Kanon nach Polyklet
Die Wissenschaftslehre ist das Schema – modern:
theoretische Modell – eines tatsächlichen Denkens, sofern es als vernünftig gelten soll. Aber das ist erst die halbe Miete; bleibt immer übrig das hermeneutische
Problem, ein tat- sächliches Denken so zu deuten, dass es dem Modell entspricht;
oder eben nicht.
Mit andern Worten, die Wissenschaftslehre ist nach ihrem
Abschluss so kritisch wie an ihrem
Anfang.
10. 6. 17
Die Transzendentalphilosophie findet vor und macht zu ihrem Gegenstand ein gewordenes, historisch wirk- liches System der Vernunft (in Kants Vorstellung: die Newton'sche Physik). Dieses untersucht sie nach den aus- gesprochenen und unausgesprochenen Voraussetzungen, auf denen es beruht. Was Kant angefangen hat, hat Fichte fortgesetzt. Doch zum Abschluss hat auch er es nicht gebracht; der Atheismusstreit hat ihn von seinem Wege abgelenkt.
Die Wissenschaftslehre ist seither zweierlei: zum einen das 'ins Unendliche zu vollendende' System der Transzenden- talphilosophie; zum andern der sichere Boden, von dem aus die Kritik einer jeden Wissenschaft Tag für Tag neu beginnt.
Magnus Enckell
Den sinnlichen Anteil an der Anschauung nennt Fichte Gefühl, Leiden:
ein unfreier Zustand. Anschauen ist - als ein Reflektieren auf das
Gefühl - ein Handeln, und geschieht aus Freiheit. (Kant hatte zwischen
Anschauung und Sinnlichkeit noch nicht unterschieden.
Die Scheidelinie zwischen anschauen und denken markiert der Begriff.
Und zwar geht es nicht darum, ob ich ihn 'richtig' gebrauche, so wie alle anderen in
derselben Situation; sondern dass ich ihn mir vorsetze als Regel, wonach ich ihn konstruieren soll. Ich habe meine Anschauung gefasst heißt: Ich habe sie so auseinandergelegt, wie ich sie bei nächster Gelegenheit wieder zusammenzusetzen mir vornehme. Nun erst habe ich sie. Denn als Begriff ist er aus dem Zeitverlauf ausgeschieden, er ist 'im Raum' verfügbar geworden wie ein Rechenchip. Ich kann mit ihm operieren, ohne meine Einbildungskraft neu bemühen zu müssen; die vertrüge nämlich keine (Re-) Konstrukti- onsvorschrift
Empirisch handelt es sich wohl um den Akt der Digitalisierung. Jedoch: Die Transzendentalphilosophie be- schreibt nicht einfach, was geschieht, sondern will seinen Sinn deuten. Das
ist kein bloßes Übersetzen aus der einen Sprache in die andere. Es ist -
übrigens in beiden Richtungen - mehr als das.
Und nie vergessen: Wir treten in der Wissenschaftslehre aus der
Vorstellung nie hinaus. Sie bleibt überall im- manent, sie ist
Selbstaufklärung des Vorstellens. (Aber außerhalb des Vorstellens ist
nichts weiter. - Oder alles, was es gibt, gibt es in der Vorstellung und
durch die Vorstellung. Was ich mir nicht vorstellen kann, kann ich mir
nicht einmal vorstellen.)
11. 7. 17
Es sieht nur so aus, als wollte ich Fichte eine Geringschätzung des Begriffs andichten. Transzendentalphilosophie ist Vernunftkritik, Kant nahm als seinen Gegenstand das rationalisitische Weltsystem der Leibniz-Epigonen Wolff und Baumgarten, das ein halbes Jahrhundert lang die deutsche Philosophie beherrschte. Es war ein bloßes Begriffssystem. Alles schien begriffen, sobald es nur definiert werden konnte. Die Begriffe waren wahrer als die Er- scheinungen, in ihnen schimmerte durch, was die Dinge an sich waren.
Nach Kant war Stoff des Wissens das Erfahrene - im Begriff ist festgehalten, was die Intelligenz angeschaut hat. Aber die Intelligenz verfügt über Instrumente - 'Formen', in die sie die Anschauung fassen kann; Kategorien und Anschauungsweisen, das Apriori der Erfahrung. Die Frage, woher die kommen, versagte er sich, wohl um 'dem Glauben Platz zu schaffen'. So aber standen sie nun da: nackt und bloß, selbst wieder nur als Begriffe ohne er- fahrenen Stoff.
