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Dienstag, 8. September 2015

XIII. Unsere Welt und die meine.

 

Alles, was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, lässt sich auch bestimmen; nämlich in das allgemeine Bedeutungsgeflecht einpassen, wo Jedem seine Bedeutung durch die Bedeutung aller Andern zugewiesen wird. Reflektieren heißt nichts anderes als: seinen Platz im großen Verweisungszusammenhang aufsuchen.

Was bestimmt ist, kann Bestandteil einer Wissenschaft werden – weil sich sein logischer Zusammenhang demonstrieren und Einverständnis erzwingen lässt. Was demonstriert werden kann, lässt sich erlernen. Was dagegen ‘durch meine Freiheit möglich’ wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muss es erfinden und mir ein-bilden. Einverständnis der andern kann ich nicht erzwingen, sondern höchstens ihren Beifall heischen: sie animieren, meine ‘Anschauung’ nach-zu-erfinden.

Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muss man verführen, und das ist Kunst. Gegenstand von Wissenschaft kann es nur idiographisch werden: kritisch und historisch.

Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Realitätsgrad als die Dinge. Sie ’sind’ ja nur, sofern ich sie gelten lasse. Denn der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann (Max Scheler); auch dazu: den Meinungen der Andern. Fragen können heißt, ja oder nein sagen können.

‘Die Welt’ wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst.

Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch. Dass ich überhaupt darauf komme, die Daten, die mir meine Sinne melden, zu einer “Welt” zu konstruieren, liegt allein daran, dass ich in die Welt der Andern hineingeboren bin.

Und dass ich vor diesem Horizont meine Welt konstruiere, liegt daran, dass es meine Sinne sind, die mir ‘Daten’ gemeldet haben, und dass ich sie zu einander fügen muss. Dass ich meine Welt konstruieren muss, liegt an den Andern. Dass es diese Welt sein wird, liegt… an meinen Sinnes-Daten, die dadurch, dass ich eine Welt aus ihnen baue, zu meinen überhaupt erst werden!

“Ich” konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich. Und in dem Maße, wie ich hernach meine Welt mit der Welt der Andern ins Benehmen setze, werde ich Verstand beweisen, Ernst des Lebens, Sozialkompetenz und so weiter. Wie weit ich die eine von der andern durchdringen lasse, entscheidet darüber, wohin ich mein Leben führen kann und wo ich scheitern muß.

.<zurück: Bilder, Zeichen und Begriffe



X. Es fällt schwer, eine Welt anders als in räumlichen Metaphern zu beschreiben - so als ob sie nur eine erweiterte Nische wäre. Aber der Unterschied zwischen der Welt und einer Umwelt ist kein topischer, sondern ein dimensionaler. Ebenso der zwischen meiner Welt und unserer Welt. 

Unsere Welt besteht aus allem, was symbolisiert ist. Als solche ist sie aber nur virtuell, "auf Abruf": Nur wenn die Symbole durch Verstehen aktualisiert werden, "ist" unsere Welt.46 Theoretisch könnte unsere Welt restlos in der meinen aufgehen, praktisch kann sie es nicht, und zwar grundsätzlich. Unsere Welt, in der Wasser trinkbar ist und man damit Kaffee kocht, ist einigen Milliarden Menschen zugänglich. Unsere Welt, in der Wasser durch H2O symbolisiert ist, steht nur noch einigen hundert Millionen offen. Die Wissenschaften, unsere Welt par excellence, sind in ihren jeweiligen Spitzen gerade einer Handvoll Leute zugänglich, die ihr ganzes Leben darauf verwendet haben - jeder auf die seine. Weil meine Lebenszeit begrenzt ist,47 kann die ganze Wissenschaft in meiner Welt grundsätzlich nur als Erzählung vorkommen.48

 Meine Welt "ist" auch in unserer Welt. Zum Beispiel ist die Welt eine ganz und gar andere, je nachdem, ob der-die-das Geliebte darin vorkommt oder nicht. Für unsere Welt macht das keinen Unterschied - nämlich nicht für die andern. Aber für mich macht das gerade in unserer Welt den entscheidenden Unterschied, weil ich nur dort auch in seiner Welt bin. Doch kann meine Welt, so wahr sie meine ist, auch theoretisch nicht restlos in unserer Welt aufgehen, das ist der springende Punkt, denn darum bin ich Ich. Das ist keine Sache der Tiefenpsychologie: dort kann es Erfahrungen geben, sogar (wenn auch nicht eindeutig) mitteilbare.49Keine Erfahrung kann ich haben von meinem Denken, bevor ich es durch Symbolisieren festgestellt habe. Ich kann nur rekonstruieren, "wie es gewesen sein muß", indem ich es so beschreibe, wie es gewesen wäre, wenn es in unserer Welt stattgefunden hätte, als Schema. Das ist Transzendentalphilosophie. Kein Tatsachenerweis, sondern eine Sinnbehauptung. Ein endgültiger und "letzter Mythos" - die "Geschichte, die von dem spielenden oder abenteuernden oder bildnernden Ursubjekt handelt".50 


46 Husserl, "Ideen zu einer reinen Phänomenologie", in: Husserliana Bd. III/1, S. 57
47 Die Kunst ist in unserer Welt, muß aber nicht verstanden werden. Der andere Grenzfall ist das Internet. 
48 Von meinem Verstand rede ich nicht.
49 Kann es eine "Privatsprache" geben - ein privates Symbolsystem, das ‚die Welt bedeutet’? Über unsere Welt muß ich mich mit mir nicht verständigen, sondern mit Anderen. Und meine Welt muß niemand verstehen. 
50 Eine bekannte tiefenpsychologische Richtung will das Unbewußte als Gegenstand naturwissenschaftlicher Analyse zum Bestandteil unserer Welt machen; aber nicht so ganz: Sie schiebt als Bedingung eine persönliche Initiation dazwischen.



