Dalí, Geopoliticus 1943
Man kann die gesamte Aufgabe der Wissenschaftslehre so ausdrücken: Wie kommt das Ich dazu, aus sich selbst herauszugehen?
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Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 196
Das war das Mysterium bei Plotin, Spinoza und Hegel: wie kommt die
Substanz überhaupt dazu, ihre Identität zu verlassen und in Akzidenzen
zu "emanieren" (E. Lask)? 'Warum ist GOtt Schöpfer geworden' - die
Theolo- gie verbietet diese Frage. Der spekulative Pomp der
metaphysisch-philosophischen Systeme täuscht dar- über hinweg, dass sie
sich an der Frage vorbeidrücken. Wenn sie aber der Theologie nichts
Substanzielles hinzu zu fügen haben, wieso konnten sie's dann nicht bei
ihr belassen? Die Philosophie ist dann überflüssig.
Der
Transzendentalphilosoph Fichte dreht die Frage um. Er setzt nicht erst
ein Ich, um es dann, warum auch immer, tätig werden zu lassen; sondern
geht aus vom Faktum der vernünftigen Tätigkeit, das aus dem Noumen Ich erklärt wird. Tatsache ist, dass das (noumenale) Ich aus sich heraugegangen ist. Er muss nun nicht seine Phantasie schweifen lassen und raten, was es dazu veranlasst haben könnte. Er muss lediglich heraus finden, wie das möglich war. Eine Notwendigkeit wird nicht behauptet.
caput mortuum
Die Hauptsynthesis ist in allgemeinster Formulierung: Ich bestimme Mich. Würde das je gelingen, wäre mit allem Bestimmen Schluss. Bestimmen meiner - und von irgendetwas anderem - als ... ist nur möglich, solange ich mich von mir unterscheide. Wenn ich mich zu Ende bestimmt habe und mit mir eins geworden bin, bin ich tot.
Odilon Redon, Pegasus
Seele, Körper, Ich
Es ist allgemein bekannt, daß man Seele und Körper
unterscheidet. Jeder, der diese Unterscheidung kennt, wird dabei eine
Gemeinschaft zwischen beiden statuieren, vermöge deren sie aufeinander
wechselseitig wirken. In dieser Wechselwirkung kommt beiden eine
doppelte Rolle zu: entweder sie wirken selbst für sich aufeinander, oder
ein drittes Etwas wirkt durch eins aufs andre. Der Körper nämlich dient
zugleich auch vermittels der Sinne zu einer Kommunikation der äußern
Gegenstände mit der Seele, und insofern er selbst ein äußrer Gegenstand
ist, wirkt er selbst als ein solcher mittels der Sinne auf die Seele.
Natürlich wirkt die Seele auf demselben Wege zurück, und hieraus ergibt
sich, daß dieser Weg oder die Sinne ein gemeinschaftliches,
ungeteiltes
Eigentum des Körpers und der Seele sind. So gut es äußre Gegenstände
gibt, zu denen der Körper mitgehört, ebenso gut gibt es innre
Gegenstände, zu denen die Seele mitgehört. Diese wirken auf den Körper
und die äußern Gegenstände überhaupt, mittels der Sinne, wie schon
gesagt, und erhalten die Gegenwirkung auf diesem Wege zurück. Die
Schwierigkeit ist nun, die Sinne zu erklären. (Gattungsbegriff der
Sinne.)
Zu Sinnen gehört immer ein Körper und eine Seele. Ihre
Vereinigung findet mittels der Sinne statt. Die Sinne sind schlechthin
nichtselbsttätig. Sie empfangen und geben, was sie erhalten. Sie sind
das Medium der Wechselwirkung.
(Entweder unterscheidet die Seele das wirkliche Dasein in der
Erscheinung des Augenblicks, den wirklichen Zustand, vom notwendigen
Dasein in der Idee, dem gesetzten, dem Idealzustande,
nicht (Zustand des freien Seins, ohne
rege Unterscheidungskraft), oder sie unterscheidet beides. Im letztern
Falle findet sie nun den wirklichen Zustand mit sich selbst harmonierend
oder sich widersprechend. Das erste ist das Gefühl der Lust, des
Gefallens, das andre das Gefühl der Unlust, des Mißfallens.
Beide sind
Abweichungen vom natürlichen Zustande und daher nur momentan im weitern
Sinne. Im ersten Gefühl ist es die Form des natürlichen Zustandes, der
Kunstzustand, das Gefällige, Lusterregende. Im andern ist der Zwang, den
das Natürlichnotwendige vom Zufälligen erleidet, das Mißfällige,
Schmerzende.)
