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Montag, 11. März 2019

Gibt es denn eine intelligible Welt?


Nun ist auf solche Weis eine Welt vernünftiger Wesen (mundus intelligibilis) als ein Reich der Zwecke möglich, und zwar durch die eigene Gesetzgebung aller Personen als Glieder. Demnach muß ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke wäre. Das formale Prinzip dieser Maximen ist: handle so, als ob deine Maxime zugleich zum allgemeinen Gesetze (aller vernünftigen Wesen) dienen sollte.
 

Ein Reich der Zwecke ist also nur möglich nach der Analogie mit einem Reiche der Natur, jenes aber nur nach Maximen, d.i. sich selbst auferlegten Regeln, diese nur nach Gesetzen äußerlich genötigter wirkenden Ursachen. Demunerachtet gibt man doch auch dem Naturganzen, ob es schon als Maschine angesehen wird, dennoch, so fern es auf vernünftige Wesen, als seine Zwecke, Beziehung hat, aus diesem Grunde den Namen eines Reichs der Natur. Ein solches Reich der Zwecke würde nun durch Maximen, deren Regel der kategorische Imperativ aller vernünftigen Wesen vorschreibt, wirklich zu Stande kommen, wenn sie allge-mein befolgt würden.

Allein, obgleich das vernünftige Wesen darauf nicht rechnen kann, daß, wenn es auch gleich diese Maxime selbst pünktlich befolgte, darum jedes andere eben derselben treu sein würde, imgleichen, daß das Reich der Natur und die zweckmäßige Anordnung desselben, mit ihm, als einem schicklichen Gliede, zu einem durch ihn selbst mögli- chen Reiche der Zwecke zusammenstimmen, d.i. seine Erwartung der Glückseligkeit begünstigen werde: so bleibt doch jenes Gesetz: handle nach Maximen eines allgemein gesetzgebenden Gliedes zu einem bloß möglichen Rei- che der Zwecke, in seiner vollen Kraft, weil es kategorisch gebietend ist. 
_______________________________________________________________
Kant, Grundlegung einer Metaphysik der Sitten, WW ed. Weischedel, Bd. VII, S. 72f.


Nota I. - Für Kant ist der Kategorische Imperativ offenbar der Zweck der Zwecke. Und zwar gedacht als real. Ideale Zwecke, die um ihrer selbst willen 'gefallen', wären nach seiner Auffassung ästhetisch; aber das Ästhe- tische will er von der Vernunft fern-, das heißt: aus der praktischen Vernunft heraus halten; wenn auch in un- mittelbarer Nachbarschaft. - Ideale Zwecke 'gibt es' nur als ästhetische Idee, nämlich unendlich bestimmbar und ergo ewig unbestimmt.
 

Vernünftig ist nach Fichte ein Denken (Handeln), das vom Unbestimmten zum Bestimmten fortschreitet, wobei bestimmen heißt: einer Sache einen Zweck zuschreiben. Vernünftig wird ein Individuum nur durch die Aufforde- rung seitens einer ihm vorausgesetzten 'Reihe vernünftiger Wesen'. Fluchtpunkt seiner Vernünftigkeit wäre der ideale 'Zweck an sich': ein Aestheticum.

Das Fortschreiten vom Bestimmbaren zum Bestimmten ist nicht das Verfahren Kants (Kant fügt Begriffe anein- ander). Zweck, Vernunft und eine 'Welt vernünftiger Wesen' gehören wohl auch bei ihm zusammen; doch wel- cher Zweck vernünftig sei, ist bei ihm schon immer bestimmt. So kommt es, dass der Mensch am Guten inter- essiert sei, denn es ist ihm vor gegeben: Er kann es als ein Objekt begehren. Bei F. ist der nicht (erst) am Objekt, sondern als ein schlechthin Wollender vorgängig am Bestimmen selbst 'interessiert'; daher kann er auch ideale Zwecke haben.
 

4. 7. 16

Nota II. - Indem sie dazu übergingen, ihre Zwecke mit den Zwecken der Andern, denen sie in der Welt begegnen, zu vergleichen und abzustimmen, fand sich eine Reihe von Wesen zusammen, die ipso facto vernünftig waren. Die- ser Vorgang wird im Bericht der Wissenschaftslehre stillschweigend als historisch vorausgesetzt (und es war in der Wirklichkeit die Ausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft). Die Wissenschaftslehre stellt eine Situation dar, in der 'das Ich' eine Reihe vernünftiger Wesen immer schon vorfindet. Sie erzählt nicht von der wirklichen Entwick- lungsgeschichte der Vernunft, sondern liefert ein Modell der vorfindlichen intelligiblen Welt. (Das findet sich auch andernorts: Die Entstehungsbedingungen eines Systems sind etwas anderes als die Bedingungen seiner Repro- duktion.)

28. 10 18


Nota III. - 'Ja gibt es denn überhaupt einen Mundus intelligibilis?' - Natürlich nur in der Vorstellung. Doch in der Vorstellung Aller, die am vernünftigen Verkehr teilhaben. Vernünftig sind sie, weil sie am Verkehr teilhaben, und vernünftig ist er, weil sie an ihm teilhaben. So dass zu präzisieren ist: 'Es gibt' ihn nur in der Vorstellung, sofern diese im allgemeinen Verkehr regulierend wirkt.

Anders gibt es sie nicht. 



Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Mittwoch, 6. Februar 2019

Wurde die Mathematik entdeckt oder erfunden?

Wurde die Mathematik aus der Natur heraus-gefunden… 
…oder vom Menschenhirn in sie hinein-gedacht?
aus Die Wendeltreppe - Philosophische Propädeutik

Erst mit Galileo ging, streng genommen, das mythische Zeitalter zu Ende. “Der Mythos braucht keine Fragen zu beantworten. Er erfindet, bevor die Frage akut wird und damit sie nicht akut wird.”(Hans Blumenberg). Seit Galileo stellen die Wissenschaften nicht nur Fragen, sondern beantworten sie auch, und jede Antwort wirft (mindestens) eine neue Frage auf.

Das Buch der Natur sei in der Sprache der Mathematik geschrieben, hatte Galileo verkündet. Das ist seither zum Gemeinplatz westlicher Bildung geworden. Descartes hatte die Welt in zwei Substanzen zerteilt, eine res extensa, die Materie, die sich durch ihre räumliche Ausdehnung zu erkennen gibt, und die res cogitans, den Geist, der außerhalb von Raum und Zeit ist. Doch eines ist ihnen gemeinsam: die mathematische Struktur, und an der erkennt man ihre gemeinsame Abkunft vom selben Schöpfergott. Spinoza tat die beiden Teile wieder zusammen, bei ihm ist es die eine, geistige Substanz, die sich selber ausdehnt, “deus sive natura”, und wie tut sie das? “More geometrico”, auf geometrische Weise! War bei Descartes Gott ein Mathematiker, so ist die Gottnatur bei Spinoza Mathematik. Isaac Newton, der erste Systematiker der modernen Physik, betitelte sein Hauptwerk ” Philosophiae naturalis principia mathematica”, die mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie. Und Leibniz endlich, der die strenge Naturwissenschaft in Deutschland eingeführt hat, überlegte ernstlich, ob nicht Gott selber in mathematischen Formel dächte.

