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Donnerstag, 1. März 2018

Konsens und öffentliches Wissen.

nationalgeographic

Wissenschaft ist öffentliches Wissen, habe ich gesagt. Wissenschaftlich ist ein auf seine Gründe geprüftes Wissen. Das Medium der Prüfung ist Kritik. Öffentlichkeit ist eo ipso Kritik; eine ununterbrochene, immer wieder neu beginnende Überprüfung von Gründen.

Das ist keine Konsensfindung, sondern geradezu das Gegenteil. Der Konsens ist eine zufällige Anhäufung. Zufällig ist die Anzahl der Übereinstimmenden, zufällig ihre Zusammensetzung, zufällig sind die Meinungen, die sie mitbringen, zufällig sind die Meinungen, auf die sie sich verständigen. Da Verständigung gesucht wurde, blieb Kritisches unbenannt. Was richtig und was falsch ist, ist eine Sache bloßer Meinung, eine prüfende In-stanz gibt es nicht. 
Konsens ist angehäufte Privatmeinung. Sie können sich über lauter Falsches einig sein. Wenn sich eine Prüfung an der Realität ergibt, stieben sie auseinander.


Wissenschaftliche Öffentlichkeit verfährt nach dem Prinzip der biologischen Auslese. Erhalten bleibt nur, was sich bewährt, was sich nicht bewährt, wird ausgemustert. Allerdings nur, was sich nicht bewährt: was der Kritik nicht standhält. Nicht das, was nur momentan nicht verwendbar ist: In der Natur wird auch das ausgeschieden, obwohl es unter neuen Bedingungen – veränderten Auslesekriterien – vielleicht noch brauchbar werden konn- te. In der Schriftkultur der Wissenschaft fällt das schlimmstenfalls in Vergessenheit; kann und wird wiederge- funden werden, weil die Wissenschaftler konkurrieren und auch das Fernstliegende für die Karriere verwertet wird. Und selbst was einmal als endgültig widerlegt erschien, kann wieder zum Vorschein kommen
– gerade weil seine Überwindung einmal als ein großer Sieg der Wissenschaft ins Kollektivgedächtnis eingegangen ist. Zum Beispiel die Wiederauferstehung von Lamarck im Zeichen der Epigenetik.

Konsensbildung ist eine zufällige Kumulation auf Widerruf, Öffentlichkeit ist systematische Reduktion und Revision auf Dauer. 

22. 11. 15

Samstag, 13. Februar 2016

Konsens oder kritische Reduktion?

aus wikipedia 

'Vernunft und Öffentlichkeit bedeuten dasselbe...' - sofern nämlich Öffentlichkeit schlechterdings Kritik bedeu- tet, und zwar Kritik ohne jede Grenze, weder in der Zeit noch im Raum. 

Vernunft ist kein Stoff und keine Energie, die man haben oder nicht haben kann. Vernünftig kann man sein, und das bedeutet: allgemein nur gelten lassen, was sich der Kritik stellt und ihr standhält. 'Vernunft' ist der Inbegriff all dessen, was die Kritik überstanden haben wird. Sie ist ein bloßes proiectum, weil die Kritik sachlich nie zu einem Ende kommt.


Nein, damit ist Vernunft nicht als Konsens oder als bloße Intersubjektivität bestimmt. Konsens ist das, was eine bestimmte und daher zufällige Anzahl von Individuen unter sich zu einem gegebenen Zeitpunkt aus je gegebe-nen, aber unergründlichen Motiven als momentan für einander gelten sollend vereinbart haben. Eine Art klein- ster gemeinsamer Nenner, eine Menge, die zu einem andern Zeitpunkt größer oder kleiner hätte ausfallen oder auch ausbleiben können. Das ist in logischer Hinsicht so kontingent wie das gelegentliche Meinen und Dafür- halten von Irgendwem. 'Was Vernunft gewesen sein wird' ist nicht Ergebnis einer allmählichen, einvernehmlich Anhäufung, sondern im Gegenteil Resultat einer Reduktion: Das, was der prozessierenden öffentlichen Kritik noch immer standhält, darf als allgemein und notwendig gelten. Vom privaten Meinen des einen oder andern ist es ganz unabhängig.

Merke: Was nicht in die Öffentlickeit gehört, ist der Vernunft gleichgültig.

24. 5. 2015

Mittwoch, 14. November 2018

Wo die Vernunft an ihrem Platz ist und wo nicht.

zoom, pixelio.de
 

 ...Übereinstimmung, der große Zweck der Vernunft...
J. G. Fichte in: Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 136] 


I. Vernunft ist nicht an sich, sondern sie dient einem Zweck. Für diesen Zweck ist sie in die Welt gekommen und nur für den ist sie da.

II. Mit andern Worten: Vernunft ist immer da an ihrem Platz, wo Übereinstimmung angebracht ist. Alles andere liegt nicht in ihrem Zweck. 

III. Im sittlichen Bereich ist Übereinstimmung nicht nötig. Das Sittengesetz lautet: Tu das, was dein Gewissen dir gebietet, oder, mit andern Worten: Handle aus Freiheit. Aus Freiheit kann ich nicht handeln, wenn ich zuerst frage, was den andern ihr Gewissen gebiete, und mich mit ihnen darüber ins Benehmen setze. Es kommt auch gar nicht darauf an, ob es dasselbe gebietet, sondern darauf, dass es das Gewissen ist, das gebietet.

IV. Übereinstimmen müssen wir nicht über Gott und die Welt. Es reicht, wenn wir in dem Teil der Welt, in dem wir miteinander verkehren, übereinstimmen über die Angelegenheiten des Teils der Welt, in dem wir miteinander verkehren. Übereinstimmen müssen wir nicht über Gott und nicht über jenen Teil der Welt, in dem ein jeder von uns nur für sich ist.  

Bedenkend immer: Die Welt ist keine Gegend, sondern lediglich ihr Horizont.


23. 6. 14 


'Vernunft und Öffentlichkeit bedeuten dasselbe...' - sofern nämlich Öffentlichkeit schlechterdings Kritik bedeu- tet, und zwar Kritik ohne jede Grenze, weder in der Zeit noch im Raum. 

