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Donnerstag, 11. September 2014

X. Wie die Vernunft in die Welt kam.

aus Die Wendeltreppe - eine philosophische Propädeutik. 

Der aufrechte Gang hatte eine ganze Reihe morphologischer Konsequenzen. Er hat einerseits die Vergrößerung des Kopfes ermöglicht, wodurch Homo zum sapiens wurde. Andererseits hat er verhindert, daß der vergrößerte Kopf auf hergebrachtem Weg geboren und (also) normal ausgetragen werden konnte. Darum werden Menschenkinder ‘zu früh’ geboren. Eigentlich “müsste unsere Schwangerschaft etwa um ein Jahr länger sein als sie tatsächlich ist”. Der Mensch kommt entsprechend hilflos ‘zur Welt’ – Adolf Portmann spricht geradezu von einem “extra-uterinen Embryonalstadium”. Und so bildet sich das höchstent- wickelte Säugetier gewissermaßen ‘zurück’ zu einem sekundären Nesthocker. Dieser ‘Rückschritt nach vorn’ bestimmt fortan den ganzen Gattungscharakter. 

Was nämlich bedeutet ‘Ausbildung’ in der Natur? Anpassung an die gattungsmäßig vorgegebene Umweltnische, Zurichtung für eine spezifische Funktion im ökologischen Geflecht. Natürliches Reifen ist nichts anderes als Spezialisierung: Sie ist, nach Arnold Gehlen, “das Endziel organischer Entwicklung” und findet “bei allen Säugern außer dem Menschen” statt. Das ist das Paradox der Species humana: Deren Reifung ist eine “Spezialisation auf Nicht-Spezialisiertsein”, schließt Konrad Lorenz. Ihre Ausbildung ist eine Entspezialisierung, ihre Reife ist Dysfunktionalität. 

Was für das umweltgebundene Tier eine Minderung wäre, wurde für den Menschen, der sich eine Welt erschließen sollte, zum Gewinn, denn Spezialisierung auf die eine Möglichkeit bedeutet den Verlust all der andern. Das spezialisierte Wesen ist festgestellt. “Für ein Tier ist durch seine umweltgebun- dene Organisation von vornherein darüber entschieden, ob und inwiefern ein Naturbestandteil dieses Wesen etwas angeht. Die weltoffene Anlage des Menschen schafft dagegen eine völlig andere Beziehung zu der umgebenden Natur. Uns kann jeder noch so unscheinbare Teilbestand der Umgebung bedeutend werden, jede beliebige Einzelheit vermögen wir durch unsere Beachtung aus dem indifferenten Feld der Wahrnehmung herauszulösen und hervorzuheben. Uns kann alles etwas angehen.” (Portmann) 
  

Verloren ging nach Portmann die Sicherheit, und gewonnen hat er eine Freiheit, durch die ihm die “Führung des Daseins eine nie endende Aufgabe” ward.Mit andern Worten, der Mensch funktioniert nicht, denn er ist, sagt Nietzsche, “das nicht festgestellte Tier” ist. Sein Gattungscharakter ist Plastizität.

Zur Welt werden die vorhandenen (und immer neu hinzukommenden) Dinge nicht durch sukzessive Addition. Sie ist kein Aggregat, sondern ein Ganzes, das gewissermaßen vor seinen Teilen “da ist”. Die Welt ist der ‘Raum’ der Bedeutungen: Das teilt sie mit den tierischen Umwelten, aus denen sie hervor gegangen ist.

Der Unterschied: Dieses Ganze ist “da”, weil es gedacht wird. In der wirklichen Vorstellung kommt freilich immer nur dieses und dieses und jenes vor. So erging es auch unsern Urahnen, als sie aus dem Urwald ins offene Feld ausbrachen: Dies und das war ihnen vertraut und bedeutete, was es schon immer bedeutet hatte. Anderes war ihnen in den Nischen nicht vorgekommen. Aber im offenen Feld kam Anderes vor; nicht als bedeutungslos, sondern als fraglich – weil nun das Ganze fraglich war. Das war eine ganz neue Bedeutung. Der Mensch ist der, der nach Bedeutungen fragen kann – weil er muss. Die Welt ist entstanden als Mangel. Als das, was nach dem Verlust der Umwelt fehlte. Ein Raum, in den ich fragend blicke.

Diesen Mangel beheben ist das Ergebnis einer Vorstellungsarbeit. Im Anschluß an Jacob von Uexküll entwickelte Ernst Cassirer seinen Symbolbegriff. Entspre- chend seiner anatomischen Struktur besitze jeder Organismus “ein bestimmtes Merknetz und ein bestimmtes Wirknetz. Das Merk- netz, durch das eine Spezies äußere Reize aufnimmt, und das Wirknetz, durch das sie auf diese Reize reagiert, sind in allen Fällen eng miteinander verknüpft. Sie sind Glieder einer einzigen Kette, die Uexküll den Funktionskreis des Lebewesens nennt. Der Funktionskreis ist beim Menschen nicht nur quantitativ erweitert. Er hat sich auch qualitativ gewandelt. Zwischen dem Merknetz und dem Wirknetz finden wir beim Menschen ein drittes Verbindungsglied, das wir als Symbolnetz oder Symbolsystem bezeichnen können. Diese eigentümliche Leistung verwandelt sein ganzes Dasein. Er lebt sozusagen in einer neuen Dimension der Wirklichkeit.”