Die Herrschaft des Rationalismus war Herrschaft der Metaphysik. Die Metaphysik sei aus der abendländischen Wissenschaft inzwischen vertrieben? Nur die metaphysische Verpackung ist gefallen. Der Kern bleibt. Der Einfall, die Gesetze der Mathematik seien gleichzeitig die Gesetze der Vernunft und der Natur, bedarf keiner zusätzlichen Metaphysik. Er ist selber metaphysisch.

Die Mathematik ist nicht, wie unsere eigne Schullaufbahn vermuten macht, aus dem kleinen Einmaleins hervorgegangen. Zwar hatten die Babylonier ihr Interesse auf die Arithmetik konzentriert; aber sie dienten ihnen nur zur Astrologie. Mathematik entstand erst, als die Griechen Thales und Pythagoras die Zahlen in den Dienst der Geometrie, der Anschauung räumlicher Verhältnisse nahmen. Das Leitbild der Mathematik – die vollkommene Gestalt – ist ästhetisch. Ihre Verfahren sind Anschauung und Konstruktion. Auf etwelche sinnliche Erfahrung – über die man streiten könnte – ist sie nicht angewiesen. Sie begründet sich aus sich selbst, und nur so konnte sie zur Grundlage der allgemeinen wissenschaftlichen Methode werden.

Aber ist nicht gerade die Geometrie aus den Dingen der Welt abgeschaut?! 

Plato kannte fünf vollkommene Körper: Kugel, Würfel, Pyramide; Zylinder, Konus.

Es sind die jeweiligen dreidimensionalen Kombinationen von Kreis, Quadrat und Dreieck. Drei Dimensionen sind ‘vollkommener’ als zwei, bzw. Körper sind vollkommener als Flächen.

Hat man eines von denen ‘von der Natur abgeschaut’? Mehr oder minder runde Formen kommen in ‘der Natur’ vor; Kugeln nicht. Kugel ‘entsteht’ als Idee des vervollkommneten ‘runden’ Körpers. Wobei Vollkommenheit eben keine logische, sondern eine anschauliche, eine ästhetische Qualität ist! Finden sich Würfel, Pyramiden, Zylinder usw. in der Natur vor? Es finden sich Formen, die wie fehlerhafte Annäherungen aussehen. Damit sie so aussehen können, müssen die reinen Formen dem inneren Auge aber schon gewärtig sein. Und das geht nur, wenn das innere Auge die Konstruktion aus Kreis, Quadrat und Dreieck schon vorgenommen hat! Das ist eine erhebliche Abstraktions- und Reflexionsleistung.

(Abstraktion und Reflexion sind nur zwei Sichtweisen auf denselben Denkakt: Absehen auf das jeweils Wichtige ist zugleich Absehen von dem jeweils Unerheblichen.)

Denn zuvor mussten vor dem inneren Auge die Flächen selber konstruiert werden! Allein den vollkommenen Kreis kann man in der Außenwelt sehen – am wolkenlosen Himmel.

Es ist ja denkbar, dass der Anblick des einzig perfekten Kreises – der Sonnenscheibe – und ihrer imperfekten Parodie, des Mondes – den Anlass zur Idee anschaulicher Vollkommenheit gegeben hat; aber eine erfahrungsmäßige Abstraktion aus dem Anblick vieler perfekten Kreise war es nicht: weil es nur diesen einen gibt; und eine Reihe imperfekter Karikaturen – die werdenden und vergehenden Ringe auf dem Wasser usw… Nachgemacht werden kann dieser eine perfekte Kreis aber nicht auf ‘anschaulichem’ Weg; er muss konstruiert werden aus Punkt und Radius: wieder eine Abstraktionsleistung.

Die andern beiden Grundformen finden sich nicht in perfekter Gestalt in den Natur vor. Sie müssen – vielleicht in anschaulicher Analogie zur Sonnenscheibe – erdacht werden, um bemerken zu können, dass sich in der Natur… unvollkommene Annäherungen vorfinden.

Und erst nach all dem können die fünf perfekten Körper erdacht werden; und kann man sich einbilden, diese Idealentwürfe lägen ihren unvollständigen natürlichen Nachbildungen “in Wahrheit” zu Grunde; in einer verborgenen Wahrheit selbstverständlich.

Die Arithmetik hat ältere Wurzeln, die bis zu den Babyloniern zurückreichen. Ist nun die Zahl ein “Naturverhältnis”? Beruht sie nicht darauf, dass die Dinge ‘im Raum’ eine Grenze haben und man sie neben einander stellen und also zählen kann? Das sieht nur so aus. Tatsächlich zählen wir die Dinge nicht neben-, sondern nach einander! Und das geschieht in der Zeit. 

Paläoanthropologen haben aus frühester Vorzeit Stäbchen geborgen, die in regelmäßigen Abständen mit Kerben versehen sind. Sie interpretieren sie als Zählstäbe, die Vorläufer der Zahlensysteme; nämlich so, dass ihre Hersteller den Daumennagel auf die erste Kerbe gehalten haben: “zuerst…”; auf die zweiter Kerbe: “dann…”; dritte Kerbe: “und danach…”. Da wird das zeitliche Nacheinander der Zahlen archäologisch sinnfällig!

Und wem die erwähnten Zählstäbe der Paläontologen als Indiz zu dürftig scheinen, der kann es ja mit einem Gedankenexperiment versuchen.

Was immer Zahlen sonst auch noch sein mögen, eins sind sie ganz bestimmt: Zeichen. Was muss man bezeichnen? Etwas, das man nicht stets vor Augen hat und doch ‘behalten’ will. Denn auf alles andere kann man mit dem Finger zeigen. Kleine Mengen hat man stets vor Augen: 3 Äpfel, 4 Beine usw. Bezeichnen müsste man größere Mengen. Mit welchen größeren Mengen könnten aber unsere Vorfahren – ihres Zeichens Jäger und Sammler – regelmäßig zu tun gehabt haben? So regelmäßig, dass sie sie dauerhaft bezeichnen mussten?!

Sie waren Nomaden; große Vorräte kannten sie nicht. Bleibt also übrig – die Zeit. Die Zeiträume müssen bezeichnet werden: wie viele Tage bis Vollmond, Sonnenwende und Tag- und Nachtgleiche, Jahreszeiten, Jahre… Gerade Nomaden, die ihr Leben buchstäblich durch Zeit und Raum führen, müssen mental Zeiträume ‘vorweg nehmen’ können, müssen wissen, ‘wie lange wir brauchen bis…’ – z. B. bis zur nächsten Wasserstelle. Denn solange sie keine Wanderkarten und keine Tachometer haben, können sie Wege nur als Zeit darstellen. (Noch im Mittelalter wurden Ackergrößen als ‘Tagewerke’ gemessen.)