Je allgemeiner die ‚Welt’, von der die Rede ist, umso unspezifischer die Tätigkeit des Zeigens: Typischerweise bezeichnet dieses Bild in seiner Allgemeinheit das Verhältnis zwischen einem Erwachsenen und einem Kind. 

Man kann ‚die Welt’ von einem partikularen Standpunkt aus ansehen. Je partikularer die ‚Welt’, von der die Rede ist, umso spezifischer der Akt des Zeigens. Die ‚Welt des Soldaten’ ist zwar eine besondere Welt, aber sie ist ‚allgemein’, weil ‚Soldatsein’ keine besondere Verrichtung, sondern eine besondere ‚Seinsweise’ ist; Soldat ist man auch nach Feierabend. Das ist nicht Einweisung in Strategie und Taktik, nicht Waffenkunde, nicht dies oder das, sondern ein ‚ganzes Universum’, wenn auch ein besonderes. 
„Pädagogik“ heißt hier ‚Menschenführung’, hat aber mit Kindern nichts mehr zu tun und sollte Andragogik heißen. Die ‚Welt der Physik’ ist dagegen kein Universum, sondern nur ein Ausschnitt: aus der ‚Welt der Wissenschaft’, gar nur der ‚Welt der (‚exakten’) Naturwissenschaften’. Diese hochspezialisierte Welt einem Neuling zeigen ist eine höchst spezifische Tätigkeit, die man von Rechts wegen Lehre nennt. Erst hier gilt: ‚Die Grenze meiner Sprache ist die Grenze meiner Welt’.

Je allgemeiner die Welt, um die es geht, umso eher ist von Bildung -, je spezifischer die Welt, umso richtiger ist von Lernen die Rede. Merke: Die allgemeinste Welt – die, die den Meisten zugänglich ist – ist die natürliche Welt der natürlichen Sprachen; die Welt, in denen nur Kinder ‚neu’ sind.

Alle Kinder werden irgendwie heranwachsen; dazu brauchen sie keine Professionellen. Professionelle braucht es, um ihnen das „Symbolnetz“ zu überliefern, in dem unsere ganze Welt dargestellt ist: weil das Allgemeinwissen der Menschheit so umfangreich und dabei so komplex geworden ist, daß es nicht mehr einfach in jedenkinds Alltag „vorkommt“ und man einfach nur, jeder an seiner Statt, dort hineinwachsen müßte, learning by doing. Ihre Mitteilung bedarf einer reservierten Zeit außerhalb der Alltagsgeschäfte und einer speziellen Methode, denn natürlich kann nicht jedem alles und schon gar nicht alles zugleich überliefert werden. Aber die Schule privilegierte jene ‚Symbolnetze’, die sich zu diskursiver Verknüpfung eignen. Das war mit dem Schlagwort der ‚Verwissenschaftlichung’ gemeint, das den pädagogsichen Diskurs seit den sechziger Jahren prägte. Verwissenschaftlichung bezieht sich per Definition auf den Bereich des sogenannten ‚Herrschaftswissens’. Anderes fällt nicht in ihren Bereich. Daß seither ‚Lernen’ zum Schlüsselbegriff  staatlicher Pädagogik wurde und ‚Bildung’ wie ein Zopf abgeschnitten wurde, ist nur folgerichtig. Quod erat demonstrandum: Das gegenwärtige Schulsystem ist entstanden und behauptet sich als ein Produkt und eine Bedindung der industriellen Arbeitsteilung. Aber die Arbeitsgesellschaft und ihre Industrie sind am Vergehen.

Samstag, 27. Juni 2015

Digitalisierung befreit die Einbildungskraft.

fantasy art scenery 

...Wenzels wie immer kluge Überlegungen erlaube ich mir zu ergänzen durch einen Gesichtspunkt, den ich selber entwickelt zu haben mich rühmen darf – die Unterscheidung zwischen 'unserer' Welt und 'meiner' Welt .

Das Internet und alle materielle wie menschliche Hard- und Software, die daran hängen, entstammt nicht nur 'unserer' Welt – es wird dort auch bleiben. Es greift zwar tiefer als jedes andere Medium zuvor – sofern wir die Sprache selbst einmal ausnehmen – in 'meine' Welt hinein: weil es zwar der digitalen Technik entstammt, in der 'unsere' Welt womöglich ihren endgültigen Daseinsmodus gefunden hat; aber seine mächtigste Wirkung auf 'analogem' Weg erzielt – in der Macht der virtuellen Bilder! (Man möchte sagen, digitale Revolution und Iconic Turn sind Cousins.) Die gehen tiefer und fester in 'meine' Welt ein, als es Begriffe und logisches Denken je vermocht haben. Aber Leben erhalten sie erst dort. Ihre Macht über mich ist die Macht meiner Einbildungskraft über sie. Und ob sie meine Einbildungskraft herausfordern und ihre Virtuosität ausbilden, oder ob sie sie überschwemmen und ersäufen, das… kommt ganz drauf an.

Die Einführung des ersten Digits ins Gemütsleben der Menschen, des gesprochenen Wortes, hat ihre bildhafte Einbildungskraft nicht verödet, nein, ganz gewiss nicht. Auch nicht der Untergang des mythologischen Zeitalters in der Verwissenschaftlichung der Welt (wie man das nannte). Sonst hätten sie die digitale Technologie ja nicht erfinden können.