Wenn alle Dinge ‘eine Bedeutung haben’, ermöglicht diese ihre gemeinsame Qualität, sie als eine – wenngleich artikulierte – Gesamtheit aufzufassen, indem die Bedeutung des Einen zur Bedeutung des Andern ins Verhältnis gesetzt wird; so dass idealiter die Bedeutung eines Jeden in den Bedeutungen aller Andern ihre Grenze findet. Die Welt ist dann die Totalität der Verweisungszusammenhänge.

Logisch mag man das Verhältnis umkehren: Indem man die (gedachte) Totalität aller (möglichen) Verweisungen an den Anfang setzt und die tatsächlich stattfindenden Verweisungen und schließlich die je einzeln bestimmt-werdenden Bedeutungen daraus “hervorgehen” läßt. Doch wenn es auch so wäre, daß die Welt, einmal erfunden, gegeben ist wie es die tierischen Umwelten sind – so müßte sie sich ein jedes neu hinzukommendes Individuum doch jedesmal wieder neu aneignen. Und es könnte das mehr oder weniger tun. Wenn ihm das auch am vorgegebenen Material leichter fällt als den abertausenden Generationen vor ihm, die alles erst erfinden mussten – im Prinzip ist es doch “so gut, als ob” er mit dem Bedeuten der Dinge ganz von vorn anfinge. Und die ‘erste’, elementare Bedeutung: die Scheidung von Ich und Nichtich. Indem ich ein Anderes “bedeute”, bedeute ich ipso facto ‘mich’ als das Andere dieses – und jedes andern – Andern. In einer natürlichen Umwelt kann es ein Ich nicht geben. Aber ohne Ich kann es die Welt nicht geben.

Und das regelmäßige in-Beziehung-Setzen von Ich und Welt nennen wir landläufig Vernunft.

weiter > Der Sündenfall

Samstag, 5. September 2015

X. Wie die Vernunft in die Welt kam.



Der aufrechte Gang hatte eine ganze Reihe morphologischer Konsequenzen. Er hat einerseits die Vergrößerung des Kopfes ermöglicht, wodurch Homo zum sapiens wurde. Andererseits hat er verhindert, daß der vergrößerte Kopf auf hergebrachtem Weg geboren und (also) normal ausgetragen werden konnte. Darum werden Menschenkinder ‘zu früh’ geboren. Eigentlich “müsste unsere Schwangerschaft etwa um ein Jahr länger sein als sie tatsächlich ist”. Der Mensch kommt entsprechend hilflos ‘zur Welt’ – Adolf Portmann spricht geradezu von einem “extra-uterinen Embryonalstadium”. Und so bildet sich das höchstentwickelte Säugetier gewissermaßen ‘zurück’ zu einem sekundären Nesthocker. Dieser ‘Rückschritt nach vorn’ bestimmt fortan den ganzen Gattungscharakter. 

Was nämlich bedeutet ‘Ausbildung’ in der Natur? Anpassung an die gattungsmäßig vorgegebene Umweltnische, Zurichtung für eine spezifische Funktion im ökologischen Geflecht. Natürliches Reifen ist nichts anderes als Spezialisierung: Sie ist, nach Arnold Gehlen, “das Endziel organischer Entwicklung” und findet “bei allen Säugern außer dem Menschen” statt. Das ist das Paradox der Species humana: Deren Reifung ist eine “Spezialisation auf Nicht-Spezialisiertsein”, schließt Konrad Lorenz. Ihre Ausbildung ist eine Entspezialisierung, ihre Reife ist Dysfunktionalität.

Was für das umweltgebundene Tier eine Minderung wäre, wurde für den Menschen, der sich eine Welt erschließen sollte, zum Gewinn, denn Spezialisierung auf die eine Möglichkeit bedeutet den Verlust all der andern. Das spezialisierte Wesen ist festgestellt. “Für ein Tier ist durch seine umweltgebundene Organisation von vornherein darüber entschieden, ob und inwiefern ein Naturbestandteil dieses Wesen etwas angeht. Die weltoffene Anlage des Menschen schafft dagegen eine völlig andere Beziehung zu der umgebenden Natur. Uns kann jeder noch so unscheinbare Teilbestand der Umgebung bedeutend werden, jede beliebige Einzelheit vermögen wir durch unsere Beachtung aus dem indifferenten Feld der Wahrnehmung herauszulösen und hervorzuheben. Uns kann alles etwas angehen.” (Portmann) 
  

Verloren ging nach Portmann die Sicherheit, und gewonnen hat er eine Freiheit, durch die ihm die “Führung des Daseins eine nie endende Aufgabe” ward.Mit andern Worten, der Mensch funktioniert nicht, denn er ist, sagt Nietzsche, “das nicht festgestellte Tier” ist. Sein Gattungscharakter ist Plastizität.

Zur Welt werden die vorhandenen (und immer neu hinzukommenden) Dinge nicht durch sukzessive Addition. Sie ist kein Aggregat, sondern ein Ganzes, das gewissermaßen vor seinen Teilen “da ist”. Die Welt ist der ‘Raum’ der Bedeutungen: Das teilt sie mit den tierischen Umwelten, aus denen sie hervor gegangen ist.