Sagt nicht aber schon der gesunde Menschenverstand, dass eins und ein zwei sind? ‘Ursprünglich’, d. h. in unmittelbarer sinnlicher Anschauung, kommen Zahlen nur als Ordnungszahlen vor: als Nacheinander in einem ‘an sich’ ununterschiedenen Zeitverlauf: erstens, zweitens, drittens… zählen kann ich so noch nicht. Denn es könnte bedeuten: erstens ein Lufthauch, zweitens ein Elefant, drittens eine Untertasse. Um aus den Momenten im Zeitverlauf ein Werkzeug (”Denkzeug”) zum Zählen zu machen, muss ich von der Zeit selber absehen und auf die zu zählenden Sachen reflektieren.



Vorab: Warum, wozu sind sie ‘zu’ zählen? Es braucht zunächst einmal eine Absicht; zum Beispiel die Absicht, Sachen zu verteilen. Ich verteile Sachen, die ‘in einer gewissen Hinsicht’ gleich sind, auf so und so viele Posten, die ihrerseits in gewisser Hinsicht gleich sind; zum Beispiel Essbares an Hungrige. Ich muss aus der Mannigfaltigkeit der Sachen dasjenige heraus suchen, das sich unter der Bedeutung des Essbaren zusammenfassen lässt. Danach muss ich auf diejenigen achten, die mir als hungrig bekannt sind. Erst dann kann ich aus den Ordnungszahlen erstens, zweitens, drittens… die Zahlen 1, 2, 3… abstrahieren.
 
Und erst, nachdem all diese Denkleistungen vollbracht wurden, kann von “Erfahrung” geredet werden. Erfahrung ist nicht das bloße Registrieren von Erlebensdaten, sondern ihre sinnvolle Unterscheidung und Anordnung. Die Absicht geht voraus. Ohne vorgängige Absicht keine vorfindliche Bedeutung.



Sonntag, 28. Oktober 2018

Die intelligible Welt ist das Reich der Zwecke.


Nun ist auf solche Weis eine Welt vernünftiger Wesen (mundus intelligibilis) als ein Reich der Zwecke möglich, und zwar durch die eigene Gesetzgebung aller Personen als Glieder. Demnach muß ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke wäre. Das formale Prinzip dieser Maximen ist: handle so, als ob deine Maxime zugleich zum allgemeinen Gesetze (aller vernünftigen Wesen) dienen sollte.
 

Ein Reich der Zwecke ist also nur möglich nach der Analogie mit einem Reiche der Natur, jenes aber nur nach Maximen, d.i. sich selbst auferlegten Regeln, diese nur nach Gesetzen äußerlich genötigter wirkenden Ursachen. Demunerachtet gibt man doch auch dem Naturganzen, ob es schon als Maschine angesehen wird, dennoch, so fern es auf vernünftige Wesen, als seine Zwecke, Beziehung hat, aus diesem Grunde den Namen eines Reichs der Natur. Ein solches Reich der Zwecke würde nun durch Maximen, deren Regel der kategorische Imperativ aller vernünftigen Wesen vorschreibt, wirklich zu Stande kommen, wenn sie allge-mein befolgt würden.

Allein, obgleich das vernünftige Wesen darauf nicht rechnen kann, daß, wenn es auch gleich diese Maxime selbst pünktlich befolgte, darum jedes andere eben derselben treu sein würde, imgleichen, daß das Reich der Natur und die zweckmäßige Anordnung desselben, mit ihm, als einem schicklichen Gliede, zu einem durch ihn selbst möglichen Reiche der Zwecke zusammenstimmen, d.i. seine Erwartung der Glückseligkeit begünstigen werde: so bleibt doch jenes Gesetz: handle nach Maximen eines allgemein gesetzgebenden Gliedes zu einem bloß möglichen Reiche der Zwecke, in seiner vollen Kraft, weil es kategorisch gebietend ist. 
_______________________________________________________________
Kant, Grundlegung einer Metaphysik der Sitten, WW ed. Weischedel, Bd. VII, S. 72f.


Nota I. - Für Kant ist der Kategorische Imperativ offenbar der Zweck der Zwecke. Und zwar gedacht als real. Ideale Zwecke, die um ihrer selbst willen 'gefallen', wären nach seiner Auffassung ästhetisch; aber das Ästhe- tische will er von der Vernunft fern-, das heißt: aus der praktischen Vernunft heraus halten; wenn auch in un- mittelbarer Nachbarschaft. - Ideale Zwecke 'gibt es' nur als ästhetische Idee, nämlich unendlich bestimmbar und ergo ewig unbestimmt.
 

Vernünftig ist nach Fichte ein Denken (Handeln), das vom Unbestimmten zum Bestimmten fortschreitet, wobei bestimmen heißt: einer Sache einen Zweck zuschreiben. Vernünftig wird ein Individuum nur durch die Aufforde- rung seitens einer ihm vorausgesetzten 'Reihe vernünftiger Wesen'. Fluchtpunkt seiner Vernünftigkeit wäre der ideale 'Zweck an sich': ein Aestheticum.

Das Fortschreiten vom Bestimmbaren zum Bestimmten ist nicht das Verfahren Kants (Kant fügt Begriffe anein- ander). Zweck, Vernunft und eine 'Welt vernünftiger Wesen' gehören wohl auch bei ihm zusammen; doch wel- cher Zweck vernünftig sei, ist bei ihm schon immer bestimmt. So kommt es, dass der Mensch am Guten inter- essiert sei, denn es ist ihm vor gegeben: Er kann es als ein Objekt begehren. Bei F. ist der nicht (erst) am Objekt, sondern als ein schlechthin Wollender vorgängig am Bestimmen selbst 'interessiert'; daher kann er auch ideale Zwecke haben.
 

4. 7. 16

Nota II. - Indem sie dazu übergingen, ihre Zwecke mit den Zwecken der Andern, denen sie in der Welt begegnen, zu vergleichen und abzustimmen, fand sich eine Reihe von Wesen zusammen, die ipso facto vernünftig waren. Die- ser Vorgang wird im Bericht der Wissenschaftslehre stillschweigend als historisch vorausgesetzt (und es war in der Wirklichkeit die Ausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft). Die Wissenschaftslehre stellt eine Situation dar, in der 'das Ich' eine Reihe vernünftiger Wesen immer schon vorfindet. Sie erzählt nicht von der wirklichen Entwick- lungsgeschichte der Vernunft, sondern liefert ein Modell der vorfindlichen intelligiblen Welt. (Das findet sich auch andernorts: Die Entstehungsbedingungen eines Systems sind etwas anderes als die Bedingungen seiner Repro- duktion.)

28. 10 18





 

Sonntag, 14. Oktober 2018

Mein Eignes.

Allard, Un enfant des Abruzzes

Es ist Ihnen vielleicht manchmal vorgekommen, als trüge ich meine Aussagen zu selbstsicher vor, ohne die ge-botenen Kautelen und Rücksichten.

Das dient zunächst einmal der Klarheit. Dass das, was ich vortrage, 'nur meine persönliche Meinung' ist, versteht sich von selbst. Wenn andere es auch vortrügen, könnte ich es mir sparen. (Das gilt auch für Sätze, die Ihnen trivial erscheinen; nicht alle wiederhole ich in didaktischer Absicht; manche waren für mich, als ich sie nieder-schrieb, neue Gedanken.)

Weshalb glaube ich aber, dass ich zum Besten geben soll, was mir einfällt? Wenn das jeder täte!

