Sonntag, 10. Juli 2016

Aber was heißt Natur?

J. Chr. C. Dahl, Vom Lyshorn

Die Bereitschaft, einen Teil der Res extensa unter dem Namen "Natur" von ihrem Rest zu unterscheiden, geht auf das Erbe aus animistischer Zeit zurück. Sie ist nichts anderes als das Apriori, sie grundsätzlich als Subjekt denken zu wollen. Als ein Subjekt: das ist eine nachträgliche Beigabe einer Reflexion, die sich noch nicht bis zur Wurzel vorwagt.

In Wahrheit kann das Wort nichts anderes bezeichnen als all das, was nicht von Menschen geschaffen ist. Daß es ipso facto aber 'geboren' oder 'gebärend' wäre wie er, ist eine grundlose Voraussetzung, die uns lediglich 'natürlich' erschien – womit sich ein Zirkel schließt. Nicht die so oder so gearteten Definitionen von 'Natur' sind zu rechtfertigen, sondern diese Vorstellung selbst; nicht zu reden von ihrer Verwendung in wissenschaftlichen Zusammenhängen.

Notizbuch, Dez. 2012 



Samstag, 9. Juli 2016

Das Wissen selbst kann nicht Begriff werden.


Renate Tröße, pixelio.de

Das Absolute kann nicht Begriff werden (d. h. es muss zuerst Begriff werden; und "erscheint" in der Vernichtung des Begriffs)

Die WL handelt nicht von den Gegenständen des Wissens, sondern vom Wissen selber - abgesehen von den Gegenständen, die in ihm vorkommen.

So wird ihr das Wissen zunächst selber zu einem Gegenstand, "Begriff": das 'Wissen vom Wissen'. Es hat unter der Hand wieder eine Verdoppelung stattgefunden: Wir "haben" erneut nicht 'das Wissen selbst', sondern ein Bild des Wissens; als einen gewussten Gegenstand, nicht aber als das Wissen selbst, welches wir doch "einsehen" wollten; aber als ein nicht-objektiviertes; nicht-objektives; sondern als ein 'lebendiges'. Das heißt, wir suchen einen wissbaren Gegenstand, der aber nicht gegenständlich werden darf, weil anders er nicht das Wissen selbst, sondern wieder nur ein Gewusstes sein kann.

Soll also das Wissen selbst gewusst werden, muss es uns zu einem Gegenstand (Bild, Begriff) werden, was eben das Falsche ist; aber unumgänglich. Das Wissen selbst erscheint erst hinter seinem Bild - nachdem ich mir ein Bild gemacht und das Bild als... Falsches eingesehen und vernichtet habe; erscheint das, 'was' ich im  Begriff abgebildet habe, und was "übrigbleibt", wenn ich den Begriff von ihm abziehe; erscheint spezifisch als das Nicht-Begriffene!

aus e. Notizbuch, 7. 6. 92


Nota. - Was hier umständlich und erzwungen klingt, findet sich bei Fichte viel einfacher: Im Begriff wird eine Tätigkeit angeschaut, als ob sie ruht. So erschiene das Wissen als die Gesamtheit alles Gewussten plus ein X, 'welches weiß'. Aber was 'begriffen' werden sollte: das Verhältnis zwischen ihnen, ist verloren gegangen! Denn realiter handelt es sich nicht (statisch) um ein Verhältnis zwischen Zweien, sondern (dynamisch) verhält sich Einer zu einem Andern. - Doch nur, was real ist, kann angeschaut werden, und nur was angeschaut werden kann, ist real. Mit andern Worten, Wissen als Schatz muss immer wieder erst zu tätigem wissen realisiert werden, um anschaulich zu werden.
JE




Donnerstag, 7. Juli 2016

Fröhlicher Wissenschafter.


 Diego Velázquez, Demokrit, der lachende Philosoph

Die Vernunft gebietet, zu allem, was erscheint, einen hinreichenden Grund zu finden; wie könnte ich es sonst vor mir rechtfertigen?

Nur für mein Dasein, vulgo Existenz, gibt es keine Begründung, es ist mir zufällig (vulgo kontingent). Das tragische Gemüt verfällt darüber in Unglück und Pathos.

