Mittwoch, 13. Juni 2018

Glauben oder wissen.

onlylyon
 
Die Neue Zürcher brachte zum Hl. Nikolaus [2014] ein salbungsvoll gravitätisches Stück zu dem längst erschöpft geglaubten Thema Wissen und Glauben, und es kam, Sie werden's kaum für möglich halten, zu dem überraschenden Schluss, dass beide einander nicht nur nicht ausschlössen, sondern "einander fordern"!

Ich habe das andernorts dokumentiert, aber nicht ohne Kommentar: 


...Ob es eine rationale Theologie geben kann, ist eine - na, sagen wir mal: nicht so vordringliche Frage. Ihr mag man sich zuwenden, wenn man die durchaus vordringliche Frage beantwortet hat, ob es eine rationale Philoso- phie geben kann. Die Frage ist freilich soweit geklärt, als es eine solche ja gibt; ich meine eine, die nicht auf dem (einen oder andern) Glauben beruht, sondern vom Wissen ausgehend im Wissen verbleibt. Das ist die Kriti- sche alias Transzendentalphilosophie. Sie handelt nicht von Gott und der Welt - dazu müsste sie nämlich aller- hand glauben -, sondern von unseren Vorstellungen von Gott und der Welt, denn die allein sind uns bekannt.

Diese Unterscheidung - zwischen den Dingen selbst und dem, was wir uns darunter vorstellen - ist für die exakten Wissenschaften (in denen zum Beispiel der erwähnte Urknall vorkommt) ohne Belang: Sofern und solange sie diese ihre Vorstellung mit ihren andern Vorstellungen (immer wieder aufs Neue) in Einklang bringen kann, hat sie ihr Geschäft besorgt. 

Wieweit die Gesamtheit ihrer Vorstellungen mit der Gesamtheit der vorgefundenen - na, nennen wir's ru- hig: Welt übereinstimmt, ist keine Frage des theoretischen Glaubens, sondern der pragmatischen, denkprakti- schen Bewährung. Solange die neugewonnenen Vorstellungen sich ins vorhandene Gebäude (alias "Standard- modell") einfügen lassen, ohne dass dadurch immer neue unprüfbare Zusatzannahmen notwendig würden, tut es seine Dienste und darf weiterhin als "einstweilen endgültig" angenommen werden. Bis eines Tages ein Mo- dell in Vorschlag gebracht wird, das alles Bekannte und vieles Neue einfacher darstellen kann. Auch an dieses muss dann niemand glauben, es wird reichen, wenn es sich denkpraktisch bewährt.

Mit der rationalen Philosophie ist es was Anderes. Die Prätention, die Vorstellungsgebäude der exakten Wissen- schaften einem Wahrheitsurteil zu unterziehen, hat sie mit Kants kritischer Wendung abgelegt. Für die realen Wissenschaften ist sie eine kritische Instanz, die lediglich, aber immerhin über die immanente Konsistenz der theoretischen Modelle mitzureden hat, und nicht über ihre metaphysische Endgültigkeit. Doch auch gegenüber den Sinnsuchern und Sinnerfindern ist sie kritische Instanz. Sie ist nicht Fleisch von ihrem Fleisch, sie reden nicht von Gleich zu Gleich; "auf Augenhöhe", wie der Flachmann sagt. Ihnen allen sagt sie, ohne Ausnahme: Tut nicht so, als hättet ihr für eure Sinnbehauptungen belastbare Gründe. Ihr habt Motive, und die hat jeder. Dass eure Motive besser sind als die der andern, muss sich zeigen. Wenn ihr sie stattdessen unter vorgeschützten Gründen versteckt, von denen man nichts wissen und die man nur glauben kann, werden sie es nötig haben. Wir jedenfalls können vor euch nur warnen.

*

Ich bin Atheist von Hause aus und in einer sprichwörtlich gottlosen Stadt großgeworden, ich habe keine Rechnungen zu begleichen, ich bin kein Antiklerikaler, und als studiertem Historiker ist mir die Bedeutung des Christentums für Entstehung und Gegenwart des Abendlands ganz und gar bewusst. Ich bin auch der Mei- nung, dass die Kirchen den Platz, den sie in unserer Kultur einnehmen, gefälligst auszufüllen haben. 

Ganz entschieden bin ich aber auch der Meinung, dass der am besten dafür geeignete Ort die Kirchen sind. Wenn ihnen die inzwischen zu leer sind, müssen sie sich was einfallen lassen, um sie wieder zu füllen (und das wird ihnen, da war ich mit Benedikt einer Meinung, nicht gelingen, wenn sie Hinz und Kunz nach dem Munde re- den). Was ich dagegen überhaupt nicht dulden mag, ist die ersatzweise Verpfaffung des öffentlichen Lebens in Deutschland, an der wohlbemerkt die Lutherischen viel kräftiger drehen als die Ultramontanen.
 

Lassen wir die Kirche im Dorf und die Pfaffen in den Kirchen.


6. 12. 14




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