Der Grund der Sinne, der Sinn, muß eine negative Materie und negativer Geist sein – beides
eins – folglich
die absolute Materie und der absolute Geist, welches eins ist. Finden
tun wir dieses Substrat in den einzelnen Sinnen vereinzelt, d.h. in
Verbindung mit einem äußern oder innern Gegenstande. Licht, Schall usw.
sind Modifikationen, Individuen der Gattung »Sinn«. (Organ und Sinn
unterschieden.)
(Hieraus sehn wir beiläufig, daß Ich im Grunde nichts ist. Es
muß ihm alles gegeben werden. Aber es kann nur ihm etwas gegeben werden,
und das Gegebne wird nur durch Ich etwas. Ich ist keine Enzyklopädie,
sondern ein universales Prinzip. Dies hellt auch die Materie von
Deduktionen
a priori auf. Was dem Ich nicht
gegeben ist, das kann es nicht aus sich deduzieren. Was ihm gegeben ist,
ist auf Ewigkeit sein, denn Ich ist nichts als das Prinzip der
Vereigentümlichung. Alles ist sein, was in seine Sphäre tritt, denn in
diesem Aneignen besteht das Wesen seines Seins. Zueignung ist die
ursprüngliche Tätigkeit seiner Natur.)
Wahrscheinlich also das Element der Einbildungskraft – des Ichs
–, des Einzigen vorhin gedachten Absoluten, das durch Negation alles
Absoluten gefunden wird.
Nun müssen wir uns aber diesen Fund nicht materiell oder
geistig denken. Es ist keins von beiden, weil es beides auf gewisse
Weise ist. Es ist ein Produkt der Einbildungskraft, woran wir glauben,
ohne es seiner und unsrer Natur nach je zu erkennen zu vermögen. Es ist
auch nichts an und für sich Vorhandnes, sondern dasjenige, was als
Gegenstand einer notwendigen Idee den einzelnen Sinnen zum Grunde liegt
und sie erklärt und sie einer theoretischen Behandlung fähig macht.
(Das oberste
Prinzip muß schlechterdings nichts Gegebnes, sondern ein frei Gemachtes,
ein Erdichtetes, Erdachtes sein, um ein allgemeines metaphysisches
System zu begründen, das von Freiheit anfängt und zu Freiheit geht.)
Alles Philosophieren zweckt auf Emanzipation ab.
(Innres, äußres Organ – Arten der innern und äußern
Gegenstände, die besondre Organe voraussetzen und damit eine neue
Modifikation des Sinns sichtbar, erkennbar machen.)
(Zwei Weisen, die Dinge anzusehn: von oben herunter oder von
unten hinauf; durch diesen Wechsel wird positiv, was erst negativ war,
und
vice versa. Man muß beide Weisen auf
einmal brauchen.)
(Sinn und Bewußtsein. Das letztere ist nichts als:
Wirksamkeit der einen oder der andern Welt mittels des Sinns.)
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Novalis, Fragmente
ed. Kamnitzer, Dresden 1929
Nota. - Zwar hat wohl Novalis zum Philosophieren mehr Talent gehabt als zum Dichten; doch ohne ein gründliches Studium wäre auch daraus nichts geworden. Gründlich oder jedenfalls stürmisch und umfänglich hat Novalis aus beruflichen Gründen seine naturwissenschaftlichen, namentlich mineralogischen Studien betrieben, für die Philosophie blieb weniger Zeit. Er mag aber auch dem Irrtum unterlegen sein, in der Philosophie notfalls mit der Einbildungskraft auskommen zu können.
In obigem Fragment nun ist von einer Herkunft aus der Transzendentalphilosophie schon gar nichts mehr zu spüren. Er konstruiert die Ichheit, wie es jeglicher gesunder Menschenverstand tut: aus der Wechselwirkung von Körper und Seele. Wie er zu der Vorstellung dieser beiden gekommen ist, fragt er sich nicht. Schon ein klein wenig philosophischer Literaturkenntnis hätte ihn gegen den treuen Augenaufschlag der "Seele" miss- trauisch gemacht; aber er war zu diesem Zeitpunkt wohl schon bereit, sich von den Eingebungen hinwegtra- gen zu lassen.