Der Quell des tatsächlichen und produktiven Denkens ist das Sprudeln anschaulicher Bilder. Die Reflexion tritt hinzu und 'macht was draus', aber erfinden kann sie nichts. Die virtuellen Bilder können meine Einbildungskraft nur zupappen, wenn ihr zuvor im Korsett des diskursiven Regelmaßes die Luft genommen wurde. Wie und womit, und vor allem: von wem Kinder "beschult" werden – das spielt allerdings eine Rolle! Die Bildung sollte sich schon darauf besinnen, dass der Ursprung der Vernunft nicht logisch ('digital'), sondern ästhetisch ('analog') ist. Wenn alles, was irgend digitalisierbar ist, erst seinen gehörigen Platz in den Diskursen gefunden haben wird, dann bekommt die Einbildungskraft wieder freies Spiel.

im Oktober 2011



Nota. - Meine Welt und unsere Welt durchdringen einander. Das sie ineinander - teilweise - auflösende Medium sind die in beiden Dimensionen brauchbaren Bedeutungen; nur die Bedeutungen. Was Wunder - denn meine Welt und unsere Welt 'kommen' überhaupt nur als Bedeutungsfelder 'vor'. Nicht meine Welt und unserer Welt unterscheiden sich.Sondern ich unterscheide mich; mal als bloßes Individuum, mal als Weltbürger.

März 2014 

Samstag, 29. März 2014

Digitalisierung befreit die Einbildungskraft.


fantasy art scenery

...Wenzels wie immer kluge Überlegungen erlaube ich mir zu ergänzen durch einen Gesichtspunkt, den ich selber entwickelt zu haben mich rühmen darf – die Unterscheidung zwischen 'unserer' Welt und  'meiner' Welt .

Das Internet und alle materielle wie menschliche Hard- und Software, die daran hängen, entstammt nicht nur ‘unserer’ Welt – es wird dort auch bleiben. Es greift zwar tiefer als jedes andere Medium zuvor – sofern wir die Sprache selbst einmal ausnehmen – in 'meine' Welt hinein: weil es zwar der digitalen Technik entstammt, in der 'unsere' Welt womöglich ihren endgültigen Daseinsmodus gefunden hat; aber seine mächtigste Wirkung auf 'analogem' Weg erzielt – in der Macht der virtuellen Bilder! (Man möchte sagen, digitale Revolution und Iconic Turn sind Cousins.) Die gehen tiefer und fester in 'meine' Welt ein, als es Begriffe und logisches Denken je vermocht haben. Aber Leben erhalten sie erst dort. Ihre Macht über mich ist die Macht meiner Einbildungskraft über sie. Und ob sie meine Einbildungskraft herausfordern und ihre Virtuosität ausbilden, oder ob sie sie überschwemmen und ersäufen, das… kommt ganz drauf an.

Die Einführung des ersten Digits ins Gemütsleben der Menschen, des gesprochenen Wortes, hat ihre bildhafte Einbildungskraft nicht verödet, nein, ganz gewiss nicht. Auch nicht der Untergang des mythologischen Zeitalters in der Verwissenschaftlichung der Welt (wie man das nannte). Sonst hätten sie die digitale Technologie ja nicht erfinden können.

Der Quell des tatsächlichen und produktiven Denkens ist das Sprudeln anschaulicher Bilder. Die Reflexion tritt hinzu und 'macht was draus', aber erfinden kann sie nichts. Die virtuellen Bilder können meine Einbildungskraft nur zupappen, wenn ihr zuvor im Korsett des diskursiven Regelmaßes die Luft genommen wurde. Wie und womit, und vor allem: von wem Kinder "beschult" werden – das spielt allerdings eine Rolle! Die Bildung sollte sich schon darauf besinnen, dass der Ursprung der Vernunft nicht logisch ('digital'), sondern ästhetisch ('analog') ist. Wenn alles, was irgend digitalisierbar ist, erst seinen gehörigen Platz in den Diskursen gefunden haben wird, dann bekommt die Einbildungskraft wieder freies Spiel.

im Oktober 2011

Nota.

Meine Welt und unsere Welt durchdringen einander. Das sie ineinander - teilweise - auflösende Medium sind die in beiden Dimensionen brauchbaren Bedeutungen; nur die Bedeutungen. Was Wunder - denn meine Welt und unsere Welt 'kommen' überhaupt nur als Bedeutungsfelder 'vor'. Nicht meine Welt und unserer Welt unterscheiden sich. Sondern ich unterscheide mich; mal als bloßes Individuum, mal als Weltbürger.

März 2014

Freitag, 20. Mai 2016

Digitalisierung befreit die Einbildungskraft.

fantasy art scenery


...Wenzels wie immer kluge Überlegungen erlaube ich mir zu ergänzen durch einen Gesichtspunkt, den ich selber entwickelt zu haben mich rühmen darf – die Unterscheidung zwischen 'unserer' Welt und  'meiner' Welt .

Das Internet und alle materielle wie menschliche Hard- und Software, die daran hängen, entstammt nicht nur ‘unserer’ Welt – es wird dort auch bleiben. Es greift zwar tiefer als jedes andere Medium zuvor – sofern wir die Sprache selbst einmal ausnehmen – in 'meine' Welt hinein: weil es zwar der digitalen Technik entstammt, in der 'unsere' Welt womöglich ihren endgültigen Daseinsmodus gefunden hat; aber seine mächtigste Wirkung auf 'analogem' Weg erzielt – in der Macht der virtuellen Bilder! (Man möchte sagen, digitale Revolution und Iconic Turn sind Cousins.) Die gehen tiefer und fester in 'meine' Welt ein, als es Begriffe und logisches Denken je vermocht haben. Aber Leben erhalten sie erst dort. Ihre Macht über mich ist die Macht meiner Einbildungskraft über sie. Und ob sie meine Einbildungskraft herausfordern und ihre Virtuosität ausbilden, oder ob sie sie überschwemmen und ersäufen, das… kommt ganz drauf an.

Die Einführung des ersten Digits ins Gemütsleben der Menschen, des gesprochenen Wortes, hat ihre bildhafte Einbildungskraft nicht verödet, nein, ganz gewiss nicht. Auch nicht der Untergang des mythologischen Zeitalters in der Verwissenschaftlichung der Welt (wie man das nannte). Sonst hätten sie die digitale Technologie ja nicht erfinden können.