Der Unterschied: Dieses Ganze ist “da”, weil es gedacht wird. In der wirklichen Vorstellung kommt freilich immer nur dieses und dieses und jenes vor. So erging es auch unsern Urahnen, als sie aus dem Urwald ins offene Feld ausbrachen: Dies und das war ihnen vertraut und bedeutete, was es schon immer bedeutet hatte. Anderes war ihnen in den Nischen nicht vorgekommen. Aber im offenen Feld kam Anderes vor; nicht als bedeutungslos, sondern als fraglich – weil nun das Ganze fraglich war. Das war eine ganz neue Bedeutung. Der Mensch ist der, der nach Bedeutungen fragen kann – weil er muss. Die Welt ist entstanden als Mangel. Als das, was nach dem Verlust der Umwelt fehlte. Ein Raum, in den ich fragend blicke.

Diesen Mangel beheben ist das Ergebnis einer Vorstellungsarbeit. Im Anschluß an Jacob von Uexküll entwickelte Ernst Cassirer seinen Symbolbegriff. Entsprechend seiner anatomischen Struktur besitze jeder Organismus “ein bestimmtes Merknetz und ein bestimmtes Wirknetz. Das Merknetz, durch das eine Spezies äußere Reize aufnimmt, und das Wirknetz, durch das sie auf diese Reize reagiert, sind in allen Fällen eng miteinander verknüpft. Sie sind Glieder einer einzigen Kette, die Uexküll den Funktionskreis des Lebewesens nennt. Der Funktionskreis ist beim Menschen nicht nur quantitativ erweitert. Er hat sich auch qualitativ gewandelt. Zwischen dem Merknetz und dem Wirknetz finden wir beim Menschen ein drittes Verbindungsglied, das wir als Symbolnetz oder Symbolsystem bezeichnen können. Diese eigentümliche Leistung verwandelt sein ganzes Dasein. Er lebt sozusagen in einer neuen Dimension der Wirklichkeit.”

Wenn alle Dinge ‘eine Bedeutung haben’, ermöglicht diese ihre gemeinsame Qualität, sie als eine – wenngleich artikulierte – Gesamtheit aufzufassen, indem die Bedeutung des Einen zur Bedeutung des Andern ins Verhältnis gesetzt wird; so dass idealiter die Bedeutung eines Jeden in den Bedeutungen aller Andern ihre Grenze findet. Die Welt ist dann die Totalität der Verweisungszusammenhänge.

Logisch mag man das Verhältnis umkehren: Indem man die (gedachte) Totalität aller (möglichen) Verweisungen an den Anfang setzt und die tatsächlich stattfindenden Verweisungen und schließlich die je einzeln bestimmt-werdenden Bedeutungen daraus “hervorgehen” läßt. Doch wenn es auch so wäre, daß die Welt, einmal erfunden, gegeben ist wie es die tierischen Umwelten sind – so müßte sie sich ein jedes neu hinzukommendes Individuum doch jedesmal wieder neu aneignen. Und es könnte das mehr oder weniger tun. Wenn ihm das auch am vorgegebenen Material leichter fällt als den abertausenden Generationen vor ihm, die alles erst erfinden mussten – im Prinzip ist es doch “so gut, als ob” er mit dem Bedeuten der Dinge ganz von vorn anfinge. Und die ‘erste’, elementare Bedeutung: die Scheidung von Ich und Nichtich. Indem ich ein Anderes “bedeute”, bedeute ich ipso facto ‘mich’ als das Andere dieses – und jedes andern – Andern. In einer natürlichen Umwelt kann es ein Ich nicht geben. Aber ohne Ich kann es die Welt nicht geben.


Und das regelmäßige in-Beziehung-Setzen von Ich und Welt nennen wir landläufig Vernunft.


Freitag, 1. Februar 2019

Geist und Bedeutung.

k nipseline, pixelio.de

Der Schlüssel zum Verständnis dessen, was wir unsern Geist, Vernunft oder Wissen nennen, ist Jacob von Uexkülls Begriff der Bedeutung.

Bedeutung ist das, was einen Organismus veranlassen kann, sich so oder anders zu verhalten.

Daher ist Bedeutung keine spezifisch menschliche Dimension. Die Umwelten der Tiere haben für sie Bedeutung, wenn sie es auch nicht wissen.
 
Das gilt für alles Organische. Auch die Pflanze lebt in ihrer Umwelt und ‘merkt’; Licht hat für sie Bedeutung, Wärme hat für sie Bedeutung, Wasser, Wind…
 
Und selbst im anorganischen Bereich interagiert ein jeder Körper mit seinem Feld.
 
Das spezifisch Menschliche ist erst, dass die Bedeutung nicht nur da ist, sondern vorgestellt wird.
 
Die andere menschliche Besonderheit ist, dass in unserm Dasein Bedeutungen vorkommen, die keinen Bezug zu unseren Reproduktionsfunktionen haben; die gewissermaßen frei schweben.
 
Es liegt nahe, nach einem genetischen Zusammenhang beider Spezifizitäten zu fragen. Und es liegt näher, das freie Schweben von Bedeutungen – ihre Herauslösung aus ihrer organischen Bezüglichkeit – als die Bedingung ihrer Vorstellbarkeit anzunehmen, als umgekehrt. Es würde mehr erklären.

•Mai 29, 2009


Nochmal in Kürze: Unsern Vorfahren in den Baumkronen des Ostafrikanischen Grabens waren die Bedeutun- gen der Dinge in ihrer Umwelt durch ihre Gattungsgeschichte angestammt wie ihren äffischen Vettern. Anders als jene haben sie - wer weiß, warum - ihre Umweltnische verlassen und sind in die offene Savanne ausgebro- chen. Die Dinge, die im Urwald für sie Bedeutung hatten, waren abhanden gekommen, und was ihnen im frei- en Feld begegnete, war noch ohne Bedeutung.