Ich fühle mich ermächtigt und angehalten, meine Meinungen öffentlich zu machen, weil ich gewiss bin, einen Standpunkt gefunden zu haben, von dem aus einige Fragen lösbar oder besser lösbar erscheinen, als von anderen aus. Und den Standpunkt habe ich gefunden, aber nicht gesucht. Er hat sich ergeben als gemeinsamer Nenner von Einzelergebnissen.

Was ist also mein Eigenes? 

Zunächst ein paar Realien, die als solche weit auseinander liegen und nach einem gemeinsamen Nenner nicht gerade schreien.

1. Da ist zuerst meine Auffassung der Species homo sapiens als die ("kindlichste" und eo ipso:)  "männlichste" Spezies – weltoffen, unreif und bildsam. Soweit ich weiß, bin ich bis heute der einzige, der diese Ansicht vertritt.

2. Zweitens meine Auffassung der spezifisch europäischen Feudalität und ihrer vielfach bedingten Eigentums- und Herrschaftsformen als historische Voraussetzungen für die Ausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft; und insofern als prägend für die abendländische Kultur. Das mag vor mir schon mancher andere gemeint haben, aber direkt ausgesprochen habe ich es noch nirgendwo sonst gefunden.

3. Meine Kennzeichnung der 1990 untergegangenen Gesellschaften sowjetischen Typs als feudalbürokratische Ver-knappungs- und Vergeudungssysteme. Das ist, so feuilletonistisch die Formulierung klingt, ein ernstgemeinte histori-sche Charakterisierung.

4. Viertens ein Stück Philologie: meine Auffassung, die Kritik der Politischen Ökonomie sei nicht zu begreifen mittels der Hegel’schen Logik, sondern mittels der 'Kritischen' Philosophie alias Wissenschaftslehre. 

5. Daraus folgt – wiederum als Realie meine Ansicht vom Absterben des Tauschwerts im Laufe der Digitalen Re-volution.

Soweit die realen historischen Theorien, die Sie nirgends anders vertreten finden. Sie hängen zwar nicht ab von –, aber doch (zumindest methodisch) zusammen mit meinen eigentlich philosophischen Einsichten:

Da ist zuallererst und für mich am wichtigsten meine Auffassung der Fichte’schen Wissenschaftslehre nicht als eine Theorie des Bewusstseins, sondern als eine Begriffsbestimmung der Vernunft. 

Diese 'Meta'-Einsicht stammt aus (und rechtfertigt) einige(n) philosophische(n) 'Objekt'-Erkenntnisse(n):

1) 'Die Welt' – und die ihr adäquate Bewusstseinsweise der Vernunft – ist eine Überkompensation der im Prozess der Hominisation aufgegebenen und naturwüchsig sinnsetzenden Umweltnische.

2) Dies ist der Ur-Sprung des Specificum Humanum: unseres poietischen Vermögens. 

3) Das zwiespältige Resultat dieses Verlustes & Neuerwerbs ist die Freiheit als Folge des Zerfalls der angestamm-ten Umweltnische in unsere Welt und meine Welt.* 

4) Die Form der Vernunft in specie ist die Wissenschaft, die systematische Rekonstruktion unserer Welt. Als solche ist sie spezifisch öffentliches Wissen (wie überhaupt die Spaltung von unserer und meiner Welt ihre reelle Entspre-chung findet in der spezifisch bürgerlichen Scheidung von Öffentlich und Privat).

5) Die Wissenschaftslehre ist die vor-begriffliche Rekonstruktion der Erfindung von meiner Welt mit der Ver-nunft als ihrem terminus ad quem. 

6) Das Absolute als das unvermeidliche Korrelat ('wozu?') des sich-selbst-setzenden Ichs ist eine ästhetische Idee. Sie ist der Vereinigungspunkt, von dem aus unsere Welt und meine Welt zugleich überschaubar werden.

7) Metaphilosophie und Praktische Philosophie verhalten sich zueinander wie Frage und Antwort. Zwischen beiden steht als Klammer und Scheidelinie die Kritik. Metaphilosophie und Praktische Philosophie bilden zu-sammen (=als Frage und Antwort) die Anthropologie. Zwischen beiden liegt die Kritik als eine Selbstreflexion der Anthropologie. 

*[Nachtrag Jan. 2018: Daraus folgt die Zuordnung der Vernunft (und des Rechts) zu unserer Welt - und der Mora- lität zur Ästhetik und zu meiner Welt.]
* 

Das ist alles nicht der Weisheit letzter Schluss, aber so ist es in der Philosophie immer. Doch immerhin recht-fertigt es die Hartnäckigkeit, mit der ich meine Blogs betreibe. Und wenn ich vielleicht nicht in allem, aber im wesentlichen – Recht habe, wäre es nötig, dass sie gelesen werden.










19. 4. '16 


Nota. - Ergänzung zum gestrigen Eintrag.
JE




Freitag, 31. August 2018

Mein System.

Le Corbusier

Lieber Leser, 'mein System', von dem ich immer wieder rede und von dem Sie vielleicht doch noch nicht viel erkennen konnten, nimmt langsam Gestalt an; weniger literarisch als sachlich. Das Ästhetische schimmert immer öfter aus dem Strom der Wörter hervor, und nicht bloß als thematischer roter Faden oder als Hinter- grundrauschen, das alle andern Töne einfärbt, sondern als das Bindemittel zwischen der Anthropologie auf der empirischen und der Transzendentalphilosophie auf der theoretischen Seite.

Das klingt nun ebenso eitel wie trivial; wenn man nämlich von dem Ästhetischen einen trivialen Begriff hat. Ich fasse aber das Ästhetische (wie Fichte an Schiller schrieb) so weit, wie Sie es sich nicht einmal träumen lassen. So weit und so scharf, wie ich ergänzend hinzufüge, und dann ist es nicht mehr trivial.

*

Auf den ersten Blick ist es freilich das Thema der Vernunft, durch das die Anthropologie mit der Transzenden- talphilosophie zusammenhängt; als das specificum humanum hier und als Medium und Gegenstand dort: Selbst- reflexion der Intelligenz.

Die Intelligenz selber zeichnet das Humane schon lange nicht mehr aus. Je länger die Ethologen observieren, um so weiter wird das Feld der tierischen Intelligenz. Angefangen hat es mit dem Werkzeuggebrauch der Schimpansen, inzwischen sind wir bei absichtlicher Täuschung und Perspektivenwechsel bei den Rabenvögeln, und wer weiß, was noch kommt.

Es ist wohl wahr, tierische Intelligenz manifestiert sich immer punktuell und momentan, nur bei der Familie Homo ist ihr Gebrauch habituell und ubiquitär. Wäre das kein Unterschied? Es wäre keiner, der sich bestim- men lässt. Denn dazu müsstest du eine Grenze ziehen. Doch auf welchen Punkt du immer reflektierst, der Übergang ist fließend.


Qualitativ dagegen ist dieser Unterschied: Im Tierreich steht aller Intelligenzgebrauch im Dienste der Selbst- oder der Arterhaltung, auch da, wo er nicht genetisch, sondern kulturell vererbt wirbt. Allein Homo sapiens bemüht - und je länger seine Geschichte auf Erden dauert, umso wissentlicher - Zwecke, die abseits der Erhal- tungsfunktion liegen: Verum, bonum, pulchrum.

