Mittwoch, 11. Juli 2018

Ursprünglichste Ontologie.

Menhir, Filitosa, Korsika

Eine Sache ‚bestimmen’ heißt: ihren Platz in einem Wirkungszusammenhang ausfindig machen. Daß sie in einem Wirkungszusammenhang steht, ist a priori vorausgesetzt. Dieses Apriori erscheint als ein logisches; ist aber ein historisches. Cf. Habermas: die Leistungen des transzendentalen Subjekts sind ein Erwerb der Gat- tungsgeschichte. Die 'Idee' eines Wirk-Zusammenhangs (Animismus) kommt auf, sobald die 'Menschen' (Ho- miniden) ihre 'Welt' selber machen: auf selbstgewählte Zwecke absehen und ihnen gemäß handeln. Die Idee der Kausalität - alles ist Wirkung, also hat alles eine Ursache - ist Teleologie a tergo [Nietzsche]. Zugrunde liegt die ('unvordenklich' gewordene) Frage: wozu mag das Ding taugen? Zuerst: mir taugen. Erweiterung: Wenn es zwar nicht mir taugt, dann wohl einem Andern... Was dieses Andere sei, ist das Problem der Metaphysik. Der Wirkungszusammenhang, der nicht meiner ist, ist das An-sich.

Im allgemeinen Wirkungszusammenhang ('das Absolute' in Fichtes Grundlagen...) wird das Eine durch das ande- re 'bedeutet': Nicht Es bedeutet 'sich-selbst', sondern das Andere bedeutet es. Nur darum kann ein 'Wesen' (das eigentliche Sein) von der 'Erscheinung' unterschieden werden. - Es ist entwicklungsgeschichtlich aber nicht so, daß das 'Wesen' nachträglich zur Erscheinung hinzu tritt; sondern umgekehrt:

Der animistischen 'Welt'-Anschauung erscheinen alle Dinge als mit eignem Willen begabt. Sie werden nicht von Anderem bedeutet, sondern bedeuten sich selber. Diese eigenwillige Selbstbedeutung kann man den Dingen und namentlich den Tieren ansehen; wohl nicht entziffern, aber doch erschauen: weniger erkennen als erraten. Ur- sprünglich besteht die Welt aus lauter Rätseln. Und zwar so, daß, was nicht zum Rätsel wird, in die 'Welt' gar nicht recht eintritt: als nichts-sagend. 'Wissen' ist ursprünglich Physio-Gnosis. Will sagen, 'ursprünglich' sind An- schauen und Begreifen nicht getrennt, sondern in der animistisch-magisch-mythischen Für-wahr-Nehmung eins. 


Mit der Erweiterung des eigenen Wirkungskreises schiebt sich im angesammelten Gedächtnis vieler Generatio- nen zwischen die Wahrnehmung der je einzelnen Wirkungsakte 'belebter Dinge' die Erfahrung von Wirkungs-Zusammenhängen - die im Gedächtnis nun als ein besonderes Bild (daimôn: 'der zuteilt', vgl. Prellwitz), neben den Abbildern der belebten Dinge, bewahrt werden können: Der Begriff tritt hinzu - und trägt, qua Abstraktion, in die Anschauung die Reflexion hinein. Jetzt erst scheiden sich Wesen und Erscheinung, indem das Werden (ge- nesis=Wirkung) als Akzidens eines substanten Seins, alias Ur-Sache (ontos on = Zusammenhang der Wirkungen in einem Ursprung) gedacht werden kann. Die Anschauung wird "intellektual" - d. h. spekulativ; und scheidet sich von der gewöhnlichen, 'sinnlichen' Anschauung, die sie als roh verachtet. Seitdem zerfällt die Welt in Subjekt und Objekt.

im Juni 2002


Nachtrag. Die moderne Vorstellung von einem Allgemeinen Zusammenhang ist die Grundlage aller Vernünftig- keit. Wenn von Vernunft heute auch niemand mehr reden will, ist doch jeder darauf bedacht, in der Öffentlich- keit nicht unvernünftig zu erscheinen. Denn wenn man ihm das nachweisen könnte, würde ihn niemand mehr für seinesgleichen erkennen.