Die Sammlung der "Fragmente", die Kamnitzer 1929 in Dresden herausgegeben hat, unterscheidet nicht die einzelnen Fundorte im Nachlass. Der war noch ungeordnet, die einzelnen Phasen von Novalis' philosophi- schen Studien wurden ja erst durch ihn sichtbar. Während er zunächst um ein eigenes Verständnis der Fichte'schen Wissenschaftslehre bemüht war, ("Fichte-Studien"), legt er später ein Notizbuch 'für alles' an ("Allgemeines Brouillon"), in das er wie in einem Tagebuch seine Einfälle zu diesem und jenem festhält. Dabei vermischen sich fortschreitend Naturwissenschaft, Naturspekulation und eine zunehmend schwär- mende Philosophie. JE
Eine zuverlässige Ausgabe der Fragmente ist inzwischen in Band 2 der Werkausgabe von Hans-Joachim Mähl im Hnaser-Verlag erschienen (München 1978).
Odilon Redon, Apolls Wagen II
Philosophieren
Philosophieren muß eine eigne Art von Denken
sein. Was tu' ich, indem ich philosophiere? Ich denke über einen Grund
nach, dem Philosophieren liegt also ein Streben nach dem Denken eines
Grundes zum Grunde. Grund ist aber nicht Ursache im eigentlichen Sinne –
sondern innre Beschaffenheit, Zusammenhang mit dem Ganzen. Alles
Philosophieren muß also bei einem absoluten Grunde endigen. Wenn dieser
nun nicht gegeben wäre, wenn dieser Begriff eine Unmöglichkeit
enthielte, so wäre der Trieb zu philosophieren eine unendliche Tätigkeit
und darum ohne Ende, weil ein ewiges Bedürfnis nach einem absoluten
Grunde vorhanden wäre, das doch nur relativ gestillt werden könnte und
darum nie aufhören würde. Durch das freiwillige Entsagen des Absoluten
entsteht die unendliche, freie Tätigkeit in uns, das einzig mögliche
Absolute, was uns gegeben werden kann, und was wir nur durch unsre
Unvermögenheit, ein Absolutes zu erreichen und zu erkennen, finden. Dies
uns gegebne Absolute läßt sich nur negativ erkennen, indem wir handeln
und finden, daß durch kein Handeln das erreicht wird, was wir suchen.
Dies ließe sich ein absolutes Postulat nennen. Alles Suchen
nach einem Prinzip wäre also wie ein Versuch, die Quadratur des Zirkels
zu finden. (Perpetuum mobile. Stein der Weisen.) (Negative Erkenntnis.)
(Die Vernunft wäre das Vermögen, einen solchen absoluten Gegenstand zu
setzen und festzuhalten.) (Der durch die Einbildungskraft ausgedehnte
Verstand.) Streben
nach
Freiheit wär' also jenes Streben zu philosophieren, der Trieb nach der
Erkenntnis des Grundes. Philosophie, Resultat des Philosophierens,
entsteht demnach durch Unterbrechung des Triebes nach Erkenntnis des
Grundes, durch Stillstehn bei dem Gliede, wo man ist, Abstraktion von
dem absoluten Grunde und Geltendmachung des eigentlichen absoluten
Grundes der Freiheit, durch Verknüpfung (Verganzung) des zu Erklärenden
zu einem Ganzen. Je mannigfaltiger die Glieder dieses Ganzen sind, desto
lebhafter wird die absolute Freiheit empfunden; je verknüpfter, je
ganzer es ist, je wirksamer, anschaulicher, erklärter ist der absolute
Grund alles Begründens, die Freiheit, darin. Die Mannigfaltigkeit
bezeugt die Energie, die Lebhaftigkeit der praktischen Freiheit – die
Verknüpfung die Tätigkeit der theoretischen Freiheit. Die erste begreift
Handlungen, die andre Behandlungen.
Hierunter verstehe ich die
Handlungen der eigentlichen Reflexion, die auf bloße Denkhandlungen
gehn. (Reflexion ist nicht alles Denken, sondern behandeltes, bedachtes
Denken.) Ich bedeutet jenes negativ zu erkennende Absolute, was nach
aller Abstraktion übrigbleibt. Was nur durch Handeln erkannt werden
kann, und was sich durch ewigen Mangel realisiert. (So wird Ewigkeit
durch Zeit realisiert, ohnerachtet Zeit der Ewigkeit widerspricht.) Ich
wird nur im Entgegengesetzten wirksam und bestimmt für sich. Indem ich
frage: Was ist das? so fordre ich Entäußerung des Dinges an sich; ich
will wissen,
was es ist? Das weiß ich ja schon, daß
es das und das Ding ist, aber was für ein Ding?