Vernunft ist kein Stoff und keine Energie, die man haben oder nicht haben kann. Vernünftig kann man sein, und das bedeutet: allgemein nur gelten lassen, was sich der Kritik stellt und ihr standhält. 'Vernunft' ist der Inbegriff all dessen, was die Kritik überstanden haben wird. Sie ist ein bloßes proiectum, weil die Kritik sachlich nie zu einem Ende kommt.


Nein, damit ist Vernunft nicht als Konsens oder als bloße Intersubjektivität bestimmt. Konsens ist das, was eine bestimmte und daher zufällige Anzahl von Individuen unter sich zu einem gegebenen Zeitpunkt aus je gegebe-nen, aber unergründlichen Motiven als momentan für einander gelten sollend vereinbart haben. Eine Art klein- ster gemeinsamer Nenner, eine Menge, die zu einem andern Zeitpunkt größer oder kleiner hätte ausfallen oder auch ausbleiben können. Das ist in logischer Hinsicht so kontingent wie das gelegentliche Meinen und Dafür- halten von Irgendwem. 'Was Vernunft gewesen sein wird' ist nicht Ergebnis einer allmählichen, einvernehmlich Anhäufung, sondern im Gegenteil Resultat einer Reduktion: Das, was der prozessierenden öffentlichen Kritik noch immer standhält, darf als allgemein und notwendig gelten. Vom privaten Meinen des einen oder andern ist es ganz unabhängig.

Merke: Was nicht in die Öffentlickeit gehört, ist der Vernunft gleichgültig.

24. 5. 2015



Samstag, 22. August 2015

Konsens oder kritische Reduktion?

aus wikipedia 

'Vernunft und Öffentlichkeit bedeuten dasselbe...' - sofern nämlich Öffentlichkeit schlechterdings Kritik bedeu- tet, und zwar Kritik ohne jede Grenze, weder in der Zeit noch im Raum.

Vernunft ist kein Stoff und keine Energie, die man haben oder nicht haben kann. Vernünftig kann man sein, und das bedeutet: allgemein nur gelten lassen, was sich der Kritik stellt und ihr standhält. 'Vernunft' ist der Inbegriff all dessen, was die Kritik überstanden haben wird. Sie ist ein bloßes proiectum, weil die Kritik sachlich nie zu einem Ende kommt.

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Nein, damit ist Vernunft nicht als Konsens oder als bloße Intersubjektivität bestimmt. Konsens ist das, was eine bestimmte und daher zufällige Anzahl von Individuen unter sich zu einem gegebenen Zeitpunkt aus je gegebe- nen, aber unergründlichen Motiven als momentan für einander gelten sollend vereinbart haben. Eine Art klein- ster gemeinsamer Nenner, eine Menge, die zu einem andern Zeitpunkt größer oder kleiner hätte ausfallen oder auch ausbleiben können. Das ist in logischer Hinsicht so kontingent wie das gelegentliche Meinen und Dafür- halten von Irgendwem. 'Was Vernunft gewesen sein wird' ist nicht Ergebnis einer allmählichen, einvernehmlich Anhäufung, sondern im Gegenteil Resultat einer Reduktion: Das, was der prozessierenden öffentlichen Kritik noch immer standhält, darf als allgemein und notwendig gelten. 

Merke: Was nicht in die Öffentlickeit gehört, ist der Vernunft gleichgültig.

24. 5. 2015

Sonntag, 18. November 2018

Konsensfindung und Vernunfturteil.


Vernunft kann nur herrschen, wo Öffentlichkeit ist. Sie ist das allgemeinste Verständigungsmittel. Ohne sie kann es keine Gesellschaft geben, die auf dem Verkehr aller mit allen beruht.

Mit andern Worten, Vernunft ist der ausgezeichnete Charakter von Unserer Welt. Ihr sinnfälligster Ausdruck ist die Wissenschaft, in der die bürgerliche Gesellschaft ihr oberstes Maß erkennt.

Hat also Vernunft in Meiner Welt nichts zu suchen?


Das Unterscheidungsmerkmal ist, auf welchem Weg typischerweise Entscheidungen zustande kommen: durch Übereinkunft oder durch Vernunfturteil. Vernunft fragt nach Gründen, das Vernunfturteil beruht auf dem prozessierenden Ausscheiden des Falschen: desjenigen, dessen Gründe der öffentlichen Kritik auf die Dauer nicht standgehalten haben. So entsteht Wissen, gesammelt und konzentriert in der öffentliche Instanz 'Wissen-schaft'. Deren Modus ist die unendliche Revision alles einmal Gegebenen. Ihre Richtsprüche gelten immer 'einstweilen endgültig'; nämlich solange, bis sie durch Gründe widerlegt (oder auch nur erübrigt) werden. Ihre Schlüsse erscheinen im gegebenen Moment als notwendig.

So ist es in Unserer Welt. Ihr Platz ist Öffentlickeit. Da gehören Alle zu, ob es ihnen recht ist oder nicht.

Was zu Meiner Welt gehört, entscheidet sich nicht durch geprüftes Wissen, sondern durch geteiltes Erleben. Die Entscheidungen, die hier getroffen werden, beruhen typischerweise nicht auf Gründen, die der Kritik unterzo-gen wurden, sondern auf Motiven, die Beifall gefunden haben; Leidenschaften, Neigungen, momentane Lau-nen. Man findet sich zusammen auf einem gemeinsamen Boden von Werturteilen, und die sind im Kern ästhe-tisch – doch über das Ästhetische lässt sich nicht vernünfteln. 


Es zählt hier nicht, was Alle wissen und einsehen können, sondern das, was Einige meinen. Urteile entstehen nicht auf dem Wege kritischer Reduktion, sondern durch Kumulation und Anlagerung. Sie sind willkürlich und zu-fällig. Sie gelten immer ganz und gar, aber nur im Augenblick, doch der kann ewig dauern: willkürlich und zu-fällig. Es mögen auch immer Vernunftgründe zu ihnen beigetragen haben; aber nicht, weil sie begründet wa-ren, sondern weil sie Beifall gefunden haben. Denn was stört, kommt unter den Teppich, und wenn es noch so vernünftig wäre. Es bleibt alles privat, wem es nicht gefällt, der kann ja gehen.