Das ist das, was Fichte das 'gemeine Bewusstsein' nennt; common sense, gesunder Menschenverstand. Das ist die Bewusstseinsverfassung eines normalen Alltagsmenschen und des Professors einer Realwissenschaft gleicher- maßen. Zweck der Vernunftkritik (Kant) alias Wissenschaftslehre (Fichte) war, die Rechtfertigung dieser Auffassung zu prüfen, indem sie ihre Herkunft untersuchten. 

Ihr Ausgangspunkt ist eine Welt, in der Alles - wenigstens virtuell - schon bestimmt ist. Ihr Verfahren ist, die Be- stimmungen, rückwärts gehend, Schritt für Schritt aufzulösen. Und an einen Punkt zu gelangen, wo das Bestim- men allererst angefangen hat. Es wird sich finden, dass dieser Punkt nur als das Selbst-Bestimmen eines zuvor (so gut wie)* Unbestimmten gedacht werden, aber das spielt hier noch keine Rolle. Auf jeden Fall bedeutet 'bestim- men' in transzendentalphilosophischem Sinn nicht, einen vorgegebenen Zusammenhang aufzusuchen. Es bedeutet übergehen vom (relativ) Unbestimmten zum (relativ) Bestimmten. Ob und wie die unterwegs angesammelten Be- stimmungen sich schließlich zu einem Zusammenhang fügen, ist das Thema der realen Wissenschaften - zu denen in diesem Fall auch die Logik zu zählen ist.

Der obige Eintrag war ein Versuch in realer Anthropologie.

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*) Eine usprüngliche Agilität wird man ihm nachträglich doch zudenken müssen, sonst passierte gar nichts.


 

Dienstag, 10. Juli 2018

Ich ist das negativ Absolute.


Ich bedeutet jenes negativ zu erkennende Absolute, das nach aller Abstraktion übrig bleibt. Was nur durch Handeln realisiert werden kann und was sich durch ewigen Mangel realisiert. (So wird Ewigkeit durch Zeit realisiert, ohnerachtet Zeit der Ewigkeit widerspricht.) Ich wird nur im Entgegengesetzten wirksam und bestimmt für sich.
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Novalis, "Fichte-Studien", in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 173 


Nota. - Zwar hat wohl Novalis zum Philosophieren mehr Talent gehabt als zum Dichten; doch ohne ein gründ- liches Studium wäre auch daraus nichts geworden. Gründlich oder jedenfalls stürmisch und umfänglich hat Novalis aus beruflichen Gründen seine naturwissenschaftlichen, namentlich mineralogischen Studien betrieben, für die Philosophie blieb weniger Zeit. Er mag aber auch dem Irrtum unterlegen sein, in der Philosophie not- falls mit der Einbildungskraft auskommen zu können.
 

Das poetische Bild lag ihm auch beim Philosophieren näher als der scharfe Begriff, und damit war er bei Fichte ja so falsch nicht dran; jedenfalls nicht beim Zugang. Aber er hat sie auch gar nicht so recht unterschieden. Und das wird fatal beim Fortschreiten. Da braucht man nämlich die Begriffe zur Prüfung des eingebildeten Materi- als, sonst trägt es die folgenden Stufen nicht. Er hat sich wohlweislich auf die fragmentarische Darstellung be- schränkt, da stehen die Bilder nebeneinander und bauen nicht - wozu Bilder nicht taugen - aufeinander auf.

Tatsächlich bleibt das Ich im analytischen ersten Gang der Wissenschaftslehre als eine Art leeres Absolutum übrig: zugleich Stoff und Energie des Bestimmens, des rein subjektiven Selbstbestimmens, auch sich selbst nie anders Objekt wird, als indem es sich selbst bestimmt: "durch Handeln". Es 'realisiert' sich nur 'als Mangel', in- dem es sich nie restlos bestimmt vorkommt, und der in zum fort bestimmen treibt. Indes, das Bestimmen nimmt kein Ende und geht ewig. Sein Wozu erweist sich seinerseits als ein Absolutes, und wenn es meint, sich ihm un- endlich anzunähern, ist es ein halber Schwindel; denn der Abstand bleibt ewig unvermindert, nämlich unendlich. 'Realisiert' wird es selbst als Ziel nur wie das Absolute am Beginn: durch Handeln; und ist nur als Mangel. Auch nur negativ.