Der Quell des tatsächlichen und produktiven Denkens ist das Sprudeln anschaulicher Bilder. Die Reflexion tritt hinzu und 'macht was draus', aber erfinden kann sie nichts. Die virtuellen Bilder können meine Einbildungskraft nur zupappen, wenn ihr zuvor im Korsett des diskursiven Regelmaßes die Luft genommen wurde. Wie und womit, und vor allem: von wem Kinder "beschult" werden – das spielt allerdings eine Rolle! Die Bildung sollte sich schon darauf besinnen, dass der Ursprung der Vernunft nicht logisch ('digital'), sondern ästhetisch ('analog') ist. Wenn alles, was irgend digitalisierbar ist, erst seinen gehörigen Platz in den Diskursen gefunden haben wird, dann bekommt die Einbildungskraft wieder freies Spiel.


im Oktober 2011

 
Nota. Meine Welt und unsere Welt durchdringen einander. Das sie ineinander - teilweise - auflösende Medium sind die in beiden Dimensionen brauchbaren Bedeutungen; nur die Bedeutungen. Was Wunder - denn meine Welt und unsere Welt 'kommen' überhaupt nur als Bedeutungsfelder 'vor'. Nicht meine Welt und unserer Welt unterscheiden sich. Sondern ich unterscheide mich; mal als bloßes Individuum, mal als Weltbürger.

März 2014

Mittwoch, 3. April 2019

Digitalisierung befreit die Einbildungskraft.

fantasy art scenery

Das Internet und alle materielle wie menschliche Hard- und Software, die daran hängen, entstammt nicht nur 'unserer' Welt – es wird dort auch bleiben. Es greift zwar tiefer als jedes andere Medium zuvor – sofern wir die Sprache selbst einmal ausnehmen – in 'meine' Welt hinein: weil es zwar der digitalen Technik entstammt, in der 'unsere' Welt womöglich ihren endgültigen Daseinsmodus gefunden hat; aber seine mächtigste Wirkung auf ana- logem Weg erzielt – in der Macht der virtuellen Bilder! (Man möchte sagen, digitale Revolution und Iconic Turn sind Cousins.) Die gehen tiefer und fester in 'meine' Welt ein, als es Begriffe und logisches Denken je vermocht ha- ben. Aber Leben erhalten sie erst dort. Ihre Macht über mich ist die Macht meiner Einbildungskraft über sie. Und ob sie meine Einbildungskraft herausfordern und ihre Virtuosität ausbilden, oder ob sie sie überschwem- men und ersäufen, das… kommt ganz drauf an.

Die Einführung des ersten Digits ins Gemütsleben der Menschen, des gesprochenen Wortes, hat ihre bildhafte Einbildungskraft nicht verödet, nein, ganz gewiss nicht. Auch nicht der Untergang des mythologischen Zeital- ters in der Verwissenschaftlichung der Welt (wie man das nannte). Sonst hätten sie die digitale Technologie ja nicht erfinden können.

Der Quell des tatsächlichen und produktiven Denkens ist das Sprudeln anschaulicher Bilder. Die Reflexion tritt hinzu und 'macht was draus', aber erfinden kann sie nichts. Die virtuellen Bilder können meine Einbildungskraft nur zupappen, wenn ihr zuvor im Korsett des diskursiven Regelmaßes die Luft genommen wurde. Wie und womit, und vor allem: von wem Kinder "beschult" werden – das spielt allerdings eine Rolle! Die Bildung sollte sich schon darauf besinnen, dass der Ursprung der Vernunft nicht logisch ('digital'), sondern ästhetisch ('ana- log') ist. Wenn alles, was irgend digitalisierbar ist, erst seinen gehörigen Platz in den Diskursen gefunden haben wird, dann bekommt die Einbildungskraft wieder freies Spiel.

23. 10. 2010 

Nachtrag I. Meine Welt und unsere Welt durchdringen einander. Das sie ineinander - teilweise - auflösende Medi- um sind die in beiden Dimensionen brauchbaren Bedeutungen; nur die Bedeutungen. Was Wunder - denn meine Welt und unsere Welt 'kommen' überhaupt nur als Bedeutungsfelder 'vor'. Nicht meine Welt und unserer Welt un- terscheiden sich. Sondern ich unterscheide mich; mal als bloßes Individuum, mal als Weltbürger.

März 2014

Nachtrag II.  So altertümlich es klingt, so zutreffend bleibt es auch: Der Verlust an Anschaulichkeit ist ein Verlust an Realität. Nicht die Wissenschaft ist das wahre Leben, in Wahrheit gibt es den Raum sowohl wie die Zeit, die Raum-Zeit-Kontinuität ist nur ein Begriff, der in einem ganz bestimmten Sprachzusammenhang eine Bedeutung hat. Der Siegeszug der digitalen Technik ist geeignet, die natürliche Auffassung der Welt wieder zur Geltung kommen zu lassen; doch zuerst muss die Epoche ihrer faszinierten Mystifikation vorübergehen.



Sonntag, 14. Oktober 2018

Mein Eignes.

Allard, Un enfant des Abruzzes

Es ist Ihnen vielleicht manchmal vorgekommen, als trüge ich meine Aussagen zu selbstsicher vor, ohne die ge-botenen Kautelen und Rücksichten.

Das dient zunächst einmal der Klarheit. Dass das, was ich vortrage, 'nur meine persönliche Meinung' ist, versteht sich von selbst. Wenn andere es auch vortrügen, könnte ich es mir sparen. (Das gilt auch für Sätze, die Ihnen trivial erscheinen; nicht alle wiederhole ich in didaktischer Absicht; manche waren für mich, als ich sie nieder-schrieb, neue Gedanken.)