Bedeutung-überhaupt gibt es nicht; etwas bedeutet entweder dieses oder jenes - oder nichts, und wird ignoriert. Bedeutung-überhaupt als Abstraktum "erscheint" überhaupt erst als Mangel: sobald die konkreten Bedeutungen entschwunden waren. Das Abstraktum taucht auf als Frage. Die Antworten müssen neu erfunden werden. Nun schwebt die Bedeutung - und kann und muss aber auch vorgestellt werden.
JE 

 

Dienstag, 4. November 2014

Merknetz, Wirknetz, Umwelt.



Als Merknetz bezeichnet Uexküll diejenigen Dispositionen in unserer natürlich Ausstattung, die uns erlauben, Informationen aus unser Umwelt aufzunehmen. Wirknetz heißen diejenigen Dispositionen, die uns ermög- lichen, Informationen in unser Umwelt einzugeben: Beide zusammen sind unsere Umwelt.

Der Mensch hat sein natürliches Wirknetz erweitert um ein künstliches (Hände, Werkzeug). Alles Wirken aber ist merkbar. Indem es erwirkt,  erschließt es neue Informationen aus der Umwelt. Indem er sein Wirkfeld ausdehnt, erweitert er sein Merkfeld. Und beide "künstlichen" Netze sind nicht jeweils zweite Schritte nach einem ersten, sondern durchdringen die ersten vollständig. Am lebenden Individuum sind das alte und das neue empirisch* nicht zu unterscheiden. Soll das Neue allerdings nicht nur gemerkt, sondern auch behalten werden, entsteht das Symbolnetz, das sich von nun an vermittelnd zwischen Merk- und Wirkfeld schiebt.

*) sollte wohl heißen: neurophysiologisch

aus e. Notizbuch, Sept. 10






Nota.Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE      

Freitag, 4. September 2015

IX. Aus der Nische in die Welt, oder: Warum die Menschen aufrecht gehen.

 

Leben ist für die Wissenschaft gleich Stoffwechsel plus Fortpflanzung. Allein, der Mensch kann sich unter allen Kreaturen nicht damit begnügen. Weil er nicht mehr in einer geschlossenen Umwelt zu Hause ist, die ihm seine Bestimmung vorgibt, sondern in einer offenen Welt, wo er sein Leben führen muss – und das ist ein Problem. Nur weil er es hat, sagt er “ich”. Es ist die Conditio humana selbst und liegt offenbar jenseits der Naturwissenschaft. 

Die Welt ist nicht ‚alles, was der Fall ist’. Sie ist ein Tableau von Bedeutungen, die von den Generationen, die vor uns waren, festgehalten und zu einem “Symbolnetz” (Ernst Cassirer) geknüpft wurden. Darum nehmen wir gar keine ‘Dinge’ wahr, sondern immer nur ‘das, was sie bedeuten’. Die Abstraktion davon: die Frage nach dem Ding, wie es ‘an sich ist’, gehört nicht zum natürlichen Bewusstsein, sondern schon zur Wissenschaft. Die Welt ist gattungsgeschichtlich definiert als der Raum, in den ich fragend blicke: ob sie mir einen Anhaltspunkt gibt für meine Lebensführung? Ich rechne vorab auf eine Bedeutung, und daher treffe ich meistens eine an.

Das ist eine Dimension, die sich der Mensch selbst verschafft hat – mit dem Kopf. Doch auch das Tier lebt nicht in einer Welt, die ‘der Fall ist’, sondern in Bedeutungen. Evolution ist Auslese und Anpassung. Im Laufe ihrer Geschichte hat jede Spezies ihre ökologische Nische gefunden und hat sie zu ihrer Umwelt eingerichtet. Jede tierische Umwelt bildet nach Jakob von Uexküll, dem Begründer des biologischen Umwelt-Begriffs, “eine in sich geschlossene Einheit, die in all ihren Teilen durch die Bedeutung für das Subjekt beherrscht wird. Alles und jedes, das in den Bann einer Umwelt gerät, wird umgestimmt und umgeformt, bis es zu einem brauchbaren Bedeutungsträger geworden ist – oder es wird völlig vernachlässigt.” 

Was die Dinge seiner Umwelt dem Tier bedeuten, “versteht sich von selbst” – da muss es das Tier nicht auch noch verstehen. Die Gattung und ihre Umwelt sind gewissermaßen durch Vererbung miteinander verwandt. Dem Menschen werden die Bedeutungen der Dinge durch Symbole mitgeteilt, die ihm von andern Menschen überliefert wurden: Deren Bedeutungen muss er jedesmal wieder selber realisieren, nämlich verstehen.
  
