex-primere, de-signare, re-flectare, con-cipere.
 

Lat. imaginare scheint aus dem Rahmen zu fallen, weil es von imago käme; dieses kommt aber von i-mitor.




Sonntag, 25. September 2016

Vorstellung und Begriffe, oder Stoff und Form.



Vorstellung ist der Stoff, zu dem die Begriffe die Formen liefern.

Formlos und Eine ist die Vorstellung nur actu, im Moment des Vorstellens selbst, aber sie hat keine - wie Herbart das nannte - 'Henkel und Ösen', mit denen die eine beliebig
an eine andere geküpft werden könnte, sie muss zu Begriffen bestimmt - begrenzt und in sich gegliedert - werden: Anders kann ich sie nicht erfassen, behalten, unter- scheiden, wiederfinden - und womöglich weitergeben. 

Mit an dern Worten, real werden Vorstellungen in unserer Welt nur in der Form, als Begriffe. 'So, wie sie sind' gibt es sie nur für mich und nur momentan; ich kann mit ihnen nichts anfangen

Aber ohne den Stoff gibt es die Form gar nicht.









Samstag, 24. September 2016

Mein Vermögen.


diwa-money

Mein Vermögen ist eins. Ob es phylogenetisch oder ontogenetisch bedingt ist, ob es mir angestammt wurde oder ob ich es spontan und individuell erworben habe, merkt man ihm selbst nicht an.

Verschieden sind die Gegenstände, auf die ich es anwende, und verschieden wohl auch die Weisen der Anwen- dung. Ähnliche Anwendungsweisen schaffen Ähnlichkeiten zwischen Gegenständen, die ich so zu Klassen zu- sammenfassen kann.

Bin ich soweit einmal gekommen, mag es aussehen, als sei mein Vermögen selbst in Klassen unterschieden. Namentlich in ein Erkenntnisvermögen, durch das ich mit Hilfe von Begriffen an den Gegenständen meine Zwecke realisiere, und eine zweckfreie Anwendung, die 'ohne Interesse gefällt'. Letztere fasse ich auf als mein ästhetisches Vermögen. Ob und wie das eine oder das andere in Anspruch genommen wurde, lässt sich immer erst am einzelnen Fall und nachträglich unterscheiden.

2. 9. 13