*

In den achtziger Jahren trat in Deutschland eine Partei auf, die die Konsensfindung anstelle von Mehrheitsbe-schlüssen zum politischen Prinzip machte. Politisch heißt öffentlich par excellence, Einvernehmen ist die typische Entscheidungsfindung im Privatbereich. Aufgelöst wurde der Widerspruch durch die Losung Das Private ist poli-tisch, doch praktisch lief es auf die Privatisierung des Politischen hinaus. 



Das müssen Sie sich so vorstellen: Wenn alles 'ausdiskutiert' werden muss, bis keine Meinungsunterschiede mehr übrigbleiben, dann dauern Sitzungen bis in die Nacht; die, die am nächsten Tag früh aus den Federn müssen, gehen abends zwischen zehn und elf, wer zäh ist oder lange schlafen kann, bleibt bis nach Mitternacht, und wegen eintretender Müdigkeit werden die Meinungsverschiedenheiten immer kleiner. Es behalten diejeni-gen das letzte Wort, die am längsten ausharren. So kommen "konsensuell" Beschlüsse zustande, die willkürli-cher und zufälliger sind, als es ein Mehrheitsvotum je sein könnte.

*

Das konnte nicht lange dauern, schon gar nicht, seit die Grünen hier und da in Regierungen einrückten. So ab-surd es war – ganz aus der Luft gegriffen war die Grundidee nicht. Denn tatsächlich konstituiert das Politische in gewissem Sinn ein Zwischenreich zwischen Unserer Welt und der Meinen. Es bleibt das Öffentliche par excel-lence, davon ist nichts zurückzunehmen. Aber der Modus der Entscheidungsfindung ist in der Politik nicht der der Wissenschaft. Der Politiker kann nicht warten, bis im stetigen Prozess kritischer Reduktion einmal ein Punkt erreicht ist, wo man sagen kann: Das ist 'einstweilen endgültig'. Politische Entscheidungen müssen fallen, wenn sie fällig sind, ob ausdiskutiert oder noch ganz in der Schwebe. 

Anders als im wissenschaftlichen Bereich gelten sie ganz und gar, nicht unter Vorbehalt; und anders als im privaten, sind sie terminiert: bis zur nächsten Wegbiegung. Sie sind nicht notwendig, sondern zufällig. Es werden nicht Gründe bis zu ihrer Erschöpfung geprüft, sondern Meinungen gesammelt; Motive, Werturteile, Ästhetisches. Doch wenn die Revision auch nicht permanent ist wie in der Wissenschaft, ist sie in 'vernünftig' organisierten Gemeinwesen immerhin periodisch.

Denn dieser Unterschied zum Privaten, diese Verbindung zu Vernunft, Wissen und Wissenschaft bleibt unbe-schadet: Alle Akteure, idealiter auch die privaten Wahlberechtigten, erkennen und messen einander als einem höheren Zweck und allgemeingültigen Gründen verpflichtet. Anders als in Meiner Welt gilt auch im Politischen der Hinblick auf ein Absolutes, und darum gehört es zu Unserer Welt.

16. 2. 16


Samstag, 24. Mai 2014

Kritik ist das Ausscheiden von Kontingenz.

aus wikipedia

'Vernunft und Öffentlichkeit bedeuten dasselbe...' - sofern nämlich Öffentlichkeit schlechterdings Kritik bedeutet, und zwar Kritik ohne jede Grenze, weder in der Zeit noch im Raum. 

Vernunft ist kein Stoff und keine Energie, die man haben oder nicht haben kann. Vernünftig kann man sein, und das bedeutet: allgemein nur gelten lassen, was sich der Kritik stellt und ihr standhält. 'Vernunft' ist der Inbegriff all dessen, was die Kritik überstanden haben wird. Sie ist ein bloßes proiectum, weil die Kritik sachlich nie zu einem Ende kommt.

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Nein, damit ist Vernunft nicht als Konsens oder als bloße Intersubjektivität bestimmt. Konsens ist das, was eine bestimmte und daher zufällige Anzahl von Individuen unter sich zu einem gegebenen Zeitpunkt aus je gegebenen, aber unergründlichen Motiven als momentan für einander gelten sollend vereinbart haben. Eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, eine Menge, die zu einem andern Zeitpunkt größer oder kleiner hätte ausfallen oder auch ausbleiben können. Das ist in logischer Hinsicht so kontingent wie das gelegentliche Meinen und Dafürhalten von Irgendwem. 'Was Vernunft gewesen sein wird' ist nicht Ergebnis einer allmählichen, einvernehmlich Anhäufung, sondern im Gegenteil Resultat einer Reduktion: Das, was der prozessierenden öffentlichen Kritik noch immer standhält, darf als allgemein und notwendig gelten.

Merke: Was nicht in die Öffentlickeit gehört, ist der Vernunft gleichgültig.


Dienstag, 5. Januar 2016

Konsens, oder Vom Wert der Werte.


175. Grundgedanke einer Cultur der Handeltreibenden. — Man sieht jetzt mehrfach die Cultur einer Gesellschaft im Entstehen, für welche das Handeltreiben ebenso sehr die Seele ist, als der persönliche Wettkampf es für die älteren Griechen und als Krieg, Sieg und Recht es für die Römer waren. Der Handeltreibende versteht Alles zu taxiren, ohne es zu machen, und zwar zu taxiren nach dem Bedürfnisse der Consumenten, nicht nach seinem eigenen persönlichsten Bedürfnisse; "wer und wie Viele consumiren diess?" ist seine Frage der Fragen. 

Diesen Typus der Taxation wendet er nun instinctiv und immerwährend an: auf Alles, und so auch auf die Her-vorbringungen der Künste und Wissenschaften, der Denker, Gelehrten, Künstler, Staatsmänner, der Völker und Parteien, der ganzen Zeitalter: er fragt bei Allem, was geschaffen wird, nach Angebot und Nachfrage, um für sich den Werth einer Sache festzusetzen. 

Diess zum Charakter einer ganzen Cultur gemacht, bis in’s Unbegränzte und Feinste durchgedacht und allem Wollen und Können aufgeformt: das ist es, worauf ihr Menschen des nächsten Jahrhunderts stolz sein werdet: wenn die Propheten der handeltreibenden Classe Recht haben, dieses in euren Besitz zu geben! Aber ich habe wenig Glauben an diese Propheten. Credat Judaeus Apella — mit Horaz zu reden.
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Nietzsche, Morgenröte, N° 175




Mittwoch, 19. April 2017

Eine neue Denkepoche?