Die Bedeutungen tierischer Umwelten haben freilich einen gemeinsamen Nenner: Sie sind Funktionen der Erhaltung – der Individuen wie der Art. Was keinen Erhaltungswert hat, kommt in ihnen, wenn es auch ‘da’ ist, buchstäblich nicht vor. Der Mensch hat vor Jahrmillionen seine Urwaldnische verlassen und ist aus der ererbten Umwelt in eine fremde Welt aufgebrochen. Deren Bedeu- tungen waren nicht ererbt; er mußte sie selber heraus-, d. h. hineinfinden: Ihm kann alles bedeutsam werden. Und die Bedeutung ist, seit er einmal dem Überfluß begegnet war, nicht mehr auf den Erhaltungswert beschränkt: Jedes kann ihm Vieles bedeuten, und er kann sich sogar selber fraglich werden. Bedeutung: das ist dasjenige ‘an’ den Dingen, das zum Bestimmungsgrund für mein Handeln werden könnte; mich veranlassen kann, mein Leben so oder anders zu führen. Die Bedeutung eines Dinges feststellen heißt urteilen. “Der Mensch muß urteilen” und “der Mensch muß handeln” bedeuten dasselbe. Handeln heißt nicht bloß ‚etwas tun’ (das tut das Tier auch), sondern: einen Grund dafür haben. 

Natürlich kann der Erhaltungswert einer Sache für mich zu einem Urteilsgrund werden. Aber er muss nicht. Der Mensch kann Nein sagen. Kritik, wie Krisis, kommt von gr. krínein, entscheiden. Der Mensch ist das kritische Tier, das Wesen, das allezeit urteilt, weil es sich stets entscheiden muss. Die Erscheinungen, zu denen er -, die Situationen, in denen er Ja oder Nein sagen muß, erheischen Maßstäbe: Bedeutungen, unter sie er sie fassen kann.

Die hat er im Laufe seiner Geschichte in Symbolen fixiert und in ein Repertoire gefügt, wo sie ihm vorrätig sind. Jetzt sieht es so aus, als seien die Bedeutungen vor den Dingen da. Die symbolische Form verleiht ihnen einen Anschein von Dauer und Wahrheit, die ihnen doch nur zukommen, wenn und inwiefern sie in realen Situationen je aktualisiert werden: im handelnden Urteil. Und dann ist es “so, als ob” er sie jedesmal neu erfunden hätte. Denn er hätte, wohlgemerkt, auch Nein sagen können. Natürliche Umwelten sind geschlossen, aber eine Welt ist offen; jene sind begrenzt, aber sie ist unendlich, denn ihre Grenzen finden ihre Bedeutung erst durch das, was dahinter liegt; jene sind vertraut, aber sie ist fremd und bunt; jene sind sicher, aber sie ist Lockung und Gefahr zugleich. Sie ist überhaupt keine “Gegend”, sondern bloß ihr Horizont. 

Wie ist er dahin gelangt? Durch seinen aufrechten Gang. Als er nämlich seine herkömmliche Nische auf den Bäumen verließ, nein: als vielmehr der Klimawandel im ostafrika- nischen Graben den Regenwald in eine feuchte Parksavanne zersetzte. Während einige unserer Vorfahren sich mit dem angestammten Urwald zurückzogen, vielleicht überlegenen Konkurrenten weichend – da wagte er sich ins offene Feld hinaus, wo er Überblick brauchte und größere Behendigkeit, denn jene Savanne war nicht eine Nische, sondern ein unzusammenhängender Flickenteppich aus vielen verschiedenen Lebensräumen, zwischen denen er seither ständig unterwegs ist. Spezialisierung auf einen unspezifischen Lebensraum heißt aber Entspezialisierung. Er wurde zum Ausreißer, zum Vaganten. Der Normalzustand, für den er sich zurichten mußte, war der Wechsel. Er entschied sich fürs Ungewisse. 
  
Mit dem Ausbruch in die Welt ist der Mensch über die Naturgeschichte hinaus in seine eigene Geschichte eingetreten. Nicht, dass seine Naturgeschichte damit abgeschlossen wäre – sie ging überhaupt erst richtig los. Aber auch sie macht er seither selber.
  


Donnerstag, 2. Oktober 2014

IX. Aus der Nische in die Welt, oder: Warum die Menschen aufrecht gehen.

 

Leben ist für die Wissenschaft gleich Stoffwechsel plus Fortpflanzung. Allein, der Mensch kann sich unter allen Kreaturen nicht damit begnügen. Weil er nicht mehr in einer geschlossenen Umwelt zu Hause ist, die ihm seine Bestimmung vorgibt, sondern in einer offenen Welt, wo er sein Leben führen muss – und das ist ein Problem. Nur weil er es hat, sagt er “ich”. Es ist die Conditio humana selbst und liegt offenbar jenseits der Naturwissenschaft. 

Die Welt ist nicht ‚alles, was der Fall ist’. Sie ist ein Tableau von Bedeutungen, die von den Generationen, die vor uns waren, festgehalten und zu einem “Symbolnetz” (Ernst Cassirer) geknüpft wurden. Darum nehmen wir gar keine ‘Dinge’ wahr, sondern immer nur ‘das, was sie bedeuten’. Die Abstraktion davon: die Frage nach dem Ding, wie es ‘an sich ist’, gehört nicht zum natürlichen Bewusstsein, sondern schon zur Wissenschaft. Die Welt ist gattungsgeschichtlich definiert als der Raum, in den ich fragend blicke: ob sie mir einen Anhalts- punkt gibt für meine Lebensführung? Ich rechne vorab auf eine Bedeutung, und daher treffe ich meistens eine an.
Das ist eine Dimension, die sich der Mensch selbst verschafft hat – mit dem Kopf. Doch auch das Tier lebt nicht in einer Welt, die ‘der Fall ist’, sondern in Bedeutungen. Evolution ist Auslese und Anpassung. Im Laufe ihrer Geschichte hat jede Spezies ihre ökologische Nische gefunden und hat sie zu ihrer Umwelt eingerichtet. Jede tierische Umwelt bildet nach Jakob von Uexküll, dem Begründer des biologischen Umwelt-Begriffs, “eine in sich geschlossene Einheit, die in all ihren Teilen durch die Bedeutung für das Subjekt beherrscht wird. Alles und jedes, das in den Bann einer Umwelt gerät, wird umgestimmt und umgeformt, bis es zu einem brauchbaren Bedeutungsträger geworden ist – oder es wird völlig vernachlässigt.” 

