Sonntag, 1. Oktober 2017

Fundsache.



"Der Philosoph arbeitet für gewöhnlich 'einsam und maulwurfsähnlich'. Das hat einst der große Johann Gottlieb Fichte erklärt, der 1847 der Gastgeber der allerersten deutschen Philosophenversammlung war." So schrieb der Berliner Tagesspiegel vor ein paar Tagen.

1847 war der große Fichte schon 33 Jahre lang tot, einen Philosophenkongress hätte er allenfalls im Himmel mit Descartes und Aristoteles eröffnen können - sofern diese nicht in der Hölle schmoren. Und einsam oder gar maulwurfsähnlich hat er gewiss nicht gearbeitet. Kein Philosoph vor ihm und wohl auch keiner nach ihm hat dermaßen in der Öffentlichkeit gewirkt und wirken wollen wie er.

Aber schon kurz nach seinem Tod ging es mit der Philosophie wieder bergab und sie machte sich zur Weih- rauchschwenkerin von Metternichs Heiliger Allianz. Wer nicht mitmachte, wurde totgeschwiegen und musste tatsächlich „einsam und maulwurfsähnlich“ seinem brotlosen Geschäft nachgehen. Und nach dem geräusch- vollen Zusammenbruch der Hegel'schen Schule Anfang der 40er Jahre ging es ihm nicht etwa besser, sondern noch schlechter. Die Philosophie war so gründlich in Verruf, dass sie gut dreißig Jahre brauchte, um wieder gesellschaftsfähig zu werden.

Das muss Immanuel Herrmann, Sohn des großen und deshalb gelegentlich der Kleine Fichte genannt, im Sinn gehabt haben, als er am 27. September 1847 in Gotha den ersten deutschen Philosophenkongress eröffnete. Auf dem diesjährigen Jubiläumskongress, von dem der Tagesspiegel berichtet, wurde er zwar richtig beim Namen genannt, aber so einsam und maulwurfsähnlich hatte er gewirkt, dass ihn der anwesende Redakteur doch für seinen Vater hielt.


Immanuel Hermann hat zwar loyal die erste Gesamtausgabe seines Vater veröffentlicht. Seine eigene Philoso- phie steht aber in einem krassen Gegensatz zu Wissenschaftslehre und Transzendentalphilosophie
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