Das ist es, was den Menschen vor andern Lebewesen auszeichnet: Er kann nicht nur wahr-, sondern auch wert- nehmen. Und recht eigentlich muss er wertnehmen, so dass Max Scheler sagen konnte: Wertnehmen kommt vor wahrnehmen, es ist seine Bedingung. 

Das ist ein Satz, der der Anthropologie ebenso angehört wie der Transzendentalphilosophie, die das Praktische vor und über das Theoretische stellt. Wertnehmen ist das Wahrnehmen von Qualitäten, und so nennen wir Eigen- schaften, die schlechterdings - "ohne Interesse" - von einem Urteil des Beifallens oder der Missbilligung beglei- tet sind. Und eben das ist das Ästhetische.

Was morphologisch der aufrechte Gang für die Hominisation bedeutete, bedeutet für die geistige Hominisation die Entwicklung seines ästhetischen Vermögens. Es ist der Stoff der Vernunft.



So weit die Anthropologie.

Vernunft nennen wir nun diejenige Intelligenz, die nicht nur die Wirkzusammenhänge der Dinge in Hinblick auf unsere Zwecke beurteilt, sondern die Zwecke selbst. Eine Intelligenz, die sich als einem Maß unterworfen vorstellt. Vernünftig nennen wir ein Handeln, das seine Zwecke als einer obersten Instanz, als einem Zweck der Zwecke verantwortlich erachtet. Dies genetisch herzuleiten aus dem idealen Ursprung der Vernunft selbst, je- ner Tathandlung, in der sich das Ich als frei setzt, ist wiederum Sache der Transzendentalphilosophie. Die Fik- tion eines obersten Zwecks - verum, bonum, pulchrum - ist eine ästhetische Idee. Sie ist nicht bedingt, sondern durch Freiheit möglich. Und recht besehen, ist am äußersten Ende der Vernunft nur sie noch durch Freiheit möglich.

*

Das sind die beiden Pole, zwischen denen "mein System" verläuft.*
________________________________________________ 
*) Wie es verläuft, sehen Sie, wenn Sie meinen Links folgen. 

27. 6. 14 

Freitag, 22. Juni 2018

Kann Erkenntnis ästhetisch sein?

Er glaubte an das Schöne in der Wahrheit: Albert Einstein
aus Tagesspiegel.de,

Ästhetik der Erkenntnis 
Das Einstein-Forum in Potsdam wird 25 Jahre und feiert sich mit einer Diskussion: Ist nur wahr, was schön ist?  

von

Als Albert Einstein seine spezielle Relativitätstheorie formulierte, kumulierend in der bekannten Äquiva- lenzformel von Energie und Masse E = mc2, soll er sich sicher gewesen sein, dass er richtig lag: Was so schön ist, müsse auch wahr sein. Aber ist immer wahr, was schön ist, und ist Hässliches automatisch falsch? Oder ist Schönheit nur ein Behelf des beschränkten menschlichen Geistes, um die Komplexität der Realität so weit zu reduzieren, dass sie wenigstens ein Stück weit erklärbar wird?

Drei Tage hatte sich das Einstein-Forum anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Stiftung Zeit genommen und ein gutes Dutzend Redner geladen, um am Neuen Markt in Potsdam diese Fragen zu diskutieren. Drei Tage mögen für dieses Thema auf den ersten Blick ausschweifend, ja ermüdend erscheinen - und in der Tat war schon am zweiten Tag ein erklecklicher Kaffeekonsum seitens der etwa 50 Zuhörer zu beobachten. Doch so abstrakt die Frage nach dem Zusammenhang von Schönheit und Wahrheit - oder anders gesagt von ästhetischer, gesetzmäßiger Vereinfachung und wissenschaftlicher Korrektheit - auch erscheinen mag, sie ist so aktuell wie essenziell. Denn sowohl in der Biologie mit ihren komplexen und vielfach vom Zufall getriebenen Lebensvorgängen als auch in der Physik und ihren Erklärungsnöten etwa zur Dunklen Materie zeichnet sich ab, dass es womöglich auch hässliche, nicht in hübsche Formeln zu packende Wahrheiten gibt.

Schon immer haben sich Forscher im Bemühen, die Komplexität der Welt zu erfassen, Modelle und Bilder von den Vorgängen in der Natur gemacht - angefangen beim Philosophen Plato, der die Idee, zumal eine „schöne“, gewissermaßen zum Fundament der Realität erhob. Welch praktischen Charakter eine „schöne“, also stimmige, minimalistische oder symmetrische Formel für Forscher bis heute hat, beschrieb der Nobelpreisträger und Schweizer Physiker Frank Wilczek 2004: „Erst konstruieren wir schöne Gleichungen, ergründen dann die Konsequenzen daraus und führen schließlich Experimente durch, um sie zu testen. Diese Strategie hat sich als außerordentlich erfolgreich herausgestellt.“

Es braucht auch „hässliche“, mühsame Datenanalyse

So seien etwa die Gravitationswellen oder Elementarteilchen wie die Higgs- oder Neutrino-Partikel alle zuerst theoretisch, mit Hilfe „schöner“ Formeln vorhergesagt und erst dann tatsächlich entdeckt worden, sagte Thomas Naumann, Physiker am Deutschen Elektronensynchroton in Zeuthen in seinem Vortrag. Man nutze die Prinzipien der Schönheit, so Wilczek, um Entdeckungen zu ermöglichen. Wie ein Werkzeug. Und: „Wenn die Naturgesetze nicht schön wären, hätte man sie nicht gefunden.“ Wilczek geht sogar so weit zu behaupten, dass „die Evolution den Menschen prädisponiert hat, jenes schön zu finden, was uns hilft, die Welt korrekt zu verstehen und es deshalb kein Zufall ist, dass wir die korrekten Naturgesetze schön finden.“

In diesem Sinne wäre es auch kein Zufall, dass das Molekül, das Evolution erst möglich gemacht hat (die Desoxyribonukleinsäure DNS) schon im Auge ihrer Entdecker James Watson und Francis Crick als besonders ästhetisch empfunden wurde. Als „Mona Lisa der modernen Wissenschaft“ bezeichnete sie der Oxforder Kunsthistoriker Martin Kemp einmal.

Damit allein sei aber noch nichts erklärt, warnte Jens Reich in seinem Vortrag. Wenn man die eigentliche Aufgabe der DNS, nämlich das Speichern der kodierten Informationen für den Zusammenbau von Proteinen betrachte, dann sei die Schönheit dahin. Denn was sei schon schön an einer endlosen Abfolge von Milliarden A und C und G und T, den vier „Buchstaben“ des genetischen Alphabets? Die Vorgänge in den Zellen seien damit eben nicht vollständig erklärbar, auch nicht mit ein paar hübschen Schaubildern vom Zitronensäure-Zyklus oder anderen Stoffwechselprozessen. Um die vielfältigen Wechselwirkungen zehntausender Proteine untereinander und mit der Umwelt nachzuvollziehen und vorherzusagen, reichten schöne Formeln nicht. Es brauche auch „hässliche“, mühsame Datenanalyse und Statistik.