Wolfgang Dirscherl, pixelio.de

Unter der Überschrift Wahrheit und Lüge veröffentlicht die Neue Zürcher heute einen großen Essay, in dem Karl-Heinz Ott ausführlich den Gedanken entwickelt, dass die Wahl von Donald Trump zugleich Höhepunkt und Todesstunde der Postmoderne ist: Der gebildete linke Liberale, der ein paar Jahrzehnte lang eitel-leicht- sinnig mit den Foucaults, Derridas und Deleuzes getändelt hat, suche verschreckt Zuflucht beim altmodischen Habermas und seiner vernünftigen, ordentlichen, konsens- und diskutierfreudigen Wahrheitsliebe.

Das war vor zwei Jahrhunderten das Ergebnis der Transzendentalphilosophie: dass es Wahrheit 'nicht gibt'. Dann brach das Zeitalter des Positivismus aus und nach Wahrheit musste nicht länger gefragt werden, Erfolg und Anschlussfähigkeit waren weit belastbarer. Bis vor drei-, vier Jahrzehnten, da gings uns zwar noch gold, aber doch nicht mehr so recht vorwärts. Es kam ein vornehmer Skeptizimus auf, der spöttisch flötete: "Any- thing goes!" (Paul Feyerabend  erwähnt K.-H. Ott nicht.) Es war eine Art Transzendentalphilosophie für arme Leute.

Für ganz arme. Denn den zweiten Satz der Transzententalphilosophen hatten sie nicht wiederbelebt: "Wahrheit muss sein, wenn Vernunft sein soll." 

Nun sollte die Zeit reif sein, dass er in die Köpfe der großen Zahl der Gebildeten endlich, endlich Eingang findet - nicht trotz, sondern wegen der Paradoxie: Wahrheit gibt es nicht, aber Wahrheit muss es geben. Näm- lich Wahrheit nicht als Ausgangspunkt, sondern als Fluchtpunkt der Vernunft: da, wo alles einmal hinführen soll. Denke, rede, handle so, als ob es Wahrheit gäbe, und wenn das alle tun, werden wir ihr schon näherkom- men. Sie ist nicht etwas, das da ist, sondern etwas, das zu machen wäre.

Dienstag, 29. Mai 2018

Wissenschaft im Zeitalter der Vernunft.


Der Siegeszug der Wissenschaften im 17. Jahrhundert sei "das politische Ereignis par excellence" gewesen, schrieb ich andernorts, er hat im Reich der Parteienkämpfe ein - kontinuierlich wachsendes - Feld geschaffen, wo nicht länger der Stärkere entscheidet, sondern der geprüfte Grund.
 
Wenn auch faktisch die Physik die treibende Kraft war, betraf diese 'Wissenschaftliche Revolution' nicht bloß die Naturwissenschaften im Besondern, sondern die Geisteshaltung einer ganzen Zivilisation: Als rational gilt seither nur noch solche Erkenntnis, die eine Erscheinung als Wirkung einer Ursache darstellen kann; und zwar ein geschichtliches Ereignis nicht minder als ein Laborexperiment. Auch politische Probleme sollten seither, so weit irgend möglich, durch Vernunft lösbar sein, ohne Waffen. (Der Aufstieg der Wissenschaften begann nach dem Ende des 30jährigen Kriegs und der englischen Revolution - in der Hoffnung auf ewigen Frieden, nach- dem die Religion Ewige Zwietracht gesät hatte.)

Allerdings beschränkte er sich auf den (seither stets wachsenden) engen Kreis der Gelehrten.

Dass es sich im Besondern um Naturgesetze handeln sollte, wurde erst im Lauf des 19. Jahrhunderts deutlich, 

als die Siege der Exakten Wissenschaften in Gestalt der technisch-industriellen Revolution auch den Durch- schnittsmenschen anzugehen begannen. Dass es für alles einen hinreichend Grund geben müsse, scheidet seither den gesunden Menschenverstand von allen Arten des Irrsinns. (Und seither gewinnen die 'Geisteswis- senschaften' ihr eigenes Profil, weil sich sich gegen die 'harten' Fächer legitimieren müssen.)

Doch das Dogma der Kausalität ist inzwischen zu einem - pragmatisch vertretbaren - Aberglauben des Gesun- den Menschenverstands herabgesunken; es begann mit den Revolutionen der Thermodynamik und hat mit der Quantenphysik einen einstweilen Höhe-, aber längst keinen Schlusspunkt gefunden.

Dass die exakten alias 'Natur'-Wissenschaften an ihren Grundlagen zu zweifeln beginnen, ist löblich, aber auch das mindeste, was man erwarten darf. Nun wenden sie sich in neuer Bescheidenheit an die 'weiche' Philosophie zurück. Wobei sie viel Zeit sparen können, wenn sie sich erinnern, dass die Philosophie ihnen schon vor zwei- hundert Jahren in Bescheidenheit vorangegangen ist und sich mit Kants Kopernikanischer Wende selber die Schranken gezogen hat, die sie von den Realwissenschaften trennen - und die Realwissenschaften von ihr! Er- kenntnisfortschritt können beide nur erhoffen, wenn sie die Schranken klug beachten und nicht wieder alles miteinander verrühren. Wenn ihr Interesse eben der Andersheit des andern gilt und sie Konsens und Gemein- samkeit den profanen Alltagsmenschen überlassen.


25. 6. 16

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Vernunft ist das allgemeinste Verkehrsmittel.


 
Dass die Sätze der Vernunft gelten, ist keine theoretische Erkenntnis, die aus hinreichenden Gründen herzu- leiten wäre, sondern ein praktisches Postulat, das gelten soll, weil anders nichts sicher gewusst werden könnte. -

Aber was wäre daran gelegen? Es ginge ja auch, wenn alles nur vorläufig gälte, unter Kautelen, cum reserva- tionem mentalem - denn so ist es ja wirklich. Ja, aber dann ist eine Verständigung selbst von nur Zweien nicht mehr möglich. Dass die Sätze der Vernunft gelten, ist eine Erfordernis des tätglichen Lebens in unserer Welt. In meiner Welt brauchen sie nicht zu gelten - und tun es nicht.