*

Das ist auch ein 'Fragment', wie das obige; es ist die ganze Wissenschaftslehre in einem großen Bogen. Es ist, wie Fichte gesagt hättte, ein Witz, den man aber erst ganz am Schluss machen kann - und bis zum Schluss ge-langt man nur durch die quälenden begrifflichen Spitzfindigkeiten des ganzen Systems.

 

Die Sammlung von Novalis' "Fragmenten", die Kamnitzer 1929 in Dresden herausgegeben hat, unterscheidet nicht die einzelnen Fundorte im Nachlass. Der war noch ungeordnet, die einzelnen Phasen von Novalis' philo- sophischen Studien wurden ja erst durch ihn sichtbar. Während er zunächst um ein eigenes Verständnis der Fichte'schen Wissenschaftslehre bemüht war, ("Fichte-Studien"), legt er später ein Notizbuch 'für alles' an ("Allgemeines Brouillon"), in das er wie in einem Tagebuch seine Einfälle zu diesem und jenem festhält. Dabei vermischen sich fortschreitend Naturwissenschaft, Naturspekulation und eine zunehmend schwärmende Philo- sophie.

Eine zuverlässige Ausgabe der Fragmente ist inzwischen in Band 2 der Werkausgabe von Hans-Joachim Mähl im Hanser-Verlag erschienen (München 1978).
JE










Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Montag, 9. Juli 2018

Der Herr der Fliegen.

The Lord Of The Flies                                                                                                                             Kommentar zu Zimbardo neu ausgewertet.

Das radikal Böse im Menschen ist nach Kant seine Fähigkeit, das, was er als gut und richtig erkannt hat, nicht zu tun. Moralische Gründe kann er dafür nicht haben; höchstens außermoralische Motive. Dass sich einer über die Stimme seines Gewissens hinwegsetzt um eines schnöden Vorteils willen, kommt vermutlich gar nicht so oft vor. Der höchst subjektive Vorteil des erweiterten Machtgefühls würde allein auch nicht reichen. Wenn dagegen eine Instanz herbeigezogen werden kann, die vom eigenen moralischen Urteil entbindet und versichert, es sei hier gar nicht am Platz, dürften bei manch einem die Hemmungen fallen. Das ist das radikalst Böse im Men- schen: dass er auf sein eigenes Urteil verzichten kann.
 

Das gewöhnlichste Motiv dafür dürfte in aller Welt die Feigheit sein, das eigene Urteil gegen die herrschende Meinung zu verantworten. Ohne die genetischen Überreste des Rudelverhaltens im Urwald möchte das radikal Böse im Menschen gar nicht so lange überlebt haben.


Sonntag, 8. Juli 2018

Die Widersprüche im System auflösen.


In einem philosophischen System alle Widersprüche auflösen wollen ist unvernünftig. Jede Lösung eröffnet ein Feld für neue Widersprüche: Setzen ist Entgegensetzen. 

Versuchen muss man es doch, wie will man sonst vorankommen?

*

Fichte sagt, man müsse von jeder Stelle im System aus zu jeder anderen gelangen können, so dass eine jede ebensogut Anfang und Mittelpunkt des System sein könne wie alle jene. Dabei handelt es sich offfenbar um das logische System der wechselseitig durcheinander bestimmten Begriffe; "alles, was der Fall ist". Als solches lässt es sich in der Tat nicht darstellen. Man fände keinen Anfang, aber auch keinen Abschluss. Es ist in jeder Rich- tung offen. 

Das System der Transzendentalphilosophie ist eine genetische Abfolge von Vorstellungen, wo eine jede nur aus den vorangegangenen hervorgehen kann. Es ist ein Fortschreiten, wenn auch nicht linear, so doch systemisch. Während im logischen System alles gleichzeitig, synchronisch (eigentlich a-chronisch) ist, hat das System der Transzendentalphilosophie einen (diachronischen) Verlauf. Nur in der Reflexion lässt er sich umkehren, nicht reell.


Es ist "nach außen", seinem Umfang nach, abgeschlossen. Es hebt an mit dem Wollen und endet beim fiktiven Schlussstein des Absoluten. Davor, daneben und dahinter ist nichts. "Nach innen", in die Tiefe, kann es gar nicht abgeschlossen werden, denn innen reproduzieren sich die Widersprüche in dem Maß, wie sie aufgelöst werden. Es ist nicht unendlich, aber genzenlos. 