Also war die Kritik noch nicht vollständig gewesen. Die Wissenschaftslehre führte die Kritik fort bis zu dem Punkt, wo das Vorstellen selbst begann. Ob sie von diesem Punkt aus das historisch gegebenen System der Vernunft bündig bis zu seinem Schluss- oder besser Flucht-Punkt rekonstruiert, ist diskutabel. Doch die eventuelle Voll- endung des Systems in der Vorstellung ist die eine Aufgabe der Transzendentalphilosophie. Die andere, die ihr bis in alle Ewigkeit erhalten bleibt, ist die... aktuelle Kritik des historisch gegebenen Vernunftsystems. Und die be- steht, kurz gesagt, in nichts anderem als dem Vergleich der in den realen (Geistes- oder Natur-) Wissenschaften geltenden Begriffe mit ihren eigenen, durch transzendentale Rekonstuktion gewonnenen kritischen Begriffen. Die sind es, die in der aktuellen Auseinandersetzung mit den mehr oder minder dogmatischen Schulen ihre Realität ausmachen.
astro
Nur
ein jenseits von Raum und Zeit gedachtes Tun ist als ein Schema
darzustellen; und dies zum Zweck der Anschauung: In der Wirklichkeit
lässt sich immer nur dieses oder jenes Tun anschauen; wenn ich aber
Tun-überhaupt anschauen
will, muss ich die Bestimmungen von Raum und Zeit fortlassen - alles,
was eine Wirk- lichkeit als eine solche erst ausmacht.
Schema ist
ein Schlüsselbegriff der Wissenschaftslehre. Er bezeichnet das Paradox
eines übersinnlichen Bildes und eigentlich den Übergang von der
Anschauung zum Begriff.
26. 7. 17
Das Schema ist kein Begriff. Der Begriff ist das Bild von einem Tun - als Ruhe dargestellt. Und eben von einem bestimmten Tun, sonst wäre kein Bild von ihm möglich. Das Schema ist das Bild von einem Bild. Sofern der Be- griff eine Reflexion auf ein bestimmtes Tun ist, ist das Schema Reflexion auf die Reflexion. Es ist Wissenschafts- lehre und kommt im realen Denken nicht vor. Es ist das künstliche Denken des Philosophen. Es ist für das Den- ken-überhaupt das, was die intellektuelle Anschauung für die Tathandlung ist.
Das Ich setzt sich immer und immer wieder; nämlich wenn immer es sich so oder anders bestimmt hat, erscheint vor ihm ein Bestimmbares, in dem es sich fortbestimmen soll. Es "konstituiert" sich nicht irgendwann als ein Seiendes und ist fortan, sondern setzt und bestimmt sich immer wieder aufs Neue, es "ist" überhaupt nur ein Noumen- on; der Begriff von 'Einem, das sich fortwährend setzt'.
Nota. Das
obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.
istockphoto
Wirklich ist eigentlich immer nur das Schweben: das, wo Bewegung ist, wo etwas geschieht; es ist aktuale Tätig- keit. Ein Schweben zwischen Zweien: Die Fixpunkte werden als solche nur gedacht. Denn gedacht - angeschaut und begriffen - werden kann das Wirkliche, das Tätigkeit ist, nur so; nur interpunktiert; nicht als Fluss, sondern in Sprüngen von einem Zustand zum andern. Hier
findet im Denken eine Umkehrung statt: Das Fixe, das nur ge- dacht wird,
kommt dem Denken als das Eigentliche vor, die aktuale Tätigkeit, das
"Schweben", als hinzugedach- tes Akzidens.
Bestimmt und bestimmbar sind Reflexionsmomente. Real ist die Verlaufsform, das Übergehen vom Einen zum Andern; bestimmen.
12. 7. 17
Das ist eine bemerkenswerte Verkehrung: Um im Flusse der Erscheinungen etwas erkennen zu können, bräuchte man ein Festes, Dauerndes, worauf man das Flüchtige beziehen kann, sagt Frege. Und da hat er völlig recht. Doch nur weil er es braucht, darf er nicht meinen, dass er es auch finden kann. Es geht ja offenbar dar- um, am Erscheinenden einen Sinn zu erkennen. Und wenn er am Erscheinenden zu erkennen wäre, bräuchte er ihn wirklich nur zu finden - indem er lange genug hinsieht, als ein Erscheinendes unter Erscheinenden, und ein philosophisches Problem hätte es nie gegeben. Doch ist der Sinn aus einem andern Stoff gemacht (sic) als alles, was erscheint, weshalb er nicht zu finden, sondern nur zu erfinden ist.