Weshalb glaube ich aber, dass ich zum Besten geben soll, was mir einfällt? Wenn das jeder täte!

Ich fühle mich ermächtigt und angehalten, meine Meinungen öffentlich zu machen, weil ich gewiss bin, einen Standpunkt gefunden zu haben, von dem aus einige Fragen lösbar oder besser lösbar erscheinen, als von anderen aus. Und den Standpunkt habe ich gefunden, aber nicht gesucht. Er hat sich ergeben als gemeinsamer Nenner von Einzelergebnissen.

Was ist also mein Eigenes? 

Zunächst ein paar Realien, die als solche weit auseinander liegen und nach einem gemeinsamen Nenner nicht gerade schreien.

1. Da ist zuerst meine Auffassung der Species homo sapiens als die ("kindlichste" und eo ipso:)  "männlichste" Spezies – weltoffen, unreif und bildsam. Soweit ich weiß, bin ich bis heute der einzige, der diese Ansicht vertritt.

2. Zweitens meine Auffassung der spezifisch europäischen Feudalität und ihrer vielfach bedingten Eigentums- und Herrschaftsformen als historische Voraussetzungen für die Ausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft; und insofern als prägend für die abendländische Kultur. Das mag vor mir schon mancher andere gemeint haben, aber direkt ausgesprochen habe ich es noch nirgendwo sonst gefunden.

3. Meine Kennzeichnung der 1990 untergegangenen Gesellschaften sowjetischen Typs als feudalbürokratische Ver-knappungs- und Vergeudungssysteme. Das ist, so feuilletonistisch die Formulierung klingt, ein ernstgemeinte histori-sche Charakterisierung.

4. Viertens ein Stück Philologie: meine Auffassung, die Kritik der Politischen Ökonomie sei nicht zu begreifen mittels der Hegel’schen Logik, sondern mittels der 'Kritischen' Philosophie alias Wissenschaftslehre. 

5. Daraus folgt – wiederum als Realie – meine Ansicht vom Absterben des Tauschwerts im Laufe der Digitalen Re-volution.

Soweit die realen historischen Theorien, die Sie nirgends anders vertreten finden. Sie hängen zwar nicht ab von –, aber doch (zumindest methodisch) zusammen mit meinen eigentlich philosophischen Einsichten:

Da ist zuallererst und für mich am wichtigsten meine Auffassung der Fichte’schen Wissenschaftslehre nicht als eine Theorie des Bewusstseins, sondern als eine Begriffsbestimmung der Vernunft. 

Diese 'Meta'-Einsicht stammt aus (und rechtfertigt) einige(n) philosophische(n) 'Objekt'-Erkenntnisse(n):

1) 'Die Welt' – und die ihr adäquate Bewusstseinsweise der Vernunft – ist eine Überkompensation der im Prozess der Hominisation aufgegebenen und naturwüchsig sinnsetzenden Umweltnische.

2) Dies ist der Ur-Sprung des Specificum Humanum: unseres poietischen Vermögens. 

3) Das zwiespältige Resultat dieses Verlustes & Neuerwerbs ist die Freiheit als Folge des Zerfalls der angestamm-ten Umweltnische in unsere Welt und meine Welt.* 

4) Die Form der Vernunft in specie ist die Wissenschaft, die systematische Rekonstruktion unserer Welt. Als solche ist sie spezifisch öffentliches Wissen (wie überhaupt die Spaltung von unserer und meiner Welt ihre reelle Entspre-chung findet in der spezifisch bürgerlichen Scheidung von Öffentlich und Privat).

5) Die Wissenschaftslehre ist die vor-begriffliche Rekonstruktion der Erfindung von meiner Welt mit der Ver-nunft als ihrem terminus ad quem. 

6) Das Absolute als das unvermeidliche Korrelat ('wozu?') des sich-selbst-setzenden Ichs ist eine ästhetische Idee. Sie ist der Vereinigungspunkt, von dem aus unsere Welt und meine Welt zugleich überschaubar werden.

7) Metaphilosophie und Praktische Philosophie verhalten sich zueinander wie Frage und Antwort. Zwischen beiden steht als Klammer und Scheidelinie die Kritik. Metaphilosophie und Praktische Philosophie bilden zu-sammen (=als Frage und Antwort) die Anthropologie. Zwischen beiden liegt die Kritik als eine Selbstreflexion der Anthropologie. 

*[Nachtrag Jan. 2018: Daraus folgt die Zuordnung der Vernunft (und des Rechts) zu unserer Welt - und der Mora- lität zur Ästhetik und zu meiner Welt.]
* 

Das ist alles nicht der Weisheit letzter Schluss, aber so ist es in der Philosophie immer. Doch immerhin recht-fertigt es die Hartnäckigkeit, mit der ich meine Blogs betreibe. Und wenn ich – vielleicht nicht in allem, aber im wesentlichen – Recht habe, wäre es nötig, dass sie gelesen werden.










19. 4. '16 


Nota. - Ergänzung zum gestrigen Eintrag.
JE




Dienstag, 18. Dezember 2018

Das Subjekt muss sich erst bilden.

Soehnée

Das autonome Subjekt ist kein Naturdatum. Es muss sich bilden. Das Bilden geschieht durch das Einordnen alles Wirklichen (Erlebten) in das Spannungsfeld zwischen zwei Polen: 'Ich' und 'die Welt'. (Beide haben ein 'Sein' nur als Pole dieses Feldes.)

Unsere Welt ist die Wirklichkeit, betrachtet vom Pol 'Welt' aus, meine Welt ist die Wirklichkeit, betrachtet vom Pol 'Ich' aus. Beide sind Abstraktionen: nämlich vom wirklich-Erlebten.