Das System der Transzendentalphilosophie ist unverzichtbar, denn es begründet alles reale Wissen. Ein System der Welt* wäre zu nichts zu gebrauchen. 

*) Das physikalische Universum ist nicht die Welt. Eine Kosmologie, die die Möglichkeit anderer Welten postu- lieren muss, lässt sich eo ipso nicht in ein System bringen.

31. 5. 15 


Nachtrag. - Nicht unendlich, aber grenzenlos. Der (logische) Umfang ist gegeben. Das System hat ein oberes und ein unteres Ende: die beiden Absoluten. Über sie hinaus gibt es nichts Bestimmbares. Dort hört das Be- stimmen auf. Nach innen zeigt sich das System in beide Richtungen als eine Wechselbestimmung von Begrif- fen. Jeder Begriff ist ein Bestimmtes; aber ein transitorisch Bestimmtes. Eine jede Bestimmung lässt sich vor- antreiben. Die Vorstellung von einem vollständig Bestimmten ist eine logische Fiktion. Sie fiele zusammen mit einem Ding an sich. Dabei lässt sich nichts denken: Nur um dies zu erkennen, ist die Fiktion brauchbar.



Samstag, 7. Juli 2018

Wie Einbildungskraft zur Vernunft kommt.


Zur Vernunft wird die Einbildungskraft in dem Maße, wie ihre Produkte* sich mit den Produkten der Einbil- dungskraft der 'Reihe vernünftiger Wesen' zu einer Welt vergesellschaften; nicht kumulativ ansammeln, sondern reduktiv ver ein igen. 

Aber ob oder ob nicht, weiß man erst nachher; es muss sich erweisen.
*) [Bestimmungen]

20. 2. 15



Nota. - Es ist kein Vorgang der Konsensfindung. Der wäre willkürlich und zufällig. Es ist - darauf kommt alles an - ein Prozess der Reduktion und Auslese, und der erfolgt mit Notwendigkeit. So wie der unendliche Prozess der Zirkulation durch die Konkurrenz der Anbieter auf dem Markt das Unnütze ausscheidet und im Durch- schnitt ein Wert ermittelt. Willkürliche Manipulationen an den Preisen werden im unendlichen Fluss nach oben oder unten ausgeglichen, da hilft kein' Gewalt noch Kunstgriff.

Es ist nämlich nicht so, dass die Einbildenden sich lediglich untereinander verständigen müssetn - da könnten sie alle miteinander ein Auge zudrücken. Sie müssen sich vielmehr in Verfolgung gemeinsamer Zwecke in der Welt ver- ständigen. Verständigen worüber? Darüber, ob in der Welt diese oder jene Bestimmung gelten soll. Der Maß- stab ist keineswegs das Meinen der 'vernünftigen Wesen', sondern die Welt. 

Aus freiem Willen verständigen muss man sich über die Zwecke. Ob unsere Bestimmungen der Dinge in unserer gemeinsamen weltläufigen Praxis sich bewähren, ist ein objektives Urteil, das die Welt selber spricht und nicht die Einbildenden.
JE


 

Freitag, 6. Juli 2018

Woher und wozu wir vernünftig wurden.


Dass das, was ist, ist, haben wir nicht selbstgemacht. Es ist schlechterdings da, wieso und wozu kann uns vor der Hand gleichgültig sein. Denn das, was es ist, haben wir allerdings selber bestimmt und bestimmen es un- entwegt neu: was es für uns sein soll, was man daraus machen kann, als was es uns gilt. Das ist ein praktische Frage.

Einem isolierten Individuum hat sie sich in der Geschichte nie gestellt. Defoes Robinson hatte den Zweckbegriff aus der Zivilisation mitgebracht, und wenn er gelegentlich einem Ding, das er noch nicht kannte, einen neuen Zweck anerfunden hat, so hatte er die Idee, Dinge an ihren Zwecken zu erkennen, doch nicht selber erfinden müssen.


Die Menschen und ihre Vorläufer in der Gattungsgeschichte konnten nicht leben, ohne zusammenzuleben. Dinge fanden sie nicht als Einzelne vor, sondern gemeinsam. Die Frage nach ihren Zwecken stellte sich nicht jedem allein, sondern allen zusammen. Oder auch: Als geltend bewährt haben sich diejenigen Zwecke, die sie teilten, die andern gingen wieder verloren. So entstanden Begriffe von den Dingen.