Dies will ich wissen,
und hier tret' ich in die Sphäre des Subjektiven
(die
Anschauung find' ich nie, weil ich sie bei der Reflexion suchen muß, und
so umgekehrt). Was handelt zunächst für mich, woher entlehn' ich meine
Begriffe? – notwendig ich – notwendig von mir. Ich bin für mich der
Grund alles Denkens, der absolute Grund, dessen ich mir nur durch
Handlungen bewußt werde; Grund aller Gründe für mich, Prinzip meiner
Philosophie ist mein Ich. Dieses Ich kann ich nur negativerweise zum
Grund alles meines Philosophierens machen, indem ich soviel zu erkennen
(zu handeln) und dies so genau zu verknüpfen suche als möglich;
(letzteres durch Reflexion). Je unmittelbarer, direkter ich etwas vom
Ich ableiten kann, je erkannter, begründeter ist es mir.
(Ergründen ist Philosophieren. Erdenken ist Dichten. Bedenken
und Betrachten ist eins. Empfinden, reines Denken ist ein bloßer
Begriff: Gattungsbegriff. Nun ist aber Gattung nichts außer dem
einzelnen; also denkt man immer auf eine bestimmte Weise, man ergründet
oder erdenkt usw.)
(Durch die Gattung kann ich nicht die Individuen kennen lernen,
sondern durch die Individuen die Gattung, aber freilich muß man bei der
Beobachtung der Individuen immer die Idee der Gattung in den Augen
haben.)
(Die Fichtische Philosophie ist eine Aufforderung zur
Selbsttätigkeit: ich kann keinem etwas erklären von Grund aus, als daß
ich ihn auf sich selbst verweise, daß ich ihn dieselbe Handlung zu tun
heiße, durch die ich mir etwas erklärt habe. Philosophieren kann ich
jemand lehren, indem ich ihn lehre, es ebenso zu machen wie ich. Indem
er tut, was ich tue, ist er das, was ich bin, da, wo ich bin.)
(Vom Erfinden oder Nachmachen geht alle Kunst aus.)
(Sind nun die Handlungen, die ich tue, die natürlichen, so sind
alle andren Handlungen unnatürlich und erlangen nicht den Zweck, den
sie in den Augen haben und haben müssen – der Mensch widerspricht sich.
Er widerspricht sich nicht, wenn er seiner Natur gemäß handelt. Daher
bleiben die Bösen z. B. in einem ewigen Widerspruch mit sich selbst.)
(Der unterschiedne Stoff bringt erst die Unterscheidung in Absicht
desjenigen, wovon der Grund gesucht wird, zuwege. Die Alten nannten
daher Naturlehre usw. auch Philosophie; wir haben sie auf das Denken des
Grundes der Vorstellungen und Empfindungen, kurz der Veränderungen des
Subjekts eingeschränkt.) (Über den Ausdruck Seele. Seele des Ganzen.)
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Novalis, Fragmente
ed. Kamnitzer, Dresden 1929
Odilon Redon, Der Wagen Apolls
Philosophie
Die Philosophie soll nicht mehr antworten, als sie gefragt wird.
Hervorbringen kann sie nichts. Es muß ihr etwas gegeben werden.
Dieses ordnet und erklärt sie, oder welches ebensoviel ist, sie weist
ihm seine Stelle im Ganzen an, wo es als Ursache und Wirkung hingehört.
Welches ist aber ihr eigentlicher Wirkungskreis? Keine gelehrte
Kunst kann es sein. Sie muß nicht von Gegenständen und Kenntnissen
abhängen, die erworben werden müssen, von einer Quantität der Erfahrung,
sonst wäre jede Wissenschaft Philosophie. Wenn also jene Wissenschaften
sind, so ist sie keine.
Was könnte es wohl sein?
Sie handelt von einem Gegenstande, der nicht gelernt
wird. Wir
müssen aber alle Gegenstände lernen – also, von gar keinem Gegenstande.
Was gelernt wird, muß doch verschieden sein von dem Lernenden. Was
gelernt wird, ist ein Gegenstand, also ist das Lernende kein Gegenstand.
Könnte also die Philosophie vielleicht vom Lernenden handeln, also von
uns, wenn wir Gegenstände lernen?