Was die Dinge seiner Umwelt dem Tier bedeuten, “versteht sich von selbst” – da muss es das Tier nicht auch noch verstehen. Die Gattung und ihre Umwelt sind gewissermaßen durch Vererbung miteinander verwandt. Dem Menschen werden die Bedeutungen der Dinge durch Symbole mitgeteilt, die ihm von andern Menschen überliefert wurden: Deren Bedeutungen muss er jedesmal wieder selber realisieren, nämlich verstehen.
 
Die Bedeutungen tierischer Umwelten haben freilich einen gemeinsamen Nenner: Sie sind Funktionen der Erhaltung – der Individuen wie der Art. Was keinen Erhaltungswert hat, kommt in ihnen, wenn es auch ‘da’ ist, buchstäblich nicht vor. Der Mensch hat vor Jahrmillionen seine Urwaldnische verlassen und ist aus der ererbten Umwelt in eine fremde Welt aufgebrochen. Deren Bedeu- tungen waren nicht ererbt; er mußte sie selber heraus-, d. h. hineinfinden: Ihm kann alles bedeutsam werden. Und die Bedeutung ist, seit er einmal dem Überfluß begegnet war, nicht mehr auf den Erhaltungswert beschränkt: Jedes kann ihm Vieles bedeuten, und er kann sich sogar selber fraglich werden. Bedeutung: das ist dasjenige ‘an’ den Dingen, das zum Bestimmungsgrund für mein Handeln werden könnte; mich veranlassen kann, mein Leben so oder anders zu führen. Die Bedeutung eines Dinges feststellen heißt urteilen. “Der Mensch muß urteilen” und “der Mensch muß handeln” bedeuten dasselbe. Handeln heißt nicht bloß ‚etwas tun’ (das tut das Tier auch), sondern: einen Grund dafür haben.

Natürlich kann der Erhaltungswert einer Sache für mich zu einem Urteilsgrund werden. Aber er muss nicht. Der Mensch kann Nein sagen. Kritik, wie Krisis, kommt von gr. krínein, entscheiden. Der Mensch ist das kritische Tier, das Wesen, das allezeit urteilt, weil es sich stets entscheiden muss. Die Erscheinungen, zu denen er -, die Situationen, in denen er Ja oder Nein sagen muß, erheischen Maßstäbe: Bedeutungen, unter sie er sie fassen kann.

Die hat er im Laufe seiner Geschichte in Symbolen fixiert und in ein Repertoire gefügt, wo sie ihm vorrätig sind. Jetzt sieht es so aus, als seien die Bedeutungen vor den Dingen da. Die symbolische Form verleiht ihnen einen Anschein von Dauer und Wahrheit, die ihnen doch nur zukommen, wenn und inwiefern sie in realen Situationen je aktualisiert werden: im handelnden Urteil. Und dann ist es “so, als ob” er sie jedesmal neu erfunden hätte. Denn er hätte, wohlgemerkt, auch Nein sagen können. Natürliche Umwelten sind geschlossen, aber eine Welt ist offen; jene sind begrenzt, aber sie ist unendlich, denn ihre Grenzen finden ihre Bedeutung erst durch das, was dahinter liegt; jene sind vertraut, aber sie ist fremd und bunt; jene sind sicher, aber sie ist Lockung und Gefahr zugleich. Sie ist überhaupt keine “Gegend”, sondern bloß ihr Horizont. 

Wie ist er dahin gelangt? Durch seinen aufrechten Gang. Als er nämlich seine herkömmliche Nische auf den Bäumen verließ, nein: als vielmehr der Klimawandel im ostafrikanischen Graben den Regenwald in eine feuchte Parksavanne zersetzte. Während einige unserer Vorfahren sich mit dem angestammten Urwald zurückzogen, vielleicht überlegenen Konkurrenten weichend – da wagte er sich ins offene Feld hinaus, wo er Überblick brauchte und größere Behendigkeit, denn jene Savanne war nicht eine Nische, sondern ein unzusammenhängender Flickenteppich aus vielen verschiedenen Lebensräumen, zwischen denen er seither ständig unterwegs ist. Spezialisierung auf einen unspezifischen Lebensraum heißt aber Entspezialisierung. Er wurde zum Ausreißer, zum Vaganten. Der Normalzustand, für den er sich zurichten mußte, war der Wechsel. Er entschied sich fürs Ungewisse. 
 
Mit dem Ausbruch in die Welt ist der Mensch über die Naturgeschichte hinaus in seine eigene Geschichte eingetreten. Nicht, dass seine Naturgeschichte damit abgeschlossen wäre – sie ging überhaupt erst richtig los. Aber auch sie macht er seither selber.
 