Persönlichkeitsstörungen sind das Aufgeben des einen Pols zugunsten des andern.

aus e. Notizbuch, 5. 9. 08


Man erkennt es an der Schwierigkeit, ein gegenwärtig Erlebtes in unsere Welt oder meine Welt einzuordnen. Doch sobald es irgend Gegenstand der Reflexion werden soll, muss ich es in eins von beiden einordnen; näm- lich meinen Gesichtspunkt wählen! Danach scheiden, was ich vor Anderen vertreten muss und wofür ich nur mir selbst verantwortlich bin.

Ja ja, da sind ein paar andere, die ich, willig oder nicht, in meine Welt hineingelassen und womöglich aufgenom- men habe. Das sind Andere eigener Art. Die gehören zu unserer Welt erst in zweiter Linie.

Der Andere ist ein Abstrakt-Allgemeiner, die Reihe vernünftiger Wesen, lauter Iche außer mir. Mit mir teilen sie den Bezug auf den Zweck der Zwecke, den bringen sie gegen mich so wie ich gegen sie zur Geltung. Wir ver- treten die Vernunft gegen einander. Und wenn ich's recht bedenke: In meinem wirklichen Leben kommt gar nicht so viel vor, was in diese Rubrik fällt! Auf den ersten Blick glaubte ich, unsere Welt sei unermesslich größer als meine Welt. Aber dann doch bloß in der Denkpause. Fürs wirkliche Leben ist sie fast nur ein Korridor ne- benan.
JE

Montag, 18. April 2016

Was kann ich denn an Eigenem aufbieten?

Allard, Un enfant des Abruzzes

Es ist Ihnen vielleicht manchmal vorgekommen, als trüge ich meine Aussagen zu selbstsicher vor, ohne die gebotenen Kautelen und Rücksichten.

Das dient zunächst einmal der Klarheit. Dass das, was ich vortrage, 'nur meine persönliche Meinung' ist, versteht sich von selbst. Wenn andere es auch vortrügen, könnte ich es mir sparen. (Das gilt auch für Sätze, die Ihnen trivial erscheinen; nicht alle wiederhole ich in didaktischer Absicht; manche waren für mich, als ich sie niederschrieb, neue Gedanken.)

Weshalb glaube ich aber, dass ich zum Besten geben soll, was mir einfällt? Wenn das jeder täte!

Ich fühle mich ermächtigt und angehalten, meine Meinungen öffentlich zu machen, weil ich gewiss bin, einen Standpunkt gefunden zu haben, von dem aus einige Fragen lösbar oder besser lösbar erscheinen, als von anderen aus. Und den Standpunkt habe ich gefunden, aber nicht gesucht. Er hat sich ergeben als gemeinsamer Nenner von Einzelergebnissen.

Was ist also mein Eigenes?

Zunächst ein paar Realien, die als solche weit auseinander liegen und nach einem gemeinsamen Nenner nicht gerade schreien.

1. Da ist zuerst meine Auffassung der Species homo sapiens als die ("kindlichste" und eo ipso:)  "männlichste" Spezies – weltoffen, unreif und bildsam. Soweit ich weiß, bin ich bis heute der einzige, der diese Ansicht vertritt.

2. Zweitens meine Auffassung der spezifisch europäischen Feudalität und ihrer vielfach bedingten Eigentums- und Herrschaftsformen als historische Voraussetzungen für die Ausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft; und insofern als prägend für die abendländische Kultur. Das mag vor mir schon mancher andere gemeint haben, aber direkt ausgesprochen habe ich es noch nirgendwo sonst gefunden.

3. Meine Kennzeichnung der 1990 untergegangenen Gesellschaften sowjetischen Typs als feudalbürokratische Verknappungs- undVergeudungssysteme. Das ist, so feuilletonistisch die Formulierung klingt, ein ganz ernstgemeinte historische Charakterisierung.

4. Viertens ein Stück Philologie: meine Auffassung, die Kritik der Politischen Ökonomie sei nicht zu begreifen mittels der Hegel’schen Logik, sondern mittels der 'Kritischen' Philosophie alias Wissenschaftslehre.

5. Daraus folgt – wiederum als Realie – meine Ansicht vom Absterben des Tauschwerts im Laufe der Digitalen Revolution.

Soweit die realen historischen Theorien, die Sie nirgends anders vertreten finden. Sie hängen zwar nicht ab von –, aber doch (zumindest methodisch) zusammen mit meinen eigentlich philosophischen Einsichten:

Da ist zuallererst und für mich am wichtigsten meine Auffassung der Fichte’schen Wissenschaftslehre nicht als eine Theorie des Bewusstseins, sondern als eine Begriffsbestimmung derVernunft.

Diese 'Meta'-Einsicht stammt aus (und rechtfertigt) einige(n) philosophische(n) 'Objekt'-Erkenntnisse(n):

1) 'Die Welt' – und die ihr adäquate Bewusstseinsweise der Vernunft – ist eine Überkompensation der im Prozess der Hominisation aufgegebenen und naturwüchsig sinnsetzenden Umweltnische.

2) Dies ist der Ur-Sprung des Specificum Humanum: unseres poietischen Vermögens.

3) Das zwiespältige Resultat dieses Verlustes & Neuerwerbs ist die Freiheit als Folge des Zerfalls der angestammten Umweltnische in unsere Welt und meine Welt.

4) Die Form der Vernunft in specie ist die Wissenschaft, die systematische Rekonstruktion unserer Welt. Als solche ist sie spezifisch öffentliches Wissen (wie überhaupt die Spaltung von unserer und meiner Welt ihre reelle Entsprechung findet in der spezifisch bürgerlichen Scheidung von Öffentlich und Privat).

5) Die Wissenschaftslehre ist die vor-begriffliche Rekonstruktion der Erfindung von meiner Welt mit der Vernunft als ihrem terminus ad quem.