Richtig ist wohl, dass die Zwecke, die unsere Vorläufer erfanden, sich hauptsächlich aufs nackte Überleben bezogen haben dürften - auf ihren Erhaltungswert für die Individuen in ihren Lebensgesgemeinschaften. Materielle Zwecke teilen sich regelmäßiger mit, ideelle Zwecke bleiben länger individuell. Aber das ist ein gradueller Unterschied, der mit der Höhe der Kultur abnimmt; im Prinzip ist ein Zweck ein Zweck.


Historisch ist es zwar eine bedeutsame Frage, wie immaterielle und daher fernerliegende Zwecke für Homo sapiens eine so viel mächtigere Kraft gewinnen konnten als in allen andern Gattungen. Aber dass es so ist, ist ein Faktum, das aller Anthropologie richtungweisend zugrundeliegt. Denn umstritten sind die Zwecke nur, wenn und weil sie geteilt werden sollen. 

Es ist diese historische Gegebenheit, die wir seit gut drei Jahrhunderten als Vernunft bezeichnen. Sie aktu- alisiert sich alltäglich im Streit.

30. 8. 17 


Auch dies ist nicht transzendental und im Konjunktiv gesprochen, sondern realistisch im Indikativ. Dass die Vernunft in der Welt ist, dass alle Vernünftigen darin übereinkommen, dass sie allenthalben zu gelten hat und dass die Vernünftigen den Meinungskampf überall da beherrschen, wo er öffentlich stattfindet, ist das Faktum, von dem die Transzendentalphilosophie ausgeht. Nicht nur ausgeht: ist das Faktum, das sie verstehen will; das Faktum, auf das sie hinausläuft.

Das wirkliche Aufkommen der Vernunft im Laufe der Geschichte kann wohl mit den Instrumenten der Ver- nunft - Begriff und logische Schlussregeln - beschrieben werden. Aber da sie sich selber voraussetzen, können sie nicht sichtbar machen, was an dem beschriebenen Geschehen das Vernüftige gewesen sein soll: Es ist ein Petitio principii, durch die nichts verständlicher wird.

Verstehen, 'wie die Vernunft zur Welt gekommen ist', will der Transzendentalphilosoph ja, um einen Maßstab zu finden, nach dem er beurteilen kann, ob dieses oder jenes vernünftig ist. Er will nicht aus Neugier entdecken, wo die Vernunft herkam, sondern er will wissen, wie sie begründet ist. Dass sie begründet ist, muss er aus heuri- stischen Gründen voraussetzen, sonst hätte er ja nichts, wonach er suchen kann. So wird er von der Vernunft ein Modell entwerfen. Mit dem ist es wie mit allen Modellen: Sie bestehen, wenn sie in Bewegung die Leistungen er- bringen, die von ihnen erwartet werden. Vorausgesetzt ist die Leistung, aufgesucht werden die Bedingungen, unter denen sie möglich ist. Leistet das Modell, was es soll, so wird es selber Kriterium der Vernünftigkeit: Was nicht ins Modell passt, ist aus dem Verkehr vernünftiger Wesen auszuscheiden.

Die Transzendentalphilosophie ist Vernunftkritik. Hat sie ihre Arbeit besorgt, kann sie sich der wirklichen Ge- schichte davon zuwenden, wie die Vernunft nach und nach die Köpfe von immer mehr Menschen erfasst hat, und kann beurteilen, ob ihr Anspruch auf Weltherrschaft realistisch ist. Dieser zweite Arbeitsgang heißt An- thropologie.
JE

Donnerstag, 5. Juli 2018

"Reizverarbeitung".

Rosel Eckstein / pixelio.de 

Die Welt ist nicht alles, "was der Fall ist". Unmittelbar begegnet sie uns als ungestalter, unendlicher Strom des Erlebens. "Reizverarbeitung", sagt der Neurowissenschaftler. Das Erleben ist nicht an sich zusammengesetzt aus einer Reihe von Erlebnissen. Ein Erlebnis zeigt sich erst, wenn die Reflexion  willkürlich einen 'Punkt' aus dem Strom herausgreift und ihn künstlich gegen die andern abgrenzt. Doch nicht erst die Punkte – der Strom selbst wird im Verlauf der Verarbeitung nicht nur 'gemerkt', sondern als dieses Erleben bewertet. 
 