Die Philosophie ist aber selbst im Lernenden. Nun, da wird sie
Selbstbetrachtung sein. Ei! wie fängt es der Lernende an, sich selbst in
dieser Operation zu belauschen? Er müßte sich also lernen, denn unter
Lernen verstehn wir überhaupt nichts als den Gegenstand anschaun und ihn
mit seinen Merkmalen uns einprägen. Es würde also wieder ein
Gegenstand. Nein, Selbstbetrachtung kann sie nicht sein, denn sonst wäre
sie nicht das Verlangte. Es ist ein Selbstgefühl vielleicht. Was ist
denn ein Gefühl?
(Die Philosophie ist ursprünglich Gefühl. Die Anschauungen dieses Gefühls begreifen die philosophischen Wissenschaften.)
Es muß ein Gefühl von innern, notwendig freien Verhältnissen
sein. Die Philosophie bedarf daher allemal etwas Gegebenen, ist Form –
und doch real und ideal zugleich wie die Urhandlung. Konstruieren läßt
sich Philosophie nicht. Die Grenzen des Gefühls sind die Grenzen der
Philosophie. Das Gefühl kann sich nicht selber fühlen.
Das dem Gefühl Gegebne scheint mir die Urhandlung als Ursache und Wirkung zu sein. Unterscheidung der Philosophie von ihrem Produkt: den philosophischen Wissenschaften.
Was ist denn ein Gefühl?
Es läßt
sich nur in der Reflexion betrachten, der Geist des Gefühls ist da
heraus. Aus dem Produkt läßt sich nach dem Schema der Reflexion auf den
Produzenten schließen.
Anschauungsvermögen. Der Anschauung liegt kein besondrer Trieb zum Grunde.
Die Anschauung ist für das Gefühl und die Reflexion geteilt.
Eins ist sie ohne Anwendung. Angewandt ist sie Tendenz und Produkt. Die
Tendenz gehört dem Gefühl, das Produkt der Reflexion. Das Subjektive dem
Gefühl, das Objektive der Reflexion. (Beziehung zwischen Vermögen und
Kraft.)
Gefühl und Reflexion bewirken zusammen die Anschauung. Es ist
das vereinigende Dritte, das aber nicht in die Reflexion und Gefühl
kommen kann, da die Substanz nie ins Akzidens kriechen kann, die
Synthese nie ganz in der These und Antithese erscheinen. (So entsteht
ein Objekt aus Wechselwirkung zweier Nichtobjekte. Anwendung auf die
Urhandlung.)
Gefühl scheint das erste, Reflexion das zweite zu sein. Warum?
Im Bewußtsein muß es scheinen, als ginge es vom Beschränkten
zum Unbeschränkten, weil das Bewußtsein von sich, als dem Beschränkten,
ausgehn muß –, und dies geschieht durchs Gefühl, ohnerachtet das Gefühl,
abstrakt genommen, ein Schreiten des Unbeschränkten zum Beschränkten
ist: diese umgekehrte Erscheinung ist natürlich. Sobald das Absolute,
wie ich das ursprünglich ideal Reale oder real Ideale nennen will, als
Akzidens oder halb erscheint, so muß es verkehrt erscheinen: das
Unbeschränkte wird beschränkt
et vice versa. (Anwendung auf die
Urhandlung.) Ist das Gefühl da im Bewußtsein, und es soll reflektiert
werden, welches der Formbetrieb verursacht, so muß eine Mittelanschauung
vorhergehen, welche selbst wieder durch ein vorhergehendes Gefühl und
eine vorhergehende Reflexion, die aber nicht ins Bewußtsein kommen kann,
hervorgebracht wird; und das Produkt dieser Anschauung wird nun das
Objekt der Reflexion. Dieses scheint nun aber ein Schreiten vom
Unbeschränkten zum Beschränkten und ist eigentlich gerade ein
umgekehrtes Schreiten.
Beim Gefühl und der Reflexion wird freilich
Unbeschränkt beidemal in einer verschiednen Bedeutung genommen. Das erstemal paßt der Wortsinn
Unbeschränkt oder
Unbestimmt mehr, das zweitemal würde
Unabhängig passender sein. Das
letztere deutet auf Kausalverbindung, und der Grund davon mag wohl darin
liegen, daß die zweite Handlung durch die erste verursacht zu sein
scheint. Es ist also eine Beziehung auf die erste Handlung. Hingegen
deutet das erstere auf die Reflexionsbestimmung und ist also eine
Beziehung auf die zweite Handlung, welches den innigen Zusammenhang
dieser beiden Handlungen auffallender zeigt.
Woher erhält aber die erste Reflexion, die die Mittelanschauung
mit hervorbringt, ihren Stoff, ihr Objekt? Was ist überhaupt Reflexion?
