Montag, 17. August 2015

Das Verlangen nach Gewissheit.


Paul Feyerabend

2 Das intellectuale Gewissen. — Ich mache immer wieder die gleiche Erfahrung und sträube mich ebenso immer von Neuem gegen sie, ich will es nicht glauben, ob ich es gleich mit Händen greife: den Allermeisten fehlt das intellectuale Gewissen; ... Ich will sagen: die Allermeisten finden es nicht verächtlich, diess oder jenes zu glauben und darnach zu leben, ohne sich vorher der letzten und sichersten Gründe für und wider bewusst worden zu sein und ohne sich auch nur die Mühe um solche Gründe hinterdrein zu geben, — die begabtesten Männer und die edelsten Frauen gehören noch zu diesen "Allermeisten." 

Was ist mir aber Gutherzigkeit, Feinheit und Genie, wenn der Mensch dieser Tugenden schlaffe Gefühle im Glauben und Urtheilen bei sich duldet, wenn das Verlangen nach Gewissheit ihm nicht als die innerste Begierde und tiefste Noth gilt, — als Das, was die höheren Menschen von den niederen scheidet! Ich fand bei gewissen Frommen einen Hass gegen die Vernunft vor und war ihnen gut dafür: so verrieth sich doch wenigstens noch das böse intellectuale Gewissen! 


Aber inmitten dieser rerum concordia discors und der ganzen wundervollen Ungewissheit und Vieldeutigkeit des Daseins stehen und und nicht fragen, nicht zittern vor Begierde und Lust des Fragens, nicht einmal den Fragenden hassen, vielleicht gar noch an ihm sich matt ergötzen — das ist es, was ich als verächtlich empfinde, und diese Empfindung ist es, nach der ich zuerst bei Jedermann suche: — irgend eine Narrheit überredet mich immer wieder, jeder Mensch habe diese Empfindung, als Mensch. Es ist meine Art von Ungerechtigkeit.
_______________________________________ 
Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft. Buch 4. 1882


Nota I.

Das ist kein philosophisches Argument, sondern ein metaphilosophisches Motiv, und lässt sich nicht begründen, sondern muss gerechtfertigt werden.

Nota II.

Hätten Sie von Nietzsche erwartet, dass er aus der Dynamik seiner heroisch-nihilistischen Lebensphilosophie heraus die Notwendigkeit der Kritischen alias Transzendentalphilosophie behauptet? - Ebendas hat er hier getan; und sei es nur der Schönheit halber.
JE 

Sonntag, 16. August 2015

Die Zweige des Wissens.

plumbe, pixelio.de

Die Welt ist kein Mosaik, das aus so und soviel Wahrheitsatomen zusammengesetzt ist, die man, jedes für sich, herausgreifen, begutachten und in Schubladen verteilen kann. Sondern was der Einfachheit halber 'die Welt' genannt wird, ist ein ununterbrochener Fluß von Geschehnissen in einem komplexen Feld von wechselseitigen Bedingungsverhältnissen. Dabei erweist sich das, was prima facie als reale Bedingung erschien, der kritischen Reflexion als eine Projektion dessen, was vorher ("a priori") schon eine (logische) 'Hinsicht', ein Ab-Sicht des Betrachters gewesen war: Nur in gewissen Hinsichten, und daher nur in bestimmten realen Bedingungsverhältnissen ('Gesetzen') 'zeigen sich' gewisse Geschehnisse; doch nicht in allen: Sie mögen mehreren Bedingungsebenen angehören, aber allen nicht.


So gibt es eine Bedingungsebene namens Chemie, eine namens Physik, namens Ethologie, namens Mathematik… Und alle stehen untereinander "irgendwie" selber wieder in einem Bedingungsverhält- nis... Eine pazifische Koralle etwa "kommt vor" in Biologie, Chemie, Physik, Ethologie, sogar in Mathematik, wenn man will. Aber in Musik kommt sie nicht vor, und in Nationalökonomie nur mit Hilfe von Sophismen. Allerdings sind Biologie, Chemie, Physik nicht die "Etagen", in denen die tatsächliche Existenz der Koralle tatsächlich "stattfindet", sondern sie sind die Blickwinkel, unter denen ein abstrahierend-reflektierender Verstand die Koralle anschauen mag – oder eben nicht.

Das gilt für alle Wissenszweige ebenso wie für Kants Kategorientafel.

Also, ein Geschehen "zeigt sich" in dem einen Bedingungsverhältnis (unter der einen Kategorie) so, in dem andern anders; und in einem dritten gar nicht.

Wo die Menschen ihre apriorischen 'Hinsichten' herhaben – ob ihrerseits ex sponte 'gesetzt' oder aus "sinnlichen Eindrücken" empirisch angesammelt –, diese Frage "erscheint" ihrerseits in logischer Hinsicht (philosophisch) gar nicht, sondern nur empirisch-psychologisch – als Streit zwischen Assoziations- und Gestaltpsychologie (der freilich selber logisch zu entscheiden ist).