Einstein glaubte an das Schöne in der physikalischen Wahrheit

Auch der Physiker Naumann warnte, dass die Suche nach Schönheit auch in die Irre statt zu wissenschaft- licher Erkenntnis führen könne. Anders als seine Vorgänger ließ sich Johannes Kepler eben nicht von der Schönheit der seinerzeit noch postulierten Kreisbahnen der Planeten blenden. Er hielt sich an die Daten aus unzähligen nächtlichen Beobachtungen und entdeckte die tatsächlichen, wenn auch vermeintlich weniger harmonischen elliptischen Bewegungen. An eine höhere (göttliche) Harmonie in den Naturgesetzen, der Harmonie der Sphären (Harmonices mundi) glaubte Kepler dennoch.

Heute geht es für die Physik beim Begriff der Schönheit um weit mehr als nur Semantik. Die Idee, dass der gesamte Kosmos einer zwar noch unbekannten, aber alles erklärenden Weltformel folgt, gilt der Disziplin als die ultimative Schönheit, bezeichnet als die „Natürlichkeit“. Doch die Tatsache, dass Dunkle Materie und andere rätselhafte Phänome sich der Erklärbarkeit im bislang geltenden Standardmodell der physika- lischen Gesetze entziehen, lässt Physiker zweifeln, ob diese Natürlichkeit wirklich existiert. Es wäre ausgesprochen hässlich, wenn die Existenz unseres Universums und der darin geltenden Gesetze womöglich nur ein Zufall, nur einer von unendlich vielen anderen Zuständen in anderen Universen (Multiversen) wäre.

Einstein jedenfalls glaubte, buchstäblich, an das Schöne in der physikalischen Wahrheit. Dem Rabbi Goldstein antwortete er 1929 auf die Frage, ob er an Gott glaube: „Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der geordneten Harmonie dessen zeigt, was existiert.“


Nota. -  Das sind in Wahrheit zwei Fragen, die unmittelbar gar nicht zusammenhängen. Das eine ist, ob eine Forscher nicht gut daran tut, wenn vor einem neuen, großen Problem zuweilen in den ästhetischen Zustand abtaucht und die Reflexion einstweilen abschaltet - und so vielleicht zu einer Erleuchtung kommt. Ein anderer trinkt einen Kaffee oder zieht sich eine Linie. Das ist eine heuristische Frage und ist rein prag- matisch zu beantworten. Den Kopf freimachen und die Einbildungskraft spielen lassen, wird immer nützen. Dass aktive Forscher darüber miteinander reden, ist vielleicht nützlich, aber ein irgendwie allgemeineres theoretisches Interesse kann es nicht beanspruchen. Immerhin lehrt die Erfahrung: Sobald die neugierige Anschauung des Forschers zur analytischen Reflexion und zu den empirischen Details übergeht, treten die Begriffe wieder in ihr Recht und ist die Schönheit regelmäßig wieder perdü - sagt nicht nur Jens Reich.

Das andere ist die erkenntnislogische und gar metaphysische Frage, ob wissenschaftliche Erkenntnis und ästhetisches Erleben letzten Endes womöglich "aus demselben Stoff gemacht" sind.

Da muss man schon etwas weiter ausholen.

Die empirische Psychologie kennt das Faktum der Gestaltwahrnehmung. Es ist ein Phänomen, das sowohl dem ästhetischen Erleben als auch der Kognition angehört: dass nämlich schon die rein sinnliche Wahrneh- mung - sehen und hören - nicht aus dem Zusammensetzen einzelner Reize besteht, die erst vom reflektie- renden Verstand zu sinnvollen Ensembles zusammengestzt werden, sondern dass umgekehrt schon das sinnliche Warhnehmen selbst "von sich aus" in der strukturlossen Masse der Sinnesreize nach bedeutungs- vollen Figuren sucht, die die einzelnen Reize zueinander 'in Beziehung setzt' und dadurch eigentlich erst identifizierbar macht.

Dass unser Gehirn so verfährt, ist offenbar eine stammesgeschichtliche Erwerbung. Es besagt nur, dass unsere Gattung damit bislang immer ganz gut gefahren ist. Über die Natur der Dinge oder über die Wahr- heit unseres Wissens lehrt es uns gar nichts.

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Bevor wir uns in den Fallstricken unserer vorgefertigten Begriffe verheddern, dies: Von der Natur der Dinge wissen wir gar nichts und können nichts wissen. Wir wissen nur das, was in unserm Bewusstsein vorkommt - das ist eine Tautologie, beide Ausdrücke bedeuten dasselbe. In unserm Bewusstsein stecken aber kein Dinge, sondern nur Vorstellungen von Dingen. Allenfalls könnten wir mittelbar etwas von den Dingen wissen, sofern wir Grund zu der Annahme haben, dass den Vorstellungen in unserm Kopf etwas an oder in den Dingen außerhalb unserer Köpfe entspricht. Diese Frage also gilt es zu klären, und danach können wir an die Prüfung der Frage gehen, was wir von den Dingen wissen. Tiefer werden wir in die Wahrheit nicht eindringen.

Wenn wir also die Dinge vorderhand nicht nach ihrem Wesen unterscheiden können, können wir sie doch beobachtend danach unterscheiden, wie sie in unser Bewusstsein hineinkommen: "nach Schönheit" oder "nach Wahrheit"? Auch hier kommen wir mit vordefinierten Begriffen nicht weiter. 'Was ist Wahrheit?' fragte Pontius Pilatus, und 'Was ist Schönheit?' fragte Plato lange davor.

Schön ist nach Kant, 'was ohne Interesse gefällt'. Wenn es mehr sein sollte als technische Brauchbarkeit - wie sollte das vom Wahren nicht auch gelten? Dazu gesellt die scholastische Tradition das Gute - drei Transzendentalien als drei Namen für das Absolute. Drei Namen als drei Weisen des Anschauens; wieder ist die Fragen: Wie kommen sie ins Bewusstsein?

Was wahr ist (und was nicht) wird begriffen, was schön ist (und was nicht) wird angeschaut. Begreifen - nämlich in all seinen möglichen Bestimmungen erfassen - kann ich nur das, was ich zuvor angeschaut habe. Denn nur das ist überhaupt bestimmbar. Begreifen ist Fortschreiten vom Anschauen zum Bestimmen, doch was immer ich bestimmt habe, kann ich wieder anschauen - als ein Bestimmbares, als ein zu-Bestimmen- des; und so weiter in infinitum.

Kann ich Anschauen, ohne zu begreifen? Kann ich anschauen, ohne zu bestimmen? Der moderne Mensch, bürgerliche Subjekt des Vernunftzeitalters, lebt in einer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft, wo er nicht lange bestehen könnte, wäre ihm nicht das Bestimmen längst habituell geworden. Gewohnheitsmäßig neigt er zum Bestimmen, doch mit etwas gutem Willen kann er es sich auch verkneifen; aber wollen muss er es.