Sie wird leicht zu bestimmen sein, wie jede Hälfte einer
Sphäre, wenn man die eine Hälfte, als Hälfte, und die Sphäre, als
geteilt, hat. Denn da muß sie gerade das Entgegengesetzte sein, weil nur
zwei Entgegengesetzte eine Sphäre in unserm Sinn erschöpfen oder
ausmachen.
Die Sphäre ist der Mensch, die Hälfte ist das Gefühl.
Vom Gefühl haben wir bisher gefunden, daß es zur Anschauung
mitwirke, daß es dazu die Tendenz gebe oder das Subjektive, daß es der
Reflexion korrespondiere, die Hälfte der Sphäre Mensch, im Bewußtsein
ein Schreiten vom Beschränkten zum Unbeschränkten, im Grunde aber das
Gegenteil sei, daß ihm etwas gegeben sein müsse, und daß dieses ihm
Gegebene die Urhandlung als Ursache und Wirkung zu sein scheine.
Theoretische und praktische Philosophie, was ist das? Welches ist die Sphäre jeder?
Die Reflexion findet das Bedürfnis einer Philosophie oder eines
gedachten, systematischen Zusammenhangs zwischen Denken und Fühlen,
denn es ist im Gefühl. Es durchsucht seinen Stoff und findet, als
Unwandelbares, als Festes zu einem Anhalten, nichts als sich und sich
selbst rein,
i. e. ohne Stoff, bloße Form des
Stoffs, aber, wohlverstanden, reine Form, zwar ohne wirklichen Stoff
gedacht, aber doch, um reine Form zu sein, in wesentlicher Beziehung auf
einen Stoff überhaupt.
Denn sonst wäre es nicht reine Form der
Reflexion, die notwendig einen Stoff voraussetzt, weil sie Produkt des
Beschränkten, des Bewußtseins in dieser Bedeutung, kurz Subjektivität
des Subjekts, Akzidensheit des Akzidens ist. Dies ist die Urhandlung
usw.
Das ist das Kontingent, was die Reflexion, scheinbar allein,
zur Befriedigung jenes Bedürfnisses liefert. Die Kategorie der Modalität
schließt deshalb mit dem Begriff der Notwendigkeit. Nun geht die
Wechselherrschaft an. Die Urhandlung
verknüpft
die Reflexion mit dem Gefühle. Ihre Form gleichsam gehört der Reflexion,
ihr Stoff dem Gefühle. Ihr Geschehn ist im Gefühl, ihre Art in der
Reflexion. Die reine Form des Gefühls ist darzustellen nicht möglich. Es
ist nur eins, und Form und Stoff, als komponierte Begriffe, sind gar
nicht darauf anwendbar. Die Reflexion konnte ihre reine Form darstellen,
wenn man ihre partielle Funktion in der Gemeinschaft mit dem Gefühl
Form nennt und diesen Namen auf ihre abstrakte Wirksamkeit überträgt.
Nur im Gefühle gleichsam kann die Reflexion ihre reine Form aufstellen:
neues Datum des überall herrschenden Wechselverhältnisses zwischen den
Entgegengesetzten, oder der Wahrheit, daß alles durch Reflexion
Dargestellte nach den Regeln der Reflexion dargestellt ist und von
diesen abstrahiert werden muß, um das Entgegengesetzte zu entdecken.
Das Gefühl gibt nun der Reflexion zu seinem Kontingente den
Stoff der intellektualen Anschauung. So wie das Gefühl der Reflexion in
Aufstellung seiner ersten Formen behilflich sein mußte, so muß die
Reflexion, um etwas, für sie zu bearbeiten Mögliches zu haben,
mitwirken: und so entsteht die intellektuale Anschauung. Diese wird nun
der Stoff der Philosophie in der Reflexion. Nun hat die Reflexion eine
reine Form und einen Stoff für die reine Form, also das Unwandelbare,
Feste, zu einem Anhalten, was sie suchte, und nun ist die Aussicht auf
eine Philosophie, als gedachten (systematischen) Zusammenhang zwischen
Denken und Fühlen eröffnet. Wie finden wir nun den Stoff, das Objekt,
was nicht Objekt ist, das Gebiet der Wechselherrschaft
des Gefühls
und der Reflexion bestimmt? Der Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen
muß immer sein, wir müssen ihn im Bewußtsein überall finden können. Aber
wie finden wir ihn systematisch?