Ausschlaggebend ist nur, dass 'es' diese Hinsichten 'gibt', und dass ihre logisch-regelmäßige Handha- bung die Gewähr für die Vernünftigkeit unseres Denkens ist. Dank ihrer 'gibt es' vernünftiges Den- ken: Sie "konstituieren" es. Aber da es nun einmal 'ist', reicht ihm die Faktizität der  Kategorien, die es konstituieren, nicht aus. Es will die Gründe sehen. Will sehen, dass sie nicht (historisch) zufällig sind (und also auch anders sein könnten), sondern (genetisch) notwendig. Wenn es unter den faktisch gegebenen Kategorien nicht einen genetischen, einen Bedingungs- zusammenhang auffinden kann – einen ‚letzten’, d. h. ersten Grund -, dann müsste es sich selber als unbegründet, und damit als un- gültig erkennen.

Die Suche nach einem letzten Grund heißt Wissenschaftslehre.

Das heißt, 'eigentlich' ist sie zirkulär: Sie setzt die Auffindbarkeit des Grundes schon voraus. Denn 'gäbe es' einen solchen Grund nicht, dann könnte sie ihn nicht nur nicht finden; sondern sie könnte nicht einmal finden, dass sie ihn nicht finden kann, und so verlöre die Suche ihr Wonach.

Wer sich also auf die Suche macht, der muß sinnvollerweise voraussetzen, dass es hier etwas zu finden gibt. Seine Suche beginnt dann folgendermaßen: Da das Wissen einen Grund haben muß (weil ich anders gar nicht suchen könnte), muß er… da oder dort zu finden sein.

Logisch korrekt muss die Aufgabe also so formuliert werden: Wenn unser Wissen einen Grund hat, dann muss er sich 'in' unserm Wissen als dessen immanente Prämisse auffinden lassen. Daß aber unser Wissen einen Grund hat, das soll so sein, weil jedes Wort sonst hinfällig wäre.

aus e. Notizbuch, 21. 3. 1993

Freitag, 14. August 2015

Die notwendigen Handlungen der Intelligenz.

Tom Waits

Einen Hut kann ich nur aufsetzen, indem ich ihn erst ein wenig höher halte als meinen Kopf. Anders geht es nicht.

So ist auch die Vernunft sich selbst vorausgesetzt, und da gibt es nicht einmal störende Zufälle.




Mittwoch, 12. August 2015

Die Spur des Schöpfers.

Fra Giovanni da Verona, Intarsien 

Der Begründer, nein: Anfänger der modernen Denkens ist allerdings Descartes mit einem radikalen Dualismus von res extensa und res cogitans. Radikal? Eben nicht: weil er der res extensa die cogitans ihrerseits als ens entgegensetzt. Entgegen? Eben auch nicht, sondern zur Seite stellt – einander ebenbürtig, 'gleich ursprünglich', das heißt: gleichen Ursprungs – mit der Mathematizität als Spur des Schöpfers, der sie ihnen als gemeinsame qualitas mitgegeben hat.

Ich weiß gar nicht, ob ich es extra erwähnen muss – ein Erkenntnisproblem konnte er sich auf diese Art ersparen. 

23. 12. 13




Dienstag, 11. August 2015

Der Mensch kann nein sagen.



Natürlich kann der Erhaltungswert einer Sache für mich zu einem Urteilsgrund werden. Aber er muss nicht. Der Mensch kann Nein sagen. Kritik, wie Krisis, kommt von gr. krínein, entscheiden. Der Mensch ist das kritische Tier, das Wesen, das allezeit urteilt, weil es sich stets entscheiden muß. 

Die Erscheinungen, zu denen er -, die Situationen, in denen er Ja oder Nein sagen muss, erheischen Maßstäbe: Bedeutungen, unter die er sie fassen kann. Die hat er im Laufe seiner Geschichte in Symbolen fixiert und in ein Repertoire gefügt, wo sie ihm vorrätig sind. Jetzt sieht es so aus, als seien die Bedeutungen vor den Dingen da. Die symbolische Form verleiht ihnen einen Anschein von Dauer und Wahrheit, die ihnen doch nur zukommen, wenn und inwiefern sie in realen Situationen je aktualisiert werden: im handelnden Urteil. Und dann ist es “so, als ob” er sie jedesmal neu erfunden hätte. Denn er hätte, wohlgemerkt, auch Nein sagen können.



Montag, 10. August 2015

Glauben oder wissen.


Die Neue Zürcher brachte zum Hl. Nikolaus ein salbungsvoll gravitätisches Stück zu dem längst erschöpft geglaubten Thema Wissen und Glauben, und es kam, Sie werden's kaum für möglich halten, zu dem überraschenden Schluss, dass beide einander nicht nur nicht ausschlössen, sondern "einander fordern"!