Das aber wäre das ästhetische Wahrnehmen. Es ist ein Wahrnehmen, das sich des fortschreitenden Bestim- mens enthält. Jeglichen Urteils sich enthalten kann es nicht: Das wäre überhaupt kein Wahrnehmen. Ästhe- tisch nenne ich ein Wahrnehmen, das als solches - ohne allen Vergleich, ohne alle Reflexion - mit einer Wertung verbunden ist: gefällt oder gefällt nicht? ("Ohne Interesse" wohlbemerkt.) 

Damit ist Schluss. Mehr an ihm kann die ästhetische Betrachtung nicht finden, sobald die danach sucht, hört sie auf, ästhetisch zu sein; beginnt sie, aus Bestimmungen weitere Bestimmungen herzuleiten, und macht sich ans Begreifen - das aber nie an ein Ziel kommt; es gilt immer nur vorübergehend.

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Bis hier ist der Ertrag denkbar trivial: Der Forscher mag, wenn es in seinem Temperament liegt, wann immer er mit dem Räsonnieren nicht weiterkommt, nach einem ästhetischen Bild suchen, das ihn immerhin in irgendeine Richtung führt. Wie weit, kann er immer nur ausprobieren, und wenn er Pech hat, merkt er viel zu spät, dass er sich verrannt hat. Mit andern Worten, er ist gut beraten, wenn er seinen bildhaften Phantasien mit Ironie und trockenem Verstand begegnet. Aber irgendein Vor-Urteil braucht der empirische Forscher, denn Erfahrungen laufen einem nicht über den Weg: Man muss sie machen, indem man vorge- fundene Daten mit einem Entwurf vergleicht. Da sind ästhetischen Vor-Urteile so gut wie andere; nur diesem fallen sie leichter jenem, und hinterher propagieren kann man sie besser als alles andere.

Aber es ist wie immer doch etwas vertrackter als auf den ersten Blick. Was ist denn der Sinn des Begrei- fens? Im Unterschied zum anschaulichen Bild lässt sich der Begriff im Gedächtnis archivieren, bei Bedarf hervorholen und - was das weltgeschichtlich Umwälzende an ihm war - einem Andern, der mit dem Be- stimmen auch schon ein Stück vorangekommen ist, mitteilen. (Technisch: aus dem analogen Modus in den digitalen Modus übersetzen.) Um den jeweiligen  Grad der Bestimmtheit mag es immer wieder Missver- ständnisse geben, aber es ist immerhin etwas da, worüber man streiten und worüber man sich vertragen kann. Ohne ein Mindestmaß an Bestimmtheit könnte man nur miteinander handgreiflich werden.

Seit ein solches Mindestmaß an Bestimmtheit im öffentlichen Verkehr als allgemeinverbindlich vorausge- setzt wird, redeten die Menschen von einem Vernunftzeitalter. Nicht so als solle behauptet werden, dass überall die Vernünftigen herrschen. Aber so, dass Vernunft allenthalben als der letztendliche Maßstab gilt.

Ein Ding bestimmen heißt am ihm Merkmale feststellen. Ein Merkmal ist das Verhältnis eines Dings zu einer möglichen Absicht (Zweck, Interesse; auch das Interesse an bloßer Erkenntnis ist ein Interesse). Bestimmungsgrund ist die Absicht, das Ding resoniert nur: Es sind erst die Merkmale, die ein Ding zu einem solchen machen. Der Begriff des Dings ist das Schema seiner Merkmale.

Etwas ins Unendliche fortbestimmen heißt: ein ums andere Merkmal an ihm finden, alias: eine um die andere Absicht an es heften.  

Ins Unendliche fort?

Vernunft bedeutet: an den Dingen Merkmale finden, die jeder wiedererkennt, weil er die Absichten, denen sie gelten, mit allen Andern teilt oder teilen könnte. Es wird der Moment kommen, wo einer, wie vernünftig er auch wäre, die Merkmale nicht wiederkennen kann, weil er die Absichten nicht mehr teilt. Das ist der Normalfall in den Wissenschaften. In der scientific community werden tausende von Bestimmungen geteilt, die über den Horizont des wissenschaftlichen Laien und Normalmenschen hinausgehen, weil seine Absich- ten ganz woanders liegen. Und an der vordersten Front sowohl der empirischen Forschung als auch der Theorie wird Absichten gefrönt, die das Gros der Wissenschaftler nicht versteht, weil es sie nicht mehr oder noch nicht teilt. 

So ist es faktisch. Aber prinzipiell könnte jeder Vernünftige bei genügendem Eifer soweit kommen. Da sind keine Grenzen gesetzt. Die Grenzen der Anschauung wurden jedoch schon längst überschritten. Die Einstein'schen Begriffe vom Raum-Zeit-Kontinuum und von der Raumkrümmung liegen in anschaulicher Forschung gewonnene Daten zu Grunde. Doch vorstellen kann sie sich kein Mensch. Und auch nicht jene mikrophysikalischen Quanten, die mal als Teilchen, mal als Welle erscheinen, und womöglich an zwei Orten gleichzeitig. Niemandem, der die empirischen Forschungen, die diesen Begriffen zu Grunde liegen, nicht selber durchgeführt hat, werden sie je anschaulich werden.

So ist es heute schon. Davor, dass das Bestimmen ins Unendliche fort geht, kann einem nur schwindelig werden. Übereinstimmung wird faktisch gar nicht mehr möglich sein. Es heißt bereits, an deer vordersten Front gälte unter Forschern und Theoretikern, sobald das engste Hyperdetail verlassen wird, eine neue Doxa an Stelle von Wissenschaft - die darauf beruht, dass man seinem Nahbarn eben glauben muss, weil man seine Versuche in der Wirklichkeit nicht wiederholen kann. 

Das Denken wurde zu bestimmt. Wenn einer den Stein des Weisen doch einmal entdecken sollte, wird es nichts nützen, weil er es niemanden mehr wird mitteilen können.

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Oder, wenn schon nicht mehr in Begriffen, doch wieder in Bildern?

Vor Jahr und Tag war viel vom Iconic turn in der Wissenschaft die Rede. Damit war mehr gemeint als bei der oben besprochenen Tagung des Einstein-Forums. Es ging um die Frage, ob die unvermeidliche sprach- liche Form der Mitteilung ihrer Ergebnisse nicht zu einer Fessel für das Denken der Wissenschaft geworden ist.

Das war alles noch zu spekulativ und ist im Sande verlaufen. Allenfalls am Beispiel der damals in größerem Umfang zur Anwendung kommenden Hologramme fand man einen Anhaltspunkt. Aber die dienten auch nur wieder zur Illustration der begrifflichen Vorträge, selber zum Denkzeug taugen sie nicht.


Ein viel weiterer Ausblick öffnet sich freilich auf der gegenüberliegenden Seite der vorstellenden Tätigkeit, da, wo das Ästhetische, wie es sich gehört, 'um seiner selbst willen' wahrgenommen wird: in der Kunst.

'Musik sei nicht zu unbestimmt, um in Worte gefasst zu werden, hat Felix Mendelssohn gesagt, sondern zu bestimmt.