Aus den reinen Formen der Reflexion haben wir das Verfahren der
Reflexion mit dem Stoff überhaupt gelernt. Sie hat nun einen bestimmten
Stoff, mit dem wird sie also ebenso verfahren. Dieser bestimmte Stoff
ist die intellektuale Anschauung. Nach dem Gesetze der Urhandlung wird
er geteilt. Sie zerfällt in ihre zwei Teile, in das Gefühl und in die
Reflexion, denn aus diesen ist sie zusammengesetzt. Die Synthesis dieser
These und Antithese muß eins, Grenze und Sphäre von beiden, absolute
Sphäre sein, denn es ist Synthesis; wir sind aber im bestimmten Stoff,
also muß es, es kann nicht anders sein – Mensch oder Ich sein. Der
Mensch denkt und fühlt, er begrenzt beides frei, er ist bestimmter
Stoff.
(Dies wäre Fichtens Intelligenz. Das absolute Ich ist dieser
bestimmte Stoff, eh die Urhandlung in ihn tritt, eh die Reflexion auf
ihn angewendet wird.)
So haben wir in unsrer Deduktion der Philosophie den
natürlichsten Weg beobachtet: Bedürfnis einer Philosophie im Bewußtsein,
scheinbares Schreiten vom Beschränkten zum Unbeschränkten, Reflexion
darüber, scheinbares Schreiten vom Unbeschränkten zum Beschränkten,
Resultate dieser Reflexion, Resultate des Gefühls dieser Reflexion,
Reflexion über diese Resultate nach jenen Resultaten, gefundner
Zusammenhang oder Philosophie.
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Novalis, Fragmente
ed. Kamnitzer, Dresden 1929
Nota. - Das ist Fichtes gedanklicher Ausgangspunkt: Die Philosophie - lies: Transzendentalphilosophie - bringt selber nichts hervor. Sie hat ihren Gegenstand, nämlich das tatsächlich gegebene vernünftige Bewusstsein ihrer Zeitgenossen - der 'gemeine Standpunkt' -, und dieses gilt es zu verstehen: auf seine wirklichen Voraussetzungen zurückzuführen und seine Reichweite zu ermessen. Um dies zu können, muss die Philosophie einen Standpunkt über ihm einnehmen.
Fichte war Novalis' Ausgangspunkt, ihn wollte er interpretierend verstehen; stets mit dem Hintergedanken, "darüber hinaus" zu gehen. Im Einzelnen kommt er gelegentlich zu verblüffenden Einsichten. Aber insgesamt findet er doch nicht zu dem Verständnis, dass Transzendentalphilosophie an keiner Stelle Realphilosphie wird. So sind etwa Einbildungskraft und Reflexion nicht zwei real existierende antagonistische Kräfte, sondern lediglich zwei Ansichten ein und derselben intellektuellen Tätigkeit, die nur der philosophische Betrachter unterscheidet, um aus der Vorstellung von ihrer Wechselwirkung zu verstehen, was sie eigentlich 'tut'.
So macht z. B. Fichte auch von dem 'Gefühl' einen ganz und gar nüchternen, sensualistisch-materialistischen Gebrauch, Es ist der faktische Ausgangspunkt allen Wissens. Und das Absolute Ich 'ist' nicht ein 'bestimmter Stoff', sondern lediglich die Gedankenkonstruktion von Etwas, das Gefühle hat - und in der Anschauung darauf reflektiert.
Die Wissenschafstlehre sei "bloße Reflexionsphilosophie", hat Hegel gesagt, mit andern Worten: Sie reflektiert lediglich auf das, was im faktischen Wissen wirklich vorkommt. Sie erfindet nichts hinzu. Aus Hegels Mund ist das ein Lob und kein Tadel. Novalis hat es von Fichte selbst gehört, aber so ganz mag er's nicht glauben. Gern würde er die Einbildungskrft darüber hinausschießen lassen, man merkt es an jeder Stelle.
JE
Odilon Redon
Die Kunst, Philosophien zu machen
Philosophieren ist dephlegmatisieren, vivifizieren. Man hat
bisher in der Untersuchung der Philosophie die Philosophie erst
totgeschlagen und dann zergliedert und aufgelöst. Man glaubte, die
Bestandteile des
Caput mortuum wären die Bestandteile
der Philosophie. Aber immer schlug jeder Versuch der Reduktion oder der
Wiederzusammensetzung fehl. Erst in den neuesten Zeiten hat man die
Philosophie lebendig zu beobachten angefangen, und es könnte wohl
kommen, daß man so die Kunst erhielte,
Philosophien zu machen.