Lothar Sauer
Bestimmt und unbestimmt
haben nur in Bezug aufeinander einen Sinn. Nichts ist absolut bestimmt,
nichts ist absolut unbestimmt. Jedenfalls nichts, was ich mir
vorstellen kann.
Zu welchen Operationen eine Vorstellung taugt, kann ich nur prüfen, wenn ich sie bestimme, nämlich zum Begriff
vereindeutige. Ich stelle mir die Figur eines Quadrats vor. Um sie zu
begreifen, nämlich so, dass ich sie in meiner Vorstellung willkürlich
wieder hervorrufen und sie womöglich einem An- dern erklären kann,
müsste ich sagen: eine geschlossene Figur aus vier gleichlangen
Schenkeln. Dass sie nur zwei Dimensionen hat, dass sie vier rechte
Winkel hat, muss ich nicht hinzufügen, es folgt aus der Prämisse. Mit
dem so gefassten Begriff kann ich gedank- lich operieren, dafür ist er
hinreichend bestimmt.
Um praktisch zu konstruieren - ein Haus etwa -, muss ich im Fortbestimmen den Begriff überschreiten und eine wirkliche Figur zeichnen, indem ich nämlich eine bestimmte Länge angebe, 23 mm zum Beispiel. Das ist nun kein Begriff mehr, sondern ein wirkliches Quadrat; ein Bild. Als
ein solches kann ich es mir aber nicht vorstellen; 23 mm, 53 mm, 87
mm? Das geht nur noch ungefähr, und auch nicht absolut, indem ich die
Augen schließe, son- dern nur relativ, indem ich auf ein vorhandenes Ding
schaue und es zum Maßstab nehme. In der Wirklichkeit, als Bild, kann ich mir ein Quadrat nicht vorstellen, sondern muss es anschauen.
Mein Bestimmen hat seine Außengrenze in den Singulariis, die bestimmt sind wie alles Wirkliche, und seine Vor- dergrenze in dem Zustand, wo ich mir nichts mehr vorstelle - weil ich entweder mein Bewusstsein ruhen lasse oder weil ich mich ganz ins Anschauen versenke. Letzteres ist, was Schiller den ästhetischen Zustand nennt.
Wo nichts vorgestellt wird, gibt es nichts zu bestimmen. Wo schon alles bestimmt ist, gibt es nichts vorzustellen.
Was
immer zwischen Subjekt und Objekt geschieht, ist Bestimmung. Sie selber
liegen außerhalb; es ist das Be- stimmen, das sie zu dem macht, was sie
sind.
8. 7. 17
Was immer ich tue - ich bestimme. Man kann nicht nicht-bestimmen? Man kann nichts tun. Allerdings nicht lange. Früher oder später muss der Mensch etwas tun, früher oder später muss er bestimmen. Muss er etwas bestimmen! Hinter das, was es vorfindet, kann sein Bestimmen nicht zurückgreifen, er kann es allenfalls links liegen lassen und - in diesem Fall nichts tun. Bestimmen kann er nur, was er anschaut.
Das ist die vordere Grenze. Und er kann beim Bestimmen über den Horizont seiner Anschauung hinausgehen. Er kann Begriffe bestimmen, unter denen er sich nichts mehr vorstellen kann. Er kann mit ihnen auf unanschauli- che, nämlich formalisierte und digitalisierte Weise operieren, immer in der Absicht, zu Ergebnissen zu gelangen, die er sich wieder vorstellen kann - so, als ob er sie ansähe. Das ist ein problematisches, ein hypothetisches Bestim- men, kein wirkliches, es ist ein Bestimmen auf Verdacht. Das ist die hintere Grenze. Die theoretische Physik be- wegt sich in diesen Breiten.
Alle Erfahrung ist ein
beständiger Wechsel von Veränderungen. Woher nun das Fortdauernde,
welches in den Erscheinungen erscheine? Jenes Dauernde ist nichts
anderes, als das in allem Wechsel vorstellende
Ich als das Handelnde, aber es erscheint qualis talis nicht, es
erscheint objektiv, weil es in die Anschauung hereinfällt.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 91f.
Nota. - Talis qualis: "als solches". Es erscheint selber nicht als solches, weil es selber die Bedingung des Erschei- nenden und ergo seiner Anschauung ist.
JE