Der Fröhliche Wissenschafter kann sich dagegen ein Lachen nicht verkneifen.






Mittwoch, 6. Juli 2016

Wie ich und die Welt einander geschaffen haben.


Léon Bonnat, Jacob ringt mit dem Engel

Eines ist in der Geschichte ganz bestimmt nicht vorgekommen: dass ein bloßes geistiges "Vermögen"  ohne einen körperlichen Träger und ohne irgendwelche physiologische Vorerfahrung rein und unbescholten in die Welt getreten wäre und sich spontan zur Selbst-Bestimmung entschlossen hätte. 

Und doch lässt sich der Sinn unserer Gattungsgeschichte nicht anders als im Bild dieses Akts darstellen. Dieses Bild hat selber keinerlei positiven Erkenntniswert, man kann daraus nichts schlussfolgern, es lässt sich in keinen wie immer gearteten Denkvorgang als Operator einbringen. Sein Wert ist ausschließlich "regulativ" und kritisch: Es soll uns vor dogmatisch spekulativen Abwegen in Acht nehmen. Gerade das ist es aber, was der Pädagoge braucht, damit er nicht etwa auf die Idee kommt, dass nur durch ihn der Mensch zum Menschen wird.

Wenn dann das uns überlieferte Bedeutungsgeflecht 'Welt' in der Geschichte einmal zu Stande gekommen ist, dann kommt es so jeden Tag neu zustande – wenn nämlich ein Neuer "zur Welt kommt". Und meine Welt ist dann keineswegs nur die individuelle Empfängnis von 'unserer' Welt, sondern mein eignes Bauwerk, in das gegebenes Material ebenso eingegangen ist wie mein eigner 'Plan'; und wenn der Plan auch an fremden Vorbildern orientiert sein mag, so habe ich mich doch für ihn entscheiden müssen. ...  

aus e. Notizbuch, in 2004? 

Dienstag, 5. Juli 2016

Ironie und der transzendentale Standpunkt.

Henning Hraban Ramm  / pixelio.de

"Ironie" = der transzendentale Standpunkt 

"Von vorn" ist die Ironie "nichts als" die stilistische Erscheinungsform der permanenten Reflexion des Wissens im Angesicht des Unendlichen; "unendliche Reflexivität", mit JGF zu sprechen.

"Hintenrum" aber ist sie der gefundene "substantielle Standpunkt", der "sich ergibt", wenn der Reflexion verblüfft einleuchtet, daß sie ja, um reflektieren zu können, ein anderes ( = [Nicht-]Ich, Absolutes, "Standpunkt"...) immer schon "sich selbst" (logisch, topisch) vorausgesetzt haben muß, bevor sie mit "sich", ihrer Tätigkeit = Reflektieren, überhaupt anfangen konnte; daß diese sich-voraus-Setzung indes "in nichts begründet" ist als ihrem Entschluß, tätig zu werden; daß also "das Absolute", von dem sie ausgeht, um als auf einen Fluchtpunkt Alles "beziehen" zu können, doch eben - selbstgemachte Fiktion ist. "Verum et factum convertuntur." Aber factum et fictum convertuntur.

aus e. Notizbuch, 23. 10. 94


aus: Rüdiger Safranski, Romantik, eine deutsche Affäre: 

...Wie sollte nicht jeder Satz über das Absolute und Transzendente nur unter ironischem Vorbehalt gesprochen werden dürfen? Endliches zu sagen über das Unendliche kann und darf nur ironisch sein. Ironie gehört deshalb in jede Philosophie, die das Ganze zu begreifen versucht... "Ist sie nicht wirklich die innerste Mysterie der kritischen Philosophie?" ...



Freitag, 1. Juli 2016

Das Berechnen des Vorteils unterscheidet den Menschen nicht vom Tier.


 van Reymerswaele Die Wucherer, ca.1540

Die 'erste historische Tat' sei die Erfindung eines 'neuen Bedürfnisses' gewesen, schrieben Marx und Engels in der Deutschen Ideologie. Die erste historische Tat war die, durch die der Mensch aus dem blinden Naturgesetz heraus- und in seine eigene Geschichte eingetreten ist; und durch die er sich zum Menschen gemacht hat. Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen hieß dann das seinerzeit populärste Pamphlet von Friedrich Engels. Indes, begonnen wird wohl die 'Menschwerdung des Affen' vor der ersten historischen Tat haben, sie hat jene ja erst möglich gemacht.