Mittwoch, 19. November 2014

Auch das Tier lebt nicht in einer Welt, die ‘der Fall ist’…



… sondern in Bedeutungen. Evolution ist Auslese und Anpassung. Im Laufe ihrer Geschichte hat jede Spezies ihre ökologische Nische gefunden und hat sie zu ihrer Umwelt eingerichtet. Jede tierische Umwelt bildet nach Jakob von Uexküll, dem Begründer des biologischen Umwelt-Begriffs,“eine in sich geschlossene Einheit, die in all ihren Teilen durch die Bedeutung für das Subjekt beherrscht wird. Alles und jedes, das in den Bann einer Umwelt gerät, wird umgestimmt und umgeformt, bis es zu einem brauchbaren Bedeutungsträger geworden ist – oder es wird völlig vernachlässigt.”

aus Die Wendeltreppe, oder Philosophische Propädeutik.


Donnerstag, 25. August 2016

Geist und Bedeutung.

knipseline, pixelio.de

Der Schlüssel zum Verständnis dessen, was wir unsern Geist, Vernunft oder Wissen nennen, ist Jacob von Uexkülls Begriff der Bedeutung. 

Bedeutung ist das, was einen Organismus veranlassen kann, sich so oder anders zu verhalten.

Daher ist Bedeutung keine spezifisch menschliche Dimension. Die Umwelten der Tiere haben für sie Bedeutung, wenn sie es auch nicht wissen.

Das gilt für alles Organische. Auch die Pflanze lebt in ihrer Umwelt und ‘merkt’; Licht hat für sie Bedeutung, Wärme hat für sie Bedeutung, Wasser, Wind…

Und selbst im anorganischen Bereich interagiert ein jeder Körper mit seinem Feld.

Das spezifisch Menschliche ist erst, dass die Bedeutung nicht nur da ist, sondern vorgestellt wird.

Die andere menschliche Besonderheit ist, dass in unserm Dasein Bedeutungen vorkommen, die keinen Bezug zu unseren Reproduktionsfunktionen haben; die gewissermaßen frei schweben.

Es liegt nahe, nach einem genetischen Zusammenhang beider Spezifizitäten zu fragen. Und es liegt näher, das freie Schweben von Bedeutungen – ihrer Herauslösung aus ihrer organischen Bezüglichkeit – als die Bedingung ihrer Vorstellbarkeit anzunehmen, als umgekehrt. Es würde mehr erklären.

•Mai 29, 2009



Montag, 13. Januar 2014

IX. Aus der Nische in die Welt, oder: Warum die Menschen aufrecht gehen.

 

Leben ist für die Wissenschaft gleich Stoffwechsel plus Fortpflanzung. Allein, der Mensch kann sich unter allen Kreaturen nicht damit begnügen. Weil er nicht mehr in einer geschlossenen Umwelt zu Hause ist, die ihm seine Bestimmung vorgibt, sondern in einer offenen Welt, wo er sein Leben führen muss – und das ist ein Problem. Nur weil er es hat, sagt er “ich”. Es ist die Conditio humana selbst und liegt offenbar jenseits der Naturwissenschaft. 

Die Welt ist nicht ‚alles, was der Fall ist’. Sie ist ein Tableau von Bedeutungen, die von den Generationen, die vor uns waren, festgehalten und zu einem “Symbolnetz” (Ernst Cassirer) geknüpft wurden. Darum nehmen wir gar keine ‘Dinge’ wahr, sondern immer nur ‘das, was sie bedeuten’. Die Abstraktion davon: die Frage nach dem Ding, wie es ‘an sich ist’, gehört nicht zum natürlichen Bewusstsein, sondern schon zur Wissenschaft. Die Welt ist gattungsgeschichtlich definiert als der Raum, in den ich fragend blicke: ob sie mir einen Anhalts- punkt gibt für meine Lebensführung? Ich rechne vorab auf eine Bedeutung, und daher treffe ich meistens eine an.

Das ist eine Dimension, die sich der Mensch selbst verschafft hat – mit dem Kopf. Doch auch das Tier lebt nicht in einer Welt, die ‘der Fall ist’, sondern in Bedeutungen. Evolution ist Auslese und Anpassung. Im Laufe ihrer Geschichte hat jede Spezies ihre ökologische Nische gefunden und hat sie zu ihrer Umwelt eingerichtet. Jede tierische Umwelt bildet nach Jakob von Uexküll, dem Begründer des biologischen Umwelt-Begriffs, “eine in sich geschlossene Einheit, die in all ihren Teilen durch die Bedeutung für das Subjekt beherrscht wird. Alles und jedes, das in den Bann einer Umwelt gerät, wird umgestimmt und umgeformt, bis es zu einem brauchbaren Bedeutungsträger geworden ist – oder es wird völlig vernachlässigt.” 

Was die Dinge seiner Umwelt dem Tier bedeuten, “versteht sich von selbst” – da muss es das Tier nicht auch noch verstehen. Die Gattung und ihre Umwelt sind gewissermaßen durch Vererbung miteinander verwandt. Dem Menschen werden die Bedeutungen der Dinge durch Symbole mitgeteilt, die ihm von andern Menschen überliefert wurden: Deren Bedeutungen muss er jedesmal wieder selber realisieren, nämlich verstehen.
 