Das weiß auch der Neurowissenschaftler und kratzt sich am Kopf: weil er nicht weiß, wie das geschieht, und das heißt für ihn: wo das geschieht. Anzunehmen ist, dass auch dies nicht in einem Zentrum im Gehirn passiert, son- dern, wie alle Reizverarbeitung, systemisch erfolgt innerhalb einer beständig wechselnden Konstellation zahlrei- cher Zentren. Die 'Inselrinde' im praefrontalen Cortex  (das Geschmackszentrum) wird irgendwie beteiligt sein, auch das limbische System und der 'Mandelkern' (Amygdala) spielen mit. Und welche Rolle spielt das "Bauch- hirn" (Sonnengeflecht, Plexus solaris) um das Zwerchfell herum? Und: spielt es sie autonom oder seinerseits 'gesteuert' von den neueren, 'höheren' Gehirnpartien?  Spielt es in einem systemischen Vorgang überhaupt eine Rolle, welche Partie älter und niederer, und welche neuer und höher ist? Der Vorgang als Ganzer ist ein 'moder- ner' und könnte ohne Mitwirkung rezenter Partien gar nicht stattfinden.

Und sobald das Erleben in der Reflexion bewusst gemacht und in isolierbare Erlebnisse seziert wurde, tritt es ein in das Netz der Symbole, die ihrerseits wertend wirken und das Erleben "einfärben".

Auch hier sagt der Neurowissenschaftler "Reizverarbeitung" – weil er sich qua Fach auf diese Betrachtungsweise einmal festgelegt hat.

aus e. Notizbuch, um 2002? 

Nota I. - Mit der Formel, die Welt sei 'alles, was der Fall ist', hatte Wittgenstein natürlich nichts empirisch Wahr- nehmbares gemeint, sondern das, was logisch 'der Fall ist'.

1. 12. 13 


Nota II. - Verstehen, wie aus physiologischen Reizen (Gefühl) den Menschen Bedeutungen entstehen, ist die Auf- gabe, die sich die Wissenschaftslehre gestellt hat. Damit hat obiger Eintrag wohlbemeerkt noch nichts zu tun. Hier geht es erst um die durch Beobachten zu eruierende Frage, was sich wo abspielt im Gehirn; wobei als das Was erst noch die auf analoge Weise darstellbaren elektrochemischen Prozesse in den neuronalen Netzen zu ver- stehen ist. Aber noch lange nicht das Was einer praktischen ('durch Freiheit möglich') Bedeutung, die ich erst verstehen müsste, um durch mein Handeln in der Welt Realität zu verschaffen. 


Da haben wir auf der unteren Seite einen reellen Stoffwechsel-Prozess und auf der oberen Seite eine Folge realer Handlungen, die sich ebenfalls als Austausch von Energien und Materien darstellen lässt. Dazwische liegt die Be- deutung "als solche"; in einem Schwebezustand, nicht mehr und noch nicht wieder ganz wirklich, sondern 'erst noch möglich', aber vor allem: nicht nichts!

Umgangssprachlich sagen wir: erst noch als Begriff (mit dem letzten Endes eine Handlungsanweisung gemeint ist). Der lässt sich nun nicht mehr im analogen Modus darstellen und anschauen. Er lässt sich lediglich denken. Darge- stellt (und mitgeteilt) wird das Denken im digitalen Modus, indem den gedachten Bedeutungen ein willkürlich wählbares Zeichen angeheftet wird; in der Erwartung, dass der, der das Zeichen entziffert, wohl schon dasselbe herauslesen wird, was der Bezeichner hineingedcht hat. Dass es so ist, gewinnt überhaupt erst durch regelmäßi- gen und allgemeinen Austausch eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Sichherstellen kann man es nie. Denn die Über- setzung von Etwas aus dem analogen in den digitalen Modus und zurück ist schlechterdings ein Kunst-Stück - und als solches ein Rätsel. Es ist der Akt des Bestimmens, und als solcher eine Leistung der Einbildungskraft.
JE