Mit andern Worten, Vernunft ist das Medium des zwischenmenschlichen Verkehrs - nicht weniger und nicht mehr. 

aus e. Notizbuch, 20. 1. 06


Nachtrag, Okt. 14

Es ist nicht die Rede von einem kumulativen Konsens, dessen Ergebnis logisch, wie Viele auch beistimmen mögen, immer partikular und ergo zufällig bleibt; sondern um die prozessierende Reduktion auf das logisch Notwendige, das allgemein gilt.



 




Samstag, 15. Juni 2019

Eine neue Denkepoche.

Wolfgang Dirscherl, pixelio.de
 

Unter der Überschrift Wahrheit und Lüge veröffentlicht die Neue Zürcher heute einen großen Essay, in dem Karl-Heinz Ott ausführlich den Gedanken entwickelt, dass die Wahl von Donald Trump zugleich Höhepunkt und Todesstunde der Postmoderne ist: Der gebildete linke Liberale, der ein paar Jahrzehnte lang eitel-leichtsinnig mit den Foucaults, Derridas und Deleuzes getändelt hat, suche verschreckt Zuflucht beim altmodischen Habermas und seiner vernünftigen, ordentlichen, konsens- und diskutierfreudigen Wahrheitsliebe.

Das war vor zwei Jahrhunderten das Ergebnis der Transzendentalphilosophie: dass es Wahrheit 'nicht gibt'. Dann brach das Zeitalter des Positivismus aus und nach Wahrheit musste nicht länger gefragt werden, Erfolg und An-schlussfähigkeit waren weit belastbarer. Bis vor drei-, vier Jahrzehnten, da gings uns zwar noch gold, aber doch nicht mehr so recht vorwärts. Es kam ein vornehmer Skeptizimus auf, der spöttisch flötete: "Any- thing goes!" (Paul Feyerabend  erwähnt K.-H. Ott nicht.) Es war eine Art Transzendentalphilosophie für arme Leute.

Für ganz arme. Denn den zweiten Satz der Transzententalphilosophen hatten sie nicht wiederbelebt: "Wahrheit muss sein, wenn Vernunft sein soll." 

Nun sollte die Zeit reif sein, dass er in die Köpfe der großen Zahl der Gebildeten endlich, endlich Eingang findet - nicht trotz, sondern wegen der Paradoxie: Wahrheit gibt es nicht, aber Wahrheit muss es geben. Nämlich Wahr- heit nicht als Ausgangspunkt, sondern als Fluchtpunkt der Vernunft: da, wo alles einmal hinführen soll. Denke, rede, handle so, als ob es Wahrheit gäbe, und wenn das alle tun, werden wir ihr schon näherkommen. Sie ist nicht etwas, das da ist, sondern etwas, das zu machen wäre.

19. 4. 17

In ganz anderem Zusammenhang ist seit zwei, drei Jahren von einer Neuen Renaissance die Rede. Vielleicht ist es bloß Sehnsucht, doch wer sie nicht kennt, weiß nicht, wie ich leide. Dass bei uns seit dreißig Jahren Philosophie eine Spezialrichtung der Philologie geworden und jenseits des Rheins ein Jahrmarkt der Eitelkeiten wie immer geblieben war, schuf bleierne Langeweile, aber das zuerst unterschwellige und dann lautstarke Einsickern der lo- gisch-atomistisch-pragmatisch-phlegmatischen angelsächsischen Denkroutine brachte nicht den frischen Wind, den sie versprach. Sie reden aneinander vorbei, und immer dasselbe. 

In den verstopften synaptischen Spalt zwischen beiden nisteten sich auf engem Raum nebeneinsander Neuer wie Spekulativer Realismus ein - als zwei löbliche Versuche, in der Philosophie endlich wieder nach der Sache zu fragen statt nach Form und Präsentation und Wie-komm-ich-mir-vor. Doch nicht als Laxativ und Lösungsmittel traten sie an, sondern als fertiger Versatz. Das verstopft das Ding nur weiter.

Denn sie haben alle keinen gemeinsamen Grund, auf dem sie wenigstens streiten könnten. Und vor einem Grund scheuen sie sogar: Die Behauptung eines Grundes hat bislang zu oft in dogmatische Sprachlosigkeit geführt. War- um? Weil sie un begründet war. Ein Grund für einen gemeinsamen Aufbau muss überhaupt erst freigelegt werden. Diese Arbeit nennt man Kritik, und die kann gründ lich nur sein, wenn sie systematisch ist.

Aber davor graust es seit dem Platzen der Hegelschen Seifenblase bis heute allen. Eine Renaissance würde sich vor andern Zeitaltern unter anderm dadurch auszeichnen, dass große Pläne für realistischer gehalten werden als die kleinen. Dann käme vielleicht auch die radikale Kritik zu Ansehen.

Sonntag, 2. August 2015

Die Selbsterzeugung der Vernunft.

aus Fichtiana

Also Vernunft, die intelligible Welt, ist schon da, wenn ich die Kette meiner Erfahrungen beginne, sie besteht in der 'Reihe vernünftiger Wesen', in die ich selber hineingeboren bin. Unter ihnen finde ich mich, erfahre ich mich als Individuum, nach ihrer Maßgabe denke ich mich als Ich. Nämlich jeweils, wenn ich mich als wollend vorfinde. Für die (rückblickende) Reflexion ist das Wollen daher das Erste.

*

Tatsächlich ist die Prämisse einer 'Reihe vernünftiger Wesen' nichts anderes als die Vorausgesetztheit einer 'intelligiblen Welt'. Die intelligible Welt wiederum ist nichts anderes als - die Vernunft selbst. Mit andern Worten: Vernunft ist nichts anderes als das praktische Übereinkommen wirklicher Perso- nen, im wechselseitigen Verkehr nach gemeinsamen Zwecken = empirischen Willensbestimmungen zu suchen* und fortzufahren. Diese Übereinkunft schafft in der Zeit nicht nur faktische, sondern auch logische (real logische) Folgen. Vernunft ist keine Tatsache, sondern Vollzug einer Absicht.