Also doch: das Denken.

'Intelligenz' ist noch ein zu vager Begriff, sie muss ja inzwischen auch vielen Tieren zugeschrieben werden. Doch das Überlegen im Besonderen, das regelmäßige planende Vergleichen der Zwecke mit den Möglichkeiten, das macht ja wohl das Besondere menschlicher Wachheit aus; es ermöglicht Arbeitsteilung und macht ipso facto elaborierte Kommunikation notwendig; komplexe Sozialstrukturen, regelmäßigen Perspektivenwechsel, Reflexion. Mit andern Worten, Verstand. Zugrunde liegt immer der Gedanke: Der Mensch muss arbeiten, um zu leben; und so kommen wir zurück zu Engels.



Das stellt der Goffinkakadu nun in Frage. Er tut, was wohl im Besondern menschlichen Verstand auszeichnet: er kalkuliert. 'Wenn ich dies tue, kostet es mich das und ich gewinne jenes; wenn ich jenes tue... usw.' - und er berechnet den größten Nutzen bei geringstem Aufwand. Aber arbeiten tut er nicht.

'Irgendwas tun' muss wohl auch der Kakadu, wenn er sich ernähren will. Und zwar mal dies, mal das, und meistens irgendwie dasselbe, was die Natur ihm angeerbt hat: Er liest auf, was er findet. Wenn wir auch das Arbeit nennen wollten, verlöre das Wort jeden Sinn, denn dann 'arbeiten' alle Lebewesen. Das Spezifische unserer Arbeit ist aber, dass die Menschen die Bedingungen, unter denen es etwas zu findet gibt, selber herstellen müssen. Bedingungen selber herstellen... - so etwas tun die Kakadus hier im Labor auch. Aber nicht, weil sie sich ernähren müssen - das besorgt das Laborpersonal -, sondern weil sie Muße haben, sich um Bonbons zu bemühen. So ist es in der freien Natur nicht, und da benutzen sie auch keine Werkzeuge: Es geht auch ohne.

Die Menschen haben sich aus freien Stücken eine Lebensweise zugelegt, in der sie die Bedingungen ihrer Ernährung selber schaffen müssen. Dass sie kalkulieren können und das Geschick zum Werkzeuggebrauch haben, kann schwerlich die hinreichende Voraussetzung dafür sein, denn all das können die Kakadus auch. Mit andern Worten, das bloße Kalkül und technisch-ökonomischer Verstand sind es nicht, die 'den Affen zum Menschen werden' ließen. Die gehören wohl zu den notwendigen Bedingungen. Aber es muss noch etwas hinzugekommen  sein.




Donnerstag, 30. Juni 2016

Das Naturgesetz und die Schöpfung.

rundumkiel.de  / pixelio.de

Der Gegenstand der Naturwissenschaft ist dadurch definiert, dass der Natur ein Gesetz zugeschrieben wird: Was durch ein Gesetz bestimmt/geregelt ist, will ich als 'die Natur' auffassen; bzw. Naturwissenschaft ist Suchen nach Gesetzmäßigkeiten. 

Impliziert: Das Gesetz lässt sich von den realen Vorgängen selber unterscheiden und so darstellen, als ob es 'an sich selber' gälte. Dann kann es auch so gedacht werden, als ob es 'vor' den Vorgängen 'da war'. Dann muss man sich zum Gesetz einen Gesetzgeber vorstellen – oder das Gesetz als ein Subjekt, das 'sich selber setzt'; was auf dasselbe hinausläuft:  "Schöpfung", intelligent design. 

Man gerät logisch zur Annahme von einem Schöpfer; was die Vorstellung von einer Schöpfung und einem Gesetz suggeriert. Notwendig aber ist keins von beiden. Es fragt sich nur: "Warum sollte der Schöpfer sich die Mühe gemacht haben…?" Allerdings ist die Frage nach einer Ursache der Schöp-fung logisch ebenso ungehörig wie theo-logisch. 

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