6) Das Absolute als das unvermeidliche Korrelat ('wozu?') des sich-selbst-setzenden Ichs ist eine ästhetische Idee. Sie ist der Vereinigungspunkt, von dem aus unsere Welt und meine Welt zugleich überschaubar werden.

7) Metaphilosophie und Praktische Philosophie verhalten sich zueinander wie Frage und Antwort. Zwischen beiden steht als Klammer und Scheidelinie die Kritik. Metaphilosophie und Praktische Philosophie bilden zusammen (=als Frage und Antwort) die Anthropologie. Zwischen beiden liegt die Kritik als eine Selbstreflexion der Anthropologie.

*

Das ist alles nicht der Weisheit letzter Schluss, aber so ist es in der Philosophie immer. Doch immerhin rechtfertigt es die Hartnäckigkeit, mit der ich meine Blogs betreibe. Und wenn ich – vielleicht nicht in allem, aber im wesentlichen – Recht habe, wäre es nötig, dass sie gelesen werden.




Mittwoch, 14. Januar 2015

Was uns der Irrsinn über den Sinn lehrt.


Die herkömmliche Diskussion Welt/Umwelt (Pleßner: der Mensch lebt in einer Umwelt vor dem Horizont der Welt) krankt daran, dass beides, Welt und Umwelt, als zwei Obiectiva  genommen wurden. Aber der Umwelt-Begriff von Uexkülls zielt nicht auf den faktischen, sondern auf den Bedeutungs-Bestand der (jeweiligen) Um- welten ab (was wäre denn eine 'faktische' Umwelt vor einer 'bedeutenden'?!).

Ebenso wie die 'geschlossene' Umwelt ist die "offene" Welt ein Raum von Bedeutungen; aber eben kein ge- schlossener, sondern "offener" - d. h. gar keine Gegend, sondern nur ihr Horizont. Wenn das aber so ist, dann ist sie ein unbestimmter Raum - einer, dessen Grenze "zurückweicht, je näher man ihr kommt". Das heißt in der Umkehrung: die Bedeutungen 'in' diesem Raum sind nur provisorisch, hypothetisch, virtuell, latent "bestimmt" - in suspense. Damit sie gelten können, muss ich ihre Gültigkeit für mich je "aktualisieren".

Dass daher 'unsere Welt' vor 'meiner Welt' ontologischen Vorrang habe, ist eine optische Täuschung (weil jene währt, diese nicht). Nennen wir 'unsere Welt' mit Dilthey 'objektiven Geist', dann kann ich auch 'Dinge' dar- unter verstehen - z. B. Institutionen; die haben eine 'dingliche Seite', das ist das Objektive daran. Aber objekti- ver Geist sind sie nur insofern, als ich (oder ein anderes Ich) ihre Bedeutung für mich realisiere; ihre Latenz ent/decke. 'Meine Welt' ist diejenige Instanz,  die 'unsere Welt' immer erst zur Wirklichkeit bringt (dýnamis/enér- geia). 

'Unsere Welt' ist in ihrer Wirklichkeit die "Schnittmenge" all dessen, was historisch daseiende Menschen aus dem Arsenal möglicher gegebener Bedeutungen in ihre Privatwelten aufgenommen haben; und worüber sie ipso facto kommunizieren, "sich verständigen" können. Historisch ist der 'objektive Geist' eher da als die privaten Welten. Aber ontologisch ist "meine Welt" eher da. 

Der Beweis?

Es kann Privatwelten geben ohne jeglichen Anteil von 'objektivem Geist' (das würden wir Irrsinn nennen); aber es gibt ein 'objektive' Welt nicht ohne die, nicht außerhalb der Privatwelten der historischen Individuen.

16. 10. 03



Montag, 7. September 2015

XII. Bilder, Zeichen und Begriffe

Freitag, 10. August 2018

Wirklichkeit ist ein kollektives Pantasma.

wikimedia

'Wirklich' ist allein (!) das Erleben. - Ja, aber nun erlebt der eine dies, der andere jenes. Doch genau besehen, gibt es einen enormen Vorrat von 'Dingen', die wir alle gleich erleben, oder fast gleich, was in den meisten Lebensbereichen auf dasselbe hinauskommt. All das, was wir grosso modo gleich erleben, nennen wir gewohn- heitsmäßig "die Welt". Wohl wissend, aber ungern oder gar nicht bedenkend, dass es in meinem Erleben einen kleinen privaten Sonderposten gibt, der - weil nur das Erleben wirklich ist, und alles Erleben! - doch auch wirk- lich ist, also auch zur Welt gehört, aber nicht wirklich, nicht "für die andern"; dass also insgeheim meine Welt im- mer ein bisschen wirklicher ist als die der andern, wenn  jene auch den Schein der Übermacht für sich hat. -

Zweck der Schule ist es, mir den richtigen Eindruck von der Priorität 'meiner' Welt vor der Welt 'der andern' auszutreiben - und den andern ebenso: "Wirklich" soll nur das überprüfbar gemeinsame Erleben sein; und wirk- lich wirklich auch nur das restlos gleiche, das von der Wissenschaft als ein solches festgestellte. Das ist aber, ge- messen an dem, was alle-zusammen-jeder-für-sich erlebt hat, nur ganz wenig. Das ist dann das wirklich-Wirk- liche mit dem psychisch  'Normalen' als seinem Hof (so wie der Mond einen Hof hat); und noch weiter weg vom Kern dann die individuellen Phantasmata. -

Dies alles ist nun aber überhaupt nur nötig, weil wir zusammen arbeiten müssen. Denn dann reicht es nicht, dass wir uns von unserm jeweiligen Erleben nur erzählen; wir müssen uns darüber einigen können.

aus e. Notizbuch, 30. 12. 03


Das war also die Stelle, wo mir erstmals eingefallen ist, 'meine' Welt von 'unserer' Welt systematisch zu unter- scheiden. Dass die Eigenwelt des Irren sich zur realen Welt der Normalen verhält wie ein privates Phantasma zu einem kollektiven, und dass der Vorzug des letzteren ein lediglich pragmatischer ist, war mir durch meine Erwerbstätigkeit klargeworden. Aber auch, dass der Irre nur eine Extremvariante der Normalen ist. Dass also wir ebenfalls in einem Zwiespalt zwischen meiner Welt und unserer leben und uns vom Narren graduell nur dadurch unterscheiden, dass wir uns zwischen beiden in einem Gleichgewicht halten. 