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Novalis, Fragmente
ed. Kamnitzer, Dresden 1929
Codex Manesse
Der Künstlerphilosoph
Der rohe, diskursive Denker ist der Scholastiker. Der echte
Scholastiker ist ein mystischer Subtilist. Aus logischen Atomen baut er
sein Weltall – er vernichtet alle lebendige Natur, um ein
Gedankenkunststück an ihre Stelle zu setzen. Sein Ziel ist ein
unendlicher Automat. Ihm entgegengesetzt ist der rohe, intuitive
Dichter. Er ist ein mystischer Makrolog. Er haßt Regel und feste
Gestalt. Ein wildes, gewalttätiges Leben herrscht in der Natur – alles
ist belebt. Kein Gesetz – Willkür und Wunder überall. Er ist bloß
dynamisch.
So regt sich der philosophische Geist zuerst in völlig getrennten Massen.
Auf der zweiten Stufe der Kultur fangen sich an diese Massen zu
berühren – mannigfaltig genug; so wie in der Vereinigung unendlicher
Extreme überhaupt das Endliche, Beschränkte entsteht, so entstehn nun
auch hier Eklektiker ohne Zahl. Die Zeit der Mißverständnisse beginnt.
Der Beschränkteste ist auf dieser Stufe der Bedeutendste, der reinste
Philosoph der zweiten Stufe. Diese
Klasse ist
ganz auf die wirkliche, gegenwärtige Welt, im strengsten Sinne,
eingeschränkt. Die Philosophen der ersten Klasse sehn mit Verachtung auf
diese zweite herab. Sie sagen, sie sei alles nur ein bißchen und mithin
nichts. Sie halten ihre Ansichten für Folgen der Schwäche, für
Inkonsequentismus. Gegenteils stimmt die zweite Klasse in der
Bemitleidung der ersten überein, der sie die absurdeste Schwärmerei, bis
zum Wahnwitz, schuld geben.
Wenn von einer Seite Scholastiker und Alchimisten gänzlich
gespalten, hingegen die Eklektiker eins zu sein scheinen, so ist doch
auf dem Revers alles gerade umgekehrt. Jene sind im wesentlichen
indirekte
eines Sinns, nämlich über die absolute
Unabhängigkeit und unendliche Tendenz der Meditation. Sie gehn beide
vom Absoluten aus; dagegen die Bornierten im wesentlichen mit sich
selbst uneins und nur im Abgeleiteten übereinstimmend sind. Jene sind
unendlich, aber einförmig – diese beschränkt, aber mannigfaltig. Jene
haben das Genie, diese das Talent. Jene die Ideen, diese die Handgriffe.
Jene sind Köpfe ohne Hände, diese Hände ohne Köpfe.
Die dritte Stufe
ersteigt der Künstler, der Werkzeug und Genie zugleich ist. Er findet,
daß jene ursprüngliche Trennung der absoluten philosophischen
Tätigkeiten eine tieferliegende Trennung seines eigenen Wesens sei,
deren Bestehn auf der Möglichkeit ihrer Vermittlung, ihrer Verbindung
beruht. Er findet, daß, so heterogen auch diese Tätigkeiten sind, sich
doch ein Vermögen in ihm vorfinde, von einer zur andern überzugehn, nach
Gefallen seine Polarität zu verändern. Er entdeckt also in ihnen
notwendige Glieder seines Geistes;
er merkt,
daß beide in einem gemeinsamen Prinzip vereinigt sein müssen. Er
schließt daraus, daß der Eklektizismus nichts als das Resultat des
unvollständigen, mangelhaften Gebrauchs dieses Vermögens sei.
Es wird
ihm mehr als wahrscheinlich, daß der Grund dieser Unvollständigkeit die
Schwäche der produktiven Imagination sei, die es nicht vermöge, sich im
Moment des Übergehns von einem Gliede zum andern schwebend zu erhalten
und anzuschauen. Die vollständige Darstellung des durch diese Handlung
zum Bewußtsein erhobenen echt geistigen Lebens ist die
Philosophie κατ' εξοχην. Hier entsteht jene
lebendige Reflexion, die sich bei
sorgfältiger Pflege nachher zu einem unendlich gestalteten geistigen
Universo von selbst ausdehnt – der Kern und der Keim einer alles
befassenden Organisation. Es ist der Anfang einer wahrhaften
Selbstdurchdringung des Geistes, die nie endigt.
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Novalis, Fragmente
ed. Kamnitzer, Dresden 1929