*

Dass Vernunft sei, nehme ich nicht wahr in der Begegnung mit andern Wesen, die ich hinterher als vernünftig ansehen werde wie mich selber. Wahr nehme ich bloß, dass sie da sind neben mir. Aus diesem bloßen Umstand schließe ich - finde ich? postuliere ich? -, dass da ein Medium sein muss, in dem wir miteinander bestehen. 

Mit andern Worten, die 'vernünftigen Wesen' sind - in meiner Vorstellung - eher da, als die Idee der Vernunft. Ich finde, dass sie 'in gewisser Hinsicht' mir gleich sind, oder ich ihnen. Dieses Tertium will ich Vernunft nennen. Wie weit es reicht, wird man sehen; was es ist, muss man dann nicht wissen.

aus meinen Kommentaren zu Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 150f.



*) Notabene: Im Verkehr finden nicht Konsens und Akkumulation (warum nicht auch von Irrtümern, wenn sie nicht stören?) statt, sondern Reduktion und Auslese: Nur was sich positiv behauptet, bleibt. Verkehr ist prozessie- rende Kritik.
Aug. 2015








Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Sonntag, 25. März 2018

Woher kommt der Ausdruck 'transzendental'?

§ 12.
Es findet sich aber in der Transscendentalphilosophie der Alten noch ein Hauptstück vor, welches reine Verstandesbegriffe enthält, die, ob sie gleich nicht unter die Kategorien gezählt werden, dennoch nach ihnen als Begriffe a priori von Gegenständen gelten sollten, in welchem Falle sie aber die Zahl der Kategorien vermehren würden, welches nicht sein kann.

Diese trägt der unter den Scholastikern so berufene Satz vor: quodlibet ens est unum, verum, bonum. Ob nun zwar der Gebrauch dieses Princips sehr kümmerlich ausfiel, so daß man es auch in neueren Zeiten beinahe nur ehrenhalber in der Metaphysik aufzustellen pflegt, so verdient doch ein Gedanke, der sich so lange Zeit erhalten hat, so leer er auch zu sein scheint, immer eine Untersuchung seines Ursprungs und berechtigt zur Vermuthung, daß er in irgend einer Verstandesregel seinen Grund habe, der nur, wie es oft geschieht, falsch gedolmetscht worden.

Diese vermeintlich transscendentale Prädicate der Dinge sind nichts anders als logische Erfordernisse und Kriterien aller Erkenntniß der Dinge überhaupt und legen ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der Einheit, Vielheit und Allheit, zum Grunde, nur daß sie diese, welche eigentlich material, als zur Möglichkeit der Dinge selbst gehörig, genommen werden müßten, in der That nur in formaler Bedeutung, als zur logi- schen Forderung in Ansehung jeder Erkenntniß gehörig, brauchten und doch diese Kriterien des Denkens unbehutsamer Weise zu Eigenschaften der Dinge an sich selbst machten.

In jedem Erkenntnisse eines Objects ist nämlich Einheit des Begriffs, welche man qualitative Einheit nennen kann, so fern darunter nur die Einheit der Zusammenfassung des Mannigfaltigen der Erkenntnisse gedacht wird, wie etwa die Einheit des Thema in einem Schauspiel, einer Rede, einer Fabel. Zweitens Wahrheit in Ansehung der Folgen. Je mehr wahre Folgen aus einem gegebenen Begriffe, desto mehr Kennzeichen seiner objectiven Realität. Dieses könnte man die qualitative Vielheit der Merkmale, die zu einem Begriffe als einem gemeinschaftlichen Grunde gehören (nicht in ihm als Größe gedacht werden), nennen. Endlich drittens Vollkommenheit, die darin besteht, daß umgekehrt diese Vielheit zusammen auf die Einheit des Begriffes zurückführt und zu diesem und keinem anderen völlig zusammenstimmt, welches man die qua- litative Vollständigkeit (Totalität) nennen kann.

Woraus erhellt, daß diese logische Kriterien der Möglichkeit der Erkenntniß überhaupt die drei Kategorien der Größe, in denen die Einheit in der Erzeugung des Quantum durchgängig gleichartig angenommen wer- den muß, hier nur in Absicht auf die Verknüpfung auch ungleichartiger Erkenntnißstücke in einem Bewußt- sein durch die Qualität eines Erkenntnisses als Princips verwandeln. So ist das Kriterium der Möglichkeit eines Begriffs (nicht des Objects derselben) die Definition, in der die Einheit des Begriffs, die Wahrheit alles dessen, was zunächst aus ihm abgeleitet werden mag, endlich die Vollständigkeit dessen, was aus ihm gezo- gen worden, zur Herstellung des ganzen Begriffs das Erforderliche desselben ausmacht; oder so ist auch das Kriterium einer Hypothese die Verständlichkeit und Kriterien aller Erkenntniß der Dinge überhaupt und legen ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der Einheit, Vielheit und des angenommenen Erklärungs- grundes oder dessen Einheit (ohne Hülfshypothese), die Wahrheit (Übereinstimmung unter sich selbst und mit der Erfahrung) der daraus abzuleitenden Folgen und endlich die Vollständigkeit des Erklärungsgrundes zu ihnen, die auf nichts mehr noch weniger zurückweisen, als in der Hypothese angenommen worden, und das, was a priori synthetisch gedacht war, a posteriori analytisch wieder liefern und dazu zusammenstimmen.

 - Also wird durch die Begriffe von Einheit, Wahrheit und Vollkommenheit die transscendentale Tafel der Kategorien gar nicht, als wäre sie etwa mangelhaft, ergänzt, sondern nur, indem das Verhältniß dieser Begriffe auf Objecte gänzlich bei Seite gesetzt wird, das Verfahren mit ihnen unter allgemeine logische Regeln der Übereinstimmung der Erkenntniß mit sich selbst gebracht.

aus Kritik der reinen Vernunft, Akademie-Ausgabe AA III, S. 97ff


In der mittelalterlichen Scholastik sind Transzendentalien (lat.: transcendentalia, von transcendere „über- steigen“) die Grundbegriffe, die allem Seienden als Modus zukommen. Wegen ihrer Allgemeinheit über- steigen sie die besonderen Seinsweisen, welche Aristoteles die Kategorien nannte (Substanz, Quantität, Qualität usw.). Die Transzendentalien liegen aber nicht jenseits der Kategorien, sondern sind in allen Kategorien jeweils enthalten.