Ich habe das andernorts dokumentiert, aber nicht ohne Kommentar: 


...Ob es eine rationale Theologie geben kann, ist eine - na, sagen wir mal: nicht so vordringliche Frage. Ihr mag man sich zuwenden, wenn man die durchaus vordringliche Frage beantwortet hat, ob es eine rationale Philosophie geben kann. Die Frage ist freilich soweit geklärt, als es eine solche ja gibt; ich meine eine, die nicht auf dem (einen oder andern) Glauben beruht, sondern vom Wissen ausgehend im Wissen verbleibt. Das ist die Kritische alias Transzendentalphilo- sophie. Sie handelt nicht von Gott und der Welt - dazu müsste sie nämlich allerhand glauben -, sondern von unseren Vorstellungen von Gott und der Welt, denn die allein sind uns bekannt. 

Diese Unterscheidung - zwischen den Dingen selbst und dem, was wir uns darunter vorstellen - ist für die exakten Wissenschaften (in denen zum Beispiel der erwähnte Urknall vorkommt) ohne Belang: Sofern und solange sie diese ihre Vorstellung mit ihren andern Vorstellungen (immer wieder aufs Neue) in Einklang bringen kann, hat sie ihr Geschäft besorgt. 

Wieweit die Gesamtheit ihrer Vorstellungen mit der Gesamtheit der vorgefundenen - na, nennen wir's ruhig: Welt übereinstimmt, ist keine Frage des theoretischen Glaubens, sondern der pragmatischen, denkpraktischen Bewährung. Solange die neugewonnenen Vorstellungen sich ins vorhandene Gebäude (alias "Standardmodell") einfügen lassen, ohne dass dadurch immer neue unprüfbare Zusatzannahmen notwendig würden, tut es seine Dienste und darf weiterhin als "einstweilen endgültig" angenommen werden. Bis eines Tages ein Modell in Vorschlag gebracht wird, das alles Bekannte und vieles Neue einfacher darstellen kann. Auch an dieses muss dann niemand glauben, es wird reichen, wenn es sich denkpraktisch bewährt.

Mit der rationalen Philosophie ist es was Anderes. Die Prätention, die Vorstellungsgebäude der exakten Wissenschaften einem Wahrheitsurteil zu unterziehen, hat sie mit Kants kritischer Wendung abgelegt. Für die realen Wissenschaften ist sie eine kritische Instanz, die lediglich, aber immerhin über die immanente Konsistenz der theoretischen Modelle mitzureden hat, und nicht über ihre metaphysische Endgültigkeit. 

Doch auch gegenüber den Sinnsuchern und Sinnerfindern ist sie kritische Instanz. Sie ist nicht Fleisch von ihrem Fleisch, sie reden nicht von Gleich zu Gleich; "auf Augenhöhe", wie der Flachmann sagt. Ihnen allen sagt sie, ohne Ausnahme: Tut nicht so, als hättet ihr für eure Sinnbehauptungen belastbare Gründe. Ihr habt Motive, und die hat jeder. Dass eure Motive besser sind als die der andern, muss sich zeigen. Wenn ihr sie stattdessen unter vorgeschütz- ten Gründen versteckt, von denen man nichts wissen und die man nur glauben kann, werden sie es nötig haben. Wir jedenfalls können vor euch nur warnen.


*

Ich bin Atheist von Hause aus und in einer sprichwörtlich gottlosen Stadt großgeworden, ich habe keine Rechnungen zu begleichen, ich bin kein Antiklerikaler, und als studiertem Historiker ist mir die Bedeutung des Christentums für Entstehung und Gegenwart des Abendlands ganz und gar bewusst. Ich bin auch der Meinung, dass die Kirchen den Platz, den sie in unserer Kultur einnehmen, gefälligst auszufüllen haben.

Ganz entschieden bin ich aber auch der Meinung, dass der am besten dafür geeignete Ort die Kirchen sind. Wenn ihnen die inzwischen zu leer sind, müssen sie sich was einfallen lassen, um sie wieder zu füllen (und das wird ihnen, da war ich mit Benedikt einer Meinung, nicht gelingen, wenn sie Hinz und Kunz nach dem Munde reden). Was ich dagegen überhaupt nicht dulden mag, ist die ersatzweise Verpfaffung des öffentlichen Lebens in Deutschland, an der wohlbemerkt die Lutherischen viel kräftiger drehen als die Ultramontanen. 

Lassen wir die Kirche im Dorf und die Pfaffen in ihren Kirchen. 



Sonntag, 9. August 2015

Querdenken.



Querdenken ist keine Tugend. Am besten denkt man doch immer noch geradeaus, solange es geht, dann kann man auch stets überblicken, woher man kommt; denn wie sollte man sonst wissen, wo man ist?

Manchmal gerät man in ein Gestrüpp, da muss man wohl auch mal um die Ecke denken. Doch wenn der Knoten zu dicht wird, braucht man ein Alexanderschwert.

Dann gehts weiter gradaus.

30. 8. 14