Heute würden wir sagen: Das Musikstück – und jedes Kunststück – ist überbestimmt. So sehr bestimmt, dass es durch allgemein-geltende Zeichen eben nicht sicher erfasst und vollkommen re-präsentiert werden kann. Das Kunststück ist singulär. De singularibus non est scientia – Von einem Einzigen gibt es kein Wissen, sagten die Scholastiker. Das, was ganz allein auf der Welt so ist, wie es ist, das kann durch kein Anderes – Bekanntes – auf der Welt beschrieben werden. Es ist ledig-lich qualeschon quid wäre zu viel gesagt, weil das an ein Verhältnis zu Anderem glauben lässt.' 18. 2. 16

Wie kann aber ein Gegenstand ästhetischer Anschauung 'bestimmt' worden sein? Absichten, Zwecke und Interessen fallen als Bestimmungsgrund aus. Welcher käme sonst in Betracht?

Offenbar kein Verhältnis, in das ich die Anschauung selber setzen will, sondern eines, in dem ich sie vorfinde: anschauliche Verhältnisse. Da haben wir Formate, Proportionen, Farben, Linien, Massen, Rhythmus, Hell-Dunkel-Werte, langsam-schnell und laut und leise und so weiter. Sie alle werden zusammengehalten durch ein ordnendes Prinzip: das Figur-Grund-Verhältnis. Es ist die Grundlage der Gestaltwahrnehmung, und die hat - siehe oben - mit Wahrheit und Erkenntnis nichts zu tun. Aber sie ist unsere. Sie ist die Grundlage allen Anschauens. 

Ästhetische Betrachtung ist Anschauung gegebener Verhältnisse. Sie geschieht ohne andere Absicht als eben die: Verhältnisse anzuschauen.


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Wie ich es also drehe und wende: Ästhetik und Erkenntnis sind zwei paar Schuhe. 

















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Samstag, 12. Mai 2018

Die ästhetische Idee schlechthin.


Der Gedanke eines Wahren, Absoluten, das an sich, vor jedweder Bestimmung in Raum und Zeit, gilt (immer schon gegolten hat), ist eine ästhetische Idee.* Es ist, recht besehen, die ästhetische Idee schlechthin, die in alle späteren Bestimmungen in Raum und Zeit vorgängig hineingreift und von der ich erst durch eine Anstrengung des reflektierenden Verstandes abstrahieren kann. 

Ich kann sie aber erst "herauslesen", weil ich sie vorab hineingedacht habe. Sie ist nicht gegeben, sondern ge- macht (wenn ich auch nichts mehr davon weiß). Sie ist das einzig wahre Apriori, von welchem die transzenden- talen, nämlich qualifizierenden Handlungen meines Denkens lediglich historische Modifikationen sind: Möglich- keit, Wirklichkeit, Notwendigkeit; Kausalität (die Vorstellung des Bewirkens); auch die Anschauungsformen Raum und Zeit. Der Beweis: Sie lassen sich weder messen noch demonstrieren. Wer nicht weiß, was gemeint ist, dem kann man sie nicht erklären.

Aber wie das 'Ich', so ist das Absolute immer nur in dem und durch den Akt (des Urteilens) - weder vorher noch nachher; aber durch den Akt das eine nicht ohne das andere: der Urteilende nicht ohne den Grund.

aus e. Notizbuch, Anf. Sept. 03


*) eine, die keinem Zweck dient, sondern sich selber Zweck ist.


Das unendliche Absolute ist nur als die unendliche Reihe der endlichen Urteile. Anschaubar wird sie als eine paradoxale Suche.
9. 11. 18




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Donnerstag, 12. April 2018

Die Welt vernünftiger Wesen ist das Reich der Zwecke.



Nun ist auf solche Weise eine Welt vernünftiger Wesen (mundus intelligibilis) als ein Reich der Zwecke möglich, und zwar durch die eigene Gesetzgebung aller Personen als Glieder. Demnach muß ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke wäre. Das formale Prinzip dieser Maximen ist: handle so, als ob deine Maxime zugleich zum allgemeinen Gesetze (aller vernünftigen Wesen) dienen sollte. 

Ein Reich der Zwecke ist also nur möglich nach der Analogie mit einem Reiche der Natur, jenes aber nur nach Maximen, d.i. sich selbst auferlegten Regeln, diese nur nach Gesetzen äußerlich genötigter wirkenden Ursachen. Demunerachtet gibt man doch auch dem Naturganzen, ob es schon als Maschine angesehen wird, dennoch, so fern es auf vernünftige Wesen, als seine Zwecke, Beziehung hat, aus diesem Grunde den Namen eines Reichs der Natur. Ein solches Reich der Zwecke würde nun durch Maximen, deren Regel der katego- rische Imperativ aller vernünftigen Wesen vorschreibt, wirklich zu Stande kommen, wenn sie allgemein be- folgt würden. 

Allein, obgleich das vernünftige Wesen darauf nicht rechnen kann, daß, wenn es auch gleich / diese Maxime selbst pünktlich befolgte, darum jedes andere eben derselben treu sein würde, imgleichen, daß das Reich der Natur und die zweckmäßige Anordnung desselben, mit ihm, als einem schicklichen Gliede, zu einem durch ihn selbst möglichen Reiche der Zwecke zusammenstimmen, d.i. seine Erwartung der Glückseligkeit begün- stigen werde: so bleibt doch jenes Gesetz: handle nach Maximen eines allgemein gesetzgebenden Gliedes zu einem bloß möglichen Reiche der Zwecke, in seiner vollen Kraft, weil es kategorisch gebietend ist.
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Kant, Grundlegung einer Metaphysik der Sitten, WW ed. Weischedel, Bd. VII, S. 72f.


Nota. - Für Kant ist der Kategorische Imperativ offenbar der Zweck der Zwecke. Und zwar gedacht als real. Ideale Zwecke, die um ihrer selbst willen 'gefallen', wären nach seiner Auffassung ästhetisch; aber das Ästhetische will er von der Vernunft fern-, das heißt: aus der praktischen Vernunft heraus halten; wenn auch in unmittelbarer Nachbarschaft. - Ideale Zwecke 'gibt es' nur als ästhetische Idee, nämlich unendlich bestimmbar und ergo ewig unbestimmt.

Vernünftig ist nach Fichte ein Denken (Handeln), das vom Unbestimmten zum Bestimmten fort-schreitet, wobei bestimmen heißt: einer Sache einen Zweck zuschreiben. Vernünftig wird ein Individuum nur durch die Aufforderung seitens einer ihm vorausgesetzten 'Reihe vernünftiger Wesen'. Fluchtpunkt seiner Vernünf- tigkeit wäre der ideale 'Zweck an sich': ein Aestheticum.

Das Fortschreiten vom Bestimmbaren zum Bestimmten ist nicht das Verfahren Kants. Zweck, Vernunft und eine 'Welt vernünftiger Wesen' gehören wohl auch bei ihm zusammen; doch welcher Zweck vernünftig sei, ist bei ihm schon immer bestimmt. So kommt es, dass der Mensch am Guten interessiert sein, denn es ist ihm vor-gegeben: Er kann es als ein Objekt begehren. Bei F. ist der nicht (erst) am Objekt, sondern als ein schlechthin Wollender vorgängig am Bestimmen selbst 'interessiert'; daher kann er auch ideale Zwecke haben.

JE,  24. 7 2016