Ontologisch betrachtet werden die Transzendentalien als das allen Seienden Gemeinsame aufgefasst, da sie von allem ausgesagt werden können. In kognitiver Hinsicht sind sie die „ersten“ Begriffe, da sie nicht auf logisch Vorausgehendes rückführbar sind.

Im Hochmittelalter seit Albertus Magnus sind die Transzendentalien der eigentliche Gegenstand der Meta- physik. Obgleich man sich über ihre Anzahl uneins war, bestand Konsens darüber, dass neben dem Grund- begriff des Seienden selbst (ens) Einheit (unum), Wahrheit (verum) und Gutheit (bonum) zu den Transzen- dentalien gehören. Weiterhin wurden noch das Wesen (res), die Andersheit (aliquid) und in neuerer Zeit die Schönheit (pulchrum) zu den Transzendentalien gezählt. Ansätze zur scholastischen Transzendentalien- lehre finden sich bereits bei Platon und seiner höchsten Idee des Guten und bei Aristoteles, für den die Be- griffe „Seiendes“ und „Eines“ austauschbar sind, da sich der Begriff des Einen auf all das anwenden lasse, auf was auch das Prädikat „seiend“ zutrifft.

aus wikipedia


Nota. -  Die Transzendentalphilosophie hat es nie leicht gehabt, weil sie schwer ist. Weniger schwierig in einem verfahrenstechnischen Sinn, als schwer, weil sie verlangt, von unwillkürlichen, weil selbstverständli- chen Voraussetzungen abzusehen und so zu tun, als würde man ganz von vorn anfangen. 

Ein zusätzliches und an sich unnötiges Hemmnis ist allein schon ihr Name. Das Transzendente - da weiß jeder ungefähr, was er sich drunter vorzustellen hat und vielleicht gar nicht vorstellen kann. Das Tranzen- dentale klingt so, als wäre es davon abgeleitet und sekundär. 'Transzendent ist, was jenseits der Erfahrung liegt; transzendental ist, was diesseits der Erfahrung liegt', lautet die Erläuterung des Belehrers. Aber davon, was diesseits meiner Erfahrung lag, musste ich schon eine gewisse Ahnung haben, wenn ich das verstehen sollte; das Wort allein macht mich um nichts klüger.
 
Kant war sich bewusst, eine ganz neue Denkweise in die Welt gesetzt zu haben. Die dafür erforderlichen Ausdrücke standen noch in keinem Wörterbuch, er musste sie schlecht und recht zusammensuchen und war froh, wenn er in der philosophischern Schulsprache ein paar Anhaltspunkte fand. 

Es waren aber, wie wir an dieser Stelle deutlich erkennen, nicht einfach die Vokabeln, um die es ging. Er suchte natürlich auch nach gedanklichen Vorarbeiten, auf die er sich berufen konnte, denn einer, der alles selbst erfunden haben will, ist bedenklich. Kant hat nicht nur nach Wörtern gesucht, sondern nach Vorstel- lungen, an die er knüpfen konnte.

Die scholastischen Transzendentalien waren das ontologisch Erste. Doch nicht aufs Sein soll sich die neue Art des Philosophierens richten, sondern auf unser Wissen vom Seienden. Was allem Wissen sachübergrei- fend generisch zu Grunde liegt, was wissenslogisch das Erste ist, das nennt Kant transzendental. 

Das Paradox ist ihm - froh wie er war, eine Stelle in der Überlieferung gefunden zu haben, auf die er zurück- greifen konnte - nicht aufgefallen: Was kann dem Wissen anders "zu Grunde" liegen als - ein Akt? Ein Sei- endes ja doch nicht, denn nur von ihm kann gewusst werden, das Wissen tritt an es heran, genauer: das Wis- senwollen. Ein Reich des Transzendentalen kann es gar nicht geben. Es gibt die Arbeit des Wissenwollenden, aber der muss alles selbermachen, gegeben wird ihm immer nur, was er sich selbst gegeben hat.
JE 

Dienstag, 29. Januar 2019

Wahrheit und Systematik.


Wissen ist wahr, sofern es System ist. Es ist System, sofern es in einem Grundsatz zusammenhängt - so dass Jedes seinen Platz von allen Andern angewiesen bekommt und seinerseits allen andern ihren Platz anweist; sofern sie nämlich alle aus demselben Grundsatz folgen.*

Zuerst ist aber das reale Wissen dagewesen; jedes für sich. Der Satz bedeutet also in Wahrheit: Das in der Ge- schichte verstreut angesammelte Wissen wird wahres Wissen, wenn es zu einem System gebildet wird. Das wieder- um ist nicht möglich, indem man "die Sammlung vervollständigt" - alle möglichen Wissenssätze ausfindig macht und zusammenstellt -, sondern indem man den jedem wirklichen Wissensakt zu Grunde liegenden "Grund"-Satz herausfindet. 

Wenn sich ein solcher Satz auffinden lässt, kann das Wissen zu einem System gebildet werden, 'in dem jedem Satz sein Platz von allen andern Sätzen angewiesen ist', bevor noch "jeder Satz" ausgesprochen wurde. Lässt sich zeigen, dass der aufgefundene Grund-Satz nicht bloß tatsächlich (summativ; das ginge ja gar nicht!), sondern notwendig allen Wissensakten zugrundeliegt, dann ist das Wissen "wahr" in dem Sinne, dass außer ihm nichts ge- wusst werden kann. Also - wenn es Wissen gibt (Wahrheit gibt), dann innerhalb dieses Systems. Wenn nicht innerhalb dieses Systems, dann überhaupt nicht (wovon man allerdings nichts wissen könnte).

*) Fichte, Über den Begriff der Wissenschaftslehre, SW I, S 57-62, 70ff.

aus e. Notizbuch, 26. 6. 03


Wissen ist entweder richtig - wenn es dazu taugt, die Operation auszuführen, die ich beabsichtige; oder es ist wahr - dann ist es end gültig: Es gilt unter allen möglichen Bedingungen. Was falsch und unwahr ist, gilt nicht als Wissen, sondern als Irrtum oder Lüge. 