15. 1. 15


Dass unsere Welt "auch nur" ein Phantasma ist, so wie die Privatwelt des Verrückten, darauf kommt es gar nicht an. Sondern darauf, dass ich mich in der einen mit Andern verständigen kann, in der andern nicht. Doch worüber muss ich mich mit andern verständigen? Über Zwecke, die ich mit ihnen gemeinsam oder gegen sie verfolge, nämlich dort, wo wir einander begegnen. Über Zwecke, die ich allein für mich verfolge ohne Berüh- rung mit Andern, brauche ich mich nicht einmal mit mir zu verständigen, wenn ich nicht will.

Das ist der Unterschied, auf den es wirklich ankommt: Welche Zwecke liegen in 'unserer', und welche Zwecke liegen in 'meiner' Welt? In der Abstraktion lässt sich der Unterschied meist mühelos fassen. Doch in concreto wird fast immer ein Problem daraus. Denn es ist ein pragmatisches Problem: eines, das sich nicht vorab theore- tisch und in Begriffen stellen und also auch nicht lösen lässt, sondern praktisch, im Handeln selbst. Da werde ich mit den Andern immer wieder in Streit geraten, und manchmal werde ich finden, dass nicht sie im Irrtum waren, sondern ich. Dass wir uns verständigen müssen, heißt ja nicht, dass es uns leicht wird. So ist das Leben.

13. 8. 18

Donnerstag, 15. Januar 2015

Unsere Welt ist ein kollektives Phantasma.


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'Wirklich' ist allein (!) das Erleben. - Ja, aber nun erlebt der eine dies, der andere jenes. Doch genau besehen, gibt es einen enormen Vorrat von 'Dingen', die wir alle gleich erleben, oder fast gleich, was in den meisten Lebensbereichen auf dasselbe hinauskommt. All das, was wir grosso modo gleich erleben, nennen wir gewohn- heitsmäßig "die Welt". Wohl wissend, aber ungern oder gar nicht bedenkend, dass es in meinem Erleben einen kleinen privaten Sonderposten gibt, der - weil nur das Erleben wirklich ist, und alles Erleben! - doch auch wirklich ist, also auch zur Welt gehört, aber nicht wirklich, nicht "für die andern"; dass also insgeheim meine Welt immer ein bisschen wirklicher ist als die der andern, wenn  jene auch den Schein der Übermacht für sich hat. -

Zweck der Schule ist es, mir den richtigen Eindruck von der Priorität 'meiner' Welt vor der Welt 'der andern' auszutreiben - und den andern ebenso: "Wirklich" soll nur das überprüfbar gemeinsame Erleben sein; und wirk- lich wirklich auch nur das restlos gleiche, das von der Wissenschaft als ein solches festgestellte. Das ist aber, ge- messen an dem, was alle-zusammen-jeder-für-sich erlebt hat, nur ganz wenig. Das ist dann das wirklich-Wirk- liche mit dem psychisch  'Normalen' als seinem Hof (so wie der Mond einen Hof hat); und noch weiter weg vom Kern dann die individuellen Phantasmata. -

Dies alles ist nun aber überhaupt nur nötig, weil wir zusammen arbeiten müssen. Denn dann reicht es nicht, dass wir uns von unserm jeweiligen Erleben nur erzählen; wir müssen uns darüber einigen können.

aus e. Notizbuch, 30. 12. 03


Das ist also die Stelle, wo mir erstmals eingefallen ist, 'meine' Welt von 'unserer' Welt systematisch zu unter- scheiden. Dass die Eigenwelt des Irren sich zur realen Welt der Normalen verhält wie ein privates Phantasma zu einem kollektiven, und dass der Vorzug des letzteren ein lediglich pragmatischer ist, war mir durch meine Erwerbstätigkeit klargeworden. Aber auch, dass der Irre nur eine Extremvariante der Normalen ist. Dass also wir ebenfalls in einem Zwiespalt zwischen meiner Welt und unserer leben und uns vom Narren graduell nur dadurch unterscheiden, dass wir uns zwischen beiden in einem Gleichgewicht halten. 




Freitag, 16. Januar 2015

Gehört 'meine Welt' in die Transzendentalphilosophie?

Rainer Häufele, pixelio.de

Die Unterscheidung von meiner und unserer Welt gehört offenbar - so wie die von Welt und Umwelt - in die philo- sophische Anthropologie. In die Psychologie gehört sie jedenfalls nicht, sie behauptet keinen empirischen Sach- verhalt, der sich experimentell nachweisen ließe, sondern postuliert einen Sinn.

Und wie ist es mit der Transzendentalphilosophie? Dass sie damit 'gar nichts zu tun' hätte, ist - ebenso offenbar - falsch. Denn jene ist die pragmatische Geschichte des menschlichen Geistes, nämlich des Geistes in seiner objekti- viertesten Gestalt, als Vernunft, und die beginnt da, wo unsere Welt beginnt,* vom gesunden Menschenverstand bis hin zu Molekularbiologie, Mikrophysik und Kosmologie. Das Ich setzt sich, indem es sich eine Welt entge- gensetzt - offenbar die Unsere und nicht die Seine.

Zumindest liegt also meine Welt an der Grenze der Transzendentalphilosophie. Und die Bestimmung ihrer Grenze wiederum gehört zur Transzendentalphilosophie selbst.