Die Bedeutungen tierischer Umwelten haben freilich einen gemeinsamen Nenner: Sie sind Funktionen der Erhaltung – der Individuen wie der Art. Was keinen Erhaltungswert hat, kommt in ihnen, wenn es auch ‘da’ ist, buchstäblich nicht vor. Der Mensch hat vor Jahrmillionen seine Urwaldnische verlassen und ist aus der ererbten Umwelt in eine fremde Welt aufgebrochen. Deren Bedeu- tungen waren nicht ererbt; er mußte sie selber heraus-, d. h. hineinfinden: Ihm kann alles bedeutsam werden. Und die Bedeutung ist, seit er einmal dem Überfluß begegnet war, nicht mehr auf den Erhaltungswert beschränkt: Jedes kann ihm Vieles bedeuten, und er kann sich sogar selber fraglich werden. Bedeutung: das ist dasjenige ‘an’ den Dingen, das zum Bestimmungsgrund für mein Handeln werden könnte; mich veranlassen kann, mein Leben so oder anders zu führen. Die Bedeutung eines Dinges feststellen heißt urteilen. “Der Mensch muß urteilen” und “der Mensch muß handeln” bedeuten dasselbe. Handeln heißt nicht bloß ‚etwas tun’ (das tut das Tier auch), sondern: einen Grund dafür haben. 

Natürlich kann der Erhaltungswert einer Sache für mich zu einem Urteilsgrund werden. Aber er muss nicht. Der Mensch kann Nein sagen. Kritik, wie Krisis, kommt von gr. krínein, entscheiden. Der Mensch ist das kritische Tier, das Wesen, das allezeit urteilt, weil es sich stets entscheiden muss. Die Erscheinungen, zu denen er -, die Situationen, in denen er Ja oder Nein sagen muß, erheischen Maßstäbe: Bedeutungen, unter sie er sie fassen kann. 

Die hat er im Laufe seiner Geschichte in Symbolen fixiert und in ein Repertoire gefügt, wo sie ihm vorrätig sind. Jetzt sieht es so aus, als seien die Bedeutungen vor den Dingen da. Die symbolische Form verleiht ihnen einen Anschein von Dauer und Wahrheit, die ihnen doch nur zukommen, wenn und inwiefern sie in realen Situationen je aktualisiert werden: im handelnden Urteil. Und dann ist es “so, als ob” er sie jedesmal neu erfunden hätte. Denn er hätte, wohlgemerkt, auch Nein sagen können. 

Natürliche Umwelten sind geschlossen, aber eine Welt ist offen; jene sind begrenzt, aber sie ist unendlich, denn ihre Grenzen finden ihre Bedeutung erst durch das, was dahinter liegt; jene sind vertraut, aber sie ist fremd und bunt; jene sind sicher, aber sie ist Lockung und Gefahr zugleich. Sie ist überhaupt keine “Gegend”, sondern bloß ihr Horizont. 

Wie ist er dahin gelangt? Durch seinen aufrechten Gang. Als er nämlich seine herkömmliche Nische auf den Bäumen verließ, nein: als vielmehr der Klimawandel im ostafrika- nischen Graben den Regenwald in eine feuchte Parksavanne zersetzte. Während einige unserer Vorfahren sich mit dem angestammten Urwald zurückzogen, vielleicht überlegenen Konkurrenten weichend – da wagte er sich ins offene Feld hinaus, wo er Überblick brauchte und größere Behendigkeit, denn jene Savanne war nicht eine Nische, sondern ein unzusammenhängender Flickenteppich aus vielen verschiedenen Lebensräumen, zwischen denen er seither ständig unterwegs ist. Spezialisierung auf einen unspezifischen Lebensraum heißt aber Entspezialisierung. Er wurde zum Ausreißer, zum Vaganten. Der Normalzustand, für den er sich zurichten mußte, war der Wechsel. Er entschied sich fürs Ungewisse. 

Mit dem Ausbruch in die Welt ist der Mensch über die Naturgeschichte hinaus in seine eigene Geschichte eingetreten. Nicht, dass seine Naturgeschichte damit abgeschlossen wäre – sie ging überhaupt erst richtig los. Aber auch sie macht er seither selber.
 


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Freitag, 13. September 2013

Geist und Bedeutung.

knipseline, pixelio.de 

Der Schlüssel zum Verständnis dessen, was wir unsern Geist, Vernunft oder Wissen nennen, ist Jacob von Uexkülls Begriff der Bedeutung.

Bedeutung ist das, was einen Organismus veranlassen kann, sich so oder anders zu verhalten.

Daher ist Bedeutung keine spezifisch menschliche Dimension. Die Umwelten der Tiere haben für sie Bedeutung, wenn sie es auch nicht wissen.

Das gilt für alles Organische. Auch die Pflanze lebt in ihrer Umwelt und ‘merkt’; Licht hat für sie Bedeutung, Wärme hat für sie Bedeutung, Wasser, Wind…

Und selbst im anorganischen Bereich interagiert ein jeder Körper mit seinem Feld.

Das spezifisch Menschliche ist erst, dass die Bedeutung nicht nur da ist, sondern vorgestellt wird.

Die andere menschliche Besonderheit ist, dass in unserm Dasein Bedeutungen vorkommen, die keinen Bezug zu unseren Reproduktionsfunktionen haben; die gewissermaßen frei schweben.

Es liegt nahe, nach einem genetischen Zusammenhang beider Spezifizitäten zu fragen. Und es liegt näher, das freie Schweben von Bedeutungen – ihrer Herauslösung aus ihrer organischen Bezüglichkeit – als die Bedingung ihrer Vorstellbarkeit anzunehmen, als umgekehrt. Es würde mehr erklären.

•Mai 29, 2009