Richtige Sätze gelten so lange, bis die Operationen, für die sie taugen sollen, erfolgreich abgeschlossen sind. Alle wahren Sätzen gelten über Raum und Zeit hinaus. Ihnen muss eines gemeinsam sein, das sie gelten macht; und in diesem Einen hängen sie miteinander zusammen. - Das ist ein Prämisse, die jeder, der sich auf eine ver- nünftige Erörterung einlässt, tatsächlich macht, und sei es stillschweigend oder gar unter der Behauptung, that anything goes.
JE

18. 1. 15


Sie hängen untereinander zusammen dadurch, dass sie alle auf demselben Weg zustandegekommen sind: dem, den wir vernünftig nennen. Es ist dieser Zusammenahng, der sie zum System stimmt. Seine Gültigkeit ist nicht erwiesen durch seine Bewährung an bewältigten Aufgaben. Die könnte unser Zutrauen veranlassen, doch alles, was wirklich ist, ist eo ipso zufällig - nämlich so, dass es unter andern Bedingungen auch anders hätte ausfallen können. Eine Erfahrungsvernunft ist nicht besser als ein Konsens am Biertisch.

Vernunft beruht nicht in ihrer Zweckmäßig keit. Das würde man Verstand nennen, oder Kalkül. Vernunft be- ruht auf... ach was: agiert aus ihrer Zweckhaftig keit. Sie ist nicht Erfüllung von Zwecken, sondern ihr Entwerfen. Sie ist ein immer wieder neu zu deckender Scheck auf die Zukunft. Und wohl ist es wahr, dass vernünftig immer nur ein Einzelner - einer, der Ich sagen kann - ist; aber er ist es immer nur zu dem Teil, mit dem er Anteil an der Reihe vernünftiger Wesen, kurz: Anteil an der Vernunft hat. Die aber besteht nur, entsteht nur in dem Entwerfen ge- meinsamer Zwecke; stets auf dieselbe Weise.
JE

Dienstag, 28. Juni 2016

Gab es denn eine wissenschaftliche Revolution im 17. Jahrhundert?

Newton; aus dem Ms. der Optik

So manche liebgewordene Selbstverständlichkeit aus unsern Schultagen ist in den vergangenen Jahrzehnten "auf den Prüfstand gekommen"; meist mit dem Ergebnis, dass in Wahrheit 'alles doch ein bisschen komplizier-ter' ist. Das ist wirklich nicht überflüssig, gerade die Binsenweisheiten müssen immer wieder überprüft und gegebenenfalls wieder neu ausgesprochen werden. Doch auch die Kritik bedarf der kritischen Sichtung, nichts ist nur deshalb klug, weil es neu ist.

Dass der Charakter und die Folgen der wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts nicht ganz genau die waren, von denen unsere Schulweisheit geträumt hat, ist glücklich selbst zu einer Binsenweisheit geworden. Und die kann man, wie alles Gute, auch übertreiben. Zum Beispiel: Ob es sie überhaupt gab; oder ob sie nicht vielleicht erst im 19. Jahrhundert...? So unlängst im Potsdamer Einstein-Forum.


Das habe ich kommentiert:

Der Siegeszug der Wissenschaften im 17. Jahrhundert sei "das politische Ereignis par excellence" gewesen, schrieb ich andernorts, er hat im Reich der Parteienkämpfe ein - kontinuierlich wachsendes - Feld geschaffen, wo nicht länger der Stärkere entscheidet, sondern der geprüfte Grund. 

Wenn auch faktisch die Physik die treibende Kraft war, betraf diese 'Wissenschaftliche Revolution' nicht bloß die Naturwissenschaften im Besondern, sondern die Geisteshaltung einer ganzen Zivilisation: Als rational gilt seither nur noch solche Erkenntnis, die eine Erscheinung als Wirkung einer Ursache darstellen kann; und zwar ein geschichtliches Ereignis nicht minder als ein Laborexperiment. Auch politische Probleme sollten seither, so weit irgend möglich, durch Vernunft lösbar sein, ohne Waffen. (Der Aufstieg der Wissenschaften begann nach dem Ende des 30jährigen Kriegs und der englischen Revolution - in der Hoffnung auf ewigen Frieden, nach-dem die Religion Ewige Zwietracht gesät hatte.) 

Allerdings beschränkte er sich auf den (seither stetig wachsenden) engen Kreis der Gelehrten.

Dass es sich im Besondern um Naturgesetze handeln sollte, wurde erst im Lauf des 19. Jahrhunderts deutlich, als die Siege der Exakten Wissenschaften in Gestalt der technisch-industriellen Revolution auch den Durch-schnittsmenschen anzugehen begannen. Dass es für alles einen hinreichend Grund geben müsse, scheidet seither den gesunden Menschenverstand von allen Arten des Irrsinns. (Und seither gewinnen die 'Geisteswis-senschaften' ihr eigenes Profil, weil sie sich gegen die 'harten' Fächer legitimieren müssen.) 

Doch das Dogma der Kausalität ist inzwischen zu einem - pragmatisch vertretbaren - Aberglauben des Gesun-den Menschenverstands herabgesunken; es begann mit den Revolutionen der Thermodynamik und hat mit der Quantenphysik einen einstweilen Höhe-, aber längst keinen Schlusspunkt gefunden. 

Dass die exakten alias 'Natur'-Wissenschaften an ihren Grundlagen zu zweifeln beginnen, ist löblich, aber auch das mindeste, was man erwarten darf. Nun wenden sie sich in neuer Bescheidenheit an die 'weiche' Philosophie zurück. Wobei sie viel Zeit sparen können, wenn sie sich erinnern, dass die Philosophie ihnen schon vor zwei-hundert Jahren in Bescheidenheit vorangegangen ist und sich mit Kants Kopernikanischer Wende selber die Schranken gezogen hat, die sie von den Realwissenschaften trennen - und die Realwissenschaften von ihr! Erkenntnisfortschritt können beide nur erhoffen, wenn sie die Schranken klug beachten und nicht "interdiszi-plinär" wieder alles miteinander verrühren. Wenn ihr Interesse eben der Andersheit des andern gilt und sie Konsens und Gemeinsamkeit den profanen Alltagsmenschen überlassen.